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Full text of "Handbuch der griechischen laut- und formenlehre : eine einfuhrung in das sprachwissenschaftliche studium des griechischen"

w. 



This book belongs to 
THE CAMPBELL COLLECTION 

purchased with the aid of 
The MacDonald-Stewart Foundation 

and 
The Canada Council 



X 



:^*^. 







./ 

CAMPBELL 
COLLECTION 






INDOGERMANISCHE 
BIBLIOTHEK 

HERAUSGEGEBEN VON 
H. HIRT UND W. STREITBERG 

ERSTE ABTEILUNG 

SAMMLUNG INDOGERMANISCHER 
LEHR- UND HANDBÜCHER 



I. REIHE GRAMMATIKEN 
ZWEITER BAND 

HANDBUCH DER GRIECHISCHEN 
LAUT- UND FORMENLEHRE 

VON 

HERMAN HIRT 
ZWEITE AUFLAGE 



K38e> 



HEIDELBERG 1912 
CARL WINTER'S UNIVERSITÄTSBUCHHANDLUNG 



HANDBUCH 



DER 



GRIECHISCHEN LAUT- UND 
FORMENLEHRE 



EINE EINFÜHRUNG IN DAS 

SPRACHWISSENSCHAFTLICHE STUDIUM 

DES GRIECHISCHEN 

VON 

DR- HERMAN HIRT 

PROFESSOR DER INDOGERMANISCHEN SPRACHWISSENSCHAFT 
AN DER UNIVERSITÄT LEIPZIG 

ZWEITE UMGEARBEITETE AUFLAGE 




HEIDELBERG 1912 
CARL WINTER'S UNIVERSITÄTSBUCHHANDLUNG 

Verlags -Nr. 768. 




Alle Rechte, besonders das Recht der Übersetzung in fremde Spruchen, 

werden vorbehalten. 



Ernst Windisch 



Zugeeignet. 



Digitized by the Internet Archive 

in 2011 with funding from 

University of Toronto 



http://www.arcliive.org/details/handbuchdergriecOOhirt 



VII 



Vorwort zur zweiten Auflage. 

In dieser neuen Auflage habe ich die Anordnung 
und Einteihmg der ersten Auflage beibehalten und selbst 
die Paragraphen nicht geändert. Da mir aber ein wesent- 
lich größerer Raum zur Verfügung stand, so ist der Inhalt 
fast um die Hälfte gewachsen. Mein Streben war von 
Anfang an, den klassischen Philologen zum Verständnis 
der indogermanischen Sprachwissenschaft und zum Ver- 
ständnis der Entwicklung des Griechischen zu führen. Ich 
hoffe, daß sich mein Buch in dieser Hinsicht noch brauch- 
barer erweisen wird als in der ersten Auflage. Von über- 
all her ertönen die Stimmen, die darauf hinweisen, daß 
sich die klassischen Philologen mit den Ergebnissen der 
vergleichenden Sprachwissenschaft bekannt machen müssen, 
um von hier aus den grammatischen Unterricht anregen- 
der zu gestalten. Es ist ein Vorurteil, daß sich die Sprach- 
wissenschaft nicht für die Schüler eigne. So gut sie mit 
den Gesetzen der germanischen Lautverschiebung bekannt 
gemacht werden, so gut kann das mit den wichtigsten Tat- 
sachen der griechischen Lautentwicklung geschehen. Vor. 
aussetzung ist freilich, daß der Lehrer mit der Auffassung 
der modernen Sprachwissenschaft vertraut ist. Gerade 
das Griechische eignet sich wegen seiner langen geschicht- 
lichen Entwicklung aasgezeichnet zu sprachwissenschaft- 
licher Betrachtung. 

Ich habe bei der neuen Auflage noch einen andern 
Zweck im Auge gehabt. Da die Universität jetzt von 



VIII Vorwort zur zweiten Auflage, 

vielen besucht wird, die kein Griechisch k(Jnnen, so muß 
sie den Unterricht des Griechischen auf ihren Lehrplan 
setzen. Und bei diesem Unterricht habe ich wenigstens 
mit der sprachvergleichenden Methode die besten Er- 
fahrungen gemacht. Es kommt m. E. nicht darauf an, 
daß der Lernende in kurzer Zeit ein Buch Xenophon und 
ein Buch Homer herunterstümpert, S(^ndern es kommt 
darauf an, dem Hörer die Gesetze der griechischen Sprach - 
bildung vorzuführen und ilmen so das unentbehrliche 
Hilfsmittel für das Verständnis des Lateinischen und 
Germanischen zu geben. Ich habe daher mein Handbuch 
jetzt so eingerichtet, daß es auch für den Anfänger brauch- 
bar ist. Ich halle die Bedeutungen der griechischen 
Wörter hinzugefügt und mich bemüht, auch die nackten 
Tatsachen der Sprache zum Wort kommen zu lassen. 
Dementsprechend sind die syntaktischen Bemerkungen, 
die sich schon in der ersten Auflage fanden, vermehrt 
worden, ohne daß sie freilich Anspruch darauf machen, 
eine vollständige Syntax zugeben. Daß die Stammbildungs- 
lehre ausgiebig l)erücksichtigt ist, liegt in der Natur der 
Sache. 

Das Neue in der ersten Auflage dieses Handbuches 
lag darin, daß ich die in meinem Al)laut gewonnenen 
Ergebnisse zugrunde gelegt hatte. Damals waren ja 
meine Ansichten noch nicht ganz durchgedrungen, und 
es hat daher ein Beurteiler die Heranziehung getadelt. 
Heute haben sich meine Ansichten, woran ich nie ge- 
zweifelt habe, im wesentlichen durchgesetzt, und ich 
brauche sie daher nicht mehr zu verteidigen. Der ganze 
Btiu der griechischen Sprache ist so von den Ablauts- 
erscheinung«'n durchsetzt, (lal.^ man nur von dem richtigen 
Verständnis des Ablauts zum richtigen Verständnis des 
Griechischen kommen kann. 

Die indogermanische Bibliothek, die vor 10 Jahren 



Vorwort zur zut^itün Aufhij^e. IX 

mit S(>nun(M"s und iiicincin llaiullmch crölYiu't wurde, IhI 
seitdem tüchtig <j!;ew{iclisen. Wenn auch noch nicht allcH 
erscliiencMi ist, was in Aussicht genommen, ho ist sie 
doch nicht, wie manches andere Unternehmen, in den 
ersten Anfängen stecken gebhehcn. Ihr weiterer Ausbau 
wird Streitberg und mir stets am Herzen Hegen. 

Leipzig-Gohlis, im März 1912. 

H. Hirt. 



X* 



Seite 



Inhalt. 



Eiuleitnn^. 

Erstes Kapitel. Allgemeines mit Literaturangaben (§ 1 — 12) 1 
Zweites Kapitel. Die indogermanischen Sprachen (§13 — 23) 13 
Drittes Kapitel. Verwandtschaftsverliältnisse, Urheimat der 

idg. Sprachen. Kultur der Indogermanen. Stellung des 

Griechischen (§ 24-82) 20 

Viertes Kapitel. Griechenlands Urbevölkerung und die 

Nachbarn der Griechen (§ 33 — 41) 27 

Fünftes Kapitel. Die innere Gliederung und Geschichte des 

Griechischen (§ 42—61) 33 

I. Lact- und Akzcntlehre. 

Sechstes Kapitel. Sprachphysiologische Vorbemerkungen 

(§ 62—08) ' 57 

Siebentes Kapitel. Sprachpsvchologische Vorbemerkungen 

(§ 69—75) ' 67 

Achtes Kapitel. Schrift und Ausei)rache des Griechischen 

(§ 76—86) 76 

A. Die Schrift (§76,77). B. Die Aussprache 
(§ 78 — 86). Literatur (i^ 78). Prinzip des Erasmus 
(§ 79). Erschließung der Aussprache (§ 80). L Die 
Vokale und Diphthonge (§ 81). IL Die Konsonanten 
(§ 82). Falsche Schreibung (§ 83). IIL Der griech. 
Akzent (§ 84—86). 

A. Vokalismus. 

Neuntes Kapitel. Das idg. Vokalsystem und sein Ablaut 

(§87— U4j .....' 95 

Allgemeine.s (§ 87. 88). L Die Voll stufen- 
vokale (§ 89). A. Die Kürzen (§ 90—92). W. Die 
Langen (§93—95). C. Die Kurzdiphthonge (§96—101). 
D. Die I^angdiphthonge >§ 102). IL Die Schwund- 
elufenvokale (§ 103—114). TIT. Das Verhältnis 



Inhalt. XI 

Seite 
(lor icl<;. \'(>kal(^ zueinander. Ablaut fij 115). 
Schleichers Ahiautsyeteni (§ 11(5. 117). De SauHHure 
(§ 118). Der quantitative Ablaut (§ 119—140). 
I. Ablaut der einfachen Lunten (§ 121), der T^ang- 
diphthonge (i? 122-124). II. Ablaut der Kürzen 
(§ 125—127). A. Die Schwundstufe (§ 125). B. Die 
Keduktionsstufe ^§ 126). C. Die Verteilung von 
Schwund- und Keduktionsstufe (§ 127). III. Der Ab- 
laut der zweisilbigen Basen (§128—134). A. Der Ab- 
laut der schweren Basen (§129 — 131). B. Der Ablaut 
der leichten Basen (§ 182—134). IV. Die Dehnetufe. 
a) Dehnung durch Silbenverlust (§ 135. 136), b) Deh- 
nung durch Kontraktion (§137), c) Rhythmische und 
Auslautsdehnung (§ 138). V. Enklise' (§ 139 — 140). 
DieAbtönung (§141 — 143). Sonstige Veränderungen 
des Vokalismus im Idg. (§ 144). 

Zehntes Kapitel. Der griech. Ablaut (§ 145. 146) 140 

Elftes Kapitel. Spontane Veränderungen der Vokale im 

Griechischen, bes. im Attischen (§ 147 — 163) 152 

A. Verkürzung langer Vokale vor Nas., Liq, oder 
j oder w-\- Konsonant (§148). B. Die einfachen Vokale 
(§149—156). C. Die urgriech. Diphthonge (§157—162). 
D. Die primären und sekundären Langdiphthonge 
(§ 163). 

Zwölftes Kapitel. Kombinatorischer Wandel der Vokale 
(§ 164-192) 163 

A.Assimilation von Vokalen, die sich nicht 
berühren (§ 164 — 171). B. Veränderungen der 
Vokale durch Nachbarlaute. I. Veränderungen 
durch benachbarte Konsonanten (§172 — 176). II. Ver- 
änderungen sich berührender Vokale (§ 176 — 192). 

A. Qualitative Veränderungen sich berührender Vokale 
ohne Veränderung der Silbenzahl (§ 177 — 183). 

B. Quantitative Veränderungen sich berührender 
Vokale (§ 184 — 186). C. Veränderungen sich be- 
rührender N'okale mit Veränderung der Silbenzahl, 
1. Kontraktion (§ 187 — 191). 2. Übergang von i, e, u 
-+- Vokal in diphthongische Verbindungen (§ 192). 

Dreizehntes Kapitel. Prothetische Vokale und Vokal- 
entfaltung (§ 193) 183 

Die griech. Vokale nach ihrer Herkunft (Übersicht 185 
§ 194). 



XII Inhalt. 



Seite 



B. Konsonantismus. 

Vierzehntes Kapitel. Der itlg. Konsonantismus (§195 — 201) 186 
I. l)as u\iz. KoriRonantensystem v§ 195). II. Idg. 
Veränderungen der Kon.sonanten (§196 — '201). A.As- 
similationen (§ 197). B. Wechsel von Konsonanten 
(§198). C.Schwund von Konsonanten (§199). D. Über- 
gangslaute (§ 200). E, Dissimilationen (?j 201). 

Fünfzehntes Kapitel. Die itlg. Konsonanten im Griechischen 

(§202—233) 194 

I. Tenues und Mediae (§202-210). II. Die Aspi- 
raten (§211 -216\ III. Die Labiovelare (§217—222). 

IV. Die Nasale und Liquida. A. Nasale (§ 223). 
B. Die Liquida (§ 224—227). V. Idg. s, z, w, j, ur- 
griec'h. h. A. Idg s und z (§ 228—230). B. Idg. to 
(§ 231 \ C. Idg. ; (§ 232). D. LTgriech. h (§ 233). 

Sechzehntes Kapitel. Hauchdissimilation und Verwandtes 
(§ 234. 235) 221 

Siebzehntes Kapitel. Konsonantenverbindungen und Ver- 
wandtes (§ 236— 24G) .' 224 

I. Die Verbindungen von ^, tc\ j mit Kon- 
sonanten. A. .s- in \'erbindung mit Sonorlauten 
(§ 286. 237). B. / in Verbindung mit Konsonanten 
(§ 238). C. j nach Konsonanten (§ 239—242). II. As- 
similationen (§ 243). III. Konsonantenverlust 
(§244). IV. Einschub von Konsonanten (§245). 

V. Verschiebung der Artikulationsart (§246). 

Achtzehntes Kapitel. Dissimilations- und Fernaesimilations- 

erscheinungen. Metathesis (§ 247. 248) 246 

A, Lautdissiniilation und -assimilation. Silbendissi- 
milation (§ 247). B. Metathesis (§ 248). Die griech. 
Konsonanten nach ihrer Herkunft (§249). 

Neunzehntes Kapitel. Auslaut und Sandhi (§250-258). . 251 
I. Idg. Sandhi ;§25r. II. Griech. Sandhi. A. Aus- 
lautserscheinungen (§252.253). B. Anlautserscheinungen 
(§ 254—258). 

C. Akzentlehre. 
Zwanzigstes Kapitel. Der idg. Akzent (§ 259— 262) .... 262 
L Der id«. Silbenakzent (§260). IL Der idg. Wort- 
akzent (§ 261). III. Der idg. Satzakzent (§ 262). 



Inhalt. XIII 

Seite 
Einundzwjuizi^'fltoH Knpitcl. Der ^'rioch. Ak/ent (8*^08—279) 267 

l.itonitur (§268). I, Dor ^aiech. yilheiiakzent (§ 204 
bis 26(5). II. Der f2:riech. Wortakzent (§ 267 273). 

A. Dio fjjrioch. Bi'toiuin«: gleich der idg. (Jj 208-270). 

B. Die griech. lietonnng ist verschoben (Jj 271— 273). 
III. Der griech. Satzakzent (§ 274 -279). Die einzelnen 
Wortarten im Satzakzent. 1. Das V^erbum (§ 275). 
2. Der Vokativ (§ 270). 3. Die KoiiipoHita (ij 277). 
4. Die PrilpoHitionen (§ 278). 5. Die Pronomina (§ 279). 



II. Formenlehre. 

Nomen und Pronomen. 

Zweimidzwanzigstes Kapitel. Vorbemerkungen zur Stamm- 
bildung (§ 280—289) 287 

A. Ähnlichkeit der nominalen und verbalen Stamm- 
bildung (§280). ß. Wurzeldeterminative (§ 281. 282). 
C. Die Suffixbildung (§283—289). 1. Entstehung der 
Suffixe aus Zusammensetzungen (§ 284). 2. Suffixe 
durch falsche Abstraktion entstanden (§ 285. 286). 
3. Suffixe aus Kasust'ormen entstanden (§ 287). Ab- 
stufung der Suffixe (§ 288. 289). 

Dreiundzwanzigstes Kapitel. Genus, Numerus, Kasus 

(§ 290—293) 299 

I. Die Genera (§ 290). II. Die Numeri (§ 291). 
IIL Das idg. Kasussystem (§ 292. 293). 

Vierundzwanzigstes Kapitel. Bedeutung und Gebrauch der 

Kasus (§ 294—304) 310 

I. Nominativ, Vokativ (§295). IL Akkusativ (§296). 

III. Der echte Genitiv (§297—299). A. Adnominaler 
Genitiv (§ 298). B. Der adverbale Genitiv (§ 299). 

IV. Der ablativipche Genitiv (§ 300). V. Der echte 
Dativ (§ 301). VI. Der lokativische Dativ (§ 302). 
Vir. Der instrumentale Dativ (§ 303). VIII. Die 
Bildungen mit -91, -qpiv (§ 304). 

Die griechische Deklination. 
Fünfundzwanzigstes Kapitel. Die ä-Deklination (§ 305 — 310) 331 
I. Die femininalen «-Stämme (§ 306). II. Die Ja- 
Stämme und Verwandtes (§ 307). m. Die maskulinen 
ä-Stämme (§308). IV. Akzent der «-Deklination (§309). 

V. Stammbildung der «-Stämme (§ 310). 



XIV Inhalt. 

Seite 
Sechsundzwanzigste.s Kapitel. Die o-Deklination (§311— 323) 345 
I. Maskulinum und Femininum (§311). II. Neutrum 
(§ 312). III. Kuntrahierte Stämme und attische De- 
klination (§ 313). IV. Betonuni: (§ 314). V. Stamm- 
bildung (§ 315—328). 

Siebenundzwanzi-rstes Kapitel. Die 3.Deklinati<m(§329 — 349) 366 
I. Die Flexion (§330-331). IL Stammbildung 
und Abstufung der konsonantischen Stämme 
(§332). A. Wurzelnomina (§333). B. Suffixe auf Ver- 
schlußlaute (§ 334). C. -^r-Stärame (§ 335). D. en- 
Stämme (§ 336. 337). E. Die neutralen -mf-n-Stiimme 
(§ 338). F. HeteroklitiHche r-«-Stiimme (§ 339). G. Die 
s-Stämme (§ 340). III. Stammbildung und Ab- 
stufung der vokalischen Stämme (§ 341 — 349). 

A. Die -»-Stämme (§ 342—344). B. Die -et- und oi- 
Stämme (§ 345). C. Die -n-Stämme (§ 346. 347). D. Die 
•eu- und -o?(-Stämme (§ 348. 349). 

Achtundzwanzigstes Ka]>itel. Adjektiva und Komparation 

(§350—357) 407 

1. Die Adjektivbildung (§ 350). II. Die Komparation 
(§351 — 357). A. Die primäre Komparation (§352.353). 

B. Die sekundäre Komparation (§354.355). C. Unregel- 
mäßige Komparation (§356). D. Komparation der Ad- 
verbia (§ 357), 

Neunundzwanzigstes Kapitel. Stamm bildung und Flexion 

der Pronomina (§358-368) 419 

I. Die Personalpronomina (§358 — 362), II. Die ge- 
schlechtigen Pronomina. 1. Der Demonstrativstamm 
ö, 1^, Tö (§ 363). 2. oOroq (§ 364). 3. Das Relativ- 
pronomen (§ 365). 4. Das Fragepronomen (§ 366). 
5, Die übrigen Pronomina (§ 367), 6. Reste alter Pro- 
nomina (§ 368). 

Dreißigstes Kapitel. Die Bildung der Zahlworte (§369-372) 438 
A. Kardinalia (§ 369. 370). B. Die Ordinalzahlen 
(§371). C. Sonstige Zahlworte (§372). 

Einunddreißigstes Kapitel. Die Bildung der Adverbia 

(§ 373-380^ 450 

I. Kasu.sformen als Adverbia (§373— 379). II. Bil- 
dung der Adverbia durch Suffixe (§ 380). 

Zweiunddreißigptes Kapitel. Die Komposition (§ 381—385) 456 
I. Verdunkelte Komposita (§ 382), II. Die Form 
der Komposita (§383 — 384). III. Die Bedeutung der 
Komposita (§ 385). 



Inhalt. XV 

Seite 
Verbum. 

Dreiunddroißi^'stoH Kapitel. Vorbenierkun^ren (§ 38G — 399) 468 
I. ])ie Numeri (4$ H87\ II. Die Ciencra Verbi (§38«. 
389). III. Aktionsarten und Tenii)ora. A. Die Aktione- 
arten (§ 390. 391). B. Terapuabildun«; und Zeitstufe 
(§ 392. 393). Das Au^'uient im Griech. (§ 394—397). 
IV. Die Modi (§ 398). V. Die Verbalnomina (§ 399). 

Vierunddreißigstes Kapitel. Die Personalendungen (§ 400 
bis 412) 483 

A. Die absoluten und die konjunkten Endun<:en 
imidcr. I. Aktiv (§401-403). II. Medium (§ 404-406). 
B. Die Personalendungen des Perfekts (§ 407). Die 
Entstehung der idg. Personalendungen (§408). C. Die 
Personalendungen im Griech. (§409 — 412). 

Fünfunddreißigstes Kapitel. Die Stammbildung des Ver- 
bums (§ 413—450) 505 

I.Vorbemerkungen (§413—416). A. Die leichten 
Basen (§ 414). B. Die zweisilbigen schweren Basen 
(§415.416). IL Der Aorist-Präsenstypus (§417 
bis 423). A. Die zweisilbigen schweren Basen (§418). 
Die exel-BsLsen (§419.420). C. Die zweisilbigen leichten 
Basen (§ 421. 422). D. Übersicht (§ 423). III. Die 
charakterisierten Präsentia (§424—450). A. Die 
Reduplikation. 1. Verbreitung und Form der Redu- 
plikation (§ 425). 2. Die reduplizierten Präsentien 
(§ 426). 3. Der reduplizierte Aorist (§ 427). 4. Ab- 
stufung und Flexion (§ 428). B. Die Nasalpräsentia 
(§429-435). 1. Die ^a^ä-Basen (§ 430). 2. Die ^.re?^ 
Basen (§431—432). 3. Die leichten Basen (§433.434). 
4. Die Aktionsart (§ 435). C. Die Präsenssuffixe -aKO-, 
-To-, -do- (§ 436—439). 1. Die Bildungen auf -oko- 
(§436.437). 2. Die Bildungen auf -to- (§438). 3. Die 
■ö-Bildungen (§ 439). D. Die ^-Präsentien und Ver- 
wandtes (§ 440 — 449). 1. J-Bildungen von konsonan- 
tischen Stämmen (§ 441). 2. J- Bildungen von voka- 
lischen Stämmen (§ 442 — 446). 3. Die ursprachlichen 
Verhältnisse und ihre Entwicklung (§447.448). Rück- 
bildungen (§ 449). E. Die sogenannten Kausativa 
(§450). 

Sechsunddreißigstes Kapitel. Die Aoriste (§451—458) . . 547 
I. Der Wurzelaorist (§ 452). 11. Der s-Aorist 
(§ 453—457). A. Die Flexion (§ 454). B. Betonung 
und Stammabstufang (§455.456). C.Verbreitung des 



XVI Inhalt. 

Seite 
s-Aoristes (§ 457). III. Der Passivaorist auf -vji und 
-önv (§ 458). 

Siebenunddreißigstes Kapitel. Das Futurum (§ 459 — 461) . 559 

Achtunddreißi<:stes Ka{>itel. Das Perfektum und Plusquam- 
perfektum ,§ 462—474) 565 

I. Das Perfektum (§462—473). A. Die Bedeutung 
(§ 463). B. Betonung und Reduplikation (§ 464—466). 
C. Abstufung und fc>tammbildung (§467 — 470). D. Neu- 
bildungen des Griech. und anderes. 1. Das A--Per- 
fektuni (§ 471). 2. Das a8i)irierte Perfekt ^§ 472). 
'S. .Sonstige Eigentümlichkeiten des Perfekts (§ 473). 
II. Das Plusquamperfektum (§ 474). 

Neunundzwanzigstes Kapitel. Die Modi (§ 475 — 485) . . . 581 
I. Der Optativ (§ 475 — 478). II. Injunktiv 
und Konjunktiv. A. Der Injunktiv (§479). B. Der 
Konjunktiv (§480 — 482). 1. Die Bedeutung des 
Konjunktiv« (§ 481). 2. Der Konjunktiv im Griech. 
(§ 482). III. Der Imperativ ,§ 483—485). 

Vierzigstes Kapitel. Die Verbalnomina (§ 486—491) . . . 599 
I. Die Infinitivbildung (§486). II. Die Par- 
tizipien. A. Partizipien des Aorietpräsensstaramee 
(§ 487). B. Das Partizipium des Mediums (§ 488). 
C. Das Partizipium des Perfekts (§ 489). D. Die Ab- 
stufung des Partizipium Perfekt! (§ 490). III. Die 
Verbaladjektiva ,§491). 

Autorenverzeichnis 608 

Sachenverzeichnis 610 

AVörtorverzeichnis 618 

Orthographische Erläuterungen 650 

Verzeichnis der wichtigeren Abkürzungen 651 

Berichtigungen 652 



Einleitung. 

Erstes Kapitel. 
Allgemeines mit Literaturangaben. 

1. Die Aufgabe der wissenschaftlichen Grammatik 
zerfällt in zwei Teile, in die Feststellung des Gesprochenen 
und in die Erklärung des Festgestellten. An beiden Auf- 
gaben haben für das Griechische schon die alten Gram- 
matiker gearbeitet. Wenn auch ihre Leistungen in keiner 
Weise an die der Inder heranreichen, so ist die Summe 
ihrer Arbeit doch sehr bedeutend. Soweit es sich um 
die statistisch-deskriptive Seite handelt, müssen wir 
ihre Tätigkeit mit großem Danke hinnehmen. 

Anm. 1. Die wichtigsten Forscher aus dem Altertum sind: 
Dionysios Thrax, schrieb die Tdxvr] YpamnaTiKri (2. — 1. Jahrb. 
V. Chr.), hrsg. von G. Uhlig, 1883', — Apollonios Dyskolos 
(2. Jahrb. n. Chr.), hrsg. von R. Schneider und G. Uhlig (Gram. 
Graectl.,1878) ; vor allem aber Ailios Herodianos (2. — 3. Jahrb. 
n. Chr.), schrieb die KadoXiKri irpoOLubia, eine Akzentlehre in 21 
Büchern, hrsg. von Lentz als H. technici reliquiae, 2 Bde., 1867 — 70. 

Anm. 2. Wir sind in manchen Punkten unsrer allgemeinen 
Auffassung noch heute in hohem Maße von den Griechen ab- 
hängig, so in der Lehre von den Redeteilen, vgl. Delbrück Ein- 
leitung in d. Stud. d. idg. Sprachen^ 1 ff. 

2, Die entwicklungsgeschichtliche er- 
klärende Seite der Grammatik hat im Altertum, ab- 
gesehen von einigen Punkten, nur zu mangelhaften Er- 
gebnissen führen können, weil den Alten nicht nur die 
richtigen Vorstellungen über das Leben und die Eut- 

Hirt Griech. Laut- u. Foritfenlehre. 2. Aufl. 1 



2 Kinleitunp. [§2.3. 

wicklun^^ dir Sprache überhaupt fehlten, sondern weil sie 
auch die Verwandtschaft des Griechischen mit andern 
Sprachen nicht erkannten. Im Banne der antiken Wissen- 
schaft hat die Grammatik der Neuzeit lange Zeit gestan- 
den; erst als die Verwandtschaft der indogermanischen 
Spraclien entdeckt wurde, war ein andrer Weg und eine 
in allen wesentlichen Punkten neue Methode der Sprach- 
betrachtung eröffnet. An und für sich kann man jede, 
also auch die griechische Sprache, ohne vergleichende 
Grammatik entwicklungsgeschichtlicli behandeln, jeder Ab- 
schnitt ist beachtenswert und anziehend, aV)er dies ist 
freilich erst möglich von dem Beginne unsrer i'i)er- 
lieferung an. Da ist indessen die griechische Sprache 
schon fertig, und die Literatur gelangt bald auf ihren 
Höhepunkt, es ist also gerade der Stand der Dinge ein- 
getreten, der uns von jeder Seite aus anzieht. Wer 
sich für diese Zeit nicht auf den rein beschreibenden 
Standpunkt beschränken will, der muß die vergleichende 
Sprachwissenschaft heranziehen. Sie allein ermöglicht, 
wenigstens einen Teil der griechischen Sprache zu ver- 
stehen, d. h. als historisch geworden zu begreifen. 
Auch wer die spätere Entwicklung des Griechischen be- 
handeln will, muß mit den Prinzipien der Sprachent- 
wicklung bekannt sein, wozu weder die Kenntnis des In- 
dischen noch einer andern entlegenen idg. Sprache gehört. 
Die Aufgabe, die Entwicklung der griechischen Sprache 
von der klassischen Zeit bis in die spätere P"})ochen dar- 
zustellen, ist bis heute noch nicht gelöst, wenngleich in 
der neuern Zeit ein reges lieben auf diesem Gebiete 
herrscht und V)edeutende Fortschritte erzielt sind. 

A. Indogermanische Sprachwissenschaft. 
I. Grammatische Gesamtdarstellungen. 

Ci. Die N'ervvandtscliaft der indoixermaniHchen Sprachen 
Nviirde durch Fnniz Hopp (1791 — 1807) im Jahre 1816 wissen- 
schaftlich begründet. Eine erste zii.samnienfaösende Diireteilung 
der neuen Krgehni8Ke pab er in seiner <i.Vvr(il eichenden Gram- 



J$ 3.] All;j:euieineH n)it Litrrutnnin^'aben 'i 

matik (lc!< Sanskrit, Zetul, Armcnisrhen, Griechischen, Lateinischen^ 
Jjitauisrhen, Altslavischen, (iotischen und Deutschen-», .7 Bde., H. Austj. 
ISiiS — JS71. Sie ist jetzt vollstilndi^' überholt. — (ileichzeitiv? 
mit Bopp wirkte A. V. l'ott (18Ü'J — 1887), der in Heinen «^h'tt/mo- 
loffischen Forsch iin(;en* (1S33—30, J. Aufl., (! Bde., 1859— 7(JJ die 
Gnindlauron der l'M ymolojrie und daiint der Lautlelire Hchuf, 
Auch dieses Work ist heute nur nocli für den Forscher brauchbar. 

In einer zweiten Epoche wurde das damalige Wissen zu- 
8amnien<i:efaßt von Aug. Schleicher (1821 — GH) in seinem 
^Conipcndiuni der vergleichenden Grammatik der idg. Sjtrachen*. 
4. Aufl., 1S76, einem seinerzeit vortreülichen Werk, das heute aber 
nur noch historisches Interesse beansprucht. — Als Zeit<;enoese 
Schleichers wirkte Georg Curfius, der mehr vielleicht noch 
durch seine akademische Tätigkeit als durch seine Schriften 
außerordentlich viel dazu beigetragen hat, die Brücke zwischen 
den getrennten Gebieten der idg. Sprachwissenschaft und der 
griech. Grammatik zu schlagen. 

Die Mitte der siebziger Jahre brachte eine Reihe fruchtbarer 
Entdeckungen, die namentlich die Lehre vom Vokalisraus und 
Ablaut wesentlich umgestalteten. Zugleich wandte man den Fragen 
der Sprachentwicklung an und für sich und der Sprachpsychologie 
besondere Aufmerksamkeit zu. Seitdem leben wir in einer Zeit 
stetiger Arbeit, die das Bild der idg. Ursprache noch in jedem 
Jahre etwas umgestaltet, anderseits aber auch trotz verschiedener 
Anschauungen in Einzelheiten eine hinreichend sichre Grund- 
lage für die Erkenntnis der Einzelsprachen gelegt hat. Ver- 
schiedenheiten in der Grundauffassuug sind heute kaum noch 
vorhanden, die idg. Sprachwissenschaft ist eine festgefügte Wiesen- 
schaft mit einer Reihe ganz sichrer Ergebnisse. 

K, B rüg mann hat es in der dritten Epoche der sprach- 
wissenschaftlichen Entwicklung versucht, ein Gesamtbild unsres 
Wissens zu geben in seinem Grundriß der vergleichenden Gram- 
matik der idg. Sprachen. Erste Auflage 1886 ff . in 2 Bänden. Drei 
andere Bände gehen die idg. Syntax, bearbeitet von B. Delbrück, 
1893—1900. Von der zweiten Bearbeitung, die, soweit vorhanden, 
allein zu benutzen ist, sind bisher erschienen : 1. Bd. Einleitung 
und Lautlehre, 1897. 2. Bd. Lehre von den Wortformen und ihrem 
Gebrauch. Erster Teil: Allgemeines. Zusammensetzung. Nominal- 
stumme. 1906. Zweiter Teil. Erste Lieferung: Zahlwörter. Die drei 
Xominalgenera. Kasus- und Numerusbildung der yomina. Pro- 
nomincdstämme und Kasus- und Numerusbildung der Pronomina. 
1909. Zweite Lieferung : Bedeutung der Nwneri beim Nomen und 
Pronomen. Bedeutung der Kasus. Das Adjektivum. Die Adverbia 
nach Form und Gebrauch. Die Präpositionen nach Form und Ge- 
brauch. 1911. Dieses Werk ist das unentbehrliche Rüstzeug für 

1* 



4 Kinleitung. [§ •^- 4. 

jeden, der sich eindrehender mit der idp. SprMcInviesenschaft be- 
Hchiiftipt. Der ül^er das urnprünglicli beabsichtigte Maß gewach- 
sene Umfang dieses (Irundrisses mußte das Verlangen nacli einer 
kurzen Darstellung wachrufen, die BriKjmann selbst in seiner 
Kurzen reri/lcicJirndcn Grammatik der itufo(/erm. Sjirachen lUO'J bis 
1904 gegeben liat. So sehr mau die Kunst bewundern muß, mit 
der Brutjmann den reichen Stoff gemeistert hat, so ist doch 
auch dieses Buch kein Werk für Anfänger, das diesen zur Ein- 
führung dienen ktinnte. 

Eine ganz kurze Darstellung der idg. Grammatik bietet: 
li.Merinyer Indoyermani.^rlic Sprachwissenschaft, Sammlung Gö- 
schen, Leipzig 1^97. :i. Au/L lUüo. 

Umfangreicher, aber durc haus klar und brauchbar ist das 
Werk des franzcisischen Gelehrten A. Meillet Indrodurtion <) /V- 
tnde comparatife des langues indo-enropecnnes. 2. Aufl. Paris 19US. 
deutsch von W. Printz: Einführung in die vergleichende Gram- 
matik dei' indogenn. Sprachen. Leipzig J909. 

Wer in der Geschichte der Probleme der neuern Sprach- 
forschung weiter eindringen will, dem sei empfolden : Bechtel 
Die Haiiptj)?'oljleme der indogerm. Lautlehre seit Schleicher, 1892. 

Der Wortschatz der indogerm. S}>rachen ist etymologisch 
bearbeitet worden von A. F ick Vgl. Wörterbuch der idg. Spra- 
chen, 4. Aufl. bearbeitet von A. Bezzenberger, A. Fick und Wh. 
Stokes. Erster Teil: Wortschatz der Grundsprache, der arischen 
und Westeuropa iscJien Spraclieinheit von A. Fick 1S90. Zweiter leil: 
Wortschatz der keltischen Spracheinheit von WJi. Stokes und 
A. Bezzenherg er , 1894. Dritter Teil: WortsrJnitz der gernui- 
7iische)i Spracheinheit unter Mitwirkumj von IL F((lk gänzlich um- 
gearbeitet von A. Tor]) 1909. Wegen zahlreicher Versehen ist der 
1. Rand nur mit N'or^icht zu benutzen. Vgl. Bartholomae, Zschr. 
d. deutsch, mcjrgenländ. Geöells(,'haft Pxl. 48. .s. r)04 11'. 

II. Zeitschriften. 

4. Der indogerm. Sprachwissenschaft dienen eine Reihe 
V(»n Zeitschriften, <lie aber auch sehr viel Arbeiten üljer Pro- 
bleme der Kinzelsprachen enthalten. 

Internationale Zeitschrift für allgemeine Sprachwissenschaff, 
hrsg. von F. Techfner, Bd. 1 — 5, nebst Suj>j)lement, 1SS4 — .'^0, ver- 
tritt mehr die allgemeine Sprachwissenschaft. 

Zeitschrift für vergleichende S]>rachforscht(ng auf dem Gebiet 
der idg. Sprachen, 18^.')2 begründet von A d a l h, >• t Kuhn. Zitiert 
als Kuhns Zeitschrift, abgektirzt KZ. 

Als Kn^'ilnzung zu tlcr ursprünglich nur auf Deutsch, (irie- 
chisch und Latein beschrilnkten Zeitschrift siml bestimmt gewesen: 

Beitrüge zur vgl. SprachforscJiuni/ auf dem Gebiete der arischen, 



Jj 4. 5.1 AllptMiKMnoM mit LitcnitiiranKabfn. 5 

kclfisilu'u Htul s/<iriscJu'ti Sprciclicn, hrsij. von A. Kuhn nnd A. 
Schlt'icJn-r, 7>V. /— 8, 1858—76. 

Ih'itrihje zur Kunde der idij. Sprachen, hef/ründet ron Ädal- 
hert Bez zenberger , hrsg. ron A. lie zze nberger und IV. Prell- 
witz, Jid. 1—30, 1877— moo. Zitiert als Bczzenhergers Beiträge, 
abjj;ekürzt BB.; n\e enthalten besonders zalilreiche Arbeiten über 
die j^riechisolien Dialekte. Jetzt verbunden mit KZ. 

IndogernKniisrhe Forschungen, Zeitschrift für idg. Hprach- 
und Alfertnnisk-unde, hrsg. ron Karl Brugmann und Wilh. 
Streitberg, 1892 ff'. Titelabkür/.unj,': IF. Als Beiblatt hierzu 
ersi'heint: Anzeiger für idg. Sprach- und Altertumskunde. Beiblatt 
zu den Indogermanischen Forschungen, hrsg. von Streitberg. 
1892 ff. Titehibkürzunjj:: TF. Anz. Inhalt: Kritische Referate, 
Biblioi^raphie mit auefährlichen Inlialteangaben^ Rezensionenver- 
zeichnisse. 

Glotta. Zeitschrift für griechische und lateinische Sprache, 
hrsg. ron P. Kretschmer und F. Skutsch, Bd. Iff., 1909 ff . Diese 
Zeitschrift strebt dem Ziele zu, das zu erreichen, was in der 
Philoloj^ie andrer Sprachen selbstverständlich ist, die Verbindung 
der Philologie und der Sprachwissenschaft. Sie sucht einen Aus- 
gleich philologischer und linguistischer Methode, sowie einen 
Austausch der beiderseitigen Ergebnisse herbeizuführen. 

Von außerdeutschen Zeitschriften sind zu nennen: 

Memoires de la societe de linguistiquc de Paris. Paris 1868 ff., 
abgekürzt MSL. 

The American Journal of Philology, ed. by Basil L. Gilder s- 
leeve. Bd. Iff. Baltimore 1880 ff. 

IIL Einzeluntersuchungen. 

5. An wichtigen Einzeluntersuchungen, die meist auch 
das Griechiseiie ausgiebig heranziehen, sind anzuführen: 
A. Tokalismus, Ablaut, Lautlehre. 

J. Schmidt Zur Geschichte des idg. Vol'alismus. 2 Bde., 1871 
bis 1875, steht noch auf dem altern Standpunkt und ist daher 
nur für den Forscher von Wert. — F. de Saussure Memoire sur 
le Systeme primitif des royelles dans les langues indoeurop>ee)ines, 
1879, Reproduktion Paris 1887. Bahnbrechendes Werk, noch heute 
von größter Bedeutung. — H. Hüb seh mann Das idg. Vokal- 
system, 1885, modifiziert einen wesentlichen Punkt in de Saussures 
Werk. — J. Schmidt Kritik der Sonantentheorie, 1895. Ein an- 
regendes Werk. — G. Mahlow Die langen Vokale ä, e, ö in den 
europäischen Sprachen, 1879. Neudruck 1888. Abgesehen von ver- 
alteten Einzelheiten noch heute wertvoll. — H. Hirt Der idg. 
Ablaut, '»vornehmlich in seinem Verhältnis zur Betonung, 1900, sucht 
auf der Grundlage von de Saussure und Hübschmann sowie der 



6 Einleitung. [§5.6. 

Honstigen Forschungen neue Ergebnisse zu gewinnen. Für diepe 
Grammatik dnrcinveg zugrunde gelegt. — M. von Blatikenstein 
Untersuchungen zu <1cn laufen Vokalen in der v-Ucihc. Ein Bei/ rar/ 
zur LeJirc des i(l(f. Ahlautes. Göttint/en 1011. — J'Jhrlirh Zur indo- 
(jermani sehen Sprachffeschichte. Programm des Altstädtischen Gym- 
nasiums. Kötiigshcrg i. I'r. 11)10. 

B. Akzent. 

IL Hirt Der idg. Akzent, ISO.'}, suchte durch eine Ciesamt- 
darstellung des idg. Akzentes die Grundlage für die Erkenntnis 
des Ablauts zu schauen. 

C. Morpliologie. 

/'. I'ersson Studien zur Lehre von der Wurzel ertreitening 
und M'urzelrariation, Ujisala ISOl, behandelt ein wichtiges Pro- 
blem mit reichem >hiterial, nach meiner Ansicht in unrichtiger 
Weise. — //. (f st hoff und K. B rüg mann Morphologische Unter' 
suchiingen auf dem Gehiete der idg. Spr((cJien. Bd. 1 — 6*, 1S7H bis 
1910. Vieles darin ist naturgemäß überholt, der 4. Bd. aber ganz 
unbrauchbar. — J. Schmidt Die Pluralbildungen der idg. Neutra, 
18HÜ. Außerordentlich reichhaltiges und anregendes Werk. — 
LJ. Audou in De iu dcclinaison dans les langues indo-europeennes 
et ])articulii:rement en Sanskrit, Grec, Latin et Vieiix Slare^ Paris 
1898, Klincksieck. — //. Ost ho ff Zur Geschichte des Perfekts im 
Idg. mit besonderer ItücksicJit auf GriechiscJi und I^ateinisch, 1889. 
Für den Anfänger ungenießbar. — Chr. Ba rtholomae Studien 
zur idg. Sprachgeschichte. I. Idg. ss, 1890, II. Idg. sk und skh, 
ai. rt.<?i<J, lat. eräs, 1891. Namentlich der letzte Aufsatz ist sehr 
wichtig. — D anielsson Grannnatiska anmärk)iingur. I. Om de 
indoeuropeiska femininstammarne pd -i (Upsala nniversitets ärsskrift 
lS8l), II. Om de grekiska suhstanfirerna med )iominatlrändelscn 
-ÜJ (IHHH). 

Außerdem seien hier noch eine Anzahl von Sammelschriften 
genannt, die öfter anzuführen sind. 

Tipuc, Abhandlungen zur Indogerm. Sprachgeschichte, A. Fick 
zum siebenzigsten Geburtstag. GiUtingen 1903. 

M Hanges de Linguist ique offerts a M. F. de Saussure. Paris 190S. 

B. Die griechische Grammatik. 

Eh ist unmöglich, nn dieser Stelle die ganze reichlialtige 
Litt'ralur überirriechisrheCirammatik anzuführt n. Wir beschränken 
Ulis auf die IIauj)twerke, während die Einzelarbciten, soweit sie 
noch heule von Wert sind, gehörigen Orts angeführt werden sollen. 

I. Grammatische Gesamtdarstellungen. 

ii, Unit mann Ausführl. griech. Sprachlehre, Bd. 1, 1819, 
2. Au(l. IsliO, Bd. 'J, 182.'}— 27, 2. Aufl. ron Lobeck 1839. 



§6.] AII;j:eMHMne8 mit Litor;iturai);^sihcn. 7 

//. h ii h II (• r AHsfiUirlicIn' (i ntiiiiudlih (Irr f/rircJi. Sprnrhe, 
'J Hill'., ls:i}—:i'>^ 'J. Ak/I. ixtUf — 70. l'UcDicutur- um/ Fornicnlehre 
in lu'ucr Bcurhvitunt), hcsort/t von F. Bl(( /.i, 2 JUlc, lS!J()—!f:j^ zitiert 
iils K iihner-Blnß. Die ^!p^ach\viH9enH(;^laftli(•hen Heinerkiinjjen 
in <li»^sem Werk Rind duiThiina unzureichond, vf/L linifimann 
IF. Anz. /, l'> II'., (>, -'>(f II- — Satzlehre in neuer Jiearheitnnf/, besovfil 
von B. Gerth, 1. Bd. lS!f8, 2. Bd. 1905. 

G. Meyer Griechische Grammatik (ohne Akzentlehre und 
Syntax), .">. Auß. 1S!W, zielit das insrhriftliclie Material auRgiebij; 
heran, steht aber in ßj)rach\viysensc'hai'tliclier Beziehung nicht 
mehr i:anz auf der Höhe. 

Fezzi La lingna greca aniica, hrevc trattazione comparativa 
c storica. Torino 188S. 

K. Br}(gmann Griechische Grammatik. Lautlehre, Stamm- 
hil<li(fi(/s- und Fle.rionslehre und Si/ntax. 3. Aufl. 1890, aus J. Müllers 
Handbuch der klassischen Altertumstrissenschaft. Rein vergleichende 
Grammatik mit Berücksichtigung der Dialekte. 

A. Gercke Abriß der griech. I^aiUlehre. Berlin 1902. Trotz 
mancher Versehen für den Anfänger brauchbar. — 0. Hoffmann 
Griechische Grammatik bei W. Kroll Die Alte)-tiimswissenschaft im 
letzten Vierteljahrhiindert (1875—1900). Leipzig 1905, S. 50—83. 
Darstellung der Hauptarbeiten auf dem Gebiete der griech. Gram- 
matik. — J. Wacke rnagel Die griechisclie Sprache \n Kultur der 
Gegenwart, hrsg. von P. Hinneberg. i'-. 1907. — A. Gercke und 
Ed. Nord en Einleitung in die Altertumsivissenschaft. 1. Bd. Darin 
P. Kr et Schmer Sprache. Leipzig 1910. — 0. Ho ffm ann Geschichte 
der griechischen Sprache. I. Bis zum Ausgange der klassischen 
Zeit. 1911. Samndung Göschen. Durchaus empfehlenswert. — 
J. M. Stahl Kritisch-historische Sgntax des griech. Verbums der 
klassischen Zeit. 1907. Idg. Bibliothek, 1. Reihe, 4. Bd. Vortreff- 
liche Materialsammlung. — E. Mayser Grammatik der griechischen 
Papyri ans der Holemäerzeit. Laut- und Wortlehre. Leipzig 1906. 
Sehr -wichtig und gut. — A. Thumb Die griechische Sprache im Zeit- 
alter des Hellenismus Beiträge zur Geschichte und Beurteilung der 
Koivr). Straßburg 1911. Sehr anregend. — Fr. Blaß Grammatik des 
neutestamentlichen Griechisch. 2. Aufl. Göttingen 1902. — J. H. 
Moulton Einleitung in die Sprache des Neuen Testaments. Auf 
Grund der vom Verfasser neid)earbeiteten 3. englischen Auflage über- 
setzte deutsche Ausgabe. Idg. Bibliothek, 1. Reihe, 9. Bd. 1911. — 
L. Radermacher Neutestamentliche Grammatik. Das Griechisch 
des Neuen Testaments im Zusammenhang mit der Volkssprache. 
Tübingen 1911. — P. Helbling Septuaginta-Grammatik. Laut- und 
Wot'tlehre. Karlsruhe 1907. — R. Meister (Wien) Proleg omena 
zu einer Grammatik der LXX. Wiener Sfud. 29, 228 ff. 

In Verbindung mit dem Lateinischen ist das Griechische 



8 Kinleitiin;:. [§ C. 7. 

dargestellt in folo:enden "Werken: Leo Meyer Vergleichende Gram- 
matik der griechischen und lateinischen Sprache. 1. Bd. 1S61, 'J. Anfl. 
18h4, 2. Bd. ISO'). Das Werk ist zwar in der ppraehlichen Auf- 
fassung zum größten Teil veraltet, aber als Stotfsaaitnlung noch 
immer wertvoll. Der zweite Band enthält eine Sammhinir <ler 
staminbildenden Suflixe, in der das homerische Material nahezu 
vollständig angeführt ist. — 1". Henry IWcis de grammaire 
compan'e du qrec et du latin, Paris IHSS. U. Aufl., lUOH, wenig ver- 
änderter Abdruck der 5. Aufl. von 1894. — G iles- Hertel Ver- 
gleichende Grammatik der klassischen Sprachen, ein kurzes Iland- 
hicli für Studierende der klassiscJien PJiilologie^ 1X96. YAn ge- 
schickter englischer Extrakt aus deutscher Wissenschaft, aus dem 
EngÜHchon ins Deutsche übersetzt, aber nicht mehr auf der Höhe. 
— l>. liiemnnn et H. Goelzer Grammaire compar^e du Grec et 
du Jjdtin. I. Fhonätique et ^tude des formes. Paris, Colin, 1901. 
II. Synta.re. Paris 1897. — G. N. Hatzi dakis "AKabiiiieiKä dva- 
Yviuauaxa ei(; T)]v 'E\\r|viKr|v, AaTiviKqv Kai uiKpöv (.ic; tt'iv 'lv^lK^"•lv 
•fpauuQTiKriv. Athen 19(ii. 

II. Wörterbücher. 

y. Eine allgemeine Übersicht bietet L. Cohn Griechische 
Lexikographie, Anhang zu Brugmanns Grammatik. 1900. 

Das Altertum hat sich vielfach mit lexikalischen Arbeiten 
beschäftigt, von denen leider wenig erhalten ist. Für uns ist am 
wichtigsten das sogenannte Lexikon des Hesych: Hesychii Ale- 
.randrini lexicon, edif. minorem cur. M. Schmidt, cd. alt. indice glos- 
saruni cthnicarum aucta, 1867. — Vgl. noch Reitzenstein Geschichte 
der gricch. KtymoUxjika, 1^97. 

Die Grundlage für die griechische T>pxikographie bildet: 

Hcn ricus Stephanus Thesaurus Graccae linguae. Paris 
l')7'i in '> Foliohänden. — Einen Auszug daraus veranstaltete: 
Joannes Scapula Lexikon, Basel 1579, bis in das l'J. Jahrh. 
hinein wieder herausgegeben. 

Stephanus' Thesaurus wurde in England neu bearbeitet: 

Oriaaupö^ Tf|<; ^WiiviKvit; YXiJuöarn;. Thesaurus gruecae linguae 
ah H Stephano constructus. Kd. nova anctior et emendatior. 9 Bde. 
London 1S16 — 2S. — Viel besser als diese englische ist die franzö- 
sische Neubearbeitung: Ör\aavp6<; xfjc; ^WiiviKfn; -f^ibaoric;. lliesaunat 
usu\ Post editionem Anqlicam novis additamentis auctum ordine 
alphabetico digcstum ediderunt Ca rolus B enedictus Hase, G. R. 
Lud. de Sinner et Theohaldns Fix. Paris ls:il — 65. 

Neuere Werke sind: 

Franz Passe w Handwörterbuch der griechischen Sprache, 
i. Aufl. IH'.iL umgearbeitet von Dr. Val. Chr. Fr. Rost, des ur- 
sprünglichen Werkes ö. Aufl. 1. Randes 1. Abt. 1841, 2. Abt. 1S47. 



^7.8.] Alli^omoirms niil LitonitnrnnKJibcu. 9 

•^, litl. 1. Abt. lsr,'J, -J. Aht. IH')?. — l\\ l'apt' Ihmthrörtn-hurh der 
//riffhischi'n S/)r<irhi', LStJ — /.'>. .7. Au/I. Itiuirh. n/n M. Sem/chusrh 
ISSO. — Dazu kommt: Papc Wörfcrhiich der f/ricchisrlirn Küjen- 
namen, 1SI:J. .>, ÄiifL neu bearbeitet von (i. h\ Bensei e r, iHd'.i — 70. 

Vau. neues wertvolles Werk ist Li de II (tnd Scott A (Jree/i- 
Kiujlish Lexicon. Oxford VJOl. 

Kino Kru:;ln/.un^ zu den vorhiiiuloiien \Vr>rterljüehern, vor- 
nehmlich unter Heranziehung des inechriftl. Materials, liegt vor 
in 11 rrirerd e )i JA'xieon si(pj)Ietor/i(i)i et di((leeticH))t. J. Aufl. I'JIO. 

Solange der neue Thesaurus linguae Graecae noch in un- 
absehbarer Ferne liegt, muß man für jedes Mittel, das bis jetzt 
Geleistete leicht zugänglich zu machen, dankbar sein. Es sei 
daher verwiesen auf Hermann Schöne Jiepertoriuin r/rierhi.^cher 
Wörterverzeichnisse und Speziallexika. Leipzig 1907, in dem alle 
Speziallexika und Wörterverzeichnisse angeführt sind. 

An größern Spezial Wörterbüchern sind hier noch zu nennen: 

H. Ebeling Lexicon Llomericum, 2 Bde., 1880 — 87. — A. Geh- 
ring Index Homer iciis, 1891. — J. Rumpel Lexicon Pindaricum, 
1883.— W.Dindorf Lexicon Aeschgleum., 1873. 1876. — F.Ellendt 
I^exicon Sophocleum, 2. Ausg. 1872. — A. Matthiac Lexicon Euri- 
pidenm, /, 1841 (nur A — D. — J. Schiceighaenser Lexicon Hero- 
doteum, 1S24. — Fr. Ast I^exicon Piatonicam. 3 Bde., 1835 — 38. 
Anastatisclier Neudruck. Berlin 1909. — Betaut Lexicon Thucy- 
dideum, 1843. — Sturz Lexicon Xenophonteum, 1801 — 1804. — 
E. Prcuschen Vollständig gr. -deutsches Handwörterbuch zu den 
Schriften des Neuen Testaments und der übrigen urchristlichen Lite- 
ratur. Gießen 1910. 

III. Etymologische Wörterbücher. 

8. The od. Benfeg Gi'iechisches Wurzellexicon, 2 Bde., 
1839 — 42. Veraltet. — G. Curtins Gi-undzilge der griech. Ety- 
mologie, 5. Aufl. 1879. Zwar zum Teil veraltet, aber wegen der 
Literaturangaben unentbehrlich. — TF. Prellivitz Etymologisches 
Wörterbuch der griech. Sprache, 2. Auflage 1905. — Wllh. Pape 
Etymologisches Wörterbuch der griech. Sprache zur Übersicht der 
Wortbildung nach den Endsilben geordnet. Berlin 1836. Wegen 
der Stoffsammlung wertvoll. — A. Vanicek Griechisch-latei- 
nisches etymologisches Wörterbuch, 2 Bde. 1877. Veraltet. — 
L. Meyer Handbuch der griechischen Etymologie, 4 Bde. 1901 — 1902. 
Dies W^erk war leider schon bei seinem Erscheinen veraltet, in- 
dem es den Stand der Wissenschaft vor etwa 30 Jahren darstellt. 
Immerhin enthält es doch manches Wertvolle. — Boisacq Diction- 
naire etymologique de la langue grecque. Heidelberg 1907. Im 
Erscheinen. Ein auf der Höhe stehendes Werk mit Literatur- 
angaben. 



10 i:inleitiin<^. r^ 9. 

IV. Grammatik der Dialekte und der Koine. 

O. nie eiiizolnen «iriechisclH'n Dirtlekte, deren Erkenntnis 
«liirch die inschriftliclien Fnnde stetig erweitert wird, sind in 
zahlreichen Mono^rraphion luhnndolt worden. Docli fehlte bisher 
eine knappe zusammenfassende Übersicht. Wir haben fast zu 
gleicher Zeit zwei Werke erhalten: A. TJinnih Handbuch der 
griechischen JJitihkte. llcidcJheni 1009. Uhj. llihlinthek. 1. lieihi. 
8. Bd. Neben sehr reichlichen Literaturangaben und einführenden 
Erörterungen allgemeiner Art giht Thumb die Eigentümlich- 
keiten jedes Pialektes an. — Ch. J). Bnck Inlroduction to the 
studi/ of the Greek dialects. Grronniar selected inscriptions Glossari/, 
Boston, Xew Yorl-, Chicaf/o, London lUlO, bietet eine kürzere Dar- 
stellung, in der die einzelnon Laute zugrunde gelegt werden, nach 
Art von Brugmanns Grundriß. Beides sind vortreflMiche Werke. 
Immerhin sind .'^ie nur kürzere Darstellungen, un«i man muß 
die altern Werke noch immer zu Kate ziehen. 

Das grundlegende Werk v(»n Jj. Ahrens De Graecae Jinyuae 
dialectis, Bd. 1, lS3i), Bd. 2, 1S43 iet von B. Meister teilweise 
neu l)earbeitet worden. Leider sind von ihm nur 2 Hiln<le er- 
schienen. 1. Bd. Asiat isch-üolischj Böotisch, Thessalisch, 1882; 2. Bd. 
Eleisch, Arkadi.<c]i. Ki/prisch, 1889. 

Für das Dorische sind wir angewit^sen auf Kmil e Boisacq 
Les dialectes Doriens, Plioneficpie et Morphologie. Paris. E. Thorin, 
1891. 

p]ine neue Gesamtdarstellung hat G. Hoflniann unter- 
nommen: O. Jloff/na n n Die f/rieciiiselien Dialekte in ihrem histo- 
rischen Zusamnwnhatipe mit den wichtigsten ihrer (Quellen. 1. Bd. 
Der si'(d-a< hol sehe Dialekt, 1891 (Kiipriseh und Arkadiseh); 2. Bd. 
Der nordachäische Dialekt (d. i. AsiattseJi-äoIisch und Thessaliseh) 
1893 \ 3. Bd.y 1. Der ionische Dialekt, Quellest und Lautlehre, 1898. 

Den ionischen Dialekt behandelt außerdem: Herbert U', 
Smi/fh The Sounds and infiections of the Greek dialects. Jonic. 
Oxford, Clarendon Press, 1S94. 

Für das Attische ist grundlegend : Meisterhans Gram- 
matik der attischen Inschriften. 3. Aufl., besorgt von Ed. Schwyzer, 
1900. 

Kür »lie spätere Koine wichtig: Ed. Schweizer Grammatik 
der Ptrgamenischen Inschriften. Beiträge zur Laut- und Elcrions- 
lehre der gemeingriechischen Sprache, 1898. — E. yachmannson 
Lauf- und Formenlehre der magnetischen Inschriften. Upsala 1903. 

Die griechischen Vasen i n Schriften , die uns ein Bild der 
Volkssprache geben, behandelt /'. Kretschmer Die griechischen 
Vasen in.schriften ihrer Sprache nach untersucht, 1H94. — Ebenso 
wichtig sind die Fluchtafeln. Vgl. E. Schwyzer DieVulgär- 
.<<prache der attischen Eluchtafeln, Neue Jahrb. f. klass. Phil. 5, 241 /f. 



§10.] Allf^cuieineH mit l-il«'r:iliii:ingabün. 11 

V. Grammatische Einzclarbeiten. 
I4K A. Vorinisclitcs. liUulh'lirc. 

./, H. TJi. liii n )i (( i'k Studien mif drin ('chirfc des Griechischen 
und (/er (trisriien Spr<tehen, lid. 1, ISSÜ. — M'. Schulze Qitaesfiones 
Epicae, ISU'J, ab«j;ekürzt Schuhe Qh\ — Duniclsxon (Jrannnafisehe 
und cti/molof/ische Studien /, Upmla 1SH7. — Ders. Ztir metr. Deh- 
nung im äfferen (jrieehisclten Kpos, l'/>sa/a JH97 (Skrifter utyifna 
af K. lIu))Htnisfi.^k(i Vedenskitpssamfundet i Upsala). .').Bd., Ar. 16. 

— Solmsen Untersuchungen zur griechischen Laut- und Verslehre, 
1901. — Johansson Beiträge zur griechischen Sprachkunde (Upsala 
unirersitets arsskrift lHi)S). — J. Wack ernag el Vermischte Bei- 
träge zur griechischen Sprachkunde, Basel 1H97. — Ders. Das 
Dehnungsgesetz der griechischen Composita, Basel 1899. — 0. Lager- 
crantz Zur griechischen Lautgeschichte (Upsala universitets arsskrift 
1898). — Mansion Les gutturales grecques. Gand, Paris 1909. 

— F. Sommer Griechische Lautstudien. 1905. — K. Dieterich 
Untersuchwngen zur Geschichte d. griech. Sprache von der helle- 
nistischen Zeit bis zum 10. Jh. n. Chr. Leipz. 1898. S.-A. aus 
Byzant. Archiv. — F. Solmsen Beiträge zur griech. Wortforschung, 
Erster Teil. Straühurg 1909. 

B. Nomen. 

A. Tor 2) Den graeske nominalflexion. Kristiania 1890. — 
Danielsson Grammatiska anmärkniyigar. IL Oni de grekiska 
Substantiv er na med noniinatirändelsen -ÜJ (Upsala universitets 
arsskrift 1883). — Dryroff Geschichte des Pronomen refiexivum, 
1. Von Homer bis zur att. Prosa, 2. Die att. Prosa und Schluß- 
et'gebnis:^e. 1892(93. (A. u. d. T.: Schanz Beitr. zur hist. Si/ntax, 
Heft 9 u. 10). — E. Fraenkel Geschichte der griech. Notnina 
agentis auf -Tr\p, -Tiup^ -t^<^. I- Straßburg 1910. 

C. Verbnm. 

G. Curtius Das Verbum der griechischen Sprache seinem 
Baue nach dargestellt, 2. Aufl., 2 Bde. 1877, 1880. Zitiert als 
Curtius Verb^. — Ä'. Johansson De derivatis verbis contractis 
linguae Graecae qiiaestiones (Upsala unive7'sitets arsskrift 1886). — 
von der Pfordten Zur Geschichte der griechischen Denominafiva, 
1886. — Sütf erlin Zur Geschichte der Verba denominativa im Alt- 
griechischen. L Die Verba auf -duu, -euu, -öuu. Straßb. 1891. — 
N. Flensburg Zur Stammabstufung der mit Xasalsuffix gebildeten 
Präsentia im Arischen und Griechischen. Lund 1894. — Mekler 
Beiträge zur Bildung des griechischen Verbums. Dorpat 1887. — 
A. Debrunner Zu den kons. {o-Präsentien im Griech. IE. 21, 13 ff., 
201 ff . — E. Fraenkel Griechische Denominativa in ihrer ge- 



12 Kinleitunj:. [§10.11. 

Schicht! ichi'H Entwichlung. 190G. — Johanna Rirhter Ursprung 
und andloglschc Ansbrcifung der Verla auf -dluü. Leipzig lUO'.i. — 
O. Laufensach Die Aoriste hei den attischen Tragikern und Ko- 
mikern. Güttingen liHl. 

D. Syntax. 

Beiträge zur Historischen Syntax der griech. Sptrache, hrsg. 
von ^L r. Scha)iz. — Mut zhauer Die Grundlagen der griechischen 
Tentpush'hre iind der homerische Tentpusgehnnich. Straüburg 1S9H. 
19()'.K — Ders. Die Grundbedeutung des Konjunktiv und Optativ 
utid iJire J'Jntu'icL-lung im Griechischen. Leipzig lUOH. 

VI. Zeitschriften. 

11. nie meisten Arbeiten über griechische Grammatik 
finden sich in den oben angefülirten sprachwissenschaftlichen 
Zeitschriften. Die philologiscb.en Zeitschriften zerfallen in die 
eigentlichen philologischen, die wenig Grammatisches bieten, die 
archäologischen, in denen meistens die neuen epigraphischen 
Funde veröffentlicht werden, und die kritischen Blätter. 

A. Philologische Zeitschriften: 

Rheinisches Museum für Hiilologie, Bd. 1 ff., 1S42 ff. Ab- 
gekürzt: lihM. — Hermes. Zeitschr. für klassische Philologie, 
Bd.lfJ. Abgekürzt: Herrn. — Philologus. Zeitschrift für das klas- 
sische Altertum, Bd. 1 ff., 1S40 ff. Abgekürzt: Phil. — Wicjier 
Studien. Zeitschrift für klassische Philologie, ]Vien, Bd. 1 ff., 1879 ff. 

— Eranos. Acta 2^hilologica suecana, Upsala, Bd. 1 ff., 1906 ff. 

1{. Epigrapliische Zeitsclirifton: 

Athenische Miffeilnngen, Mitteilungen des kaiscrlicit deutschen 
archäologischen hisfituts, Atlicnische Abteilung, Athen, Bd. 1 ff. 
1876 ff. Abgekürzt: Athen. Mitt. — Bulletin de correspondance hel- 
Ifhiique, Athen, Paris, Bd. Iff, 1S77 ff. Abgekürzt: BCH. — ^E(pr\- 
)Li€pi<; dpxaioXoYiKi'i. ^Kbiboii^vr) Otto Tf|q ^v 'Aörivaic; dpxaio\oYiKfi(; 
^Taipiaq, Athen is.jj ff. Abgekürzt: "Eq). äpx- — Jahreshefte des 
österreichiscJien archäologischen histituts in Wien, Bd. 1 ff., Ix9'<ff. 

— Annual of the Brit. Sciiool of Athens. — American Journal of 
Archaeology. 

C. Kritische «lütter: 
lierliner jiJiilologische iVochenschrift, hrsg. von Chr. Beiger 
und (>. Seijffert. — Philologischer Anzeiger, hrsg. als Ergänzung des 
Philologus von E. von Deutsch, Bd. 1 ff., ISCUff. — Wochenschrift 
für klassische Pliilologie, hrsg. von G. Andresen, Hans Draheim utul 
Erz. Härder, Bd. 1 ff., 18S1 ff. — Zeitschrift für die österreichischen 
Ggmntisien, Bd. Iff., iS'tOff. 



Jj \'2. in.| T)i<' iiido^criiuiniHclicii SpiaclK'n. 13 

VII. Bibliographie. 

\/d, Ihtrs/ttn ./(ihrrshrr/rlit iihir dit' Fortschritte' <h'r hl aa- 
6^ischen Altert mtistritiscnsrha ff, seit Js7:>. 

I nd 0(/t' rni. F orsclut hih'H , Anzeiger, seit JS90. 
BibliotJieca philofo(/ie(( elassira. Bit. 1 ff., lf^74ff. 
aiofta (8. o. S. b)'seif VJOJ. 



Zweites Kapitel. 
Die indogermanischen Sprachen. 

13. Das Griechische ist ein Glied der großen 
indogermanischen Sprachfamilie, die aus folgenden noch 
lebenden Sprachen besteht: 

1. Indisch und Iranisch, auch im engern Sinne Arisch 
genannt, 2. Baltisch-Slawisch, 3. Armenisch, 4. Albane- 
sisch, 5. Griechisch, 6. Italisch, 7. Keltisch, 8. Germanisch. 

Zahlreiche andere idg. Sprachen sind mit Hinter- 
lassung geringer Spuren ausgestorben, darunter das alte 
Thrakische, mit dem das Phrygische nahe verwandt war, 
das Makedonische und das Illyrische, zu dem ^vahrscheinlich 
die Sprache der Veneter und Messapier in Italien gehörte, 
und die Sprachen Kleinasiens, soweit sie indogermanisch 
waren. Auch Ligurisch, Etruskisch, Lykisch, Hethitisch 
rechnen einige Forscher zu unserm Sprachstamm. Doch 
ist in einigen Fällen das Gegenteil sicher, in allen andern 
äußerst zweifelhaft. Vgl. über diese Sprachen und die 
Fragen, die sich daran knüpfen: P. Kretschmer Ein- 
leitung in die Geschichte der griechischen Sprache. Göt- 
tingen 1896, und H. Hirt Die Indogermanen passim. 

Alle diese Sprachen haben sich aus der idg. Ur- 
sprache entwickelt, ähnlich wie die romanischen Sprachen 
aus dem Latein geflossen sind oder wde die germanischen 
Dialekte dem Urgermanischen entstammen. Die Aufgabe 
der Sprachwissenschaft ist es u. a., diese Ursprache durch 
Vergleichung zu erschließen und daraus die Geschichte 
der Einzelsprache abzuleiten. Die Rekonstruktion der 



14 Einleitung. [§13.14. 

indogermanischen Ursprache ist wissenschaftlich von der- 
selben Bedeutung und ebenso notwendig wie die Fest- 
stellung des Archetypus verschiedener Handschril'ten- 
klassen. Da aber dieser unser Archetypus vermutlicli 
nie gefunden werden wird, so bleibt seine Erscliließung 
eine Hypothese, aber eine absolut notwendige Hypothese, 
ohne die es keine wissenschaftliche Erklärung gibt. Die 
indogerm. Grundsprache war eine Sprache, der das alte 
Griechisch jedenfalls viel näher stand als etwa das heutige 
Englisch dem Urgermanischen. Man hat sich darunt(^r gar 
niclits Absonderliclies vorzustellen. Sie war vollkommen 
ausgebildet, flektierend, und hatte bereits eine unerkenn- 
bar lange Entwicklung lünter eich. Den Urzeiten der 
Sprachentwicklung sind wir mit der idg. Ursprache nur 
um ein Geringes näher gerückt. Doch deuten gewisse 
Spuren an, daß die Flexion vor nicht gar zu ferner Zeit 
aus Agglutination entstanden ist. Vgl. Hirt IF. 17, 36 ff. 
Irgendein andrer dem Idg. verwandter S})rachstamm ist 
bis jetzt noch nicht nachgewiesen worden. Von den vielen 
Versuchen, die immer wieder, und zwar meist von ganz 
dilettantischer Seite auftauchen, das Indogermanische mit 
einer andern Sprache als zusammenhängend zu erweisen, 
sind nur die, die es mit dem Finnischen oder Semitischen 
verknüpfen, ernsthaft zu nelnuen. l'ber die Verwandt- 
schaft mit jenem vgl. Hirt Die Indogermanen 1, 83; 2, 577. 
In neuerer Zeit hat ein so ernster Forscher wie H. Möller 
den Nachweis engrer Zugehörigkeit des Semitischen zu 
unserm Si)rachkreis zu führen versucht, vgl. H. Möller 
Semitisch und Indogermanisch. Erster Teil. Konsonanten. 
Ko])pnhagen H)07. leb kann darüber nicht urteilen. 
Jedenfalls sind die Ergel)nisse bis jetzt nichts weniger als 
anerkannt. Dazu nocli H. Möller KZ. 42, 174 ff., H. Pe- 
dersen IF. 22, 341. 

Das Indisch-Iranische oder Arische. 
14. l)as Indisch-Iranische zerlallt in Indisch und 
Iranisch. 



J} 14.] Dio indojrtu'iMjuiisclu'n S|)ra('h(Mi. 15 

i\) Das Iiulische. Vuii den einzelnen id^. Sprachen 
hat von jelier (his IiKÜHche am meisten interessiert. 
Erst nachdem diese Sprache bekannt geworden war, ent- 
stand dio idg. Sprachwissenschaft, und ihr altertümlicher 
grammatischer Bau, ihr reiches Kasus- und Flexionssystem 
hat stets das l^^ntziicken der Forsclier erregt. Doch hat 
mau das Indische in seiner Altertümliclikeit weit über- 
schätzt und oft genug das, was im Indischen vorliegt, für 
Idg. gehalten, während heute feststeht, daß das Indische 
eine große Anzahl Neuerungen eingeführt hat. 

Das altertümlichste Denkmal des Indischen sind die 
wedischen Schriften, die an Alter Homer übertreffen, und 
jedenfalls das älteste Sprachdenkmal der idg. Sprach- 
familie sind. Die Sprache dieser Schriften, das wedische 
Indisch (abgekürzt wed.), ist sehr altertümlich. 

Ein späterer Dialekt ist das klassische Sanskrit, 
die grammatisch genau fixierte Literatursprache der Inder. 

Ferner sind Präkrit und Päli, als selbständige 
Entwicklungen neben dem Sanskrit wichtig. Heute zer- 
fällt das Indische in viele Dialekte und wird von mehrern 
hundert Millionen Menschen gesprochen. 

Anm. Die beste besohreibende Grammatik ist die von W. D. 
Whitneij. Aus dem Englischen ähei'setzt von H. Zimmer, 1879. 
Von dem Original werk: A Sanskrit Grammar, including both the 
classical langiiage and the older dialects of Veda and Brahmana, 
ist 1896 die 8. Auü. erschienen. Sehr wichtig ist der Anhang 2. 
Whitney Die Wurzeln, Verbalformen und primären Stämme der 
Sa nshrit - Spra che, 1885. 

Eine umfängliche, aberunvollendete vergleichende Grammatik 
bietet: J. Wackernagel Altindische Grammatik, I. Lautlehre 
1896. II, 1. Einleitung zur Wortlehre. Nominalkomposition 1905. — 
Die erste vollständige und durchaus brauchbare vergleichende 
Grammatik liegt vor in A. Thumb Handbuch des Sanskrit mit 
Texten und Glossar. Eme Einführung in das sprachwissenschaftliche 
Studium des Altindischen. Idg. Bibliothek 1, 1. Heidelberg 1905. 
Hier findet man auch die weitere Literatur. 

Der Wortschatz des Aind. ist gesammelt von Böhtlingk 
und RothindQin Sanskritwörterbuch, St. Petersburg, 7 Bde., 1855 — 75, 
und von Böhtlingk Sanskritwörterbuch, St. Petersburg 1879—89. 

Unentbehrlich sind ferner: H. Grafsmann Wörterbuch zum 
Big -Veda, 1873, mit fast vollständigen Belegen. — Whitney 



16 Einleitunjj. [§ 14— IG. 

Index Verhorntn to tJic rublisJied Text of tJie Atharva- Veda, Journal 
<>f the American Oriental Society, Bd. 12, 1881. 

Auch nach andern Seiten der statistischen Grammatik ist 
das Indisclie vortreillich hearbeitet. Der Grundriü der indo- 
arischen Philologie utid Altertumskunde, begründet von G. Bühler, 
furtf/t'sftzt ron F. K i elliorn und Jjüdcrs, wird, wenn vollendet, 
ein Bild der gesamten indischen Thilologie geben. 
Ein brauchbares etymolop:ische8 Hilfsmittel ist 
C. C. Uhl enheck Kurzgefaßtes Etymologisches Wötierbuch 
der altindischen Sprache. Amsterdam 1898199. 

15. b) Das Iranische ist mit dem Indischen 
aufs nächste verwandt. Die beiden Sprachen sind nicht 
selbständige GHeder des Idg., sondern bilden eine en«; 
zusammengehörende Gruppe für sich wie Lateinisch und 
Umbrisch-Oskisch. 

Das Iranische zerfällt in 

a) Alt})ersisch, die Sprache der Keilinschriften der 
persischen Achämeniden, und 

])) A westisch (Zend, Altiraniseh), die Sprache der 
Denkmäler der Religion Zarathustras. 

Dazu kommen die modernen Dialekte. 

A n m. r)er (inindriß der iranischen FJiilologie ron Willi. 
Geiger und Ernst Kuh n, I89.')ff., bietet eine zusammenfassende 
Darstellung des bisher Erkannten. 

JI. Reichelt Airestischcs Eh nientarhurh. }{eidelberg 1909. 
Idg. BibliotJii'k 1, ,'> bietet eine spraclivergleichende Einführung 
in das A westische. 

rnentbehrlich bei Benutzung den Altiranischen ist fortan: 
Chr. Ji(( rt hol omae Altiranisches Wörterbuch. Straßburg 1904. 

Außerdem: P. Hörn Grundriß der neupersischen Etymologie. 
1893. — H. Hübschma nn Persische Studien. I. Beiträge zu Uorns 
Grundriß der neujjersischen Etymologie. II. Neupersische Laut- 
lehre. Wichtig für die persischen Namen bei griechischen und 
römischen Autoren. 

2. Das Baltisch-Slawische. 

tu. Das Baltisch-Slawische zerfällt in Baltisch und 
Slawisch, a) Das Baltische teilt man wieder in: 

1. Altpreußisch, die ausgestorbene Sj)rache der 
alten Preuf.M'n im deutschen Ordenslande. 

Anm. Hilfsmittel: E.Bern eher Die preußische Sprache, 



§ 16. 17.] Die imlüK«riMiini8cljcn Sprachen, 17 

'I'i'.rtt', (i nnniiuilih-, cfi/nio/of/tsrlK's Wörtcrhurh. Stni l^hnrff IH'JG. — 
1\. 'I'rd ut iini n n Die (tlfpren/Jischcn Ssprachdenknuili-r. Kinleihing, 
'iextf, (intnintdtik, ]]'örffi-hi(<h. (iötti)u/en JOlO. 

2. Litauisch, das noch in Ostpreußen und den russ. 
Gouvernements Ko\vno und Suwalki von ca. 2 Millionen 
Menschen gesprochen wird. P]s ist die altertümlichste der 
heutigen idg. Sprachen und wegen J>cwahrung von alten 
Akzentqualitäten, die dem griech. Akut und Zirkumflex 
entsprechen, auch für das Verständnis des Griech. wichtig. 

Anm. Grammatiken: Schleiche r Ha ndhiich der h'tftui.sclien 
SpracJie. Frag 165G. — Kiirschat Grammatik der litauischen 
Sprache, 1876. — Wie de mann Handbuch der litauischen Sprache. 
Grammatik, Texte, Wörterbuch, 1896. 

Wörterbücher: Nessel mann Wörterbuch der litauischen 
Sprache, 1851. — Kurschat Wörterbuch der litauische)! Sprache, 
2 Teile, 1870 — 83. "Wichtig wej*en der Akzentbezeichnung. 

17. b) Das Slawische, eine der mächtigsten 
idg. Sprachen, zerfällt in Slowenisch (in den Ostalpen), 
Serbo-Kroatisch (in Kroatien, Dalmatien, Bosnien, Monte- 
negro, Königreich Serbien, Südungarn), Bulgarisch, Russisch, 
Polnisch, Sorbisch (in der Lausitz) und Tschechisch. 

Die ältesten Denkmäler sind die altbulgarischen 
(altkirchenslawischen, altslowenischen) aus dem 9. Jahr- 
hundert. 

Anm. 1. HilfsmitteL- A. Leskien Handbuch der Alibul- 
garischen Sprache. Grammatik, Texte, Glossar. 5. Aufl. 1910. — 
Derselbe Grammatik der altbulgarischen Ccdtkirchenslavischen) 
Sprache. Heidelberg 1909. — Miklosich Vergleichende Grammatik 
der slarischen Sprachen, 4 Bde. r 1879, II 1875, HD 1876, IV 1874. 
— W. Vondrak Vergleichende slavische Grammatik. I. Lautlehre 
und StammbiUhing sichre. Göttingen 1906. IL Formenlehre und 
Syntax, ebd. 1908. — Miklosich Etymologisches Wörterbuch, 1886. 
Veraltet. — Es wird vollständig ersetzt durch das im Erscheinen 
begriffene Werk von E. Berneker Slawisches etymologisches Wörter- 
buch. Heidelberg 1908. Idg. Bibliothek 2, 2. — Miklosich Lexicon 
Palaeosloven ico - graeco - latinum, 1862. 

Anm. 2. Unter den modernen slawischen Dialekten ist be- 
sonders das Serbokroatische wichtig, weil es den alten idg. xA.kzent 
in seinen Qualitäten z. T. bewahrt hat. Man findet den serb. 
Akzent genau angegeben bei Vuk. Steph. Kar adschitsch 
Lexicon Serbico-Germanico- Latinum, 3. Ausg. Belgrad 1898. 
Hirt Griech. Laut- u. Formenlehre. 2. Aufl. 2" 



18 Einleitung. [§ 18—21. 

3. Das Armenische. 

18. Das Armenische lebt noch heute in Klein- 
asien; es ist uns seit dem 5. Jahrh. n. Chr. bekannt und 
von Hübschmann KZ. 23, 5 ff., 400 ff. als selbständiges 
Glied des Idg. erwiesen worden. Früher rechnete man es 
falschlich zum Iranischen, so aucli noch in Wissovas Realcn- 
zyklopiidie. Nach der Ansicht der Alten war es mit dem 
Phrygischen nahe verwandt, was nicht unwahrschein- 
lich ist. 

Anm. Hilfsmittel: Hühschmann Armenische Studien 1, 1883. 
H iibfich nia )ni Armenische Grammatik 1. 2. 189.'), 1897. 
A. Mein et Esquisse d'une grammaire comparec de V Arme- 
nien classique. Vienne 1903. 

4. Das Albanesische. 

19. Das Albanesische ist eine Mischsprache, deren 

Grundelement aber indogermanisch war. p]s ist, erst seit 

dem 18. Jahrh. bekannt, im wesentlichen durch G. Meyer 

untersucht worden. Mit dem Griechischen oder Italischen 

ist das Albanesische in keiner Weise näher verwandt. 

Anm. Hilfsmittel: G. Mei/ er Alhanesische Studien III. Laut- 
lehre der idg. Bestandteile des Albanesischen. SB. der ^^lener Akad. 
Bd. 12Ö. — G. Meyer Etymologisehes Wih'terhuch der alhanesischen 
Sprache, 1891. 

5. Das Griechische. 

20. Darüber s. u. 

6. Das Italische. 

21. Von den Sprachen Italiens bilden Umbriscb- 

Oskisch und Lateinisch eine besondere Gruppe, die wir 

italisch nennen. 

Anm. Hilfsmittel. (-Jrammatiken: Lindsa i/-XohJ IUe latei- 
nisehe Sprache. Ihre Laute, Stämme und Flexionen in sprachge- 
schichtlicher Darstellung, 1897. — Stolz und Schmalz Lateinische 
Grammatik. Laut- und FarmenleJirc. Syntax und Stilistik. 4. Aufl. 
1910. — Sommer Handbuch der lat. Laut- und Formenlehre, 1902. 
Idg. Hihi. 1, 3. — Historische (irammatik der lateinischen Sjirache. 
Bearbeitet von IL Blase, G. Landgraf, J. H. Schmalz, Fr. Stoh, 
Jos. Thüssing, C. Wagener u. A. Wcinhold. Erschienen sind: 1. Bd.. 



§ 21.22.1 Die indoj::erinuniMchün Sprachen. 19 

Kinlcitany, JAtutUlirc, SUtniiiihiUhinf/.siehrc. Leipzig iH'Ji ; H. Jkl. 
Syntax des einfachen Satzes. I. Heft: Einleitunyj Literatur, Tem- 
pora und Modi, Genera Verbi. 11)03. Siipi)lemont: Müller Syntax 
des Nominativs und Akicnsatics Im Lateinischen, hrsg. von F. Skutsch. 
1908. — M. N ied ermann llistorisclie Lautlehre des Lateinischen. 
2. Aufl. 1!)1L Idg. Bibl., Zweite Abt., 1. 

Das deskriptive Material findet man bei F. Neue Formen- 
lehre der lat. Sprache. S. Aufl., 1S94 ff. 

EtymoJ. Wörterbücher: A. Vaniöek Etymologisches Wörter- 
buch der lateinischen Spraclie. 2. Aufl., IHHl. V'ollständig ver- 
altet, aber wegen der Literaturangaben brauchbar. Es ist ersetzt 
durch A. Walde Lateinisches etymologisches Wörterbuch, 2. Aufl. 
Heidelberg 1910. Idg. Bibl. 2, 1. 

Das Ümbrisch-Oskische hat eine allen Anforderungen ent- 
sprechende Darteilung gefunden durch 

jB. V. Planta Grammatik der oskisch-umbrischen Dialekte. 
2 Bde. 1892, 1897. Lautlehre, Formenlehre, Syntax, Sammlung 
der Lischriften und Glossen, Anhang, Glossar. — B. S. Comoay 
The Italic dialects, 2 Bde., Cambridge 1897. — Kürzer, aber sehr 
brauchbar ist C. D. Bück A Grammar of Oscan und Umbrian. 
With a colleciion of inscriptions and a glossary. Boston 1904. — 
Eine verkürzte für den deutschen Studenten bestimmte Bear- 
beitung ist erschienen u. d. T. Elementarbuch der Oskisch-Um- 
brischen Dialekte. Heidelbo'g 1905. Idg. Bibl. i, 7. Es enthält 
ebenfalls die Texte. 

7. Das Keltische. 
22. Das Keltische, dieser mächtige Sprach- 
zweig des Altertums, hat durch Ausbreitung des Roma- 
nischen und Germanischen sehr an Raum verloren. Es 
zerfällt in Britannisch und Gälisch. Ersteres teilt sich 
in Kymrisch, Kornisch und Bretonisch, letzteres lebt 
heute fort im Irischen, Schottisch-Gälischen und dem 
Manx (auf der Insel Man). Das Altgallische ist uns nur 
durch Namen, Glossen und wenige Inschriften bekannt. 

Anm. Hilfsmittel: Zeuss Grammatica Celtica. 2. Aufl. von 
Ebel, 1871. — H. Pedersen Vergleichende Grammatik der keltischen 
Sprachen. I. Einleitung und Lautlehre. Göttingen 1909. II, 1 Be- 
deutungslehre (Wortlehre) 1911. 

Das Altirische behandelt R. Thurneysen Handbuch des 
Altirischen. Grammatik, Texte und Wöi-ferbuch. Heidelberg 1909. 
Idg. Bibl. 1, 4. — Rein deskriptiv ist J. Vendryes Grammaire 
du vieil-irlandais. Paris 1908. 

2* 



20 Einleitung. [§22-24. 

Den in Inschriften, Eigennamen usw. verstreuten Wortschatz 
des Altkeltischen findet man bei Holder Altcelt itscher Sprachschatz. 
1890 ff. 

8. Das Germanische. 

ÜJ3. Das Germanische zerfällt in das ausge- 

storljcne Ostgermanische (Gotische), das Nordgermanische 

(Skandinavische) und das Westgermanische (Hochdeutsch, 

Niederdeutsch, Friesisch, Englisch). 

Anm. Hilfsmittel: Fr. Klage Vorgeschichte der cdtgenua- 
nischen Dialekte in Pauls Grundrili der germanischen Philologie. 
2. Aufl. 1S9!K — ir. Streitberg Urgermanische Grammatik. Ein- 
führung in das rergh'irhende Studium der altgermanisclien Dialekte. 
1><U6. Vergrilfen. — F. Dieter Laut- und Formenlehre der alt- 
germanischen Dialekte. Leipzig 1900. — JV. W ilmanns Deutsche 
Grammatik. Gotisch, Alf-, Mittel- und Neuhochdeutsch. Bd. 1 u. 2. 
Lauf lehre und M'orfbildung, beide in zweiter Auflage 1897, 1899. 
Bd. .)' /// zwei Abteilungen, 1906, 1909 enthält die Flexionslehre. 
— Eine knappe, aber gute Darstellung des Urgermanischen bietet 
7^. Löwe Germanische Sjjrachuissenschaft. Leipzig, Samtnlinig 
Göschen, 2. Aufl. 1911. — (). Schade Altdeutsches Wörterbuch, 2 Bde. 
1S72 — s2. Im etymologischen Teil vielfach veraltet und daher 
mit Kritik zu benutzen, sonst aber ausgezeichnet und unent- 
behrlich. — C. C. Uhlenbeck Kurzgefaßtes et i/mologisches Wötier- 
Inich der gotischen Sprache. 2. Aufl., Amsterdam 1900. — N. Feist 
Etymologisches Wörterbuch der gotischen Sprache. Halle 190!f. — 
Fr. Kluge Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 
7. Aufl., 1910. — Weigand Deutsches Wörterbuch. 5. Aufl. Be- 
arbeitet von r. Bahder, Hirt und Kant. Gießen 1910. — Falk- 
Torp Norwegisch-Dänisches Etymologisches Wörterbuch. Neil be- 
arbeitete deutsche Ausgabe. Heidelberg 1910. Vortreffliches AVerk. 



Di'ittes Kapitel. 

Verwandtschaftsverhältnisse, Urheimat der 

idg. Sprachen. Kultur der Indogermanen. 

Stellung des Griechischen. 

5Ä4. Literatur: O. Schrader Spruchrcrghicliiuig und Ur- 
geschichte. :i. Aufl. Jena 1907. — Ders. Jiealle.rikon der indo- 
germanischen Alte/iumskumle. Straßburg 1901. — IL Hirt Die 



§24.] \'(M\vandtschaftßverl»illtniHHe (Irr id^'. Sprachen. 21 

Jn(/o(/fnn<nu-ii, ihn- \'rrljrt'i/u)i(/, ihre rrheimat um! ihre Kultur. 
2 Bde. Sfnt/.ihun/ /.VO.» //". — A. Mcillcf Ja'S (liniertes indo-euro- 
pi^eus. Paris J!K)S. 

Soweit ein Mensel i den andern versteht, herrscht die- 
selbe Spruche. Man wird ai)er nie (dn größeres Gebiet 
linden, auf dem eine solclie Spraclie ohne Unterschied 
gebraucht wird, überall bestellen vielmehr Dialekte oder 
]\[undarten. Da wir die stummen Hprachzeugen der 
Vergangenheit nicht unmittelbar nach ihrem Geltungs- 
bereich fragen können, so müssen wir einige allgemeine 
Eigentümlichkeiten als Kennzeichen eines jeden Sprach- 
zweiges festsetzen. So unterscheiden wir eben die großen 
Hauptzweige der idg. Si)rachfamilie. Für das Griechische 
kann man eine Reihe von Besonderheiten, s. unten § 42 
Anm. 1, namhaft machen, die das Griechische als Griechisch 
charakterisieren, und die also auch jedes neu gefundene 
Denkmal besitzen muß, wenn man es als griechisch an- 
sprechen will. Es fragt sich, ob sich nicht auch bei ein- 
zelnen der größern Sprachgruppen gemeinsame Eigen- 
tümlichkeiten nachweisen lassen, die uns dann nötigten, 
eine zeitweise Einheitlichkeit und längeres Zusammen- 
wohnen solcher Sprachen anzunehmen. Tatsächlich ist 
es so. Indisch und Iranisch sind nur Dialekte einer ein- 
zigen Sprache, des Arischen, und auch Baltisch und Sla- 
wisch gehen auf einen gemeinsamen Grundstock zurück. 
Das heißt also, die Inder und die Iranier müssen längere 
Zeit vereinigt gewesen sein; in dieser Zeit hat sich ihre 
Sprache verändert, und erst danach haben sie sich ge- 
trennt. Dasselbe gilt von den Litauern und Slawen. Auch 
zwischen den übrigen Gruppen hat man gewisse Bezieh- 
ungen festzustellen versucht und engere Verwandtschaft 
angenommen. Von diesen hat die nähere Zusammen- 
gehörigkeit des Italischen mit dem Keltischen immer mehr 
an Gestalt und Wahrscheinlichkeit gewonnen, vgl. Meillet 
31fF. Von A. Schleicher, G. Curtius, Mommsen und 
der altern Sprachwissenschaft überhaupt, in neuerer Zeit 
noch von Christ wurde mit großer Entschiedenheit eine 



22 Einleitung. [§ 24. 25. 

grüko-italische SpracluMiiheit angenommen. Diese Ansicht 
ist später aufgegeben worden, doch sind zweifellos gewisse 
Eigentümlichkeiten vorhanden, die nur in diesen beiden 
Sprachen auftreten, und di«^ die Berechtigung der altern 
Ansicht bis zu einem gewissen Grade erweisen, s. § 31. 

Die Verwandtschaftsverhidtnisse der idg. Sprachen 
hat man sich früher durch das Bild eines Stamml)aumes 
zu erklären versucht; an dessen Stelle hat Joh. Schmidt 
das Bild der Welle und sich schneidender Kreise gesetzt, 
vgl. Joh. Schmidt Die Verwandtschaftsverhältnisse der 
indogerra. Sprachen, Weimar 1872. Danach sollen die 
Dialekte durch allmähliche Ausbreitung gewisser Eigen- 
tümlichkeiten entstanden und es nicht möglich sein, einen 
Stammbaum aufzustellen. Im wesentlichen sind aber die 
großen idg. Sprachfamilien, wie die historischen Tat- 
sachen erweisen, durch Auswanderung und Loslösung von 
Gruppen ins Leben getreten, und es ist daher das Bild 
des Stammbaumes in der Hauptsache zutreffend, nur sind 
wir mangels genügender Anhaltspunkte nicht imstande, 
diesen Stammljaum mit Sicherheit zu entwerfen. Vgl. 
über diesen Punkt Hirt Die Indogermanen l,S9ff., 579 ff. 

5i5. Schon in der idg. Ursprache können wir zwei 
große Dialektgruppen nachweisen, die man nach einer 
lautlichen Verschiedenheit und mit dem Wort, daß diese 
zeigt, als centum- und ,s'a/f»i- Sprachen bcv.eichnet, oder nach 
der geographischen Verteilung auch West- und Ostindo- 
germanisch nennen kann. 

1. Die (r?//?A)«-S}) rächen (Westindogermanisch): 
Griechisch, Italisch, Keltisch, Germanisch. Sie haben 
die ])alatalen Verschlußlaute der idg. Ursprache als Ver- 
schlußlaute erhalten: idg. k'iniöm «hundert», gr. ^-Kaiov, 
lat. cciitum, air. cff, got. IddhI. 

2. Die .SY7/<'m-Sj) rächen (^Ostindogermanisch) : 
Indo-Iranisch, Baltisch-Slawisch, Armenisch und Alba- 
nesisch. Sie hal)en die palatalen Verschlußlaute der idg. 
Ursprache in palatale Spiranten verwandelt: idg. k'nifow 
«hundert. = ai. satäui, awest. sat.^ni (nach diesem Wort 



4j25.'26.] N'erwiiiKitscIuiftHverliältniHse dor idj^. Sprachen. 2:J 

sind Hie henaimt), lit. siiht((s, jil)g. süfo, und zeigen an 
Stelle der indogonn. l;d)iüV('laren Vor!?chlußlauto einfache 
Gutturale, gr. TTOxe 'vvann\ 1. (juod Vas', got. kas 'wer': 
ai. kas, abg. kfdo, lit. his 'wer' usw. 

Aiim. 1. Daß diese iSpaltung der A*-Laute sehr alt ist, habe 
ich BB. 24, 218 tV. nachzuweisen versucht. Ist das dort Ausge- 
führte, an dem ich trotz verschiedenen Widerspruchs festhalte, 
richtig, so rückt die Entstehung dieser mundartüchen Verschieden- 
heit in ziendich ferne Zeit zurück. 

Anm. 2. Ob jedes der beiden Dialektgebiete auch noch 
durch andere 8i)rachHche Momente zusammengehalten war, läßt 
sich zurzeit noch nicht bestimmt sagen. Jedenfalls zeigt das 
Litauisch-Slawische recht auffallende Berührungspunkte mit dem 
Indo-Iranischen (Behandlung der s-Laute, der schwachen Vokale). 
Auch in den centum-Sprachen dürften besondere gemeinsame 
Eigentümlichkeiten nachweisbar sein. 

Anm. 3. Wie sehr auch die geographische Lage diese 
Teilung empfiehlt, zeigt die Darstellung in Sieglins Schulatlas 
S. 1. In neuster Zeit hat uns der Boden Ostturkistans eine neue 
indogermanische Sprache enthüllt, die man Tocharisch genannt 
hat. Vgl. E. Sieg und W. Siegling Tocharisch, die Sprache dei' 
Indoskijthen. SB. d. Kgl. preulL Akad. d. Wiss. 1908, S. 915 ff'. 
Sie zeigt, wie es scheint, die idg. Palatale als Verschlußlaute, 
z. B. ol-adh 'b\ okfuh ^80', wiki '20', kandh ^00'. So sonderbar 
das aussieht, so kann es doch den, der sich mit den Wande- 
rungen der Indogermanen vertraut gemacht hat, nicht besonders 
in Erstaunen setzen. Es kann natürlich ein Schwärm von West- 
indogermanen auch nach Asien gelangt sein. Daß die Urheimat 
der Indogermanen nunmehr in Asien zu suchen sei, wird damit 
nicht im geringsten wahrscheinlicher. 

26. Die Frage nach der Urheimat des idg. Ur- 
volkes, d. h. dem Orte, an dem es in der Zeit, die der 
endgültigen Trennung unmittelbar vorausging, gesessen 
hat, wird sich schwerlich ganz sicher entscheiden lassen. 
Immerhin kann die frühere Ansicht, daß die Indogermanen 
aus Asien eingewandert seien, im wesentlichen für abgetan 
gelten. Heute kommt nur Nordeuropa in Betracht. 

Anm. Die Frage läßt sich wohl kaum anders als durch 
geographische Gründe und Erwägungen lösen. Literatur über 
die Frage bei 0. Schrader Sprachvergleichung und Urgeschichte^ 
85 ff., der auch eine Geschichte des Problems bietet und bei Hirt 
Die Indogermanen 2, 617. Die neuere Literatur findet man in 
der Bibliographie de?- IFAnz. 



24 Einleitung. [§ 27—29. 

5J7. Wenn wir für dio westlichen Indogormanon 
eine besondere Dialektgrupj)e annehmen, so müssen wir 
für sie auch besondere Wohnsitze suchen. Aus allge- 
meinen (J runden wird für sie die Gegend von der Ostsee- 
küst(; bis nach Ungarn in Betracht zu ziehen sein. Der 
im Griechischen (qpnTO<^), I^at. (fagus). (4erm. {biiche) er- 
haltene Ausdruck für Buche zeigt, daß dieser Zweig der 
Indogermanen in der Buchenregion gewohnt hat. Die 
Buche fehlt aber aus klimatischen Gründen in Osteuro])a. 
Sie geht ostwärts nicht über die Linie: Königsberg — Krim 
hinaus. Vgl. die Karte 4 in meinen Indogermanen. 

Die Griechen werden wahrscheinlich aus Ungarn ge- 
kommen sein und ursprür.glich nicht allzu entfernt von 
den Italikern gesessen haben. Als historische Parallele 
bieten sich die Wanderzüge der (iallier (Verwüstung 
(iriechenlands, Niederlassung in Kleinasien) und wahr- 
scheinlich auch die der Illyrier, wenngleich deren Aus- 
gangspunkt nicht klar erkennbar ist. 

*ZH. Die Ansichten über die Kultur der Indo- 
germanen haben lange geschwankt. Bis vor kurzem sah 
man in ihnen viehzüchtende Nomaden. Die Ansicht ist 
aber durch die neuere ethnologische Forschung, die dem 
Ackerbau mit Recht ein hölieres Alter als der Viehzucht 
zuschreil)t, und durch die genauere Betrachtung der his- 
torischen Zeugnisse unmöglich geworden. Die Indoger- 
manen kannten das Rind, den Wagen und den PHug, was 
alles für den höhern Ackerbau spricht. 

Anni. Weiteres über diese Frage bei Hirt Die Imlogennanen 

20. Die gri(>chise.ht> Spraelie bildet ein durchaus 
selbständiges (Jlied der indogerm. Sprachfamilie, dessen 
Entstehung in der Zeit zu suchen ist, als sich ein Schwärm 
von Indogermanen loslöste, um in die Balkanhalbinsel 
einzudringen. Es muß eine Zeit gegeben haben, in der 
jede Verbindung mit den in)rigen idg. Sprachen unter- 
brochen war. Wenn irgendwelche nähere Beziehungen zu 
einzelnen idg. Spraclien bestellen, so kr»nnen diese nur 



§29 — 31.] VerwandtscliaftsverlUlltniHHO der idg. Spraclion. 25 

(la/u (liciu'ii, die uis|)iiin;j;li(;h(' Lii^^c <l<'r Grit^chen zu d<\\ 
übrigen indogeriii. Stilmmen erkenn(3ii zu lassen. 

Man luvt derartige Ik^ziehungen erkennen wollen zum 
Arischen, Italischen und Phrygischen. 

•^O. Gemeinsame Züge, die das Griechische mit 
dem Arischen teilt, führt J. Schmidt Verwandtschafts- 
verhältnisse an. Doch sind sie wenig beweisend. 

.An 111. Die sojxenannte Na^alis .'^onans ist im Arißchen und 
Griechischen durch a vertreten. Doch beweist dies nichts, da a 
aus an entstanden sein wird, und an auch in andern Sprachen 
vorh'egt. Das Augment, das man früher für griechisch-arisch 
liielt, ist auch im Armenischen vorhanden und wird jetzt für idg. 
angesehen. — Die Infinitivbildung war im Idg. jedenfalls so ver- 
schiedenartig, daß es nicht weiter auffällt, wenn Griechisch und 
Indisch allein gewisse Formen kennen, zumal die Sprachen im 
Laufe ihrer Entwicklung nur wenige Formen bewahren und diese 
verallgemeinern. Daher ist es sehr wahrscheinlich, daß Italisch, 
(Termanisch, Litu-Slawisch mehrere alte Formen verloren haben. 

Zu dem Zahlwort für 1000 ai. sahasrani, gr. x^i^^oi hat Som- 
mer IF. 10, 216 auch Jat. niille gestellt. Auch wenn diese An- 
sicht nicht richtig sein sollte, wird man auf eine derartige Über- 
einstimmung kein allzugroßes Gewicht legen. — Ob die Zahl- 
adverbia auf gr. -Kig, ai. -sah ohne weiteres einander gleich gesetzt 
werden dürfen, ist sehr fraglich. — Auf das, was J. Schmidt an 
lexikalischen Übereinstimmungen angeführt hat, wird man heute 
kaum noch Gewicht legen dürfen, da seine Zusammenstellungen 
völlig veraltet sind. 

Immerhin läßt sich einiges ]^eue hinzufügen. So haben 
beide Sprachen im Perfektum die reduplizierten Formen verall- 
gemeinert. Beide Sprachen haben an Modi den Konjunktiv und 
Optativ, was in der Ausdehnung, wie es auf beiden Seiten histo- 
risch vorliegt, sicher nicht indogermanisch war. 

So wird man denn sagen können, daß das Indische von 
allen safem-Sy>Ta.chen dem Griechischen am nächsten steht. 

31. Die nähere Verwandtschaft des Griechischen 
mit dem Italischen ist von G. Curtius und Schleicher 
stets vertreten worden. Die neuere Sprachwissenschaft 
hat diese Annahme freilich aufgegeben, doch ist sie nicht 
ohne weiteres abzuweisen, vielmehr bedarf diese wichtige 
Frage einer erneuten eingehenden Untersuchung. Mir 
scheinen die Berührungspunkte so stark, daß man getrost 



26 Einleitung. [§31. 

sagen kunn, von allen idg. Sprachen steht das Italische 
dem Griech. am nächsten. Das schließt nicht aus, daß 
das Italische doch noch näher mit dem Keltischen ver- 
wandt ist. 

Anm. Hier seien kurz die wichtigsten besondern Über- 
oinstiinmungen an<;eführt: 

1. Das Grieciiieche gehört mit dem Italischen zu der großen 
Gruppe der cc«^«/;»-Sprachen und kommt schon dadurch zu dem 
Italischen in engere lle/.iehung. Nun scheint allerdings das Ita- 
lische dem Keltischen näher zu Pteiien als dem Griechischen, aber 
bei dieser Verwandtschaft bestehen besondere Umstände, die fast 
dazu führen, eine völlige Einheit des Italischen und Keltischen 
für frülie Zeit anzunehmen. 

2. Kelto-Italo-Griechisch ist die Vertretung der sog. langen 
Liquida und Nasalis sonans (idg. c>'j usw.) durch r«, lä, mu, nä 
und des schwachen Vokals vor r, l, n, m durch a, vgl. Verf. Idg. 
Ablaut, S. 18. Dagegen zeigt das Germanische u das Litu-Sla- 
wische /. 

3. Kelto-Italo-Griechisch ist der Schwund des intervoka- 
lischen ./. 

4. Griechisch-Italisch ist der Übergang der Mediae aspiratae 
Cbh, dh, gh) in Tenues aspiratae. 

5. G. Curlius hat ein gräko-italisches Akzentgesetz ange- 
nommen, nach dem der Ton nicht über die letzten drei Silben 
schreiten durfte. Daß dies nicht richtig ist, daß vielmehr der 
Akzent im Urgriechischen und Uritalischen noch nicht gebunden 
war, ist sicher. Aber wenn man sich die Entstehung der grie- 
chischen und italischen Akzentverschiebung vorstellen will, so 
muß man in beiden Sprachen von einem Nebenton ausgehen, der 
auf den letzten drei Silben gelegen hat. Das Vorhandensein eines 
8ol<hen Nebentons dürfte schwerlich auf Zufall beruhen, wenngleich 
eine Fortsetzung und Weiterentwicklung idg. N'erhaltnisse vorliegen 
kann, vgl. die Akzentlehre. 

ü. Das Lateinische und Griechische kennen feminine 
^>-StJimme, i'i (pt\^6c„ lat. fauns f., doch beruht das wohl eher auf 
Bewahrung einer Altertümlichkeit, als auf Neubildung, vgl. § 311. 
Anm. 1. 

7. In beiden Sprachen hat der Gen. l'lur. der fem. -f7-St:lmme 
die pronominale Flexionsendung -(isöm herübergenommen, hom. 
Oeciiuv, lat. terranim. 

8. In beiden Sprachirrujtpen haben wir wajjrscheinlich die 
NeubiMnng des Akk. l'lur. der Fem. auf -ans oder ans, des Dat. 
IMur. auf -äisi. 

9. .\ucli sonst gehen die beiden Sprachen in ihrer Ent- 



§31.32.] (iriechonlaiKlB Urhovölkenin^'. 27 

Wicklung gloiche We^o. Lokativ und Dativ werden verH(*lnnolzen, 
und zwar lial in der 1. n. 2. Dükliniitioii «li(! Dativform, in der 
dritten die I^okutivforni ^oHio^'t, Diu. Xükiu -- 1. liipo, x^^P'f ~— 
1. terrae, irobi 1. Abi. pede, hom. iröXrii ■ 1. siti. Auch die 

Übereinstinimunj:: im Dat. Plur. Xukoioi -^ 1. Inpis ist bemerkens- 
wert. Der luHtrumcntal ist nur in Adverbien formal erhalten, 
im Nom. Plur. Fem. linden wir Formen auf -ai. 

10. Die Ühereinstinmiun«; in der Infinitivbildung ist viel 
gr()l.>er als zwischen (iriechisch und Indisch, vgl. Hirt IF. 17, 
395 If. So entsprechen Inf. wie ^veiKai, el-rrai lateinischen wie (uji, 
solche wie Ti|Lif|aai wohl lat. aniäri, solche wie äjexv lat. agerc, 
solche wie ^axdiuevai Formen wie 1. ferimini. 

11. In beiden Sprachen sind die unbetonten Verbalformen 
verallgemeinert worden. 

12. Auch in syntaktischer Beziehung zeigen die beiden 
Sprachen auffallende Übereinstimmungen wie nicht minder im 
Wortschatz. 

Sind auch alle diese Argumente noch nicht imstande, eine 
gräko-italische Ursprache und Urzeit zu erweisen, so muß man 
doch feststellen, daß dem Griechischen von allen Sprachen keine 
so nahe steht wie die Italische. Vgl. über diese Frage die fein- 
sinnigen Erörterungen v. Bradkes Beiträge zur Kenntnis der vor- 
historischen Entwicklung unseres Sprachstammes, Gießen 1888, 
S. 14, 29. 

32. Die von Kretschmer Einleitung in die Ge- 
schichte der griech. Sprache 237 ff. angenommene Ver- 
mittlungsstellung des Phrygischen halte ich für zu wenig 
begründet, um näher darauf eingehen zu können. Unsere 
Kenntnisse der phrygischen Flexion und des Wortschatzes 
dieser Sprache, der außerordentlich stark vom Griechischen 
beeinflußt ist, sind viel zu gering, um sichere Schlüsse 
zu gestatten. 



Viertes Kapitel. 

Griechenlands Urbevölkerung und die 
Nachbarn der Griechen. 



Literatur: P. Kretschmer EinleHimr/ in die Geschichte d. 
griech. Sprache iVlff. — Hirt Die In doger manen 1, 38 f^., 128 ff.; 
2, 569 ff., 591 ff. — A. Fich Vor griechische Ortsnamen als Quelle 



28 Einleitung. [§ 32. 33. 

für die Vorgeschichte Griechenlamla. Guttinyen lUO't. — Ders. 
llittiter und Da mihi er. 1907. — W. Aly Karer und Leleger, Phil. 

33. Daß die Griechen ])ei ihrem Vorrücken in 
die südlichem Teile der Balkanhalbinsel d^rt und im 
Ägäischen Meere bereits eine einheimische Bevölkerung 
antrafen, wäre schon nach der Analogie andrer Gegenden 
anzunehmen, selbst wenn wir keine ausdrückliehen Zeug- 
nisse über diese Tatsache besäßen (Ilerodot 1,57). Wir 
wissen jetzt, daß im Mittelmeerbecken Menschen mit ver- 
hältnismäßig hoher Kultur lebten, und daß die indoger- 
manischen Hellenen in gewissem Sinne als Zerstörer und 
Barbaren eindrangen. Glücklicherweise hat diese altein- 
heimische Bevölkerung auch sprachliche Spuren ihrer An- 
wesenheit in den topographischen Namen hinterlassen, die 
vielfach ganz unindogermanisch klingen und z. T. auf 
kleinasiatischem j^odeii wiederkehren. 

Anm. Es sind vor allem OrtPnamen aut -vOoc;, kleinasiat. 
auf -nd- und -TToq, -öao<;, die wir der Urbevölkerunir zuschreiben 
iHÜRsen, z. B. Tipuvc, Köpiv&oc. ZduivOoc. TpüuavOoc, 'YuriTTÖc;, 
BpiXriaaöc;, 'iXiaoq, Kricpiaö«;, TTapvaaaöc, Aupiöa, 

Diese Urbevölkerung, die einen besondern Sprach- 
stamm bildet, war in Kleinasien und Griechenland an- 
sässig und ist sicher weder von den Griechen ausgerottet 
worden noch auch ganz ausgewandert. Vgl. Kretschmer 
Einl. in die Geschichte der griechischen Sprache S. -401 ff. 

Wunderbar dürfte es erscheinen, daß die S}irache 
dieser Urbevölkerung die griechische Sprache so wenig 
beeinllußt hat. Itn Wortsehatz weist Kret8chm(»r a. a. O. 
402 auf einige Worte mit dem Suffix -Vx>oq hin, die un- 
griechisch aussehen, z. Vt. hom. dad)aiVv>o^ v Badewanne», 
^peßivOo<g, XeßivOoq «Kichererbse», Tep€ßivv>0(; u. a. Das 
ist indessen sehr wenig. Freilich nach den Erörterungen 
von W^ indisch Zur Theorie der Mischsprachen und Lehn- 
wörter, Ber. d. i)h. h. V\. d. k. sächs. Ges. d. W. 1S97, 
101 ff., ist das nicht weiter auffallend, denn die Sprache 
des stärkern Volksstammes wirkt wohl auf die des 
schwachem, nicht aber umgekehrt. 



§34—36.] GriedienlaiulH Urbevölkerung'. 29 

34. Die (iricchcn sind mit «.'incr «großen An/Jihl 
fremdor Völkrr in l^crührung j^ckoinmcn, hahoii uns aber 
loiiK'r von dvvvn Spraclien nur sohr wenig überliefert. 
Alles, was nicht griecliisch war, war elx^n barbarisch, und 
es liat die Griechen, darin den heutigen Engländern ver- 
gleichbar, nicht gelockt, diese Spraclien zu lernen. Im 
allgemeinen werden sie daher auch wenig von diesen 
Sprachen beeinflußt sein, umgekehrt aber auf diese Idiome 
eingewirkt haben. 

35. In der Balkanhalbinsel selbst haben die 
Griechen zunächst sehr viel Sprachgebiet an illyrische 
Stämme abgegeben, die zeitweise ziemlich tief in den 
Süden vordringen. Epirus wird von ihnen besiedelt, und 
nur das alte Zeusheiligtum in Dodona bewahrt griechische 
Bevölkerung. 

Das Illyrisclie mit Venetisch und jNIessapisch ge- 
hört nach des Verf. Ansicht zu den centum-Sprachen 
und bildet, wie auch Kretschmer hervorhebt, eine Art 
Mittelglied zwischen Italisch und Griechisch. Vgl. Kretsch- 
mer Einl. 244 ff., 274 ff., und Verf. Die Indogermanen, 
150 ff. 

30. Illyrische Stämme sind auch zweifellos nach 
Makedonien vorgestoßen, und es ist durchaus möglich, 
daß sie dort auf ursprünglich griechische Stämme trafen. 
Welcher Sprachstamm in Makedonien gesiegt hat, läßt 
sich leider nicht ermitteln. Die Entscheidung müßte die 
makedonische Sprache geben, aber ihre Überreste, meistens 
Glossen bei Hesych, sind so dürftig und unklar, daß 
eine sichere Entscheidung nicht zu treffen ist. Unter 
unserm Material befinden sich auch viele griechische Lehn- 
wörter, so daß das Urteil noch schwieriger wird. 

Anm. 1. Das makedonische Sprachmaterial jetzt bei 
O. Hoff mann Die Makedonen, ihre Sprache und ihr Volkstum, 
Göttingen 1906, wo auch die frühere Literatur. H. erklärt das 
Makedonische für Griechisch, ebenso wie Hatzidakis IF. 11, 
313 flf. Doch kann ich ihnen ebensowenig wie Thumb Handb. 
§ 9 beistimmen. 

Deutbare Worte sind folgende, die ohne Ethnikon über- 



80 Einleitung. [§36.37. 

lieferten sind mit f bezeichnet: äbf]' ovpavöc; == gr. aiöi'ip, dbpaid 
= aiOpia; bdpuXXoq* n bpvq uttö MaKcböviuv: gr. bpöq 'Eiche''; 
dpYi"iTou(; 'Adler: ai. r}ij>j<ih 'Heiwort des Falken'; yoba' ^vxepa: 
ai. gudäm 'DarnT: KeßaXi'i 'Kopf\ daneben ffaßaXd: gr. K€q)aX/i, 
d. Giebel; dßpouxei; (1. dßpou/eO^ gr. öqppöq; fKcivabor (JiaYÖvec;, 
YvdOoi: gr. -fvctOoc;; fKÖiiißouq • öbövraq, YOfiqpiouq: gr. YÖiaqpoq* 
'Backe\ d. Kamm, abg. rf//>/7; fdbaXöq ' öaßoXoq: aiOaXo«; ; bdvoq 
'Tod', bavüjv 'tötend': Oaveiv. 

Diese Worte zeigen, daß die idg. Media aspirata im Maked. 
durch eine Media oder tönende Spirans vertreten war, also gerade 
im Gegensatz zum Ciriechischen. Auch spater war es den Make- 
donen unmöglich, die gr. qp, X; ^ auszusprechen, sie sagten B{- 
XiTTTToc; für OiAiTTTTog, BdXaKpo(; für OdXaKpoi; usw. Ungriechisch 
ist ferner der Xom. ohne v dbf) statt aiöj'ip. Das Makedonische 
gehört aber zu den 'r/j/j<;y/-Sprachen, das beweisen Glossen wie 
Kdvaboi: lit. -ihidas, KÖ)ißou(;: abg. zahn. Wer dem Makedonischen 
nicht eine vollständig selbständige Stellung einräumen will, wird 
es kaum anders als zum Illyrischen stellen können. 

Aber anderseits sind auch Griechen und wahrscheinlich als 
Herrscher in Makedonien vorhanden. Wir haben es also mit 
einem zweisprachigen Tiande zu tun. was das Problem bei dem 
dtirftigen Material außerordentlich schwierig macht. Vgl. noch 
V. Lesny KZ. 42, 297 fr. 

Anm. 2. Hatzidakis stützt sich auf die Formen wie xeßXrj 
= gr. KecpaXr). das er durch Dissimilation aus Ihephale zu kcphale 
und weiter zu K€ßXr| werden läßt. Aber seine Beispiele KdXiOoc, 
xdXiq, TTt^xapi sind wegen der in ihnen enthaltenen Aspiraten sicher 
unmakedonisch. Ist Kavaboi ein makedonisches Wort, so wiese 
das darauf hin, daß anlautende Media stellenweis tonlos ge- 
worilen ist, und es läßt eich dann KeßXr) aus T^ßXr) erklären, vgl. 
auch KÖfißouq. 

iJ7. Das Tlirakische war höchstwahrscheinlich 
mit dem Phrvgischen nahe verwandt und bildete eine 
besondere Grii})pe der .safem-Sprachen. Näheres bei 
Kretschmer Einl. 171 fl'., Hirt Die Indogermanen 128 ff. 

Anm. 1. Alles, was wir vom Thrakischen wissen, findet sich 
jetzt vereinigt bei Tomaschek Die alten Thraker, Wiener Sitziinps- 
hcrirhte, Bd. l'JS, 130, IHl. 

Das Phrygische kennen wir durch ältere und jüngere 
Inschriften. Diese sind schon seit langem in einigen 
Hau])tj)unkten völlig klar, während sich die altern einem 
Verständnis nicht ersehlicLHii wollten, bis R. Meister 
IF. 25, :\\7) wesentliche Fortschritte erzielte. 



§37—39.] (Jriüchenlands IJrbovölkorung. 81 

Anm. 2. In iÜMi InH(lirift(3ii kehrt im wesentlichen folgende 
Formel wieder: xoc, vi aeiuouv Kvou|Liav€i kokouv abbaKCT. . . . ctittc- 
TiK|Lievo'; eiTou. «Wer immer diesom Cirab Schaden zuf(ii;t, soll 
.... Bein». IOC, ist gr. rel. öq ai. jas, über vi v^l. Meister IF. 
25, lilT), aeuouv entspriclit im Stamme dem hUiw. Dativ scmu 
«diesem», KVou|Liavei ist douthch ein Dativ, abbaKer ist =^ ab (lat. 
ad) -\- boK6T, Al)lant zu gr. OPjke, 1. fecif, ^TiTT€TiK|aevoq ist ein 
deutliclies Tartizipium auf -|H€vo(;, eiTou -^ ^axuj. 

liH, Die Phryger sind aus Thrakien nach Klein- 
asien gewandert. Sic trafen dort eine Urbevölkerung mit 
fremder Sprache. Ob in Kleinasien nur ein Sprachstamm 
oder mehrere vorhanden waren, läßt sich bei der Dürftig- 
keit unserer Kenntnisse nicht entscheiden. 

Wir kennen von den kleinasiatischen Sprachen nur 
das Lykisclie durch zahlreiche Inschriften einigermaßen. 
Ich kann trotz eingehender Beschäftigung mit dem Ly- 
kischen nicht entscheiden, ob es eine idg. Sprache war, 
oder nicht. Vgl. Hirt Indogermanen 63 ff., die Literatur 
S. 570 ff. 

Anm. 1. Für idg. Ursprung des Lykischen sind neuerdings 
wieder Bugge Lykische Studien I (1897); Pedersen Nord. Tids- 
skrift for Filol. 3. Reihe, Bd. 7, S. 68 u. a. eingetreten. Gegenüber 
der Bestimmtheit Pedersens vergleiche man die vortrefflichen 
Bemerkungen von V. Thomsen Etudes lyciennes, S. 3, Oversigt 
over det kgl. danske videnskabernes selskabs forhandlinger 1899, 
Nr. 1. 

In neuerer Zeit sind auch einige karische und in 
jüngster Zeit auch lydische Inschriften ans Tageslicht 
gekommen. Auch ihre Sprache macht deutlich einen 
nichtidg. Eindruck. 

Anm. 2. Vgl. J.Keil und A. v.Premerstein Berichte über 
eine Reise in Lydien. Mit einem Anhang von P. Kretschmer, 
Denkechr. d. Wien. Ak. phil. bist. Kl. 53, Bd., 2. Abb. S. auch 
Gl Ott a, 2, 320. Neue lydische Funde bespricht A. Thumb 
Am. Jour. of Phil. 15, 149 ff. 

39. Auf Lemnos sind 1886 zwei Inschriften ge- 
funden worden, deren Sprache Anklänge an das Etruskische 
zu zeigen scheint. Sind diese Ähnlichkeiten trügerisch, so 
haben wdr es jedenfalls mit einer selbständigen Sprache 
zu tun. 



82 Kinleitun«;. [§39—41. 

V^'l, Taiili Kine vorgriechische Insclirift auf Lern in o« = 
Altital. Forsch. II. I, 1S86, 2, 1894, Torp Die vorgriechische In- 
schrift von Leninios. Christiania 1904. 

40. Auf Kreta ist eine Inschrift in nichtgrie- 
chisclier S])raclie «gefunden, verötfentlicht Museo Ital. 
2, 673 f. X'ielleicht haben wir es mit der »Sprache der 
hom. EieoKpnTeq vxi tun. Außerdem sind neuerdings auf 
Kreta zaldreiche Inschriften in einer Bilderschrift ans 
Licht getreten, die uns vielleicht weitere Aufklärungen 
gewähren werden, die vorläufig abei- noch ungedeutet sind. 

Schließlicli ist auch auf Kypros eine Inschrift ans 
Tageslicht gekommen, die in einer unbekannten Sprache 
geschrieben ist. Vgl. U. Meister Kyprische Syllabar- 
inschriften in nichtgriechischer Sprache. SB. d. kgl. preuß. 
Ak. d. Wiss. 1911, IGO. 

41. So sehen wir also die Griechen von allen 
Seiten von fremden Sprachstämmen umgel)en. Keine 
dieser Sprachen aber hat auf das Griechische in nach- 
weisbarer \A'eise eingewirkt. Daß es hier und da einige 
Wörter aus ihnen aufgenommen hat, ist denkbar, aber vor- 
läufig nicht 7Ai erkennen. Ganz anders hat das Semitische 
das Griechische beeinflußt. Die semitischen Lehnwörter 
im Griechischen sind ziemlich zahlreich. Das kann nicht 
weiter auffallen, da die semitische Kultur anfangs höher 
war als die griechische, und die Griechen daher mit den 
neuen Dingen, die sie aus dem Orient erhielten oder von 
dorther kennen lernten, auch die Namen aufnehmen 
mußten. In der Hauptsache sind es daher Kulturw(>rter, 
die aus dem Semitischen entlehnt sind. Bei diesen kann 
man aber in der Annahme von Entlehnung gewiß nicht 
weit genug gehen. Auf den Innern Bau des (iriechischen 
hat das Semitische aber nicht gewirkt. Da ich das Se- 
mitische nicht beherrsche, muß ich darauf verzichten, hier 
eine Liste der wichtigsten altern Lehnworte zu geben. 

Anni. Die Kemitischen Lelinwortcr im (kriech, pind unter- 
sucht von A. Müller BB. 1, 'J7:i — .'iOl und neuenlinga zusammen- 
gestellt v«>n //. Li'vy Die semitischen Fremdwörter im Griechi sehen j 
1895. Vgl. ferner Mnss- Amol t Scmilic Words in GreeJc <nnf Latin, 



§41.42.J Diu innere Gliedernn^ den CiricchiHclien. 3IJ 

Trausact. Am. Vkil. Ä>is. 2:i, .7."» — 100. — tJher il^'yptiH(;he L(!hn- 
wörter v^l. W. Spione! ber/jj Ägyptische Leliiiwörter in der 
illteren gr. Sprache. KZ. 41, 127(1". 



Fünftes Kapitel. 

Die innere Gliederung und Geschichte des 

Griechischen. 



42. Wir können jetzt als ganz sicher annehmen, 
daß Griechenland lange besiedelt war, ehe die wandernden 
Indogermanen auf ihren Eroberungszügen eindrangen. 
Etwas Besonderes, historisch Auffallendes hat man sich 
unter diesen nicht vorzustellen, wissen wir doch, daß in 
späterer Zeit Gallier und Germanen ebenfalls Griechenland 
überfluten, ohne freilich dort dauernden Boden gewinnen 
zu können, während dies den Slawen und Albanesen aller- 
dings gelungen ist. — Wann die Einwanderung statt- 
gefunden hat, läßt sich auf Grund geschichtlicher Nach- 
richten nicht sagen. Zum ersten Male hören wir von den 
Äkhaiicasa in ägyptischen Inschriften des 13. Jahrhunderts, 
und da wir darunter ziemlich zweifellos die Achäer zu 
verstehen haben, so erhalten wir damit ein nicht allzu 
hoch hinaufgehendes geschichtliches Datum. Andere Hilfs- 
mittel, das Alter der Einwanderung zu erkennen, bieten 
die archäologischen Funde, doch muß ich es mir ver- 
sagen, diesen Umstand zu verwerten, vgl. Gotta 1, 21 ff. 
Ich kann hier nur die Sprache zu Hilfe rufen. 

Das Griechische zerfällt in außerordentlich viel Mund- 
arten. Es tritt uns in Griechenland nicht, wie auf dem 
Boden des alten Latiums, eine einzige Literatursprache 
entgegen, nein, bis in späte Zeit werden uns die Dialekte 
in stilisierter Form sogar literarisch überliefert. Trotzdem 
würden wir vom Boden der literarischen Überlieferung 
aus zu keinen geschichtlich bedeutsamen Ergebnissen 
kommen können. Aber in immer steigender Fülle sind 

Hirt Griecla. Laut- ii. Formenlehre. 2. Aufl. 3 



34 Einleitung. [§42. 

im Laufe der früliorn Zeiten und besonders des 19. Jahr- 
hunderts griecliische dialektische Inschriften ans Tapres- 
licht gekommen, die uns schon jetzt einen tiefen Einl)lick 
niclit bloß in das Werden der griechischen Sprache, 
sondern aucli in die griechische Geschichte gewäliren. 
^lanches, was als sagenliafte Überlieferung aus dem Alter- 
tum zu \ms lierüberragt, was aber von manchen Geschichts- 
forschern als ungeschichtlich verworfen wurde, wie z. B. 
die dorische Wanderung, hat sich glänzend bestätigt. 

Die Sprachgeschichte steht im engsten Zusammenhang 
mit der Siedelungsgeschichte. Wenn es uns gelingt, den 
Zusammenliang der Mundarten klarzustellen, werden wir 
auch mancherlei über die Wanderungen erfahren. 

Den Zusammenhang oder die \\M*\vandtschaft der Dia- 
lekte gewinnt man auf (irund sprachlicher Eigentümlich- 
keiten. Jede Sprache verändert sich mit der Zeit, aber 
natürlich sind die V'eränderungen an verschiedenen Orten 
verschieden, und so können wir auf Grund derartiger 
Veränderungen einen Stammbaum aufstellen. Wir sehen 
z. B., daß in einem großen Gebiet des Griechischen ä zu 
r| geworden ist. Dieser Lautübergang findet sich in einem 
zusammenhängenden (iebiet, das von der mittlem Küste 
Kleinasiens bis nach Attika reicht. Schon auf Grund 
dieser einzigen Neuerung können wir das Ionische als 
besondere Mun<lart abscheiden. 

Besteht hier noch ein geographischer Zusammenhang, 
so ist er in andern Fällen gelöst, wie z. B. bei den Kolo- 
nien. So zeigt die Sprache der Herakleischen Tafeln 
(Heraklea in Italien) Solmsen^ 20 klipp und klar, daß wir 
es bei ihr mit einem lakonischen Dialekt zu tun haben, 
denn die S])rache dieser Tafeln liat mit dem Lakonischen 
eine Reihe wichtiger Kigeiitümlichkeiten gemeinsam. Wenn 
in diesem Falle der räundiche Zusammenhang durch eine 
Wanderung unterbrochen worden ist, so kann anderseits 
der Zusammenhang dadurch gestört werden, daß sich ein 
neuer Stamm und ein neuer Dialekt in das zusammen- 
hängende ältere Dialektgebict einschiebt und nun eine 



§42.] I>ii* iiuuMo (iliederung «Ich (iriechischen. S."} 

räumliche Sclioidunfi: horbeil'ülirt. Von nun nn polion die 
ursprünixlicli cinlioitliclicn Dialekte; A und A' ihro be- 
tone lern Woge, da der Verkehr zwischen ihnen unter- 
broehen ist; aber da sie eine P^inheit gebildet haben, so 
werden wir diese Einheit an Sprachveränderungen er- 
kennen, die öi(^ in der Zeit ihrer (Jemeinsamkeit voll- 
zogen haben. So Avissen wir jetzt, daß das Arkadische 
auf dem Peloponnes mit d(^m Böotisch-Thessalisch-Aolischen 
gemeinsame Eigentümlichkeiten besitzt. Daher müssen 
sie einmal eine Einlieit gel^ildet haben. Man kann sich 
diese so denken, daß sich ursprünglich ein Dialektgebiet 
vom Peloponnes bis nach Thessalien erstreckte, in das 
sich ein anderer Dialekt, der Dorische, hineingeschoben hat. 

Eingehende Untersuchungen der neuesten Zeit haben 
gelehrt, daß die Dorer zunächst in Thessalien gesessen 
haben, vgl. Solmsen Rh. M. 56, 508 ff., von wo sie nach 
Mittelgriechenland vorgestoßen sind. Hier zeigt der böo- 
tische Dialekt Spuren ihrer Anwesenheit, s. unter böotisch, 
während Lokrisch und Phokisch sicher zum Dorischen 
gerechnet werden müssen. Alles dies erfahren wir auf 
Grund einer genauen Beobachtung der inschriftlichen 
Sprach formen. 

Hierbei ist noch folgendes zu beachten. Wenn ein 
fremder Stamm kriegerisch vordringt und ein Land er- 
obert, so bleiben die frühern Bewohner vielfach im Lande, 
meist als Hörige oder Sklaven. Umgekehrt können wir 
aus der Anwesenheit einer hörigen Bevölkerung auf Er- 
oberung schließen. In solchem Fall des Eindringens 
einer neuen Bevölkerungsschicht müssen zwei Mundarten 
vorhanden sein, die der eingewanderten Herrscher und 
die der Unterworfenen. Gewiß können sich diese nach 
einiger Zeit ausgleichen, aber sie können auch lange Zeit 
nebeneinander fortbestehen, zweifellos unter gegenseitiger 
Beeinflussung. Das zeigt sich in Thessalien, w^o wir in 
der Sotairosinschrift (Solmsen^ 11) ein Zeugnis für den 
Dialekt der Eingewanderten vor uns haben mit reichlichen 
nicht-thessalischen Elementen, ohne daß sich die thessa- 

3* 



36 Einleitung. [§ 42. 

lipohe (irundlage verkennen ließe. Mit derartigen Do]ipel- 
dialekten oder Dialektmischungen ist infolge der eigen- 
tümlichen Geschichte Griechenlands überall zu rechnen. 
Zuerst hat auf diesen Gesichtspunkt 0. Hoff mann in 
seiner Dissertation De Graecae linguae mixtis dialectis, 
Göttingen 1888, aufmerksam gemacht, ohne seinerzeit 
damit Eindruck zu machen. Jetzt ist diese Auffassung 
allgemein anerkannt. In großem Maßstab hat R. Meister 
in seiner Abhandlung Dorer und Achäer (Abh. d. sächs. 
Ges. (l, Wiss. 24, III, 1904) den Versuch unternonimen, 
derartige Verschiedenheiten der Dialekte im Lakonischen 
und andern dorischen Mundarten nachzuweisen, und er 
hat zweifellos darin Recht, daß sie vorhanden Ovaren, 
wenn sich auch noch nicht sicher entscheiden läßt, welche 
P^igentümlichkeiten dem einen und welche dem andern 
Element zuzuteilen sind. Vgl. ferner Thumb Griechische 
Dialektforschung und Stammesgeschichte. Neue Jahr)), 
f. d. klass. Altertum 15 (1905) 385 ff., P. Kretschmer 
lonier und Achäer, Glotta 1, 9 ff . und E. Boisacq La 
dialectologie Grccque, Revue de Tinstruction publique en 
Iklgique 53, 89 ff., Solmsen Vordorisches in Lakonien 
RhM. ()2, 329 ff. 

Während lange Zeit eine große Meinungsverschieden- 
heit darüber l)estanden hat, wie die griechischen Dialekte 
einzuteilen und zu gruppieren seien, kann heute im 
großen und ganzen die Frage als gelöst betrachtet werden. 
Dabei sind in der neuern Zeit die Ansichten der Alten 
wieder zu ihrem Recht gekommen. Diese kennen nämlich 
nur vier Dialekte, das Attische, das Ionische, das Dorische 
und das Äolische, wozu später noch die Koine gefügt 
wird. Dabei müssen wir freilich die Trennung zwischen 
Attisch und Ionisch aufgeben. Diese beiden Gruppen sind 
durch eine Reihe gleicher Neubildungen charakterisiert, die 
sie scharf von allen übrigen unterscheiden. Kretschmer 
nimmt an (Glotta 1, 9 ff.), daß wir es im Ionisch -Attischen 
mit der ältesten indogerm. Schicht der Hellenen zu tun 
haben. Es sei der erste Teil, der in das eigentliche Hellas 



4}4'2.J Die innere (JliederunK des GriechiHciien. 37 

vorpodnin^en ist. Ich halto diese Ansicht liir sehr an- 
sprechend. Auf diesen Zug folgte eine neue kriegerische Er- 
oberung. Es verbreitete sich über Griechenland ein Stamm, 
den man am besten Achäer und ihren Dialekt achiiisch 
nennt. Zu diesem gehören im Norden: Äolisch-Lesbisch, 
Thessalisch und Böotisch (Nordachäisch) und im 
Süden Arkadisch und Kyprisch (Südachäisch). Ur- 
sprünglich bildet das (ianze ein zusammenhängendes Dia- 
lektgebiet, das zum Teil auf Mischung mit dem alten 
Ionischen beruhen dürfte. 

Schließlich folgte der dritte Eroberungszug, der der 
Dorer. Daß sie von Nordwestgriechenland ausgegangen 
sind, steht sicher, und ebenso^ daß das Nordwest grie- 
chische mit dem Dorischen zusammenhängt. Beide 
Dialekte sind vor allem dadurch charakterisiert, daß t vor i 
in weitem Umfang bewahrt bleibt, qpepovTi 'sie tragen', 
während die beiden andern Gruppen öi zeigen, att. qpepouai, 
lesb. cpepoicTi. 

Ionisch-Attisch, Achäisch und Dorisch stehen, historisch 
betrachtet, einander vollkommen gleich. Man muß sich 
von dem Gedanken frei machen, das Attische sei das 
eigentliche Griechisch, und die übrigen Mundarten seien 
nur Abarten oder Entartungen. Genau genommen hat sich 
das Attische viel stärker verändert als das Dorische. 

Will man das Griechische und insbesondere auch das 
Attische verstehen, so muß man durch Vergleichung der 
verschiedenen Dialekte die älteste Form des Griechischen 
zu gewinnen suchen, das sogenannte Urgriechische. Man 
darf sich darunter ebensowenig wie unter Urindogermanisch 
etwas besonders Fremdartiges vorstellen. Es ist die Sprache, 
die gesprochen w'urde, nachdem sich die Griechen von 
den Indogermanen losgelöst hatten, und ihre Sprache, 
wohl noch auf einen engen Raum beschränkt, alle die 
Veränderungen erfahren hatte, die wir als Eigentümlich- 
keiten des Griechischen ansehen müssen. 

Anm. Eine Zusammenstellung der Merkmale, die wir als 
Crgriechisch ansehen müssen, bietet Thumb Handb. d. gr. Dial. 2. 



38 Einleitung. [§42.43. 

Da ich in einzelnen i'unkten abweiche, ko gebe icli hier eine 
ganz knapi)e Zusaunnensteilung. 

1. Der Schwundstufenvokal « wird vor r, /, m, n zu a 
(§ 106). r, / werden zu pa, Xa. ap, aX (§ 110), m, u zu a (§ 111). 

2. Idg. ^' wird im Anlaut zu h und Z (§ 2'62), schwintlet in- 
lautend zwischen Vokalen und auch nach Konsonanten unter 
Hinterlassung einer Einwirkung (§ 239 f.). 

3. Idg. .s wird meist /u h, daR auch ganz schwindet (§ 228 ff.). 

4. Mediä aspiratä werden zu Teuues aspiratä (§ 211 ff.). 

5. DieAkzentverschiebungzumDreiBilbengo^etzu.a. (§273ff.\ 

6. Abtall der Endkonsonanten mit Ausnahme von .v, )i, r 
(§ 253)^ 

7. Der Nom. der mask. ä-Stämme auf .v (s. § 308). 

8. Der (ien. der zweiten Deklination auf -osjo (-oio), der 
nur noch im Indischen vorhanden ist ^^§ 311). 

9. Verlust einer Reihe von Kasus (s. § 292). 

10. Die Sui)erlativbildung auf -Taxoc; (§ 355). 

11. Die Pronomina oOtoc; (§ 364), auTÖ(; (§ 367), ^k61vo(; 
(§ 368). 

12. Das Zahlwort elq. |lii«, ^'v (§ 369). 

13. Der mediale Ausgang ob (§ 405). 

14. Das K-Perfektum (§ 471). 

15. Der Passivaorist auf -br\v (§ 458X 

Einige dieser Eigentümlichkeiten linden sich auch in andern 
Sprachen, was aber nicht von Bedeutung ist. 

Quellen der Dialekte. 

4*1. Unsci'e Kenntnis der Dialekte sch()pfen wir 
1. aus den Literaturdenkmälern, deren Überlieferung in- 
dessen oft getrübt ist, 2. aus den Angaljen der Gram- 
matiker, o. aus den Inschriften. Diese sind die wichtigste 
Quelle. Aber auch die Inschriften sind nicht in allen 
Füllen Zeugnisse für den gesprochenen Dialekt. Vgl. über 
die Fragen, die sich an diesen Punkt knüpfen, Thumb 
Handlnich d. gr. Dial. § 12 11'. 

Anm. Die Inschriften sind gesammelt in dem großen In- 
Hchriftcnwerk der Berliner Akademie (seit 182b\ das jetzt unter 
dem Titel Inscriptiones graecae editae conHÜio et auctoritate Aca- 
•<iemiae Kegiao Borussicme neu erscheint (abgekürzt IG.). Das 
>'ühere bei Thumb S. 30. 

Sammlungen von Dialektinschriften bieten: 

Ca Her Drlertus inscripfionum Grarcaruiu proptcr dialecfum 
memorahilinw, 'J. Au/l. ISHo. — h'nlil Inscriptiones Graecae nnti- 



§43.44.] Die iniiüro (Uiüderiiii;^ dos (iriechiHclien. 39 

qiiissiniiH' priwlcr Atficas in Atlica rejnrtds^ IHH'J. — Samuilnny 
iier grievhischen Dialektinschriften, herausf/ef/. ron H. (Jollitz und 
F. ßechtel JSSiff. (al'^je kür/t ('o.). Eh wird nach Nimuncrn 
zitiert, und zwar stehen Nr. 1 — 13;;3 in Bd. 1, 1334-2993 in 
Bd. 2, 3001—4351 in Bd. 3, 1, 4400-5793 in Bd. 3, 2. Der 4. Bd. 
enthält sehr wertvolle Register und <!:raininatificho Abrisse. — 
Solmse)i Insci'iptioucs Graecae ad inhistriuulas dfa/cctos f^clectae^, 
1910 (ab<;ekürzt Sohnsen). Da dieses Werk leicht zur Hand ist, 
habe ich des öftern danach zitiert. 

Andere Samndunj^en von Inschriften, die aber nicht von 
dialektischen GepichtPpnnkten geleitet sind : Dittenhcryer SijUoge 
inso'iptiomim graecarum, 2. Aufl. 1898 — 1900. — Kaihel Epigram- 
matit graeca ex lapldihus c(ßnlecta, 1878. 

Weitere Werke bei Thumb a. a. 0. 

Die Dialekte. 
I. Das Dorische oder »'estgrlechisclie. 

44. Das Dorische zerfällt in das eigentliche Dorische 
üuf dem Peloponnes und das sogenannte Xordwestgriechisch. 
Die gemeinsame Heimat ist jedenfalls westlich von Thes- 
salien zu suchen. 

Anm. 1. Die Zahl der Übereinstiramungen zwischen Dorisch 
und Nordwestgriechisch hat sich seit Auffindung alter Inschriften 
auf nordwestgriechischem Gebiet so vermehrt, daß wir, wie dies 
schon Ahrens tat, einen einheitlichen Dialekt anzunehmen haben. 

Gemeinsame Eigentümlichkeiten, meist Bewahrung des 
Alten, sind : 

1. Erhaltung des urgriech. ä (§ 154); — 2. la ist bewahrt 
statt att. le in lapöq 'heilig' (s. § 178); — 8. Kontraktion von ä 
+ 0, uj zu ä und von a + e zu r) (§ 191); — 4. Bewahrung 
des T vor i in weitem Umfang, 3. PI. XefovTi, 3. Sg. Tidrixi (§ 205): 

— 5. Die Zahlwörter TeTope«;, /iKaii, TtpäTOc, -Kaxioi; — 6. Der 
Lok. Sg. auf -ei in zahlreichen Adverbien (§ 311, 4); — 7. X. PI. 
der Pronomina Toi und xai (§ 363); — 8. Das Pronomen xfivoq 
(neben Kfjvoq, att. iKexvoc;); — 9. Endung der 1. PI. auf -|U6<; (§ 402); 

— 10. Die weite Verbreitung des Futerum doricum (§ 460); 

— 11. Futura und Aorista auf -Suu und -Ea von nicht guttu- 
ralen Stämmen; — 12. Das Futurum Passivi hat aktive Endungen; 

— 13. Die Infinitive der athematischen Verben auf -|U€v (§ 486); 

— 14. ai = ei, koc = k€ (att. äv) u. a. 

Anm. 2. Die Einteilung des Dorischen in die strengere und 
mildere Doris, je nachdem € + € zu r| oder ei kontrahiert wird, ist 
nicht zu halten. Diese Erscheinung ist mehr zeitlich als örtlich 
verschieden. 



40 f:inleitnng. [§ 45. 

A. Das Dorische. 

45. Das eigentliche Dorische zerfällt in eine Reihe 
von wenig unterschiedenen Dialekten, die sich auf geo- 
graphischer Unterlage ahgrenzen lassen. 

1. Lakonika mit Tarent und Herakleia. 
a^ Lakonisch (Co. 4400—4613). 

Lakonisch findet sich in der Lysistrata des Aristophanes, bei 
Thuk. 5, 77 und sonst an eini^'en Stellen. Grammatik: Müllen- 
siefen De titulorum laconicorum dialecto, 1882. 

b) Tarent (Co. 4614—4628) und Herakleia (Co. 
4629—4636). 

Das einzige nmfann:reiche Denkmal Rind die Tafeln von 
Herakleia (Solmsen^ 20). Der Dialekt dargestellt von Meister 
Curtius' Studien 4, 355 ff. 

2. Messenien (Co. 4637 — 4692.) 

3. Argolis (Co. 3260-3407) und Aidna (Co. 3408 

bis 3427). 

Die Hauptinschriften stammen aus dem Asklejjiosheiligtum 
in Epidauroß. Über den Dialekt handelt B. Keil Ath. Mitth. 
20, 405 ff. 

4. Korinth (Co. 3114 — 3174) und Kolonien in und 

um Akarnanien (Co. 3175 — 3226). 

V^l. Kretschmer KZ.29, 152ff.und «Diejrriechischen Vasen- 
inschriften» 1894, S. 16fl\ Auch iSyrakuB gehört hierher (^Co. 3227 
bis 3259, 5244—5259). 

5. Megara mit Bvzanz und Selinus (Co. 3001 — 3113). 

Megarisch findet sich in den Acharnern des Aristophanes 
729fT. und bei Theognis. Vgl. Schneider De dial. Megarica, 1«82; 
Köppner Der Dialekt Megaras und der megarischen Kolonien, 
Jahrb. f. klass. Phil.,Suppl. 18,530 ff., 8 olmse n Blr. z. gr. Wortf. 93 ff. 

6. Kreta (Co. 4940—5187). 

Die wichtij(8te Inschrift mit dem Kecht von Ciortyn ist ver- 
schiedentlich publiziert, am beqiieuisten zugänj^lich im Kh. ^I. 
Nl F. Bd. 40, Ergilnzungsheft, lieraus^epeben und erläutert von 
Bficheler und Zittelmann, .Solmson^33. Der kretische 
Dialekt ist behandelt von Job. Brause Lautlehre der kretischen 
Dialekte. Halle 1909; E. Kieckers Die lokalen Verschieden- 
heiten im Dialekte Kretas. Marbur«^' 1908. Kreta zei;,'t eine Reihe 
^anz bedeutsamer Verschiedenheiten, auf die man schon seit 



§45.40.] Die iniuMo Gliodcrung den GrieclnHchen. 41 

langem uiifincrksam ^'ewordcn war, di«' abor erst jetzt l^ei 
KieekerH ganz zu übersehen sind. 

7. Thcni mit Kyreiio (Co. 4693—4870) und Melos 
(Co. 4871—4939). 

Durch die neuem Aiisp:rai)iingen des Freilierrn Pr. llilh*r 
V. GUrtringen ist unsere Kenntnis bedeutend erweitert. Vgl. F. 
Hauptvügel Die dialektischen Eigentümlichkeiten der Inschriften 
von Thera. 1. Vokalismus. II. Konsonantismus. Progr. Cilli 
1906. 1908. 

8. Rhodos mit Gela und Akragas (Co. 3379—4351, 

5216 f. 

Vgl. Brüll Der Dialekt der Rhodier, Leobschütz 1875; R. 
Björkegren De sonis dialecti Rhodiacae. üpsala 1902. Vgl. 
auch Thumb Die griech. Sprache S. 38fl\ 

9. Die übrigen dorischen Inseln des Ägäischen Meeres, 
Anaphe, Astypalaia, Telos, Nisyros sowie Knidos mit 
Lipara, Kalymna, Kos (Co. 3428—3748). 

Vgl. Barth De Coorum titulorum dialecto. Basel 1896. 

B. Das Nordwestgriechische. 

46. Als besonderes Kennzeichen läßt sich nur die 
Kontraktion von e-\-e zu ei aufstellen, die aber auch im 
milderen Dorisch vorkommt. Der Dativ auf -oi«; bei den 
kons. Stämmen ist jung und kein Kennzeichen des Dia- 
lekts. Sonst zeigt es die dorischen Eigentümlichkeiten 
unter starkem Eindringen der Koine. 

1. Epirus, Akarnanien, Aetolien, Gebiet der Aenianen 

und Phthiotis (Co. 1334—1473). 

Vgl. A. H. Salon ins De dialectis Epirotarum Acarnanum 
Aetolorum Aenianum Phthiotarum. Helsingfors 1911. 

2. Lokrisch-Phokisch. 

a) Lokris (Co. 1474—1511). 

Vgl. Allen De dialecto Locrensium, Gurt. Stud. 3, 205 ff. 

b) Phokis (Co. 1512—1556). 

Eine besondere Stellung, hauptsächlich infolge der über- 
wältigenden Zahl von Inschriften nimmt der delphische Dialekt 
ein (Co. 1683—2993, bes. wichtig 1683, 2501, 2502, 2561). Vgl. 
Valaori Der delphische Dialekt, 1901, eine schwache Arbeit. 



42 Einleitung. [§46—48. 

lieeser int die Zusammensti'Uiin«; von C. Wendel bei Collitz- 
Beehtel 4, 18:5 ff. 

Außerdem gehören zum Dorischen: 

1. Achaja (Co. 15<)9— 1082). 

2. EUs "(Co. 1147 — 1180). 

Das EHsche ist ein Mischdialekt mit dorischer Grund- 
lage. Außerdem hestehen innerlialb des p]Hschen selbst 
dialektische Unterschiede. Vgl. Thumb S. 161). 

3. Paraphylisch (Co. 1259 — 1269, Kretschmer KZ. 
33, 258 fF.). Das Pamphylische ist ein ausgesprochener 
Mischdialekt mit dorischen und südachäischen Eigen- 
tümlichkeiten. Er hat aber -xi und nicht -cri und ist 
daher zum Dorischen zu stellen. 

Vgl. Bezzenberger RB. 5, 32511'., Kretsclnner a. a. O., 
R. Meister Ber. d. sächs. Ges. d. Wiss. 1904, 1 ff. 

II. Das Achäisclio. 

47. Das Achäische zerfällt in Süd- und Xord- 
achäisch. 

Anm. Gemeinsame Eigentfimlichkeiten sind: 

1. Die Verdunipfiing des a zu o vor oder nach p, vjil. 
r>uck Greek Dialects 18; — 2. öv = civd; — 3. Wandel von 
o zu u in jrewifisen Fällen; — 4. -öi aus -ti; — 5. Die Form 
TTTÖXi^ und baüxva: — G. Das rronomen öve (thess.), övi (ark.), 
<lie Formen oi, ui; — 7. Die athematische Flexion der Verl)a 
contracta: — 8. Die Bewahrung der starken Stamme Kperoq, 
d^paoc; jjegenüber dor.-ion. KpdToc, dpdao<;: — 9. Weitj^eliende 
Ai)ok<)pe der IVilpositionen, i(; = il\ — 10. Kt statt der. kci, 
att. dv. 

A. Dns Südachiiische. 

AH. 1. Arkadisch (Co. 1181 — 1258, O. lIofTmann 

1,11 ir.). 

Vgl. Meister Gr. ü. 2, 75, O. Ho ff mann Gr. I). 1, 1'27 11". 

2. Kyprisch (Co. 1—212, Iloflmann 1, 35 fr.). 

Vgl. Meister (Jr. D. 2, 125(1'., (). Hoffmann Gr. D. 1, 127 ff. 

Anm. Der Zusammenhang des Arkadischen und Kyprisciien 
ist ganz zweifellos. Gemeinsanae Eigentümlichkeiten sind; (v = 
^v; — 2. IWhandlung der idg. Lahiovelare vor hellem Vokal; — 
3. Der Ty]>us lep^c;; — 4. Der Konj. -r\(;, -r) ; — 5. Die Präpo- 
sition ITÖq. 



§ 49. 50.j l)i(^ iinuMT (iliothMun;; dos CrriocluHchen. 43 

1^. Das Nordaohilische. 

4t>. I. Leshisch (Co. 2i:i— 819. 1270—11^77, 
Jlüirniann CJr. Dial. 2, 5:^, \]\). 

Vgl. Meister Gr. D. 1, 1 11'. ; Ilofftnann Gr. Dial. 2, 249 11. 

An in. 1. Der Namo T.ie8l)ls('h ist etwas /ii en^, und man 
satrte daher l'rüher ÄoHhcIi, was aber leicht zu MißverständnisHen 
führen kann. 

Anm. 2. Der lesbische Dialekt hat frühzeitig in der TJte- 
ratur Anwendung gefunden. Wir finden zunächst zahlreiche 
Aolismen bei Ut)mer, dann aber den ziemlich reinen Dialekt, nur 
durch die Überlieferung verderbt, bei Sappho und Alkaios, hrsg. 
im Dialekt von 0. Hoffniann 2, 129 ff., ferner bei Bergk Poet, 
lyr. gr. 3^, 82 ff., 146 ff. und die neuern Funde bei E. Diehl 
Supplem. lyricum (190S) 7 ff., 10 ü\ 

2. Thessalisch (Co. 324-373. 1278—1333, 0. Hoff- 
niann 2, 11, reicheres Material bei 0. Kern IG. IX, 2). 

Vgl. Meister Gr. D. 1, 287 flf.. Hoffmann Gr. D. 2. 

3. Böotisch (Co. 374—1144, Nachträge S. 389 fr.). 
Vgl. Meister Gr. D. 1, 201 ff., L. Sad6e De ßoeotiae titu- 

lorum dialecto, Halle 1903. 

Anm. 3. Gemeinsame Eigentümlichkeiten des Nordachäischen 
sind: 1. Die idg. Labiovelare treten auch vor hellen Vokalen als 
Labiale auf; — 2. der Dat. Plur. der 8. Dekl. geht auf -eaoi aus; 
— 3. das Part. Perf. Akt. hat die Endung des Präsens; — 4. die Ab- 
stammung wird durch ein patronymisches Adjektiv, nicht durch 
<len Gen. des Vatersnamens bezeichnet. 

Anm. 4. Über die Dialektmischung in Böotien vgl. Sadee 
a. a. O.; Solmsen Eigennamen als Zeugen der Stammesmischung 
in Böotien, Rh. M. N. F. 59, 481; M. Buttenwieser Zur Ge- 
schichte des böotischen Dialekts IF. 28, 1 ff. 

III. Das Ionisch-Attische. 
50. Das Ionisch-Attische ist gegenüber den beiden 
andern Dialektgruppen hauptsächlich charakterisiert durch 
den Wandel von ä zu r] und u zu iL Es zerfällt in 
Ionisch und Attisch. Diese Einteilung läßt sich zwar 
auch sprachlich begründen, da das Attische eine Reihe 
von Neuerungen kennt, die es von allen ionischen Mund- 
arten unterscheidet, ist aber im wesentlichen geboten 
durch die Ausbildung von Literatursprachen in Attika 
und im kleinasiatischen lonien. 



44 Einleitung. [§ 50. 52. 

Anm. loniHch-attißi'lie Kip:entümlicl»keiten pind: 1. iirgr. ä:r|; 
2. H wunie zu i); 8. das Uinsj^ringen der C^>nanlität, rio zu €uj; 
4. frühzeitiger Schwund des J-; 5. die Flexion TröXrio<;, iröXrii; 
6. der N. Tl. iiili€1<;, Oueiq; 7. die 3. Sg. Imperf. r\v; 8. die Infi- 
nit! vendung -vai; li. die Partikel öv. Spezifisch attisch ist: 1. der 
Wandel von ff» : ä nach p, i, e; 2. tt gegenüber ion. aa; 'S. <ler 
Schwund des ./ hinter v, p, X ohne P>8atzdeiinung, während das 
Ionische dehnt; 4. die Assimilation von pö : pp ; 5. der Gen, Sg. 
der maskulinen ä-Stämme auf -ou; 6. die Dehnung in den Kom- 
parativen peilujv, KpeixTiuv. 

A. Das Ionische. 

51. Das inschriftlicho Material bei O. Hoff mann 
Gr. D. :> und Co. 52G2 — 5755 (hrsg. von Bechtel). 

Auf (irund der Inschriften teilen wir das Ionische in 
drei Dialekte : 

1. kleinasiatisches Ionisch (Psilosis), 

2. Ionisch der Kykladen (Spiritus asper, verschiedent- 
lich Unterscheidung von altem und neuem r|), 

3. Euböisch mit den ^lundarten von Chalkis und 
von Erctria. 

Vgl. Kretsclnncr Zum eretrischen Dialekt KZ. 33, 567 fl'. 

Das Ionische ist neben dem Attischen der literarisch 
am besten überlieferte Dialekt. Als sein ältestes Denkmal 
gelten die Homerischen Gedichte, die wir al)er leider 
nicht als lautere Quelle des Dialektes ansehen dürfen, da 
wir es mit einer gemischten und z. T. künstlichen Dichter- 
sprache zu tun haben, deren Verhältnisse noch immer 
nicht genügend entwirrt sind. Vgl. v. Wilamowitz- 
Möllendorff Homerische Untersuchungen, P. C'auer 
Grimdfragen der Homerkritik. ^ 

Die Homerische Sprache. 

53. Grammatiken. Eine wirklich wissenschaftliche 
Grammatik des homerischen Dialekts, die das jjesamte Material 
rein statistisch, aber nach sprach wissenschaflliclien Gesichts- 
punkten geordnet, vorführte, fehlt, ist aber ein dringendes Be- 
dürfnis. An Handbüchern sind folgende zu nennen: 

Monro A grammar of the Homeric dialect-, Oxford 1801. 
— van Leeuwen und Mendes da Costa Taaleigen i\er Ho- 
merische Gedichten, deutsch von Mehler Der Dialekt der ho- 



vij 52.] Die innoro Gliedoriinp (Ich (iriochiHchen. 45 

merischon Gedichte, 18S6. — Cavullin Den liomeriHke (iialeiiton 
utjj:ifven of.Ioh. ruulson. I. Ljiuililra, Lund 1892. — van LeeiiNNon 
Kiuliiridiuin (lictionis cpicae. Lii^diini Bat. 1S94. — Cl. N'o^^rinz 
Grammatik den lIomoriBclieii Dialekts, Paderborn 1S89. — O. Na- 
zari 11 dialetto t)merico. Grammatiia e vocabulario, Turin 1893. 
— E. Frolnvein N'erhnm Ii(tm<>ri('nin. Die homerischen Verbai- 
formen zusammenj^esstellt, Leipzig 1881. 
Lexika s. o. S. 9. 

Die homerische Sprache ist für die historische 

griechische Grammatik eine Quelle allerersten Ranges. 

Sie muß im Vordergrund jeder Untersuchung stehen, und 

ilaher ist das Fehlen einer ausreichenden Grammatik 

um so mehr zu bedauern. Aber die homerische Sprache 

ist natürlich keine ungetrübte Quelle der Sprache, sondern 

sie zeigt eine Reihe von Erscheinungen, die man genau 

kennen muß, wenn man die Sprache zu geschiclitlichen 

Erklärungen verwenden will. Es ist vor allem eine 

Dichtersprache, die nicht jedes V/ort und jede Form der 

Alltagsrede verAvenden kann, sondern eben nur das, was 

für den Hexameter brauchbar war. Das führte einerseits 

zu Neubildungen, konserviert aber auch manches Alte. 

Anm. 1, Auf diesen Gesichtspunkt hat neuerdings K. Witte 
Singular und Plural, Forschungen über Form und Geschichte der 
griech. Poesie. Leipzig 1907 und Glotta 2, 8 flf. energisch hinge- 
wiesen. Er verweist auf J. E. Ellendt Einiges über den Ein- 
fluß des Metrums auf den Gebrauch von Wortformen und Wort- 
verbindungen im Homer. Programm Königsberg 1861 (= Drei 
homerische Abhandlungen, Leipzig 1864, S. 1 ff.). Witte führt in 
seinem Buche den Gesichtspunkt durch, daß bei der Verwendung 
des Singulars oder Plurals bei gewissen Worten metrische Gesichts- 
punkte maßgebend sind. Ein weiterer Fall ist das Durchdringen 
von Y] und o in der Kompositionsfuge, um metrisch unbequemen 
Silbenfolgen zu entgehen, z. B. dXaqprißöXog, ^KaTrißöXoq oder die 
Bewahrung altertümlicher Bildungen in öbonröpoq. Der metrische 
Gesichtspunkt muß also bei allen Untersuchungen im Auge be- 
halten werden. 

W^eiter aber haben wir es bei Homer nicht mit einem 
reinen Dialekt, sondern mit einer Mischung zu tun. Es 
finden sich nämlich bei ihm zahlreiche, ofi'enbar alter- 
tümliche Formen, die nicht ionisch, sondern äolisch sind. 
Daraus schließt man jetzt mit Recht, daß die epische 



4G Einleitung. [§ 52. 53. 

Sprache ihre erste Ausliildung in Aolien erhalten hat. 
A. Fick nimmt sogar an, daß die uns vorliogonden 
homerischen Epen nrsprünglicli in äolischer Mundart ah- 
gefaßt waren und später erst in das Ionische umgesetzt 
wurden. 

Anui. 2. Vgl. Fick Die Entstehung des homerischen Dialekts 
BB.7, 139 fr.; — Diehom. Odyssee in der ursprünglichen Sprachfdrra 
wiederhergestellt, Göttingen 1883; — Die honi. Ilias nacii ihrer 
EntHtehung betrachtet und in der urs])rünglichen Sprachform 
■wiederhergestellt, Göttingen 1886; — Diis Lied vom Zorne Achills 
BB. 21, 111".; — Die Erweiterung der Menis BB. 24, 111. Einen 
Versuch, den angeblich ältesten Teil der Ilias, die 80g. üriliaB, 
ine Aoiis^che umzusetzen, unternimmt auch F. Bechtel bei C. Ro- 
bert Studien zur Ilias, Berlin 1901, S, 258 tl". Aber er sagt jetzt 
Die Vokalkontraktion bei Homer, XI: «Die Sprache des A und 
«ler mit ihm gleichstehenden Teile habe ich früher für rein äolisch 
gehalten. Heute kann ich das nicht mehr . . . Was Fick zu- 
letzt für die Sprache seines Erweiterers konzedierte, daß sie eine 
leichte Beeinflussung durch die Jas erfahren habe, das gilt schon 
für die älteste Schicht. Das reine äolische Epos vermögen wir 
nicht mehr zu erreichen.» 

Die Annahme Ficks, die an sich durchaus miiglich ist 
und durch zaldrciche Analogien gestützt werden kann, 
scheint mir nicht bewei8])ar zu sein, und sie ist auch für die 
Grammatik nicht von Bedeutung. Für diese handelt es 
sicli vielmehr darum, die iudischen Formen festzustellen. 

'hi. Die h au ]) t säch li ch sten Äol isme n bei Homer. 

Vgl. vor allem G. Hin rieh s De houjericae elocutionis ve- 
stigiis aeolicis 1875. Weitere Literatur bei Thumb Handbuch 
S. 313. 

1. u statt in üinu^iq 'zusammen' zu ü|aa; uXXuöic; 'nach einer 
andern Seite' zu äXXoq; imaixvyepiix; 'schmählich' ; ÖYupi^ ' Ver- 
sammlung" zu ^tfopd; inaöainepoc, 'nahe aneinander, dicht getlrängt' 
zu ttYX^ 'nahe', Komp. aoaov, daneben (iaaoTfc'puj. Der Lautwandel 
zu u (= u) ist lesbisch gut bezeugt, vgl. Thumb 4j 255. Les- 
bisch ist auch wohl ('ivdjvuiaoq 'namenlos' gegenüber övo|na 'Name', 
obgleich das Wort auch sonst ganz gewöhnlich vorkommt. 

2. op und po statt ap und pa steh.en verschiedentlich im 
Text und sind als äolisch anzusehen, für das dieser Lautwandel 
besonders charakteristisch ist (Thumb S. 25.')'!; so in dem mehr- 
fach fiberlieforten TTopbaXK; 'Panther', in viuppoTOv, Aor. zu A|aap- 
Tdviu 'verfehle', att. iiiiapTov; öpxaiaot; m. 'Herrscher': öpxiw 



§.*)".] \)h) iiiiuMc ( ilicilcniiii,' «Ich (iriocliiHchen. 47 

'liorrBclie'; «?Yp/iYopOai '"wncli Hein'' : ^Y^^P^ '"wecko"': r|Top n. 'Herz' 
(vgl. J. Schmidt Ntr. 177). 

3. Narli dvv AiiMii'ht der meisten l'orsclier IhI daH bei Homer 
voricommende a Htutt ion. )} iloliRci», z. \\. (Jen. Sg. 'Axptfbäo, \äö<; 
'Vollc\ Gen. Plur. iTuXctuJv 'der Tore\ 'Ep|a€iä<;, bii^ictujv 'dürstend', 
fe'dcTai 'lassen', zu t'atu, NauoiKoia. Weitere Beispiele bei van Leeuwen 
8. '2{j. Nur Korscli (vgl. IV. Anz. 7, 51) hält dieses ä für eciit ionisch. 

4. ca- statt bia-. ZäY\<; 'stark, heftig wehend', IdOeoq 'sehr 
t;öttlich\ cdKOToq 'sehr zornig', laiuevriq 'sehr kräftig, mutig', la- 
Tpeq^'ic; 'woiilgenährt, fett, stark', Z;acp\6Yr)(; 'sehr f( urig', Zaxpr\r]c, 
""heftig anstürmend'. Daß in diesen Fällen Zia- für bia- steht, ist 
sicher. Von den Grammatikern wird diese Erscheinung, die auch 
inschriftlieh überliefert ist, äolisch genannt. Freilich liegt die 
Möglichkeit vor, daß sich dieser Lautwandel aucli anderswo voll- 
zogen hat. Vgl. O. Ho ff mann 2, 514. 

5. Eine Hanpteigentümlichkeit des Aolischen ist die Ver- 
schiebung der Silbengrenze und die damit verbundene Verdoppe- 
lung der Konsonanten. Als äolisch sind vor allem die aus -ö|u-, 
-öv- entstandenen -|li|li-^ -vv- anzusehen, wie in ämLi£, äujue^, ä|Lim 
= i^ixelq 'wir', üjuiueq, iJ|U|ue = üjueii; 'ihr', Inf. ^,u|Lievai 'sein'; äp- 
Yevvöc; 'weiß' aus äpYea-voq (att. müßte es dpY€ivö(; heißen), ^pavvo<; 
'lieblich' (zu Ipwc, 'Liebe'), ^peßevvöq 'dunkel' (zu ^peßo«; n. 'Fin- 
sternis'), qpaevvöq 'glänzend' neben qpaeivöt; (zu qpdo^ n. 'Licht'). 
Hierher gehören auch einige Fälle, in denen / zur vorhergehenden 
Silbe gezogen ist, wie eüabe 'gefiel': dvbdvuu aus *6a/db€. Ferner 
das häufige Doppel-aa, wie ijeXeaaa usw. 

6. Labiale an Stelle von Dentalen für alte Labiovelare: m- 
oupec; *vier', iesb. -neoovpeq, att. T€TTape<;; TieXujp n. 'Ungeheuer', 
wovon Tr6\djptO(; 'ungeheuer groß' gegenüber xeXujpiov (Inschrift 
von Memphis, vgl. KZ. 34, 536), äqpevoc; n. 'Reichtum' zu euöeveo» 
'im guten Zustand sein', eu^eveia f. 'blühender Zustand, Fülle', 
TreXei, ireXeTai 'sich bewegen': emTeWai 'gebe auf. Vgl. hierzu 
Bezzen berger BB. 16, 255, Solmsen KZ. 34, 536 f. 

7. Der Spiritus lenis, s. § 54. 

8. Der Anlaut irr- in TiTÖ\e|Lioq, tttöXi^ usw., vgl. Jacobsohn 
KZ. 42, 264 ff. 

9. Die Nominative der Mask. der 1. Dekl. auf -a: veqpeXri- 
Yepexa 'Wolkensammler', larixiexa 'Kater', eupuDira 'weitschauend', 
iiruöxa 'Eosselenker'. Von den Grammatikern werden diese No- 
minative als äolisch bezeugt. Böotisch sind inschriftlich Nomi- 
native ohne -c, vorhanden, wie TTu^ioviKa, KaXXia. 

10. Die Flexion epo(;, ^pov statt Ipujf;, Dat. feXuj, Nom. y^Xo«; 
statt feXujc,. 

11. Der Dat. Plur. der 3. Dekl. auf -eao\, Iesb. TToXieaai 
usw. Homerisch sehr häufig. 



48 Einleitung. [§53.54. 

12. Die Emlunjr -qpiv, Soliiisen RhM. 56,475. 

13. Die Pronotnina äaueq, üiaueq 'wir, ihr\ 

14. Die Flexion der Verba contractu nach der pii-Flexion. 
Diese sind nur in wenigen Fällen erhalten, so in dTTeiX/iTriv 'sie 
bedrohten' (\ 313), irevO»'i,uevai 'entbehren', TTodti|Li€vai 'begehren', 
(piXiilLi€vai 'lieben', qpoprmevai 'tragen'. Vgl. ßechtel Vocalcon- 
traction 158. 

15. Die Endung -aöa auch in der 2. Pers. Präs., honi. ti- 
OrjöOa, id^X}]a\}a, KXaioiöda. Belege bei Curtius Verb. 1-, 5011". 
Vgl. Solmsen KZ. 39, 205. Diese Endung stammt aus dem Per- 
fektuni und findet sieh attisch nur in f|aOa, ^q)r)ööa. fjbrjööa, 

16. Die Aoriste auf -aaa wie öaöaaai 'schwören', KoXioaai 
'rufen', vgl. W. Schulze KZ. 33, V26. 

17. Plusquamperfekta wie i)iii^Y]Kov von )ariKttO|aai 'blöken', 
iTiicpvKOv sind dem Ionischen ganz fremd und gehören wahr- 
scheinlich zu den Aolisnien, vgl. W. Schulze GGA. 1^97, t<99. 

IS. Die Partizipia Perfekti auf -uuv, -ovroq, xeKXriYOVTec; M 125 
(als Variante neben KeKXiiYÜuxeO. Diese Neubildung ist ein be- 
sonderes Kennzeichen des nordachäischen Dialekts. 

19. Die Infinitive auf -|aevai. 

20. Die Bezeichnung der Abstammung vom Vater durch ein 
Adjektivum gegenüber s(jnstiger Bezeichnung durch den Genitiv. 

21. Das Zahlwort la für \iia. 

22. Die Partikel Ke(v). 

23. Sicher sind auch Verschiedenheiten im Wortschatz und 
in der Wortbildung vorhanden gewesen. So ist bibr|ui ä< »lisch, 
gegenüber b^uj. lon.-att. heißt es i'-j öeog, äol. ded. TT^Xtup. ire- 
Xibpioq 'Ungeheuer' ist äolisch. 

Die äolischen Elemente konnten sich im allgemeinen nur 
da halten, wo das Metrum sie forderte, oder wo sie in Formen 
standen, die der spätem Sprache fremd waren. Es ist höchst- 
wahrscheinlich, daß zahlreiche Aolismen beseitigt sind, weil es 
eine metrisch gleichwertige i(mische F«>rm gab. Aber auch das 
Metrum hat niciit immer Neuerungen verhindert, und man hat 
Formen eingesetzt, die es nie gegeben hat. z. B. KeKXtiYLÜTcg : KXdZiu 
'töne'. Sprachlich möglich ist nur KeKXrjxöxtq. Metrisch wird 
aber eine Länge gefordert, die die äolische Form KeKXnfovTet; ge- 
währt. 

In der homerisciien Sprache werden schließlich auch noch 
andere dialektische Eigentümlichkeiten vorhanden gewesen sein. 
Ich weise hier nur hin auf toi und Tai statt ol und al. Formen, 
die weder ionisch noch äolisch sind. 

54, F^ine weitere s})rachliche Umgestaltung hat 

unser llomertext dadurch erfahren, daß er durch attische 



§54.55.] Die innere (iliedernn^' (los Griechifichen. 49 

Hände gegangen ist. Er hat daljci zaiilreichc Attizisnion 
aufgenommen. Sie sind schon deni Aristarch aufge- 
fallen, der diese Erscheinung nur durch die Annahme er- 
klären zu können glaubte, daß Jlomer ein Athener ge- 
wesen sei. 

Anm. 1. Vj2:l. über die ganze Frage die HomeriHchen ünter- 
t^uchungen von Wilanio witz -Mollen dor ff in Phil. Unters., 
lirsg. von A. Kießlingu. U. von W.-M. 7, 235 IF., Cauer (Jrundfr. 94. 

Es kann jetzt keinem Zweifel unterliegen, daß unsere 
Homertexte im wesentlichen auf einer attischen Rezension 
beruhen. Um die Einwirkung einer solchen zu verstehen, 
braucht man sich nur an die Verhältnisse in unserm 
Mittelalter zu erinnern, wo die meisten Handschriften 
Mischdialekto zeigen. Man setzte eben in die Abschrift 
ganz natürlich die Formen ein, die einem selber geläufig 
Avaren. 

Anm. 2. Att. sind z. B. lueiZiuuv 'größer, Kpeiaauuv "^stärker' für 
don. |u^Z:uuv, Kp6Göujv(Brugmann SB. d. KSG. d.W. 1897, 185 ^), dT^ripdvri 
(O 347), ivTav^a, ^vTeOOev für ion. ^vöauxa, dvOeöxev (Wackernagel IF. 
14, 370*), äaaov statt üttov (Lagercrantz 35 ff.), xa^öZie statt xa^dZe 
(Lagercrantz 135), die Schreibung oi für o, um die Länge zu be- 
'/eichnen. v. Wilamowitz verweist auf die Ersetzung von luevai 
durch idvai, von iioa biav durch r\(b biav, von |Liei\ixioicri /eireaöi 
durch )Li€i\ixioi<; 4.Tieeoa\, von ai kgv durch riv tcou. Wackernagel 
Verm. Beitr. 5 hält auch den Spiritus asper für attisch, weil ja 
sowohl der äolische wie der ionische Dialekt Psilosis hatten. 
Tatsächlich hätten auch nur die Worte den Asper, die zugleich 
im Attischen vorhanden waren. So heißt es KaOa\\o|uevri : öXtg 
sprang', äX,uevoc;; ä|Lia : äjuubK;; dqpajiiapTdvuj : dirriMßpoTov; e : exric; 
■^Verwandter'; i^^i^^«^ • o'l^l^^'Si ^(p-ri,uepio<; : auTfijLiap; üjueT«; : i)]a|aiv. 
Dem gegenüber hält H. Jacobsohn Der Aoristtypus d\TO und die 
Aspiration bei Homer Phil. 67, 325 ff., 481 ff. die Psilosis für 
äolisch. Die Aspiration müßte dann aus dem Inselionischen 
stammen, wo, wie wir wissen, h erhalten geblieben war. Zweifel- 
los ist Wackernagels Annahme durch Jacobsohn stark erschüttert. 

55. Man hat auch angenommen, daß zahlreiche 
Fehler bei Homer entstanden sind, als ein Text mit alter 
Orthographie, die für kurzes und langes e und o nur E 
und schrieb, in die neue Orthographie umgesetzt wurde. 
Manche homerische Formen scheinen durch diese Annahme 

Hirt Griech. Laut- u. Formenlehre. 2. Aufl. 4 



50 Einleitung'. [§ 55. 56. 

allerdings überraschende Aufklärung zu finden, vgl. bet^. 
Wackernagel, BB. 4, 259 ff. Gegen diese Annahme hat 
sich V. Wilamowitz-Möllendorff Ilom. U. 305 fif. ausge- 
sprochen, während die alte, schon von den Alten auf- 
j^'estellte Annahme wieder von Cauer Grdfr. verteidigt 
wird. Im allgemeinen wird man gut tun, nicht zu 
starkes Gewicht auf diese Fehleniuelle zu legen, die in 
einzelnen Fällen zweifellos anzunehmen ist. 

Vgl. Fiek BB.30, 286 ff., Thumb 320, wo zahlreiche Beispiele. 

56, Außerdem zeigt die homerische Sprache noch 
eine Reihe von Eigentümlichkeiten, die nicht in der 
Volkssprache, sondern z. T. durch die Metrik und Rhyth- 
mik bedingt sind. 

1. Die metrische Dehnung. 

Vgl. die Schriften von W. Schulze, Danielsson, Solmsen^ 
oben S. 11. Sommer Glotta 1, 219 ff. ist verfehlt, vgl. Witte 
Glotta 2, 8; G. M. Bollin^ Contributious to the Study of Ho- 
meric metre. I. Metrical l^enghtening and the bucolic Diaeresis.. 
Am. .Tour, of Phil. 28, 401 ff. 

Die metrische Dehnung besteht unzweifelhaft darin, 
daß in einer Folge kurzer Silben oder solcher, die nicht 
in das Metrum passen, eine gedehnt wird. Wir haben es 
hier mit einer wirklichen Dehnung zu tun, nicht etwa 
nur mit einer freiem Bauart des Hexameters, obgleich 
solche ursprünglich bestanden haben wird. So wie uns die 
Homerischen (Jedichte vorliegen, sprach man wirklich 
dddvaTOi, uTieipoxog. 

Während bei a, i, u die metrische Dehnung graphisch 
nicht ausgedrückt werden konnte, wird für e und ö meist 
fci und ou geschriel)en. F'ür o vor V^okal weist Solmsen 
Gr. L. u. V. 94 ff. auch die Schreil)ung oi nach in oieieaq 
'gleichaltrig', oi'ie^ 'Schafe', yeXoiiov 'lächerlich, iiTVOuicrev 
'wußte nicht', ttvou'i 'Hauch, oXoiöq 'verderblich'. 

Anm. Schnlzes Ke^'cln. die er in seinen Qu. Kp. aufge- 
ötellt hat, sind im Laufe der Zeit etwas moditiziert worden. Ks 
gilt alHO folgendes : 

A. In der Ar eis wird als Lilnpe gehraucht: 

1. Eine von drei oder mehreni Kürzen innerhalb eines 



§56.] Die innere Cilieiloninj? des CiricchiHchen. 51 

Wortes 0(.l<ir oinor znsammenhilnf^'onden Wort^rnppo, wozu vor 
alltMn eine !'iiii>ositi«>n mit dem aljhiliigij^oii Kühuh j^'chört. 

a) Von drei Kürzen wird tue erste ^'edehnt in vier- nnd 
melirsill)i<j:en Worten: ('({>üv(xto(; 'miKterhlicir, dKä^arot; 'uner- 
milillieir, ävt'(j)€Xoq 'nnbewrdkf, ünäXuinoq 'Iril^', un^'eHcliickt, d.(paO[r\ 
'SprachloHi«;keit' (überliefert d|Liqpaairi), dirov^eöOai 'zurü(;kkehren\ 
diroTTt'aJiai : diroTriTTTiu Talle herab\ d-rrobiiuinai 'verfolj?e\ yeivo^evoc; 
'geworden', biOYGvp^'von Gott Rtauimend\ Aüvaibri(;, AouXi'xiov, bou- 
\iXob€{p»juv '"lungbalsig", Aüvaintlvri, etapivöq 'zum Frühling gehörig"', 
€iXdTivo<; 'zur Fichte gehörig', ei\iTToba<;, eivdtepeq 'Frauen zweier 
Brüder' (: l../(0<t7r/(r.s), eiXaTuivri 'Festychmau«' (zu lat. roluptas, nicht 
ganz sicher, vgl. Schulze Qu. Ep. 166), eipeairj 'Iludern', Eip^xpia, 
döyaT^poc; 'der Tochter"', 'laTTGTÖ!;, Ködveoq 'dunkelfarbig', iiiübaX^oc; 
'feucht, benetzt', ouXöiuevoq 'verderblich', irävaTraXöq 'ganz zart', 
TTeipiöooc, TTpiainibi'ic;; TTOuXußoTeipO, TTouXubd.uac; , TrouXrjTrobaq 
axeiXeiöv 'Stiel der Axt', Teipeaiac; : xdpag 'Wunder'. Ferner die 
Verbindungen wie eiv dYopfl, eiv iepf), d\ 'lOdKri. 

ß) Auch aus drei Kürzen bestehende dreisilbige Wörter 
werden zuweilen gedehnt: dvepi 'dem Mann', dopi 'dem Schwerte', 
e(v dXi 'im Meere', eiv ^vi biqppuj 'auf einem Wagen', iepd 'heilig', 
kouXglü 'Schwertscheide', laeiXavi Dat. zu \xi\ac, 'schwarz'^ 
ouvo|Lia 'Name', oupea 'Berge', TreiKexe : tt^kuj 'kämme', xeipea 
'Wunder', übaTi 'Wasser', qpdea 'Lichte'. Ebenso, wenn die letzte 
Silbe geschlossen ist, demnach sehr leicht als Länge gebraucht 
werden konnte, und ein Zwang zur metrischen Dehnung nicht 
vorliegt, z. B. dvepoq 'des Mannes', oüpeoc; 'des Berges', ubaroc; 
'des Wassers', lepöq, Trieuev 'trinken', oiie«; 'Schafe', aüvex^? 'zu- 
sammenhaltend', jLieiXivoq 'eschen', oüXajuoq 'Haufe'. 

y) Bei vier Kürzen wird die zweite gedehnt: aXeiaxa 'Mehl', 
dirGipdcrioc; 'unbegrenzt', YeXoiiov 'lächerlich'; buqpiXoq 'von Zeus 
geliebt'; ^peio|Li€v 'wir wollen fragen', dXoljeov 'sie wuschen'; ine- 
|LiäOT€q 'begehrend' neben ine.uduj;; 6|LioiiO(; 'ähnlich'; uTieip dXa 
'über das Meer', uireipoxot; 'hervorragend', i^Tieipexe, -^xov, 'halte 
darüber', O-rreipeßaXGv 'warf darüber hinaus', 'Y-rreipoxibriv. Auch 
unter diesen sind zahlreiche Fälle, in denen ein absoluter Zwang 
zur Dehnung nicht vorgelegen hätte, sie tritt aber doch ein, bes. 
in der Stellung vor der bukolischen Zäsur, Solmsen Unters. 1 ff. 

b) Bei fünf Kürzen die dritte: laexeKfade 'ging nach'; dire- 
peima, entsprechend direpeiaiog vor Vokal, aber direipeaioq vor 
Konsonant. 

2. In Wörtern, die einen Antispast _^ ausfüllen, die 

den beiden Längen vorausgehende Kürze: öiiiriaeiev: duido) 'mähe'; 
eiXriXouda 'bin gekommen' nebst EiXeiOuia, 'AttöXXluvi, OuXi))Lnroio ; 

aber auch in der Folge , z. B. OuXü|aTrou, "Aprjoq (Danielsson 

34). Vgl. hierzu noch E. Herrmann IF. 25, 285 ff. 

4* 



52 Einleitung. [§ 56. 57. 

B. In der Thesis werden als Längen gebraucht: Kürzen, die 
auf beiden Seiten von I-,äng('n umgeben sind (' - ^ -^), Schulze 
stellte dafür folgende besondere Bedingungen auf: Ks wird ge- 
dehnt: 

1. Jeder beliebige Vokal, wenn ihm /"folgte: irXeiu) 'fahre', 
TTveiuj 'atme\ iiYvoirjöe 'wußte nicht'. 

2. Die Vokale i und v vor Vokal: dKoiiiOTiri 'Mangel an 
guter Pflege', {öuTTTiuuva 'gerade fliegend', Trpodu|Lii);iai 'Freudigkeit', 
^pnTuovTO 'zurückhalten'. Doch bestreitet Danielsson 51 mit 
Recht die Gültigkeit dieser Kegeln. Es können vielmehr auch 
andere Vokale an dieser Stelle gedehnt werden: s. § 57 Anm. 

57. 2. Die epische Zerdehnung. 

Literatur: Leo Meyer KZ. 10, 45 If., Wackernagel 
BB. 4, 259 11"., Kretsciimer Griech. \'a.seninschriften 121, 2, 
Danielsson Zur metr. Deluuing 64, Eulenburg IE. 15, 177 AT., 
Ehrlich Rh. M. 63, 107 11'., Soluisen KZ. 44, 118 ff., 160. 

Das Material für die sonderbare Erscheinung ist von 
B. Mangold Curt. Stud. G, 139 ff. gesammelt worden. 
Sie selbst besteht darin, daß statt Längen, die meistens 
durch Kontraktion enstanden sind, eine zweisilldge Form 
eintritt, in denen der lange Vokal in eine Kürze und eine 
Länge zerlegt wird. Aus opdiu wurde opüu ich sehe', bei 
Homer aber finden wir opooi; ebenso öpdaq für 2. Sg. 
opa^, 6p6uj|Liev für 1. PI. Opt. 6püj|aev. Nur wenn die zweiten 
Vokale durch Position oder Natura lang waren, tritt die 
Zerdehnung ein. Wir linden also wohl öpooj statt öpduj, 
opdag statt opac;, eiaopömai statt eicropdoucTi, öpöujv statt 
opdujv, öpdacrdai statt öpdcrOai, aber nicht 6p6o)uev statt 
6püu)aev. Ferner spielt der Akzent insofern eine Rolle, als 
nur betonte (meistens zirkumllektierte) Formen betroffen 
werden. 

Anm. Wo die erste Silbe der Zerdehnung als Lilnge er- 
scheint, handelt es sich um Vermeidung der Silbenfolge — ^ — , 
z, B. f]Yöaaöe, uire^vüaöOe, laväaööai, ^evolVliJlu, |ievoivr)r)(Ji, i^ßiijoini, 
r^ßibovTa, f)PÜJ0VT€(;, »^püuuaa. uamiüium, |iai|aibiuv, |ial^dlU)aa, vgl. 
Danielsson Z. metr. Dfhnuni: 06 ff. 

Leo Meyer gelten die «distrahierten» Formen, wie 
opouu, 6pua^ als organische (wenn auch in der Über- 
lieferung teilweise entstellte) Vorstufen der kontrahierten, 
Wackernagel dagegen als rein künstliche CJebilde, di«^ in 



§57.58.) l>i(* iinKMc (IliodiTiin^ (Ich ( JritMliiHclien. 53 

rinor jün«2,()ni Zeit dv\n Stre])oii zwisclien (l<i' in der lel)en- 
(len Sprache schon ausschließlich herrschenden Kontraktion 
und d(»r vom Metrum p;<*'*ordort(in Diäresis 7A1 vcrmittehi 
entsprunu^cMi und erst naelitni<^dich an Stelle der echten 
Hiatt'ornien (opdoj, -deig usw.) in die altepischen Texte; 
eingeschwärzt worden seien (l)aniels.son 64). Kretschmer 
schliel.Uich ninnnt an, dal.s die Aussprache der durch 
Kontraktion entstandenen ü und uu in «homerischer Zeit» 
ihrem Ursprung aus zwei Vokalen gemäß eine derartige 
war, daß sie zweisilbig gemessen werden konnten. Viel- 
leicht wurden sie mit zweigipfligem Silbenakzent ge- 
sprochen. Eine derartige zweisilbige Messung schleifender 
Vokale findet sich im Rgveda. Danielsson glaubt, daß 
jede der drei Erklärungen auf eine bestimmte Anzahl 
von Fällen passe. 

Ehrlich vertritt in ausführlicher Darstellung die 
Kretschmersche Ansicht und nimmt demnach Überlängen 
an. Ich kann aber nicht finden, daß seine Ansicht über- 
zeugend wirkt, wenngleich sie natürlich möglich ist, und. 
halte an der Wackernagelschen Erklärung fest, wie auch 
Solmsen a. a. 0. 

58. 3. Alte und junge Formen nebeneinan- 
der. Die Frage, ob die homerischen Dichtungen das 
Werk eines Mannes sind, ob sie aus mehrern Liedern 
zusammengefügt oder ob ein vorhandener Grundstock, 
einmal oder mehreremal überarbeitet ist, sollte sich z. T. 
wenigstens mit Hilfe der Sprache entscheiden lassen. 
Tatsächlich werden bei Homer Sprachformen nebeneinander 
verwendet, die nacheinander entstanden sind. So finden 
wir nebeneinander Genitive auf -oio und -ou, auf -äo und 
-eiu, auf -]'\oq und -guj^. Das J^ übt noch seine "NMrkung 
aus, ist aber auch vernachlässigt. Die Formen der Prä- 
position €<; und d<; 'in' sind ursprünglich so verteilt, daß 
iq vor Konsonant, eiq vor Vokal stand. Aber zuweilen 
ist dieser Unterschied auch verletzt, und solche Verse 
gehören zweifellos einer Jüngern Zeit an. Daß kontra- 
hierte und unkontrahierte Formen nebeneinander stehen , 



54 Einleitung. [§58.59. 

ist bekannt. Für diese Frap:e hat Bechtel Die Vokal- 
kontraktion ))ei Homer, Halle 19(18 einen Vorstoß 
unternommen, der leider dadurcli beeinträchtigt wird, daß 
er nicht das gesamte Material heranzieht und außerdem 
nicht die Sprache zugrunde legt, sondern von der auf 
anderm Wege gewonnenen Ansicht über das Alter ver- 
schiedener Partien ausgeht. 

Wir seilen nun aus dem Fortleben der homerischen 
Sprache, und wir können das auch sonst in der Dichter- 
spraehe beobachten, daß man ganz unbekümmert alter- 
tümliche Formen, die längst aus der lebenden Sprache 
verschwunden waren, weiter verwendet. Also können 
auch bei Homer die altertümlichen Formen nicht viel 
beweisen. Viel wertvoller sind ausgesprochen jüngere 
Formen, o])gleich es auch hi(T leicht geschehen kann, 
daß bei dem großen Reichtum der Dichte rsp räche an 
formelhaften Wendungen und bei der großen Leichtigkeit, 
sie zu handhaben, altertümliche Formen in alten Versen 
durch jüngere Formen ersetzt werden. Nur wo sich also 
jüngere Formen in größerer Anzahl in zusammenhängen- 
den Stücken finden, wird man an jungen Ursprung denken 
dürfen. 

Das spätere Ionisch. 

50. Herodot bietet uns das erste Werk in 
ionischer Prosa. Der Text ist aber in dialektischer Hin- 
sicht nur mangelhaft überliefert. Einen V^ersuch, ihn in 
der ursprünglichen Dialektform herzustellen, hat Fritsch 
unternommen, Herodotus, Textausgabe für den Schul- 
gebrauch, Ivcipzig, Teubner 1899 fT. Der Dialekt Herodotw 
war auch nicht rein, sondern Herodot verwandte ohne 
Bedenken homerische Formen, um seiner Sprache eine 
größere Schiinheit zu geben, z. B. voöCToq 'Krankheit, ouöoq 
'Schwelle', dagegen regelrecht voCTtiu, weil Homer dies 
nicht kannte, doiböq Sänger' aber paijiujböq, Kii>apuj66q, 
fltraov geringer', aber €(T(Tou|aai besiege', uireipoxog, eipeain, 
ouvo|aa (metrische Dehnung), viioq, ion. veuj<; 'Tempel'. 



§59 — Gl.] Diu liinon» (Jlioderun^' «Ich (Jriechischen. 55 

Audi die s])iltorn SchriftHtrllcr, wie Ilippokratc-s, 
Herondas usw. schrieben kein ganz reines Ionisch, sondern 
waren wiederum von llerodot und Homer a])hängig. 

B. Das Attisclie. 

HO, Der reine attische Dialekt ist mit Hilfe der 
ITandschriften nicht ganz sicher festzustellen, weil sich 
vielfach Formen der KOivr| eingeschlichen haben. Von 
hervorragender Bedeutung sind aber die Angaben der 
spätem Grammatiker, die oft die Unterschiede zwischen 
Attisch und der Gemeinsprache hervorheben. 

Anderseits beruht eine ausgebildete Schriftsprache 
selten auf dem reinen Volksdialekt. Schreiben ist eine 
schwere Kunst, und jeder, der schreibt, richtet sich nach 
Vorbildern. So sind denn auch die ältesten attischen 
Prosaiker, wie Thukydides, von den Vorgängern auf ioni- 
schem Boden abhängig, und er schreibt daher sicher un- 
attische Formen, wie z. B. crcr für tt. Daß das Drama 
und die Lyrik kein reines Attisch schrieben, braucht kaum 
hervorgehoben zu werden. Reiner ist natürlich Aristophanes 
in der Komödie, der sich in höherm Maße an die Volks- 
sprache anschloß. Wie man in Attika gesprochen hat, 
erkennen wir am besten aus den Inschriften, deren Sprache 
Meisterhans Grammatik der attischen Inschriften, 3. Aufl. 
1900 vortrefflich dargestellt hat. Aber auch in ihnen 
herrscht ein konservativer Zug, so daß die Sprache der 
Inschriften, namentlich der offiziellen, sicher hinter der 
Entwicklung der Umgangssprache zurückblieb. Weitere 
Literatur bei Thumb 360. 

IV. Die Gemeinsprachen. 
61. Es ist ein ganz gewöhnlicher Vorgang, daß 
in einer größern Sprachgemeinschaft ein oder mehrere 
Dialekte ein gewisses Übergewicht gewinnen, sei es durch 
eine größere politische Macht der Sprecher des Dialekts 
oder durch eine ausgebildete Literatur. In solchem Falle 
geben häufig die übrigen Dialekte ihre Besonderheiten 
auf, teils um die Verständlichkeit zu fördern, teils aus 



56 Kinleitun-;. [§ 61. 

bloßer Nachalimung. In Griechenland liaben sich eine 
ganze Reihe Literatur- oder Gemeinsprachen ausgebildet, 
die schließlich alle \on der sog. KOivi'i verdrängt sind. 
Diese beruht in ihren lautlichen Eigentümlichkeiten, die 
für die Beurteilung eines Dialektes maßgebend sind, im 
wesenthchen auf dem Attischen (ä nach p, i, e ist allein 
attisch), doch ist sie mit vielen fremden, namentHcli 
ionischen, Elementen vermischt. Eine solche Mischung 
hat jede Scliriftsprache aufzuweisen. Die koivi'i, so inter- 
essante und wichtige Probleme sie sonst bietet, hat für 
die Zwecke dieser Grammatik nur geringe Bedeutung. 

An 111. Die wichticjsten Arbeiten über sie sind: 
V. Wilamowitz Die Entstehung der «jriecli. Schriftsprachen^ 
Verhandl. der Pliilolo«?enver8. zu Wiesbaden, 1878, S. 36 If. — 
E. Zarncke Die Entstehung der griech. Literatursprachen 1890. — 
R. Maaß Untersucliungen zur Geschichte der griechischen Prosa, 
Herrn. 22, 566 fl". — »Scliweizer Graninialik der pergamenischen 
Inscliriflen; vor allem aber Thum)) Die griechische Sj^iache im 
Zeitalter des Hellenismus. Beiträge zur Geschichte und Beur- 
teilung der Koivi]. 1901. — Kretschmer Die Entstehung der 
Koine. 1900. SB. Wien. Ak. 143. 

Eine Literatursprache mit allen Eigentümlichkeiten 
einer solchen ist auch der homerische Dialekt. Neben 
dem Attischen und dem Ionischen, die beide in der 
Interatur Verwendung fanden, hat sich auf dem Peloponnes 
noch eine besondere Schriftsprache ausgebildet, die sog. 
achäiseh-dorische KOivn, vgl. Meister Gr. D. 2, 81 ff., die 
in der Zeit von c. 250 v. Chr. bis ungefähr zum Ende der 
römischen Republik geschrieben wurde. Sie wurde vor- 
zugsweise in Arkadien angewendet und beruht auf dem 
Nordwestgriechischen. Vgl. noch Bück The source of 
the so-called Achaean Doric KOivn. Am. Juurn. of Phil. 
21, 193 ff. 



§ 62.] 57 



Erster Haiiptteil. 
Laut- und Akzentlehre. 



Sechstes Kapitel. 
Sprachphysiologische Vorbemerkungen. 



0!2. Wer sich mit irgendeiner Sprache wis.sen- 
schaftUch beschäftigen will, muß über zwei allgemeine 
Gebiete wenigstens einigermaßen orientiert sein : die Laut- 
phyeiologie oder Phonetik, d. h. die Bildung der Laute, 
und die Sprachpsychologie, d. h. die psychischen Gesetze, 
denen wir beim Sprechen unterliegen. Die genaue Kennt- 
nis beider Gebiete ist Avichtiger als etwa das Studium des 
Sanskrit oder andrer idg. Sprachen. Man sollte sie als 
selbstverständlich voraussetzen, bei denen, die sich jahr- 
aus, jahrein mit der Sprache beschäftigen. Aber leider 
fehlt es gerade in dieser Beziehung oft sehr, und die 
einfachsten Tatsachen sind unbekannt. Über beide Ge- 
biete können hier nur kurze Bemerkungen gegeben werden, 
die nur dazu dienen sollen, das in der Grammatik An- 
geführte zu erklären. 

Um in die Phonetik einzudringen, dazu dient am 
besten eine Vorlesung über Phonetik, die wohl jetzt an 
den meisten deutschen Universitäten zu hören ist. Die 
mündliche Unterweisung bietet wegen der Eigentümlich- 
keit des Gegenstandes unendlich viel mehr als jedes Buch 
leisten kann. 



58 Laut- und Akzentlchre. [§62.63. 

An in. In Ermangelung einer solchen sind folgende Werke 
zu empfehlen: 

E. Sievers GrundzOge der Phonetik, 5. Aufl. 1902. — 
E. Sievers Phonetik. I^anls Grundriß der «zerm. Phil. I-'. — 
O. Bremer Deutsche Phonetik ( - Sammlung kurzer Grammatiken 
deutscher Mundarten. Bd. 1), 1893. — U. A. Sweet Primer of 
Phonctice. Oxford 1890. — P. Piissy Etüde sur ies changements 
phon^tiques et leurs caract^res generaux. Paris 1890. — Roua- 
selot Lee modifications phondtiques du langage t'tudi^es dans le 
patois d'une famille de Cellefrouin (Charente). Paris 1891. (Muster 
experimenteller Plionetik, epochemachend). — O. Jespersen 
Lehrbuch der Phonetik. Leipzig 1904. — Dere. Phonetische 
Grundfragen, ebd. 1904. 

U3. Die einzelnen Sprachlaute werden dadurch 
jTjebildet, daß der von den Lungen ausgelionde Luftstrom 
f'ine IJeihe von Engen oder Verschlüssen zu überwinden 
hat. Dabei entstehen Töne oder Geräusche. 

a) Die erste Enge bilden die Stimmbänder.^ Diese 
befinden sich im Kehlkopf. Beim ruliigen Atmen sind 
sie schlafr und weit geöffnet, so daß sie den Luftstrom 
nicht behindern. Werden sie, wie zwei Saiten, straf! ge- 
spannt, so geraten sie durcli den Luftstrom in Schwingungen 
und erzeugen dadurch einen Ton, den wir Stimmton oder 
die Stimme nennen. Alle Laute können mit und 
ohne Stimmton, stimmhaft oder stimmlos ge- 
bildet werden. Doch werden gewisse Laute wie die 
Vokale, die Li(|uidä und Nasale so gewöhnlich mit Stimm- 
ton hervorgel)racht, daß man die stimmlosen Laute dieser Art 
früher wenig oder gar nicht beachtet hat. Man bezeichnet 
diese zusammenfassend als Sonorlaute, weil sie aus 
reinen Klängen bestehen. Ihnen gegenüber stehen dW 
Geräuschlaute, bei deren Hervorbringung nur Geräusche 
entstehen. 

b) Der Luftstrom, der die Stimmbänder passiert hat, 
tritt in die Mund- und Nasenhöhle, diesen Kaum nennt 
man das Ansatzrohr. Hier können verschiedene Engen 
oder X'erschlüsse gebildet werden, und dadurch werden 
die einzelnen Laute hervorgebracht. Die Luft kann durch 

* Vgl. zum folgenden die Abbildung auf S. 59. 



Spnu'hpbytjiolo^iHclio VorboniorkunKon. 



59 



Schematischer Medianschnitt durch Nase, Mund und 
Kehlkopf (nach Vi(^tor). 




n Nasenhöhle. & harter Gaumen, c weicher Gaumen (Gaumensegel), d Mund- 
höhle, e Zunge. / Schlundkopf, g Zungenbein, h Kehldeckel, i Stimm- 
ritze, k Stimmband, l Schildknorpel, vi Kehlraum, nn Ringknorpel, 
o Luftröhre, p Speiseröhre. 



60 Laut- und Akzentlehre. [§63.64. 

Mund ndor Naso oder beide zusammen ausströmen. Im 
letztern Fall entstehen nasalierte Laute, besonders die 
Nasalvokale, frz. cn, on, transkribiert e, o. Kann die Luft 
allein durch die Nase entweichen, so entstehen Nasale, 
ist die Nase abgeschlossen, die übrigen Laute. Im Munde 
können wir durch verschiedene Stellung der Zunge und 
der Li^ipen eine Fülle verschiedenartiger Laute hervor- 
bringen. 

Das wichtigste Organ ist die Zunge. Diese muß 
in der Ruhe eine l)estimmte Lage annehmen, was jo 
nach den einzelnen Gegenden verschieden ist. Da 
man von dieser Ruhelage aus, die wir Artikulations- 
basis nennen, die einzelnen Laute bildet, d. h. die Zunge 
hebt, vorstößt oder zurückzieht, so ist es klar, daß sich 
sehr leicht große Verschiedenheiten in der Aussprache 
einstellen können. Es ist aber ebenso klar, daß bei ver- 
schiedener Artikulationsbasis jeder Laut anders gebildet 
werden wird. Erst wenn man die Artikulationsbasis einer 
fremden Sprache erlernt hat, wird man diese richtig 
sprechen können, es muß einem, wie mir mal ein nach 
Amerika ausgewanderter Deutscher sagte, erst eine andre 
Zunge wachsen. Mancher lernt das freilich nie. 



Die Vokale, Liquida und Nasale (Sonorlaute). 

04. Die Vokale im eigentlichen Sinne sind reine 
Klänge, aber wir können sie auch klanglos oder stimmlos 
bilden. Zwischen diesen und jenen liegt eine Reihe von 
Übergängen. Die Stimmbänder sind nicht straff gespannt, 
sie werden aber noch in Schwingungen versetzt; dadurch 
entstehen die sog. Murmel vokale, wie wir sie beim 
Murmeln hervorbringen und stets in deutschen End- 
vokalen haben, z. ß. lAcJtr usw. Das sog. Schwa indo- 
germanicum war ein solcher Murmelvokal. Es gibt 
natürlich so viel Murmelvokale, als es Vollvokale gibt, 
aber sie fallen sehr leicht miteinander zusammen. Zur 
Bezeichnung möge Unterpungierung dienen, q, f, o. Die 



$64.]' Si)rachpliy8iol(>giö('l»o Vorbeiiiürkun^'en. 61 

Stinimbiindor können aber auch nur soweit einander 
genähert sein, (hili der Lut'tstrom sich an ilincn reiht, 
sie ahcr ni(^ht zum Schwingen l)rinj2;t. Dann entstehen 
Flüstcrvokalc, wie wir sie ))eim FKistern licrvor- 
bringen. Auch solche Laute waren walirschcinHch im Idg. 
vorhanden, wie sie die modernen Sprachen kennen. Ich 
bezeichne sie durcli Petitdruck <•, n. o. 

i'ber die Anordnung der Vokale bestehen große 
Meinungsverschiedenheiten. Für das Griechische können 
wir sie darstellen in einer Reihe, die mit dem i beginnt 
und dem u endet. Eine solche Reihe stellt zugleich, da 
jeder Vokal einen Eigenton hat, eine Stufenfolge von 
Tönen dar, also ?, e, a, o, u. Zwischen den beiden End- 
punkten befinden sich zahlreiche Übergänge. Im Griech. 
haben wir sieben verschiedene Laute anzusetzen : i, ein 
geschlossenes 6 und ein offenes C (frz. e und e, deutsch e 
und ä\ a, ein offenes o, ein geschlossenes o und 2i. 

Bei den Nasalen ist der Mund geschlossen, und die 
Luft entweicht durch die Nase. Nasenhöhle und Mund- 
höhle bilden dann einen einzigen Resonanzraum, der einen 
andern Klang annimmt je nach der Stelle, an der der 
Mund geschlossen ist. Wird er mit den Lippen ge- 
schlossen, so erhalten wir den labialen Nasal m, mit den 
Zähnen den dentalen Nasal ir, wird der Verschluß durch 
den Zungenrücken bewirkt, so ergibt dies den gutturalen 
Nasal id (deutsch in singen = swen). Im Indogermanischen 
und Griechischen erscheint dieser Nasal nur vor Gutturalen. 

Die Liquiden, r wird meistens dadurch gebildet, 
daß der Luftstrom die Zungenspitze in Schwingungen 
versetzt (Zungenspitzen-r, gerolltes r). "Wir Deutsche 
sprechen gewöhnlich ein Zäpfchen- r^ d. h. wir setzen das 
Zäpfchen in schwingende Bewegungen. 

Der eigentümliche Klang des l wird dadurch hervor- 
gebracht, daß die Luft zu beiden Seiten der Zunge ent- 
weicht, während die Zungenspitze den Mundraum vorn 
abschließt. Es gibt sehr verschiedene l. Ein weit nach 
hinten gebildetes l, das sog. gutturale, bezeichnet man mit f. 



62 Laut- und Akzentlehre. [§65. 

Die Geräuschlaute. 

05. Die Geniuschlaute zerfallen in Verschluß- 
laute und Spiranten oder Reibelaute. 

Die Verschlußlaute bestehen aus drei Momenten: 
der Bildung des Verschlusses, dem Verschluß selbst und 
seiner Lösung. 

Bei den Spiranten oder Reibelauten wird der 
Mund nicht völlig geschlossen, sondern nur soweit verengt, 
daß der Luftstrom ein Geräusch hervorruft. 

Alle Geriluschlaute werden weiter eingeteilt nach der 
Stelle, an der der Verschluß oder die Enge gebildet wird, 
und sie können ferner ohne Stimmton (sog. tenues) oder 
mit Stimmton (sog. niediae) gebildet werden. 

1. Labiale. 

a) Der Verschluß oder die Enge wird durch die 
beiden Lipi)en hergestellt (labiolabiale: ^;, l, mittel- 
deutsch 2V). 

b) Er wird durch Unterlippe und Oberzähne bewirkt 
(labiodentale: deutsch /). Den entsprechenden stimm- 
haften Laut schreibt man t) oder ß. 

Anm. In Sprachen, die wir nur durch die Schrift kennen, 
lassen nich diese beiden Arten selten unterscheiden. 

2. Dentale: 

Die Vorderzunge artikuliert gegen die Alveolen der 
Oberzähne. Hierher gehören f, d, s, z = frz. z, s = srh, 
s = frz. j, J) = engl. tli. Den entsprechenden stimm- 
liaften Laut schreibt man (t oder ö. 

Anm. Es gibt noch andere Arten von Dentalen, nämlich 
interdentale und j>o8tdentale. 

Die kakuminalen Laute entstehen durch Aufbiegender 
Zungenspitze nach dem Gaumendach. Sie sind im Indischen ver- 
breitet und werden durch /, (/, s, n bezeichnet. Ihrer akustischen 
Wirkung nach gehören sie zu den Dentalen. 

3. Gutturale: 

Sobald nicht mehr die Zungenspitze, sondern die 
Vorderzunge oder der Zungenrückon den Verschluß oder 
die Enge bildet, sprechen wir dem akustischen Klang 



§65.66.] Spracliphysiolo^isclio V^orbeinürkunjjen. 63 

nach von Gutturalen. Unter diesen gibt es in(;hr(!re Arten 
je nach der Stelle, an der sie gebildet werden. 

Für gewöhnliche Zwecke genügt es zu unterscheiden 
zwischen Palatalen (Bezeichnung ') und Velaren. 

a) Die Palatalen: Der Zungenrücken artikuliert 
gegen den harten Gaumen. Hierher gehören die deutschen 
k\ </ vor /, 6", sowie die deutschen ich-Laute. 

b) Die Velaren: Der hintere Zungenrücken artikuliert 
gegen den weichen Gaumen, deutsch /v, g vor a, o, u, 
ferner td, sowie die ac/i-Laute. Die Spiranten dieser Reihen 
bezeichnet man mit ^', §, x\ X fe^- X)> l">esser wäre g, x. 

Aspiraten sind Verschlußlaute, denen ein Hauch 
folgt. Das Aind. und, wie man annimmt, auch das Idg., 
kannte stimmhafte Aspiraten {bh, dJi, gli), das Griechische 
nur stimmlose (qp, d, x» also ph, th, kh). 

Mit dem Namen Affrikata bezeichnet man die Ver- 
bindung eines Verschlußlautes mit der an gleicher Stelle 
hervorgebrachten Spirans, z. B. pf, ts = d. z, geschrieben 
c, ts, wie in Peitsche, geschrieben c, dz, di, geschrieben ;, Zcx. 



Funktion der Laute. 

60. 1. In jeder Silbe hat ein Laut den stärksten 
Ton. Ihn nennt man den Träger des Silbenakzentes. 
Ein Laut, der als solcher fungiert, heißt silbebildend 
oder silbisch, früher auch sonantisch. Silbisch fun- 
gieren in der Regel die Vokale ; aber auch r^ Ij m, n, sogar s 
(vgl. d. pst) werden in verschiedenen Sprachen silbisch 
gebraucht. Die wissenschaftliche Schreibung ist ein dar- 
untergesetzter Kreis. Vgl. d. vatr, endn, atm, czech. vlk 
«Wolf», serb. tPn «Dorn». 

2. Die Laute, die nicht Träger des Silbenakzentes 
sind, nennen wdr unsilbisch. Unsilbisch sind in der Regel 
die Geräuschlaute und meist auch die Liquida und Nasale. 
Aber auch die Vokale werden in diphthongischen Ver- 
bindungen unsilbisch. Zur genauem Bezeichnung dient 
ein daruntergesetzter Halbkreis, doch läßt man diesen 



64 Laut- und Akzentlehre. [§66.67. 

jetzt meistens fort. In Verbindungen wie gr. €u ist e 
silbisch, u unsilbisch. 

3. Die Verbindungen eines silbischen Vokals mit einem 
unsiH)ischen Vokal oder Sonorlaut nennt man Diplithonge. 
Hie können fallend ck oder steiirend tie sein. Meistens 
wird der schall kräftigen' Laut silbisch, wie oben, aber es 
gibt aucli Diphthonge wie /e, io, in, üe, na, üo. Hierher 
gehören auch die Verbindungen er, el, em, en usw. 



Einwirkung der Laute aufeinander. 

07. Eine große Anzalil von Lautveränderungen 
besteht darin, daß Unterschiede zwischen benachbarten 
Lauten zum Teil oder ganz ausgeglichen werden. So 
wird die Differenz zwischen zwei aufeinanderfolgenden 
Vokalen in Diphthongen häufig vermindert, gr. ei wird 
zu ee, d. i. c, ou über oo zu o. Die Vokale wirken ferner 
auf die vorhergehenden Konsonanten ein, helle Vokale, 
indem sie die Konsonanten palatalisieren, uridg. Ä-"'e zu 
gr. re, urgr. ti zu cri (das Zeichen der Palatalisierung ist ', 
z. B. k'\ dunkle Vokale, indem sie die Konsonanten 
labialisieren, urgr. qo ^ tto usw. Auch wirken Vokale 
auf die Vokale vorhergehender Silben assimilierend, vgl. die 
Bei8j)iele >:? KUfl'. 

Konsonanten Verbindungen werden öfter assimiliert: In 
wird im Griechischen, Italischen und Germanischen zu U, 
Labial -|- m wird griechisch zu mm, 6pi\iOL aus *Ö7T|aa usw. 

Zwischen schwer sprechbaren Lautgrupiien schiebt 
sich häufig ein Übergangslaut ein: mr wird gr. zu mhi; 
nr zu vdr. 

Die gleichen Laute in verschiedenen Silben hinter- 
einander sind oft schwer sprechbar und werden deshalb 
dissimiliert oder einer von ihnen schwindet. Besonders 
häufig ist dies bei den Lifjuiden. So tritt KeqpaXapTia 
'Kopfsehmerz' für KeqpaXaXYia ein, bpuqpaKToq hölzerner 
Versehlag' steht für •••6puq)()aKToq. KXiiapxoq für Kpiiapxoq, 
Ti^XcKpoc; für TnXeKXog usw. 



^68.] fcjprachphyHioloj^iBclu- X'orbiMiu^rkiin^ün. 65 

Der Akzent. 

ilH, Der AkztMit int für jede Sprache von gnißter 
Botleutiing, es ist der Geist, der den toten Körper belebt. 
Ohne die richtige Betonung wird jede Sprache unver- 
ständlich. «Der Unterschied einer bloßen Laut-, Silben- 
■oder Wortreihe von einer wirklichen Silbe, einem Worte 
oder Satze», sagt Sievers, «wird demjenigen sofort klar 
werden, der etwa Gelegenheit liat, eine Sprechmaschine 
zu beobachten, die im großen und ganzen wohl nur 
Produkte der ersten Art zu liefern vermag». 

Was der Akzent eigentlich ist, ist nicht leicht zu 

sagen. Faßt man ihn als das, was sich natürlich ergibt, 

nämlich als das, was zu der Aussprache der einzelnen 

Laute hinzukommt, um sie miteinander zu Silben, 

Worten und Sätzen zu verbinden, so ist es klar, daß er 

aus einer Fülle einzelner Faktoren besteht. 

Anm. Das Beste, was über den Akzent gesagt ist, findet 
sich bei Saran Deutsche Verslehre, München 1907, S. 94. Saran 
weist darauf hin, daß man bisher bei der Betrachtung des Ak- 
zentes von verschiedenen Gesichtspunkten auegegangen ist, indem 
mau in manchen Punkten den Staudpunkt des Hervorbringenden, 
in andern den des Hörenden zugrunde legte. Saran geht mit 
Recht von letzterm aus und stellt danach 14 Faktoren des 
Akzents auf. Das ist nun \vohl bei einer modernen Sprache nötig 
und möglich, die wir beobachten können, bei den antiken aber, 
bei denen wir auf Rückschlüsse angewiesen sind, kommen wir 
mit weniger aus. 

Wenn wir Akzent in dem oben gegebenen Sinne 
lassen, so ist klar, daß zunächst jede Silbe Akzent hat, 
vgl. unser Ja, einfach bejahend, ja zweifelnd (ja, icenn das 
so ist), ja? fragend, ja kurz abgebrochen, ja, das weiß ich 
nicht. Das nennen wir Silbenakzent. 

Ebenso finden sich aber wieder Verschiedenheiten 
beim Zusammenschluß der Silben zu Worten, der Wort- 
akzent. Wir bezeichnen gewöhnlich eine Silbe als akzen- 
tuiert, z. B. Gäbe, gr. KaXö^ 'schön'. Es ist aber klar, daß 
dabei auch die «unbetonten Silben» Akzent haben. 

Und schließlich vereinigen sich Worte zu Sätzen, und 
auch hier gibt es wieder Besonderheiten, vgl. z. B. unsern 

Hirt Griech. Laut- II. Formenlehre. 2. Aufl. 5 



66 Laut- lind Akzentlelire. [§68. 

Frageton, oder Sätze wie: Wer hut (hus (jetan? IVer hat (Jds- 
f/etan / Wer hat was verlören f 

Die Faktoren des Akzentes, die für uns hauptsächlich 
in Betracht kommen, sind: 

1. Die Zeitabstufung, d.h. die Unterschiede von Länge 
und Kürze. Es gi))t aber hier nicht nur zwei Grade, 
sondern selbst im Griechischen mindestens drei: a) die ein- 
fache Kürze, b) Diphthonge und Vokale, die für den Wort- 
akzent als kurz gelten, z. IL oikoi die Häuser, gegenüber 
oiKOi 'zu Hause, das uu in dvx>pujTToq, c) wirkliche Längen. 

2. Die Abstufung der Ivautheit oder der Stärke. Es 
ist klar, dal.N jeder Laut, jede Silbe mit einer gewissen 
Lautheit gehört wird. Hervorgebracht wird sie durch 
Exspirationsdruck, und weil man diesen deutlich emplindet, 
spricht man von exspira torischem Akzent, wenn die Unter- 
schiede der Lautheit, resp. des Druckes innerhalb des- 
Wortes sehr verschieden sind. 

3. Unterschiede in der Tonhöhe. Wieder ist klar^ 
daß jede Silbe eine gewisse Tonhöhe hat, und daß in jeder 
Silbe auch Verschiedenheiten der Tonhöhe vorhanden sein 
können. Bestehen in einer Sprache starke Differenzen 
hinsichtlich der Tonhöhe zwischen den einzelnen Silben, 
so spricht man von musikalischem Akzent. Zweifellos 
aber müssen die Lautheit und die Tonhöhe in jeder Silbe, 
in jedem Wort vereinigt sein, so daß die beiden Aus- 
drücke exspiratorischer und musikalischer Akzent nur 
den Teil des Akzentes berücksichtigen, der besonders 
überwiegt. 

4. Die Anordnung der Laute nach der Schallkraft. 
In manchen S})rachcn stehen die sehallkräftigen Laute, 
d. h. die Vokale, stets am Ende der Silbe, d. h. die Silben 
sind offen. Das war ganz im Altbulgarischen, z. T. aber 
auch im Griechischen der Fall. Wir im Deutschen kennen 
eine solche Anordnung durchaus nicht. 

5. Die Änderung der Stimmqualität, d. h. die 
wechselnde Verwendung von Voll-, Murmel- und Flüster- 
stimmeu. Damit haben wir im Jdg. zu rechnen. 



i$ 69.] SprucIi})Rych(>loKi8cl)e Vorbemerkungen. 

Siebentes Kapitel. 
Sprachpsychologische Vorbemerkungen. 



ttO. Literatur: H. l'aul rrinzijäen der Sprachgeschichte, 
4. Autl. 1009. — W. Wandt Völkeri)8ychologie I. Die Sprache, 
'2 Bde., 1900-1901, 13. Aull. 1911; da/u die Kritik von Delbrück 
Grundfragen der Sprachforschung, Straßburg 1901 und Wundts 
Antwort Sprachgescliichte und Sprach])8ychologie. Leipzig 1901. 
— Wechßler Gibt es Ijautgesetze? S.-A. aus: Forschungen zur 
romanischen Phih)logie, Festgabe fürH. Suchier, 1900. — V. Porze- 
ziiiski Einleitung in die Sprachwissenschaft. Deutsch v. E.Böhme. 
Lpz. 1910. — Jac. van Ginneken Principes de linguistique 
psychologique. Paris, Leipzig 1907. — O. Dittrich Grundzüge 
der Sprachpsychologie. Bd. 1: Einleitung und allgemein psycho- 
logische Grundlegung. Halle 1904. — tl. Oertel Lectures on 
the study of language. New York und London 1901. 

Die neuere Sprachwissenschaft hat einen großen Teil 
ihrer Erfolge dadurch erreicht, daß sie das «Leben der 
Sprache», die Vorgänge beim Sprechen genauer studiert 
und die an den modernen Erscheinungen gewonnenen 
Ergebnisse auf die altern und ältesten Sprach Vorgänge 
übertragen hat. Dabei hat sie den heute fast trivial 
erscheinenden Satz vertreten, daß die psychischen Gesetze 
in der neuern Zeit keine andern sind als in alten Zeiten. 
Die Veränderungen der Sprache im Griechischen, Ur- 
griechischen, Urindogerm. haben sich also nach denselben 
Gesetzen vollzogen wie heute. Man muß demnach die 
heutige Sprache beobachten, um die Vorgänge der altern 
Zeit zu verstehen. 

Anm. Auf Aug. Schleicher geht eine andre Ansicht zu- 
rück, die lange Zeit in Geltung gestanden hat. Nach ihm zer- 
fällt das Leben der Sprache in zwei Hauptabschnitte, nämlich die 
Entwicklung der Sprache in der vorhistorischen Periode und den 
Verfall in Laut und Form innerhalb der historischen Periode. 
Streitberg hat IF. 7,360ff. gezeigt, daß wir es hier mit Hegel- 
schen x\nschauungen zu tun haben. Freilich spielt auch der Gedanke 
der Klassizität eine Rolle. Griechisch und Lateinisch zur Zeit der 
Blüte der griechischen und römischen Kultur sah man als 
Sprachen an, die nicht mit dem Maße späterer Kultur gemessen 

5* 



Ö8 Laut- und Akzentlehre. [t}G9. 7l 

werden durften. Aber gerade ])eiaa Griechischen kann man be- 
obachten, dali die Sj>rache etwas Lebenditres, immer Verilnderiiches 
ist, daß ilire Entwicklung nicht still steht. 

Bei der l'ntersuchung der psycliipchen Bedingungen 
(N'S Sprechens sind vor allem zwei BegriÜ'e in den Vorder- 
grund getreten: der Lautwandel, der sich regelmüßig 
nach Lautgesetzen vollzieht, und die Analogiebildung. 
Sie bewirken die W-ränderungen der Sprache. 

1. Der Lautwandel und das Lautgesetz. 

70. Die Beobachtung hat gezeigt, daß, wenn ein 
Laut sich in einem Worte verwandelt hat, dies auch in 
vielen andern Fällen geschehen ist. 80 entspricht einem 
lat. y sehr ol't eingriech. cp, und beide sind meist aus älterm 
hh hervorgegangen. Einen solchen Lautwandel nennt man 
ein Jjautgesetz. Andere sehr durchgreifende Lautgesetze 
sind: der Wandel von urgr. ö. zu ii im ionischen, der 
Übergang von urgr. n zu ü (u) im lon.-Att., die Kon- 
traktion von e -f- e zu 6i im Attischen usw. Alle diese 
sind Veränderungen, die wesentliche «Ausnahmen» nicht 
haben. Kein Sprachforscher wird es daher heute wagen, 
das a in att. Trdaa auf urgr. ä zurückzuführen. 

Man ist in den siebziger Jahren zu dem Postulat ge- 
kommen, die Lautgesetze müßten ausnahmslos sein, 
d. h., wenn sich ein Laut in einem Worte in einen andern 
verwandelt hat, so muß das in allen andern Worten 
auch geschehen sein, in denen er unter den gleichen Be- 
dingungen stand. Dieses Postulat ist durchaus berechtigt; 
<lenn es existiert ja bei unserm Sj)rechen für jeden Laut 
ein bestimmtes Bewegungsgefühl, und wenn sich das in 
einem Falle ändert, so muß das in allen andern auch 
«•intreten. Ausnahmen k(»nnen nur durch besondere Be- 
dingungen veranlaßt sein. Aber gerade hierin liegt das 
Wunderbare. Die Bedingungen, unter denen ein Laut 
in der Sprache auftritt, sind so mannigfaltig, daß man 
kaum hoflen darf, alle Wandlungen der Laute zu er- 
grün<len. Tatsächlich ist aber der Lautwandel meist so 
gleiclimäßig, daß man staimen muß. Nicht der Satz, daß 



J}70. 71.) Spruch psycholo^ischo VorbornorkuD^en. 69 

(lio Venuul('run«j;(Mi cineH j^autos unter den gleichen lie- 
(liiip;unj2;eii in allen Worten stets dieselben sind, ist auf- 
lallend; aulTallend ist vielmehr die tatsächliche große 
Gleichheit der Aussprache der einzelnen Laute. Di« 
Kinllüssü des Individuums, der Gcraütsstimmung. des 
schnellern und langsamem Sprechens (sog. Allegro- und 
Lento-Formen) sind so außerordentlich gering, daß man 
sieht: in der Sprache herrscht ein Durchschnitt, es herrscht 
die Regel und nicht die Ausnahme. Das Postulat: die 
Lautgesetze sind ausnahmslos, muß daher für jeden 
Sprachforscher die erste Richtschnur sein. 

Nun gibt es aber eine ganze Reihe scheinbarer Aus- 
nahmen. Diese können verursacht sein: 

a) Durch besondere, noch nicht gefundene Bedingungen. 
Es sind das die «unbekannten Lautgesetze», von denen 
eigentlich jedes Jahr noch neue erkannt werden. Ein 
Beispiel möge dies zeigen: wir linden im Attischen viel- 
fach einen nicht berechtigten ', z. B. iepö<; = ai. isirah 
'^kräftig, regsam', ewc; ^Morgenröte, 1. auröra, der früher 
unerklärt war. Jetzt ist der lautgesetzliche Grund dafür 
gefunden : '■'''aims, wie die alte Form lautete, ist zu '■'äuhös 
geworden, und das h ist dann auf den Anlaut über- 
gesprungen. 

b) Durch Dialekt mischung und Entlehnungen. Das 
beste Beispiel im Griechischen bietet Homer, bei dem 
ionische und äolische Formen nebeneinander stehen. Die 
Tatsache ist auch sonst oft genug zu belegen, daß die sog. 
Schriftsprachen in bezug auf die «Lautgesetze» zahlreiche 
«Ausnahmen» zeigen, während die Volksdialekte ideale 
Regelmäßigkeit aufweisen. Der Grund liegt darin, daß in 
jenen mehrere Elemente zusammengeflossen sind. 

c) Durch analogische Neubildung, s. u. 
2. Die Ursachen des Lautwandels. 

Tl. ])ie Ursachen des Lautwandels können wir oft genng 
nicht erkennen, aber eine Anzahl von Fällen sind doch klar: 

a) In vielen Fällen ist der Grund für den Lautwandel die 
Bequemlichkeit, die Ersparung an Arbeit. Hierher gehören alle 



70 Laut- und Akzentlehre. [§71. 

Assimilationen, die vollßtiindifr oder teilweise sein können, und 
auch j^ewisse Dissimilationen. 

1)^ YAn zweites wichtij^eB Moment, «lessen ]>eobachtung noch 
in den Anfängen liegt, ist die Sprachübertragung oder Sprach- 
uaischung. Wenn Fremde eine neue Sprache kennen lernen, so suchen 
sie sie freilich genau wieder hervorzubringen. Es mag ihnen das 
auch teilweise gelingen, aber gewöhnlich bleibt ihre Artikulations- 
basis, ihre Silbentrennung, ihr Akzent der alte, und das bedingt 
dann für die folgende Zeit langsame, aber durchgreifende Verän- 
tlerungen, vgl. hierzu Wechßler Gibt es Lautgesetze?, 1900. 
Dialektmischungen und Sprachübertragungen müssen auch in 
Griechenland ganz an der Tagesordnung gewesen sein, da ja <lie 
griechischen Stämme sehr durcheinandergewürfelt worden sind. 
So ist das sogenannte dorische Sprachgebiet von nordgriecliißchen 
Stämmen erobertes Land, auf dem die alte Bevölkerung ncjch er- 
halten geblieben war. "Wenn wir nun auf diesem Gebiet an ganz 
verschiedenen Orten dieselben Lautübergänge finden, so kann das 
auf der Dialektübertragung beruhen. Oftmals ist auch den neu 
Lernenden ein Laut ganz fremd, und es wird dann ein andrer 
dafür eingesetzt. So sagen die Litauer p für deutsch f, unser 
Volk setzt seh für franz. J (i), und so ist der Verlust des ' in 
Kleinasien und in Kreta UKiglicherweise darauf zurückzuführen, 
daß liier ein Bevölkerung griechisch lernte, die diesen Laut nicht 
kannte. 

Zu beachten ist bei diesem Faktor der Sprachübertragung 
vor allem noch ein Punkt. Wenn ein Stamm einwandert, vor allem 
wenn eine Kriegerschar ein Land erobert, so werden die An- 
geh()rigen dieser eine in sich geschlossene Gruppe bilden, bei «1er 
ein Grund zu einer Sprachveränderung nicht vorliegt. Ks kann 
sich hier also der ursprüngliche Dialekt lauge Zeit erhalten. Da- 
gegen werden sich ])ei den Unterworfenen, die die neue Si)rache 
lernen, bald Abweichungen einstellen. Wir werden also in jedem 
Gebiet mit Völkermischung zunächst zwei verschiedene Mundarten 
zu erwarten haben, bis dann allmählich, vielleicht erst nach Jahr- 
hunderten, eine Einheitlichkeit eintritt. Diese kann dadurch er- 
reicht werden, daß eine der beiden Sprachen vollständig siegt. 
Ist das mit der der Herren der Fall, so wird die überlieferte Sprach- 
form sehr altertümlich sein. Siegt die Sprache der Unterworfenen, 
.'^o kann uns mit einem Mal eine stark veränderte Si>rache ent- 
gegentreten. Schließlich können die beiden Sprachen eich gegen- 
seitig beeinflussen, und es kann so eine Mischsprache entstehen. 
Die griechische Grammatik arbeitet jetzt «laran, die Spuren dieser 
theoretischen Voraussetzung tiitsächlich nachzuweisen. So besitzen 
wir aus Thessalien jetzt eine wichtige Inschrift, die uns eine merk- 
würdige Mischung dorischer und nordachäiecber Elemente zeigt. 



>^71.72.J SpraclipsycliologiHche VorlxMnerknnRGn. 71 

die Sotairo8-lnH(;hrift. V\\r das DoriHclio hat M ei stör in seinor 
Sclirilt l)«»r('r uiul Acliilor den Nachwoiw zweier verHchiedener 
ISprachen zu l'ülnen versucht. Wenn aucJi seine Annahmen 
ziemlich neit<j:ehende Ablelmunj^ erfahren haben, so ist docl» daH 
Prinzip durchaus richtig. 

o. Die Analogiohildu ng. 

72. Die Sprache kann im natürliclieii Sinne nur 
(hidurcli erlernt werden, daß man sie von andern liört 
und das Gehörte wieder hervorbringt. Dadurch werden 
in der Seele Erinnerungsbilder erzeugt, die es uns ermög- 
lichen, das Erlernte im gegebenen ^loment auch nach 
langer Zeit wieder zu erzeugen. Aber nur ein Teil der 
Sprache beruht auf gedächtnismäßigem Erfassen, ein 
andrer beruht auf den Assoziationen, denen alle Worte 
ausgesetzt sind. Da aber vielerlei Assoziationen möglich 
sind, so können auch verschiedenartige Formen gebildet 
werden. Stimmt eine solche Assoziations- oder Analogie- 
bildung mit dem Sprachgebrauch überein, so ist sie uns 
nicht w^eiter auffällig, wir beachten sie erst, w^enn sie zu 
nicht allgemein üblichen Formen führt. Man hat der- 
artige Formen «falsche Analogiebildungen» genannt. Wenn 
auch dieser Ausdruck psychologisch nicht berechtigt ist, 
so kann er doch von einem rein praktischen Standpunkt 
aus beibehalten werden, indem er besagt, daß durch die 
Analogiebildung Formen hervorgebracht werden, die vom 
Sprachgebrauch abweichen und daher zunächst von 
manchen als falsch empfunden werden. Die Analogie- 
bildungen bewirken nun die meisten Ausnahmen von den 
Lautgesetzen. So finden wir z. B., daß s zwischen Vokalen 
im Griechischen in einer ganzen Reihe von Fällen ge- 
schwunden ist, z. B. Gen. fivovq aus ^Y^veao«;, vgl. § 230. 
Trotzdem scheint es an einigen Stellen bewahrt zu sein, 
z. B. im Aorist ecrnicra, eßouXeucra usw. Früher nahm 
man hier einfach eine Ausnahme an, man meinte, Laute, 
die eine funktionelle Bedeutung gehabt hätten, seien den 
Lautgesetzen nicht gefolgt. Aber die funktionelle Be- 
deutung des s im s-Aorist hat es nicht verhindert, daß 
das s in den Aoristen der Verben auf Liquida und Nasal 



72 Laut- und Akzentlehre. [§72. 

trotzdem geschwunden ist (eqpiiva usw. aus '•'tfpavaa^ und 
aucli in Bildungen wie eKrja, ^x^a aus *€xeucra ist es ver- 
loH'U c:ec:angen. Daher weist man jetzt solche Anschau- 
un^rt^n prinzipiell zurück. Das s in tcriiicra usw. ist nicht 
laut^esetzlich hewahrt, sondern beruht auf einer analo- 
gischen Neubildung nach den Aoristen, in denen .<;• bo 
wahrt blieb, z. B. in der Stellung nach Verschlußlaut wie 
ebeita, expciH^ct oder eieXecra aus treXecrcra mit ursprüng- 
lichem doppelten er. 

Fast jedtv^ J^autgcsetz ist durch analogische Neu- 
bildungen gestört. Trotzdem muß man mit ihrer An- 
nahme vorsichtig sein. Namentlich damals, als man die 
Bedeutung der «falschen Analogie» zuerst erkannte, hat 
man dies Prinzip viel zu weit ausgedehnt und höchst 
sonderbare Analogiebildungen mit voller t^berzeugung vor- 
getragen. Das Jdeal in der Anwendung dieses Prinzips 
ist ebenfalls der Nachweis von Gesetzen, und es ist nicht 
zweifelhaft, daß sich gewisse Gesetze auch auf diesem 
Gebiete finden lassen. Vgl. dazu Thumb und Marbe, 
Experimentelle Untersuchungen über die psychologischen 
Grundlagen der sprachlichen Analogiebildungen, 1901, 
Thumb IF. 22, 1 H. Aber leider ist die Forschung erst 
in den Anfängen, und man muß bieh vorläufig mit dem 
aus der Beobachtung tatsächlich vorkommender Fälle ge- 
wonnenen allgemeinen Gefühl begnügen. Das beste Material 
zur Forschung bietet die Volkssprache, auf griechischem 
i^oden vor allem die Dialektinschriften und die Papyri. 

Von der Ausgleichung werden gewcihnlich die sog. 

f^unrogelmäßigen» Formen der Grammatik Ix^trofiien. In 

AVirklichkeit sind aber diese unregelmäßigen Formen gar 

nicht unregelmäßig, sondern sie stellen die regelmäßige 

Entwicklung dar. So ist das Perf. 1. Sg. oiba 'ich weiß\ 

2. PI. icrie (las Altererbte, oröaie ist eine Analogiebildung; 

ebenso ist die Flexion Zeug, Gen. Aiog, Akk. Zr\\'a alt, 

gegenüber Zeuq, Zrjvog usw. 

Anni. Auf einen Punkt sei hier noch hingewiesen: je 
liiiufiger ein Wort gebraucht wird, um so eher ist die Gewilhr 



§72.73.] Sprachpsyoholo^iecho N'orbtMncrkiinKen. 78 

vorhanden, daß es den lautjjeeet /.liehen ZuHtantl darHtellt, weil 
es eben jjjpdilchtniHniiilii^ überliefert wird. Da aber <lie laut^eset/- 
lichen Formen nieinlenH die «unre^'elmJlßi^en > sind, ho er^dbt Hieb 
mit Notwendi;::keit, daß in dienen «l'nre^'chnäßi^'keiten» die am 
häufijjsten <j:el)ranchten Worte der Si)rache vorliegen. Das int 
z. B. der Fall beim Verhum eiibstantivum, das in allen Sprachen 
unregelniäßijj: ist. Als Fol^(»riiii<j: ergibt sich, daß man derartige 
Formen eigentlich zuerst lernen muß. Man denke nur an die 
in jeder griechischen Schulgrammatik an letzter Stelle angefiihrten 
Verben der Mischklasse wie öpuuu 'sehe', aipfcoi 'nehme', epxoiaai 
'gehe', ^adCuü 'esse', ^x^ 'habe', Tp^x^ 'laufe', qpe'puü 'trage', (pr\v^\, 
\^^u) 'sage' usw. Man kann kaum eine Seite eines griechischen 
Textes lesen, ohne auf eines dieser Verben zu stoßen. 

Im folgenden gebe ich eine kurze Übersicht über die 
hauptsächlichsten Analogiebildungen. Eine einwandsfreie 
Einteilung ist bis jetzt noch nicht gefunden. Wir folgen 
hier Wundts Schema, Völkerpsychologie 1, 447, indem 
wir^rammatische und begriffliche Angleichungen 
unterscheiden. 

I. Grammatische Angleichungen. 

73. Grammatische Angleichung ist die Angleichung 
grammatischer Formen aneinander, wie nihd. starb- stiwhen 
zu starh-starben. Zum Zustandekommen derartiger An- 
gleichungen ist das Vorhandensein eines dritten Gliedes 
notwendig. Als man starben statt stürben bildete, mußten 
schon Fälle vorhanden sein, in denen Sing, und Plural den 
gleichen Vokal hatten. Die Sprachwissenschaft kleidet 
daher den Vorgang in eine Proportionsbildung: fuhr '.fuhren 
= starb : x, wobei sich dann starben notwendig ergibt. 
Eine solche Proportion aufzustellen, muß bei dieser Gruppe 
immer möglich sein. 

A. Innere grammatische Angleichungen, 
d. h. Angleichungen innerhalb zusammengehöriger Wort- 
stämme. 

1. Angleichungen zwischen den verschiedenen Stamm- 
formen der Kasus, z. B. TraTi'ip, TiaTpöq, Tiaiepa ^Vater . 

a) Der Nom. Sing, wird an die Stammform der 
übrigen Kasus angeglichen : .ui^v 'Monat' nach jitrivöq, laut- 



74 Laut- und Akzentlelire. (§73. 

gesetzlich istjueiq; piv Nase' nach pive<;, attiscli noch piq, 
TToWoq 'viel', nac)i ttoXXou für ttoXu^. 

b) Die übrigen Kasus werden an den Nom. Sing, 
angeglichen: boinpo«;, boTiipi nach boT^p Geber', t>ripo<s 
nach \>)ip Tier", dTiI^voq nach cxyiuv 'Wettkampf. 

c) Gen. und Dat. werden an den Akkusativ an- 
gegliclien : Zi^voc; nach Z^va, tiv6<; nach iiva: iiq wer' 
Xxlovos; 'der Erde' nach x^ova, hom. Gen. iraTfcpoq nach 
TTttTtpa, TTOiutvog nacli Tioiutva. 

d) Der Akk. wird an Gen. und Dat. angeglichen, 
Akk. hoin. OuTCtipa 'Tochter' nach öuTöTpög, 1. jmtrcm 
nach j;rt/r/.s, dpva nach dpv6<; 'Widder'. 

e) Irgendwelche andere Kasus nach andern, so Dat. 
V\. 7Ti]Xf:-cTi nach tti]X£-ujv usw., TToXecTi nach TTÖXeujv usw. 
apvu-cri für 'dpacri nacli upvöq. 

2. Angleichung zwisclien den verschiedenen Verbal- 
formen. 

a) Angleichung zwischen den verschiedenen Formen 
des3ell;)en Tempus: oi'öa-iaev wir wissen' nach oiöa für 
i'ö.uev, 1. PI. Aor. eOi'iKauev statt des altern eOejuev, eiutv 
aus •ecriufcv für '■'■snu'n nach eijui, ai. äswi^ smälj, lat. in 
umgekehrter Richtung sum nach sumi(s\ hom. öeiöia nach 
beibi,uev. Die alte Form liegt in beiöo» aus •••öeibq/a vor. 
Ilom. eiXiiXou\))Li6V nach GiXf]Xoux>a, umgek(dirt att. eXnXuv>a 
nacli eXiiXuv>,u€v. 

b) Angleichung zwischen den verschiedenen Forma- 
tionen des Verbs: TTeq)6Ufa nach qpeuYtu für "^'TTtcpouTOt., 
€Ta)Liov nach rd.uvuj, umgekehrt Tfc|Livuj nach eT€)Liov. 

I). Angleichung zwischen Ableitungen und Grundwort: 

lesb. TTtfLiTre für irtvie nach ire.uTTTÖq. 

An 111. hii (triecliisclien wie in allen andern Sprachen 
kommt hier jed« m<);;liehe Kombination vor. wonn^h'icii sich be- 
stimmte Richtungen in den Angleichungen nicht verkennen laRsen. 
So ühorwieKt im Griechisciien die Angleichung nach dera Nom. 
oder Akk. 

r.. .\uliere grammatische Angleichungen. 
Wundt sagt darüber 1, I IS: «Indem bei ihnen nicht ver- 



>:j7u. 74.'; SpniohpsycholoKisclie Norbomcrkungen. 75 

ticbiedene AI)wan(lliingsform('n eines und desselben Wortes, 
sondern umgekehrt analop;e grammatische Formen ver- 
scliiedener Wcirter zueinander in Bezieliun«^' treten, ist 
<lie induzierende Wirkunjx an und für sich eine entferntere, 
kann aber dadurcl) verstärkt werden, daß sie von einer 
größeren Zahl von Wörtern ausgeht.» 

1. Angleichung von Flexionsendungen. Die Endung 
-oiq des Dat. Flur, wird in:i Xordwestgriech. auf die 
konson. Stämme übertragen, dTLÜvoK^. Der Gen. Sing, 
auf 'Ou der Maskulina der ersten Deklination wird von 
den o-Stämmen herübergenommen. Hierher gehören 
ferner Formen wie Akk. ZoiKpairiv, OepeKXeiöiiv, Gen. wie 
KaXXidbou neben älterm KaXXidöou^, xpiTTOuv statt TpiTioba; 
der Übergang von ;/-Stämmen in die ;^f-Flexion Xeuuv, 
XeovTO<s (vgl. Xeaiva) nach dem Muster qpepuuv, qpepovToq. 
Die ursprüngliche Perfektendung -da wird auf das Im- 
perfektum übertragen: ecpiicTö-a unter dem Einfluß von 
i^aOa. 

2. Elemente, die im Sprachgefühl für eine besondere 
Funktion verwendet werden, breiten sich aus, so das s 
des s- Aoristes, eTi|uil-cra, das k des Perfekts usw., oder der 
Vokal der Kompositionsfuge, TiuoKparia statt iijuri-, Traipo- 
KTOVoc, statt TTttTpa-, 7T6VTdKi<; für •■••'TTevTeKiq. 

o. Die Grenze zwischen Stamm und formativem 
Element wird an eine andere Stelle verlegt, als die 
historisch berechtigte, und derartige neue Elemente werden 
weiter übertragen. So zerlegt man ÖCKa-Toq in öex-aioq 
und überträgt -aio^ auf oyöc- und TpiT-, daher OYÖöaio^ 
und TpiTaTO(; usw. 

II. Begriffliche Angleichung. 

74. A. Angleichung durch Begriffsverwandtschaft. 
Hierher gehören die Angleichungen der Zahlworte unter- 
einander: herakl. oktüü nach ^Trid, OKxdTTOuq für oktlüttouc; 
nach eTTTdTrou(;, OKxdKig nach eTTxdKiq; ferner exaipoq nach 
€xaipa, hom. aber noch exapoq, umgekehrt exdp?! nach 
e'xapog; dazu kommen Angleichungen im Geschlecht, so 



76 Laut- iin.l Akzcntlehre. f§74— 76. 

att. i] oijuoq nach i] bboq, ebenso f] Tpißo<;, f] KtXeu\>0(;. 
Die Stiidtenamen i-| Köpivdoc;, i] tAih^Joq richten sich 
nach TTÖXic;. 

In ansgedehntem Maße zeipjt sich diese Angleichunir 
in den suffixalen Bildungen vieler Wörter, so qppaxT'ip fiu* 
qppdTuup nach Tiairip, )nriTrip, cpdpuTH iur qpdput nach Xu- 
puyE, dpudCTuu ne))en dpuuu nach dqpucrcruj. 

B. Angleichung durch Kontrast der Begriffe. Hier- 
her 0TTi(y\>e für ü7Tiv>e nach irpöcrOe, ineiluuv vielleicht nach 
öXeiZiujv u. a. 

Volksetymologie. 

T5. Aus andern Sprachen entlehnte oder auch 
einheimische Wörter unterlii^gen häufig der sogenannten 
Volksetymologie, d. h. sie Averden nach einer gewissen 
Ähnlichkeit der Form mit einheimischen Worten assoziiert 
und dann umgestaltet oder umgedeutet; so wird 'lepo(JüXu)aa 
mit iepö«^ verbunden, dXKuuuv mit i/.Xg, Ktviaupo^ an laOpoc; 
angeschlossen u. a. 



Achtes Kapitel. 
Schrift und Aussprache des Griechischen. 

A. Die Schrift. 

70. Literatur: A. Kirehhoff Studien zur Geschichte 
des «rriechischen Alphabets, 4. Aufl. 1887. Hauptwerk. — W. Lar- 
feld Griechische P']ti^naj>hik. Iwan Müllers Handhuch tler klass. 
Altertuniswissonschaft ImI. 1. 189^. — Larfeld Handhuch 
der Epi^raphik. B«l. 1: Kinleitun^s- und HilfHdisziplinen. J>ie 
nicht attischen Inschriften. Leipzig; 1907. Ud. 2: Handbuch der 
jittieclien Inschriften. 1902. — A. Gercke Hermes 41, 540. 
'— F. I'raetorius Zum semitisch-^riech. .Mphahet. Zoitschr. 
<1. deutschen mor^enlilnd. GesellBch. 62 (1908) 283 IF. — V. Gardt- 
liausen Ur.«<i)runp und Entwicklung der j:riech.-Iat. Schrift. 
(ierm. Kom. Monatsschr. I 1909\ 273 fl'.. 337 11". 

Die p^riechische Schrift stammt, wie llerodot 5, TjS 
berichtet, von den Phöniziern. Diese Ansicht ist insoweit 



$5 76.77.1 Schrift u. Ansspriiclie dos Griechiflchen. 77 

zweifellos richti«r, jvIh die Griechen ihre Zeichen von Semiten 
erhalten hal)en. DioH wird erwiesen dureh die überein- 
stimmnni; in den Ikiehstabeniormen, in den Namen und 
in der Anordnung;. 

Anm. Man ver^^leicho hebr. alcjih, Ixlh, (/iinrl, dulefh^ ivftiv, 
hU'th, fi'th, Jod, kuph, itnncd, qojth, tuic mit gr. d\q)a, ßr|Ta, fäpnia 
(Y^maa), b^Xxa, ßaO, r|m, (nfa), öfira, (Oüia, KUTTTra, Xdiußba, KÖTtira, 
Tttö. Aus welchem semitischen Dialekt die j^rieciuschen lUich- 
fitiibennamen stammen, ist noch nicht ganz sicher ermittelt. Phö- 
nikisch, syrisch, aramäisch kommen in Betracht, vgl. Lewy Die 
semitischen Fremdwörter im Griechischen, S. 169 il. 

77. Es gibt in Griechenland nicht nur ein ein- 
ziges, sondern mehrere anscheinend sehr verschiedene 
Alphabete. Aber so verschieden sie auch sind, so müssen 
wir doch einen gemeinschaftlichen Ausgangspunkt voraus- 
setzen auf Grund der Abweichungen vom semitischen 
Alphabet, die in sämtlichen Alphabeten gleichmäßig 
wiederkehren und die nach Kirchhoflf mit der ersten An- 
nahme ungefähr gleichzeitig sind. Sie bestehen darin, 
daß man aus dem Überfluß an semitischen Zeichen für 
Hauchlaute die Vokal zeichen schuf und dem so gewonnenen 
das selbständig erfundene Y hinzufügte. Der dadurch 
erzielte Übergang von einer Silbenschrift zur Buchstaben- 
schrift ist der letzte, aber nicht der kleinste Fortschritt 
in der Entwicklung der Schrift. 

Anm. Das urgriechische Alphabet hatte folgende Zeichen: 
A, B, r, A, E, /; I (Z), H (= h), 0, I, K, A, M, N, 0, H, (koppa), 
P, I, T, V. Das altattische sah folgendermaßen aus: A, B, A = 
T, A, E = e, 6U n (/ = ivaii), 1 = 1, H = h, Q, I, K, 1/ = X, M, 
N, (= 0, uu, ou), P = TT, = koppa, P, I, T, Y, 0, X. 

Die griechischen Alphabete teilt Kirchhoff' in ost- 
und westgriechische ein. Unter jenen ist wieder das 
ionische unter Verdrängung aller übrigen das gemein- 
griechische geworden, nachdem in Athen im Jahre 403/2 
durch den Staatsmann Archinos unter dem Archon 
Eukleides das einheimische Alphabet von 20 Zeichen 
oflSziell abgeschaff't worden war. 

Am altertümlichsten sind die Alphabete von Kreta. 



78 Laut- und Akzentlelirc. [4j 77—79. 

Melos und Thera, die init Y abschließen und tt//, k// (7//.) 
TTcr, K(J sehreiben. 

Das ostgriechisehe Alphabet verwendet O und X 
für qp mid X- 

1. Die (istliche Hälfte gebraucht außerdem Y für ps 
und Z fi'ir hs. 

2. Die westliche schreibt x^" luid q)cr. 

Das westgriechische Alphabet besitzt kein Z. 
und gebraucht = q), X = t, M^==X ^^"^ schreibt für 
ijj meist TTö" oder qpö". 

Anm. ]. Das Westt^riechische hat im hit. Alphabet (x = •'') 
die Welt erobert. 

Anm. 2. Auf die zahlreichen lokalen Verschiedenheiten 
kann hier nicht eingegangen werden. 

Anm. 3. Eine besondere ganz abweichende Silbenechrift 
besteht auf Kypern, Sie gewährt uns manchen Fingerzeig: für 
die Au.s9prache. 

B. Die Aussprache des Griechischen. 

TH. Literatur: JilaJ.i Über die Äussjirache des Grie- 
chischen^ .">. umgearbeitete Aufldf/c. Berlin 1SS8. Hauptwerk; Ifess 
Zur Anxsproche des G riech isrlioi (Griechische Umschriften dewo- 
tischer Wörter), IF. 0, 12.'} ff'., wichtig; für die Aussprache der 
Aspiraten im 2. Jahrli. n. Chr. in Ägypten; Thnmb Zur Aus- 
sprache des Griechischen, IF. -s, ISS ff'., zieht das Armenische 
heran; Kretschnier Der Übergang von der musikalischen zur exspi- 
r<(t<)rischen Betonung im Griechischoi, KZ. 30, ,')91 ff.; Ecfxinger 
Die OrthagrapJiie lat. }\'örter in griechischen Inschriften ISifS. — 
Th. Kor seh Die aifgriech. Diphthonge vom physiolog. Standpunki 
aus. Jiuss. filnl. vestn. 49 (1902). 281—348. Beferat IF. An-. W, 84. 

"70. Die Aussprache des Griechischen hat siel) 
wie die aller Sprachen im Laufe der Zeiten beträchtlich 
verändert inid hat sich in ungestörter Entwicklung zu der 
fortgebildet, die heute im Neugriechischen vorliegt. So 
wenig aber die heutige deutsche oder englische Aussprache 
für die Zeit des Altdeutschen oder Altenglischen maß- 
gebend sein kann, so wenig ist es die des Neugriechischen 
für das Altgriechische. Bekanntlich erheben die Neu- 
griechen den Anspruch, daß die jetzige neugriechische 
Aussprache bereits im Altertum gegolten habe. Aber 



§79.] Schrift u. AuHRprachc <l(!8 rJri(^clnstlK'n. 79 

schon sehr bald nach der Renaissance der ^'riechiHchen 

Studien liat man diesem Ansicht, die durch die Byzantiner 

getragen wurde. ])ekiitnprt. In (erster Linie steht hier 

Krasmus mit seinem Dialoge de recta Latini Graeci<iue 

sermonis pronunciatione, l^asel 1528. Seine Grundsätze 

luiben im wesentHchen gesiegt. 

Anm. 1. Krasmus hatte Vorgänger, worüber handelt .1. Hy- 
water The Erasmian pronunciation of Greek and its precursors 
Jerome Aleander, Aldus Manutius, Antonio of J^ebrixa. London 
(Oxford) 1900. 

Die echte erasmische Aussprache ist aber im Laufe 
der Zeiten sehr verfälscht worden, indem man sich «mehr 
oder weniger nach dem Grundsatz richtete, daß die Zeichen 
und Verbindungen von solchen so auszusprechen seien, 
wie die entsprechenden in der eigenen Sprache». So 
geben wir z. B. das griechische eu durch unser eu wieder. 
Dies wird aber in Wirkhchkeit oö gesprochen. Ferner 
sind unsere niederdeutschen Ä", f, p Aspiraten, was die 
griechischen k, t, tt nicht waren. Hier würde eher die 
sächsische Aussprache dieser Laute dem richtigen ent- 
sprechen. Jedenfalls steht fest, daß unsere heutige Schul- 
aussprache des Griechischen der des Altgriechischen nicht 
einmal annähernd gleichkommt. Eher können schon 
slawisch Sprechende, wie die Serben, Anspruch darauf er- 
heben^ das Griechische korrekt auszusprechen. 

Anm. 2. Daß man den Grundsatz befolgt, das Griechische 
nach der gewöhnlichen deutschen Aussprache auszusprechen, ist 
sehr bedauerlich, und wir haben wahrlich keinen Grund, uns über 
Engländer und Franzosen lustig zu machen. Wenn man es auch 
als unerfüllbaren Wunsch betrachten muß, eine ganz korrekte 
Aussprache des Griechischen zu erzielen, so sollte man wenigstens 
einige ganz grobe Verstöße beseitigen, die nicht nur dem wissen- 
schaftlichen Verständnis Schwierigkeiten bereiten, sondern auch 
praktisch zu zahlreichen Irrtümern Anlaß geben. Man wird die 
Aussprache f für qp, und cli für x nicht beseitigen können, da 
Avir nicht imstande sind, p und pli, k und l'h in der Aussprache 
zu unterscheiden. Aber dann ist es doch dringendes Erfordernis, 
d mit dem Laut des englischen th wiederzugeben. Diesen Laut, 
wenn auch unsrer Sprache fremd, kann jeder lernen, und diese 
kleine Schwierigkeit, einen neuen Laut zu verwenden, fällt jeden- 



80 Laut- und Akzentlchre. (§79.80. 

falle par nicht (Ienij2:egenül)er ins Gewicht, daß damit die Ver- 
wechscluniijen /wischen t und mit einem Schlage beH<^itigt sind. 
Ebenso notwendig ist es, ei aln c wie in See zu sprechen. Denn 
diesen Lautwert hatte e«. Man braucht dann nicbt mehr Regeln 
zu lesen wie bei Gerth Griechische Schulgrammatik' 5: ^Zwei 
gleiche Vokale fließen in den entsprechenden langen Vokal zu- 
sammen. Ausnahme: ee wird €i.>' Ks ist nicht zu viel verlangt, 
von fci dann ii als ä wie in Mähre zu unterscheiden. 

80. Wenn wir die altf2:riechisclie Aussprache er- 
schließen wollen, .'-•o müssen wir uns vor allen Dingen klar 
tlarüber werden, welchen Lautwert wir mit unsern Buch- 
staben verbinden, denn mit jedem der 25 Buchstaben 
drückt der eine diesen, der andere jenen Laulwert aus. 
Es gibt zwar eine beschränkte Anzahl von Buchstaben, 
aber eine fast unbeschränkte Anzahl von Lauten. Erst 
wenn wir uns darüber klar geworden sind, wie wir jeden 
einzelnen Laut sprechen, können wir zur Entscheidung 
darüber zu kommen versuchen, welchen Wert die Griechen 
mit ihren Buchstaben verbanden. 

Es stehen uns nun im wesentlichen folgende Mittel 
zur Erschließung der griechischen Aussprache zur Ver- 
fügung: 

1. Die direkten Angaben und Beschreibungen der 
griechischen Grammatiker. 

2. Das Schwanken in der Schreibung der Laute 
namentlich in Texten L^nge))ildeter, die die traditionellen 
Regeln der Orthographie nicht kennen. Die jetzt in großer 
Fülle ans Tageslicht tretenden Papyri bieten ein vortreff- 
liches Hilfsmittel, die Aussprache zu erschließen. 

\ lun. 1. Wenn z. 1». im Papyrus des Herondas öfter i als 
€1 an Stelle des alten ei geschrieben wird, so müssen wir schließen, 
daß ei in dieser Zeit wie langes i gesprochen wurde. 

?). Die lautliehen Übergänge innerhalb des Wortes 

und besonders in der Verbindung von Worten. 

Anm. 2. Wenn z. B. im il* zu ^q)' ip wird, so konnte das 
nur geschehen, weil q) noch den Lautwert ;»/* hatte. Wenn für 
den durch Krsatzdehnung v»>r -<; entstandenen Laut (z. B. TiOeic; 
aus TiO^vq, ti beschrieben wird, so lehrt das, daß ei zu dieser Zeit 
nicht mehr Diphthong, sondern Monophthong war, ebenso wenn 



^dO.] Schrift u. AiiBHpracliü doH (iriocliiBclion. 81 

JIU8 qpiXtexe 'ihr liübt' ein (piXeire wird. Die KrHat/dehnun^' von 
zu ou in hibouc; aus hiböv^, Howie die Kontraktion in fiiOoOuev 
aus |Lua06ouev lehrt, dali ou zunilnhst den Lantwert ^oschloHHoneH 
4) hatte. Da wir aber daneben auch ein u) linden, ohne dali we- 
sentliche VerwecliHlungen eintreten, so müssen uj und ou ver- 
schieden gewesen sein, und zwar können wir nie als ollenes und 
;gü8chlossenes ö bestimmen. — Wir haben im Ur«jriechi8chen ein 
Ijautgesetz, daß n vor ,s* 4- Konsonant schwindet (§ 244, 2). Es 
zeigt sich z. B. in au-aKcudZ^uu 'packe zusammen', ou-aT^iua 'Menge, 
Schar"" gegenüber yonstigem aOv. J)a wir nun öu- auch vor Z 
finden, auIeuYvüvai 'zusammenspannen', avlvyoc, 'vermählt' gegen- 
über auviniiu 'verstehe', so können wir schließen; daß Z den Laut- 
wert ::d hatte, 

4. Die Umschreibung griechisclier Worte in andre 
"Sprachen und die fremder Worte im Griechischen und 
die gegenseitigen Lehnwörter, Auch innergriechische Vor- 
gänge kommen hier in Betracht. 

Anm. 3. Von Wichtigkeit sind hier folgende Erscheinungen: 

a) Die Annahme des ionisch-attischen Alphabete von den 
Böotern. Das Böotische hatte sich im Laufe der Zeit rascher 
geändert als andre Dialekte. Die Böoter schrieben aber in einem 
archaischen Alphabet, das die Eigentümlichkeiten ihrer Aussprache 
nicht genügend wiedergeben konnte. Im vierten Jahrhundert über- 
nahmen sie das ionische Alphabet, und sie verwendeten dabei z. B. 
■ou für den Laut, der im Attischen u geschrieben wird, z. ß. d p y o - 
piov = att. öpYÜpiov. Wir ersehen daraus, daß im Attischen in 
dieser Zeit ou wie ii gesprochen wurde, und umgekehrt erkennen 
■wir, daß im Böotischen das alte u nicht zu ii geworden war. Daß u 
im Attischen diesen Lautwert hatte, erkennen wir auch daraus, 
daß die Böoter u für einen aus oi entstandenen Laut verwenden, 
z.B. J-VKoc; = att. oTKoq. 

b) Griechische Wörter im Lateinischen und umgekehrt. Vgl. 
hierzu Th. Eckinger Die Orthographie lateinischer W^örter in 
griechischen Inschriften. München 1892. 

c) Ebenso im Demotischen und Koptischen. 

d) Ebenso im Armenischen und andern orientalischen 
Sprachen. 

Diese Zeugnisse gelten im allgemeinen für eine ziemlich 
junge Zeit. 

5. Der etymologische Wert der einzelnen Laute, wie 
er durch die Vergleichung der verwandten Sprachen er- 
.^chlossen wird. 

Hirt Griech. Laut- u. Formenlehre. 2. Aufl. 6 



82 Laut- und Akzentlehre. [§80.81. 

6. Die Wortspiele, die auf ähnlichem Klange be- 
ruhen, die Etymologien bei alten Schriftstellern, die Nach- 
bildungen von Tierlauten, z. B. das ßn ßfj des Kratinos» 
um den Laut der Schafe auszudrücken. 

Alle diese Hilfsmittel gewähren indessen nicht die 
Möglichkeit, die Auss})rache genau in allen Feinheiten fest- 
zulegen, weil die Laute, die wir mit einem Buchstaben 
bezeichnen, sehr verschieden sind. Es kann sich also nur 
darum handeln, eine möglichst große Genauigkeit zu er- 
reichen. So wenig wir aber imstande sind, aus der Be- 
schreibung unsrer Grammatiken eine richtige Aussprache 
des Französischen oder Englischen zu gewinnen, so wenig 
ist das mit dem Griechischen der Fall, weil wir vor allem 
vom Akzent, der Silbentrennung, der Energie der Aus- 
sprache, der Artikulationsbasis zu wenig oder gar nichts 
wissen. 

Im Folgenden werden wir uns darauf beschränken,, 
die Aussprache des Griechisclien im allgemeinen festzu- 
legen, ohne systematisch auf die Dialekte einzugehen. 

I. Die Vokale und Diphthonge. 

81. Bei der Bezeichnung der Vokale unterschied 
man die Kürzen und Längen nicht. Man verwandte also 
nicht l>loß a, i, u für a, ?, //. sondern auch e und o ur- 
sprünglich für beide Quantitäten. 

1. n und ä waren wohl ziemlich reine a, die eher 
nach f, als nach o liin lagen. Für ä läßt sich dies aus; 
dem Übergang von ä : r| erschließen. Die griechischen a 
sind also nicht mit unsern deutschen gleichzusetzen, weil 
diese nach o hinneigen. Im Nordachäischen geht a in 
der Nähe von p in o über, muß also hier einen andern 
Klang gehabt ha])en. 

2. e, ei, )]. Mit H bezeichnete man ursprünglich den 
Spiritus asper, att. HeKaiöv (408 v. Chr.). Da dieser aber 
im kleinasiatischen Jonisclu^i verloren ging (Psilosis des 
lonischenX so hatte man ein überflüssiges Zeichen. Der 
Buchstabenname hctd lautete nach Verlust des h eta, und 



881.J Scluin n. .\usH|>r;K'lie dt'H (irieclüschrn. 83 

man könnt»' das Zeichen H daher für ein langes r v<m*- 
wenden, das im Ionischen aus urgriech. d neu entstanden 
war. Auf Naxos z. H. sclireiht man |LiriT€p — att. inntrip, 
dor. |aixTi"i(). Dies aus a entstandene e muß ursprünglicli 
oil'ener gewesen sein als das alte c, und es bezeichnete 
daher \\ und € nicht einen Quantitäts-, sondern einen 
Qualitätsunterscliied, etwa wie zwischen säen imd die Seen. 
Später sind dann urgriech. f. und ion. att. (B zusammen- 
gefallen, und das ist in der Weise geschehen, daß beide 
in einem oüenen ä'-Laut zusammentrafen. 

e dagegen war oder wurde im Attischen geschlossen. 
Darauf weist die Schreibung der Kontraktion von e + ^ 
mit 61, *cpi\e6Te ^ cpiXeTie. In andern Dialekten, wie im 
Äolischen und Teilen des Dorischen, wo e -|- ^ zu t] wird, 
im Elischen und Lokrischen, wo e teilweise in a übergeht, 
muß e offen gewesen sein. Das Ursprüngliche ist schwer- 
lich auf Seite des Attischen. 

Die Schreibung ei wurde ursprünglich für den idg. 
Diphthongen ei gebraucht und hatte gewiß den Lautwert 
ei (nicht zu verwechseln mit unserm ei geschriebenen 
Laut, der den Wert ae hat). Seit dem 6. Jahrhundert 
beginnt man im Attischen ei zu schreiben sowohl für die 
Kontraktion von € -|- e wie für das durch Ersatzdehnung 
entstandene e, TiO-ei<; aus Ti^ev<;. Es ist ganz klar, daß 
das ei in cpiXeiie, TiO^ei«; ursprünglich nur w^ie ein langes 
e gesprochen werden konnte. 

Die meisten Forscher nehmen an, daß dieser Laut- 
wert erhalten blieb, und daß der alte Diphthong ei sich 
ebenfalls zu geschlossenem e entwickelt hatte: vgl. Brug- 
mann IF. 9,343. War die Aussprache gleich, so mußte 
auch die Schrift gleich werden. 

Anm. 1. Auf einem andern Standpunkt stehen Blaß Aus- 
sprache =^ 28 ff. und Ho ff mann Gr. Dial. 3, 384 ff. Nach ihnen ist 
das ursprüngliche e wieder diphthongisiert und so der Zusammen- 
fall mit ei eingetreten. Dieser Vorgang ist sonst nicht selten, für 
das Attische aber durchaus unwahrscheinlich. Wir halten an 
ßrugmanns Standpunkt fest, der heute wohl allgemein anerkannt 
ist. Vor allem spricht dafür die parallele Entwicklung des ou. 

6* 



84 Laut- uii.l Ak/entlehre. [§81. 

3. i bezeichnet das kurz(^ und hinpje j, das ira 
Griechischen fest ist. Es ^vird (hiher in / ein reiner j-Laut 
vorliegen. (Deutsch l ist also schwerlich damit identisch.) 

4. 0, ou, uu. Diese drei Laute entsprechen genau den 
unter 2. besprochenen e-Lauten. 

o war sehr geschlissen. Das Kontiaktionsprodukt 
von -\~ "wird seit ca. ."')00 v. Chr. vereinzelt ou ge- 
schrieben, ebenso wie das durch Ersatzdehnung ent- 
standene ö in biöouq. Gesprochen kann hier ursprünglich 
nur ö sein. 

Dialektisch geht o auch in u über, so im Ark., Gen. 
Sg. Fem. -ao zu -au, im Kypr., t^voitu, was ebenfalls 
auf geschlossene Aussprache deutet. 

Ursprünglich bezeichnete o sowohl die Kürze wie die 
Länge. Da aber die Länge wie \\ offen war, so schuf 
man ein neues Zeichen Q, das sich erst allmählich in der 
Geltung festsetzte. 

Anm. 2. Verschiedene Orte schreiben ß für o und für uu. 

OU bezeichnete wie ei ursprünglich den Diphthongen, 

wurde aber schon früh monophthongisch geschlossenes ö, 

das dann in ü überging, wie ja auch ei früh zu i wurde. 

Anm. 3. Ob die Entwicklung von ei > p > » franz parallel 
mit der von ou ]> o > ü verlaufen ist, läßt sich nicht sicher aue- 
machen. Scheinbar lehrt das B(>otieche eine Verschiedenheit, da 
es att. ou für urgr. t7 verwendet. Aber es kann hier eine un- 
genaue l'czeichnung vorliegen. Jedenfalls bezeichnet das Thesea- 
lische <len aus urgr. (u entstandenen Laut mit ou, urgr. ü aber, 
«las unverändert geblieben war, mit u. 

T). ai, Ol, au, eu sind jedenfalls a -\- i, o -\- i, a -{- w, 
e 4" w gesprochen. P>st später verändern eich diese Laute. 

T). u diente zuerst zur Bezeichnung des langen und 
kurzen n. Diesen Lautwert bewahren die meisten Dialektt'. 
Im Ionisch-Attischen wurde u frühzeitig verändert, aber 
nicht in den diphthongischen Verl)indungen. Ionische 
Inschriften schreiben daher q)€6Y€iv (Solmsen^ 56, 3; 24) 
aÖTÖq. Die Aus.sprache des u war schwerlich die unseres m. 

7. Die Langdiphthonge kennen wir in unserer Sprache 



§81.82.] Scliriri II. AuaRprat'he «Ich (irlechiHclifin. 



85 



nicht. Im Clrioolnsclim rIikI si(^ ziemlich früh monoj)]i- 
thongisiert worden. 

J)as iittisch(^ Vokalsystem in (h'r Zeit der Blüte des 
athenischen Staates bietet daher etwa folgendes Hild: 



1 -linken: 


KO 


C (€1) 


ie (n) 


a{d) 


Ö" (UJ) 


ö"(ou) 


ü{v) 


Kürzen : 


'•(0 


d(6) 




(i(a) 




0(0) 


n (u) 


Dijihthonjxo: 




€U 


r\\} 


ai 
äi 


UUl 
UiU 


Ol 





H2. 



II. Die Konsonanten. 

1. p. Das griech. p war nach Dionys ein 



Zungenspitzen- r, nicht also wie das unsrige uvular. 

Anm. 1. Dionys compos. p. 79 R.: tö he p (^KqpuuveTTai) 
Tf|<; Y^^uJCFcrric cxKpag diroppaTTiZlouari^ tö ttveöua, Kai Trpö<; töv oupavov 
(Gaumen) ^tT'J? '^^^ öbövxuuv dviataiuevric;. 

Man kann r stimmhaft mid stimmlos hervorbringen. 
Ein stimmloses r gibt es in vielen modernen Dialekten. 
Auch das griechische r war zunächst im Anlaut stimmlos, 
daher die Schreibung p. Der Grund dafür liegt in der 
Entstehung aus sr und ivr. Auch nach qp, 0, x ^^'^r P 
stimmlos, Avie aus der von den alten Grammatikern ge- 
forderten Schreibung dqppoq, dpovo<^, xpovO(; und aus der 
häufigen Schreibung der Römer j^rk, trJi, crh, z. B. 
Prhoninms, TrJiepfo, Crhjsippus (Kretschmer Vas. 160 ff.) 
geschlossen werden darf. Dies gilt auch für die Ver- 
doppelung. Möglich ist auch, daß r nach allen stimm- 
losen Lauten tonlos war. 

2. X. i ist ein Laut, der sehr leicht von den folgenden 
Vokalen beeinflußt wird. Viele Sprachen unterscheiden 
zwei oder drei Varietäten, namentlich das Russische. 
Für des Lateinische hat Osthoff ein dunkles und helles l 
nachgewiesen. Auch im Griechischen haben wenigstens 



86 Laut- und Akzentlehrc. f§82. 

dialektisch verschiedene /Laute existiert. In Kreta l)estand 
jedenfalls f, wie aus dem i'])eru:ang in k (geschrieben u) 
hervorgeht, z. B. auKdv = üXkuv Stärke", au-f6Tv = d\Y6iv 
'sehmerzen', eu^eiv = eX\>eTv 'kommen' usw. Das gleiche 
ergibt sich aus verschiedenen Vokalassimilationen, ])ei 
denen oflenbar das zwischen zwei Vokalen stehende / eine 
verdunkelnde Wirkung auf den Vokal ausübte (§ 165, 1). 
Wie p war X verschiedentlich stimmlos, vgl. die 
Schreibung lat. Clhoc. 

3. Die Nasale. Das Griechische besaß drei Nasale, 
den labialen ()a), den dentalen (v), und den gutturalen 
(w, deutsch Hf/, durch y bezeichnet). Dieser kam nur 
ursprünglich vor Gutturalen vor. Später entstand er auch 
in YiTVOjaai 'werde', sprich giunomai. Die Inschriften be- 
zeichnen ni und ii häufig durch v, so z. B. att. dvireXicuv, 
€Tpav|uaTeu€v, KivKXiöa^, evT^?. 

4. f. Das Digamma hat das Ion. -Attische so früh 
verloren, daß nur wenige Spuren davon vorhanden sind 
(s. § 231 Anm. 3). Die ü])rigen Mundarten haben es z. T. 
lange bewahrt, und es ist in Inschriften reichlich über- 
liefert. Kbenso ist es in den epischen Dichtungen noch 
deutlicli zu spüren, doch handelt es eich dabei im wesent- 
lichen um die Versteehnik. In welcher Weise es ge- 
sprochen wurde, läßt sich natürlich nicht sagen. Seiner 
etymologischen Herkunft nach ist es ein unsilbisches u 
gewesen und kcinnte so dem engl, w entsprechen. Die 
neuern Untersuchungen haben gelehrt, daß wir zwei Arten 
von /" zu unterscheiden haben, eines, das spurlos schwindet, 
und ein andres, das als h bleibt. Man wird dieses auf 
ein stimmloses w wie in engl, wh zurückführen dürfen. 
Möglieh, aber nicht sehr wahrscheinlich ist, daß es in 
ge-wissen Stellungen spirantisch (deutsch w) geworden i.st. 

Da das ionische Al})habet kein Zeichen dafür hatte, 
80 er.'^cheint gelegentlieh die Schreil)ung ß dafür, z. !>. lak. 
Boivta<;, el)cnso bei den (Jrammatikern, vgl. >? 2."U Anm. 1, 
doch mü.ssen diese auch das Zeichen f noch gekannt haben, 
wie sich aus der Schreibung in llesychs Lexikon ergibt. 



§82.] Schrift n. Ausspr.-iclu' de« üriccIiiHchon. ^7 

Hi(T finden wir nilmlich (ilossen mit f uinl T in Worten, 
die S hatten. Die Verwechslung ist leicht verständlich, 
kann aher natiirlieh erst aus einer Zeit stammen, als man 
gar keine Kunde mehr von .F hatte. 

f). Die Tenues k, t, tt waren reine Lösungsfortes, wie 
sie die italienische und slawische Aussj)rache hat, sie sind 
also nicht gleich unsern /.-, /, ;;, die in der Bühnenaus- 
sprache aspiriert sind, /.', /', //'. 

(). Y, ^> ß bezeichneten ursprünglich stimmhafte 
Verschlußlaute wie frz. o, d, h. Später gehen sie zu 
verschiedenen Zeiten in Spiranten über. 

Anm. 2. Die französischen //, d. h unterscheiden sich von 
unsern deutschen Lauten, auch denen der Bühnenaussprache, sehr 
merklich. 

7. X» ^» 9- Unsere gewöhnliche deutsche Aussprache 
dieser Laute ist sicher falsch. Diese Laute waren ton- 
lose Verschlußlaute mit folgendem Hauch. Daher wird 
diTÖ ou zu dcp' 00, gespr. ap Im. Der Übergang in Spiranten 
ch^ engL //«, / ist erst sehr spät erfolgt. Die Römer 
schreiben noch Äciles, Nicepor. In Ägypten wurden noch 
im zweiten Jahrhundert nach Christus tenues aspiratae ge- 
sprochen, vgl. Hess a. a. 0., Kretschmer Athen. Mit- 
teil. 21, 413ff., Gercke Hermes 41,549. 

^ ist dialektisch am frühesten zur Spirans geworden, 

und im Lakonischen wird sogar er dafür geschrieben, z. B. 

<Ji6p • -^eöq Hesych, irepl öe toj crujLiaTO^ Thuk. b, 17, 4, 

juucribbi-iv = juudiZ^eiv Lysistrate 1076, eXcTr) = eXöi] Ly- 

sistrate 105. 

Anm. 3. Es ist nicht daraus zu schließen, daß die Spar- 
taner wirklich o sprachen, sondern die Schreibung drückt nur 
die Abweichung aus, die in der spirantischen Aussprache liegt, 
gegenüber der attischen als Verschlußlaut. 

Für 6- besteht auch ein gemeingriechisches Zeichen, 
für X "i-^nd qp nicht. Man schrieb zuerst k und tt dafür, 
z.B. gort. öapKvdv = öpaxMnv (Gort. 1,9), Kpövö = 
Xpövou (Gort. 1,11), Kipavq = X^^P^v^ (Gort. 1,26), 
dvTTi = djucpi (Gort. 1, 2), diTOTTOvioi = dTiocpujvioi 



88 ].aiit und Akzentlehre. [§82. 

(Gort. 1, 14), dann k//, tt//, z. B. TT/zeibiTTiöa^ oinhe (Thera 
tSolmsen ^ 30, 1). 

Auch vor tennis as])irata sjirach man tenuis aspirata, 
vgl. Job. S(;hmidt KZ. 27, 3ü0f., 28, ITG. 

8. Während die Lal)iale und Dentale wenig ver- 
änderlich sind, haben die sogenannten Gutturale bei den 
einzelnen Völkern sehr verschiedene Aussprache, die sich 
nach dem vorhergehen len oder folgenden Laute richtet^ 
vgl. deutsch ich und ach, kind und kuHst. Auch bei den 
Griechen hat es wenigstens zwei /r-Laute gegeben, da die 
beiden semitischen Gutturale kdph und qOph in das 
griechische Alphabet aufgenommen worden sind, q findet 
sich auf Inschriften meist vor o und seltener vor Kon- 
sonanten. Im Attischen ist es nur auf den ältesten Stein- 
und Vaseninschriften erhalten geblieben, z. B. Eubi90(^,. 
f XaupoTTibi = yXauKUJTTiöi, 90pe = Koupn (Meisterhans^ 3). 

ö])äter hat man es als unncitig aufgegeben. Doch 
kennt noch das heutige Neugriechisch eine doppelte Aus- 
sprache des K. 

9. Die 6-Laute. Die Griechen haben aus dem 
semitischen Alphabet vier Zeichen für Zischlaute herüber- 
genommen, M^^^ I Davon ist I = ^. \T\ wurde später 
als H verwendet, M und ^ dagegen waren lange in ver- 
schiedenen Dialekten in Gebrauch (dorisch crdv, ion. aifina). 
Lagercrantz Zurgriech. Lautgeschichte S. 100 vermutet, 
daß im Griechischen ursprünglich zwei verschiedene s-Laute 
bestanden hätten, und daß M ursprünglich eine Art ^^ ^ 
dagegen das tnnlose s bezeichnet habe. Diese auf laut- 
geschichtliche CJründe gestützte Vermutung läßt sich nicht 
beweisen, da kein Dialekt beide Zeichen nebeneinander 
verwendet. 

G dient gelegentlich auch zur Bezeichnung des stimm- 
haften z (frz. z), z. B. ^TTevj;i'-)(picTev (= lev) 340 v. Chr. 

Anm. Auf ionisclieui Boden linden wir ein besondere» 
Zeichen T zur Bezeiclinun^ den Lautes, der später aa (= att. rr) 
gesciirieben wird, z. B. 'A\iKapvaT^ujv v^Solnisen '' 52, 2). 

l. Der Lautwert des l ist umstritten. Die meisten 



§82.] Sulnift 11. AusHprache den Griecliisclien. 89 

ForscluT (^JUaii Ausspr.-' Uli 11'., liriij^manii (Jr. Gr.'' 30, 
G. Meyer Gr. Gr.^ 371) roIkmi darin zd, was für die 
iUtern Zeiten und j]jewisse Gegenden «clir wohl möglich ist. 
Es kann aber auch dz sein. Lagercrantz a. a. 0. S 125 ff. 
bestreitet dies und glaubt, das es urs])rünglich £- bezeichnet 
habe. Seit ca. 340 v. Chr. wcTden er und Z nicht selten 
verwecliselt, so daß l den r-Laut bezeichnet wie im Neu- 
griechischen, z. B. att. dvaßaZ^|nou(;, Z}ivpvü.ioq. 

10. S und \\f. Der Jjautwert. dieser Zeichen ist nicht 
ganz klar. Nach Kretschmer Athen. Mitt. 21, 420ff. 
hatte t ursprünglich den Wert eines gutturalen Spiranten 
-|-- s. Es wird daher altattisch und sonst X + ö" geschrieben, 
z.B. eöoxcrev. Ebenso findet man qpcr für ip, z. B. cpcre- 
qpiCTiua (439 v. Chr.). Die Grammatiker erklären indessen 
die beiden Lautgruppen für k -j- (T und tt -f- er, doch 
stammen diese Angaben aus einer viel spätem Zeit. 

Aber daß k und tt vor ö" in der Aussprache etw^as 
modifiziert waren, ist höchstwahrscheinlich, da sich daraus 
am besten die Wahl eigner Zeichen für H und ip erklärt. 
Da aber x und cp keine Spiranten waren, ist dies auch 
nicht für x^ ^^^ 9cr anzunehmen. 

11. Der Spiritus asper entsprach im wesentlichen 
unserm h. Er wird ursprünglich mit H bezeichnet, ging 
aber in vorhistorischer Zeit in verschiedenen Dialekten 
verloren, Lesb., Elisch., in Gortyn auf Kreta und im 
asiatischen Ionisch, wodurch, wie wir oben sahen, H zur 
Bezeichnung des offenen c~-Lautes (ii) frei wurde. Viele 
Dialekte, die ihn noch besitzen, so das Attische, können 
ihn daher nach Aufnahme des ionischen Alphabets nicht 
bezeichnen, und wir erschließen sein Vorhandensein aus 
dem Einfluß, den er auf vorausgehende Tenues ausübt, 
dqp' ou für dir' ou. In Unteritalien und in Elis wird nach 
Annahme des ionischen Alphabets für h ein neues Zeichen 
gebildet, ein halbiertes H = h, das später von den Gram- 
matikern angenommen und über den Buchstaben gesetzt 
wurde. Für den Spiritus lenis diente dann das um- 
gekehrte Zeichen H. Durch Abrunden sind unsere Spiritus- 



90 Laut- und Akzentlehre. [§82—84. 

zeichen ' ' entstanden. Der Spiritus asper liielt sich im 
Attischen und in der Koine ziemlich lange. Der Spiritus 
lenis hezeichnete wahrscheinlich den sogenannten festen 
Vokaleinsatz. Man bildet nämlicli die Vokale, indem 
man die Stimmbänder aus der Ruhelage, in der sie weit 
voneinander entfernt sind, einander nähert (loser Vokal- 
einsatz), oder man kann sie auch zunächst völlig zu- 
sammenpressen, um sie dann so weit zu cißhen, daß sie 
zu schwingen beginnen. In diesem Falle hört man ein 
leises knackendes Geräusch bei der Bildung des Vokals. 

Falsche Schreibung. 

Hli, Da in der spiltern Aussprache eine Reihe von \'o- 
kalen zusammen^'efallen waren, so stellton sich Unsicherheiten 
der Schreibung ein, und in unsere Handschriften haben sich eine 
<ranze Reihe von P'ehlern eingeschlichen, die meist erst mit Hilfe 
der Inschriften verbessert werden konnten. Besonders wichtig 
ist die N'erwechslung von i und ei. Es ist zu schreiben Teiaau 
Teiaauevö^. Teiöiac; usw., aber Ti|ir), Ti|Liäuj; cpdeiuu wird von Gram- 
matikern bezeu<rt, qjöeianvtup Herodian H 599, 7, veiqpiu ist für 
viqpiu durchweg zu schreiben. Tivufii, KTivu|ai scheinen für xeivuLii. 
KTeivu|ii zu stehen, |li(yvuilii für laeiYvum, für (r^a steht eiTta in 
att. Inschr. Für k\'.tO<; bezeugt Herodian II 416, 19 kXcitu? als 
richtiger. Für ludriov ist nach Solmsen KZ. 29. 73 eindTiov zu 
schreiben, von elua, doch ist i|idTiov sicher bezeugt. Xipiuv statt 
Xeipiuv schreiben alle attischen Vasen. o(kti'puj, nicht o(KTeipuj 
heißt es in attisciien Inschriften. Ferner TToxeibaia, \ie\t-, kXci- 
öiov. payeipoc; xpeiöKaibeKa <J)XeioO(;. Falsch ist auch die Aus- 
sprache ti, x^ "f^^ 9i» M^i- richtig ist nur Eei, irei, x^i, <p6i, i|;€i. Be- 
lege für das Attische bei Meisterbans ^ 50 If. 

In den Langdiphtliongen war i früh verstummt, es wird 
daher teils an falschem Ort geschrieben, teils fortgelassen, wo es 
hingeh()rt. und es haben sich auch hier manche rnsicherheiten 
eingeschlichen. Die Inschriften schreiben bqiboOxo«;. OpciS, OpÜKn, 
Opiiaouj, aber irpäo^, Xribiov, s. Meisterhans S. 64 11". 

III. Der griechische Akzent. 

HA, E.s st-elit fest, daß im griechischen Akzent die 
Abstufung der Lautheit keine allzugrolJe Rolle gespielt hat. 
weil alle die Krscheinimgen fehlen, die in Sprachen mit 
exspiraturischem Akzent aufzutreten i^llegen, nämlich Xei- 



^84.] Sclirilt u. Ausspniclie (Ich Griechiacheii. 91 

kürzung und Ausfall dw V'okiile. Es überwogen vielmehr 
die Unterschiede in der Tonhohe, und außerdem war di(>' 
Zeitahstufung sehr scharf ausgeprägt. Letzteres folgt aus 
der ]>ildung quantitierender Verse, während ersteres sich 
schon aus den Bezeichnungen oHu^ und ßapüg ergibt, die 
wahrscheinlich von den Musikern zuerst angewendet werden 
und in der Musik die hohe und tiefe Sait(; bezeichnen. 
Außerdem besitzen wir das ausdrückliche Zeugnis der 
Grammatiker, daß der Unterschied zwischen dem hohen 
und tiefen Ton etwa eine Quinte betrug. 

Die griechischen Grammatiker haben zur Bezeichnung 
des Akzentes drei Zeichen eingeführt, den Akut ', den 
Oravis ' und den Zirkumflex ", ~. 

Die akuierte Silbe war, wie gesagt, um eine Quinte 

höher als die nichtakuierte. Der Gravis bezeichnete den 

Tiefton. Er findet sich im Innern des Satzes und tritt 

statt des Akutes der letzten Silbe ein, sobald das Wort 

nicht am Ende des Satzes steht, also Kokoq schön', aber 

Kokbq dv^puuTTOc;. 

Anm. 1. Es handelt sich hier also um eine Art Satzakzent. 
Wir haben etwas ganz Ähnliches im Deutschen. Innerhalb des 
Satzes wird jedes Wort anders betont als am Schluß. Da läßt 
man die Stimme sinken, während sie im Innern steigt. Die Silbe 
-fer in dem Satze Der Vater Uebf den Sohn liegt höher als in dem 
Satze Der Sohti liebt den Vater. Die Griechen machten es um- 
gekehrt. Sie sprachen die betonten Endsilben im Satze tief, am 
Ende hoch. 

Es gab auch ein anderes Akzentuationssystem, bei 
dem eine Silbe den Akut ', alle andern den Gravis trugen, 
z. B. qpepöjLievö«;. Einen Rest dieser Bezeichnungsweise 
finden wir in der Bezeichnung der proklitischen Wörter. 
Während diro und andere Präpositionen ursprünglich auf 
der ersten Silbe betont wurden und so sich noch in der 
Stellung nach dem Substantiv finden, tragen sie in der 
Stellung vor dem Substantivum stets den Gravis auf der 
letzten: dirö toö. Sie waren tieftonig. Über die Natur 
des Gravis vgl. Wackernagel Beiträge zur Lehre vom 
griech. Akzent. 



92 Laut- und Akzentlebre. [§84. 

Der Zirkumflex war ein ans Akut und Gravis zu- 
sammengesetzter Ton, wie schon das Zeichen " andeutet 
und wie die Grammatiker ausdrücklich bezeugen. Er stand 
nur auf Längen. 

Während auf Kürzen nur der Akut oder (Jravis stehen 
kann, finden wir auf Längen den Akut oder Zirkumflex, 
z. B. N. Tijui'i, Gen. Ti|ifi<;. Hier liegen also verschiedene 
Silbenakzente vor. Welche Unterschiede dabei vorhanden 
waren, läßt sich nicht genau sagen, wir können nur eins 
feststellen: der Zirkumflex war ein Akut auf der ersten 
More einer Länge, dem der Gravis folgte, während der 
Akut auf der zweiten More ruhte. Das ergibt sich ganz 
einfach. Aus cpiXeuj 'icli liebe' wird qpiXüu, aus ^aidubg 
'stehend' aber ecTTüüq. Ebenso folgt es aus dem Wechsel 
des Akzentes innerhalb der Flexion. Es gilt nämlich im 
Griechischen das Gesetz, daß der Akzent nur innerhalb 
der drei letzten Silben stehen kann, auf der drittletzten 
aber nur, wenn die letzte kurz ist, z. B. epeßo^ 'die 
Finsternis'. Im Gen. tritt daher der Akut auf die vor- 
letzte ^peßouq. Bei einem zweisilbigen Wort, dessen erste 
Silbe lang ist, finden wir genau dasselbe, ÖTi)ioq 'das Volk', 
dor.bä)LiO(^ trägt den Zirkumflex ön|Hoq, d.h. es wurde bdd)Liog 
betont, ist die letzte lang, so finden wir örijaou, d. h. "•^öad^ou. 

Die Quantitäten wurden im (Jriechisclien genau be- 
achtet. ICs gab aber nicht nur zwei, sondern mindestens 
drei, nämlich die Kürzen, die akuierten Diphthonge der 
letzten Silbe und die eigentlichen Längen. Akuierte Diph- 
thonge der letzten Silbe gelten nämlich für das allgemeine 
Akzentgesetz als kurz. Es heißt N. PI. deoi 'die Götter', 
aber oikoi, 'die Häuser', dagegen im Lok. Sg. 'laö)noT 'auf 
dem Isthmus', aber oikoi zu Hause'. Auch die Längen 
in Mittelsilben gelten für den Akzent als kurz, denn es 
heißt nicht mir tptßocg, sondern auch d'vdpujTroq. Wir 
haben also drei Zeiten anzusetzen: Kürzen«^, mittelzeitige 
Vokale _^ und eigentliche Längen ^^^. Es ist darnach über- 
haujit anzunehmen, daß die hoch])et()nte Silbe länger war 
als die tieftonige. 



§84.85.] Schrift ii. AuHHpraciKi des (iriechiKclien. 98 

Anin. -. Im il«Mii Schol. /.u llopliast. p. 78 Hteht das aun- 
tlrückliche Zeugnis, dali jedo betonte Silbe lilnger ist als die ent- 
Mprecbendo unbetonte: iart'ov öti uapa Toiq iLiexpiKoic; f] 6Eutovou- 
iLi^vri auXXaß)'! peiZiuv ^aii Tf)(; ßapuvojatvrit;. OIov y\ Xog öuWaßn 
^v TU) Ka\6<; peiCujv ^öti Tf|<; ^v Tip q)iXoq. Wenn auch dieses 
Zeugnis aus verbiiltnisnulßijj: spilter Zeit stammt, ho ist es doch 
nicht zu verwerfen, weil eben andere Tatsachen dafür sprechen. 
In der spätem Zeit führt dies zu der Krschcinunf^, daß })etonte 
Kürzen mit Lün«j:e, unbetonte Lilngen mit Kürzen bezeichnet 
werden. Vgl. Kretschmer KZ. 80, 591 tf. 

85, Die Anordnung der Laute nach der 
Schallfiille und die damit zusammenhängende Silhen- 
trennung ist einer der wichtigsten Faktoren der Aus- 
sprache. 

Wer Gelegenheit hat, Slawen deutsch sprechen zu 
hören, wird dies sofort verstehen. Wir verlegen die 
Silbengrenze meistens in den Konsonanten und teilen 
hafife, Ham\mel. Unsere Silbenteihuig galt jedenfalls im 
Griechischen nicht, vielmehr gehörten die Konsonanten 
so weit als möglich zur folgenden Silbe. 

a) xVlle einfachen Konsonanten. Wir haben also zu 
teilen d-Yuu, cpepuj usw., und auch d-vex^J^, Ka-du-qpai-püu. 

b) Konsonantenverbindungen, die anlauten können, 
werden stets zum Silbenanfang gezogen, d-cr9'evTi(;, d-aipov, 
tO-tttuu, 6-crcpuq, ö-yboog, )ue-|uvri|uai, ö-ipo)uai, e-Euu usw,, 
aber auch solche, die nicht im Anlaut vorkommen, wie 
Y|Li, ^|Li, K|u, \\x, TV, qpv, aX, (Jv, (Tp, (TT, ^^ usw. Ja, 
Herodian teilt sogar Xa-K7TdT)iT0(;, Xd-Yßctioq. 

c) Verbindungen von Liquida und Nasal mit Geräusch- 
laut müssen wegen Unsprechbarkeit im Anlaut getrennt 
werden, also dX-croq, dp-crriv, dv-doq, dY-Kiiiv, dX-Kirip usw. 

d) Bei Zusammensetzungen schwankt die Praxis der 
Schreibung, wir finden sowohl eicr-aYYtXia wie ei-CTaTY^^ioi 
geschrieben. 

e) Da gedehnte Konsonanten anlauten konnten, vgl. 

unten, so standen ursprünglich gedehnte Konsonanten auch 

im Silbenanlaut, also ire-TTuu. 

Anna. Da im griech. Wortauslaut nur c. p, v geduldet 
werden und wir an dieser Stelle den Silbenschluß vor uns haben, 



94 Laut- nn.l Akzentlehre. [§85.86. 

HO ist dies auch für den Silbenflchhiß im Wortinnern anzunelimen, 
wobei wir nur nocli |n und X als notwendige Ergänzung hinzu- 
zufügen haben. Im allgemeinen werden also die schallarmen 
Laute nicht im Silbenschluß getluldet. 

Hil, Kine Verschiebung der Silbengrenze stellt 
sich sehr leicht ein und hat im Griechischen nicht ge- 
fehlt, wenngleich wir z. T. nur mangelhaft darüber unter- 
richtet sind. 

1. Vielfach finden wir auf Inschriften -crcTT-, -crad-, 
-OGK-, -crcrx-, -crcTTr geschrieben, so att. dpicraTa, fpaipaaa^aiy 

AacTKXiiTTioq, AicrcrxuXog. Weitere Belege bei Meiste r- 
hans^ 89 und G. Meyer "^ 304. Dies erklärt sich am 
leichtesten durch Verschiebung der Silbengrenze. Man 
sprach nicht mehr u-pi-cria, sondern dpia-cna. 

2. Formen wie att. Trei-TLU aus *7Te-K/uj, dXXog au^ 
*d\/o5 setzen ebenfalls eine Verschiebung der Silbengrenze 
voraus, da sonst wie im Anlaut Vereinfachung der langen 
Konsonanz hätte eintreten müssen. Vgl. demgegenüber 
ßai-vuu aus '•■ßd-v/uu, ö-\o(; aus '-'ö-Xfoc;. In att. |ue-crog aus 
jue-aaoq, '^me-thjos ist gegenüber lesb. \xi(5-(5oc, die Silben- 
trennung bewahrt. 

3. Die Verschiebung der Silbengrenze ist ein Kenn- 
zeichen des äolischen Dialekts. 

4. Der Versiktus war, wie Solmsen Unters. 101 fT. 
zeigt, imstande, die Silbengrenze zu verschieben. Daher 
bewirken bei Homer ö/", /"p, Muta und Liquida meist nur 
in der Arsis Position. Vgl. noch Job. Schade De cor- 
reptione attica, Diss. Greifswald 190S. 



§87.88.] I>;is iiuloj^cniiani.sclK* Vukuls5'8t(Mii. 95 



Neuntes Kapitel. 

Das indogermanische Vokalsystem und 
sein Ablaut. 



H7. Erst seitdem man mit dem San^skrit bekannt 
geworden war, gab es eine vergleichende Sprachwissen- 
schaft. Der Zusammenhang der europäischen Sprachen, 
den man früher wohl geahnt hatte, gewann nun mit einem 
Schlage greifbare und feste Gestalt. Da das Altindische 
in seinem grammatischen Aufbau überaus durchsichtig 
war und zum Teil sehr altertümliche Erscheinungen auf- 
wies^ so wurde es die Grundlage des sprachwissenschaft- 
lichen Studiums, und man hat es lange Zeit in seiner 
Bedeutung überschätzt, wenn man auch bald davon zu- 
rückkam, in dem Sanskrit die Muttersprache der euro- 
päischen Sprachen selbst zu erblicken. Jedenfalls sah man 
auch den Vokalismus dieser Sprache als ursprünglich an» 
Gegenüber der Mannigfaltigkeit des griechischen Vokalis- 
mus mit seinen i, e, a, o, u enthält er aber nur die 
Dreiheit i, a, u, die ja die Grundlage der Vokalreihe 
überhaupt zu bilden und auch im Gotischen vorzuliegen 
schienen. Diese Vokale a, i, u wurden daher als die 
allein ursprünglichen betrachtet. Durch eine Reihe ein- 
schneidender Entdeckungen in den siebziger Jahren wurde 
indessen nachgewiesen, daß der griechische Vokalismus 
dem idg. ^del näher steht als der indische, und wir können 
heute sagen, daß in keiner Sprache die Vokale so gut 
erhalten sind wae im Griechischen, obgleich auch hier 
mehrfach Laute zusammengefallen sind, die man streng 
scheiden muß. 

88. Für das Verständnis einer Einzelsprache ist 
es aber nicht so wichtig zu wissen, daß gewisse Vokale 



96 Laut- uiul Akzentlehre. [§88.89. 

bestimmten andern in den verwandten Sprachen ent- 
sprechen, vielmehr tritt als Hauptproblem uns das 
€nt<;egen, daß in etymologisch verwandten Wörtern 
(XeTUJ, XoTog; ßdXXiu, ßeßXr|Ka) Vokale miteinander 
wechseln. Soweit man diesen Wechsel nicht durch 
einzelsprachliche Lautübergänge erklären kann i?^. darüber 
§ 147 fr., bes. § l()4ff.), muß man seine P^ntstehung in 
die id<?. Zeit verlegen. Auch er ist am besten im 
Griechischen erhalten und am besten dort zu beobachten. 
Man nennt die Ii^rscheinung mit einem von Jak. (irimm 
geschaflenen Ausdruck Ablaut. Er ist im wesentlichen 
<^ine Folge der Betonung, und zwar eine sehr einfache 
Folge, wie man sie überall noch heute Ijeobachten kann. 
Es wurden nämlich alle Vokale, die nicht den Hauptton 
trugen, verändert, meistens geschwächt. Wir müssen 
daher unterscheiden zwischen Vokalen, die in ursprünglich 
betonten Silben stehen, und die wir Vollstufen vokale 
( F) nennen, und Vokalen, die aus jenen in unbetonter 
Silbe entstanden sind, und die Schwundstufenvokale 
(S) heißen. Letztere sind also die Folge der erstem, und 
von diesen müssen wir ausgehen. Man nennt diesen 
quantitativen Ablaut jetzt Abstufung. Daneben finden 
wir einen Wechsel von <• mit o, t mit ö. Dieser (qualita- 
tive Ablaut wird passend Abtönung benannt. 

I. Die Vollstufenvokale. 

Hl). Das Idg. besaß au Vollstufenvc^kalen: 

1. die Kürzen «, t-, o, 

2. die Längen ((, r, ö, 

3. die Kurzdi})hthonge a/, t/, o/, au, ch, ou, 

4. die Langdiphthonge äi, ei, öi, Ou, eu, öu. 

Anni. 1. Auch die Verbindung der einfachen Vollfltufen- 
A'okale nüt r, /, m, n bezeichnet man al« Diphthonge, weil r. /, 
VI, n hier dieselbe Funktion haben wie /, u. Damit ist natürlich 
nicht ge.sagt. daß diese Verbindungen in ihrem Lautwert die 
>;leirhen wären wie die eigentlichen Diphthonge. Aus ei usw. 
können Monophthonge entstehen, ans er usw. natürlich nicht. 



<^89--91.] I >as inilogt'inijiniHclje VokalHystein. 97 

Anm. 2. Das iin^tHctztc VokalHyHtciii imiü an dif'Hor Stelle, 
natürlich nur vorliliifij?, als richti^r anj^onoiiimcn worden. lOs kann 
erst 8]>ilter entwickelt werden. Ke wird auffallen, daß im Gegen- 
sat/ zu früher die N'okale / und u hier ^'ar keine Rolle spielen. 
Sie erscheinen vielmehr nur als Schwundstufenvokale. Ks ist 
freilich sehr wohl möglich, daß es auch vollhetonte i und u ge- 
geben hat, nur eind sie für uns bisher nicht erkennbar, 

A. Die Kürzen. 

00. Idg. (i ist überall als a erhalten, nur das 

Slawische hat dafür o, und jenes ergab sich daher von 

Anfang an mit großer Sicherheit; Griech., Lat., Kelt. und 

Ann. unterscheiden es von idg. o : idg. Vrr/o 'ich führe, 

treibe', gr. d'YUJ, 1. ago, air. agat 'agant', an. Inf. aka 

'treiben', ai. ('ijänii 'treibe'.^ 

Weitre Beispiele, bei denen freilich nicht immer sicher ist, 
daß a ein Vollstafenvokal ist, da es auch einem Schwundstufen- 
vokal entspricht: gr. äSujv m. Mchse', lat. axis, ahd. ahsa, d. 
Achse; — gr. bciKpu n. ^Träne', ]. lacrinia {aus *dakncma); arrö Von, 
weg, ab', 1. ab; — ä\\f Tort, zurück', 1. abs; — KdTTpo(; m. "^Eber', 
1. caper m. "^Ziegenbock'; — gr. äyxuJ 'schnüre, würge', 1. ango 
'beenge'; — gr. äv6)Liog m. 'Wind', 1. aninnis 'Seele, Geist', anima 
'Wind'; — a.uqpuu 'beide', 1. ambo; — gr. diaqpi 'um', 1. anibire 
'^herumgehen'; — äpyupoq m. 'Silber, 1. argentum. Im allgemeinen 
ist vollstufiges a kein häufiger Laut, er wird sogar von einigen 
Forschern abgelehnt. 

01. Idg. e. Die ältere Sprachforschung ließ gr. e, 
das in vielen Fällen dem aind. a entspricht, aus a ent- 
stehen. Aber das hohe Alter des e-Lautes wurde zunächst 
dadurch wahrscheinlich, daß die europäischen Sprachen 
ihn sehr häufig übereinstimmend in denselben Worten 
haben, worauf zuerst G. Curtius Kleine Schriften 2, 13 
hinwies, vgl. gr. öexa '10', 1. decem, air. deichn-, got. taihurty 
ahd. zehan, lit. desimtis, abg. des§ti; gr. Trevie 'fünf', 1. qninqiie, 
got. ßrnf, lit. penkl^ abg. peti; gr. e'H, 1. sex, got. saihs, lit. 



^ Im allgemeinen sind im folgenden nur die bekanntern 
Sprachen: Lateinisch, Germanisch, Slawisch und Indisch berück- 
sichtigt; Indisch, weil unbedingt nötig. Slawisch, weil ja auch 
Slawen dieses Buch benutzen. Besonderer Wert ist auf die Herau- 
ziehnng des Latein gelegt. 

Hirt Griech. Laut- u. Formenlehre. 2. Aufl. 7 



98 T.aut- und Ak/.entlehre. [§91.92. 

ses), abg. sestü', tTTTu, ]. scpfon, got. sihuii, lit. sept'iu), abg. 
sednu. In allen diesen Fällen zeigt das Indiscbe a. Bei 
dem Zablwort für 'acht ai. asfdu weisen aber auch die 
europäischen Sprachen einen dunkeln Vokal auf: gr. oktuj, , 
1. octo, got. ahtau, lit. astutm), abg. osmJ. Dann aber wurde 
durch den Fund des sog. indischen Palatalgesetzes 
(Collitz Bezz. Btr. 2, 305, de Saussure Mem. de la soc. 
de linguist. 3,309. .1. Schmidt KZ. 25, 1, zuerst 1877 
von Tegner gefunden, vgl. Bechtel Hauptprobl. 62"» er- 
wiesen, daß auch das Indische ein e in Übereinstimmung 
mit den europäischen Sprachen besessen hatte. Vor ind. 
a = euro}). c werden nämlich die alten Gutturale (/r"', 
(/"., ////"') im Indisclien in Palatale (r, /, h) verwandelt. Da 
im Griech. in diesem Fall t, ö, d gegenüber sonstigem 
TT, ß, qp entstehen, so gelten folgende Entsprechungen: 
ai. kdJj vfer, gr. Ttöxe wann', lat. quod, aber rn 'und\ 
gr. Te, 1. que; ai. panra, gr. Trevie, 1. quinque; ai. ratvdrali 
'vier', gr. TeTiapeq. Das Palatalgesetz ist daher eine der 
wichtigsten Entdeckungen . 

Weitere Beispiele für (': gr. ^öti (^öti), 1. est: — ^v. Ibu> 
(hom.) 'esse', 1. edo, d. essen; — li\ 'ferner\ 1. et\ — crr. artfuj 
'bedecke', 1. tego: — pr. tt^kuu 'kiinime\ 1. pecto; — gr. KXfeTmii 
'stehle', 1. depo; — gr. öpvfuj 'recke, strecke", 1. rcgo 'richte, lenke ; 

— gr. Y^vo<; n. 'Geschlecht', 1. f/enua n.; — ^hoc, n. (aus *aeboq) 
'Sitz', 1. sedcrc 'sitzen'; — gr. cpeptu 'trage', 1. fero; — gr. (/)eaTTe- 
poq no. 'Abend', ^an^pa f. 'Abend', 1. respcr; — x^^<i 'gestern',. 
1. hesternus-^ — gr. |aAi n. 'Honig', 1. nwl; — gr. v^uü 'spinne', 
1. iieo\ — gr. T^KTuuv 'Zimmermann', 1. teuro 'webe'; — gr. X^y*^ 
'lese, sammle, rede, sage', I. lego; — beSixcpöc; 'reclits', 1. dexter , 

— (/)^T0<; n. 'Jahr', 1. retus 'alt'; — vecp^Xii f. 'Wolke", 1. nebida \ 

— 'Eaxia, 1. Vesta; — gr. ^vbov 'drinnen', alat. endo; — gr. y^vu(; 
f. 'Kinn'. 1. fjena 'Wange'; — gr. v^|io<; n. 'Weideplatz', 1. newus 
'Hain, Wald'; — gr. irepi- 'sehr' (z. B. iT€piKa\Xji<;), 1. per- 0>er- 
tnaynns); — gr. T^pMa n. 'Ziel, Endpunkt', 1. tcrwcn, termfnti.s 
'Grenzzeichen, Grenzpfahl'; — gr. üir^p 'ül)er'. \. siipe»'-^ — Suffix 
-T6p ("iraTt'p-a, 1. jxifer): — € im Vok. 'mTxe 'Pferd'. 1. et/ne, Imp. 
&T€ 'ftihre', 1. ar/r, 2. 1*1, Imp. loT^ '.seitl', 1. esfe; — q)^p€Te 'tragt', 
1. fn-tc; Suffix -ec; in N. PI. Y^vea (zu T^voO. I. genera usw. 

02. 3. Idg. 6. Ein idg. o ergab die Überein- 
stimnuuig des (iricchischen und Lateinischen, während die 



§92.] I>;iM iiulogermanisclHi N'okalHvstom. 99 

meisten andorn Sprachen o mit a liahen zusammenfallen 
lassen, germ. lit. ai. a, slaw. o. Bru<5mann wollti- das o 
auch im Indisclien nachweisen, wo es in offener Silbe durch 
ä vertreten sein sollte. Um dieses Gesetz ist viel gestritten 
worden, es wird aber wohl aufgegeben werden müssen. 
Jedenfalls zweifelt aber heute kein Spracliforscher an dem 
Vorhandensein eines idg. o. 

F. de Saussure Mem. 96 lehrte zuerst, daß im gr. 
lat. zwei Laute zusammengefallen seien, nämlich 

a) ein mit e abtönendes o, das in vielen Fällen durch 
einen Xebenton entstanden ist, und daher mit o bezeichnet 
werden kann, vgl. qpopo^ Tribut' : qpepoi trage'. 1. proais 
zu precor, und 

b) ein vollstufiges ö, gr. ö^o) ^rieche', 1. olere. 

Anm. 1. Man hat oft dafür a geschrieben, was indessen un- 
nötig ist. Daß es ein offenes o gewesen, ist nicht beweisbar. Viel 
eher ist anzunehmen, daß das aus e entstandene ö offen war. 

Beispiele für ö: gr. ö6!li0(; m. 'Haus', 1. doymis : bepi^x) 
'baue'; gr. t6 'das', 1. is-fud : lei 'dort'; — dor. 3. Pers. 
PI. Pr. qpepovTi (woraus att. qpepouai), 1. ferunt : cpepeie; 
Suffix -0^ in yivo(; n, usw., 1. genus : 1. generis; — xpi- 
TTOÖa, Akk. von xpiTTOuq n. 'Dreifuß', 1. fnpndium : pedem: 

— (TTTOvöii f. 'Trankopfer', 1. spondere : gr. (JTuevbuj 'ich 
bringe ein Trankopfer'; 6\\) f. 'Stimme', 1. vocäre 'rufen' : 
€7T0<; U ort . 

Beispiele für 6: 6\\tO}iai 'ich Averde sehen', 1. oculus 

*Auge'; — gr. oktlu, 1. octo\ — iröaK; m. 'Herr, Gemahl', 

TTÖTVia f. 'Herrin', \. jjotens, possum Q.Vi?> potissum; — KÖpaE 

m. 'Rabe', 1. corvus\ — h. öiq, att. oi<; m. i., 1. ovis\ — 

gr. ocTieov n. 'Knochen', 1. os, ossis. 

Anm. 2. In vielen Fällen ist es unsicher, ob 6 oder ö zu- 
grunde liegt, oder ob gr. o etwa ein Schwundstufeuvokal ist. 
So in gr. Tröppu) 'vorwärts', 1. porro; — TTÖpKOi; "^Schwein', 1. porcus: 

— gr. xopfo=i Eü- ^Gehege, Hof, Futter, Heu', 1. hoHus ^Garten': 

— gr. hoKoc, m. '^ Falle, List', 1. dolus m. 'List, Täuschung'; — ^löXi; 
'kaum', 1. molestus 'lästig, verdrießlich'; — ßoö; 'des Rindes", 
1. bovis. 

7* 



100 Laut- und Akzentlehre. [§93—95. 

B. Die Längen. 

Das Dasein der verschiedenen Längen ergab sich auf 
die gU'iche Weise wie die der Kürzen. 

03, Idg. ä wird im Lit., Germ, und Alb. ö, während 
i'S sonst als d erscheint. Von id<:. ö wird es im Gricch., 
I^at., Arm., Alb. geschieden. Urgriech. ä bleibt in allen 
Dialekten mit Ausnahme des Ion.- Attischen, wo es zu n, 
im Alt. aber nach p. i, e wieder zu ä wird. Att. Aor. 
€(TTr|V 'ich trat', dor. tcrräv, 1. stare, got. Prät. stop 'stand', 
lit. stoti 'treten', abg. stafi 'sich stellen, ai. Aor. asthnt. 

Weitere Beispiele: att. cpriui 'spreche', dor. qpäiai, 1. färf; 

— att. qjrjMn f- 'j?<)ttiiche Stiiiinie\ dor. (pä}jLrx, ]. ffima; — att. U)]- 
Tr)p, dor. liöTrip f. 'Mutter', 1. mciter\ — att. t^Xikoc; 'so alt', dor. 
TäXiKoc. 1. tälia 'so bepciiaä'en': — att. j'ix»! f- Ton, SchalP. dor. 
n\ii f., )'ix^ '.Schall, WiderhalT, »iX^iJU 'sclialle, tone', 1. V(i(jio 
■"wimmere, tiuüke'; — att. Kr|\i^ f. 'Fleck, Schmutz', dor. KöXiq, 
j. cällgo 'Nebel, Finsternis'; — «prjyöc; f. 'Speiseeiche', 1. fCvjw^ 
'Buche': — iibGoOai, dor. übeaöai "^sich freuen', 1. suädere 'über- 
reden': — att. KXeiq, ion. K\ri(q, dor. yXöXc, f. '.Schlüssel', 1. clüvis. 
Sehr häufig ist ä in suffixalen Flenienten. 

04, 2. Idg. r wird durch die Übereinstimmung 
der europ. Sprachen, gr. 1. l\ got. c (ahd. ä), lit. v, slav. v und 
durch das indische Palatalgesetz erwiesen. Im Arm. und 
Kelt. wird c zu /, im Alb. zu u: OncTuu Fut., ^v>nKa Aor. 
zu Tidrmi setze, stelle', 1. fcci, got. gadfps 'Tat\ ahd. tat, 
lit. (hfi 'legen', abg. drti 'ponere', ai. ä-dhdui ich setzte. 

Weitere Beispiele: gr. TiX/ipiic; 'voll', 1. j)Ietiits\ — TTi|LiTT\r|l^i. 
Fut. irXrjaiu 'anfüllen', 1. imj)Urc; — f\\ii- 'halb', I. semi: — gr. fiKa, 
Aor. zu \r\}x\ 'werfe', lat. jccit; — gr. |Lir)v m. 'Monat'. 1. wensin; 

— ferner -r\ in den nicht priisentischen Tempora der Verben auf 
-euj, cpiXrjauü 'ich werde lieben', 1. alhvre\ — gr. ölr|aiu 'ich werde 
riechen' (Präs. öZvj), 1. olcre; — gr. ttb/iöiu, Fut. zu ävbdviu 'ge- 
falle'. 1. SHÜdctl'. 

05, 1^. Idg. ü fällt, ausgenommen im Griech., Lat., 
All), und Arm., mit idg. n zusammen. Auch hier muß 
uian wie bei dem kurzen o zwei Laute unterscheiden, ein 
ö, das mit r im Ablaut steht: Ttauip 'Vater' : euTrdxujp 
'gut als Vater , boTi'ip : biÜTiup 'Geber' und ein ö^ das ein 
selbständiger Vokal war, büjpov Geschenk', 1. dönum, lit. 
daoti^ abg. dnii geben', ai. dänam 'dönum'. 



^c. 



,N> 




^o^e ot MeJ/ae^^T^ CAMPBELL 



§95 — 98.] T>jiM in(loj»('riminiB(lie \ OkalpjHtern. 101 

Weitere Beispiele: Y'Tviwt'KU) 'erkenne^', 1. nösco; — Jjkuc; 
'schnell', 1. öriot", — ^yu)(v) 'ich', 1. <v/o; — upim 'frfihe', ah<l. f'ruo; 
— att. ydXux;, honi. -^aKdax; f, 'Schwil^rerin' (Frau des ManneS/: 
1. (/fös; — Ablat. Adverhia auf -id. dial. öttuj 'woher', 1. Abi. 
GnaerO; — 1. iSg. qpfepuj 'ich trage", 1. fern; — Nom. der «-Stilmmt- 
bai'iiuuv 'I>üinon', 1. honio nsw. 

C. Die Kurzdiphthonge. 

Nur die Vokale / und k können mit den bisher be- 
handelten a, c\ Diphthonge bilden. Ihr Nachweis er- 
folgte ebenso wie der der Kürzen. 

06. 1. Idg. ai = gr. ai, 1. ae, got. ai, lit. ai, ie^ 
abg. i\ ai. c wird durch die Übereinstimmung des Griech., 
Lat., Kalt, und Arm. gesichert, Avährend sonst ai mit 
oi zusammenfällt: aiduu ^zünde an' : 1. aestiis, aecles, eig. 
wohl 'Feuerstätte', air. aed 'Feuer', ahd. eit 'Scheiter- 
haufen'. 

Weitere Beispiele: aiuuv m. 'Lebenszeit': 1. aevimi; — Xaiöc, 
■^links', 1. laerus; — aKaiöq ^links' = 1. scaerus; — aiYiXuuvp f. 
'Eiehenart' : 1. aesculus 'ßergeiche', d. Eiche; — aibeoiiiai 'scheue 
mich' : got. aistan 'verehren'. 

97. 2. Idg. ei = gr. ei, 1. t (alat. ei), got. 7 (ge- 
schrieben ei auf Grund der spätgriechischen Aussprache), 
lit. ie, ei, abg. t, ai. e, das Gutturale palatalisiert. eicri 
'geht', 1. tre^ lit. etti, abg. üi, ai. eti. 

Weitere Beispiele: irei^u; 'überrede', 1. fjdei-e: — TeTxoc n. 
'Mauer", osk. feiJiuss 'muros'; — x^i^epivöt; 'winterlieh', fast = 
1. hibernus: — X^xoc, 'glatt' : 1. levis \ — beivöc; 'furchtbar' : 1. dirus 
'grausig, häßlich'; — Xeißuu 'tröpfle, gieße' : 1. llhäre 'ausgießen, 
opfern'; — axeiYuu 'schreite, gehe' ^ got. steiget, d. steige: — Xeiirio 
'lasse', got. leiha, d. leihe; — Aor. ebeiHe 'hat gezeigt', 1. dlxit. 

98, Idg. vi und 6i = gr. oi, 1. ü, oe, i, got. a/, 

lit. ai, ie, abg. e, i, ai. e'.o\vx\ 'eins auf dem Würfel', 

1. ünus^ got. ains, lit. vienaSy abg. inü 'einer', ai. ena/i 'er\ 

Weitere Beispiele: oTkoi; m. 'Haus', 1. vieus; — Perf. \e\oiiTa 
'habe gelassen', 1. reliqui; — -rreTTOida 'vertraue', 1. foedus 'Bünd- 
nis'; — olba, got. tvait 'w^eiß', 1. vidi; — TroiKiXoq 'bunt', got. faihs, 
ahd. feh 'bunt'; — toixoc; m. 'Mauer', ahd. teig 'Teig'; — oTvoq 
Wein', woraus 1. vlnum ; — iroivri 'Strafe', woraus 1. poena. 



^WT 



102 Laut- und Akzentlehre. (§99—102. 

90. Idg. au = gr. au, 1. au, got. au, lit. au, abg. u, 
ai. o ist nur im Gr. und Lat. von eu und ou zu scheiden; 
aüHuu vermehre', 1. augrrr, got. aeiÄ'a 'ich mehre mich*, 
lit. auf/mud m. 'Wachstum', ai. äjuid 'Kraft, Stärke'. 

Weitere Beispiele: gr. au, auT€ 'von neuem', 1. auf 'oder'; 

— KüuXöc; m. ^Sten<rer, 1. caulis 'Stief; — Taüpog 'Stier', 1. taurus; 

— aOpiov 'morgen' : 1. auröra f.: — axaupöc ni. 'Pfahl, Stab' : 1. rc- 
stanntre 'wiederherstellen"; — Traöpoc; 'klein':!, paiinis. 

100. 5. Idg. tu = gr. eu, 1. u, got. iu, lit. au^ 
abg. v/, ai. ö. Nur das Germanische (und Slawische?) 
scheidet neben dem Griechischen vu sicher von ou und au. 
Nom. 7Teu\>o|iai erfahre, erforsche', got. hiwJa^ d. bieten, 
ai. hödhcimi 'erwache. 

Weitere Beispiele: XeuKÖg 'weiß', 1. hlccn; got. Uuhap 'Licht'; 

— €peudo(; 'Röte', 1. räbor; — ^peüfouai 'erbreche mich', 1. rrügei-e; 

— GÜuü 'senge', 1. i'irere: — Yeuuu 'gebe zu kosten', got. kiusan 
'l)rüfen', d. kiesen; — ueuKri f. 'Fichte', alid. fiuhfa, d. Fichte; — 
leü-fo^ n. 'Joch', \. Jüt/era; — Zeü ircxTep, 1. Jupiter: — cpexjfw 
'fliehe' : got. biitga, d. biege. 

101. (*). Idg. ou und öu = gr. ou, 1. ?7, got. au, 
lit. au, abg. u, ai. ö, ist nur im Griechischen zu erkennen. 
Perf. eiXi'iXou^a : eXeucro)aai werde kommen'; — ctttouöi'i 
'Eile' : aTreübai betreibe eifrig'; — ou^ap n. 'Euter', 1. 
über; — uKOueiv, got. hausjau 'hüren'. 

D. Die Langdiphthonge. 

102. So viel Kurzdiphthonge als es gegeben hat. 
el)ensoviel Langdiphthonge, also ('i, üi, öi, eu, du, öu setzen 
wir jetzt für das Idi:. an. Ihre eigentliche Ver})reitung 
ist aber erst spät erkannt worden, weil sie von zwei Laut- 
gesetzen wesentlich verändert werden. 

In diesen Langdi})hthongen schwand nämlich unter 
gewissen Bedingungen schon im Idg. das / und u im 
Silbenschluß und V(»r gewissen Konsonanten. Daher heißt 
es Akk. dor. ßtüv zu Xoin. ßouq 'Rind' aus idg. '-'g^^öuni 
und Znv, idg. Vjr;« aus "^'djcuni zu Zeug, oktuj 'acht', 
aber ai. asfdu. Das u liegt noch vor in 1. octävusy gr. 



§102.103.] hau ijul(»)j;t'riiiaiiische Nokiilayöteni. 103 

Durch ein zweites CJesetz (.s. § 148) werden die 
<>rliiiltenon Lanj^diphthonge in den curopäiHchm Sprachen 
vor Konsonant meistens V(M'kiirzt. Daher lieif.it es Ztuq 
aus idg. '■'■(IJc/ts^ ai. (Ijduli. 

Die Entwicklung der Langdiphthonge stimmt also 
entweder mit der der Kurzdiphthonge oder mit der der 
einfachen Jiingen überein, und sie sind daher im wesent- 
lichen nur durch den Ablaut zu erkennen und deshalb 
erst später zu behandeln. 

II. Die Schwundstufenvokale. 
103. Aus den bisher behandelten Vollstufenvokalen 
gewinnen wir die Vokale, die infolge der Unbetontheit 
daraus entstanden sind. Auf der andern Seite hat man 
natürlicli diese Vokale zuerst dadurch erkannt, daß man 
gewisse Entsprechungen zwischen den verwandten Sprachen 
aufwies. Aber dieser Weg führt allein nicht zum Ziel, 
denn wenn wir z. B. die ganz sichere Gleichung aufstellen 
gr. eKttTOV '100' = 1. centum, air. cet, got. hund, lit. simtas^ 
aind. safdm, so finden wir ganz merkwürdige Entsprechungen. 
Daß man hier mit Brugmann silbisches w ansetzen muß, 
folgt nicht aus dieser und ähnlichen Gleichungen, sondern 
es folgt aus der Betrachtung des Ablauts. Und ähnlich 
ist es in andern Fällen. Die Zahl und die Art der an- 
zunehmenden Schwundstufenvokale hat daher gewechselt, 
je nach der Auffassung, die man von dem Ablaut hatte. 
So setzt Brugmann im Grundriß und in der kurzen ver- 
gleichenden Grammatik /, u, r, /, m, «, 1, ü, f, /, w, n und 
9 an. Unter r, /• usw. versteht man silbische Liquiden 
und Nasale, die als Kürze wie als liänge auftreten sollen. 
Nun ergeben sich zwar die kurzen silbischen Liquiden 
und Nasale aus den Anschauungen, die Brugmann selbst 
aufgestellt hat, für die langen silbischen Nasale und 
Liquiden hatte er aber keine Erklärung, sondern diese 
stammen aus dem sehr genialen, aber der Umbildung be- 
dürftigen System de Saussures. Ich habe in meinem Idg. 
Ablaut versucht, die bisher erkannten Tatsachen auf 



104 Laut- lind Akzentlehre. f§ 103. 104. 

Grund neuer Anschauungen neu zu ordnen, und mein 

System ist jetzt in seinen wesentliclien Punkten von vielen 

Seiten anerkannt. In diesem halten aber /•, /, »/, )i keinen 

Platz, sondern man muß eine andere Bezeichnungsweise 

wählen. Gegen diese sträuben sich freilich noch eine 

Anzahl von Forschern. 

Anm. 1. Wenn z. B. Stolz I.at. Gramm.'* S. 57 sagt: Hie 
von Hirt gewühlte, dem Wesen der Sache jrewiß näherkommende 
Bezeichnungsweise ,/:>, ,n,t usw., die auch Walde in dem Lat. 
etym. Wörterbuch angenommen hat, scheint mir zu kompliziert», 
80 ist damit natürlich nichts gesagt. Ks kommt nicht darauf an, 
ob etwas kompliziert, sondern nur darauf, ob es richtig ist. 
Kompliziert ist auch nur die Schreibung ,r,), wahrend die Sache 
an sich außerordentlich viel einfacher wird. 

Auf Grund des in meinem Ablaut Ausgeführten M'tze 
ich demnach folgende Schwundstufenvokale an: 

/, n, >, a, o, (a, e, p), r, I, m, n 

Anni. 2. Es fehlen hier also ?, ü, r. L i/i, n. Siehe darüber 
unten § 112, 113. 

Ich begnüge mich vorläufig im Folgenden mit der 
Angabe, wie diese Laute in den Einzelsprachen vertreten 
sind, und verweise für die Frage, wie man zu die.-cn 
Ansätzen kommt, auf das Kapitel über den Ablaut. Xur 
soviel sei bemerkt: das System des Ablauts ist aul.Ner- 
ordentlich einfach. Jeder Vollstufenvokal in einer un- 
betonten Silbe wird geschwächt, und zwar in zwei Stufen ; 
entweder wird er nur reduziert: aus c, ((, o werden ••, a. o. 
d. h. stimmlose Vokale, oder er fällt aus. wobei dann aus 
ei, ai, oi ein /. aus en, au^ ou ein // entsteht, während in 
den Verl)indungen cv, rm, er. el usw. n, tu. r, / silbisch 
werden. 

104. 1. Idg. /. im allgemeinen die Schwäcliung 
zu f'i\ vgl. XiTTeiv : XeiTieiv, aber auch zu ai, vgl. i>. Sg. Med. 
TiOtTai : )i. Sg. Akt. TiiHiCTi ist fast in allen Sprachen un- 
verändert geblieben imd daher vertreten durch gr. i. 1. /. 
got. i (vor //. )■ durch td = e\ d. /, lit. /. abg. 7 (?0, ni. /. 
TiJfcv wir gehen, 1. /r//s, ai. inrdj wir gehen'; — Tricrcra f. 



§101-100.1 \):w iiul<);;('nii;iin8i"l»e VokulsyMtt'in. 105 

'P(^cir, 1. pi.r; — i^tTv Aor. 'seilen', 1. vidCrv, got, irifum 
'wir wisseir. 

105. 2. \<\^. H, im allgemeinen die Schwiichun»^ 
zu CK, ist ebenso inst durchweg erhalten und djiher gr. tt 
(ion. att. r = // ist jüngere Entwicklung), 1. //. got. ii (das 
vor A, r 7A\ o, geschrieben an, wird\ d. o und n, lit. u, 
abg. n (?>), ai. k. (Ju 'du\ 1. In, got. />//; — kXuto^ 'l)e- 
rühmt\ 1. inclnttis, ahd. fllofluiri; — TTTueiv, 1. sjmere, d. 
spucken', — tpup'i 'Flucht, \. ftif/a; — ^u^ov 'Joch', 1.,///- 
giini, d. joch; — epu^poc; 'rot', 1. ridjcr, d. rot; — vuot; 
'Schwiegertochter', 1. imnis, d. scJutur. 

106. o. Idg. r ist die Reduktion von idg. c und 
ist in den meisten Sprachen wieder zu einem vollstimmigen 
Vokal geworden. xVls tonloser Vokal war es aber sehr 
leicht veränderlich, und es wird auch wirklich durch viele 
Laute beeinflußt. 

a) Vor Verschlußlauten bleibt r meist auch in 

seiner Qualität und wird wie e behandelt, exiöq 'was man 

haben, besitzen kann' : exuj 'haben'; — Treloc, zu Fuß 

gehend' aus '-'prdjös; — Perf. öeöopKajuev, ai. dadrsimd 'wir 

haben gesehen' aus ""'-dedrk-. 

Anm. 1. Man beachte; daß wir damit für gr. e einen 
zweiten Wert bekommen, der wahrscheinlich sehr viel häufiger 
war, als man erkennen kann. 

In andern Fällen zeigt das Griech. i, das Lat. a, vgl. 
Kretschmer KZ. 31,375ff., Bechtel HPr. 112, Hirt 
Ablaut §28, Osthoff Morph. Unters. 6, 208 ff. 

Beispiele: hom. TTiivrilui : TreTdvvujui 'breite aus', \. pando 
falls für '■'•pafno\ — hom. iricrupec; : att. TeiTapeq, 1. quaffuor, 
üi. catvdya/r, — x^^^o^ ^^^^ ■•■vicrXioi '1000', äol. x^^^io'- • ^'^i- 
sahdsyam] — hom. x^^^o«; 'gestrig'; x^^<s 'gestern'; — 
iö"Tir| : att. ecTiia 'Herd'; — i'crö^i 'sei' : ecrii 'ist'; —hom. 
XiKpicpi«; 'schräg' : Xexpioq 'schräg' ; opiYvdojuai 'strecke mich' : 
opeYuu 'recke, strecke'; — mirog 'Pferd' : lat. equos; — 
piZ;a f. Wurzel' (aus '•irredjci): got. icaiois f.; — hom. 
aKiöviifii, CTKiövaiuai 'breite aus' : (TKeödvvu)ui; — piov n. 
'Bergspitze' aus '""uTeSon ; — 'i'Ziiu 'setze' aus '''Sedjö : KaO^ecouai 



100 Laut- uml Akzentlehre. [§ 106. 

'setze micli'; — i^pi<; viTSchnitten' bei Hesycli: ai. väährih 
'entmannt'; — öo\ixö(; lang' neben evbeXexn«; 'fortdauernd, 
ununterbroclicn'; — iTTVÖg 'Ofen, fallsaus "/eTTvög : got. 
nuknSj d. Ofen niit Schwundstufe. 

Es entsteht so ein Ablaut e : i, der, wie es scheint, 
auch auf die Stellung vor Liquiden ausgedehnt worden 
ist: hom. Kipvnm 'mische' : Kepdvvu|ui; hom. TTiXvaiaai 
'nähere mich' : 7TeXa<; 'nahe', ireXa^uu 'nähere'. 

Anm. -. Allgemein anerkannt ist es nicht, daß wir es hier 
mit einer uralten Eigentümlichkeit zu tun haben, vielmehr sucht 
man das i durch besondere Lautgesetze des (iriech. zu erklären, 
so z. B. Ehrlich Z. idg. Sprachgesch. 12 ff. Auch Brugmann IF. 
28, 361) f. verhält sich ablehnend. Ich halte indessen an meiner 
Ansicht fest. Zu rechnen ist freilich damit, daß in einzelnen 
Fällen i noch lautgesetzlich erklärt wird, vgl. § 165, 4. Auch mit 
der Entlehnung aus einem Hialektgebiet, in dem i entstanden 
war, ist zu rechnen. 

Anm. 3. Hierher gehören vielleicht auch Fälle, dieThurn- 
eysen KZ. '.\0, o51 aus silbischem z erklärt: xpi»^ 'salbe' aus 
*XP»öjuu : aind. hdr.sati 'reibt'; — Kpid»i 'Gerste' aus *ghi;zdhd : 
ahd. f/ersfa, 1. honleuni; — xpißuj 'reibe, dresche' aus ^tr,z(j^'ö : 
d. (Irefichen; — ^ivöq m. 'Tierhaut' aus *irre snos : a.i. rffian 'Stier"": 

— iXix; f. 'Schlamm, Kot" aus *s,slü : ahd. sah 'trübe'; — X'-^öq m. 
'grönes Viehfutter' : ai. fihas 'essen'. Ks scheint, daß der schwache 
Vokal besonders gern vor .s in / überging. 

b) vor r, /, m, v ist r im Griechischen und wahr 
scheinlich auch im Lateinischen durch a vertreten, im 
Germ, durch u. im Lit.-Slaw. durch ?'. im Ind. vor r durch 
/ und ?<, vor n durch a. 

Beispiele: Trdpoq vormals, got. faüra vorn, vor ; — 
Tiapd bei' : Tiepi 'herum '; — ß«P^<; schwer', got. kaurus, 
ai. (j uri( (i : goi. qahnus 'Mühle; — Kapnvai Aor. : Keipuj 
(aus '■'kcrjö) 'schere'; — ßaXelv Aor. zu ßctXXuj 'werfe' : 
ß^Xeiavov, ßeXoq 'Geschoß'; — judXa 'sehr', Superl. jnaXicria : 
ILifcXti 'es liegt mir am Herzen ; — Üjjlol 'zugleich (eig. 
'mit eins'), got. siwis irgendeiner : t\<; einer' (aus 4'v^); 

— böot. ßavci f. Weib' : got. qhiO., — Kiaveiv Aor. : KTeivuu 
'tüte'; — Tttjueiv Aor.: Tt|aviu 'schneide'; — ßaiva» 'gehe 
(aus ■■ bau jo) : goi. qiman^ — XCtM«' »ii^if '^*'i' l'^rde' : x^^v 



^lOG — 10'^.) l)aH in(l();j;(MMijiniHclu' VokalHyHtcm. 107 

^Ercln\ abg. :cmlja 'Erde'; — juavnvai Aor. von |iaivo|aui 
Vase' : |nevoq n. 'külincr Mut, Ungestüm'. 

An in. 4. Vor einem u oder ./o der folgenden Silbe werden 
op und a\ zu op und oX, v^l. .1. Si'.liniidt KZ. 32, 376. Daher 
öTÖpvuiui 'breite aus", ai. strnofui für *öTdpvu|ir, — TroXuq 'vief, 
;ii. purüli; — (5pvu|ai 'errege', ai. rnumi, 8. § 168. 

Anm. 5. Statt e'* usw. setzt Brugmann Grd. und Gr. (Ir.^ 
r'". /', m^'i, iV^ an. Dieser Ansatz, d. b. silbisches r mit nach- 
folgendem konsonantischem r als Übergangslaut erregte schon 
frühzeitig Bedenken, weil man doppeltes rr erwartete. Außerdem 
€^rgub Hieb der Ansatz auf Grund einer Analyse der Wortforraen. 
von der jetzt jeder zurückgekommen ist. Die Ansätze sind ganz 
unmitglicb und nur auf Grund des Beharrens bei dem einmal 
gewohnten Alten zu erklären. 

c) Vor j und w ist der schwache Vokal in allen 
Sprachen zu / und u geworden und wie dieses vertreten. 

Xitjuv f. 'Schnee', lat. hiems aus "^ghejom : x^i^^v 'Win- 
ter'; — cTKid f. 'Schatten': 2ihdi. scJnayi; — Trarpio«; 'väter- 
lich' aus ""'-pafrejos', — Kueuu 'bin schwanger': ai. saviralj 
'mächtig'; 6qppuO(g 'die Augenbraue' aus ■•'•' hhrewös: ahd. 
hräwa; — kXuuu 'höre : KXe/bg aus ''''kUico. 

Anm. 6. / und u haben also in allen Sprachen einen dop- 
pelten Ursprung. Vor Konsonant sind sie idg. i, u (aus ei, eu), 
vor Vokal sind sie e vor J und w. 

107. 4. Idg. a ist die Reduktion zu d und im 
Griech. und Lat. wohl zu a geworden, also nicht von der 
Vollstufe zu unterscheiden : eTiaKTÖ^ 'herbeigeführt', ]. actus: 
cc'tuj 'führe'; — ayvo^ 'heilig', äZ[o)uai 'habe Ehrfurcht': 
ai. jäksi 'du verehrst'; — ctTpö«; 'Acker', 1. ager, got. 
aJiTS : d'YLU. 

108. 5. Idg. ist die Reduktion zu ö und ist im 

Griech. in einzelnen Fällen zu u geworden: vuktö^ 'der 

Nacht' : 1. nox, noctis, got. nalits, lit. naktis, abg. nost7, ai. 

naktih; — övuxog 'des Nagels', d. nagel, abg. noga 'Fuß'; 

— ,uop|Uupuj aus •■••|uop|uiJp/uj, 1. murmuro; — )uuXri, jliijXXiu 

'ich zerreibe', got. nialan; — qpuXXov 'Blatt', l. folium; — 

jaupiuiiH 'Ameise': ßöpjuaH' |nup|U]-iH Hes., 1. formica. 

Anm. 1. Zum Teil spielen hier auch einzeldialektische 
Lautvorgänge mit, so in övu,ua neben övoiia, so daß die Frage 
noch nicht geklärt ist. 



108 Laut- lind Ak/ontU'ljre. [§10^—110. 

Anni. 2. Niclit hierher <;ehören Fälle wie Y^vr) 'Weib' neben 
böot. ßavd. KÜKXoq 'Kreis': ai. ruh-rdm, ünvoc: ai. srapnah 'Schlaf \ 
da hier <:r. u = itlg. u ist. 

14MK (*). Idg. ,), (1. h. einen Murmelvokal, setzt man 
an als Schwächung der idg. Längen. Im Indischen ipt 
< lieser durch ?', in den europäischen Sprachen durch a 
viTtretcn. Doch erscheinen im Griech. auch e und o als 
Kürzung der entsprechenden Längen, also CTiaioq ^gestellt' : 
\. Status, got. sta/)s 'Stätte, ai. sthitä/j] — ^eiog 'gesetzt : 
1. fartns^ ai. ]iiti'ih\ — ÖOTÖq 'gegeben' : 1. 'latus, gr. Aor. 
tboTO 'er gab : ai. ä-dita. Es ist eine Streitfrage, ob diese 
e und o im Griechischen lautgesetzlich sind oder nicht» 
vgl. Verf. Ablaut 12, llübschmann IF. Anz. 11, 38 ff. 

HO. 7. Wurden die Lautgruppen er, vi vor Kon- 
sonant akzentlos, so konnten sie ihr e verlieren, und t\ l 
wurden silbisch, genau wie /, u in den Dij)hthongen ei, eu. 
Aus idg. r, / entwickelt sich überall wieder ein Vokal. 
Nur das Indische behält r bei. Der Vokal steht iui 
Griechischen hinter der Liquida, in den andern Sprachen 
vor ihr. Idg. r, I ist = gr. pa, Xa, 1. or, ur, ul, got. 
aü)\ ul, d. or, ur, ol, uU lit. ir, il, urslaw. 7t\ ll, ai. r: Kpabiöt 
f. IIerz\ 1. Gen. conlis, lit. sinVts, abg. srJdJcc: got. hairtö. 

— ßpubuq langsam \ 1. i/unlus 'dumm, tölpelhaft'; — 
Kpdvov n. Hartriegel, Kornelkirschbaum , 1. corHUS', — 
eipaTTOV 'wendete', I. torquerc\ — pu5a)avoq 'junger Zweig': 
got. iraihts 'Wurzel'; — hom. öpaiöq abgehäutet' : btpo» 
'schinde ; — hom. TpaTTi'"iO|Liev : repTTUU ich sättige, erfreue ; 

— öfxiKUJV m. Drache' : bfcpKO)Liai 'blicke'; — "fpacpiu 
grabe ein, ritze, S(;hreibe' : d. kcrtivu; — dpaCTu^ 'kühn' : 

äol. x>ef)(To<; n. 'Mut'; — TiXaiüg llach, breit' : d. Fvld\ — 

KpaTuq stark' : got. //rov/^/.s hart, streng'; — hom. uiroöpa 

'von unten blickend' (aus -uTTobpaK) : bepKO|nai blicke'. 

An 111. 1. Im .\n- und Auslaut nteht anrli im Griechischen 
der Vokal vor »Icr biijuida: upKTOc; ni. f. 'liiir', 1. ursits^ ai. rl:sah: 

— hom. Ctpariv, att. 6ppr|v 'nuinnlicir, ai. rfo-l'lnih 'Stier ; — ntrap 
n. 'Leber\ ]. jecur, ai. Jukjt n.; — ^ap n. 'Fridding', 1. rcr (aus 
•jre.vr); — hom. viuap ii. Taj;': i'iut'pa; — hom. ovap n. 'Trauuj : 
glbd. öveipot; aus *öv€()joc . 



^110. Ul.J Das indo^'erinaiiische V'okalsystein. 100 

All in. '2. Statt p(t. ka orßcheint nach gewöhnlicher Annahme 
auch ap, ((\ als N'ertreter (Ut id;;. r, /. Doch ist trotz Krctschtner 
KZ. ai, ayi ir. mul Verf. IF. 7/l88ir. noch kein lautKesetzMcher 
(irund Tür ilicse Vertretung gefunden. Ich halte pa, \a allein für 
regelrecht, ap, a\ beruht: 

a) auf Angleichung an Formen, die €p iiatten, so hapröc, (erst 
bei Galen) neben hom. bparoc; nach b^poi 'schinde'; — 
airapröq 'gesiit' bei Soph.; aireipuj 'säe"; — KcipaK; 'iSchererr 
(Theoplir.) : KCipuu 'schere'; — Perf. Med. eqpOapinui : rpOeipuj 
'verderbe'; 

b) auf einzeldialektischer Metathesis, so im Kretischen. Diese 
Metathesis ist um so sicherer, als davon auch pa = idg. rj 
betroffen wird, kret. öTctpToi neben gemeingr. öTpaTÖg 'Heer' 
= idg. strjtös. Bei Homer steht ap statt pa oft unter dem 
Zwange des Metrums, entspricht also der metrischen Deh- 
nung. Es heißt z. V*. ^paauKdpbioq, dpaaujae'uvova, Opaau- 
lun^bri«;, 0paaO,Lui\ov, aber öapaaXeoc, dapaaXediTepov, öapaa- 
Xeujq, ödpauvoc;, vgl. Hirt IF. 12, 232 ff. 

c) In dem Rest der Fälle liegt wohl idg. cf vor, z. ß. in 
aröpvuiLii "^breite aus', )Lidpva|nai 'kämpfe'. Z. T. mag sich 
idg. ef erhalten haben, wenn sekundär der Akzent darauf 
trat. So erklärt sich mit Kretschmer udpTuq 'Zeuge' neben 
ßpaße\j(;, Kdpxa 'sehr neben Kparüc, ludp-fTTuu 'fasse' neben 
Aor. ßpaKelv. 

111. 8. Idg. n, m, die Schwundstufen zu en, em sind 
nirgends mehr erhalten, aber mit Sicherheit zu erschHeßen; 
-es wird daraus gr. a (durch stimmloses an hindurch?), 
lat. en, in, em^ irn^ got. tm, um, lit. in, im, abg. ^, ai. a. 
Ö6Ka ^zehn', 1. decem, got. taihun, lit. desimtis^ abg. desetl, 
ai. dasei; — eKaiöv ^hundert', 1. centum. got. himd^ d. hin- 
dert; — d-TiaH : 1. simplum; — eiTTd ^sieben' = 1. Septem; 
— dqppoq 'Schaum' : 1. imher 'Regen' ; — övojua n. 'Name' : 
1. nömen; — Akk. TTÖ5-a 'den Fuß' : 1. pedem; — a pri- 
vativum, 1. in-, d. un-. Silbisches n ergibt sich oft aus 
dem Griechischen selbst, denn es steht in vielen Fällen 
ein a vor Konsonant neben einem v vor Vokal oder im 
Ablaut zu ev, ov, z. B. hom. irecpaTai 'sie sind getötet 
worden, qparoc; 'getötet' neben erreqpvov 'sie töteten'; 3. P. 
PL Endung -axai neben sonstigem -viai; hom. 2. Du. \xi- 
juttTOV, PL |ue]ua|uev, luejuaie, Part, fiefiauu^ neben ]U€Uova 
'strebe', 2. PL Pf. Akt. hom. ireTraade (aus ■^-TreTTadTe), 



110 Laut- UM.l Akzcntlolire. [§111 — 113. 

Aor. TTav>dv : 7T67TOVv>a 'hahe gelitten; — o. Dual. Verf. 
€KYeY«Ti"iv : Yefova %in geworden; Akk. der kons. Stämme 
-a neben -ov der o-Deklination. 

llJJj. Der Ansatz von idg. 7 und ii schien der 
altern Sprachwissenschaft so sicher, dail sich nicht einmal 
ein Zweifel an ihrem Dasein erhob. In der Tat treten 
fast in allen Sprachen gleichmäßig 7 und k (abg. y^ auf: 
TTidi 'trink', abg. 2)iti 'trinken', ai. ])U(ili getrunken'; — 
\>0)a6(; Mut'. 1. famiis 'Rauch , lit. dihuai, abg. dymü, ai. 
dhümäh 'Rauch . 

Weitere Beispiele: Iq 'Kraff, j. l'is\ — KXivr| 'Lager, Bett\ 
KXiuaS 'Leiter', 1. rllno "biege"; — iöc, 'Gift*', 1. r\n^s\ — u? 'Sau', 
1. süs, ahd. sü\ — \xi)c, 'Maus\ I. müs, ahd. müs\ — ^r. Z\i\xr\ 
'Sauerteig', 1. jüa "Brühe, Suppe'; — ökOto^ n. "Haut, Leder, 
Schild', 1. scütum "Schild'; — inüKcto.uai 'brülle\ 1. müc/ire: — ttuOiu 
'mache verfaulen, verwesen', I. püs 'Eiter', got. füh, d. faul. 

Nichts ist also einfacher als idg. 7 und ü anzusetzen. 
Aber was in allen Sprachen gleichmäßig vorliegt, braucht 
darum noch nicht indogermanisch zu sein. Jedenfalls 
sind i und ü nur zu verstehen als Schwundstufenbildungen, 
und zwar gehen sie, wie wir sehen werden, entweder auf 
idg. oi, .}u oder auf fj9 ^n',y zurück. Wenn sich nun zeigen 
läßt, daß die unkontrahierte Gruppe tatsächlich noch in 
Einzelsprachen vorliegt, so ist die Annahme, daß sie schon 
in allen Phallen kontrahiert war, unmöglich. 

llvj. Idg. f?%y, J,)y rm^i, f?/,9. Neben all den bisher 
besprochenen Lautentsprechungen gibt es nun noch eine 
Anzahl, die sich dem bisher Erkannten nicht fügen und 
die uns daher zum Ansatz von etwas Neuem nötigen. 
Wir haben oben gesehen, daß gr. ä (att. r|) einem ä der 
übrigen idg. SprachiMi entspricht. Nach Licjuiden und 
Nasalen ist das aber öfter nicht der Fall, sondern wir 
finden etwas ganz anderes: vnacra 'p]nte':ai. ätih ein 
Wasservogel'; — iXpiöq Muldend, standhaft', 1. latus, d. (je- 
(hild. lit. liltas 'Brücke'; — dor. Xüvog 'Wolle', 1. hiua, got. 
ivulla, lit. vilna, i\'\. lUnä. Vgl. auch 1. f/rüuum : d. Korn; 
1. crdhro 'Hornisse': d. hornissc; 1. nidi.r :goi. trai'trfs 
Wurzel . Auf Grund dieser und ähnlicher Gleichungen 



i} 113.1 l>;is indnm'niiaMisv'hc N'dkiilHVHtein. 111 

8()wi(» auf (i rund einer Analyse der indischen Verhältnisse 
kam (1(> Saussur(> in seinem Memoire zu dem Schluß, 
daß wir in derartigen lan<]jen X'okalen nach Li(iuiden und 
Nasalen eine Sehwundstufenl)i]dung zu sehen hätten, und 
er setzte diese dann als /•, /, m, n, d. h. lange J^iciuiden 
und Nasale in silbischer Funktion an. P^s ist aber längst 
nachgewiesen, daß dieser Ansatz seihst bei de Saussure 
nur durch einen Sprung zu erreichen ist. Ich bin in 
meinem Ablaut zu der Ansicht gekommen, daß hier (^rj, 
cLf, ctnj, eK,? zugrunde lagen, s. darüber unten. Nach 3 b 
(§ 106) wird c vor r, l, m, n zu a, nach 6 (§ 109) aber 
j zu a. Als Vertreter der idg. Verbindungen haben wir 
daher apa, a\a, a\x(i, ava zu erwarten. Diese Entwicklung^ 
ist regelrecht vorhanden, wenn die erste Silbe der Gruppe 
evo usw^ sekundär den Akzent bekam. Olme diese Akzent- 
verschiebung entstand gr., lat., kelt. rä, hl, mä, nä, d. h. 
€ schwand und a wurde gedehnt. In den übrigen Sprachen 
schwand das o teilweise unter Dehnung des vorausgehenden 
Vokals. Wir treffen daher germ. ur, ul, um, im, lit. ir, 
il, hu, in, serb. r\ f (ü) e (aus e). So erklären sich zu- 
nächst gr. ddvaT0(^ 'Tod' : ^vriTÖ(^ "gestorben' ; — Kduaiog 
'Mühsal' : k)U)itö<; 'gemülit' ; — x^^^'^^ 'Hagel' : dor. KexX^-öa 
'brause'; — Kdpiivov 'Haupt' aus Kdpaavov : Gen. Kpöiöq 
'des Hauptes' aus ■•■KpäcraTO«;; — ßd\avo(; 'Eichel' gegen- 
über 1. glans; ßdpadpov 'Schlund' : ßißpaicrKuu 'verzehre'; 
— idXapoq 'Tragkorb' : TXr|TÖ(; 'ertragend' ; eödjuacra 'habe 
gebändigt' gegenüber Perf. öeöjuriKa, ö)ariT6(^ 'gebändigt; — 
KdXa^og 'geflochtener Handkorb' : KXfi,ua 'Schößling, junger 
Zweig'. Vgl. Hirt Ablaut 67. 

Anm. Infolge einer ganz andern Auffassung der betreffenden 
Erscheinungen setzt Brugmann op, o\, puu, Xuu als Vertreter dieser 
idg. Lautgruppen an. Die für op, o\ angeführten Beispiele eind 
sämtlich mit J. Schmidt KZ. 32, 377 ff. anders zu erklären, puu, 
Xw können natürlich nicht aus den sicher vorliegenden apa, aXa 
entstanden sein. Zu erwägen ist freilich, ob nicht in Fällen 
wie öTpuuTÖq "ausgebreitet", 1. strätus ein idg. oro zugrunde liegt. 
Bei der geringen Anzahl der vorhandenen Beispiele werden wir 
wohl darüber nie ins klare kommen. 



112 



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Laut- und AU/.entlehre. 
T:i hv] len. 



[§ 114. 









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Jjllö. IIG.] Das iiidugorinanitifhe N'okalHyMtem. llo 

IM. Das Verhältnis der idg. Vokale zueinander. 

115. I)er in allen idg. Sprachen auftretende leb- 
hafte Wcn^hsel von Vokalen stimmt ho häufig überein, daß 
man gezwungen ist, die Entstehung der von J. Grimm 
^<Al)hiut^> lienannten Erscheinung in die idg. Ursprache 
zurück zu verlegen. Das gilt auch von den meisten 
Füllen des im G riech, auftretenden Ablauts. Nicht nur 
solche Fälle wie Prs. XeiTT-uu 'lasse', Perf. \t-\oiTT-a, 
Aor. e-XiTT-ov, Präs. cpeuY-uj 'fliehe', Aor. e-cpuT-ov sind 
aus der Ursprache ererl)t, sondern auch Erscheinungen 
wie Prs. ß-dX-Xiu, Perf. ße-ß\n-Ka, Prs. Td)u-vuj 'schneide', 
Perf. Te-T|Lir|-Ka, die z.B. Kühner-Blaß^ 2,117 durch 
Metathesis erklärt. 

Anm. Jsicht jeder Vokalwechsel im Griechischen geht auf 
idg. Ablaut zurück. Siehe über diese FiUle § 164 ff. 

116. Das erste Ablautssystem stammt von Schlei- 
-cher. Er ließ die Vokale und Diphthonge durch Steigerung 
aus den Grundvokalen a, i, u hervorgehen und stellte 
folgendes Schem.a auf: 



Grundvokal 


erste Steigerung 


zweite Steigerung 


1. (^Reihe 


il) 


a -^ a = aa ä 1 


a + aa = äa (lu) 


2. /-Reihe 


MO 


a + i=al (^;) 


a -\- ai =^ äi (oi) 


3. ?<-Reihe 


u (u) 


a-{-n = an (^^^^ 


1 - /o^\ 
a-{-au = au{ \ 



Steigerung oder Dehnung ist ein Faktor, der in der 
Sprache sehr wohl seine Berechtigung hat. Denn sehr 
häufig werden Silben unter dem Akzent gedehnt, z. B. 
im deutschen in einsilbigen Worten und in ofifeuer Silbe 
(mir gehen, ahd. gehan). Auch spielt die Dehnung in der 
neuern Auffassung des Ablauts wieder eine größere Rolle. 
Trotzdem kann es nicht zweifelhaft sein, daß Schleichers 
•System aufzugeben ist. 

Hirt Griech. Laut- u. Formenlehre. 2. Aufl. 8 



114 Laut- und Ak/entlehre. [§117.111^. 

117. Die alte T.ehrc wurde durch eine Reihe 
wichtigor Entdeckungen in den siebziger Jahren vollständig 
umgestoßen. 

Sie begannen mit K. Verncrs Aufsatz, KZ. 2)), 07,. 
in dem er eine bis daliin unerklärte und rätselhafte Er- 
scheinung des germanischen Konsonantismus glänzend 
dadurch erklärte, daß er den idg. Akzent zu Hilfe nahm. 
Damit war überhaupt erst die Möglichkeit geboten, den 
idg. Akzent zu erschließen. Denn bis dahin konnten nur 
das Indische und das (Jriechische dazu verwandt wrrden, 
und da diese in vielen Fällen nicht übereinstimmten, 
ließ sich nicht sagen, welche Sprache das Ursprüngliche 
hatte. Das Germanische stellte sich nun in allen wesent- 
lichen Punkten auf die Seite des Indischen. Über das. 
Vernersche Gesetz s. § 259. 

Ihm folgte ein Aufsatz von Osthoff in Paul und 
Braunes 1-ieiträgen zur Geschichte der deutschen Sprache 
und Literatur» 3, 32 ff., in dem er der Ursprache ein 
silbisches r zuschrieb, und schließlich Brugmann in 
Curt. Stud° 9, 287 ü\, 363 ff. mit der Entdeckung der 
silbischen Nasale. Er erkannte, daß in dem a von gr. 
ßaiöq gangbar, ai. (lafä/j nicht ein ursprüngliches a vor- 
liegt, sondern daß diese Laute Schwächungen der Gruppe 
en sind. An ihn schlössen sich zahlreiche andere Ar- 
beiten an. Durch diese wurde zunächst die altr Lehre 
von der Ursprünglichkeit des aind. a, /, u beseitigt, und 
des weitern mußte die Lehre von der Steigerung durch 
eine Lehre ersetzt werden, nach der die vollem Voknle- 
(Schleichers erste Sti'igerung) die ursjiriniglichen waren, 
und die «Grundvokale» ?', u erst durch Reduktion infolge 
von Unbetontheit aus jenen entstanden seien. Die Rich- 
tigkeit dieser Lehre zeigen Beispiele wie Prs. qpeuYeiv 
'flielu'u' : Aor. q)UYfciv, Prs. XeiTieiv 'lassen' : Aor. XiTielv usw. 

IIH. Trotz dieser bedeutenden Entdeckungen hat 
es lange nicht gelingen wollen, alle Tatsachen des Ablauts 
zu erklären. Immer neue Fälle wurden aufgedeckt, die 
auch mit der neuen Lehre nicht in Einklang zu bringen 



5!}118.] Das in(l(»;;('riiKitiiR('Ii() X'ok.'ilpystfMii. 115 

waren. Es war daher mit der Zeit eine ziemliche 
Skepsis unter den Forschern einf^etreten, zu der vor allen 
Diuijjen der Gedanke mitwirkte, daß es ja durchaus iiiclit 
sicher sei, daß alle Krsch('inun<^cn des Ahlauts durch den 
Akzent bedingt seien. Infolge davon verzichtete Brug- 
mann in der zweiten Bearbeitung des ersten Bandes seines 
Grundrisses darauf, überhaupt ein Ablautssystem auf- 
zustell(Mi, er führte vielmehr nur die einzelnen vorkom- 
menden Fälle an. Vgl. dazu 11 üb seh mann IF.Anz. 11,25. 

Indessen waren die Anfänge einer befriedigenden 
Hypothese schon längst vorhanden. Sie waren nieder- 
gelegt in dem genialen Buch von de Saussure. Ihm 
schlössen sich in weitern Ausführungen die Bemerkungen 
von Fick, Gott. gel. Anz. 1881, 1245 ff. an, bei denen 
nur das offenbar Falsche die Anerkennung des evident 
Richtigen verhinderte. Weiter förderte Hüb seh mann in 
seinem «Idg. Vokals3^stem » das Problem, während die 
Ausführungen von Osthoff M. U. 4 vollständig verfehlt 
waren. Neue Anregungen boten Bechtel in seinen Haupt- 
problemen, Kretschmer in seinem Aufsatz KZ. 31^ 395 
und J. Schmidt in seiner Kritik der Sonantentheorie 
sowie manche andere Arbeit. Von J. Schmidts Arbeit 
ausgehend habe ich in einzelnen Arbeiten (Idg. 7, 138 ff., 
185 ff., 8, 267 ff.) und dann zusammenfassend in meinem 
Idg. Ablaut ein System aufgestellt, das eine ein wandsfreie 
Erklärung vieler Erscheinungen des Ablauts ermöglicht, 
und dessen wesentliche Punkte jetzt auch Brugmann in 
seiner kurzen vergleichenden Grammatik angenommen 
hat. Schon der ersten Auflage dieser Grammatik habe 
ich meine Anschauungen zugrunde gelegt, allerdings unter 
mannigfachem Widerspruch. Wenn ich es heute wieder 
tue, so wird dieser wohl diesmal verstummen oder 
schw^ächer sein. Die Gesetze des Ablauts sind so einfach, 
sie ergeben sich so aus der Natur des Sprechens^ daß keine 
große Mühe dazu gehört, sie zu verstehen. 

Wir unterscheiden einen quantitativen Ablaut 
(gr. drjauu 'ich werde setzen' : ^eiö^ 'gesetzt', Präs. XeiTieiv : 

8* 



IIG l.iuit- und Akzentlehre. [§118.119. 

Aor. XiTreTv), die Abstufung und einen qualitativen Ab- 
laut (6epK0|aai 'sehe' : Pers. bebopKa, Xe^iu 'ich sage' : Xö^oq 
ni. 'Wort'), dii' Abtönung. 

Der (iuimtitative Abhiut oder die Abstufung. 

110. Die Abstufung im Idg. besteht in der 
Schwächung der Vokale in allen unbetonten Silben. Das 
ist eine Erscheinung, die später das Lateinische ebensogut 
wiederholt wie das Deutsche, das Russische^ das Englische 
und viele andere Sprachen. 

Nehmen wir z. B. die gotische Partikel ga- 'ge-', so ist 
diese unter dem Ton bewahrt, z. B. in Gäsfein, sie wird 
gewöhnlich zu (je {(jclingen)^ wobei aber e kein volles e, 
sondern ein Murmelvokal ist, während sie in einer Reihe 
von Fällen ganz schwindet {Glaube, ahd. gilouho). Im 
Deutschen entzielit sich tatsächlich kein unbetonter Vokal 
dieser Schwächung, und der Akzent ist demnach die 
Ursaclie der großen Veränderungen, die unsere Sprache 
im Laufe der geschichtlichen Entwicklung erfahren liat. 
Ganz ebenso war es im Indogermanischen. 

Es ist durch die entsprechenden Erscheinungen vieler 
Sprachen nahegelegt, mehrere Grade der Abstufung zu 
untersclieiden, und das wird auch ganz selbstverständlich, 
sobald man die Natur der Vokale, die Unterscliiede 
zwischen vollstimmigen, gemurmelten und tonlosen Vokalen 
kennen gelernt hat. Vollstimmige Vokale fallen nicht 
mit einemmal aus, sondern sie werden zu Murmelvokalen 
wie in Liehe, oder zu tonlosen Vokalen, wie in frz. ;v^i7, 
engl. ]>ctafoe 'KartuMer, und dann erst folgt der völlige 
Seh wund. 

Für das Indogermanische kann man l)isher zwei 
Grade der Schwächung nachweisen. Ich bezeichne sie 
als Reduktionsstufe (K), in der die kurzen Vokale nur 
reduziert sind, und Schwundstufe (S), in der die kurzen 
Vokale ganz ausgefallen sind. 01)gleich diese beiden 
Stufen in den historischen Epochen nebeneinander 
stehen, muß man annehmen, daß sie nacheinander 



vij 111>. 120.1 Das iiulo<;ormaiiiK('I»e N'okalsvHtom. 117 

ontstaiulc'ü sind, dali jede Schwuiidstuto also eine Reduk- 

tion8stur<> voraussetzt. 

Anin. Die Anpct/un«; der Schwundstufe für da? Id^. ist 
natürlich rein hypothotiech. Kk ist nichts weiter als eine Hilfs- 
konstruktion, die seiir wohl falsch sein kann; denn es sprechen 
eine Keihe von (i runden (hifür, daß der vollige Schwund der Vo- 
kale eret ziendich spät, vielleicht erst kurz vor der Trennung 
oder soii;ar nach der Trennuntj der einzelnen Stämme ein^'etreten 
ist. Mit Recht verweist Mahl ow Anzeiger f. deutsches Altertum 
24, 11 auf ilhnliche Vorgänge in den slawischen Sprachen. Doch 
ist dieser Punkt für die einzelsi)rachliche Grammatik nicht von 
l>edeutung. 

120. Es traten wahrscheinlich folgende Vorgänge ein : 

I. 

Infolge der Unbetontheit werden 

a) die langen Vokale zu kurzen, a, e, o, 

b) die kurzen Vokale zu tonlosen oder geflüsterten 
Vokalen, e, o, o, frz. Pt^^t, d. Gericht. 

II. 

a) Die nach la entstandenen Kürzen werden zu ]Mnr- 
melvokalen (t, c g {o indogermanicum). 

b) Die e. a, o fallen aus. Steht neben diesen e, a, o 
noch ein i (j), u (w), r, l, m, n in derselben Silbe, so 
werden diese Laute silbisch, wir erhalten i, u, r, /, w, n. 

Anm. 1. Von diesen Ansätzen ist la bis jetzt noch nicht 
sicher durch die Tatsachen begründet, aber mit einer gewissen 
Wahrscheinlichkeit vorauszusetzen^ da diese Schwächungen nicht 
spruugweis vor sich gehen konnten. 

Anm. 2. Für die Verbindung: Vokal + Sonorlaut ergibt 
sich folgendes Ablautsschema: 



rollstufe 


R. 


S. 


ei 


ei 


i 


eu 


eU 


10 


er 


er 


r 

o 


en 


en 


n 



Die Reduktionsstufen ei, eii, c^, en sind im Laufe der histo- 
rischen Entwicklung, wie es scheint, durchweg mit den Schwund- 
stufen /, u, Tj V' zusammengefallen. Ihr Ansatz ist aber theo- 
retisch notwendig, und er wird dadurch als wahrscheinlich er- 
wiesen, daß ei, eUj wenn sie sekundär den Ton bekamen, zu i, ü 



118 l.aut- und Akzentlehrc. [§120.121. 

wurden. Vgl. vOv 'nun' neben vu : v^'/bc; 'neu\ tö 'du' neben 
öO : *Te/bc. Ancb cf neben r, el neben l lassen sich erweisen. 
Geht niunlicli diesen Lautsruppen ein ir voraus, haben wir also 
idg. irei', irel, so linden wir in <ler Abstufung tateachlirh zwei 
Vertretun<;en. Der Wolf heißt ai. vrkah, abg. rlüku, lit. vilk-as, 
got. irulfs, aber j?r. XOkoc;, 1, lujius. Die (iruppe In erklärt man 
ilurt'h l'mstelliing aus W, der Nebenform zu idg. u;l. Nun er- 
scheint aber diese Vertretung nicht etwa bloß im Lat. u. Griech., 
Fondern auch in den andern Sprachen. Am deutlichsten V.est 
die Sache bei dem Zahlwort 'vier', idg. *h'"ctirörrs: Dem ai. 
cairdrah entspricht dor. T^Topec. Dazu haben wir nun eine Ab- 
stufung in gr. T^xpaTOc;, lit. kctvirtas, ai. raturthds; daneben steht 
aber die Stufe -tn( in lat. <ju<i(fru-, gall. pefru-, hom. xpuqpciXeia 
'Helm' (eig. 'vierfacher Kamm'): ferner gr. XOxvoq m. 'Leuchte' : 1. 
rolcmms: — KaXirn 'Trab' aus *K./aX'iTa : lit. kUipfi 'niederknien, 
stolpern', ai)reuß. jXhqneUtton 'knieend". 

Eine lieihe unerklärter P>flcheinungen kommen ebenfalls ins 
reine, wenn man R. neben S. annimmt. So finden wir neben 
V. got. (jinö (l'irinö)^ gr. fuvi'T und böot. ßavd, In *fuvr| ist der 
Vokal ganz geschwunden, während ßavd aus *g^^',nd zu erklären 
ist. Die Erklärung von tivdo|nai 'freie' aus •ßvdoiaai halte ich für 
falsch. In ähnlicher Weise erklärt sich hom. ö"fupi(; f. 'Ver- 
sammlung', axüpTric; 'Sanunler, Priester der Kyl)ele' neben dxeipai 
(aus *a(ierjü)y das schon im Idg. aus ag^'er ent.standen sein dürlte. 

I. Der Ablaut der Längen. 
A. Die einfachen Längen. 

VZ\, Ks ist, wie oben bemerkt wurde, noch nicht 
niüglich, bei den Verkürzungen der Längen R und S zu 
\intersclieiden. Zu r, ^7, o smd im Griech. die Abstufungen 
z. T. regelrecht, wie zu erwarten i.^t, €, a, o. Im Latei- 
nischen ersclieint aber nur <7, im Indischen nur ?, und 
man hat daher auch für das Griechische als regelrechte 
Kntsprccliung a angenommen, wofür eine Reihe isolierter 
Fälle zu sprechen scheinen. Ob diese Frage je gelost 
werden wird, ist deshalb zweifelhaft, weil wir es im 
Griechischen z. T. mit spätem Assimilationen zu tun 
haben oder zu tun haben kcinnen. 

IJeispiele: O-e-Toq 'gesetzt. \. farfiis, ai. hiitih : ^-j'vCTiu, 
0-TVKr|, 1../"'; — (TT-a Toq gestellt, stehend', \. sfatus, ai. 
sihUäli : aT-i'i-CTuj ich werde stellen', 1. stäre^ ai. Aor. d-sthät\ 



i§ 121 — 1'23.J Das indogormanischo VokalHyetem. 119 

— b-o-Tü^ 'gopjebt'ii , 1. ilahis, ai. ((-(lila = Aor. ^boTO : ö-uü-auu 
"^icli werde geben', \. donimi, a\. (hidäfi "^ergibt'; — hoin. 
ße\-€-|uvov n. 'Gescboß' : ßX-fj-vai, Aor. zu ßdXXuu 'wertV; — 
ri. Perl". TtvVv-a-iLiev : 8g. Tfcv>v-]"|-Kü, Perf. von dTroOvijCTKUj 
'sterbe'; — PI. Perf. xeiX-a-iuev : Sg. leiX-n-Ka ich ertrage'; 

— 1 . PL TTiuTrX-a-juev : 7TmTTX-r|-|iii 'fülle' ; — aicfO-d-voiacti 'nehme 
wahr' : Fut. aicrO-iVcro^ai; — d|LiapT-d-vuj 'verfelile' : Fut. 
<x)uapT-i'"i-cro)uar, — auH-d-vuj 'vermehre, maclie wachsen' : Fut. 
«uH-n-ö"Lu; — X'^-"''"^? ^' 'Mangel, Bedürfnis' : X'^'^o^l — T^- 
v-e-cri(; f. 'Ursprung, Entstehung' : xv-n-crioq 'zum Geschlecht 
gehörig'. Aber es heißt auch Aor. p-a-YHvai: p-ri-YVU)Lii 'breche' ; 

— X-a-^apoi; 'hohl, schmächtig' : X-ri-yo) 'besänftige, be- 
ruhige'. 

B. Die Langdiphthonge. 

m*^. Genau wie die einfachen Längen werden die 
Langdiphthonge ei, äi, öi, eu, du, öu zu o -{- i, d -\- u. 
Diese Verbindungen sind frühzeitig zu i: und a kontrahiert. 
Da die Voll stufen nach § 102 vielfach zu Monophthongen 
werden, so ergibt sich ein Ablaut i : e, «, ö; ü: e, «, ö. 

123. 1. Die «-^i-Diphthonge. 

Beispiele: 1. f-lTius^ ai. dh-i-täh zu dhä 'saugen' : ^-ri-craro 
sog', 0-f|Xu(; 'weiblich', \. f-e-läre, f-e-mina; — k-h-k-T-uj 'spru- 
dele hervor' : ai. sl-häj-äti 'tröpfelt'. Dies ist offenbar eine 
reduplizierte Bildung, die in beiden Silben Ablaut zeigt. 
'i-^U(; gerade, gerade entgegengesetzt' : ai. s-ä-dhüh 'richtig'; 

— lu-i-Kpöq 'klein' :ahd. sm-ä-hi 'gering' aus sniehi; — cfK-f-TTUJV 
'Stab. Stock', \.sc-T-pio : (JK-fj-TTTpov 'Stab' ; — tt-T-Q-i 'trink', m- 
TT-i-aKLu 'tränke', ai. p-l-tih 'Trank', abg. p-i-vo 'Bier' : 7T-uj-|ua 
n. 'Trank', Pf. TreTT-uu-Ka 'habe getrunken', 1. p-ö-tus. 

Der Ablaut: langer Vokal (meist e)\ i oder r, das 
durch weitere Verkürzung entstanden, ist für das Ver- 
ständnis vieler Bildungen von Wichtigkeit. Sehr viele ~i 
sind Schwundstufen zu ei. So gehören die Präsentien 
auf -lö'Kuu häufig zu Stämmen auf langen Vokal, Pr. 
dX-i-cTKOuai 'werde gefangen' : Aor. dX-üu-vai; Prs. d,ußX-i-crKUJ 
""mache eine Fehlgeburt' : Fut. d,ußX-LU-auj; Prs. eup-i-(JKUj 



120 J.aut- und Akzentlehre. [§ 123—125. 

'finde : Fut. eup-iVcTuu, cnep-i-crKUj 'beraube' : Aor. ecriep-n-cra. 
Ferner steht das i des Komparativs auf -ftuv im Ablaut 
zu e oder o: rib-f-uiv 'süßer' : 1. svad-e-re, piY-i-ov kälter' : 
f)iY-uj-cruj 'friere'. Man vergleiche außerdem: |Liav-i-a, Ra- 
serei', )Liav-i-KÖ(; : Aor. luav-iVvai 'rasen'; — x"P"1"<ö> 'Anmut', 
Xap-i-ei<; 'anmutig' : Aor. xotp-ii-vai 'sich freuen'; — - ircxY-i-og 
'fest, derb' : Aor. TraY-rj-vai 'fest machen' ; — apy-'-Xog weißer 
Ton' : dpY-i'v«;, dpY-rj-Toq glänzend'. 

124. 2. Die r7-^?/-Diphth()nge. 

Beispiele: d|u-Ö-|aujv untadelig', äol. |n-u-)uap : u-iüiLioq, 
)a-uj-)Liap 'Tadel'; — ai. tti-u-rüh 'dumm' : )a-ÜJ-pog 
stumpf, träge', lat. viorus vielleicht aus dem Griechi^^chen 
entlehnt; — ai. tn-H-lcnn 'Wurzel', m-ü-la-harma n. 'Zauberei 
mit Wurzeln': hom. jaüj-Xu 'fabelhaftes Kraut mit Zauber- 
kraft'; — tX)-\xY\ 'Sauerteig', \. j-n-s, Wi. j-ü-sc 'Fischsuppe' : 
21-uj-)iö^ 'Brühe'; — fn-Otuu 'freue mich' : 1. g-au-deo. 

Anm. 1. Der Abliuit a^ : ?, a^ : ü wirkt im Griechischen 
nicht mehr weiter, sondern wird durch das Verhältnis Länge : 
Kürze ersetzt. UreprünjiHch also 7r-iu-|Lia Trank' : ir-i-^i, sekiindilr 
TT^TT-iu-Ka : TT-o-TÖc; 'Trank\ 

Anm. 2. Verschiedentlicli erscheint nel)en diesen Ablauts- 
formen im (iriechischen auch noch der Kurzdijihthong, so in 
TT-oi-iariv 'Hirt' : u-üj-u 'Herde', a\. 2>äji</i 'Hüter. Tpaö-ua 'Wunde' : 
TiTp-ÜJ-aKiu 'verwunde'. Die Stellung dieser i^aute in der Ablaut.s- 
reihe ist noch nicht ;j:an/. klar. 

II. Der Ablaut der KUrzen. 
A. Die Schwundstui'e. 

I5i5. Die kurzen N'okale fallen in der Schwund- 
stufe aus: 

Aor. TTT-ecrOai : 7TfcT-6(Ti>ai 'fliegen ; — A(»r. (Txtiv : tx-€iv 
'haben' (aus •••aexeiv) ; — hom. Aor. ^-aTT-tcrOai : 6-7T-o|uai 'folge' 
(aus *(TtTTO)Liai) ; — hom. 'fvv^ mit gel)Ogenein Knie' : yov-u 
n. Knie'; — ^Tii-ßö ai f. Tage nach dem Fest' : •••TTeö Fuß ; 
— Aor. ß\ ilvai : ßtX-oq n. '(Jeschoß'; — Aor. tX iivai er- 
tragen : TeX-audiv m. Tragriemc^n'; -- 1. sumus, got. simt 
'sie sind' : ai. dfi-mi, lesb. t^pn ich Idn'. 

Ist in der Silbe ein Laut vorhanden, der silbisch 



8 125.] l);is indopjcrmanisclie Vokalsyntcm. 121 

*^'erd(Mi kann, so wird dieser Trä<^er des Silbenakzcnte;?. 
Das ist der Fall in Silben, die ein /, u, r, l, ;//, /^ virl- 
loicht auch in dciuMi, die ein s (psf) enthalten. Aor. 
(/')ib-eiv erhlickeu' : (./^)6iö-e(Jv>ai 'erscheinen'; — Aor. \iTT-elv : 
XeiTT-eiv 'lassen'; — Aor. öTix-eiv : (Tieix-eiv 'steij^^en'; — Aor. 
q)UY-tiv : (peiiy-eiv '(liehen; — vva-Täluj 'nicke' : veu-uü 
'nicke'; und entsprechend Aor. bpaK-eiv : öepK-ecri>ai 'sehe', 
ai. (h's-(UH : n-ilars-mn; — I). PI. Tra-Tpu-CTi 'den Vätern', ai. 
pi-tf-sn : Akk. Tia-Tep-a, cii.pi-tdr-am; — Aor. xctö-ew : X€i-(To,uai 
(aus *x€vcr-0|uai), Prs. xavbdvuu 'fasse'; — Akk. TTÖÖ-a, 
1. ped-em : öe-ov. 

Anin. 1. Die oflenbare Parellele zwischen ei, eu auf der 
einen Seite und er, el, em, en auf der andern führte Osthotr 
und Brujjmann zum Ansatz von silbischem r, l. m, n, einer An- 
nähme, die mit einem Schlage eine große Fülle von Erscheinungen 
in ein neues und offenbar richtiges Licht setzte. 

Der Widerspruch, den Brugmanns Hypothese erfahren hat. 
richtete sich auch nicht gegen den Grundgedanken, daß in den 
Lautgruppen er, el, em, en das e infolge der Tonentziehung ge- 
schwächt sei, sondern er knüpfte sich an die Frage, ob denn 
wirklich der N'okal in diesen Fällen ganz ausgefallen sei. Ver- 
schiedene Forscher verneinen dies und schreiben daher e>", eU cn,ei»>, 
was zunächst von geringer Bedeutung zu sein scheint. Daß wir 
es aber wirklich mit r, L m, n zu tun haben, geht daraus hervor, 
daß diese Laute nur vor Konsonant stehen, während vor Vokal 
?', l, m, n und j und w für / und u eintreten. Vor Vokal ge- 
hörten /, n, r, l, m, n zur folgenden Silbe, wie noch in gr. iraTe-pa^ 
iyhi-J-oc. Fiel der Vokal ganz aus, so konnten die unsilbischen 
Laute niemals silbisch werden. Es wechseln daher j, w, r, I, m, n 
vor Vokal mit /, n, r, 1, in, n vor Konsonant. 

1. j und *: Zeuc; aus *c/j-eus, ai. djäu}i : Gen. Ai-öc, aus Ai-föq 
ai. di'-vdfr, — |uoTpa 'Teil' aus *)Liop-j-a : uep-i-c 'TeiF; — Komp. ueauv 
'größer' aus *ueY-j-uJv : iLief-i-aToc;. 

2. IV und u: hom. ireipaTa 'Ende' aus ^per-w-ata : Trp-u-,uvöc 'der 
äußerste'; — ion. N. PI. Toüva aus *';ov-f-a : ^öv-u 'Knie': — hom. 
Tivuu 'büße' aus xiv-Z'-uü : Tiv-ü-juevoc; 'rächend'; — ion. Gen. boupöi; 
aus *bop-f-6q : böp-u 'Speer ; — oöq 'dein' aus *t-/-Ö(; : a-u 'du'; — 
T^TTapec, 'vier' aus -'TeT-Z^apet; (ai. catr-ärah, \. qiiattii-or): hom. iri- 
ö-u-peq. 

8. r und r: Gen. TTaT-p-ö<; : Dat. PI. Trax-pd-ai 'Vater', a\.pit-/-sn : 
— Gen. OuYax-p-öq : Dat. PI. OuYaT-pd-ai; — Gen. ävb-p-6q : Dat. PI. 
ävb-pd-ai 'Mann'. 



122 Laut- und Akzentlehre. |§ 125— 127. 

4. ni und m, n und n: ^Wöq 'Hirechkalb' aus *A-v-6(;: £\a-q)o<; 
'^Hirsch' aus *('lm-bJios, ahd. hnnb; — vibvuiiv-oc; 'namenlos' : övou-a, 
1. nöm-eu aus *oti<»nn; — arpuju-v-ii 'gebreitetes Layer* : arpüjn-a 
'Decke' aus atrOmti, I. sfränie)ttHm. 

B. Die Reduktionsstufe. 

120. Die AnnahiU(; einer Rcduktionpstufe ist ganz 
unbedingt nötig, und sie ist auch sehr leicht zu erweisen. 

1. Zu der Basis, die in ßeXefavov 'Geschoß', ßeXoq 'Wurf- 
geschoß vorliegt, heißt der Aorist ßX^vai aus g^le-, es ist 
also c vcillig geschwunden; wenn wir daneben aber auch 
Aor. ßa-Xeiv treflen, so ist dies nur aus einem .^'V^*- zu 
erklären, d. h. es müssen der Vokal der ersten Silbe 
und die Silbentrennung noch erhalten gewesen sein. 

2. Auch einem Vokal vorhergehende Sonorlaute können 
silbiscli werden. So ist \>-u-pa 'Tür' die Schwundstufe zu 
Sii. d-vära- Tür , abg. d-vo-ri, Ilof , h\i. forum aus "^'dh-wo-rom. 
Neben \>upa steht a])er daipöq aus ■•■'dapjoq 'Türangel'. 
Weshalb heißt es nicht *OupjöqV Eine Erklärung bietet 
nur die Annahme der Keduktionsstufe. In dem uridg. 
^tnurerejos kann das erste e nicht völlig geschwunden sein, 
es blieb vielmehr als c erhalten. Die Grundform ist also 
*dhtVc-rjös. Weitere derartige Fälle sind crdpH 'Fleisch' : 
äol. (TupH, (Jrundform tu\rk- und'-'turk'; — gr. f\jvr\ 'Weib' 
neben Ijciot. ßavd, Grundform '■'g^'enü^ daraus yuvii mit 
Auefall des e, abi-r '-'(f' rvä = ßavd mit Reduktion. 

In der Reduktionsstufe l)leiben also die kurzen Vokale 
als tonlose Vokale erhalten, die in den Einzelsprachen 
je nach dem folgenden Laut stark modifiziert werden, 
vgl. i^ 106 ff. 

C. Die Verteilung von Schwund- und Reduktionsstufe. 

V47 , Die Verteilung von Sch\vun<l- und Koiluktionsstufe 
Htiiujnit aus dem Indogermanischen, ihre Gesetze sind demgemilß 
schwer zu ermitteln, etwas unsicher und der Untersuch unjj; be- 
dürftig;, l'dn erster Versucli, sie festzustellen, bei Verf. Ablaut 
S. 164 IT. 

Kinigermaßen sicher ist fol^'endes: 

a) Die Schwundstufe steht : 



§127.] I >;i8 iiuloufcnnaniHclK! N'okalHystfMi). 123 

1. In den Silben unmittelbar nach dem Ton, vgl. y^'V-u 'Knie' 
aus *<f(>iicii : iihd. hn-hc. — 1. rer ans *ircs-r, gr. ^ap 'Fn'ihlin^' auB 
*wr.s-/* : ai. Ks-(ir-l>}«/h 'früh waclT. 

2. Meist in der ersten Silbe des Wortes, wenn der Ton un- 
mittelbar i'ohj^i: tlor. ^'vti 'sie sind' aus *s-rnfiy Grundform *i'srnti: 
^('s-ni/, lesb. tjLiLU 'ich bin'; — Zeüt; aus *(/J-eus, uridjj;. *de-je-u-. 

8. In einer mittlem Silbe vor dem Ton, vgl. ua-Tp-ö^, rra- 
Tpct-ai aus *pntcrs[ : ua-Tep-a ^Vater'; — boupöc; aus *hop-./'-6q : höpv 
*Speer; — .utaoq "^mitten' aus idg, *medhj-6s, iWöc, 'Hirschkalb' 
aus *eln6s. 

b) Die Reduktionsstufe steht: 

1. Tn der ersten Silbe des Wortes, wenn der Ton folgt, und 
f-war: 

a) regelmäßig, wenn der Ton auf der dritten oder einer wei- 
tern Silbe liegt, vgl. tt€ktÖ(; 'gekämmt' aus uridg. 
''yeketos ^ *pek't6s; — Gen. dvbpöc; 'Mann^ aus uridg. *ener6s 
y *enr6s. Weitere Beispiele siehe unten § 130. 

ß) wechselnd mit S in der ersten Silbe des Wortes, wenn der 
Ton unmittelbar folgt, vgl. Wackernagel Ai. Gr. 1, 204, 
Hirt Ablaut § 796. 

2. In mittlem Silben vor dem Ton, wenn eine lange Silbe 
vorausgeht. Es ist dies das Sieverssche Gesetz, das Sievers Pßr 
Beiträge 5, 129 ff. für das Germanische und Indische ausgesprochen 
hat, mit der Beschränkung durch die Betonung, die ich hinzu- 
gefügt habe. Vgl. ferner H ü b s c h m a n n KZ. 24, 362 ff., O s t h o f f 
Perfekt 391 ff., Hirt Ablaut § 798. 

Im Griechischen stehen demnach in Mittelsilben neben- 
einander i(J) und j; iific) und w, ar, al, an, am und r, l, m, u, je 
nachdem die vorausgehende Silbe lang oder kurz ist. 

a) j und /. TieZöc, 'zu Fuß gehend' aus "^pe-djös — äXXoc, 
'andrer' aus *aJJos; — }j.eaoc, 'mitten', ai. mddJijah; — 
xdKxaiva, Fem. zu TeKTUuv 'Zimmermann', T€KTaivo|uai 
'arbeite wie ein Zimmermann' aus *teTäanja, aber 
ird-Tpioc; 'zu den Vätern gehörig', ai. pitri-jah; — 

— iitmoc; 'zu den Rossen gehörig, ai. dsvi-jah\ — otYpioq 
'auf dem Felde lebend', ai. ajrija]i-, — ^ILi.urivio^ 'monatlich', 
ai. däsamäsijah 'zehnmonatlich'; — vy\\q<; 'zum Schiff ge- 
hörig', ai. nävijah 'schiffbar'; — Trörvia, ai. pätnl 'Herrin'; 

— önÖYvioc; 'blutsverwandt'. Im Gotischen haben die jo- 
Stämme mit langer Wurzelsilbe im N. Sg. -eis, hairdeis 
'Hirt', die mit kurzer -jis, harjis 'Heer'. Im Lat. zeigt eich 
die Regel darin, daß von den jo -Verben die mit kurzer 
Wurzelsilbe nach der 3. Konjugation gehen, die mit langer 
nach der 4.: capto, capls, facio, facis, aber farcio, farcis. 

ß) 10 und u. YOuvö<; aus ^-^ovj^öc, 'des Knies'; — boupöc; 'des 



124 T.aut- lind Akzentlehre. [§127.128. 

Speeres' aus bop/oq; — tivuu 'büße' aus xiv^eu, ai. nnmnti^ 
aber öqppüoq 'der Aii},'en])raue\ bdKpuo^ 'der Träne\ bpu6<; 
'der Eiche', dYvuaai 'sie zerbrechen\ 
•f) t'f h iHy n und ar, al, am, an, analogisoh dafür auch er usw. 
TCÖTv;a 'Ik'rren', aber T€KTaiva aus *T^KTavja, Kd|d-viu 'mühe 
mich', aber Xavödva» 'bin verborj^en"" und die Verben auf 
-dvuj überhauj)t. Dieser Fall bedarf noch weiterer Unter- 
Buchun<r. Yal. noch got. lauhnmni 'Blitz', aber uahi-ufni 
'Gewalt, fraiyft(h)if 'Versuchung;' usw. 

IM. Der Ablaut der zweisilbigen Basen. 

V^H, Die Gesetze des quantitativen Ablauts sind, 
wie wir gesehen haben, verhältnismäßig]^ einfach und in 
der Hauptsache sclion seit langem bekannt. Wenn man 
trotzdem nicht zu sicherer Erkenntnis gekommen ist, so 
liegt das daran, daß man bei der Betrachtung und Dar- 
stellung des Ablauts immer nur von einer Silbe ausging 
unter der stillschweigenden Voraussetzung, daß die idg. 
«Wurzeln» einsilbig waren. Das Indogerm. bestand aber 
nicht aus einzelnen Wurzeln, sondern aus fertigen Worten, 
und in jedem Worte mußte der Akzent auf jede Silbe 
wirken, d. h. nur die vollbetonte Silbe konnte den Voll- 
stufenvokalismus bewahren, alle andern mußten R oder 
S zeigen. Wenn der Akzent, wie es tatsächlich der Fall 
war, wechselte, mußten demnach auch die Vollstute und 
K und S wechseln. Um dies zu zeigen, ist es nötig, die 
Worte einzuteilen. Das, was nach dem Abstreifen sicherer 
formativer Elemente wie z. 13. -}iai in TTeTa-)Liai übrig bleibt, 
nennen wir die Basis. Die meisten idg. Basen waren 
zwei- und mehrsilbig, und zwar enthielt die erste Silbe 
meistens einen kurzen Vokal oder einen Kurzdiphthong, 
während in der zweiten alle möglichen Variationen vor- 
kommen. Es ist praktisch, nach dieser zweiten Silbe 
einzuteilen. \\'ir nennen die Basen, die hier einen langen 
Vokal »'ntbalten, seh wcre l^asen, solche mit kurzem Vokal 
leichte Basen. 



^ l'Ji).] Da« indopci manische \'okalsyst( in. 125 

A. Der Ablaut der schweren Basen. 
1. Die VoUstufcn. 

VZU, Die schweren Basen zeigen die Form ;;e/ö. 
Es soll in diesem Mustorbeispiel e einen kurzen Vokal, 
t einen beliebigen Konsonanten, der allerdings meist j, ic, 
r, /, VI, )/ ist, und a einen beliebigen langen Vokal be- 
zeichnen. Infolge der Wirkung des Akzentes, der immer 
nur ;iut' einer Silbe ruht, kann diese Urform niemals 
erhalten bleiben. Fälle wie Fut. Yevn-ao|uai, Perf. ye- 
Yevr|-]uai, die ganz genau den vorausgesetzten idg. Formen 
entsprechen und in denen also scheinbar keine Schwächung 
eingetreten ist, beruhen auf Neubildung, indem ein gne 
in YvncTiO(^ und gejid in Yevecri<; kontaminiert wurden. 

Liegt nun der Ton auf der ersten Silbe, so wird der 
Vokal der zweiten nach § 121 zu o (erscheint also im 
Griechischen als a, e, o), liegt er auf der zweiten Silbe, 
so schwindet der Vokal der ersten Silbe nach § 127, 2 
oder er wird (seltener) nur reduziert. Die Basis petä zeigt 
also die Abstufungstypen T.^ petj = gr. Ttexaiuai 'fliege' 
und Y.*^^;f(;7 = gr. Aor. TTirivai. 

Weitere Beispiele. 

Urform T.^ + S S (oder R) + T." 

ere epe-crauu 'rudere' 1. re-mus, ahd. ruo-dar 

kerä Aor. eKepa-ö"a 'mischte' Kpii-Tt'ip 'Mischkrug' 

korö Kopa-H 'Rabe' KpLu-^eiv 'schreie' 

fere lepe-ipov n. 'Bohrer' Tpfi-jua n. 'das Durch- 

bohrte' 
g^ele ßeXe-|Livov n. 'Geschoß' ß\ri-)Lia n. 'Wurf 

pelä TieXa-q 'nahe' Tr\ivö"io{; 'nahe' 

g^^ere beXe-ap n. 'Köder' ßXn-p 'Brocken' 

ßi-ßpdj-CTKUu esse' 
071Ö övo-]ua n. 'Xamen' 1. nö-men 

genö d. kenn-en gr. Y^'T^uJ-CTKeiv 'erken- 

nen' 
gene t^ve-ctk; 'Erzeugung' ^fvivö'ioc; 'echt' 



126 Laut- iin.l Akzentlehre. [§ 129. 130. 

Urform Y.' + S S (oder R) -h V." 

Urne Teua-xoq n.'abgeschnit- Pf. Te-T|nr|-Ka haljc ge- 

tenes Stück' schnitten' 

Te,ue-vog n. 'Laiidfrut' 
(Unid be}ia-c, n. 'Körperbau' Pf. bt-b^ii-juai zu beuor 

'baue'. 

Anm. Eine besondere Art cliet<er Klajsse bilden die Fälle, 
in denen die zweite Silbe einen langen /- oder i<-l)iphthon<r ent- 
liielt. Die zweite Silbe wird dann zu j und ü pekürzt. y. § 123, 
z. B, V* fjbi-ov 'süßer' : Fut. äb/i-öeiv von övbdvLu 'gefalle': — umbr. 
hen'-s 'du willst' : Aor. x^P'Vvai von x^ipu^ 'freue niicir: — kiiki-iu 
'sprudele hervor' : ai. sikajüti 'tröpfelt". Die Fälle sind naturgemäß 
selten, da sie sehr frühzoitiir von der Anngleicluing hetrofien sind. 

2. Die Schwundstufen. 

130. M'cnn die beiden ersten Silben der Basis 
unbetont sind, so müssen sie beide geschwäclit werden, 
und zwar können wir linden 1. R -j- S, das ist die Form 
des absoluten Anlauts, 2. 8 -f S, wenn noch andere 
Silben vorangehen. Nehmen wir die Basis petä^ so ist 
RS 7;cA>, SS pt.). Dem entsprechend haben wir anzusetzen 
^rp, cZc?, c/''^ fW'3) cJ3, eU\i. Für die beiden letzten Gruppen 
treffen wir im Griech. sowie in allen andern Sprachen 7. ü. 
Man nahm bis jetzt gewöhnlich an, daß diese Kontraktion 
der Gruppe ep, r""' zti / und ü schon im Idg. eingetreten 
war, es ist mir aber das durchaus zweifelhaft. Aus cto^ 
cb, cffo. ,7«.9, fVd mußte im Griech. nach dem Lautge.setz. 
daß c vor ?-, /, m, n als a und ebenso idg. 9 als a er- 
scheint, zunächst apa, a\cx, a|ua, (tvct werden, Lautstufen, 
die tatsüchlich erhalten blieben, wenn sekundär der Ton 
auf die erste Silbe trat, vgl. ddvaioq : Ovntog, s. s> li;^. 
In normaler Entwicklung ergab sich aber, ebenso wie im 
Lateinischen und Keltischen, pä, Xä, )iä, vi. 

Beispiele: hom. Kpä-T6(; 'des Kopfes' aus ■•'KpäcraTog 
(J.Schmidt Ntr. 800) : ai. sir-safnh, (Kcipiivov 'Koi>f' aus 
*Kdpa-avov): V.^ Kepa-q 'Ilorn', lat. cerc-hrum; — fpri'^^ 
'alte Frau', ai. j}r-)t(nn 'Gebrechlichkeit, Alter, jüryäh 'alt': 
V.' gr. Ttpa-q 'Ehrengeschenk', eig. 'Geschenk für das 



Jj 130. 131.] l)aH in(l(»;?ürinani8cli(3 VokalHyatem. 127 

Alter'; — KXn-TÖ(S gerufen', ^Tri-K\r|-aiq 'Zuname', lat. dä-mor, 
cla-rns: W} KiXa-boq 'Lärm\ V.'' in lat. caläre; — iXiirog 
'duldend' (Aor. e-TtiXa-crcTa), lat. Id-fiis, ahd. gi-dul-f, lit. fiitas 
'Brücke': V^^ gr. TeX(x-)HüJV 'Tragriemen, Träger; — GKkr]- 
pog, dor. CTKXä-pöq 'trocken ': V.' in (JKtXe-TÖ(; 'ausgetrock- 
net, dürr, mager' ; — Kvn-juii 'Unterschenkel, Scliienl)ein', 
air. cnä'm 'Knochen': V.^ ahd. liam-ma aus '^'hanoma 'Hinter- 
schenkol, Kniekehle'; — gr. Yvn-criO(^ 'zum Geschlecht ge- 
hörig', lat. nä-tus, gall. gnä-tas in Eigennamen, got. -kun-Jj.^ 
'abstammend', ai. jä-fäh 'Sohn': V.^ Teve-CTiq 'Ursprung; 

— Kl-veiv 'bewegen': V.^^ \. cie-re 'rege machen, wecken; 

— ßt-veiu 'treibe Unzucht', ai. jl-tä/j 'überwältigt': ßiä 'Ge- 
walt'; — 1. Jn-sco: V." hiä-re] — öi-voq 'Wirbel': V.^^ Z^fj-Xog 
'heftige, leidenschaftliche Bewegung' aus '"'dje-los', — 'i-iea 
'Weide': V.^M. vie-re, vie-tum 'winden, flechten'; — Ku-)aa 
'Leibesfrucht' : id TTTrd-|uaTa, dor. Ttd-cracrdai aus ^kwä, vgl. 
Brugmann Totalität 62; — Kö-ödZ^uu 'schimpfe': got. 
Ivö-fa 'Drohung'; — Tü-Xr) 'Wulst': cruu-p6(; 'Haufen' aus 
tnv; — e-qpö 'er entstand': V.^^ ai. hhävi-tum 'sein'; — 
CTTU-crai 'steif machen', crxö-Xoq 'Säule, Pfeiler': V.^ ai. 
sthävi-rah 'fest, stark'. 

131. Die doppelte Schwundstufe SS findet sich 
normalerweise im Innern des Wortes, namentlich in 
reduplizierten Bildungen ; ebenso mußte sie aber in zweiten 
Gliedern von Zusammensetzungen auftreten. Aus diesen 
wurde sie isoliert, und sie kommt infolgedessen auch im 
absoluten Ablaut vor. Ihre Formen sind rg, b, md, nd, 
J9, wd. Die vier ersten ergeben gr. pa, Xa, |ua, va, die 
beiden letzten ja, wa, doch treten daneben, wie es scheint, 
auch i und u gleichberechtigt auf. 

Beispiele: Imp. Perf. le-iXa-ö^i 'dulde' : xeXaiLiujv 
'Träger', Aor. e-iaXa-acTa, Verb. rXii-Tog; — CTTpa-TÖ<s 'Lager, 
Heer' : Aor. e-cTTÖpe-aa 'habe ausgebreitet', Verb. crTpuu-T6(; 
'hingelegt', 1. strä-tus; — 1. PI. Prs. TTiuTrXajLiev 'wir füllen': 
V.-^^ 7Ti)Li-TTXr|-fii 'ich fülle', 1. ple-mis, Y} ai. pdri-man 'Fülle'; 

— Ktt-xXd-Ziuj 'klatsche, plätschern' : V^^ Perf. xe xXä-öa (Pin- 
dar) 'strotze', RS. yßXa-la 'Hagel'; — TroXO-iXä-g 'viel 



I 



128 Laut- iiiul Akzentlehre. [§ 131 — 133. 

duldeinr, Imp. Perf. le-iXa-t^i 'dulde' : RS. laXa-q 'duldend', 
V^^ tXi'vMuuv 'duldend, Perf. it iXivKa, V.^ TeXa-)Liujv 'Trag- 
riemen; — 1. PI. Perf. Tt-v>vä-)aev wir sind tot : RS. 
^dva-Toc,, OvivTÖc^, V.^^ Perf. Tt-\>vr|-Ka; — Aor. e-T|aafOV 'ich 
Fchnitt' : V.^^ tjuiVt^ 'schneide', Perf. Te-T^n-xa, V.^ Te|aa-xo<; 
abgeschnittenes Stück. 

Bei den Schwundstufen ja und wa ist zu beachten, 
daß teils im Griech., teils schon im Idg. ./ und fc nach 
Kün.sonanten geschwunden imd dadurch die Formen un- 
■deutlich geworden sind, aujq gesund' aus (Jdoq, vgl. 
Komp. (TauJTe()0<;, Grundform '■'■f>r((-iros : RS. 1. fü-tus sicher', 
V.^ got. fjiu/j 'das Gut ; — xü-gk^jj 'stehe offen, gähne' 
aus •■•'xJcx-(TKUj : RS. 1. hisco; KaTTVÖ<; m. 'Rauch, Dampf aus 
Ji\w)(ip, 1. i'd-por : V.^^ lit. kve-pti 'liauchen, RS. abg. kypcti 
'sieden, wallen; — cTu-ttiu 'packe' aus ''Utcnkjö, ahd. dua- 
hdii waschen', eig. 'pressen', RS. in ahd. r/rt//;a// 'drücken'; 
— (TTaiöq 'gestellt, stehend' ist sclieinbar regelrechte 
Schwundstufe zu sta in 'icrT)i,ui. Da wir aber RS. in aTuXo<; 
'Säule', Perf. Akt. ecriOKa 'steif emporetehen' finden, dürfte 
i's aus '■sticjiös entstanden sein. 

Die Ablautsstufe i, u neben •, ') und sonstigen Formen 
schwerer Basen findet sich im Griech. sehr häufig. Es 
ist aber nicht zu erkennen, welche Stellung sie im Ab- 
lautssystem einnelimen. 

B. Der Ablaut der leichten Basen. 

132. Die Verhältnisse liegen l)ei den leichten 
Rasen ganz ebenso wie bei den schweren, nur geht die 
zweite Silbe, wenn sie aus einem kurzen Vokal besteht, 
ganz verloren. Wir stellen die Beispiele voran, in denen 
das nicht der Fall ist. 

1. Die Vollstufen. 

i;i». rrform \^ -f S. 8 (oder R) + V." 

a)i'xei-B.: crcul tpi-(;, t'piboc; "Streit' ahd. rci-zen 

perei ireipcx aus '''''pcrj-a got. frni-sau 'versu- 
' Versuch chen' 



^ 133. 134.1 Das iiuloj^jernianiHche VokiilHystem. 129 

Urform V.» +S. 8 (odiT R) ^- V.» 

b)exeu-}i.:kon'U(l Kopu-Zla 'Sclinupfeir aisl. hrjo-ta 'schnar- 
chen' auH *hretit 
(loreii bopu 'Speer' got. friu 'Baum' 

f/oneu YÖvu 'Knie' got. knia 'Knie' 

seneu :ihd.s/////aus*.s*e/i/6-o vou^ aus ■snoivos 

'Sinn' 
c)exen-'B.:elembh tXaop-oc; 'Hirsch' got. lamh 'Lamm' 

dek'emf öeKa, 1. decem 'zehn' -Kovxa zehn' aus 

""'dkomt- 
elent- ^Xd-Tii 'Fichte, Rot- ahd. linda 'Linde' 
tanne' 
idi)ex€k-B.:areg dpT-upo<; 'Silber' ai. raj-atäm 'Silber' 
g^^'erebh ai. gdr-hhah 'Kind' ßpe-qpoq Embryo, 

Kind' 
teres 1. ter-reo 'schrecke' l-ipe-cre, Tpe-|uuj 

'zittere' 
wereg ep-yov 'Werk' pe-2^iu 'tue' 

onohh 6)Li-(paXö<; 'Nabel' ahd. na-halo 'Nabel' 
ojehli oi'-qpuu 'coeo' ai. jä-bhati 

eivek e\j-K\]koq 'ruhig' J-i-Kr]Ko<; 'ruhig'. 
mveg 1. augere d/eHa)'vermehre',got. 

tvahsjan 
eicegh^" eu-X0|uai 'gelobe' 1. voveo 
aiced au-ön'LautjSprache'ai. vä-dati 'spricht' 
ewer eu-pOq 'breit' ai. vdr-ijän 'breiter' 

bheiceg^' cpeu-^uJ 'fliehe' (pe-ßo|uai 'fliehe' aus 

*q)/eßo)Liai 
•e)exe-B.: pedo TTOÖ-a 'Fuß' Tteöo-v 'Erdboden' 

seghe <ix-^\v 'haben' crxe-iv Aor. 

bhere cpep-Tpov 'Trage' bi-cppo-q 'Wagensitz'. 

2. Die Schwundstufen. 

134. Sind beide Silben dieser Basen unbetont, so 

werden beide Vokale je nach den Betonungs Verhältnissen 

reduziert oder ausgestoßen. Zu '"''körend gehört ahd. liroz 

'Rotz', zu '■■'■goneu^y\}h 'mit gebogenem Knie', zu '''dekemt Kat 

Hirt Griech. Laut- u. Formeulehre. 2. Aufl. 9 



130 l.aut- und Ak/.entlehre. [§ 134. 135. 

aus '■'k))it in -kut-ioi, /u jjoIo -hd- in tirißbai Taj^e nach 
dem Feste . Da die Mehrzahl dieser Basen zu dem Typus 
exe gehört, so erscheinen in der Schwundstufe gewöhnlich 
i, w, r, /, m, ;/, Xirreiv : XtXoiTra, ibeiv zu oiba, cpuT^iv : Tie- 
qpeuy-a, Ziu^öv zu e^euHa. bpaKelv zu bebopKa. 

Auch hier sind ])rinzipiell zwei Formen zu unter- 
scheiden: R -f- S, die Form des absoluten Anlauts, und: 
S -j- S oder R, die Form des Inlauts. Letztere ist bisher 
noch wenig nachgewiesen. Ein sicheres Beispiel aber ist 
df-axe-Toq unauflialtsam' neben ^K-Tog was man haben, 
besitzen kann . Die l>form ist ''Sighetös, bei der im ab- 
soluten Anlaut (las zweite ^ schwand, sonst das erste. 
Ebenso e'Hi^ 'Haben, Besitzen' : dixöox^Giq 'Enthaltung, 
Enthaltsamkeit, daneben auch (Ixtcnq. Ebenso steht es 
mit df-CTTre-TO^ unaussprechlich : honi. tv-veir-e aus ■•evcTeTTe 
'sag an'; — d-TpeK-i'")<; 'unverhohlen' : 1. torqueo 'drehe. Es 
ist leider mangels isolierter Beispiele schwer über diesen 
Punkt ins klare zu kommen. Jedenfalls dürften manche 
Fälle, die ich oben als Y." aufgefaßt habe, besser als^ 
Schwundstufenbildungen zu betrachten sein. 

IV. Die Dehnstufe. 

a) Dehnung durcli SilV)en Verlust. 

Iti5. Die indischen (irammatiker lehrten, daß die 
langen Vokale auf einer Steigerung (Vriddhi) beruhen. 
Auf dieser Lehre baute noch Sclileicher sein ganzes 
Vokalsystem auf. Durch die Entdeckung von der 
Schwächung der Vokale geriet diese Auffassung indessen 
in Mißkredit, sie wurde aber durch die neuere Forschung 
in gewissem Umfang wieder bestätigt. Gesteigerte oder 
gedehnte Vokale sind zuerst von Bartholomae in sein 
Vokalsystem aufgenommen (BB. 17. 10')^ und dann von 
Streitberg (IF. 8, 305 ff.) in ihrer Entstehung aufgeklärt 
worden. 

Die Regel dafür lautet: Schwindet im Idg. hinter 
einem betonten \'okal in t)ffener Silbe eine Silbe 



4} 185. 136. J VüH iiiilo!j;(MiiuiiiiHche VokalHy.stoni. 131 

völlijjj, so tr i tt Dclmunt^ dieses Vokals ein. Dieses 
(icsetz hiingt ulso mit dem der Schwundstufe zeitlicli auf 
das (Mi<^sto zusammen. Ks ist dio Folge von jenem. Das 
Gesetz ist demnach gleiclifalls indogermanisch und läßt 
sich namentlich an gevvissc^n Kategorien klar zeigen. 
130. Es hndet Anwendung: 

1. Im Nominativ Sing, der oxytonierten kon.sonan- 
tischen Stämme. Es heißt dor. n(X)C, 'Fuß', lat. pes, q.\. päd, 
aber iVkk. Trööa, weil dies auf '"■'pödtn zurückgeht. Die 
uridg. Grundformen Avaren '''pedos und ''pödom. In ''•'p^dos 
schwand eine Silbe, in "^pedom nicht, daher steht dort die 
Dehnstufe. In ai. paddm 'Tritt', gr. rrebov ist das o noch 
erhalten. 

Ebenso verhalten sich ^np 'Tier': lat. /er?(S 'wild'; — 
ßXujip 'blickend' : ßXeiTUJ 'sehe'; — kXujii» 'Dieb' : kXott6<; 
'Dieb'; — Xiuip (Hesych) 'Hülle, Gewand' : XeTTuu 'schäle, 
Xe7T0(; n. 'Rinde'; — qpüup 'Dieb' : cpopöc, 'tragend'; — 
dpoxrip 'Pfiüger' : d'pOTpov 'Pflug' (tero und terö)] — N. 
TTttTrip 'Vater' : Akk. Traiepa; — ttoiiuiiv 'Hirt' : 7T0i|ueva ; 
— fiyeiLiujv 'Führer' : f]Ye|u6va ; — hom. ibfnbq 'Schweiß': 
Akk. ibpoa; — hom. XP^^ 'Haut' : Akk. XP0^5 — hom. 
ArjTUJ : Akk. AriTÖa. 

2. Im s-Aorist der leichten Basen : ''Hegesom wurde 
zu legsm, lat. lexi^ texi, rexi. Im Griechischen sind keine 
sichern Beispiele erhalten, doch könnte hom. Aor. e|uricraTO 
'ersann' ursprünglich zu )Li6Ö0)Liai 'denke' gehören, und das 
Präs. )uriöo|uai auf Neubildung beruhen. 

3. Einige Male in der Reduplikationssilbe : gr. öiiöe- 
XaTm, örjbeKTO, brjöiCTKOjuai 'begrüße' (örj- ist mit Wacker- 
nagel BB. 4, 269 für öei- zu schreiben), hom. vnveuu 
'häufe an'. Erklärung bei Hirt Ablaut § 834. 

4. In der 3. Plural Perf. und übertragen im ganzen 
Plural und auch im Singular: lat. sedinms, cepimus, got. gebun, 
nemun, vgl. Hirt IF, 17, 282 ff. Diesen Bildungen kommt 
eigentlich keine Reduplikation zu, weil diese schon in 
dem e steckt, sed aus se-sdj im Griechischen sind aber 
diese Bildungen ganz allgemein w^ieder mit Reduplikation 

9* 



132 Laut- und Akzentlehre. [§136.137. 

versehen worden, so Part. Perf. eb-nb-ujq: lat. ctU, got. ctun 
"sie aßen', öb-cuba Vieche : lat. ödi ^hasse' usw. 

5. In vereinzelten Fällen zweisilbiger Basen: gr. Kfip(b) 
'Herz\ arm. sirf, uridg. ""'kered, Z^ujvii 'Gürtel' : Zleöfoq 
'Jocli aus •■'•jewe, uj|aoq 'Schulter' ai. (isa/i,\. umcnis aus *ömsos. 
Interessant ist z\veisill)iges gr. ^ap 'Frühling' aus '"'wes-r 
mit Xormalstufe gegenüber einsilbigem lat. vcr aus idg. 
'^'•ive(s)r mit Dehnstufe. 

Anni. 1. Die Dehnstufe fehlt echeinhar in vielen Fällen, 
wo sie zu erwarten wäre. Man muß aber immer bedenken, dad 
in einem griech. e auch u\g. , stecken kann. 

Anm. 2. Ganz neuerdings richtet M. van ßlankenstein 
Untersuchungen zu den langen Vokalen in der e-Reihe, Göt- 
tingen 1911, einen heftigen Angriff gegen die Dehnstufe. So 
dankenswert seine Sammlung des Materials auch ist, so wenig 
kann ich anerkennen, daß dadurch in der geringsten Weise Streit- 
bergs Annahme erschüttert wird. Es wird keiner leugnen, daß 
es im Aljlaut noch sehr viele dunkle Punkte gibt, aber so wenig 
das Grundprinzip von Brugmanns Nasalis sonans durch die neuern 
Untersuchungen beseitigt ist, so wenig kann das mit der Dehn- 
stufe und meinem Ablautsystem geschehen. 

b) Dehnung durch Kontraktion. 

\l\7. Eine andere Art Dehnung ist durch indogerm. 
Kontraktion entstanden. Die Vokale e, o, a wurden viel- 
fach miteinander kontrahiert. Die so entstandenen Läni:^en 
waren wahrscheinlich zirkum flektiert. 

1. Augment -|- Vokalischer Stammauslaut. 
Gr. hom. i^a war : ai. dsam^ idg. '"'i'sqi 'ich war aus *e€sm, 
gr. ivfov 'führte' aus -vaqom (vgl. 1. €giy dessen C wohl 
lautgesetzlich war). Auf dieser Kontraktion beruht zum 
Teil das griechische temporale Augment. 

!2. In der Komposition. Schon idg. trat hier, 
namentlich wenn eine kurze Silbe folgte, Kontraktion 
ein, aus '-'fitroto-aqös wurde aiparnTo? Feldlierr'. Zahlreiche 
Beispiele bei M'ackernagel «Das Dehnungsgesetz der 
griechischen Komposita» S. 38 ff. Diese Erscheinung wirkte 
vor})ildli('h weiter, und es erhalten daher die Komposita, 
deren zweites Glied vokaliscli anlautete, gedehnten Vokal, 



8137.138.1 Diis indoj^ernianiRcho VokulsyHtem. 133 

aucli bei konsonantisch auslautendem ersten Glicdc dfuj 
'führe' : öxtT-iiY0<5 einen (Jraben ziehend', üpx-r|TtTii<; 
'Stjxnnmvater eines Geschlechts'; — uXi^ix) 'ich kümmere 
mich' : hom. bucr-iiXGYt]<; 'rücksichtslos ; — dve|iO(; Wind': 
hom. TTob-iivejuoq '.stürm füßip;'; — dvr|p 'Mann' : liom. 
dTaTr-)'iviu|) 'mannhaft', 'AT-nvuip; — epecrauj rudere : 
hom. bo\ix-i'lpeT)uo<^ 'iangrudcrig' ; — övo|aa 'Name : hom. 
öua-ujvujuo(; 'verhaßt', e7T-uJvu|uog 'benannt', dviiivu^oq 
'ohne Namen'; — övuH 'Klaue' : hom. yaiaip-ujvuxeq 'mit 
krummen Klauen'. 

Aus derartigen Kompositen sind allmählich wieder 
Simplicia entstanden, vgl. Wackernagel 37, so z.B. 
t'lve^oeK; 'hiftig' : dve^oq 'Wind', rnuaö^oeig 'sandig' : djua^0(; 
'Sand' u. a. In solchen Fällen liegt dann anorganische 
Dehnstufe vor. Auch ujXevri 'Ellenbogen' gegenüber 1. uhia, 
got. alei7}a dürfte so entstanden sein, vgl. \euK-ujXevo<; 
'weißarmig'. 

c) Rhythmische und Auslautsdehnung. 

138, Wackernagel hat in seinem «Dehnungs- 
gesetz» eine Auslautsdehnung zu begründen versucht, die 
er schon der idg. Zeit zuschreibt. Die Auslautsdehnung 
soll sich auch vor ableitenden Elementen zeigen, deren 
Selbständigkeit noch gefühlt wurde, z. B. in croqpuj-Tepog. 
Verf. scheint diese Annahme nicht hinreichend begründet, 
er steht vielmehr im wesentlichen auf dem Standpunkt, 
den de Saussure (Melanges Graux 737 — 748) einge- 
nommen hat. Danach gab es im Griechischen und wohl 
auch schon im Idg. eine scheinbare Dehnung, die von 
rhythmischen Prinzipien abhängig war. Man suchte die 
Aufeinanderfolge dreier Kürzen zu vermeiden. Allerdings 
ist de Saussures Ansicht, daß von drei Kürzen die eine 
beseitigt sei, nicht zu halten, es ist vielmehr nur soviel 
richtig, daß unter Doppelformen solche fortleben, die nicht 
die Aufeinanderfolge dreier Kürzen zeigten. Das sicherste 
Beispiel sind die Komparative und Superlative auf -repoq 
und -laioq. Hier haben nach bekannter Resel die Worte 



134 l.aiit- und Akzentlehre. f§ 138. 139. 

mit kurzer Stammsilbe uu statt o, CTocpiÜTepoq '\vt*iser\ 
aoqpLUTaToq. Das lu beruht aber jedenfalls niclit auf einer 
Dehnung, sondern ist ein Kasus, wie er auch in den 
Kom})arativen got. hlindö-za 'blinder' und aV)g. nove-ps- 
'neuer' vorliegt. Diese Kasusform wurde bei den Worten 
mit kurzer Stammsilbe verallgemeinert. 

Weitere Beispiele: lepuucTÜvn 'Würde eines Priesters' : 
öouXocTuvri Knechtschaft, ep. eiepiuOev, tiepiuOi, eitpLUCTe 
'von der andern Seite' usw. gegenüber a'Wodev von anders 
woher, dXXoOi. — Die rhythmische Folge ist auch her- 
gestellt in den Perfektformen: a'pnpa, |nt|ar|Xa. ööuuba, 
dXoiXa, ÖTTUJTTa. Es hätte hier ebensogut •■oboöa verall- 
gemeinert werden können. — Die Worte auf -fujv ilek- 
tieren -fovog, die auf i-luv -liuvo«;, es heißt boTiip, ÖOTiipoq, 
aber ötuiiup, ödiTopog. In der P^lexion wurde mehrfach 
nacli diesem Gesichtspunkt ausgeglichen. Diese Frage 
bedarf weiterer Untersuchung. — Ferner wählte man als 
Kompositionsvokal r) (ä) statt o: ßaXaviiqpöpoq Datteln 
tragend, Her. : ßaXavo^, {}ava.Tiiqpöpo<; 'Todbringer' : Odvaioq, 
KaXau»"iq)öpo(; Cinen Halm (KdXauoq) tragend, Kavi"|qf)6po<; 
'Korb tragend, Xaiairabncpopo^ 'L<'uchte tragend', (Jieqpa- 
vr|cpöpO(; 'Kranz tragend, eXacprjßöXo«; Hirsche schießend . 
Man kann es verfolgen, wie dieses i] um sicli greift. Vgl. 
Solmsen Unters. 22fr. 



V. Enklise. 
Ii5!>. Die durch die Akzentwirkung veränderten 
idg. Worte konnten aufs neue, namentlich in der Kom- 
position, in die Enklise treten. Hierdurch erlitten sie 
€ine ßetonungsminderung, die rnit weiterer Schwächung 
oder Veränderung der Vokale verbunden war. Es kommen 
liier zwei (lesetze in Betracht: 1. die schon reduzierten 
Vokale fallen aus, und 2. vollstuliges c wandelt sich in o, 
vgl. Bartholomae IF. 7. <')SfV., Wackernagel Ai. Gram. 1, 
92 fr., Verf. Ablaut >^ Tü'J fr. 



§ 140.] Das iiulo|j:onnanisihü VokiilnyKtcm. 135 

IIO. l. .) und die schwachen Vokale r, a. o fielen 
aus, violloicht aber nur soweit nicht unsprechhare Laut- 
j^vuppcn entstanden. Dieses Gesetz ist am deutlichsten 
im Indisclieu nacli/uweisen, doch zeigt auch das CJriechische 
genügend die Wirkungen dieses Gesetzes. 

a) schwindet in einsilbigen schweren l^asen, z. B. 
ai. (Uvä-tiah 'von den Göttern gegeben', -tta ist die Ver- 
kürzung von '•■'•(hto-, gr. öot6(;, 1. datm. 

b^ j fällt in den Verbindungen *'jj und ^icd {%, li) aus, 
und wir erhalten 7 und ?7. Vgl. eTTicTKVJviov 'Haut über 
dem Auge : crKUTO<; 'Schild', 1. scütiou; — 1. d iriifus : p'noc; 
'gezogen' — ößpi)U0(; 'stark' : ßpfduu 'laste'; — gr. eY^UTi 
'bis auf die Haut' : ahd. hat 'Plaut'. Ein kurzes i und 
n in einer schweren Basis ist demnach meistens aus der 
Komposition herzuleiten, z. ß. licic, 'Schätzung' neben 
Tl\AY\ 'Ehre' aus dTroxicriq; qpucnc; 'Natur' neben qpöxov 
'Gewächs' aus eKqpuaic;, ef.iqpu(Ji<;, ejuqpuio«^; ßioc; neben ai. 
jTvä/j 'lebendig' aus biipößiO(; 'lang lebend' usw. Wie zu 
erwarten, ist der Ablaut i : /, ü : 21 sehr häufige er beruht 
aber im Griechischen zum guten Teil auf analogischer 
Ausdehnung. 

c) Durch den Schwund des 9 erklärt sich das Neben- 
einanderstehen «einsilbiger» Basen neben schweren. Bei- 
spiele: gr. Tepfia 'Ende': zu ai. täri-] — criep-vo-v 'Brust': 
€crT6pe-cTa 'breitete aus'; — Kop-crri 'Schläfe' : xdprjvov 
'Kopf aus •■•'Kdpacr-vov, ai. swsd 'Kopf; — K6pv0(; 'irdene 
Opferschüssel' : Kepa-|uo<; 'Töpferton' ; — x^P"I^O[<» 'Kiesel' : 
Xepa-bo<; Kies' ; — aieu-Tai 'steht da' : ai. stJiävi-rah 'fest' ; 
€pu^-pö<; : ai. rudlii-räh 'rot'. 

d) c, a, sind namentlich in Kompositis geschwunden, 
vgl. gr. öi-cppo-c; 'Wagensitz': Iher, gr. cpopoq 'Träger'; — 
6)uö-TV-io^ 'blutsverwandt' : T^voq 'Geschlecht'; öevöpov 
^Baum' aus "^'dend^ric. Das -ii- in aiO-oip, ,ufiXoi|J, oivovj;, 
erklärt Wackernagel Dehnungsgesetz S. 52 als Schwund- 
stufe zu op-, — gr. eiri-ßö-ai 'Tag nach dem Feste' zu 
pcd; — dcTTpd-TT-TUJ 'blitze' neben dcTTep-OTT-rj 'Blitz' nach 
Job. Schmidt KZ. 32, 335. 



136 Laut- und Akzentlehre. [§141. 

Die Alttönung. 

141. 2. Das zweite Gesetz ist schon lange geahnt, 
aber erst von mir in das Al)lautssystem eingereiht worden. 
Die Vollstufonvokale e und e werden in der Enklise nicht 
gekürzt, sondern wandeln sich in o und 0, oflenbar weil 
sie in den Tiefton traten. Dieses Gesetz ist einzig im 
Griechischen zu erkennen, liier aber trotz des erhobenen 
\\'idersi)ru(-lis ganz deutlicli. In einer ganzen Reihe von 
Fällen stehen o, ö in der Komposition und in unl>e- 
tonter Silbe. 

Beispiele: TraTi'ip Vater : d-TrdTUjp aus •''d-TraTUjp, 
lurjTpo-TrdTUjp usw.; — dvi'ip Mann' : öucT-tiviup, pi-|t-iiva>p, 
qp\>iö"-rivujp ; — MHTiip 'Mutter' (steht für •••laiiTrip, ai. mätä^ 
ahd, muoiarr. djanTuup aus •■•a-)Lir|TU)p; — YtveTi'ip 'Erzeuger'; 
öio-YevtTuup ; — cppHV Sinn', aber d-cppuuv, baT-9puuv, eü- 
qppuuv: — lat. /x's: umbr. dupursus, gr. öiTTOuq zweifüßig" 
(daraus ist TToug isoliert); — gr. -Kovia hundert : idg. 
'■''kcmt; — leöi 'Getreideart : qpuailooq Getreide hervor- 
bringend ; — got. mcrs berühmt': gr. ^YX^cri)Liujpoq Speer- 
berühmt ; - — dor. TnV'n^OKa 'jemals' : ou-ttlu niemals'; — 
KeXeuOoq Pfad' : aKÖXouOoq 'Begleiter'; — 1. citoriis 
zu terra. 

In der Komposition ist auch das o des Tyinis -qpopoq 
entstanden. Es ist längst darauf hingewiesen worden, daß 
viele der Worte dieses Typus als Simplicia erst spät auf- 
treten, aber in der Komposition schon früh vorkommen. 
In diesem Punkt stimmen Griechisch und Slawiscii durch- 
aus überein. So gibt es kein ßopo<; bei Homer, wohl 
aber ein briiaoßopoq 'das \'olk verzehrend , kein Touoq, 
aber bpuTOinoq 'Holz fällend , kein 9opoq, aber ßouXiiqpöpoq, 
Rat bringend' u. v. a. 

Jn andern Fällen sind die r betont, die n aber un- 
betont: öoirip 'Geber' : ÖLUTuup, ßoTi'ip 'Hirt' : ßdjTuup (aber 
aucli ^TTißujTujp\ lx)k. TTti wo', auiei hier', TOuieT 'dort' 
usw., alter oikoi zu Haus«'' usw. Hier beruht das o 
wnhrsoheinlicli darauf, daß bei sekundärer Akzentver- 



§141.142.] Pas indogermaniBche N'okalfiVHtem. 137 

Schiebung dio iirs])rünglich betonte Silbe einen Nebentnn 
behielt. Reiches Material Ixi Collitz BB. 10,84. 

Anm. Auf dieser Bekundilren Ak/entvernchiebung beruht 
-walirschüinlich auch der Wei-hsel von e-o in einer Reihe von 
Endungen. So hieß es wohl im h\^. Gen. *p,(h's 'des Fußes', aber 
""(ffpcdös, gr. biTTO^oc; 'des Zwei fußes'; Lok. d. 2. Dekl. auf-e/, gr. t€i 
'dorf , aber oikoi 'zu Hause', Abi. auf -ed, 1. favillumed, aber -od 
bei zAirückgezogenem Akzent. Ebenso im Verbum d. 1. PI. *smri> 
'wir sind', gr. i(5\xi\, aber *dp-imbs 'wir gehen fort', 1. abimus 
3. PI. '^'senfi 'sie sind', gr. eiöi, aber *bh4rhnti 'sie tragen', gr. qp^povri > 
qp^pouöi, 1. ad-sunt. Vergleicht man die Fälle, so ergibt sich, daß 
vor allen möglichen Konsonanten e und o wechseln, nur nicht 
vor m. Es heißt stets Akk. Sg. -om, gr. Oeöv 'den Gott', Akk. PI. 
•ans, wohl aus -oms, gr. Oeövc; y OeoOe;, Gen. PI. stets -öm, deüjv 
'der Götter' (got. e in dagc dürfte auf einer Neubildung beruhen), 
1. Sg. Hik 6m 'ließ', gr. äXiirov; l.Pl. Hik^^'ömes, gr. ^XiTtoMev; Part. 
Prs.Med. *hhcroi>ienos, gr. qpepöiuevo^, so daß man auf die Vermutung 
kommt, (' sei vor (tautosyllabischem?) ni zu o geworden. Vgl. ferner 
noch ai. alidm, abg. azu 'ich', idg. ^eghöni; 1. cotn 'mit'; diixoc,, 1. uin- 
erus 'Schulter'; 1. umhlllcus, gr. ö|U(pa\6q 'Nabel'. Ich sehe natürlich, 
daß es entgegenstehende Beispiele gibt, aber so viel ich über- 
blicke, ist darunter keines, das man nicht durch Neubildung 
nach dem sonstigen Ablaut e : o erklären könnte. 

142. In andern Fällen ist das o noch nicht sicher 
erklärt. Es steht: 

a) in den femininen Verbalabstrakten wie öopd 'ab- 
gezogene Haut'. In diesem Fall stimmt das Germ, mit 
dem Griech. überein, während das Lat. den Typus nicht 
kennt, z. B. fuga = gr. qpuYH- 

Weitere Beispiele : ciYopd 'Versammlung' : dYeipuu 'versammle' ; 

— dXoiqpr) 'Fett' : dXeiqpuu 'salbe' ; — d|Lioißri 'Ersatz' : diueißuj 'wechsle'; 

— hom. ao\hr\ 'Gesang' : hom. deibuu, att. qbuj 'singe'; — dpu;pi 
'Hilfe' : dpriYUj 'helfe'; — ßoXr] 'Wurf : ßeXoc; n. 'Geschoß'; — Yovr) 
'Nachkommenschaft' : Y^^oq n. 'Geschlecht'; — ö|uqpri 'Stimme' : d. 
singen; — iTOjLnTri 'Geleit' : TreuTruj 'sende'; — TroTri 'Flug' : TueTO.uai 
'fliege' ; — ^or\ 'Fluß' : ^euu 'fließe' ; — OTrovbr) 'Trankopfer' : airev- 
bu) 'bringe ein Trankopfer'; — airoubri 'Eifer : aueübiu 'eile'; — 
aTOvaxn 'Seufzer' : aTevdxuu 'seufze'; — tg.uit 'Schnitt' : Tejuvuu 
'schneide'; — Tpo-nri 'Umwenden' : xpeTTüü 'wende'; — qpdoYTH 
'Stimme' : qpOeYYO^ai 'töne'; — qpovr) 'Mord' : Oeivuu 'töte'; — 9opßr) 
'Nahrung' : qpepßiu 'weide'; — xor] 'Trankopfer' : x^^^ 'gieße'; — ■ 
Xopbr) 'Darmseite', Wurzel unbekannt. 



138 J.ant- und Akzentlehre. [§142.143. 

bi im Singular des Ind. Port". Akt. inul analogisch 
auch im Plural, z. B. XeXoiira : XeiTTUu lasse'. Die Beispiele 
siehe § 468. Diese Erscheinung hat ihre Parallele im 
Gerra., vgl. hand :hiu(U\ ward : u'crdi\ (/ah.f/ebe; 

c) in Verben auf -eoj, die eine kausative oder itera- 
tive Bedeutung haben: ßpO|Lieuj (= ßpeiiuu^ summe'; öxeuj 
'tra;;e, erleide' : ex*^ habe ; oxtO)nai 'fahre' : 1. veho] tto- 
VfeOjuai arbeite' : Trevojuai 'arl)eite •, h. TpOTTtuu == iptTTuu 
'wende; (poßeuu 'setze in Furcht' : qptßouai 'fliehe'; q)Opeuj 
'trage' : cpepuu. Diese \'erben sind wahrscheinlich deno- 
minativ; 

d) in den Nomina auf -evc, : h. i]vioxet)<; Zügelhalter' : 
t'X^-u; h. vo)a6U(; 'Hirt' : vt,uuj weide ; h. TTouTreuq Begleiter': 
TTfcUTTUj sende'; h. TOKeuq 'Erzeuger' : liKTOJ 'erzeuge'; h. 
(poveuq 'Mr>rder' : Oeivo» 'töte'; h. qpopeu(; Träger' : qpepuu ; 
YOV€U(; Erzeuger' : YiTVOjuai werde'; 6ox€u^ 'der Auf- 
nelimende' : ötxouai; bpo,ueu(; 'r>äufer' : Aor. eb()auov lief'; 
0TTopeuq 'vSiler : CTTTeipuu säe ; CTTpoqpeuq Angelhaken, Wir- 
belknochen': aTpeqpuu wende'; qpdopeuq Verführer' : cpdeipuj 

verderbe'; x^^^^ 'Flüssigkeitsmaß' : x^uj gieße'. Diese 
Bildungen stehen zu den Nomina auf -o ^ 141 in engster 
Beziehung und zeigen daher ihren Vokalismus. 

I4*i. Außer der in i^ 141, 142 behandelten, reichlich 
belegten Abtönung e — o, c — ö nimmt man noch den 
Wechsel a — o, a — ö an, ja man ist so weit gegangen, 
auch für die Vollstufenvokale o, o eine Abtönung zu 
fordern. In diesem Fall ist sie nun sicher nicht nach- 
zuweisen. Aber auch die Abtönung a — o, ä — tritt 
zwar im Griechischen einige Male auf, sie ist aber so oft 
diu'ch speziell griechische Lautgesetze zu erklären, daß 
man zweifeln kann, ob diese Abtr>nung mit Keeht als 
indogermanisch ange.setzt wird. 

1. a:o. 6^}xoq 'Reihe, Linie, Furche auf dem Acker : 

w{(\j führe'. 

Weitere Beispiele: ÖKpK; '.Spitze' CKpiöeic; 'mit vielen Spitzen, 
ei'kig, scharf, raiih\ ('iKpictiu 'rauh. Boharf niacheir, ölvc, 'scharf' 
: äKpoq '.Spitze', 1. actus. Diese Worte wind aber vielleicht zu 



$j 143, 114.1 l):iH indogermaniscljo V^okalHyHtem. 13!) 

trennen: — aoq)ö(; 'woiHe'' : adcpa 'gowiß\ öafpn<; 'klar, ein- 
leuchtend', aoqpöq steht wiihiHclieinlicli für *aaq)öq nach § 160. 
JedennillH eiitlKilt aotqia, aacpqc; kein urMprünRliches <t ', — KÖa|ioq 
'Öchniii<'k. Ordnunjj;' : K€Kab|aevo(;, KeKaaj)>'voc; 'aus^ezeiclinet' Kda- 
TUjp 'Biber', eig. \ler Kiinstlcr'. Aber KÖapLoq läßt auch andre 
Krklaruniren zu, und das a von Kaa kann auf /j zurück^'ehen ; — 
ciYKLÜv 'lOUenbogen' : ofKoq ni. 'lUig, Kriiniinung, Widerhaken". 
Auch dio8 ist unsicher, öykoi; könnte zu lit. vdsas 'Haken' ge- 
hören, also ein w im Anlaut verloren haben; öpxauoq 'Herrscher" 
gehört sicher zu dpx^J^ inid zeigt einfach den äolischen Wandel 
von ap zu op. Sehr sicher sind alle diese Beispiele nicht und 
vor allem sind sie wenig zahlreich. Wo gr. o lat. a gegenübersteht, 
Xo^uj 1. lacCire, handelt es sich um eine besondere Entwicklung 
des Latein. Ich lehne daher den Lautwandel nach wie vor ab. 
Vgl. auch Hirt Ablaut 790. 

2. ä : lu. Hierher stellt man cpiuviT 'Stimme' : qpn^^ 
dor. qpä)ai 'spreche' ; — dyaiYn 'Führung' : 1. ambüges 'Um- 
gang'; — ßuJ|Li6(^ 'Gestell, Altar' : Aor. eßäv 'trat'; — 
'n:TUJx6(; 'Bettler' : tttiictctuu, dor. iTTdcrcruj 'ducke mich'; — 
dor. xe^uuYI^^voc; 'trunken': di'iYcu, dor. O^dyuu 'schärfe'. 
Auch diese Fälle sind nicht zahlreich, und es bleiben 
daher meine Bedenken bestehen. Vgl. Ablaut 791. 

Anm. 1. Sollten diese beiden Arten des Ablauts doch an- 
zuerkennen sein, so fehlt jede Erklärung. 

Anm. 2. Eine Abtönung e : ä ist sekundär entstanden, 
wenn die V^^ etwa re lautete, da dann RS «rd zu rä wurde, z. B. 
Tvriöioc; : 1. {g)nätus. 

Sonstige Veränderungen des Vokalismus im Idg. 

144. Eine wichtige Veränderung des idg. Vokalis- 
mus steht ganz isoliert. Idg. 9 ist vor folgendem (be- 
tonten?) Vokal geschwunden. Man erkennt das am besten 
im Indischen. Dort heißt die 1. Sg. krlmhni 'kaufe', 1. PI. 
knmnidh. Das t vertritt hier ein idg. o, vgl. 5d)u-vri-)u 'ich 
bändige', PL öd)u-va-juev. Die 3. PI. lautet indisch krJu- 
änti aus ""'krind-änti^ gr. "^öaiiiv-evTi. Wenn auch im Gr. 
bei diesem Verbum die Form nicht mehr vorliegt, so doch 
bei andern. Denn von dieser Form aus sind die na- 
Verben zu «o- Verben geworden, z. B. Td|uvaj 'schneide', 
eig. ■■=Tauvä|ui von der 3. PI. ••■Ta.uv(9)6vTi 'aus', vgl. § 430. 



140 Laut- und Akzentlehre. ;§ 144. 145. 

Der Schwund des o verrät f^ich ferner an der K in der 

ersten Silbe bei Betonung der zweiten Silbe. So heißt 

der Aor. Med. von ßdXXiu ßXr^vai mit S, der Aor. Akt. 

aber ßaXeiv aus idg. r/'V-'-^'i vgl. ßeXe|avov; Aor. laueiv 

'schneiden' aus "•Vcwu-^ : lejuaxog 'abgeschnittenes Stück; 

TToXucg vier aus ••^v^^/i.s : irXiidoq 'Fülle'; ßapuq 'schwer\ 

ai. (jurüh aus ■'■^'^r.y-M. Das j ist noch erhalten in lat. 

gra-vis. 

Anm. Ob ,-> auch vor./ Kt^^^clnvunden ist, wie Wacker- 
nage 1 Ai. (ir.. s^ 75 anniiiirut, \si mir sehr zweifelhaft. 



Zehntes Kapitel. 
Der griechische Ablaut. 

145. Die Wirkung der Betonung auf die idg. 
Vokale war nacli dem im vorigen Kapitel Ausgeführten 
außerordentlich tiefgehend und veränderte den Zusammen- 
liang der idg. Worte derart, daß der etymologisclie 
Zu.s^ammenhang für das Sprachgefühl notwendig verloren 
gehen mußte. Die Sprache reagiert daher dagegen mit 
Neul)ildungen. Sie schafft neue Typen. \'or allem geht 
der sog. «SchwcbeaV)]aut», der Ablaut mehrerer Silben, 
immer mehr verloren, und es bleibt im lebendigen Sprach- 
gefühl nur der Ablaut einer Silbe lebendig, der aber auch 
immer mehr ausgeglichen wird. Ein andres ist also der 
Rest des idg. Ablauts im Griechischen, ein andres der 
griechische Ablaut selbst, der im Sprachbewußtsein emp- 
funden wurde und daher auch analogisch weiter wirkte. 
Wir haben im Griechischen in der liauptsaclu' nur eine 
Abstufung von Länge inid Kürze, und eine Abtünung, 
bestehend in dem Wechsel von r mit <5. 

Ob eine Länge ursprünglich war, ob sie auf idg. 
Dehnung, auf speziell griechischer Dehnung oder auf 
sonstigen Trsachen beruhte, ist für das Sprachgefühl ganz 
gleich, <s stellt alle auf eine Linie. Die Länge gilt dabei 



*j 145. 146.] Der i^iiechische .\l)hiut. lU 

als die Vollstiifo, die Kür/o als dio SchwundHtufo. Alt- 
orerbt oder lautgesetzlich entstanden sind dabei vor allem 
die Ablaute ]] : e, Prs. Tiv>i-|)LU : OeT6<;, Mniiip : )ur|Tepa und ei : e, 
Tidei^ : Tix>tVToq, 7. : a, 'i(TTä)Lii : (TxaTÖq, Te\>vriKa : TtOvuuev, 
ßißac; : ßißuvToq, lu : o, öiöuu|ui : boioc;, ßüuq : ßooq und ou : o 
öiöouq : öiöovToq, und danach ttouc; : TToboq. 

Dagegen beruht der Ablaut l : i, ö : u, obgleich auch 
des öftern altererbt, vielf^ich auf Neubildung. Er ersetzt 
z. T. das Verhältnis ei : i, eu : u, teils auch andere Formen. 
So steht der Ablaut -vi) : vu bei den Verben auf vöjui z. B. 
1. Sg. öeiKVöui 'zeige' : 1. PI. beiKVUjLiev für neu : nu. 

146. Da der Ablaut des Griechischen eine der 
"wichtigsten Erscheinungen ist, so soll hier im folgenden 
ein reiches Material folgen. Ich gebe zunächst eine Über- 
sicht, wie sich die einzelnen Ablautsstufen im Nomen und 
Verbum auf die verschiedenen Bildungsstufen verteilen, 
und dann eine Sammlung der wichtigsten ablautenden 
Stämme. Die Anordnung ist die im Germanischen ein- 
geführte, die sich dort außerordentlich bewährt hat: 

1. Klasse: ei- Wurzeln, 

2. Klasse: eu-Wuvze\n, 

3. Klasse: Wurzeln mit e -\- r, l, m, n -{- KonsonsLut, 
oder vorausgehendem r, Z, m, n, 

4. Klasse: Wurzeln mit e -}- i\ l, m, n-j-Yoksü^ 

5. Klasse: Wurzeln mit e -|- Verschlußlaut oder s, 

6. Wurzeln mit andern kurzen Vokalen, 

7. Wurzeln mit langen Vokalen. 

Verteilung der Ablautsstufen im Nomen und Verbum. 
Es stehen: 

A. Normale Vollstufe: 
I. Im Präsens der thematischen Verben. 

1. hom. aeibo) 'sioge', dXeiqpcu ^salbe', djaeißuu Vechsle', hom. 
eiboiaai 'scheine', eiKuu 'weiche', epeibuu "^stütze', ^peiKuu 'reiße, zer- 
schrote'. ^peiTiuu 'werfe um', Xeißu) 'lasse fließen', XeiiTuu 'lasse', 
Xeixu) 'lecke', veicpei 'es schneit', ireiOiu 'überrede', axeißuj 'trete', 
•öTei'xiu 'schreite', qpeibojaai 'schone'; 



142 Laut- und Ak/.entlehre. [i^ 146. 

2. Y^Oiu 'lapse kosten', ^peÜTouai 'erbreche niich\ ^peüOu» 
'r()te, M erde rot\ €uxo(iai 'gelobe', €Üuj 'senge' (1. uro), Kfeüduu 'ver- 
berge', veinu 'winken hom. -rreOöoiaai 'erfalire', aeüo» ""setze in hef- 
tige Bewegung', öTieubiu 'eile, beeile", aipeufoiiai 'quäle mich\ 
TeOxiu 'bereite', q)eÜYUJ 'fliehe', ijJeObuu 'belüge'; mit zwischen vokalisch 
geschwundenen ir, O^uj 'laufe', kX^uj 'mache bekannt', v^iu 'pchwim- 
nie', TiXe'uj 'Hieße', ttv^lu 'hauche', x^uj 'gielie" ; 

3. du^XfUJ 'melke", ä\iipf{u 'pflücke ab', äiae'pbuj 'beraube', 
b^pKOMai 'sehe', honi. ^Xbouai 'verlange', tXKuu 'ziehe', eXTiOfiai 'hoffe', 
€pTT(ju 'schleiche, krieche', ili^Xttu) 'singe", Trt'pboMcu 'farze', irepOiw 
'zerstöre', atr^pxu» '«Irilnge', ar^pyuj 'liebe'. T^p-rriu 'ergötze', hom. 
T^paonai 'trockne', tXtfxiu 'überführe', M^iaqpoiaai 'tadle', ue'fi'TUi 
'sende", ^^ykiu 'schnarche", aneybiu 'gieße aus", qpötYToibiai 'tone" ; 

3a. ßXenuu 'sehe', ßpex^JU 'netze', bpeiru) 'ptiücke', ^ptqpu) 
'bedecke', X^y^ 'sage, sammle', X^ttuu 'schäle', öp^yiu 'recke', ttX^kuj 
'flechte', irp^iiei 'es ziemt sich", ^^ttlu 'neige mich", 0Tpt9(ju 'wende', 
Tp^TTUu 'wende', Tptqpuu 'ernähre', Tp^x^ 'laufe', xp^uu 'zittere', qpX^x^ 
'glänze' ; 

4. bepiu 'schinde', \>^po(iai 'wurme mich". aTtpojaai 'beraube', 
q)€puj 'trage', OAtu 'will', K^Xo|aai 'befehle', fj^ei 'es liegt mir am 
Herzen', ireXuj 'drehe mich, bin', ßp^mu 'schalle', t^vhjü 'bin voll', 
b^fiuj 'baue', v^uuu 'verteile', Tpefauu 'zittere', \xi\w 'bleil)e'. TTt'vojiai 
'mühe mich', öütvuj 'bin stark', artvoj 'seufze': 

5. hom. d^tiu 'vermehre', dX^Euu 'wehre ab', bexouai 'empfange', 
hom. ^biu 'esse', att. Fut. ^bo|Liai, Idu) 'bin gewohnt', ^vcttuu 'sage', 
fTTUu 'bin um etwas", t-rTO|iai 'folge', ^x*^ 'habe', l^uj aus *^^aui 
'gähre', vtcuai 'gehe, komme', ir^Toiaai 'fliege', OTiyiu 'bedecke', 
OT^cpuj 'umzini:le, bekränze'. v|jeYa> 'tadele"; 

6. a-Wurzeln sind sehr viel seltener: hom. aibo|Liai 'scheue 
mich', aiOuu 'zünde an": — auuu 'zünde an', aüuj 'trockne'; — upbu> 
'benetze', öipxtu 'beginne', OüXttiu 'wärme', övroiiai 'bege^^ne', Xduuiu 

'glänze'; — (ÜY'JJ 'ffihre', üxOoMtu 'ärgere mich', MdxOM"^ l-^ii"'!'^*' 5 
o- Wurzeln gibt es nur wenige: hom. ark. ß6Xo|nca 'will". ööo)Liai 
'kümmere mich', hom. opouai 'nehme wahr"; 

7. t- Wurzeln : dpi'iYUJ 'helfe', Xr)YUJ 'höre auf", lij'ibouai ersinne'. 
«-Wurzeln: iibuj 'ergötze', OriYiw 'wetze', Knbuj 'betrübe', poel. 

Xr)Ouj 'vergesse', a)]TX(u 'nmche faulen', rriKiu 'schmelze' (trs.). 

IL Im Sing. Prii.s. der einfachen athematischen und 
reduplizierten Verben. 

eljai 'ich gehe', e(fii 'ich bin" aus *^(JM>, fpr|ui ich sage'; Varrmi 
'stelle", TiOrjlii 'setze', Vrjui 'werfe', bibuiiiii 'gebe', bibniLU 'binde', 
TriuTrXriui 'fülle', triuTTpj-iui 'verbrenne'. 

ill. Im Futurum und sigmatiscben Aorist. Es sind 

nur die Fülle aufgeführt, in denen das Präsens abweicht. 



§ HC] Per ^'ricclÜHclie Ablaut. 143 

1. ^fciElu, fchtita : htiKvujLii 'zeij^c"'; lueiEiu, ^ueita : |a€iYvuMi 
'inisi'lie^; Teiau», ^xeiaa : rivu) 'hfUie'; 

2. €Xe6ao|Liar\ver(lekoinnien' : Aor.j'iXuOov, 1 'rs. ^pxo|aai ; LtüEo», 
^ZeuHa : ^€\JYvuf.ii 'verbinde'; ö€Üao|uoi 'Jiiufe' : d^uu; ^v€Uöa : v€uj 
'schwiniino'; irXeuaoiuai, ^irXeuaa ; ttX^uj 'schitle' ; iTveuaoiiai, 
?iTV€uaa : TTVfc'u) 'bauche'; TTeOao|iiai : iruvödvoLiai 'erfraj^o'; /leuoouai : 
f)^iu ""Hielte'; Teüto)Liai : tuyx«vuj 'treÜe'; q)€uto,uai, 9euEoO|iiai, Aor. 
^'qpuyov : qpeüyiu 'fliehe'; 

3. ireiaouai aus *'iTevöao,uai : Trdoxuu 'leide'; 

7. Xj'iEouai, Aor. ^Xaxov : XaYXttvuu 'erlan<j:e'; Xr,v|'0!Li«>, Aoi*. 
eXaßov : Xaußdvuj 'fasse'; X/iauu, Aor. ^XaOov : XrjOuj 'bin verborgen'. 

IV. In den neutralen r.v-Stämmen. 

1. hloq 'Furcht' aus *be(i)oc, elboc, 'Gestalt', veTKoq 'Zank, 
Streit', xeixot; 'INlauer; 

2. Y^eOKO(; 'Most', epeuOoc 'Röte', ZieÖYoq 'Joch', KXe(/")oq 
'Rubra', KeOOoc; 'verborgene Tiefe', reuxc«; 'Gerät', v|jeöbo(; 'Lüge' ; 
^eoc, 'Fhiß'; 

3. ^'XKoq 'Wunde', ^pKoq ""Einfriedigung', hom. Oepöoq 'Mut', 
Kepboq 'Gewinn', ßevdoq 'Tiefe', ^YXO^ 'Speer', evrea 'Gerät, Rüs- 
tung', TTevdo^ 'Leid' ; 

3a. ßpeqpo<; 'Kind', hom, Kpexoc; 'Kraft', X^xo<^ 'Bett', veqpoc; 
^ Wolke', ^edoq 'Glied', cpUfoc, 'Brand'; 

4. ßeXoc; 'Geschoß', y^vgc; 'Geschlecht', eXoc; 'Sumpf, epeßo«; 
'Finsternis', Oepoc; 'Sommer, Hitze, Ernte', ,udXo<; 'Glied', laevoc; 
'Kraft', ve|Lioq 'Weideplatz', GKeXo«; 'Schenkel', Te'Xoq 'Ende'; 

5. eboc 'Sitz', ^^oq 'Gewohnheit', eiroc 'Wort', exoc; 'Jahr'. 
Treoq 'penis', Teyoc, 'Dach', TeKoq 'Kind'; 

7. fiboc; 'Vergnügen, Freude', Kf|bo^ 'Sorge', Xfiöot; 'Ver- 
gessen', !Lif|KO(; 'Länge', |Lifixo<^ 'Hilfsmittel'. 

V. In den neutralen ?;<e/i-Stämmen. 

1. be\}JLa 'Furcht', x^^M^^ 'Winterwetter'; 

2. euYiLia 'Prahlerei', Trv6ü|ua 'Hauch', ^euiaa 'Fluß': h. x^^.^^". 
'Guß' ; 

3. ireTö.ua 'Tau' ans *'rT£v9a!Lia : binden ; 

3a. ßXeiu.ua 'Blick' : ßXeTToi 'sehe', qpXeY^ot 'Brand, Feuer; 

4. bepiLia 'Haut, Fell', fe'p|na 'Stütze', CTrepiiia 'Same' ; 

5. bea.ua 'Band', eT,ua 'Kleid' aus */eöua, exua 'Hemmnis,. 
Abwehr', OTe.ujLia 'Bekränzung' ; 

7. Xf||Li|aa 'Einnahme' : Xa.ußdviu 'nehme'; irfiYüa 'das Gerüst'. 

B. Die o-Stufe findet sich in den im § 141 f. an- 
gegebenen Fällen. 

C. Die Reduktionsstufe steht: 
I. In dem Aoristus secundus von schweren Basen. 



144 Laut- iiiul Ak/.entlehre. [§ 146. 

äpiabai 'gewinnen, dpeaOai 'nehmen", ßaXelv: ßdXXuj 'werfe', 
Oaveiv : dTToOvjiöKU) 'sterbe"*, Ka^ieiv : Kctuvcu 'ermüde', Kraveiv : kt€Ivuj 
'töte', Tirapeiv 'niesen', h<»m. Ta,u6iv:T^]LAvuj 'schneide', x^veiv : xdaKuu 
'jjähne' ; 

Mit o-\'okalismus, der hier einer II entspricht, dopeiv : Opui- 
öKUJ '8i)ringe'', uoXelv : ßXüjaKuu 'gehe', ÖXeoOai : öWufiai 'gehe zu- 
grunde', Üjp€TO : öpvuui 'errege', uopeiv : -a^TTpuuTai ist bestimmt", 
Topeiv 'durchdringen'. 

II. In vielen y-Präsentien, namentlich den von schweren 

Basen gehildeten. 

döTraipiu 'zucke', öKüipuu 'hüpfe'. xcipiJU 'f''eue mich'; äWoiaai 
'springe', ßaivuu 'gehe', bpaivui 'tue', Kpaivuj 'vollende', laaivouai 
'rase' usw. 

III. In den Nasalpräsentien auf -vu und -vä. 

äpvuiaai 'erwerbe', bduvriui 'bändige', Kd|uvuj 'mühe', ßdXXuj 
'werfe', judpvauai 'kämpfe', öpvuui 'errege', h. TTiTvriui 'breite aus', 
TTTdpvu|nai 'niese', h. öKibvi-iLU 'zerstreue' h. Td|Livuu 'schneide'. 

D. Die Schwundstufe steht: 
I. Im Aoristus sccundus von leichten Basen und 
dem gleichgebildeten, fast nur homerischen, reduiDlizierten 
Aorist. 

1. ibeiv 'erblicken' : eibouai ; ^piKciv . ^peiKUi: ^pmeiv : ^pei- 
TTUJ ; iKfcöOai 'kommen'; Xmeiv : Xcittuu; iriö^adai : ireiöu) ; arixeiv : 
öTcixuj; ireqpibfcödai : qpeibouai. 

2. r|Xudov 'kam' : Fut. ^XeOdoinai ; ^puyeiv : ^peÜTO|iai; Kuöeiv 
: KeOOuj; ä|iiTvue : irveuj; iTuO^adai : ueudouai; xeruKeiv : xeOxu) ; tux€iv 
'trellen'; qjuYeiv : q)6Ufeiv. 

3. bpttKeiv : btpKouai ; irapbeiv : ir^pboiaai ; Trpaöeiv : -rrtpduj : 
TapTT^ai>ai : Tf^pTTUJ ; xpaqpeiv : rp^qpeiv. Mit a — u, al)lautende8 
Präsens fehlt, uaöeiv 'leiden' : Fut. Treiaouai aus 'TTt'vdaouai. 

4. ^TeTfi€ 'traf an', ^ireqpve 'tötete'. 

5. ax€iv 'hal)en', ^air^adai 'folgen', ^anexe 'sagt an'. 
7. Xaxeiv, Xaßeiv, XaOeiv, s. A III 7. 

Wir linden auch einige PnäsentitMi mit Schwundstufe, 
z. B. hom. XiTOinai = Xiö"ao,uai 'liehe ; YXuqpiu 'höhle au.s' 
u. a. Man nennt sie gewöhnlich Aori.<tprä.^entia, weil man 
meint, es seien eigentlich Aoristformen, die zu Präsentien 
entwickelt seien. Doch ist diese Ansicht durchaus zweifel- 
haft. Die Schwundstufe kann ebensogut aus dem Plur. 
der ur8})rünglich athematischen Vorben stammen. 



§146.] Der «»itichisclu? Abhiut. 145 

II. Im Plural «los Ind. uiul den übrigen Formen de.^ 
Präs. sowie im iUural und den sonstijjjen Formen des Per- 
fekts. Hier ist aber im Aktiv meist ausgeglichen, während 
das Medium nicht selten die schwache Stammform 
bewahrt. 

1. 1. PI. Prs. i,u€v : el|ui '«jehe', 1. PI. l*erf. 'iö|uev : oTba 'weiß', 
b^bt|Li€v 'wir fürchten' : btboiKa, hom. 1. Hg. beibuu aus *b^bo(i)a, 
liom. ^TT^iTiO|Liev : ir^iroida 'vertraue', 3. Dual. ?iktov : ^oikq 'bin 
ahnlich'. 

2. 1. PI. Perf. ^X)'-|\ud|Li€v : 1. Sg. hom. ^XrjXouda 'bin ge- 
kommen'; 1. PI. Prs. der Verben auf -vi), beiKvuiuev 'wir zeigen': 
1. Sg. beiKvü.Lii für *b6{Kveuui: Perf. Med. ^ööuto : öeüoi 'setze in 
heftige Bewegung', ir^TTUöiaai : iTuvödvoiuai 'erkunde', Fut. ueuao|uai; 
Part. Perf. ireqpuYM^voq : 9eOYUJ ; TexuYia^vG«;, tgtuyI^cii : TeOxuu 'ver- 
fertige'. 

3. Hom. 2. PI. Perf TreiraöOe nach Aristarch : Tre-rrovOa 'leide'; 
3 a. ^öTpa.ujLiai : aTpeqpuj 'wende', xeöpamaai : Tpeqpuu 'nähre'. 

4. 1. PI. YeYa,uev : Y6Y0va 'werde'; |Lie|Lia|uev 'denke' : |Li^|aova ; 
Perf. Med. ireqpaTai : Aor. ^ireqpvov 'tötete', Prs. Ö€{vuu ; T^xafiai : 
xeivuü 'spanne': Part. Perf. bebapiaevoc; : bepuu 'schinde'; Perf. Med. 
eVuapxai : |ueipo|Liai 'erhalte Anteil' ; eaxaXjaai : ot^Wöj 'stelle' ; ^atrapTai 
: aireipiu 'säe' ; eqpOap.uai : qpOeipuu 'verderbe'. 

7. 60Ta|U€v : ean-jKa 'stehe'; TexXa.uev 'wir dulden' :T€TXriKa; 
Teöva]uev : TeO^vrjKa 'bin tot'. 

III. Im Aoristus Passivi. Im Aorist -i"iv erscheint 
häufig auch die Reduktionsstufe. 

a) Im Aorist auf -rjv. 

1. ^SaXiqpfivai? : dXeiqpoi 'salbe'; h. Xnrfivai : Xeiiruu 'lasse'; |ui- 
^f|vai : ineiYvuiLii 'mische'. 

2. ZüuYH'vcti : ZieÜYvuui 'verbinde'; f)ijfivai : ^euj 'fließe'. 

3a. KXairfjvai : nXeTiTuu 'stehle'; ^KXaTrf|vai : Xeiro» 'schäle'; öu|a- 
irXaKfjvai : irXeKUj 'flechte' ; axpaqpfivai : axpdqpuu 'wende' ; Tpaufjvai : 
TpeTTCü 'wende'. 

4. bapfivai : bepuu 'schinde'; !uavf)vai : luaivoiaai 'rase'; airapfivai 
.: a-rreipiu 'säe' ; 9-&apfivai : qpöeipo) 'verderbe'. 

5. X€Yrivai : Xefixj. 

7. TraYfivai : td^y^uiui 'mache fest' ; |)aTnvai : ^iVf^'-'Vii 'breche', 
T.uaYrjvai : TjLirjYuu 'schneide'. 

b) Im Aorist auf -^rjv, z. T. in Abhängigkeit vom 
Aorist auf -i-|v. 

1. dcpöidrjv : qp^ivuu 'vergehe'. 

2. ^au&r|v : aeuuü ; exüOriv : xeuj 'gieße' ; dTuxOrjv : xeuxui; 'ver- 
fertige'. 

Hirt Griech. Laut- u. Formenlehre. 2. Aufl. 10 



146 Laut- und Akzentlehre. [§ 146. 

3. ^TclpcpOi-iv : TepiTLU 'sättige'. 

3a. h, €Tpdq)Onv : Tp^TTUü 'wende'; dor. ^aTpdq)dr]v : azpicpuj . 

4. ^TciOnv : Teivui 'spanne'; ^KxdOriv : Kxeivu) 'töte'; ^axdXöriv : 
öT^XXiu 'stelle'. 

7. ^böh»-|v : bibuujai 'gebe'; ^T^dr|v : Tidr|,ui 'stelle'; ^arddriv : 
iaxriui 'stelle'; €iör)v : irnni 'werfe'. 

IV. In den Wurzelaoriston von schweren Basen. 

^bpäv 'er lief, €t\»iv 'ertrug', "rrXfiTO 'füllte sich', nXriTO 'niiherte 
sich', ^ßXriTO 'wiirile getroflun', d^vw 'erkannte', ^ttXuj 'fuhr', ^ßXiu 
'kam', ۧpuj 'a(i'. 

V. Bei vielen o-Stilmmen, namentlich den Bildungen 
auf -Toq. 

1. (tö<; 'gangbar' : euu 'gehe': TTiaTÖq 'treu' : ireiOuu. 

2. TTuaröq 'bekannt, berühmt' : TTeüOouai; TUKTÖq 'verfertigt, 
gemacht' : teOxuj ; \vt6c, 'gegossen" : x^^^ : KXuxöq 'berühmt' : kX^oc 
'Ruhm'. 

4. bpaxüc; 'abgehäutet' : bfc'puu; öTrapröq, -airpaTÖc; 'geeät' : öirci- 
piu ; TTd,u-q)0apTO(; : qpOeipeu 'verderbe.' 

ßaxö^ 'gangbar' : ßaiviu ; auröiaaToc; 'selbst denkend' zur 
W. laev-: raröq 'gespannt' : t6ivuj; q)aTÖc 'getrttet' : Oeiviu. 

5. ^KTÖ^ : ^x^ 'habe' ; ireTTTÖ^ 'gekocht" : irdaauu. Dies ist eigent- 
lich die K. 

7. axaröq : laxfiui 'stelle'; Oexöc; : xidr|ui 'setze'; ixöc, : i'r|ui 
'sende'; boxö<; : bibuuui 'gebe" usw. 

VI. Bei den Abstrakten auf -// (gr. -Ok;). 

1. TTiaxic; 'Vertrauen' : ireiOuj : xiaiq 'Rache' : xei-; qpöiaiq 
'Verderben" : 9v)ei-. 

2. ttüjxk; 'Fragen, Kunde' : Treü^oinai ; cpüEi<; 'Flucht : qptuYiu, 
Xvoxc, 'das Gießen' : x^^^'" 9»JöK 'Natur" : qpOiu. 

4. Kdpaiq 'Scheren' : Kei'puu ; ßdöK; 'Gang' : ßaiviu; ?Kxaaiq 'Aus- 
dehnung' : xeiviu 'spann«-'. 

.'). t'Etq 'Haltung" ; e'x*^' aber h. €TTi-ax€ai<; 'Enthaltung', üttö- 
öX^ök; 'Vers|)rechen'. 

7. axdaiq 'Stellen', O^öi^ 'Setzen', Eüv-€öi<; 'Vereinigung' : 
Vnm, höaxc, 'Gabe', 7rpöfpaöi<; 'Vorwand' : (pr]n\ 'sage'. 

VII. Bei den Adjektiven auf uq, auch hier 7^ T. 
mit R wechselnd. 

1. XiYÜ«; 'holltönend'. 

2. -fXuKÜq 'süß' : Y^tÜKO<; 'Süße'. 

3. ßpabüc; 'langsam', ßpaxO«; 'kurz' : got. ijamauvifjan, Opaaüc; 
*|cOhn' : Ofc'paoq 'Mut". Kpaxüq 'stark' : d. hart, xapqpOq 'dicht' : xp^9U> 
'mache gerinnen', irXaxüg 'breit' : d. Fehl; ßaduq 'tief : ß^vdoc 



§ 14G.J 



her «'liochiHcho Ablaut. 



147 



'Tiefo\ baöiK; Micht' aus *^aTÜ(; 1. (/ritsus, fruxüg Mick\ d. himye 
'Kii()llo\ AaxO<; 'lcicht\ 

4. papüc; 'schwer" ai. f/nrü/t. 

Ablautende Basen. 

Im Folgenden ist das Material nach den Stämmen 
geordnet. 

1. i-Wurzeln. 



Vollstufe 
clboq 11. 'Gestalt' 



d\€iqpuj "salbe' 



Schwundstufe Abtönung 

Pf. laiLiev 'wir wis- Pf. olba 'weiß' 

sen" 
Aor. Inf. ibeiv 'er- 
blicken' 



Pf. öXriXicpa 



äXoiqpri 'Salbe, 
Schweinefett' 



Xemuu 'lasse' 
Xei|a|aa n. 'Über- 
bleibsel' 



Aor. XnT€iv 
Pr. XiinTrdvuü 



Pf. XeXonra 
XoiiTÖq 'übrig' 



axeixuj 'gehe' 



Aor. axixtiv 
OTixo«; m. 'Reihe' 
anxcxouai 'sich in 

Reih u. Glied 

stellen' 



aToTxoq m. 'Reihe' 

öToix^uu 'in einer 
Reihe stehen' 



ireiduj 'überrede' 

F. Treiaiu 
Aor. lTT6i<ya 



Aor. TTGiTi^^aöai 'ge- Pf. ir^iToida 'ver 

horche' traue' 

TTiGTiq f. 'Treue' 
TTiaxöc; 'treu' 



Aor. ebeua kret. mbiKvuTi 

Fut. beiHuu zu bei- 

Kvu|ai 
beiYlucx n. 'das Vor- biKt] 'Recht' 

gezeigte' 



Aor. ebeiaa 'sich 

fürchten' 
b^oq n. (aus *dejos) 

'Furcht' 



PI. Pf. b^bl^€v 

hom. Aor. bie 
'fürchtete' 



Pf. bdboiKa 
hom. 1. Sg. beibuu 
aus *bdb/bi-a 



Xeißuu 'träufle, gieße' 



Xixv f. 'Quell, Trop- 
fen' 



Xcißr) f. 'Trankopfer' 



10* 



148 



Laut- iin<l Akzentlehre. 



i§ 146. 



Volletufe 

(ptOytiv 'riielieir 
Fut. qpeuEoüuai 
[Perf. TT^qpeuYaj 



Fut. ^X€uöo|iai *wer- 
de kommen' 



Fut. T£ÜEo|Liai Sverde 
trellen' 



•Seil wund stufe 

'2. //Wurzeln. 

Aor. cpuYeiv 
qpuYn 'Flucht' 
hom. (puEiq f. 'Flucht' 
honi. qpuca f. 'Flucht' 
TTpöcj-qpuE m. 'Flucht 

ling' 
Perf. TxeqpuYMtvoq 
Prs. (puYTÖvuu 

Aor. hom. f|\uOov 
Pf. PI. ^Xr)Xud|U€V 



A htönung 



Aor. Tuxeiv 
Pr8. TUYxoivcu 
Tuxn f- 'Cieschick' 



Pf. hom. dXr)XouOa 



Fut. TTeüao|iiai 'werde 

erfahren' 
hom. Pry. ireuöciaai 



dcibuj 'pinge' (aus 
*a/eObuu) 



kX€0(; n. 'Ruhm' (aus 

kU.FoO 
hom. KX^OLiai 'werde 

gerühmt' 
kXOOi, KXOxe 'liore, 

höret' (für ♦kXcöOi. 

*KXeOT€) 

kX€ivö<; 'herühmt' 
aus *KX€/eavö^ 

kX€itÖ(; 'l)ertthnit' 
aufi *KXe./-fT6(; 



^^UJ 'fließe' 
Fut. ^eüauj 
/)€Of.ia n. 'Flui. Khili'. 

später 'Krankheit, 

Rheuma' 
itio(i n. Fluß' 



Aor. TTuO^aOai 

Prs. iTuvOdvo|aai 
Pf. TTeTTuaiaai 
Verb. ävätruaTOc; 
TrOaxic; f. 'Fragen, 
Nachforschen' 



aubr) f. 'Stimme' doiböq m. 'Sänger' 



kXuuj *höre' 
KfcKXuxe 'höret' 
kXutö<; 'berühmt' 



Aor. ^uf^vai 
pOöiq f. 'Fließen' 

puTÖq 'flüssig' 
liießend' 



hom. p6o(;, att. ^oüc 
m. '.Strömen, Fluß' 
hom. ^oai 



§146.] 



Der «'riechisehe Ablaut. 



149 



V Ol 1 Ht lifo 

Fnt. x^'^'CJiu 
Aor. hom. (^xeva, ^x^a 
bom. xtö|na 'Auspe- 
poseenes, (in fr 



S cb wuiulst lifo 
Aor. €x»JTo 
Part. x^'"^'^vo(; 
Perl'. Kfcxi'K(( 
Ke'xuuui 
Aor. fcxüOr]v 
XÜöiq f. 'Gießen' 
XüXöq m. 'Saft' auH 

*XvaX6q, 
XüiLiög m. 'Safl' 



A l)t onun^ 
Xooq att. xoöq in. 

'S<butt. Ma(i' 
Xor) f. 'Guß' 



O^iu 'laufe' 
F. d€U(JO)Liai 
ßor)-deia 'Hilfe' 



Ooöq 'ecbneir 
Oodluj 'bewege 
schnell' 



o. Wurzeln mit Liquida oder Nasal -|- Konsonant 

b€pKO!Liai 'sehe' Aor. bpaKeiv Pf. bebopKa 

b^PY.ua n. 'Blick' bpcxKOiv m. 'Drache"" 



Tiepbo|aai 'farze' 



Aor. dire'TTapbGv 



Pf. TteTTopba 
iropbri 'Furz" 



TT^pOuj 'verwüste' 

Cpoet.) 
Aor. Inepoa 



Aor. irpaOeiv 



xpdqpu) 'ernähre' 
Fut. dpevpo/ 
Aor. edpevpa 



A. hom. Tpaq)eTv 
'stark werden' 

xpaqpepöq 'wohl- 
genährt 

Pf. P. TeöpauLiai 



TTToXi-TTopöoc; 'Städte- 
zerstörer' 
TTOpöeuu 'zerstöre" 

Pf. TGxpoqpa 
Tpoqpöc; m. f. 'Nährer 
Tpoqpri f. 'Ernäliren' 
hom. Tpöqpic; 'wohl- 
genährt' 



Tp^TTUu 'wende' 
Fut. Tpi\\nu 
Aor. eTpev|;a 



Aor. xpaireTv ep. 

xpa-nfivai 
Pf. P. T6Tpau,uai 
TpaTTeoj 'keltere' 
Pt. Pf. T6Tpa(pujq 



Pf. Texpoqpa 



Tpexu) 'laufe' 



dor. Prs. Tpdxuu 
Tpdxr]Xo^ iLi. 'Hals' 



Tpöxoq m. 'Kad' 



d^paoq n. 'Mut' 



dpaauq 'kühn' 
ö^apaeuu 'bin mutig' 



kActituu 'stehle' 
Fut. KX^ijiuj 
Aor. ^KXeijja 



Aor. KXairfivai 
Pf. Ke'KXauua\ 



Pf. KEKXoqpa 
k\w\\) m. 'Dieb" 
KXoTTri f. 'Diebstahr 
KXoTreiK^ m. 'Dieb" 



150 



Laut- und Akzentlehre. 



[§ 146. 



V O 1 1 8 t U f O 

?Xkuj 'ziehe' 



it^vOo? 'Leid' 
Fut. TT6iaonai (aus 

• TTevöao|iai) 

'werde erdulden' 



Schwundstufe 
XaKiZIiu 'zerreiße' 
XaKi<; f. 'Fetzen, 
Lappen' 

Aor. -rraöeiv 
Pr. TTotaxu; 
Pf. Pt. uerraOuia 
[rrdOo^ n. — ■it^vOo(;] 

Ißäöu? 'tief 



Ab tön ung 
öXköc; 'Zuj:' 



Pf. TT^TTOvOa 



TT^Iunruj 'schicke*^ 



Pf. TT^TTOiaqpa 

TXo\m6c, m . 'Begleiter, 

Führer' 
iroiunn'"! f. 'Sendung, 

Geleit' 
■noj-nreüuj 'geleite' 



4. Wurzeln mit cinfachcra /•, /. m, u. 



Y^voq n. 'Cteschlecht' 



Yiyvoiaai 'werde' 

Pf. PI. Y€Ydäai 

Pt. '(efadic, 

veo-Yvö<; 'neu- 
geboren' 

ö)aö-YviO(; 'voui sel- 
ben Geschlecht' 



Pf. Y^YO'^ci 

YÖvoc; m. 

Yov)i f. 

Y0V6U? 'Erzeuger' 



iT€qp€(ao|aai (KZ. 27, 
379) 'ich werde 
töten' 



Aor. ^neqpvov 
PI. Pf. TT^qpaicu 
Verb. q)aTÖ^ 



q)övo? m. 'MortP 

qpov/] f. 
90veü(; m. 



Kxeivuj 'töte' 

OT^viü 'ertöne, stöh- 
ne, seufze, brause' 



hom. KTÖMevai 



Pf. ^KTOVa 

KTÖvo? 'Mord' 

ÖTÖVOq 



5. Wurzeln auf Verschlußlaut oder s. 



^X^ 'habe' 



^iTouai 'folge' 

n^Toua» 'fliege' 

T^KO^ n. 'das Er- 
zeugte' 



Aor. öx€iv 
laxuj 'halte an' 

Aor. ^-aTTÖfinv 



Aor. dveTTTÖnnv 



t(kt£iv aas MTKeiv 

'gebären' 



Öxo<; m. 'Halter' 

t'p. önöujv 'Geleiter' 
noTdoiuiai 'fliege' 

Perf. T^TOKtt 

TÖKOc; m. 'Gebären' 
TOK€u<; m. 'Erzeuger' 



§ 146.1 



Der griecluHclio Ahlaut. 



ir,i 



VollBtiife 



Fut. ireaoöiaai 
Aor. ^Tieaov für 

*^n€TOV 



Schwundstufe 
fc'TTißbai 'Tage nach 
(lern Keate' eig. 
'auf dorn Fulie 
folcrend"' 



iTi-TTT-uu 'falle' 



Abtönung 
Ttouc; III. 'Fuß' 



TTÖTiuoq 'Geschick', 

Zufair 



X^Cuj 'scheiße' 



Tx^aovj "^koche' 



Pf. Ke'xoba 
\6bo(; m. 'Kot' 



irÖTTavov n. 'Gebäck' 



7. Wurzeln mit lansrem Vokal. 

Aor. ^ppr|Ea 'habe payrivai Pf. ^ppuuYö 

gebrochen' ^afdc, 'Riß' |)uuxMÖq "^Riß' 

pry^^xa ^Riß' 



öpHTu; 'helfe' 
dpriYOJv 'Helfer' 



Tiöriui 'stelle' 
Aor. eOiiKa 
Fut. Oriauü 

Vrijui 'werfe' 
Aor. fiKa 
Fut. r\ow 



PI. Tideiuev 



PI. i€|Liev 



äpuiYÖ«; 'Helfer 



Ouuuöc; 'Haufe' 



dor. Pf. euuKa 



Ablautsentgleisungen. 

Aus dem Vorhergehenden ergibt sich, daß viele Vokale 
verschiedene Stellungen in den Ablautsreihen einnehmen 
können. So ist z. B. ö ein Vollstuf envokal mit der Ab- 
stufung 9 (gr. o), ein Dehnstufenvokal zu o, und es kann 
schließlich auf öi oder öii zurückgehen, wobei dann die 
Abstufung 7 oder ü wäre. In solchen Fällen muß not- 
wendigerweise ein Schwanken im Sprachgefühl eintreten, 
und das Seltenere wird zu Gunsten des Häufigem be- 
seitigt. So liegt in der Basis 2^0 'trinken\ gr. Perf. TreTTuuKa 
eig. eine ö/-Basis vor, und der regelrechte Ablaut dazu 
war 7; daher mdi 'trink', TTiTTicTKa). Da wir aber sonst 



152 Laut- un.l Akzentlehre. [§146—148. 

(las Verliiiltnis ö : o linden, so wird dieses eingeführt, und 
es wird nun ein Partizipium iroToq gebildet, während es 
eigentlich ■'pl-tös heißen müßte. Dieses Problem ist aus- 
führlicli von H.Reichelt Der sekundäre Ablaut, KZ. 39,1 ff. 
untersucht und mit reichem Material belegt worden. 



Elftes Kapitel. 

Spontane Veränderungen der Vokale im 
Griechischen, bes. im Attischen. 

147. Das Griechische hat die aus dem Idg. er- 
erbten Vokale, deren Mannigfaltigkeit wir oben kennen 
gelernt haben, wieder 7A1 einer einfachen Reihe mit a, e, 
i, o, u, ä, T], l, o), ö sowie den entsprechenden kurzen und 
langen /- und ^/-Diphthongen umgestaltet. In den folgen- 
den Kapiteln sind die Veränderungen besprochen, die 
diese Vokale im Urgriechischen und w«'iter im Attischen 
erlitten haben. Die Erscheinungen in den übrigen Dialek- 
ten sind nur soweit herangezogen, als sie zur Aufhellung 
des Attischen von Bedeutung sind. Das Genauere bei 
Thumb Handb. d. gr. Dialekte. Von den Veränderungen 
sind zunächst nur solche behandelt, die die Vokale ganz 
allgemein, ohne Kinfluß benachbarter Laute treffen. Man 
nennt dies spontanen Lautwandel. Die Veränderungen^ 
die durch Xachl)arlaute bewirkt sind, der sog. kombina- 
torische Lautwandel ist später besprochen worden. Doch 
ist unter den einfachen Vokalen auf die betreffenden 
Stellen, wo der kombinatorische Lautwandel erörtert ist» 
verwiesen worden. 

A. Kürzung langer Vokale vor Nasal oder 
Liquida oder .; oder ir -j Konsonant. 

I4H. 1. Line Reihe unzweifelhafter Reispiele tun 
dar, daß langer Vokal vor Nasal oder Liquida -\- Kon- 
sonant im (Jrieehisehen verkürzt ist. Am deutlichsten ist 



<5 148.] Spontane Vcrilndornngen der \'okale. 1Ö3 

dir 3. ri. Anw lioin. t'aiav neben 1. PI. taTimev, 2. PI. 
tainie, entstanden aus ••ecTTävT, ebenso eßav neben eßr^ev» 
ecpavev neben tqpcxvniuev, ^yvov neben lfvuj)ieVj weiter 
Part. Präs. otevT- zu dniui 'wehe'; N. Sg. ^ei(; 'Monat' aus 
•■^•)U6v<; und weiter '-'ji^vq zu Gen. |ar|vö<;, Triepva 1'. 'Ferse', 
ai. 2)drs)iiJj 'Ferse' (got. fabzua). Dieses Gesetz ist all- 
gemein anerkannt. 

Anm. 1. Sekundär kam langer Vokal wieder in dieser 
Stellung auf und blieb dann erhalten, so in den augraentierten 
Formen wie hom. tupae 'erregte' zu 6pvu|Lii ; nXöov 'kam' zu Ipxo- 
|jai usw. 

2. Dieselbe Verkürzung gilt auch vor j oder w -\- Kon- 
sonant, also in den i- und w-Diphthongen. Beispiele ttoi- 
\x\\M 'Hirt' : ttijuu (aus ■••TTajju) n. 'Herde', Zeu<;, ai. cljCiuk 
gegenüber Akk.Zfiv,ßacriXeu(^ gegenüber Gen. hom. ßacriXfjoc;, 
ßoöq 'Rind'; ai. (jauh\ vavc, 'Schiff' : Gen. hom. vrjöq, 
1. nävis, Dat. PI. vaucTi. 

Anm. 2, Dieses Verkürzungsgesetz wird von J. Schmidt 
SB. d. pr. Ak. d. Wiss. 1899, 807 ff., KZ. 38, 2 ff. bestritten, m. E. 
ohne Grund. Formen wie OvriöKiu, jui^uvi^aKUj erklären sich aus 
zweisilbigem OvjYiökuu, die kontrahiert worden sind, nachdem das 
Gesetz schon vorüber war. Formen wie hom. Gutaxo usw. sind 
normal, in ujk€i ist neue Augmentiernng eingetreten. Ein Haupt- 
beweismittel bildet der Dat. Sg. der o- und «-Deklination, s. § 314, 4. 
Was Jacobsohn KZ. 43, 44 vorbringt, schlägt nicht durch. Wenn 
"fr|d€uu 'freue mich' nicht aus "Yöu/adeuü erklärt werden kann, so 
kann man urgr. Y^öeuu ansetzen. 

Chronologie. Dieses Verkürzungsgesetz ist 

1. jünger als der Übergang von s in h. Der lange Vokal 
bleibt daher in larjvö^ 'des Monats'^ äol. |Lir|vvö<; aus *ur]vaöq, vgl. 
l. niensis, (h\xoc, 'Schulter', 1. nmerus, aus *uJLiao(;, hom. fiuüc 'Morgen- 
röte' aus *(lusös, 1. auröra; 

2. vielleicht auch jünger als der Abfall der Dentale im abso- 
luten Auslaut. Bei Homer kommen nämlich vor 8. PI. einmal 
6)Ludvöriv neben sonstigem ^uiavöev, eqpOv neben ^.qpuv, i-^vww neben 
€YVOV. Auch inschriftlich sind diese Formen belegt. Früher sah 
man darin Analogiebildungen, d. h. Einführung des langen Vokals 
von der 1. u. 2. PI. aus. Solmsen BB. 17, 329 aber meint, die 
Verkürzung sei erst nach Abfall des Dentals eingetreten, so daß 
wir Doppelformen efviuv vor vokalischem Anlaut des folgenden 
Wortes, eyvov vor konsonantischem zu erwarten hätten. Wichtig 



154 Laut- und Akzentlehre. [§143-l"il. 

wäre dies Gesetz für die Erklilrung der Endung -uuv im Part. Prüs. 
Die Sache ist aber sehr zweifelhaft. 

B. Die einfachen Vokale. 

141). l'rgriecli. a bleibt an und für sich un- 
verändert. 

Veränderungen: 

1. a vor ^>-T.auten zu €, e. i? 177: 

2. a zu ä infolge Ausfull eines Nasals vor o, y. JJ 244, 2b; 

3. a zu ä, r] durcii Dehnung bei Schwund von a, s. § 236 f.; 

4. a zu ai durch ./ der folgenden Silbe, s. {^ 240 f.; 

5. a zu € nach i und u, 8. 4} 17f-^: 

6. a zu o vor o- und «-Lauten, s. vij 166, 2; 

7. a zu e vor e, s. § 166, 1. 

150. iTgriech. e Ideibt spontan unverändert. 

Veränderungen. 

L € : €1 (i) durch .\usfall eines Nasals vor a. xiOei'c; aus ti- 
ö^vc, s. 4? 244. 2b; 

2. e zu ei durch j der folgenden Silbe, s. § 240 f ; 

3. € zu €1 durch Krsatzdehnung bei Schwund von o, s. § 236 f.; 

4. € vor Vokalen im Att. zu ei, dialektisch i, s. § 181: 

5. e zu i vor einem folgenden Nanal, s. § 174, 2; 

6. e zu i vor einem i der folgenden Silbe, s. § 165, 4; 

7. e zu o vor einem o oder u der folgenden Silbe, s. {^ 165; 

8. € zu a vor einem a der folgenden Silbe, s. § 165, 3. 
Anm. 6 blieb oder wurde sehr fifTen im Elischon. Lokrischen 

(Schreibung a für € , wurde dagegen geschlossen im Bö( »tischen 
(Schrei bunir fei und I \ 

151. rrgriecb. o bleibt sintntan unverändert. 

Veränderungen. 

L o zu QU durch Ausfall eines Nasals vor a, bibou? 'geben«r 
aus *bib6vc;, s. 4} 244,2 b; 

2. o zu Ol durch j der folgenden Silbe, |.ioipa aus *n<^PJ". s- 
Ji 240 f. ; 

3. zu QU durch Ersatz lehnung bei Schwund von a. s. § 220 f. 

4. o zu a vor a der folgenden Silbe, h. i; 167. 

Anm. In den Dialekten war o z. T. geschlossen. Dies war 
überall <la der Eall. wo die Kontraktion von o -f- o ou ergab. 
Aulierdem zeigt es sich an dem l'bergang von o zu u (geschr. u 
oder QU , den wir im Pamphylischen. Kyi»risehen. .\rkad., in Epi- 
dauros un<l im Lesbischen finden. Wrl. auch die homerischen 
Jormen 4? 53. 1. 



§ 152. 15;>.l Spontane Veränderungen der N'okale. 1').") 

15üi. Urgriech. i bleibt spoiitfin unverändert. 
Veriinderunj^en. 

1. i durch Ausfall eines NasaJH vor a /u t, b. ij 244, 2 1): 

2. i durch./ der folgenden Silbe zu i, ö. § 240 f.; 

8. i durch Erwatzdehnung bei Schwund von a zu [, r. ij 236 f. 

15»{. Urgriech. ii. ä wird im lon.-Att. in allen 
Füllen mit Ausnahme der Stellung in Diphthongen zu 
ü (u), dessen Lautwert nicht genau zu bestimmen ist, 

s. S. 84. 

Die Chronologie ist sehr schwer zu bestimmen, weil die 
Schreibung unverändert geblieben ist. 

a) Als das attische Alphabet in Böotien aufgenommen wurde, 
konnten die Böotier u nicht für die Darstellung ihres unver- 
änderten n brauchen, sie schreiben daher ou für urgr. ii, TToup- 
pivoc;, ct)dou\\o(;. 

ß) In den ältesten attischen Inschriften wird vor u k und 
nicht q geschrieben: KuXujv, KuvöpTi-|<; neben qöpei, vgl. Meister- 
hans Gramm." 3. Das weist darauf hin, daß nicht mehr u ge- 
sprochen wurde. 

Y) Im asiatischen Ionisch war u schon im 5. Jahrh. ver- 
ändert. Das ergibt die AViedergabe von pers. Visfäspa, Vidarna 
durch ^Yördamic;, '^Ybdpvr](;. Solmsen KZ. 34, 557 nimmt an, daß 
der Lautwandel schon im 7. Jh. eingetreten sei, was möglich, 
aber nicht sicher ist. 

Anlautendes u wird att. zu u, vgl. üöuup n. 'Wasser', 
d. Wasser; uirep 'über, d. über\ vh^oc, m., übpa f. 'Wasser- 
ischlange' : d. Otter '■, uqpaivuu 'webe' : d. webe. Dieser Laut- 
wandel ist wohl so zu erklären, daß u wie teihveise im 
Inlaut, zunächst zu _/it (s. u. Anm. 2) wurde, und j alsdann 
in den ' überging. 

Anm. L Wir können den Wandel von n zu il mit Sicher- 
heit nur im Ionisch-Attischen belegen. Anderseits können wir 
Bewahrung des u nachweisen im Boot., Thessalischen und Les- 
bischen, für Pamphylisch, Kyprisch und für das Lakonische. Es 
ist zu erschließen: a) aus der Schreibung ou für ii. für Boot., La- 
konisch, Pamphylisch; b) aus der Schreibung o für u, für Boot., 
Kypr., Lesb. ; c) aus der Schreibung u für o, für Pamphyl., Kypr., 
Lesb. Im Zakonischen, der heutigen Fortsetzung des alten La- 
konischen, ist noch jetzt u erhalten. Zum Lesbischen w vgl. noch 
Solmsen KZ. 34, 557. Die Angabe der Grammatiker, daß die 
Lesbier i für u sprechen, iHJoq für \)w^oc, n. ^Höhe', läßt sich wohl 



156 Laut- nn<l Akzentlehre. [§ 153. 154. 

RO erklären, dal.> man in <;ewi88en Kreisen ü sprechen wollte unter 
Kintiuß des Attischen, es aber nicht konnte, und es daher dureh 
/ ersetzte. 

.\nm. 2. Im Böotischen wird nach v. X und Dentalen öfter 
lou 8tatt DU geschrieben: dvTiTiouvxdvovTec;. b»ouo= bOo 
'z\vei\ AiujvioOaioc, Belege bei Meister Gr. 1>. 1, 233. Dieselbe 
Krseheinung zei^'t sich, wie liatzidakis KZ. 34,81 fl". nachweist, 
noeh im heutigen Zakonischen. ist also für das J.,akoni8che voraus- 
zusetzen. Daraus kann man auf einen weitern Umfang der Er- 
scheinung schließen und annehmen, daß u überhaupt zu jtc ge- 
worden ist, daß sich aber das ./ nur nach dentalen Lauten hielt. 
Für den Anlaut kann man es aus der Aspirierung des u erschließen. 
8. o. Ferner setzt der Lautwandel von tu zu öu. r. § 205, 3, die- 
selbe Erscheinung voraus. 

Veränderungen. 

1. ij zu ') durch Krsatzdehnung bei Schwund von a, s. § 230: 

2. u zu durch ; Epenthese, e. § 240: 

:'». V zu durch Schwund von a, s. § 244,2b; 
4. die Lautfolge u — u war dem Griechen unbequem, sie 
wird daher auf verschiedene Weise dissimiliert, s. § 247. 

154. Urgriech. 7. wird 

1. im Jon.-Att. zu )] Ur). Die übrigen Dialekte be- 
wahren den alten Laut. J)a>-' ion.-att. ic lallt später ganz 
mit urgr. r zusammen. Da im Att. Oj nach p, i, e wieder 
zu ä wird (s. u. 2.), so läßt sieh der Lautwandel aus dem 
Attischen selbst erkennen. Er zeigt sich in der Spaltung 
der 1. Dekl. in eine ä- und eine ri-Deklination (croqpia 
'\\>is]ieit', x^P" DjukT gegenüber Artikel i]; es heißt Prs. 
TiiLiduj ehre", Fut. aber ti)hii(Tuj gei^enüber iicoixai heile'). 

A n m. 1. Welche Worte urgr. ü hatten, läßt sich in zahlreichen 
Füllen durch die Belege in den übrigen Dialekten und «lie Ver- 
gleichung der verwandten Sprachen bestimmen. Im Lat. ent- 
spricht (i, im Got. ö, im Ahd. uo, jetzt u. Es folgt hier eine 
Liste von Worten mit urgr. ä. Die Belege sin(i in Herwerdens 
Lexikon und in den Indices von Collitz-Beehtel leicht zu linden. 
— Da man in (iriechenland wußte, daß dem att. r| in den Mund- 
arten vielfach ein ü entsprach, so finden wir auch inschriftlich 
zuweilen ein ä, wo urgr. r] tugrunde lag. Man nennt dies Hyper- 
dorismus, -ftolismus. Vereinzelte Fülle von ä in spilten Inschriften 
sinil demnach mit Vorsicht zu bewerten. Ausgeschlossen sind 
aus der folgenden List« die Worte, wo im Att. ä nach p, i, € steht, 
weil hier urgr. ü sicher ist. 



tj 151.] Spontane Verilndernngcn der N'okalo. lo? 

"*A^r|vaioi, Atyivfixai, d\i-|i>»'-|(; 'wahr', dAXi'iXuJv 'einan<lei\ ä^qn- 
aßriTtiu 'Blreite, 'AaKXriniöc;. vgl. 1. Acsculäpius; — Stamm ßn- 
'gehen', Aor. ^ß»iv usw., ßfioaa 'WaldHchliioht'; - yh 'Kr<lc\ yh 
pOo) 'lasut! ertönen '; — bi'iiot; 'feindlich\ Ari^oc;, Arimixtip auH Aä- 
Mrtxrip, ^niaoc; 'Volk', br|pöv 'lange', b^rj- 'händigen', öuvriaexai 'wird 
können', büt7T»ivo<; 'unj:lüoklich'; fipriv)-), dor. ipävä 'Friede', 

€Kr|Xo(; 'ruhig', nur bei Pindar tKäXoc, e'KiiTi 'nach Willen', "EXXrjvec;, 
hom. ^unßoXoc; 'teilliaftig', dttriKooc; 'hörend auf, ^iriTrjbeioc; 'ge- 
Hchickt', 6uriv€|ao(; 'mit gutem Wind': — lr\\o<; 'Eifer', ^i^'" 'Strafe', 
Z)]\i Dat. von Zeug, bis jetzt unerklärt; da das Wort Fonst e hat, 
vielleicht Hyi)erdori8muy; Z^rjTfc'uj 'suche'; — y] 'die', fiY6o,uai 'führe', 
ilboiLiai 'freue mich', r^buc; 'süß', 1. suän's, fiiiOv 'Meeresufer', Y]\a- 
Kctxri 'Spinnrocken', 'HXeKxpa, riXeöq 'verwirrt, betört', fiXiaarai 
'Richter in der Heliäa', i]XißaTO(; 'jäh ansteigend', r^XiKia 'Lebens- 
alter', r\k\o(; 'Sonne', "HXic;, f\\oc, 'Nagel', riiueiq 'wir', fiiuepa 'Tag', 
fivfa 'Zügel', f^viKtt 'wann', fiireipoc; 'Festland', d. Ufer, f^Tnjuj 'rufe', 
"HcpaiöToc;, rixoq 'Lärm': — Oeä 'Anblick' aus *dd^a, rhod. Oä£0|Liai 
=^ att. dectoiaai 'schaue', Ov?-|tö<; 'sterblich'; — iXr]|ui 'versöhne', 
löxriiLii 'stelle'; — KeqpaXXfjvec;, K^ibeaxi'ic; 'Verwandter', Kribonai 
'sorge', KfiTToc; 'Garten', d. Hufe, KripuE 'Herold', KXeiq aus '"KXriiq 
^Schlüssel', J. cläris, KXfipoq 'Los', KvrjKÖi; 'gelb', Kvriuri 'Unter- 
schenkel', Kvr||u(<; 'Beinschiene', Kprjvri 'Quelle', Kupi^vri; — Xeujq 
'Volk', Koin6 Xäöq, \Y\dY\ 'Vergessen', Xri'ic; 'Beute', Xriöxi'ip 'Räuber', 
Af||uvo^, Ar|xiJb, Xrivpoiuar? 'werde nehmen'; — Mi^dufiiva, jnfiKoq 
'Länge', inriKuuv 'Mohn', MriXioi, lufiXov 'Apfel', luriv 'fürwahr', kir|vi(; 
'Zorn', lirjxrip, dor. Mäxr)p, I. mäter, d. Mutter, \xr\xavr\ 'Hilfsmittel, 
List', Stamm lavri- in |uvri|nu}v 'eingedenk' usw.; — vaiJKXripo<; = 
vauKpäpoc; 'Schiffspatron', vaöq 'Schiff', ion. vriOq, 1. nävis, att. veuuc; 
'Tempel', sonst väöc,, vfiaoq 'Insel'; — övivriiui 'nütze', Fut. övrjaiu: 
— TrriY"vu^i 'mache fest', d. fügen, TiriKxii; 'Art Harfe', Trfixuq 'Unter- 
arm', d. Img, irXriv 'außer', TTpouriOeuq, Trxrjvöc; 'geflügelt', Tixriaauu 
'setze in Schrecken'; — arjKÖc; 'Pferch', arjua 'Zeichen', ariTTuu 
'mache faul', oriad,ur| 'die Pflanze Sesam', afjxec; 'in diesem Jahr', 
oibripo^ 'Eisen', (JKrjvri 'Zelt', aKfjTTxpov 'Stab', axrj- 'stehen', oxpa- 
xriYÖc; 'Feldherr, axriX)"i 'Säule', d. Stuhl, aqpriH 'Wespe'; — xrjKUJ 
'mache schmelzen', xrixclo) 'beraube', xXrj- 'ertragen', x.uriY^ 
'schneide', x|nf|ua 'Schnitt', Tpolrivioi, Tupprivioi; — qpnT<^<^ 'Eiche', 
1. fägus, d. Buche, qprmi 'sage', qpOi^ao|aai, IqpOrjv 'kam zuvor, \]^r\- 
<piö|ia 'Beschluß'. Außerdem in den Suffixen -r\ (d. L Dekl.), -i-jk-, 
-r|vo, -xrix-, -v\y in bd|Livr||ui 'bändige', in der End. d. 1. Sg. Imp. 
Med. -juriv, End. d. 3. Dual. -xriv. 

Chronologie. Dieses aus ä entstandene r\ war naturgemäß 
offen (m) und blieb eine Zeitlang von dem urgriech. e getrennt. 
<K und e werden auf den Inschriften von Keos, Naxos, Amorgos 
und Delos durch H und E dargestellt. Kretschmer nimmt KZ. 



158 J.aut- mul Akzentlehre. [§154.155. 

31, 385 ir. an, dali der Lautwandel erst nach der Trennung des 
Ionischen vom Attischen einp;etreten sei. wofür er sich auf einige 
Uehnworte beruft. Die Anfänge dieses Lautwandels pind aber 
jedenfalls den beiden Dialektgruppen gemeinsam, und es ist dieser 
Wandel durchaus als ein Kennzeichen des Ionisch-Attischen an- 
zusehen. 

Die relative Chronologie läßt sich dahin bestimmen, daß 
der Lautwandel jünger ist als der Übergang von .v in h, aber älter 
als der Schwund des Nasals vor a, s. § 244, 2b, denn das durch 
Schwund des •'»• entstandene lange fi, z. B. dor. Ajn^c 'wir' aus 
*6.a]i€c, macht den Lautwandel mit, aber nicht das ü von irüaa 
aus Tidvaa 

2. Das ion.-att. w (,ion. rj) wird im Att. nach p, i, e 
und durch Dissimilation wieder zu ä, s. § 173, 179, 180. 

Anm. 2. Die .\nnahme, daß in den Fällen wie oofpiä, v€a 
urgriech. ä erhalten sei, ist, wie viele Annahmen, nicht streng zu 
widerlegen. Da aber auch im Inselionisclien echtes rj und das 
aus ä entstandene a- nocli geschieden waren, eo ist die .\nnahme 
der Kückverwan<llung durchaus möglich. Sie wird aber (hidurch 
wahrscheiniicli, daß im Attischen tatsächlich ein Wandel von d- 
zu ä stattgefunden hat, wie sich aus Formen wie Akk. üyiä zu 
ü'fin^ ergibt. Diese Form geht auf Oyi^a zurück, was zu *\j'f\f\ 
führen mußte und weiter zu \)f\ä wird. Vgl. bes. Kretechmer 
KZ. 31, 2Sbi\'., Hrngmann IF. 9. 154. 

Anm. 3. Der Übergang von ä zu i"i ist in den angegebenen 
Grenzen so gut wie ausnahmslos. l\inige scheinbare Ausnahmen 
wie \äö(; erklären sicli leicht. Die echt attische Form ist Xeiü«;. 
und Xüöc, stammt aus einem andern Dialekt, ü. im Attischen 
unter andern als den angegebenen Bedingungen ist sekundären 
rrs|)rung8, nachdem der Übergang von a zu r\ vorüber war. So 
entsteht ä durch F^rsatzdehnung infolge Schwund eines Nasals 
vor V, TTctaa aus *Travöa, 3. IM. biboäai aus biböavai. In andern 
Fällen beruht es auf anahjgischer Übertragung, wie in ^K^pbüva. 

3. l'ber den Übergang von a:d und € vor Vokal, b. § 185 L 

155, 1. l'rgriech. r| blieb im Attischen zunächst 
wohl unverändert. Mit der Zeit fiel das aus urgriech. ä 
entstandene ce mit ihm zusammcMi, s. § 15 L Später wird 
es immer geschlossener, aber erst in den Jahren 150 bis 
250 n. Chr. wird es zu i, vgl. die Schreibung AuKOfaibriq 
für AuKOur|ör|q und umgekehrt Xapnaioq für Xapiaioq. 
S. Meisterhans Gramm, d. att. Inschr. S. 19. 

Anm. 1. In den übrigen Dialekten zeigt r] zwei .\rten der 
Entwicklung. Ks nähert sich entweder dem ä, so im Klischen, 



§ 155— 158.J Spontane V'erilnderunjren der Vokale. 159 

wo verechiedentlifh a liir )] j^eschrieben wird, und wolil auch im 
Lesbischen, oder es wird /.u geHchloseenem e, geschrieben ei, im 
Boot., TheRs., PamphyhHchcn. 

Anm. 2. Urgr. n He^t in folgenden Worten vor: ZunUchst 
wo 11 nach p steht, z. li. dpi'iYUJ 'helfe", Opi^voq 'Wehklagen', aber 
Opdvoc; 'I^ank, iSchemef. Kp)-|TTic 'Schulf, Kp/]T)-i. Tr{|LiTTpr]pi 'brenne', 
pr)Yvu|La 'brechen', ^)y 'reden' in ^riTuup uaw., XP'!^*^"^" 'Schilt/e'^ 
ausgenommen eiprjvr), Kpr\VY] usw., s. § 170; weiter in folgenden 
Fällen: arj^iuv 'Nachtigall', är\yi\ 'wehe', dtaKrjd^t; 'wohlbehalten'; 
-- ßX^v 'werfen'. ßXrjp 'Köder', ß\rixpö<; 'schwach'; — T^lpac; 'Alter' 
Pripiiuv, Yv^öioc; 'echt': — bY\- 'binden', brjX^oiuai 'töte', biXr||Liviov 
'Poppelbinde'; — ^ireibr). Dat. Zr^vi, Zr)vujv; — y] 'oder, i^ 'wahr- 
lich', Tiß)"| 'Jugend', fibri 'schon', fjKUU 'komme', )mi-, 1. ^ct)ii 'halb', 
Y\v 'war', "Hpä, »ipuuq 'Held', fiöi 'redet', riaacv 'geringer' ; — Qy\- 
ßai, dfiXuq 'weiblich', O^p 'Tier'; — iri|ui 'werfe'; — KaaiYvrjxoq 
'Bruder', Kripöq 'Wachs', Kfixo^ 'Ungeheuer', KXr|- 'rufen', KTTjua 
'Besitz'; — Xy]-^\jj 'höre auf, Ar]ba ; — |Lir) 'nicht', ,ar]boMai 'ersinne'. 
lafjXov 'Schaf, lariv 'Monat', ]. mensis, ]LiriGTUüp 'Katgeber'; — v]-|- 
'nähen', NriXeuq; — Ttfiiua 'Übel', uXri- 'füllen', TTXri'idbec; ; — TfjXe 
'fern', T^vioi, Tfioc, xripeuj 'nehme wahr'. Außerdem die Suffixe 
-Y]- des Konjunktivs, -xrip, -rjq der dritten Dekl., -ri der Verben 
auf -euj. 

2, 1"! wird zu e durch quantitative Metathese usw. 

s. § 185 f. 

156. Urgriech. uj bleibt im Att. zunächst un- 
verändert. Schon seit dem 3. Jahrh. v. Chr. wdrd es 
vereinzelt mit o verwechselt, aber erst seit 100 v. Chr. 
häufiger. 

Anm. Thess. wird uj zu ou, womit aber geschlossenes ö 
gemeint ist, vgl. den Wandel von r\ : ei. 

C. Die urgriechischen Diphthonge. 

157. Zu den aus dem Idg. ererbten Diphthongen 
treten im Griech. neue infolge des Schwundes von s, J, ?r 
zwischen Vokalen. Diese fallen im allgemeinen mit den 
alten I^auten zusammen. 

158. Urgriech. ei. 

1. ei wurde im Ion.- Att. zu e. Die Schreibung bleibt. 
Also ei|LU ^ich gehe', idg. '^einii, zu sprechen emi, vgl. noch 
§81. Wir erschließen diesen Lautwandel daraus, daß 
wir ei auch zur Bezeichnung eines gedehnten t finden, 



160 Laut- und Akzentlehre. [§ 168. 159. 

7. IJ. cpiXeiie 'ihr liebt aus qpiXeeie, eiui ich bin' aus ia^i. 
Man nennt dieses €i das unechte. 

Aum. 1. Echtes eilie^t nach Ausweis der attischen Inschriften 
vor in ä\eiq)uj 'salbe', djieivuuv 'beswer', y^ituuv 'Nachbar', beiKvuni 
'zeige', beivöc; 'furchtbar', Aieixp^qprj«;, emov 'sagte', ^ireib/i 'nach- 
dem', -KXeia, ^laeiEa '"mischte", v6iK0(; 'Streit'. ÖXeilujv 'geringer', 
TTe(diu 'überrede', TToTeibaia, exeiaa 'rächte', xeixoc; 'Mauer, qpei- 
bouai 'schone', <l>\eidaioc, in Ableitungssilben wie -rrpuTavela, Fle- 
xionen wie TTOiei. 

Chronologie. 

a) Die Schreibung des unechten ei mit €i begegnet seit dem 
6. Jahrhundert, dringt aber erst später allgemein durch. 

ß) Zur Beginn der Vokalkontraktionen bestand noch €i, daher 
wird öeibuu zu abuu 'siege', *viKd€i(; zu vikck; 'du siegst', aber es 
lieißt qpävöq 'hell' aus 9a6ivöc; und weiter aus *qpou/€avö<;, Inf. 
viKÖv 'siegen' ■= *viKdeiv aus *viKde€v. 

Anm. 2. Di^n Weg ei zu c gehen früher oder später alle 
Dialekte. Im Korintii. steht € für €i schon im 6. Jahrb., vgl. di«' 
Schreibung A/Eviac. Im Boot, wird im 5. Jahrb. schon i für ei 
geschrieben. 

2. Das neu entstandene r wird im 3. Jahrh. in der 

Volkssprache zu /, ausgenommen vor o- und rt-Vukalen, 

8. § is;j. 

159. Urgriech. ou. 

ou wurde im lon.-Att. zu geschlossenem o und 
weiter zu u. 

Chronologie. Seit 440 v.Chr. tritt vereinzelt die Schrei- 
bung o für echtes ou auf: Zirobiaq, öbt, öbt'va. und seit ca. 500 
V. Chr. findet sich ou für unechtes ü geschrieben. «Diese Formen 
werden im Laufe der Zeit immer häutiger, so daß um 360 v. Chr. 
<lie alte Schreibweise fast ganz aufhört und sich nur noch in 
vereinzelten Resten bis ins 3. Jahrh. erhält.» 

Anm. 1. Wann dieser Lautwandel in den Dialekten ein- 
getreten ist, läßt eich nur selten feststellen. Im Kret. und Ky- 
l)ri8ch('n war o-u noch erhalten, wie die Schreibungen kret. 
öTTo/'bbdv und kypr. o ' vo = ou, a ' ro ' u ' ra ' i = dpoupai 'dem 
Lande" lehren. In Korinth und Kork, ist ou wohl schon im 
6. Jahrb. zu u geworden, h. Kretschmer Vas. 39; vgl. den Über- 
gang von ei zu e. 

Anm. 2, Kchtes ou liegt in folgen«len Fällen vor nach 
Ausweis der Inschriften: äKÖXouOoq 'Begleiter' : k^XcuOoc;, öpoupa 
'Land', Bouöeifjq, ßoOq 'Kind', boüXo? 'Sklave', OoOpioi, ouk 'nicht', 
ouToq 'dieser', OüXiäxai, TTpüKpouarriq, Zouviov, öiroubi*) 'Eile'. 



NJ 160 1<>:^.| Spontane Vcrllndoiungcn der Vokale. 101 

100. llr<:;ri('cli. ai. 

c.i vor Vokiilon zu a, u, s. g IS4. 

Amii. Im Boot, wird ai über ae (5. Jahrh. v. Clir.) zu n» 
später zu ti. 

101. Uri;ricc]i. oi. 

1. o im Diphthong oi muß schon frühzeitig einen 

juulern Klang gehabt haben als o. Denn bei Plomer 

wie in einzehien Mundarten (Gortyn, Kypr., Korinth) ist 

f vor Ol erhalten, während es vor o, uu, ou geschwunden 

ist, vgl. Solmsen KZ. 32, 273 ff. Entsprechend ist att. 

öueTv wahrscheinlich aus buoiv entstanden, während o nach 

u bleibt. 

Anin. Im Boot, ist oi im 5. Jahrh. zu 0€, im 3. Jahrh. zu 
einem Laut geworden, der mit u bezeichnet wird. Schließlich 
^vird dafür ei = l geschrieben. 

2. Ol zu o vor Vokalen, s. § 182. 

102. Die übrigen Diphthonge. 

1. au, 6u, ou zu a, e, o vor Vokal nach Schwund des 
a, s. § 184. 

2. ?t-Diphthonge werden nach vorausgehendem J^ zu 
t-Diphthongen, daher e/eirrov 'sagte' aus ■•e/euTTOv, ai. dvö- 
cam, deiöuu 'singe' zu auörj 'Laut, Stimme' aus "^'d/euöiu, 
eprjKcx 'habe gesagt' aus *J^e/pi"|Ka, ■^VeupriKa, s. § 247. 



D. Die primären und sekundären Lang- 
diphthonge. 

103, Die meisten idg. Langdiphthonge hat das 
Griechische nach § 148 verkürzt und nur wenige im Aus- 
laut erhalten. Durch den Ausfall der Laute s, j, w sind 
aber viele neue Langdiphthonge entstanden, die alle das 
gleiche Schicksal der Monophthongisierung erfahren. 

a) rji. Seit dem 4. Jahrh. wird im Att. \\\ mit ei 
verwechselt, man schreibt \Ck^\q 'Schlüssel', dveiaKeii; 'du 
stirbst' ; es war also mit diesem zusammengefallen oder 
stand ihm wenigstens sehr nahe. Da ei zu dieser Zeit 
den Lautwert e hatte, s. § 81, 2, so ist dieser auch für 

Hirt Griech. Laut- u. Formenlehre. 2. Aufl. 11 



162 Laut- und Akzentlehre. [§163. 

r|i anzunehmen, tu erleidet demnach zwei Veränderungen: 

Ti wird gesclilosscn und i f^chwindet. 

Anm. ]. Da später jeder Unterschied zwischen 1,1 und €i 
aufgehört liatte, so bissen \vir von manchen Worten nicht, mit 
welchem Laut sie anzusetzen sind. Mit r) sind anzusetzen: br)o^ 
'feindlich^ k\i}c,. xXrjböc; 'tSchlüsser, KX),]biov 'kleines Schloß\ kX^- 
öpov 'Schloir, kXtIiIuj 'rühme', OvriaKU) ''8terbe\ XrjxoupY^uu 'ver- 
^valte ein Staatsaint'. Xriaitic; 'Käuber', vr|oq \Schiti'gholz\ -napi^d 
'\Vanpe\ TTevTcXiTKÖc;, "ApiaDibric; und derartige Eigennamen über- 
haupt, AiYi.ic, "EpexOiiq, Oivti(;. TTuOiliq, Xpuöi.ic. Vgl. Meisterhanß 
Gramm, d. att. Inschr.^ 36. Ebenso steht r) in den Endungen 
Dat. Sg. der 1. Dekl. Ti|afi, 2. 3. Sg. Konj. cpdpr^c,, qp^pr). 2. Sg. Ind. 
Med. 9^pri. 

b) äi und IUI liielten sich länger. Die Römer ent- 
lehnten bie in ältrer Zeit noch als Dii)hthonge, vgl. ThraeXy 
tragoedus, in spätrer als Monophthonge Thräx, Thräciay 
rapsöäns, odciim. Das Stummwerden des Lautes i erfolgte 
in den Dialekten zu verschiedener Zeit, im Attischen muß 
es vor 200 eingetreten sein, denn seit 200 wird i ver- 
einzelt auch am unrichtigen Orte zugesetzt, z. B. N. Du. 
TUJ \>euj. 

Anm. 2. a liegt vor in buboöxoq 'Fackelträger, IXqbeq 
'Olivenpflanzen', OpaE, Opärra, OpÜKn, Ia|ioöpdKr|. Kepäbiov 'kleines 
llorn', Ka\(ibri<;, OiXdbrjc;, /)cibio^ 'leicht", ^aöriJüv»-) 'Leichtigkeit', 
^^aroq 'leichtester' und in den Adverbien auf -qi, brinooiqi 'öffentlich'. 

uj findet sich in 'AKpöOujoi. 'AXtüa. auXtubö^ 'Flötenspieler"", 
dqpnpiJj^uj '/.um Heros machen", "AxeXLÜoq, ^vibbiov 'Ohrgehünge\ 
Itubdpiov 'Tierchen', Z(bo\ 'Tier, Zujuutö<; 'mit Tieren bemalt*, 
'Hpiübriq, rjpüjoc; 'einen Heros betrefl'end", KaXibbiov 'kleines Tau', 
Kiiioi, uriTpüjo; 'mütterlich', TTaxpuJG^ 'vaterlich', TTpoaTÜJOv 'Vor- 
halle', upijjpa '.Schitlsvorderteil', olüIuu 'rette\ IiuvaÜTriq, UTiepuJOv 
'Obergemach', ibbeiov '8inghalle'. diOübn«; 'eiförmig'. 

c) Die langen ?<-Diphthonge waren im allgemeinen 
Bclten. äu liegt vor in att. €äuTUj, ion. ^ujutuj, aus eo(i) 
auTUJ, att. TäuTO, ion. tuuutö aus tü outo. Dieses äu wurde 
im Att. kurz vor Christi Geburt zu ä, da die Inschriften 
TctTov, 4aT0u, üTOÖ Schreiben. Vgl. Wackernagel KZ. 
33, 5fl. — Für die spätere Behandlung von rju liegt kein, 
einwandfreies Beispiel vor. 



4} 164. 165.] Kom])inatoriHcber Wandel der Vokale. 163 

Zwölftes Kapitel. 
Kombinatorischer Wandel der Vokale. 



A. Assimilation von Vokalen, die sich nicht 

berühren. 

104. 1. Assimilation txn den folgenden 
Vokal. Nicht jeder Vokalwechsel, den wir im Griechischen 
finden, stammt aus idg. Zeit. Es haben vielmehr im 
Griechischen, allerdings in geringerm Umfang als in andern 
Sprachen, Assimilationen und Veränderungen von Vokalen 
stattgefunden, die den Schein idg. Ablauts vortäuschen. 
Die Grundlage für unsere bisherige Erkenntnis bietet ein 
Aufsatz von J.Schmidt KZ. 32, 321 ff., der allerdings 
einiges Zweifelhafte enthält. Auch werden sich seine Aus- 
führungen noch ergänzen lassen. 

Die Assimilation trifft im allgemeinen nur die un- 
betonten Vokale. Wo der Akzent Avechselt, entstehen 
daher Doppelformen, die nach verschiedenen Seiten aus- 
geglichen werden. Auch die zwischen den betreffenden 
Vokalen stehenden Konsonanten sind von Bedeutung, doch 
sind nach dieser Richtung die Bedingungen des Laut- 
wandels noch nicht genügend erforscht. In den meisten 
Fällen assimiliert sich ein vorausgehender Vokal an den 
folgenden, doch sind auch wohl Assimilationen in um- 
gekehrter Richtung anzunehmen, s. § 171. 

165. ürgriech. e. 

1. Unbetontes e wird zu o vor folgendem o, nament- 
lich wenn l oder Labiale dazwischen stehen. 

So heißt es in attischen Inschriften oßeXicrxoc^ m. 
'kleiner Spieß', oßeXeia, aber oßoXog m. 'Obole', xpiujßoXov 
usw. Eine Neubildung ist oßeXöq 'Spieß', ferner regel- 
recht 'AttcXXujv, 'A-rreXXaioc;, 'ATTeXXio<;, aber Vok. "ArroXXov 
(danach analogisch 'AttöXXojv), 'AttoXXujvio^, 'ATroXXojviÖTiq, 
'ATToXXö5iupo<;; — aifcXoupo<; m. Wiesel', aber aiöXo^ 'be- 
weglich' aus *aioXöq; — KeXeudo^ f. 'Weg', aber dKoXou^eai 

11* 



164 l.aut- und Akzentlehre. r§ 165. 

'be^jjlcite', Gen. ükoXouOou und daiiacli dK6Xouv>0(; Be- 
gleiter'; — Dat. TpiTTToXtiauu, aber TpiTTiöXouo^ ; TopOuvn 
= TepuJVJi; 'Opxouevoq neben Epxo)Lievög; öbovieq 'Ziibne" 
neben äol.eöovie^; xpiaKoviepou neben xpiaKoviopog 'dreißig- 
ruderig'; öpoßo(; 'Kicbererb.se', vgl. lat. eninn, aus dem 
Gen. 6p6ßou(; : tptßivx>0(^; 'AXaiTTOKOw/iCTioi neben 'AXuuTre- 
Kovvi'icrioi; — ovoua 'Name' wabrsclieinlich aus ••'evoua nach 
dem Gen. 6vö|uaT0<;. 

Anm. Da dieser Wandel vom Akzent abhängig war. so 
niüBsen 8ich vielfach Doppelfornien einstellen, die dann wieder 
ausjje^lichen werden, so 'AttAXuuv und 'AttöWujv, TpmxöXeiLiGt; und 
TpiTrTÖXouoq. Dasselbe gilt von folj^enden Fallen. 

2. Unbetontes e wird zu o vor folgendem u: ^epTup« 
f., aber her. fopT^pn, TOpT^PH^S unterirdisches Gefängnis'; 
KepK')pa, al)er Gen. KopKupa<;, KopKupaToi; Kpeiauov Ilesych 
in'ben Kp6,uuov n. Zwiebel nach Kpo)auou; koxuuu 'in 
^lenge hervorströmen' wohl aus ••'KexvJLU ; öbüp0|aai 'jammere' 
aus •■^•ebupo)aai; KO(JKuX)udTiov n. 'Lederschnitzelchen' : 1. quis- 
quiliae 'Abfall, Kehricht. 

3. Unbetontes e wird zu a vor a: XaKdvn, die Form 
der Koine für att. XeKdvii f. 'Schüssel, Becken, Wanne'; 
.raKC'.ßa auf einer altkorinthischen Vase zu 'EKcißii; att. 
ZdpaTTi^ neben ZeparuK;; TruTTTaivuu blicke umher' neben 
TTeTTTTivaq • TTcpißXeijJüiaevoq Hesych; lavao^ 'gestreckt, auß- 
gedelint, lang' : 1. ienms\ delpb. öapfiaia aus bep^diojv : 
att. öepjLia; vielleicht auch Xavxdviu 'erlange' aus "^'Xe-fx^viu, 
XavbdvLu fasse' aus ••xtvbdvuu : 1. 2)rchc)t<lo\ inschr. ^apaTreuiu 
'diene' (KZ. 42,20b) statt depaTreuiu. 

4. Unbetontes e wird vor i der folgenden Silbe in 
verhältnismäßig später Zeit zu i, z. B. delisch 364 v. Chr. 
CTTXrffiq 'Streicheisen' für aiXeTTi^M c'^*d. ipiXiov 'Arm- 
band' für i|;eXiov, ferner 'QqpiXiuuv, 'QqpiXiji)-), ^pißivv>ou 
Mer Er])se'. Ein altes Beis])iel dieser Art ist gemgr. iaii)"! 
'Herd' gegenüber hom. tqptCTTio^, dvtaiioq, phok. 6)ntaTio^ 
und danach att. 'Eaiia. vgl. Solmsen Btr. 214. Mit 
Unrecht dagegen Ehrlich 12. Ähnlich sind vielleicht 
xfXioi '1000', äol. xtXXioi; hom. XiKpiqpiq 'schräg' : Xtxpioq ; 
Xv>i2!öq 'gestrig' : x^tq; pi^a 'Wurzel' zu erklären. 



§ 100. 167.] Koinbiniitorischer Wandel der Vokale. 165 

100. Urgriech. a. 

1. Unbetontes (x zu e vor e oder r| : fc^X^Xuo*; des 
Aals' aus •••dYXtXuoq : 1. av(/uilla; eTepoq nach ^lepa, Der- 
äiepog; vulgiiratt. fcpeTi'i statt üpeTi'i 'Tüchtigkeit'; her. 
tßbeiLiiiKOVTa aus "^'^ßöa.ur'iKOVTa ; KvdqpaXov n. Flocke, Wolle' 
neben KvtcpaXov. ^^^ 

2. Ihibetontes a wird zu o odor- u oder ./b der 
folgenden Silbe. Hierher gehören vor allem die Fälle mit 
op, oX, in denen man früher fälschlich die Vertretung 
eines f, / sah. öpvu|Lii 'errege, setze in Bewegung' : ai. 
)')j6mi; — honi. (TTÖpvujui 'breite aus' : ai. stni6mi\ Oopvujuai 
'bespringe' neben ddpvuadai Hesych; ojuöpYvujui 'wische 
ab' (wohl aus •■•a,udpYvu,ui oder ■•'diuepYVUjui) : djuepYuu streife 
ab, pflücke ab'; — 6pd6(; 'gerade' : 1. ardmis\ — öpYuid 
'Klafter' : Sii.p/jatii — ion. ouXai, att. oXai 'grobgeschrotene 
Gerstenkörner' aus *öX/ai : dXeuj 'mahle', dXeupov n. 
'Weizenmehl'; — TroXuq 'viel' : Sii. j^urüh^ könnte aber auch 
für •"'•TreXu(S stehen = got. filu] — |lioX\jvuj 'besudle, be- 
flecke' aus '"^'.uaXuvaj oder auch '••,ueXuvuu : jueXai^ 'schwarz'; 

— TOpDvi"! f. 'Rührkelle' wohl aus "^lap^vii : leipai reibe' ; 

— )aop,uupiu 'hinrauschen' steht vielleicht für •••juapiu^pa) ; — 
6tU(S 'scharf : 1. acus n. 'Granne'; — KOiuXr) f. 'Höhlung': 
1. cattmis 'Schüssel' (oder aus ■■^'•KeTuXi'i : ai. catvälah 'Höh- 
lung'). 

3. Unbetontes a wird zu o vor uj und o der folgenden 
Silbe: KoXujvri, KoXiuvog 'Säule' aus •%aXujviv, — Kopuüvn 
f. 'Krähe' aus ^apuuvii; — ion. dppoiöeTv : att. öppojöeTv 
'fürchten'; — ark. Ikotov aus eKaiöv 'hundert'; — ojLiöp- 
Yvu)ui : djLiepYLU (s. o.); eßöo,uog 'siebente' aus '••eßbauo«; : L 
septinms; — (Jocp6(S 'weise' : crdqpa 'sicher', cracpi]<; 'klar, 
verständlich ; — Ojuog, 6,uoö 'zugleich' : djua 'zugleich' ; — 
KOXUJVi"! 'Stelle zwischen den Schenkeln' aus •■^Kaxuuvr] mit 
a aus n : ai. jaghänah ' Scham gegend' ; — öoxiuo^ 'schräg* 
aus "^^öaxuö^ : ai. jihmäh ; — KpoTUJvri 'Knorren, Ast' : Kpa- 
Tug 'stark'. 

167. Urgriech. o. 

Urgriech. o wird in unbetonter Silbe zu a vor a der 



166 Laut- lind Akzentlehre. r§ 107— 172. 

folgenden Silbe : Gipu-^wM ^ • Strang, Strick' : aTpo-ffüXog 
'rund, abgerundet'; — -faiiiqpiiXoti 'Kinnbacken, auch ^a]i- 
cpai : fouqpoq 'Nagel', ahd. hamb. 

lüH, i zu u vor u, att. insclir. ij^ucru, aber Gen. 
fiuicreoq 'Hälfte, Kuvöueuq neben Kivöueuq. 

100. u zu i vor i, att. inschr. ßißXi'ov aus ßußXiov 
'Buch'. 

170. Ein nach p stehendes öJ aus ä bleibt, wie 
de Saussure MSL. 7, 91 f. gesehen hat, im Attischen 
erhalten und fällt mit urgr. c zusammen, wenn in der 
folgenden Silbe ein x] folgt, daher Kp^vi] 'Quelle' : dor. 
Kpxvö, eip)]vr| 'Friede' : dor. ipxvö, Kupt'ivii, TTeipiivr). 

171. 2. Assimilationen an den vorausgebenden 
Vokal. Das Schwächungsprodukt der idg. ä, c^ ö soll 
nach Annahme der meisten Forscher im Griechischen a 
sein. Statt dessen erscheinen aber im Auslaut der zwei- 
silbigen schweren I^asen vielfach auch €, o, z. T. im 
Wechsel mit a. Man könnte hierin eine Assimilation 
sehen, so in KjutXeOpov neben latXa^pov 'Stubendecke'; 
Tfcpeuvov 'Haus, Zimmer, Kasten' neben Tepaiavov; ßeXeiii- 
vov 'Geschoß' aus "^'ßeXa-iLivov ; ark. 2[epedpov 'Abgrund aus 
•■^•'bepa-Opov; lepe-rpov 'Bohrer' aus ••TepaTpov ; xeuevog n. 

abgeschnittenes Stück Land' neben xeinaxo^ abgeschnittenes 
Stück' u. a. Hierher auch wohl ion. TtdcJepeq neben att. 
TeTTape(; 'vier'. 

B. Veränderungen der Vokale durch 

Nachbarlaute. 

I. Veränderungen durch benachbarte Konsonanten. 

17!^. a) Einwirkung des r. 

Attisch wird das aus urgr. a entstandene offene e 
nach p zu ä, X'^P" Land, ion. x'^P'i; — pabiO(; 'leicht, 
ion. prjbioq. 

An 111. 1. nie.se Einwirkung des p erstreckt eich auch über 
ein o hinweg', es lu'ißt dOpöä f. zu dOpöoq 'zustunmengedrilngt', 
dKpöafitt n. 'da« (ieli«»rte\ dKpoüTj'iq m. 'Hörer', bupöä f. 'Spalt, 
Kinschnitf ; aber allerdings i)or\ 'Fluß\ weil aus fiofd. 



§172.173.] Kombinatorischer W}\n(l«!l .U>r Vokale. 167 

Clironologic. Dieser rjiutwandel ist illtor: 1. alH 
dor Schwund von .F nach p, clahor Kopr) 'Mädchen', ion. 
Koupii, btpri 'IIals\ ion. öei'pii, uOdpii 'Woizenmehlbrei', aus 
•%6p.r)-| usw., 2. als die Kontraktion von ea zu r|, daher 
öpi"! 'lierge' aus öpea, l>. als der Wandel von per zu pp, 
daher KÖppii 'SchliitV, ion. KOpcTn. 

Aura. 2, Dialektisch üht p noch weitere Wirkungen aus: 

1. Im Elischon wirkt p auf e und wandelt dieeee in a. El. 
Kax-iapaüaeie für Kax-iapeüaeie. Nachfolgendes p bewirkt 
den gleichen Übergang im Elischen und Lokrieclien, daher 
el. qpdpnv, att. qp^peiv, lokr. Traxcipa, el. /ctpYOv usw. 

2. Im Nordachäischen wird a in der Nachbarschaft von p und 
auch wohl von \ zu o, Jesb. öTpÖToq, böot. aTpoxöc;, thess. 
böot. ^poxöq = dpaxöq, äol. -rröpvonj u. a., vgl. Hoffmann 
Gr. D. 2, 356. Nach Bück 17 f. ist der Lautwandel auch 
arkado-kyprisch, wofür einzelne Beispiele sprechen, wie 
ark. ^qpOopKuüc;, iravciYOpaK;, kypr. KopZia, Kaxe/opfov. 

3. Im Nordachäischen wird für pi auch pe geschrieben, thess. 
Tßpeaxaq, xpew^uev, lesb. AauoKp^xuu, böot. xpeirebba. Dies 
deutet auch einen Übergang von pi zu pe. Analog ist 
el. TToXep für ttöXic. 

Alle diese Erscheinungen sind lautphysiologisch ganz ein- 
heitlich. In allen Fällen wird die Tonhöhe des Vokals herab- 
gesetzt, daher i > e, e > a, r| > ä, a > o. 

173. b) Einwirkung von j oder i der folgen- 
den Silbe. 

a) Durch ein j wird der Vokal der vorausgehenden 
Silbe beeinflußt, aber nur dann, wenn j nach den Lauten 
?r, 71, r, s stand. Ob in diesen Fällen die voraufgehenden 
Konsonanten zunächst moulliert sind, oder ob eine Epen- 
these des j stattgefunden hat, läßt sich nicht genau er- 
mitteln. Wahrscheinlich sind diese Prozesse weder gleich- 
zeitig noch gleichartig. 

1. Aus eaj, aaj, ocr/, ucry entstehen nach Schw^und 
des s allgemein Diphthonge. Der Weg ist unklar, vgl. 
§ 240. 

2. Steht j nach oi, r, ?r, so finden wir eine doppelte 
Behandlung: 

a) a, -f- M, r, iv + j ergeben allgemein Diphthonge, 
daher auch lesb, CTTraipuu, ofienbar weil hier die Difi'erenz 



168 l>aut- und Akzentlehre. (§173-175. 

zwischen dem a, o und dem v-lialtigen Konsonant(>n selir 
groß \Yar, vgl. § 240. 

b) e, i, u-\- n, r, ir -j- j orgeben in allen Dialekten mit 
Ausnahme des Lesbischen und Thessalischen gedehnten 
Vokal, att. ei, t, '3. Im Lesb. und Thessalischen aber 
finden wir gedehnte Konsonanz, vgl. i^ 240. 

174. c) Einwirkung von a und sonstigen 
Konsonanten. 

1 . Vor CT, L entwickelt sich gelegentlich ^in i, das 
sich mit vorausgehendem Vokal zu einem Diphthong ver- 
bindet. So finden wir AicTKXaTnöc; (woraus 1. Aesudapius) 
neben AcrKXiiTTioq, TpoiLiiv neben Tpolxv, 'Hcpaiaioc; neben 
^'Hq)aaTO<;. Vgl. Danielsson de voce ai^riö<; \). 1"), Eranos 
1, 82, IF. 14, 879. In einem Epigramm von Akrai- 
phiai BCH. 27, 70 steht Traitpujv ai'cTTea = daiea 
'Städte'). 

2. Vor Nasal geht im Arkadisch-Kyprischen e in i 
über, z. B. iv = €V 'in'. Auch im Thessal. findet sich 
dveOeiKttiv sie haben aufgestellt' für eOi'iKa-ev. Im Aolischen 
wird o vor |u zu u, u,üoq = att. ouo^ zusammen , uuoioq, 
att. oiaoioq 'ähnlicir, u)aaXö(; -= att. 6,uuXöq 'gleich . Ver- 
einzelte P'iille eines solchen Wandels nimmt Soims(Mi 
Btr. 214 fr. auch für eine Reihe von Worten an, z. B. 
iTVuri 'Kniekehle' aus *£V-Tvui"| und letzteres : tovu Knie'; 
rhod. rTVJiTe<; P'ingeborene' : tv in; Ki-fKXoq 'Bachstelze': 
ai. rnnralalj sich hin und her bewegend'; KrfxXic; Gitter': 
KüKaXa ■ Teixri; lußiipiq 'Aal', bei den Methymnäern : russ. 
iKjor Aal' aus <>nf]-\ — piuqpa 'hurtig : ahd. rhicjl leicht 
und schnell, behende'; — aKiußoq lahm' : OküLw, d. hinke. 
Anders, aber kaum richtig faßt Ehrlich Z. idg. Sprach- 
gesch. 14 diese Fälle auf. 

I)rr\\'andel von o zu u ist sehr verbreitet in ovuua 
'Name' = att. ovo)ua, allgemein iu den Zss. dviuvuuo^ 
'namenlos'. 

175. d) Dehnung infolge Konsonantenschwun- 
des. Kin<' Dclmun« wird bewirkt: 



§175 — 177.1 Kombinatorischer Wniulel der Vokale. 1C9 

1. (luroli (l(>n Schwund eines v vor d, h. § 244, 1'^ 

2. (lurcli den Schwund von G in der Verbindung mit 
Liquid(>n und Nasalen, 8. i^ 2o6 f. 

II. Veränderungen sich berührender Vokale. 

170. \'()kale, die sich berülircn, können verKchiedene 
Veränderungen erleiden. Sie werden, abf^esehen von den 
Fällen, in denen sie unverändert bleil)en, entweder ein- 
ander assimiliert und dann kontrahiert, oder sie werden 
dissimiliert. Gewisse Verbindungen werden auch ohne 
Assimilation kontrahiert. Bei andern geschieht dies nach 
Dissimilation. 

A. Qualitative Veränderungen sich berührender Vokale 
ohne Veränderung der Silbenzahl. 

177. 1. Wie Joh. Schmidt Neutra 326 fF. erkannt 
hat, ist urgriechisch a unmittelbar vor o-Lauten zu e ge- 
worden. Dieser Lautwandel zeigt sich namentlich bei 
den Verben auf -auj wie iijuduu und den Neutren auf -aq. 
Besonders beweisend sind für dieses Gesetz die Inschriften 
der verschiedensten Dialekte. Aber auch bei Homer finden 
wir ovbac, n. 'Boden', Gen. lautgesetzlich ouöeoq, danach 
Dat. oubei, der eigentlich ouöai lauten müßte; juevoivda, 
,uevoiva S^erlangt heftig', aber faevoiveov; ojiiOKXa 'zusammen- 
schreien', aber 6,uökX6ov, 6)LiOKXeo|uev; noTeoviai 'sie fliegen^ 
aber djucpeTroTaTO ; i^vieov 'sie begegneten' neben att. drrav- 
ido). Bei Herodot heißt es opeuu 'ich sehe', opeujv, 
daneben öpüujuev aus opdojuev durch Analogiebildung ; 
ebenso cpoiieuj 'gehe' statt cpoiTduu; aber ein öpeT^ statt 
des regulären 6pa(; aus opdeit; kommt noch nicht vor. Die 
a<;-Stämme Kepac, n. 'Hörn', jeftac, n. 'Wunder', Tnpa<S 
'Alter' flektieren bei Herodot Gen. K6peo(;, xepeoc;, Dat. 
THpai, Kepai, Gen. PI. Kepeojv. Die alte Flexion ist also 
fast unverändert erhalten. 

Anm. 1. Infolge dieBes Lautgesetzes können die Verben 
auf -duu ganz in die Analogie derer auf -euu übertreten, was im 
Neuionischen sehr oft der Fall ist: so ion. -örieouai, dor. öäeouai 
'schaue' : öedojLiai; ion. Koiueuu 'in Schlaf bringen' : KOi.uduj ; ion. 



170 Laut- und Ak/.entlehre. [§177 — 179. 

irXavt'uJ : iiXavctuu 'vt»in rechten Wej; abführen'; ion. GKipTCuu : aKipräuj 
'hüpfe, sprinj^e""; ion. ToX)HfeUi : ToX|aä(Ju 'wage'; ion. qpua^uu 'blase' 
: (pvodw. Man w inl das, was hier deutHch vor Augen liegt, auch 
für andere Verben annehmen dürfen, neben denen die a-Formen 
fehlen: so (puiv^uj 'einen l^aut hervorbringen' : qpuuvr) 'Stimme'; 
(iTTeiXeuj 'drohe' : öireiXii 'Drohung'; h. dOieuj 'schreien' nur in 
dureov und danach 3. Sg. öOt61 zu duTr; 'Geschrei' ; örjXtuu 'strotze' : 
OrjXri 'Zitze' u. a. 

Anm. 2. Nach Hoff mann Gr. D. 3, 246 wird auch urgriech. 
a vor a zu e, daher ion. y^pea, repea. ^reTTiareai, buvt'arai, ^ap 
'Blut', 1. afifiir, ai. dfr) 'Blut', KT^avov 'Besitz' zu KTcloiaai. 

\7H, 2. In einem Teil des ionisch-attischen Sprach- 
gebietes ist ofrenl)ar a nacli i und u zu e geworden. So 
dürfte sich am ehesten das Nebeneinander von a und € 
in vielen Worten erklären, vgl. Schweizer Perg. Inschr. 36: 
v|;iaOoq und i|;ie\>og 'Decke von Binsen, cpidXii und qpieXr) 
'Trinkschale\ criaXov und (JieXov 'Speicher, üaXoq und 
üeXo(; durchsichtiger Stein, |uiapö(; und Miepoq 'besudelt' 
iapoq und iepog 'heilig' (ai. isindj erweist a als alt), (JKiapöq 
und aKiepog 'schattig, x^i"po<S und x^i^PO<; Varm, lau', 
TTidZiu) und TTie^oj halte fest, drücke', iTuaXoq und TTueXo(; 
'Wanne', |auaX6<; und |LiueX6<; 'Mark'. Man vergleiche ferner 
'ie)nai 'strebe', evbiecrav 'verjagten' gegenüber €pa-|nai 'liebe', 
TTtia-fiai fliege', öeaio 'schien' usw. Offenbar ist dies 
ein Assimilationsprozeß, der auf besondere Ikdingungen 
beschränkt war. 

I71K o. Das aus urgriech. ä entstandene (B (s. § 154) 

wird im Attischen wieder zu a nach i, e. Daher cToqpia 

'Weisheit', ion. aocpiii, ipiSKOvia '30', ion. Tpn'iKOVTa, 

läTpoc; 'Arzt', ion. inipoq, vta neu', ion. veii, veäviä<; 

Jüngling', ion. venvüiq. 

.\nm. Die Annahme, dali «^ auch naeli u zu ü geworden 
Bei, wird von Kühner- Blaß 1, 382 und von Ilatzidakis KZ. 36, 
589 ft'. bestritten und wi<U;rleLrt. Es heißt in der Tut ^•fTÜr|<Ji<; 'Bürg- 
schaft', ^Tfufiaai zu ^Tf'JÖiu 'verlobe', Ou^Xr'-) 'Kilucherwerk', Or|vö(; 
'schweinisch', ^Xunöioq, 6E0n 'Buche'. Die Ansicht ist aucli dar- 
um wahrscheinlich, weil r| nach f (u) bleibt. 

Chronologie. Dieser Lautwandel ist nicht auf eine Linie 
mit dem Wandel von pn zu pd zu stellen, da er jünger ist als 
dieser. Er tritt ein nach dem Schwund des S, daher ttoiö 'Gras' 



^179—182.] Koinhiimtorischer Wandel «Icr X'okalc. 171 

(iröä) aus *iT0i./'ii. lil. plrra. 'Wioscr, ion. TToir), veü 'neu' ;iuh v^/q, 
aber KÖpr) 'IMüdcheu'' aus *KÖp./T-|, und mich der Kontraktion von 
€a zu r|, (lulwr Akk. ÜYid aus Oyi^a 'fresund', ^vbeä 'nuin;^elnd"' aim 
i^vbeta. aber N. Tl. öpY\ 'Berge' aus öpea. Kr ist auch j(in;jjer als die 
\'erkih/.un«j: von r) zu e vor Vokal, daher ö^ü 'Anblick\ dor. Odö. 

IHO. A. lon.-att. (i3 wurde zu a, wenn (./") r| folgte: 
hom. att. ii'ip 'Luft', bom. Gen. iiepoq, Dat. rjepi, später 
ausgeglichen zu i]i'ip; hom. bvad]]q 'widrig wehend', uTiep- 
6ir\q 'von oben wehend'. Vgl. Kretschmer WfklPh. 
1895 S. ()23, Hatzidakis IF. 5, 394 Anm., Eulenburg 
IP. 15,137. Anders Hoff mann Gr. D. 3, 352 f. 

181. 5. € wird im Attischen, besonders im 4. und 

3. Jahrh., vor Vokalen häufig €i geschrieben: eidv, eiauTOÜ, 

TÖv ßacTiXeia, deioiv, 'lepOKXeiouc;, iepeidjcruva. Dies deutet auf 

geschlossene Aussprache. Dieselbe Erscheinung findet sich 

in den Papyri, z. B. ßacfiXeia, eidv, Tijuodeiou, Mayser 71. 

Anm. Der Lautwandel € zu i tritt in den meisten Dialekten 
früher oder später, jedoch in verschiedenem Umfang ein. In 
dorischen Dialekten: kretisch, lakonisch, herakleisch, argivisch 
wird 6 zu 1, abgesehen von den Fällen, wo /" dem e folgte, vgl. 
kret. aiTiövTUiv, KaXiujv, jlioixiujv, lOVTeq, TiXiavq, uXiova, aber uieoc, 
J^oiK^oc;, xp£0<^j KaxapeovTa. Im Böotischen wechseln die Schrei- 
bungen El, h, die den Versuch ausdrücken, den neuentstandenen 
Laut zu bezeichnen. Von einer Beschränkung wie im Dorischen 
ist nichts zu spüren, es heißt KXiujv, Niujv, ^iovtoc, iujvaq, /e-na, 
^iö<; usw. Auch im Thessalischen steht i für e, wenn auch sel- 
tener, K\iö|uaxo(;; ebenso im Kyprischen durchweg auf der Bronze 
von Edalion und im Pamphylischen. Der Lautwandel ist nicht 
eingetreten im Lesbischen. Vgl. Solmsen KZ. 32, 513 ff. 

182. 6. Sekundäres e (ei), das durch Ersatzdehnung 
oder durch Kontraktion von e + e entstanden war, wurde 
im Ion. -Att. zu ii vor e und i, vgl Brugmann IF. 9, 153flf. 
Beispiele: hom. leXeioq 'vollkommen' aus •••TeXeö'/b^ , aber 
TeXi'iei^ 'vollendet' aus *TeXe(y/evT- ; — hom. Dat. xeprii, 
Xeprje^ 'gering' : xepeiujv 'geringer' und x^P^^o^; — hom. Dat. 
(TirriecTcri, am]i neben Gen. cTTTeTot; (überliefert (TTreiouq) von 
CTTTeoq 'Höhle'; — 'HpaKXfji, vgl. TTaipoKXeK;. 

Anm. Gegen dieses Gesetz erhebt ßeclitel Vokalkon- 
traktion 243 f. Einwendungen, die mir aber nicht durchzuschlagen 
scheinen. 



172 Laut- und Akzentlehre. [§ 183. 184. 

183. 7. Als im o. Jahrb. c (ei) zu l wurde, blieb 
e vor o- und m-Vokalcn. Es wird daher, weil ei zur 
Dar.^teHung des i diente, )] gesclirieben : eucreßria, Oepcinria, 
iepiia. Sehr häufig ist diese Erscheinung auch in den 
Pai)yri, vgl. Mayser 74. 

B. Quantitative Veränderungen sich berührender Vokale. 

184. 1. Diplithonge vor Vokal. 

a) Urgriech. ai/" wurde im Ion. -Attischen unmittelbar 
vor e-i- Vokalen, vielleicht auch vor a zu ä, vgl. Wacker- 
nagel KZ. 27, 27G, Frühde BB. 20, 203 f. : bäiip au8 
■•5ai/i'ip, 1. Ivi'ir, ai. devä 'Schwager'; — äei 'immer* aus 
•■••ai/ei, aber aiuüv 'Lebenszeit'; — hom. her. aicraiu 'stürme 
]o^\ att. oLTTuu aus •••ai./iK/uj — ion. 'Aibi"|(;, att. "Aibjiq, 
aus Ai./i- ; — att. Onßäic; : Giißaloq. So erklären sich auch 
kXuuj '\veine\ käuj 'brenne aus der 2. Sg. K\d(i)6i^. K«(i)eiq, 
neben KXaiuu und Kaiuu. 

b) Später verloren oi und ai ilir i vor den gleichen 
Vokalen. Am deutlichsten ist das Verhältnis in den In- 
schriften beim Stamm ttoi-; es heißt rroeT er tut , ttoi'icTuj, 
eiToncrev, daneben auch P'^ormcu mit oi, aber stets iepoTioioi, 
TTOiiIiv, TTOioOcTi, TTOiouvTUJv; ferner criod 'Säule', ■Ai>)-ivda. 

c) Die Diphthonge au, eu, ou, die durch Schwund 
eines .s- antevokalisch wurden, verlieren ihr 7( zum Teil. 
Solmsc^n gibt IF. Anz. 6, 154 die Regel, daß betonter 
Diphthong bleibt, unbetonter sein u verliert. Daher avoq 
'trocken', dqpauuu 'dörre' : lit. sausas 'trocken, ttüijuj 'mache 
aufhören', xvctuuu '.'<chal)e\ ijjauuj 'berühre', \\)UvGTÖq, euiu 

senge, 1. urac, '(tvuj 'lasse kosten, got. /ciusmi 'i)rüfen\ 
V6UUU 'nicke' zu vucTid^LU 'nicke', aber y\{bq 'Morgenröte': 
1. miröra, 6.ko\\ 'Gehör', Perf. dK^Koa, aber dKOuuj 'höre', 
dkpodo)aai, vielleicht aus ••dKpoucrdo^ai. — Diese Regel 
dürfte das Richtige treffen. Bei Homer liegen im Aorist 
txt(t und txeua nebeneinander, aber die Regel zeigt sich 
doch. Es lu^ßt von x^tu 'gieße' stets Fut. X^^^> x^^^M^v, 
ferner Aor. X^^lh X^"^"*» "rref'ixt^ag, txeuaio, aber aufxeaq, 
fcKxeov, fexeav. Daneben allerdings auch €xeuav. Anders 
faßt Bechtel Vokalkontraktion l'>4, die Erscheinung auf. 



§185.180.] KombinatoiiflclHM- Waii.Id der Vokale. 173 

\H*i. 2. (Quantitative Metathese im lon.-Att. 

Das Gesetz, daß zwei benaclibartc Vokale ilire Quantität 
vertausclien und ihre Qualität verändern, ist nin* Ionisch- 
Attisch und trilVt im Attischen die Verbindungen ^o, r)a, 
die zu euj und ea wenU'n: hom. Xäoq: att. Xedx; 'Volk '; 

— att. ^'lu^ 'bis', liom. f]0<; : a\. jfiunf Sviec;roß'; — hom. 
Akk. iioa, att. eiu zu euuq 'MorLrenröte'; — hom. Part. 
Perf. Te^vi"i6T0<; : att. lex^veujToq; — lesb. ßacJiXiiog 'des 
Königs': att. ßacTiXeox;; — hom. ttöXiio«; 'der Stadt: att. 
TToXeoK^; — att. qppeäxo^ 'des Brunnens' aus '■'■(ppr].faToq', 

— att. cJTeäToq 'des Fettes' aus (TindTO^; — att, ßamXeä 
'den König': lesb. ßaaiXrja; — eiv 'wenn' aus r) dv. Die 
nähern Bedingungen dieses Lautwandels sind noch nicht 
ganz klar. Wackernagel Verm. Beitr. 53 f. vermutet 
wahrscheinlich richtig, daß er nur in zweisilbigen Worten 
eintritt und in mehrsilbigen, wenn zwischen den beiden 
Vokalen ein /* gestanden hatte; TröXe(JU(; muß man dann 
aus ■"•TTÖXii/bg erklären, s. d. Flexionslehre. 

Bei Homer stehen die altern und Jüngern Formen 
nebeneinander: leuj^ 'so lange' neben Tfjoq. 

Im Ionischen ist das Gesetz durch zahlreiche Neu- 
bildungen gestört, vielleicht sind auch noch nicht alle 
Bedingungen des Wandels erkannt. 

186. 3. Kürzung langer Vokale vor Vokal. 

Die quantitative Metathese setzt wohl zunächst eine 
Verkürzung des Vokals vor Vokal voraus^ wie man sie 
im Auslaut bei Vokalen häufig antrifft. Erst dann ist 
der folgende Vokal zum Ersatz gedehnt. War der zweite 
Vokal natura lang, so konnte eine Dehnung nicht sichtbar 
werden. Im Attischen ist die Verkürzung langer Vokale 
vor Vokal häufig, vgl. Formen wie der Gen. Plur. der 
ä-Stämme, der e?f-Stämme: ßacriXeoJV aus ßacTiXiiuJV, ewq 
"" Morgenröte', hom. ri^<;: 1. auröra; — ^eä 'Anblick' zu 
dor. bia. Über die Verhältnisse des Ionischen s. Thumb, 
Gr. Dial. 349. 



174 Laut- und Akzentlelire. [§ 187—189. 

C. Veränderungen sich berührender Vokale mit 
Veränderung der Silbenzahl. 
1. Kontraktion. 
1H7. Einen Hiatus dulden die wenigsten Sprachen. 
Zusamnientreflende Vokale werden daher meistens kon- 
trahiert. Doch treten im Laufe der Zeiten immer wieder 
neue Hiate auf, die zu neuen Kontraktionen führen. 

Für unsern Sprachzweig müssen wir mindestens drei 
Perioden der Kontraktion unterscheiden: 

a) die indogermanische, 

b) die urgriechische oder wenigstens gemeingriechische, 

c) die einzeldialektische, vornehmlich attische. 
1H8. a) i her die indogermanische Kontraktion 

sind wir noch nicht völlig unterrichtet. Vor allem können 
wir nicht bestimmen, welcher der beiden Vokale in seiner 
Qualität gesiegt hat. Vgl. Wackernagel Dns Dehnungs- 
gesetz der griech. Komposita S. 21 ff., Osthoff MU. 2,113ff. 

Indogermanische Kontraktion ergab in den meisten 
Fällen schleifenden Ton (Zirkumflex). 

e -{- € = c. Daher gr. i^a 'ich war' = ai. dsam aus 
*c (Augment) -f- '-'esip] — gr. fja 'ich ging\ ai. djam aus 
*e -\- '-'cjw ; — lat. fdi aus ■••> -|" er//'. 

d -^ a == ä.. Endung des Dat. Sing, der fem. 
ö-Stämme: bea aus n -\- ai. 

ä -\- i = äl. Lok. der fem. ä-Stämme, idg. -ai. 

o -{- e scheint c ergeben zu haben, vgl. gr. uj)ir)crT]iq 
Vohes Fleisch fressend', ai. ämäd aus '■'ümo-ed. 

o + a wurde vermutlich zu n, gr. dor. (TTpaiäYO^, 
att. CTTpaTHTO? Feldherr' aus '■'sfrnto-n(/os, Abi. lat. vxträd 
aus '^'crtro + dd, gr. dor. dXXaXiuv, att. uXXi'-jXujv 'einander' 
aus '^aljo-al-. Auf der andern Seite steht allerdings aTLupi 
'Führung' aus *dYO-aYTl, und der Dat. Sing. Mask.auf-ö/, detu 
aus -o-ai, so daß keine sichere Entscheidung zu treffen ist. 

ISO. b) Im Urgriechisch(Mi oder vielleicht erst 
im Einzolleben der Dialekte entstanden neue Hiate, be- 
sonders durch den S('hwund von s und j. Es fragt sich, 
ob diese Laute gleichzeitig und wann sie geschwunden 



§ 189. lyO.J KdiuhiiuitoriHclier Wandel der \'(ikale. 175 

sind, s scheint sicli jedenlalls ziemlich l.-in^^o als // er- 
halten zu haben. Viel später als der Schwund von .s und 
j ist der von Digamma, der ja manclien Dialekten über- 
haupt mangelt. 

Außerdem ist folgendes zu ])eachten. Laute, die einander 
fernstehen, wie t und o, können zunächst nicht kontrahiert 
werden. Die erfolgte Kontraktion setzt eine Assimilation 
voraus, über die wir schlecht unterrichtet sind. Die 
Dialekte weichen außerdem in der Kontraktion von ein- 
ander ab, und schließlich ist auch unser Material Ije- 
schränkt. Bei Homer kommt auch noch die Überlieferung 
hinzu, die in einer Reihe von Fällen Kontraktion zeigt, 
während die homerische Sprache sie wahrscheinlich noch 
nicht kannte. Wie weit Kontraktion bei Homer ein- 
getreten ist, bedarf eingehender Untersuchung, die jetzt 
von Bechtel Die Vokalkontraktion bei Homer, Halle 190S 
angestellt ist. Vgl. Nauck Mel. greco-rom. 2, 3, 4, von 
Hartel ZfdöG. 1876, 621 ff. Alles dies trägt dazu bei, 
die Lehre von der Kontraktion schwierig und kompliziert 
zu gestalten. 

Anm. Die wichtigsten Arbeiten über die Kontraktion sind 
die von "Wackernagel KZ. 25, 265 flf., Zur Vokalkontraktion KZ. 
27, 84 ff., Über attische Kontraktion nach Ausfall des Vau KZ. 
29, 138 ff., Eulen burg IF. 15, 129; E. Zupitza KZ. 42, 66 ff. 

190, Als allgemeine Regeln lassen sich folgende 
aufstellen. 

1. Gleiche Vokale w^erden zu Längen kontrahiert. 

2. Stehen an zweiter Stelle i und u, so verbinden 
sich diese mit vorhergehenden ungleichen Vokalen zum 
Diphthongen. 

3. Bei sonstigen ungleichen Vokalen gibt es ver- 
schiedene Möglichkeiten : 

a) Es siegt die Qualität des einen vollständig. Be- 
sonders beachtensw^ert, aber leicht verständlich ist, daß bei 
quantitativ verschiedenen Vokalen niemals die Qualität 
des kurzen siegt (P^ulenburg IF. 15, 144). 

b) Es siegt die Qualität des einen mit einer Modi- 
fikation nach der Seite des zweiten hin. Wenn e -i- a 



176 Laut und Akzentlehre. [§ 190. 

zu )], a -f- o zu uu geworden sind, so hat sich die QuaHtät 
des e- und o-J.autes von der geschlossenen zur offenen 
gewandelt. 

4. Die Kontraktion oder Nichtkontraktion ist durch 
besondere Bedingungen beeinflußt. 

a) Nach Schulze QE. 1G3 ff., Solmsen KZ. 32, 526f. 
werden im Att. eo, eiu, eou, ea zwischen denen s oder / 
geschwunden ist, in zweisilbigen Worten nicht kontrahiert, 
während in mehrsilbigen die Kontraktion eintritt. In der 
Zwei- und Mehrsilbigkeit liegt aber keine rechte ratio für 
die verschiedene Behandlung. Mit Recht hat daher 
Wackernagel KZ. 21), loS den Akzent dafür verantwort- 
lich gemacht. Die Lautgruppen werden deshalb nicht 
kontrahiert, weil in zweisilbigen Gruppen das e nicht 
assimiliert werden kann. Es heißt also Oeo^ 'Gott', aber 
€Vi>ouaidZ!uj bin gottbegeistert', Goutiiliiöiic;, Gouqpdvnq, 
0ouböaiO(;,0ouKXri(;, 0ouKpiTiöii<;, GouKXeiörjq, aber 
0eö(J)i,uo^, Geööuüpoc;, Geoöorog usw. In den Kasus 
obliqui mußte natürlich Kontraktion eintreten, Goubuupou 
und so entstanden Ausgleichungen. Ferner rreoq 'penis' 
= ai. pdsafi ; bioq 'Furcht' aus •••ö/ejoq, rpeuj 'zittere', 
Zeuu siede', ßbeuu 'farze' u. a. Die einzige Ausnahme 
scheint ^ap 'Früliling' zu sein: lit. vasara, dessen Gen. 
Tipoq, Dat. iipi heißt. Die ursprüngliche Betonung muß 
aljer ■•eapöq gewesen sein, und in diesen Formen konnte 
kontrahiert werden. 

b) Nach vorhergehendem i wird e mit folgendem tu 

und a, soweit sie sonst offen geblieben waren, kontrahiert. 

♦So heißt zu TTeipaieu^ der Gen. TTeipaiiijq aus TTeipaieujg, 

der Akk. TT€i()üid, (Jen. Mr|Xiüuq, Akk. MiiXid : MiiXieut;; 

fprner inschriftlieh ArfiXiiij<;, TToXiüJ(;, TTpucriiJug, TTaiuviiuv, 

KubaOrivaid, GecTTTiuq; ferner idcTi 'sie werfen, aber xidtacTi. 

Anni. 1. niese Formen herrechen im 5. Jh. in den Inschriften, 
wiilirend spUter durch Analo^Mehildiinj; wieder die unkontrahierten 
l'urmen aufkommen. V^jl. noch Hat zidakis TTepi xriq auvaip^aeiuc; 
Toü ö/b, ä/u), i]Jo, r|/lu ^v Tf| 'AmKf| biuXt'KTLU in der 'ETTiaTruao- 
viKi>| ^TT€Tnp((; der Athener UniversiUlt lü02— 3, S. 121 — 126, 8. 
ßolmaen WklPli. 1904, UGO ff. 



^190.191.] Kombinatorischer Wandel der Vokale. 177 

5. Altrs S verhindert im Attischen die Kontraktion 
in verschiedenen Verbindungen, vgl. Wackernagel KZ. 
^5,270, Eulenburg IF. 15, 129. Unkontrahicrt bleiben: 

ar|: än^nc; 'unangenehm'' zu r^buq, X.suävifc, ärjbiJüv f. 'Nachtigall' 
(bei llesyrh Akk. dßriböva); dndriq 'nn gewohnt'; drip m.'Nebel, Luft'; 

ta: ivvia 'neun' (1. norcm)', veapöc; 'junp, jugendlich' : v^/oq 
'neu', ebenso wie v^aroq 'der letzte, äußerste', später allerdings 
vfiTO<; m.. v/iTri 'die unterste Saite'; Kptac; n. 'Fleisch' (: ai. krarih); 
ißpaxfe« zu ßpaxüq 'kurz'; Xeaiva f. 'Löwin'; Aor. ^x^a 'ich goß'; 

eä: veävia^ 'Jünglinj;', F. Xuxeö; 

60 : ^opTi] f. 'Fest' aus */e/bpTr|; ^xeöv 'in der Tat' : ?Tu^o? 
^wabr. wirklich'; 1. PI. irXeoiaev 'wir fahren zu Schiff' : Fut. irXeu- 
<Joö|.iai, ebenso 3. PI. Imperf. ^ttXgov; biov n. 'das Nötige, Pflicht, 
Öchuldifrkeit' ; b^o!U€v 'wir ermangeln', hom. Med. beiJO|iai (aber att. 
^oöiaev 'wir binden'); \io(; 'neu' : 1. novus, veox,uö<; 'neu, unerwartet', 
aber vouur|via 'Neumond', zunächst aus *vo/b)arivia für veo)irivia 
(nach § 165; Xuxeov 'es ist zu lösen' aus *XuTe/bv; 

€01 : xaxeoiv G. Du. von xaxOg 'schnell'; 

eou : Gen. HpaKXeouq, beouai 'sie bedürfen' ; irXdouai 'sie fahren' ; 

euu : eujq 'bis' aus fj/oq, ai. jävat, Gen. ßacnXeuuq, Gen. PI. 
■i^beujv, dujvoü|Lir|v 'kaufte', ^ujpuuv 'ich sah', VXguj^ 'gnädig', Eigen- 
namen mit X€Uü<; 'Volk' aus Xö/oc;, AeuuKpdxriq, fAev^Xewc,; 

oa : xöotvoq 'Schmelzgrube', xoci"vil 'Trichter' : x^^ 'gieße', 
•später x^JJvoc, dxriKoa 'habe gehört' aus *dKr|Kouaa; Akk. PL Ntr. 
•€uvoa, f],uixoa, aber ujtöc, 'des Ohres' aus *ouaaTO(;; 

or;: KaKo-riOr](; 'von bösem Charakter', dKor) 'Gehör' aus *dK0u- 
•OY]; ÖYborjKovTa 'achtzig', ßoriöfiaai 'helfen', vof|aai 'wahrnehmen'; 

uje: PI. )ipu;e(;. So hieß nach Phrynichus (Rutherford 248) 
■die echt attische Form. 

uuoc;: Gen. ripuuoq. 

Anm. 2. In andern Fällen und namentlich, wenn J- zwischen 
gleichen Vokalen gestanden hat, wird auch im Attischen kontra- 
hiert. Das erklärt sich sehr einfach. Die Kontraktion zweier 
gleichen Vokale ist ein so einfacher Vorgang, daß er fast sofort 
eintritt, sobald er möglich ist. Die Annahme Eulenburgs IF. 15, 
131, weil in cpiXeixe 'ihr liebt' aus *cpiX€Jexe u. -nXeixe 'ihr fahrt' 
aus *'rTXe/6xe das Ergebnis dasselbe ist, müsse auch der Vorgang 
in dieselbe Zeit fallen, ist einer der größten Fehlschlüsse. 

191. Über die Ergebnisse der wirklichen Kontraktion 
geben die Tabellen auf S. 178 — 181 Auskunft. Es ist 
dabei zu beachten, daß unser Material vielfach beschränkt 
ist und daß man in manchen Fällen nicht zu einer sichern 
Entscheidung kommen kann. 

Hirt Griech. Laut- u. Formenlehre. 2. Aufl. 12 



178 



Laut- uml Akzentlehre. 



'§191 



ä 


i 


1 «^ 


"Aibrjc;, bq.h6(; aus *bau/iböq 'der Fackef 
biHiP|T€ (Schulze KZ. 29, 269), nXioc; aus 


a 


e 


' n 


ü 


e (ei) 


1 w% 


Tiur|<; 'geehrt' < TiurjCK; < *'n|iö6i(; 


a 


n 


an 


di^p 'Luft' 


ü 


a 


ä? 


\ä^ 'Stein', kaum echt attisch 


ä 


a 


ea 


bid 'Anblick' aus döa, später d: 'Adr^vd 


a 


U) 


> €0), > tu 

dor. a 


TToaeibdjv, dor. TToTibäv; G.Pl. der Fem. 
liom. -^ujv, att. -ujv 


a 





no y €iju 

dor. a 


hom. "ÄTpeibeuj; ^'uuc; 'bis' ans fjoc, tiuc 
'Morgenröte' aus *äuaiüc, dor.'Axpeihä 


a 


Ol 

ö (ou) 






a 

ä 






V 




TTpäOveiv 'besilnftigen' 


n 


l 


M 


Ovt'iaKiu 'sterbe', ^öcoc; 'Junggeselle' aus 
f^ideo? 


n 
n 


e 


n 


Inf. xP»l<Jöai 'gebrauchen' aus XPH^ <^öai : 
N. IM. ßaöiXfjc; aus -n/c*;; 2. Tl. Ind. 
biv|if|T6; Konj. axfiTc; F. TiuPjaaa aus 


« (€1) 


n 


Ti^xfiq aus ••n^i'i«? 


n 

n 


€1 


^ 


f^br\ 'wußte' 


1 

n 


n 


Konj. xP^öOf. lf\T€, ir€ivf^Tf 



ijlOl, 



Koinbinatoriachcr WuikU'I der Vokale. 



179 



a 


i 


Ul 


aiöOüvoLiai 'nehme wahr', iiaiq 'Kniibe' 

2. PI. Ind. TijLiäTe aus Tiiudere; 2. S^. 
linp. TiiLtä, (ipiarov 'Frühptiick' iuis 
*dj^piöTov; (jtKuuv 'wider Willen' buh 
(jlT^kujv ; uOXov 'Kjinipf{)rei8' aus 
*ä/eO\ov; böXög 'Feuerbrand' auH 
"ba^e\ö<; 


a 


€ 


a 


a 


l (€1) 


a 


qpövöc; "^heir, dor. 9rivöq aus *qpa/eavö^; 
bavöq 'trocken"' aus *ba/eövö(;; Inf. 
TiiLiäv aus *Ti|ad€iv 


a 


n 


an 


barmuuv 'verständig'; der Konj. xiiuac;, 
Tijaa aus Ti|uäri<;, Tiimdr) beruht nach 
Eulenburg IF. 15, 144 auf Analogie- 
bildung 


a 


a 


ä 


N. PL Kp^a, K^pä aus -aaa; öxri 'Unheir 
aus *(iu/aTTi 


a 


ä 


ä 


3. PI. iaxäöi 'sie stellen' 


a 


UJ 


U) 


1. Sg. Ti|aüj; 1. PI. Konj. Ti,uuj|Liev aus 
Ti|Liduu|U€v ; G. PL Kpeüjv. KGpujv ; bpüj 
'ich tue', P. Perf. ^axibc; 'stehend' 


a 





U) 


1. PL Ti|Liuu|Liev ; 2. Sg. Aor. ^Xuauu aus 
*dXüöao; G. Sg. Kpeuut;, Kepuut;; dYripuuq 
'nicht alternd'; aujqppuuv 'weise' aus 
aaöqppuuv ; G. Sg. ^axüJToq aus ^axaÖToq ; 
cpiw<; 'Licht' aus qpdo(;; aax; 'heil' aus 
ad/o<;; aber xdo? 'leerer Raum', wohl 
entlehnt 


a 


Ol 


LU 


1. PI. Opt. Ti|aiu|Li€v aus Ti)ndoi|Liev 


a 


ö (ou) 


UJ 


3. PL Ind. Ti|LiOüai aus Tijudouai, Akk. PL 
otTripiwc; 


a 


" 


au 




uu 


u 






«JU 


ö (ou) 


uu 


F. piYOJöa 


U) 





uu 


PL ^lYüüvTef; 


U) 


1 0. 


LU 


Opt. ^lYtJuev < *^iYUioiey 


tu 


j U) 


uu 


Konj. f)iTOufiev 



12* 



180 



Laut- und Akzentlehre. 



[§ 191. 



n 


ä, a 


ۊ 


Akk. ßuaiX^ä 


n 

n 


w 


tu 


axili, hom. aT/|iJU 





eu) 


G. ßaaiX^uj^, hom. ßaaiXf^oq 


ou 






n 


u 














€ 


l 


€1 


€l 'du bist' aus *?ai; Dat. t^v€i 


€ 


€ 


€1 


2. P. PI. <pi\eiT€; el7TÖ|Liriv 'ich folgte^ 
£\XOv 'ich hatte"; N. PI. iröXeic;, Tpeiq 
'drei'; 2. PI. nXeixe 'ihr fahrt' au.M 
*TTX^.FeTe ; Vok. TTepiKXeic aus -KXe/eq ; 
N. PI. ßapeic;, Tinxeiq aus -e/eq: eipTa- 
Z[ö|ar|v 'ich arbeitete' aus ^/ep 


6 


e (€1) 


€1 


kX€ivö<; 'berölimf <^ *KX6/€avöc, Inf. qpi- 
Xeiv aus qpiX^eiv 


€ 


€1 


€1 


2. Sg. (piXei?, 3. Sg. bei 










€ 


X 


d 


N. F. äpTUpä, (Jibripä 


€ 


n 


n 


Konj. qpiXf^TC, TTepiKXf^c; aus *K\ifr](; 


€ 


a 


« 


N. PI. T^vri, Akk. Sg. xpii^pn; 2. Sg. Pr«. 
Med. qp^pri aus cp^peai; Gen. Sg. ripoq 
aus ^apoq : ^ap 'FrühHng'. Nach i, £ 
wird a' : ä, Akk, TTepiKX^ä, vyiä 


€ 


UJ 


U) 


1. Sg. cpiXu»; 1. PI. Konj. q)iXu»|ui6v; G. PI. 
Xpuöüjv; G.Pl. der rs-Stänime dacpwv: 
XpüJ|Liai über *xp^uj|Liai aus *xPnoMai; 
1. PI. Konj. OTiü|.i€v aus öTno^ev > 
OT^muev: G. PI. der 1. Dekl. ttu\iüv 
auH *7TuXt'ujv 


€ 





ou 


1. PI. 9iXoö)Li€v; 1. Sg. 3. PI. Imp. ^<p(- 

Xouv: Gen. S^. Yt'vout;; xP^J^^o^"; 
'golden'; öaxoOv Knochen'; ^vöou- 
aidlexy 'begeistert sein' : deö? 


e 

€ 


Ol 


Ol 


Opt 9iXoiM€v 


ö (ou) 


ou 


Akk. PI. xpwaoöc; aus xpwö^ou<;, 3. PI. 
q)iXoOaiau8q)iX^ouai,boöai 'sie binden' 


f- 


1' 


f1' 


€U 'gut' 



§191.] 



Kombinatorischer Wundol der Vokale. 



Ifcl 



lU 


d, a 


U) 


Akk. i'i()U) :uiH jjpuju 


U) 


n 


UJ 


Konj. 2. l'i. f)iYUJT€ 


UJ 


e (€1) 
ei 






UJ 


^ 


3. Sg. Konj. ()iTöi 


U) 


€ 


U) 

UJ 


YCUJpYÖq 'Landmann' aus Ttuj/€pTÖ(; 


uu 


Dat. rjpLu 





u 


ou 1 

1 








ou 


G. Sp:. iTTTTou aus l'TnrofOo; G. Sg. uei- 
^oüc; : -rreiöiü ^Überredung'; 1. P. PI. 
der 0- Verben, bouXoO^ev; 1, Sg. 3. PJ. 
Imperf. dbouXouv; äirXouc; 'einfach' 
aus -o/bc, euvouq Svohlgeeinnf aus 
-vo./oq; qppoupöc; 'Wächter' aus upo- 
opoq; ouq 'Ohr' aus *ö/b(; 





ö (ou) 


ou 


3. P. PI. bouXouai aus *bou\ö-ovai 





Ol 


Ol 


1. PI. Opt. bou\oi,uev 





ou 


ou 


G. Sg. voü 






1 





uu 


UJ 


1. Sg. bouXiJu, 1. PJ. Konj. bouXÜJuev 





a 


UJ 


Akk. Sg. M. F. d. Komp. lueiZiuj, f^biuj; 
Akk. Sg. Treiduj; G. Sg. ujtöc; 'des 
Ohres' aus o/axö^ ; Trpujxoc; aus -rrpö- 
axoc; 





n 


n 


2. D. juiööOuTGv aus luiadörjTov, beruht 
wohl auf einer Analogiebildung 





6 


ou 


2. PJ. bouXoÜTe; 2. Sg. Imp. boüXou; N. 
PI. M. F. .ueiZiou?, d)Li€ivou<; ; oivoüaoa 
aus oivö/eaaa ; xpiaKOVTOUxrn; 'dreißig- 
jährig', bouvai 'geben', kypr. bö/evai 





e (61) 


ou 


oivou(; 













i 


Ol 


oi'yvuilu 'öflne' 



182 Laut- und Akzentlehre. [§ 191. 192. 

Schwicrif^' ist es, über die Frage ins reine zu koiumon, 
wie und wann dreivokalische Grui)pen kontrahiert sind. 
Auch Eulen bürg IF. 15, 146 hat sie nicht gelöst. Es 
heißt 2. Sg. Ind. Präs. Med. Ti|Lia aus -Tiiadeai, qpiXei aus 
*qpiXteai, öouXoT aus ••'•öouXoeai, 2. Sg. Impf. Med. eTi)iüj 
aus -''eTiiideo, eqpiXoö aus ■^eqpiXeeo, eöouXou aus *^bouXÖ60, 
^XPUJ aus ■■■•^XP^I^OJ Gen. Sg. xp^c^oö aus "•''xP^^^oo; I^^f- 
Präs. Akk. Ti|auv aus •••TiiLideev, cpiXeiv aus •■^•q)iXeeev, bouXouv 
aus •■••bouXöeev, bi\\)r\\f aus biipi'ieev, piYUJV aus pi^ujeev. Ich 
kann darin keine Regel entdecken. 

Anm. 1. Die Dialekte kontrahieren vielfach anders als das 
Attische, s. des nähern bei Thumb passim, bei Kühner-Iilaß 1, 
200 f., Bück 33. Die wichtigsten Unterschiede, die vielfach auch 
als Kennzeichen der Dialekte dienen, sind: 

a) 6 + € zu )] und o -f- o zu uj im Aol. und Strengdor. 

b) ö, a -|- o zu ä im Westj^r. 

c) a -f e und a + r] zu r) im Westgr., B()Ot. 

d) e + o zu eu im Ion., Rhod., dor. Inseln, Kretisch, Kor., 
Böotisch. 

e) e -}- a bleibt vielfach unkontrahiert. 

Anm. 2. Die Verhilltnisso des Ionischen stimmen zwar 
zum guten Teil mit dem Attischen überein, doch finden sich 
auch Besonderheiten. Das Nähere s. bei Thumb S. 348. 

2. ibcrgang" von i, e, u -|- A'okalen in diphthongischen 
Vorbindungen. 

10!^. Das Idg. und seine Tochtersprachen kennen 
in der IIau}>tsache nur fallende Diphthonge, und diesem 
T^mstand ist es zuzAischreihen, daß Verbindungen wie le, 
10 u. a., in denen der zweite Bestandteil den Ton auf 
8ich gezogen hätte, im Griechischen im allgemeinen nicht 
kontrahiert werden. Indessen gibt es doch Fälle, in 
denen sich im Griechischen i, €, u mit folgenden Vokalen 
zu steigenden Diphthongen verbinden. Da die Schrift 
diesen Tatbestand meist nicht ausdrücken konnte, so 
sind wir, um über diese Erscheinung ins klare zu 
kommen, auf die Metrik und lautliche Vorgänge an- 
gewiesen. So lesen wir bei llom. AifUTrTiuJV, ttöXio^, bei 
Hes. 'HXeKTpuiyviiq u. a. Das konsonantisch gewordene i 



S 192.103.1 Pn.thetische Vokalo und Vokalentfaltunp. 183 

oder e wirkt dann auf den vorhergehenden Konsonanten, 
z. B. thess. ibbiav, und mit Schwund des i dpTuppoi, aucli 
wolil alt. ßoppdtq aus ••ßopeaq und aieppoq aus (TTpepeoq, 
oder füllt ii,'<\nz fort, wie vielfach in Inschriften und 
namentlich in Tapyri, so evuTrv(i)ov, XaYcxv(i)a, dXeKTp(u)ovaq. 
Die besonderen Bedingungen, unter denen dieser Über- 
$:ang eingetreten ist, sind noch nicht genügend ermittelt. 
Im Ionischen spielt nach Meister Herodas 810 ff. der 
folgende Akzent eine Rolle. Vgl. noch Ho ff mann Gr. 
1). 3, 476. 

Dreizehntes Kapitel. 
Prothetische Vokale und Vokalentfaltung, 

193. A. Prothetische Vokale. Es wird fast 
allgemein angenommen, daß sich im Griechischen vor den 
Sonorlauten r, l, n, m, w und vor s sogenannte prothetische 
Vokale entwickelt hätten. Diese Lehre bedarf indes sehr 
der Einschränkung, da man es in vielen Fällen, wo man 
prothetische Vokale annahm, mit Lauten zu tun hat, die 
schon aus dem Idg. stammen. 

1. Anzuerkennen ist wahrscheinlich, daß sich aus 
dem Stimmton eines jeden anlautenden r ein Vokal ent- 
wickelt hat. Man vergl. epudpo«; 'rot', 1. ruher^ d. rot^ ai. 
rudhiräh] — epeßo«;, got. riqis 'Finsternis'; — epiuri, ahd. 
ruoica 'Ruhe'. Aber ganz sicher ist diese Annahme auch 
nicht, da wenigstens in einem Falle, gr. peCuu 'färbe', 
ai. rüjjati 'ist rot, färbt sich' kein prothetischer Vokal 
vorhanden ist. Unsicher ist gr. pedo<s N. 'Glied', ai. ärdhas 
'Seite, Hälfte'. 

Anm. 1. Als Folgerung aus dem Vokal Vorschlag vor p ist zu 
beachten, daß gr. ^ im Anlaut einen Konsonanten vor sich ver- 
loren hat, und zwar s oder ic. Mit sr- sind anzusetzen: ^iTO«; n. 
'^Killte' : 1. frigus'^ ^euu 'fließe' : d. Strom; ^oqpeuu 'schlürfe' : 1. sorheo. 
Mit icr- sind anzusetzen: päbioq 'leicht', äol. ßpaibiox; ; |)dßbo(; f. 
*Rute':l. verbera 'Ruten'; pabivöq, äol. ßpdbivo(; 'schwank, schlank'; 
^ri*fvu]Lii 'breche'; d, wrack; ^eluu 'tue' : d. icirke; ^f|ua n. 'Wort'; 
^riTuup 'Redner, el. /pdxpa. 



184 Laut- 1111(1 Akzentlelire. [§193. 

2. Anlautendes / ist in zahlreiclien Fällen erhalten: 
Xaiü(;. 1. laevus, abg. Uv^ 'links'; — XddKUj 'krache', ahd. 
lahan 'schelten'; — Xefuu 'sammle', 1. lego\ — X6ittu> 
'lasse', 1. Unquo, ai. rinakil läßt frei, leer'; — Xeiraq ii. 
'kahler Fels', 1. lapis. In den Fällen mit «Prothese» 
wird daher eine andere Ablautsstufe vorliegen oder in 
dem Vokal eine Präposition stecken, so in eXaqppög 'leicht', 
ahd. luiujnr 'flink'; — €Xeux>epo<; 'frei', 1. Uher\ — öXiTog 
'gering', lit. Vuia 'Krankheit'; — üXeiqpuu 'salbe' neben 
\mo<; 'Fett'. 

I). Bei m und v sind die Fälle mit 'Prothese' so 
selten, daß sie sicher nicht anzuerkennen ist. Alter Ab- 
laut oder ein Präfix liegt also vor in dvi'ip, ai. nar- 'Mann'; 
— diatXYUJ 'melke', 1. imdgeo] — 6|a6pYVU)ai 'wische ab^ 
aus •■•'d|LiöpTVUjLU, d^epYUj 'pflücke ab' neben )i6pHavT0, ai. 
wrjduti; — övo)Lia 'Name', 1. nömcu\ — övuH 'Nagel', ahd. 
iKUjal. 

4. Über Prothese vor f hat Solmsen Unters. 22011'. 
ausführlich gehandelt. Am bekanntesten sind die home- 
rischen Fälle wie eebva 'ilochzeitsgeschenke', eeXbcup 
'Wunsch', li\öm : ei'Xuu 'schließe ein', ^epöT) 'Tau', ^fcrn 
'gleich'. Diese finden sich nur, wenn die Wurzelsilbe 
natura oder positione lang ist und stehen meist an ganz 
bestimmten Versstellen. Wie weit dies wirkliche, in der 
Sprache vorhandene Formen waren, ist trotz Solmsen 
noch nicht entschieden. M. E. sind sie mit den Fällen 
der epischen Zcrdehnung auf eine Linie zu stellen. In 
eupLK; 'breit' neben ai. muh liegt sicher keine Prothese» 
sondern alter Ablaut vor, eiXaTTivn 'Festschmaus' steht in- 
folge metrischer Dehnung für dXaTTivi'i. 

Anm. 2. Divm wichtigste Beispiel wiire eiKoai '20\ das nach 
Solmsen für i.FxKoax stehen soll. Auch wenn das richtig sein 
sollte, wird das e anders als durch Prothese erklilrt werden 
müssen. 

5. Vor sonstigen Konsonanten ist Prothese entschieden 
abzulehnen. In TaOi sei' ist i = <•, ebenso in iktivo^ 
'Weihe', ixv>0(; 'P'^isch', ^x^^^^ gestern' u. a. 



§iy:}. 194.] Prothotisrho Vokah« un.l \'okalontfiiltiin^'. 185 

An in. 3. Im Hpilteren GriechiHclion ist l'rotlieee vor a |- Kon- 
sonant Hilf kleinafliatiHchom Hoden wirklich belebt. Das hat aber 
nüt iir^ri»H'lii.schen Krsclu'inun^oii nichts zu tun. 

B. Vokalentfaltung. In vielen S})rachen ent- 
wickelt sich aus dem Stimmton der Li(iui(len oder Nasale 
ein Vokal. Diese Erscheinung ist im Urgriechischen 
schwerlicli eingetreten, während sicli in spätrer Zeit auf 
Inschriften, Vasen und Papyri allerdings zuweilen ana- 
ptyktische Vokale finden, vgl. G.Meyer Gr. Gr. ^ 157 ff., 
Mayser Gramm, der Pap. 155. In den aus der Schrift- 
sprache angeführten Fällen liegt alter Ablaut vor, so in 
TdXaKT- neben fXajoc; 'Milch', yakoijjc, neben 1. glos 
'Schwägerin', x^^^^^ 'Hagel', eßöoiLioq 'siebenter', rdXa^ 
neben -iXät; u. a. 

Die griechischen Vokale nach ihrer Herkunft. 
194. (Übersicht.) 

A. Kürzen. 

1. Att. a = idg. d § 90, idg. « § 107, idg. 9 § 109, idg. 7i, 
m § 111, idg. f vor r, l, m, n § 106 b, dem aus idg. r, l ent- 
wickelten Vokal 110, idg. und urgriech. e durch Assimilation § 165. 

2. Att. e = idg. e § 91, idg. e § 106 a, idg. und urgr. a durch 
Assimilation § 166. 

3. Att. o = idg. und o § 92, idg. e vor r, l durch Assi- 
milation § 106 b, idg. und urgr. a und e durch Assimilation § 166, 165. 

4. Att. i = idg. i § 104, idg. e vor Geräuschlauten § 106 a, 
idg. , vor j § 106 c. 

5. Att. u = idg. u § 105, idg. o § 108, idg. . vor w § 106 c. 

B. Längen. 

1. Att. ä = idg. d nach p; i, e § 173, 179, urgr. a bei 
Schwund eines Nasals vor a § 175, dem aus idg. c>v entwickelten 
Vokal § 113, aus Kontraktion § 191. 

2. Att. ri = idg. e § 94, idg. ä § 154, dem aus eU, ,mp, em9 
entwickelten Vokal § 113, urgr. a durch Dehnung § 175, 2, aus 
Kontraktion § 191. 

3. Att. uu = idg. 6 und b § 95, aus Kontraktion § 191. 

4. Att. i = idg. ej9 § 112, idg. di § 123, urgr. i bei Schwund 
eines Nasals vor a § 175; durch den Einfluß eines j § 174, durch 
Dehnung § 175. 

5. Att. ö = idg. eic3 § 112, idg. dii § 124, urgr. u bei Schwund 
von Nasal vor er § 175, durch Dehnung § 175. 



186 



Laut- und Akzontlehre. 



[§ 194. 195. 



C. Diplithongre. 

1. Kurzdiphthon<;e aus Langdiphthonpen § 148. 

2. Att. ai = idg. üi ^ 96. urgr. a durch J-Einfluß § 174. 

3. Att. €1 = idg. fV v^ 97, urgr. e durch Ersatzdehuung bei 
Schwund eines Nasals vor a § 175 und sonstige Dehnung § 175, 
durch Kontraktion von e + e § 191. 

4. Att. Ol = idg. 6i und öi ^ 98, urgr. o durch j-I^inlluß >? 174. 

5. Att. au — idg. tni § 99. 

6. Att. eu :^ idg. eu 4? 100. 

7. Att. ou = idg. 6u und du § 101, urgr. o durch Krsatz- 
dehnung bei Schwund eines Nasals § 17.") und sonstige Dehnung 
§ 175, durch Kontraktion von o -■- o § 191. 



33. lv.onsonaiitisiniis. 

Vierzehntes Kapitel. 
Der indogermanische Konsonantismus. 



I. Das indogermanische Konsonantensystem. 

195. Die Forscliung hat uns zur Aufstellung üqü 
folgenden Konsonantenpystems im Idg. geführt. 



.2 ' ^ 
Artikulations- '5 « 

stelle S £3 


.2 


X 

es 




03 

es 


Labiale 7> [ ph 

i 1 


b 


bh 




— 


tu 


i ! 
Dentale / fh 

1 1 . 


d 


dh 


/CO 

8 


Z 


n 


1 
Talatale Ä' }/h 


9 


9h 


— 


— 


h' 


1 
reine Velare A- 


/./« 


9 


9h 


— 


— 


t) 


1 
labialisicrte ' , ,,, 
Nt'lHro 


k^rh 


9"" 


9''h 







— 


I»;i/n kdiiiiiH'ri r, /. / uiid ". 



^ lOr).] |)ür in(l();;t!nu:iniHcli(^ Konsonantismus. 187 

A n m cik u n^en. 

1. Diis indo^erniunisclie Konsonantoneystem zeipjt nach der 
anp;oj]jebonen Tabelle vier vcrschiedeno ArtiknhilionBarten, die, 
wie es scluMut, an fünf verschiedenen ArtikuhitionHstellen hervor- 
gebracht worden können. 

l>ie TenueH und Mediae treffen wir in allen Sprachen, da- 
gegen sind die beiden aspirierten Reiiien nur im Indischen vor- 
handen. Die Tenues aspiratae sind indessen auch hier selten. 
Für die im Indischen vorliegenden hh, dh, gh (h) zeigt das Grie- 
chische qp, \>, X. tlas Lateinische f, h (b, d, (/). Wir setzen sie 
nach dem Indischen als Me(hae aspiratae an, die im Griech. und 
Lat. zunächst zu Tenues aspiratae und Aveiter teilweise zu Spi- 
ranten werden. In den übrigen Sprachen gehen diese Laute in 
Mediae oder stimmhaften Spiranten über. Die Mediae aspiratae 
sind ihrem phonetischen Charakter nach so sonderbare Laute 
(tönende Verschlußlaute mit nachfolgendem tonlosem Hauch), daß 
man an der Richtigkeit dieses Ansatzes gezweifelt hat. Walde 
KZ. 34-, 461 ff. möchte daher in ihnen idg. Spiranten sehen. Doch 
widersprechen Spiranten dem Lautcharakter des Indogerm., so 
daß wir vorläufig bei der jetzt üblichen Annahme bleiben. 

2. Bei den verschiedenen Artikulationsarten bieten die La- 
biale und Dentale keine Besonderheiten, da sie im wesentlichen 
in allen Sprachen bleiben. Um so größere Schwierigkeiten haben 
die Gutturale bereitet. Die Geschichte des Problems findet man 
bei Bechtel Hauptprobleme 291 übersichtlich dargestellt. Durch 
A. ßezzenberger BB. 16, 234ff. haben wir gelernt, drei Eeihen 
anzusetzen, nämUch 

a) sog. Palatale. Sie sind in den centum-Sprachen durch 
Verschlußlaute, k, g usw. vertreten, in den satem-Sprachen 
durch Spiranten, ursprünglich s- und ^-Laute. 

b) Einfache Gutturale, die in allen Sprachen durch Verschluß- 
laute l', g, gh vertreten sind. 

c) Gutturale mit einem w-Nachschlag (labialisierte Gutturale); 
westidg. k^f^, g^^ ghw gegenüber ostidg. Ä-, g^ gh. 

Man ersieht das Nähere aus folgender Tabelle: 



188 



Laut- und Akzentlehre. 



[§ 195. 





Gr. 


Lat. 


Kelt. 


Geriü.l Idg. 


Lit. 


Slaw. 


Iran. 


Aind. 


a 
h 


K 

K 
Tr,T 


Ä- 


A- 


h k 

11 


.s 


s 


,v 


.s 


A- 


k 


h 

1 


1 
k 


1 
A- 


k 


A- 


A- 


qu 


P 


k 


A-w 


A% A-' 


h6,c 


hi 


A% c 



Keine idg. Sprache unterscheidet demnach drei Reihen, es 
sind vielmehr im Westen Reihe a und b, im Osten Reiiie b und 
zusammengefallen, und es liegt die Möglichkeit vor, daß auch 
das Indogerm. nur zwei Reihen gekannt hat. Dies habe ich 
BB. 24, 218 fl\ angenommen. Ich setze voraus, daß das Idg. eine 
A-«'- und eine A--Reihe kannte. Letztere hat sieh im Osten in 
eine k- und eine A'-Reihe gespalten, indem /• vor hellen Vokalen 
zu k' wurde. 

3. Idg. z ist aus .^^ vor tönenden Lauten entstanden und 
kam, wie es scheint, nicht selbständig vor. 

4. Die Nasale w und i) stehen ebenfalls nur vor dem ent- 
sprechenden Palatal und Guttural und sind Assimilationsprodukte. 

5. Die Spiranten / und d sind Laute, die im wesentlichen 
nur auf Grund des Griech. angesetzt werden und daher unten 
ihre Jiesjirechung finden, vgl. dazu Pedersen KZ. 36, 103 fL 

6. Bei der Vergleichung des Indischen ist das Hauchdissi- 
milationsgesetz Graßmanng (KZ. 12, 81 If.) wichtig, nach dem 
von zwei Aspiraten in zwei aufeinanderfolgenden Silben die erste 
ihre Aspiration verliert. Ai. h, d, g können in 8t)lchem Fall idg. hh, 
flh, gh entsprechen. t)ber das gleiche Gesetz im Griech. s. § 234. 

7. Kür <lie \'ergleichung der germanischen Worte ist die 
Kenntnis der deutschen Lautverschiebung nötig. Durch die erste 
ge meingermanisohe Verschiebung werden: 

a) die idg. Medien zu Tenues, h, d, g zu y, /, A-; 

b) die idg. Meiliae aspiratae zu stimmhaften Spiranten und 
Medien, hh, dh, gh (gr. q). 0, x^ '^-^ ^- ^' H'- 

c) die idg. Tenues zu stimmlosen Spiranten im Anlaut und 
wenn der idg. Akzent unmittelbar vorausgeht; sonst fallen 
sie mit b zusammen, p, t, k zu /*, f, h oder h, d, g. 

Durch die zweite hochdeutsche Lautverschiebung ent- 
stehen 

a) aus ;), /, A- im Anlaut ;>/", z, A-, im Inlaut ff, ss, ch: 

h) die (ihrigen Laute bleiben, nur /> wird zu (/ und <i zu f. 



•§ 19G — 108.] Der indoKcniuinischo KonsonantismiiH. 189 

II. Indogermanische Veränderungen der Konsonanten. 

100. Schon das Idjjj. hat eine Reihe von Ver- 
nnderun<2;(Mi bei den Konsonanten eintreten lassen, die 
allerdings gc^genüber den Wandinngen des Vokalismus sehr 
gering zu nennen sind. Freilich ist unsere Kenntnis 
auf diesem Gebiet noch recht mangelhaft, da diese Er- 
scheinungen der Forschung bei weitem nicht so zugänglich 
sind wie die auf dem Gebiete der Vokallehre. 

A. Assimilationen. 

197. 1. Mediae werden vielfach vor stimmlosen 
Lauten zu Tenues. Es könnte daher die Dififerenz zwischen 
ZevKTOc; ^angeschirrt', 1. jundus und l\j^öv 'Joch', 1. jiigum 
schon aus der Ursprache stammen. Zweifel dagegen äußert 
Pedersen KZ. 36, 107 ff. 

2. Umgekehrt wurden tonlose Laute stimmhaft vor 
tönenden Geräuschlauten, z. B. eirißöai 'Tag nach dem 
Feste' aus "^epipd-. ßö ist die Schwundstufe zu ped- 'Fuß' ; 

— ßöeiv 'farzen' gehört zu 1. pedere^ Grundform '^pzd. 

3. Die Aspiraten konnten nur vor Sonorlauten stehen 
und wurden daher vor andern Lauten verändert. 

a) Vor Aspiraten verloren sie ihre Aspiration (für das 
Griechische nicht von Bedeutung). 

b) Auf folgende unaspirierte Geräuschlaute ging ihr 
Hauch über, und folgende Tenues wurden zu Mediae 
aspiratae, also IM zu hdh usw. 

Da die Mediae aspiratae im G riech, zu Tenues aspi- 
ratae werden, so erklärt sich Xeaxri 'Herberge' zu \ixoc, 
'Bett' aus Hegliska, Hegzghä; — irdaxtu 'leide' : rraOeiv aus 
-'^pndhskö, '^pndzghö; — löxaTOc; 'äußerste' aus "^eghskatos; 

— aicrxo«; 'Schande' zu got. aiiviski 'Schande' aus "^aigh^skos. 

B. Wechsel von Konsonanten. 

198. 1. Ein Wechsel von Media und Tenuis war 
im Idg. ziemlich häufig. Es scheint die Tenuis hinter 
oder vor Nasal in die Media übergegangen zu sein. 



190 l.aut- und Akzentlchre. [§ 198. 

Beispiele: ahd. skeülan ^scheiden ,idf^. '■skhaifü: 1. sicindo, 
ai. rhinddmi ich spalte', gr. CTxiön gespaltenes Holz'; — 
gr. öeKcxq, öeKctbo^ 'Zehnheit' : xpid-KOvia '30'; — gr. TTCtcr- 
oakoc, 'Pflock, Nagel' aus ••TrdKJaXoq, 1. päx : ttiiyvö^i 
mache fest', 1. pango\ — 1. pimio male' : abg. p7safi 
'schreiben' aus '''pikd-; — gr. öiKi] 'Recht', 1. diccrc :bibe\^- 
}iai 'ich bin g<'zeigt worden', beifina 'Pr(>])estück\ ahd. 
zeihhan; — gr. ipidKOVia 't>0\ eiKOCJi '20' : 1. viginii^ sep- 
tingeiiti. 

2. Media aspirata und Media wechseln ebenfalls seit 
idg. Zeit. Beispiele: ü.(JTe\Ji(pr\<; 'fest : axeiißtu 'ich er- 
schüttre, trete uiit Füßen ; — dqppö(g 'Schaum' : gr. ö|LißpO(g 

Regen; — TTuOui'iv 'Boden: rruvbaH Boden'; — gr. ttXiv- 
do<; Ziegelstein: ags. ßint 'Kiesel, Feuerstein'; — ai. 
mnhdn 'groß, mahimd 'Größe': gr. )LieTCi?> got. mikih 'groß '; 

— ai. (ihdni: gr. efUJ, 1. ego^ got. ik; — ai. hanuh 'Kinn- 
backen': gr. Ttvu<; Kinn', got. kinnus 'Wange'. Die Ur- 
sache ist unbekannt. 

Anin. Über weiteren Wechsel der VerschluUlante s. J^)riig- 
maiin Grd. I- G29 ff. 

3. Im Anlaut erscheint häufig ein Wechsel zwischen 
.s- -\- Kons, und einfachem Konsonant. Gr. Gii^yyi : 1. tego\ 

— KXiii'g 'Schlüssel', 1. dando : d. schließen aus s{k)l. Der 
Fall ist so häufig, daß (^s gestattet ist, derartige Worte 
mit und ohne .s- zu vergleichen. 

4. Statt der zu erwartenden Lautgruppen ?/t, wl 
finden wir nicht selten ru. In, z. B. Xüko(; 'Wolf gegen- 
über ai. vrkah, got. wuJfs. Siehe darüber § 120 Anm. 2. 
Entsprechend steht es auch mit unsilbischem nr, id. Be- 
trachtet man die sehr guten Etymologien gr. veupov 'Sehne, 
Flechse' : 1. 7icrvns 'Sehne'; gr. iraOpoc; 'klein, gering' : 
\. parvus\ gr. Taupoq, 1. taurus 'Stier': gall. iarvos; gr. av\öq 
'Flöte, Röhre' : 1. alvus 'Höhlung', so zeigt eich ein Wechsel 
in der Stellung von n und r (/). Wenn man annimmt, 
daß die Formen etwa fa-irro-s usw. lauteten, so kann man 
verstehen, wie daraus auf der einen Seite au-r, auf der 
andern artr werden konnte. 



§ 199.] Der indo^cnuaiiiNchc KoiiHuiiaiitiHiniiH. ÜJl 

C. Schwund von Konsonanten. 

11HK 1. ?r und wahrscheinlich auch .; sind unter 
pjewisson l^edinjjjungen im Idg. schon goschwunden, viel- 
leicht in unbetonter Silbe. Diese noch nicht genügend 
erforschte Erscheinung ist ziemlich verbreitet und muß 
lierangezogen werden, um eine ganze Reihe von Eigen- 
tümlichkeiten im Griech. zu erklären. Beispiele: /tt 
aus "^'sfreks, aber 1. sex, d. sechs ^ lit. sest, abg. sesti, ai. .ya.s; 

— gr. ((T)/bi 'ihm', aber 1. sihi; — gr. /edo<; 'Sitte' zu 
got. sidus (ohne w)] — -^tiriq 'Verwandter' zu h. eiapo^ 
'Gefährte (ohne J") aus '^set\ — gr. toi 'fürwahr', 1. fibi 
zu two- in ai. tväm 'du', gr. cre 'dich' aus '•'ffre; — Texeiv 
Aor. : TiKTiu 'gebäre', tckvov 'Kind' aus '-'ffcek zu ai. täkdui 
'Nachkommenschaft, Kinder ; — qpeßojuai 'fliehe' aus 
•■•'•q)/eßo|Liai : cpeuYUJ 'fliehe'; — Koirai 'Gelüst', Kicrcra 'Ekel', 
aber preuß. quäits 'Wille', lit. kviecü 'lade ein'; — KttTTvoq 
'Rauch' : 1. vapor^ lit. kväpas 'Rauch'; — boio^ 'zwiefach' 
neben ai. dvajäh 'zwiefach'^ öi-, 1. dl- neben 1. hi aus '-'dwi. 
Vgl. Wackernagel KZ. 24, 601 f., Solmsen Unter- 
suchungen 197fr., 211 ff., Sütterlin IF. 25,54. Für j 
sind die Beispiele seltener. Sicher sind xo^ctkuu 'stehe 
offen' : 1. Märe, Jitsco aus ^gli(J)d-skö\ — 1. spuo: gr. tttuud 
'speie' aus '^pjnjö. Brugmanns Zweifel an dieser Laut- 
erscheinung Grdr. P, 259 sind durchaus unberechtigt. 

2. s schwand nach langem Vokal und Diphthong vor 
r, m, n\ 1. ver: gr. eap 'Frühling', idg. '^ice[s)r und '^wesr; 

— gr. aupiov 'morgen' aus idg, •%2/(.s)rio?» zu 1. auröra 
aus '^ausösa; — gr. ibveo|nai 'kaufe', 1. venumdare: ai. vas- 
näm 'Kaufpreis', wahrscheinlich aus idg. u'e(s)no; gr. Aor. 
eaßrjv 'erlosch': sonstigem crßecr- 'auslöschen' aus '^zgesm; 
ecyßriv verhält sich zu ecrßecTa wde 1. ver : gr. eap, Zfjv : 
1. Jovem. 

3. Vor gewissen Konsonanten, zu denen namentlich 
7)1 gehört, und im Auslaut schwanden i, u, r, n, m nach 
langem Vokal. Dadurch erklärt sich der § 122 ff. be- 
handelte Ablaut und Zriv, ai. djäm, idg. '^djem aus '^djetim; 



102 Laut- und Akzentlehre. (§199. 

— Akk. ßiJüv Rind , ai. (jam, idg. •■'g'^'om aus '■'(f^äum; — 
1. homo neben öaiuuuv; — ai. pitci neben gr. irainp. 

An 111. Die beiden letzten Fälle und auch die folj^enden 
gehören eng zusammen. Sütterlin IF. 21, 54 spriclit die Ver- 
iiiutun«? aus, daß «schon uisprachlich nach langem Vokal (oder 
l)ij)lithonj,') jeder Geriiuschhiut geschwunden sei vor einer Liquida 
oder einem NasaU. Daß wir im Idg. mit einem weitgehenden 
KonHonantenschwund zu rechnen haben, ist auch ganz meine 
Meinung und Hchon in der 1. Aufl. dieses Buches § 281 ange- 
deutet worden. Einen kühnen iStreifzug nach dieser Richtung 
unternimmt Heinrich Schröder in seinen Ablautstudien, 
Heidelberg 1910. 

4. .s ist zwischen zwei Verschlußlauten geschwunden: 
gr. eKToq sechster, ahd. sehto zu idg. ""siceks. Das s ist 
aber vielfach wieder hergestellt worden. 

5. Schwere Konsonantengrujipen werden verschiedent- 
lich vereinfacht. So wurden nach de Saussure MSL. 
(), 246 ff. -ttr-, -ttl- zu -//•-, -//-, vgl. fatipov 'Maß' : |ueÖ0)Liai 
aus "^mcd-trom; — got. ))iajjl 'Versammlungsplatz' zu got. 
ijamötau 'Raum haben', engl, io meef\ — gr. ucriepa 'Ge- 
bärmutter' : 1. Uterus^ ai. luJäram 'Bauch'; — Yocrinp 
*ßauch' aus '^'g^'eiitter : 1. venter aus '^'g^^nttro, 

6. Nach Job. Schmidt Kritik der Sonantentheorie 
87 f!'. schwindet in der Verbindung -mn- hinter langer oder 
konsonantisch scliließender Silbe das //. 

Es heißt daher hom. ctTepajUVOV unerweicht, hart', 
aTTCtXauvoq untätig, vujvu)nvoq namenlo.*^'. aber ^u(TcreX|io^ 
zu dem ;?-Stamni at\,ufx 'Ruderl)alken', daTrepiaoq zu 
a7Tep)ia 'Same', ßaOuXeiiaoq zu Xei|iujv 'Wiese'. In einer 
Reihe von Fällen, wo m und n in einer Wortsippe wechseln, 
ist diese Doppellieit mit Schmidt auf älteres mn zurück- 
zuführen, das teils zu -m-, teils zu -//- vereinfacht wurde, 
so 7TUv>fii'iv 'Grund, l^odcn' zu ai. hudhnnh 'Boden, Grund', 
ahd. hothim; — TTUTMn Faust' zu 1. puguus; — dep^öq 
warm' zu \. furnm 'OfoiT; — TtKvov 'Kind' zu ai. tökman- 
N. ^\bkümraling'. 



^200.201] Dor iii'loKerinanische KoneonantiemuH. 193 

D. Übergangslaute. 

JiOO. Zwischen zwei Dentalen hatte sich schon im 
h\\x. ein Spirant entwickelt, der im Griechischen als .s- 
erscheint. Vor ihm war f wohl durch Dissimilation ge- 
schwunden. Im Lat. und Germ, erscheint .s'.9 für tt, für 
(hUi, dht, (üidh aber 1. .sY, got. z<l, Kelt. f. Dieses Gesetz 
bleibt im Griechischen lebendig, so daß jeder Dental vor 
f in A- übergeht. Zum Stamm Jib- 'wissen' (oiöa) gehören 
2. Pd. Perf. oicrda 'du weißt', Irap. i'crO^i 'wisse', iaiopia f. 
'Erforschen', 'iCTTuup 'der Wisser', d-i(TToq 'ungesehen'. 
Der Aoristus passivi und das Verbale auf -TÖg aller auf 
Dental ausgehenden Verben wird daher mit er gebildet ; 
dXacTTOc; 'nicht zu vergessen' : Xav^dvojuai; diraaTO^ der 
nicht gegessen hat' : Traieoiuai 'esse'; — Kecriog 'durch- 
stochen, gestickt' iKevTeu) 'steche'; vficTTK; 'nüchtern' au8*ve- 
"6ÖTKJ, vriCTieueiv 'fasten', uJur|(TTriq 'Rohes fressend'; dpiCTTOV 
n. 'Frühstück' aus Mjepi-CTTOv ; TpiaKOö"TÖ<; 'der Dreißigste' 
aus ■■^•TpiaKovTTÖq; dcr7TicrTii<; 'Schildträger' : dcrTTi(;, Gen. 
dcTTTiboq; hom. ttoXOWicttoc; 'viel angefleht' zu Aor. XiiecrO-ai 
flehen'; KexacTTai 'er ist geschmückt' gegenüber KeKabjuevo^ 
Pindar; i|/euö"dfivai 'getäuscht werden' : ijjeuöojuai 'lüge'; 
TricrT6(; 'treu' : 1. fidelis. 

Für die Lautgruppe ddh usw. lassen sich anführen: 

Kucrdoc; m. 'Höhlung, weibliche Scham', 1. ciistös 'Wächter', 

got. huzd 'Schatz' : Keu^uu 'verberge' ; gr. luicrO-ö^ 'Lohn', 

got. mizdö daneben d. miete; Imp. TreTTicT^i 'vertraue': 

ireTTOiO^a; für dd ^al6<; 'Brust', ai. meda/i 'Fett', ahd. mast: 

Liabdoj 'bin naß'. 

Anm. Ich glaube, daß -ab- fast immer und Z (zd), wo es 
nicht auf -dj- zurückgeht, stets aus ddh, dd entstanden sind. 

E. Dissimilationen. 

201. 1. Xach Job. Schmidt KZ. 26,348 0". soll 
idg. SS unter gewissen Bedingungen zu ts geworden sein. 

Dieses Gesetz spielt bes. bei der Erklärung der Endung 

des griech. Partizipium perfekti eine Rolle: Gen. M. ei5ÖT0<; 

wissend' gegenüber iöuia aus *iöuö[y'a. Obgleich es von 

Hirt Griech. Laut- u. Formenlehre. 2. Aufl. 13 



194 Laut- und Akzentlehre. [§201—203. 

den mei.-^ten Forschern abgelehnt wird, scheint es mir 
doch richtig zu sein. 

2. Von zwei Liquiden in verscliiedenen Silben scheint 
die eine zu n dissimiliert zu sein. Gr. KapKivoq ^Krebs^ 
und 1. Cancer sind die Ergebnisse einer Grundform mit 
doppeltem r. bevbp(e)ov 'Baum' steht wohl für '^derdrom : 
gr. bpu(;. Ferner gehören hierher eine ganze Anzahl offen- 
bar reduplizierter Bildungen wie Tr€)a9p]"i5ujv, T6vöpr|öujv 
'Bienen- oder Wespenart', faTTpaiva fressendes Geschwür » 
Ke-fXPO<; Hirse', TavTaXeuuu 'schwanke' u. a. 

3. Auch die Eigentümlichkeit, daß im Idg. von 
mehreren anlautenden Konsonanten häufig nur einer in 
der Reduplikation erscheint, wie 'icTTiiim aus '-'sistäym^ 
ßißpüucTKuiJ, TiTVuuaKUJ wird auf idg. Dissimilation beruhen. 
In einzelnen Fällen scheint sogar ein einfacher Konsonant 
geschwimden zu sein, wie in efeipiu 'wecke', das man mit 
ai. jägarfi 'wacht' vergleicht. 



Fünfzehntes Kapitel. 
Die idg. Konsonanten im Griechischen. 



I. Tenues und Mediae. 

5J055. Die Tenues und Mediae j;, h, /, d, k\ i}\ h, (j 
bieten hinsichtlieli ihrer Entwicklung im Griechischen und 
Lateinischen kaum Anlaß zu Bemerkungen. 

*ZOti. Idg. p = gr. TT, 1. p, usw., got. deutscli ./' und h: 
TTeKUJ kämme', 1. pecto\ — hom. TiXtKoi ilechte', 1. plecto, 
d.ßechte; — irveiu wehe, atme', TTveufia Hauch' :anord../><^srt 
blase ; — irpo vor , 1. jno, got. fm-, d. ver; — ipdiu 
'l)erühre, zerreibe', ai. 2)sati 'ißt, kaut' aus Hhcsä; — tttuiu 
'epeie', 1. spuo (urspriinglicher Anlaut unklar), daneben 
TTöTiluj 'speie wiederholt' (wohl durch Dissimilation aus 
^TTTUTi^tu); über den Anlaut ttt vergleiche noch § 257; — 
aTievöuj 'l)ringe ein Trankopfer', 1. apondeo 'gelobe'; — 



^203 — 205.] Dio id^. KonHonuntcn im CiricchiRchcn. 195 

anX^iv 'Milz\ 1. //>//, (Imzu aiicli cnrXcrfxva 'Eingeweide'; 
XtTxac; n. 'iviililer Fels, Jierg', 1. lapis; — ttuttttoc; '^Groß- 
vater'; — üttXov 'Wafle'; — Üttvo? 'Schlaf, 1. somnus; — 
Kdirpog 'Eber\ 1. vaper 'Ziegenbock'; — ^KAeij;« 'habe 
gestohlen', 1. clcpsi; — 4tttu 'siebc^r, 1. Septem; — e(TTT6po(^ 
ui. 'Abend\ 1. vesper; -tt)li- wurde zu -)U|H-, s. § 243, o. 

204. ]dg. b = gr. ß, 1. b usw., got. p, d. pf, ff, p\ 
hom. ßÜKTri<; 'schwellend', vielleicht zu lat. hucina 'Wald- 
horn'; — (JTeMßiu (spät) Murch Stampfen erschüttern', d. 
stampfen; — ö)nßpO(; 'Regen', 1. imber; — KUjußoc; ^Get'äß, 
Becken', d. Humpen; — ßdKipov 'Stab', 1. bacuhim, ndd. 
pegel 'Stab'. 

Anm. Idg. b war verhältnismäßig selten, und gr. ß ent- 
spricht daher in den meisten Fällen nicht idg. b, sondern g^', 
8. § 219. Die Gruppen ßp, ßX gehen außer auf g^^'7% g'^'l auch 
häufig auf mr, ml zurück, s. § 245, 1. In ßbeuu 'farze' aus *bzdy 
1. pedo, aus *pezdo ist ß aus p entstanden. 

205. Idg. t = gr. T, 1. t usw., got. p und d, d. d 
und t: dor. tu 'du', 1. /m, d. du; — hom. TexaTUJV 
'fassend'^ 1. tetigi] — hom. TXrjxoc; 'duldend': 1. {t)latus 
(tX- nur in diesem Stamm belegt); — Tjuriioq 'geschnitten': 
T6)Liviu 'schneide', der Vergleich mit 1. temphmi ist unsicher; 
T|Li- ist nur in dieser Basis vorhanden; — Tpe|uuj 'zittere' : 
1. tremo; — (TTopevvu)LU 'breite aus', 1. sfernere; — \OTr]}ii 
'stelle'^ 1. stOy d. stehen (t un verschoben, weil nach s stehend); 
— eil 'ferner', 1. et; — tt erscheint als ursprünglich nur 
in Koseformen wie leiTa, ctTTa 'Väterchen', xeiTiH 'Baum- 
grille, Zikade', sonst ist es aus andern Lautgruppen ent- 
standen; — TV fehlt anlautend, inlautend in Tröxvia 
'Herrin', ai. pätnj. 

Veränderungen des t. 

1. Vor Dental wird t zu (T, s. § 200. 

2. Vor i wird t unter noch nicht klaren Bedingungen 
zu er. Der Lautw^andel findet sich in allen Dialekten, 
aber in verschiednem Umfang. Im lon.-Att. bleibt t 

a) im Anlaut, z. B. TicTig f. 'Buße, Strafe', ti^ 'wer', 
Tivdcrcruu 'schwinge'; 

13* 



1V)6 Laut- und Akzentlehre. [§205. 

1)) nach a, z. B. ecTii 'er ist', abor xiv^iicri 'er legt\ dor. 
indessen ridiiTi, ttictti^ 1". 'Treue', aber Oeaiq f. 'das 
Setzen', ladcriiH f. Peitsche, eCTiia 'Hi^d', 1. Vesta; 

c) in einzelnen Worten: eii 'ferner', (XKiiq f. 'StraliT, 

iKTivo^ m. 'Weih, öwifvi") f. 'Gabe' u. a. 

Anm. 1. o aus t finden wir bei den alten //-Stämmen 
gr. ßdaiq f. 'Tritt, Gang'; bööiq f. 'Geben, Gabe\ aber boTiKÖq 'zum 
Geben geneigt^ biuTiv)-| f. 'Gabe, Geschenk'; ttööic m. 'Herr': 
TTÖTVia f. 'Herrin'; Otaiq f. 'Setzen' ; deTiKÖq 'setzend, festsetzend'; 
bei den Ableitungen auf -loq von /-Stämmen: dMßpöaio^ 'un- 
sterblich' neben ä|nßpoTO<; ; TrXoOaioc; 'reich' : TtXoÖTO<; 'Reichtum^ 
und bei den Ableitungen auf -lü von /-Stämmen: euepxeöiä f. 
'Wohltätigkeit' neben euepY^xric m. 'Wohltäter'; ferner in der 
8. P. Sg. Präs. der Verba auf -|ai: xiOnöi er setzt', dor. TiOrixi, 
d. 3. P. PI. q)^pouai, dor. qp^povri und in einzelnen Fällen wie 
€iKoai. dor. /'iKaii 'zwanzig', 1. viginti. 

Anm. 2. Die Dialekte gehen verschiedene Wege. Das 
Dorische hat auch vielfach ö, aber -ti in den Verbalformen 
3. Sg. bibujTi, 3. Plur. 6X0VTI und in J-\k(xt\, während das Achäische 
auch in diesen Fällen -ai zeigt. Das gesamte Material bei 
Kretschmer KZ. 30, 565 0". Nach ihm bleibt x vor betontem i, 
und wenn -xi im absoluten Auslaut steht bei betonter Pänultima. 
P>rugnianu InSGW. 1895, 4G ff. nimmt dagegen an, daß x zu a 
wurde (aucli in der Verbindung öx), wenn i und auch e unsilbisch 
gesprochen wurden, s. o. § 192. Das konnte nur vor Vokal ein- 
treten, z. ^^. in TTXoOaioc; aus *tt\oOxio(;, TiOrjcn aus TiOrjxi vor fol- 
gendem vokalischem Anlaut. Beide Erklärungen müssen zahl- 
reiche Analogiebildungen zu Hilfe nehmen, ohne die Sachlage 
einwandfrei aufzuklären. Doch ist Brugmanns Auffassung für 
Fälle wie TTXo\jaiO(; entschieden richtig. 

3. In einer Reihe von Fällen ersebeint (5 für t auch vor 
u, 80 in au, 1. /«; — hom. iriaupeg 'vier', lit. ketun; — hom. 
il|Lii(Tu<^'balh' neben epid. fiuiieiav, kret.|n|,uiTu-eKTU); — oictut] 
'Weidenart', hom. oicTuivo^ zu eiiea 'Weide*; — aescbyl. 
arjCTupog lufti«^' zu ai. räfulali 'windig. Die Bedingungen 
für diesen Lautwandel sind trotz Lagercrantz Unter- 
suclningen liM Ü\ und Brugmann Ber. d. sächs. Ges. d. 
Wiss. 1901, 89 noch nicht klar. Brugmann nimmt den 
Lautwandel nur für den Inlaut liinter Vokal, Lagererantz 
nur für die Stellung vor Kürzi; an. Beides befriedigt 
nicht. Mir scheint es sich um einen dialektischen Laut- 



§205 — 207. J Die idp. Konsonanten im Griechischen. 197 

n'iindol zu hiuult'lu, der vor allem im loniöcben unter 
nicht klaren Bedingun<;en eintrat. Richtig ist jedenfalls, 
wie Brugmann voraussetzt, dafj der i^autwandel durch den 
Übergang von ii zu jn (s. i^ 153) bedingt ist. 

!20l». Idg. d = gr. b, 1. d usw., got. t, d. ,r-, -s.s-, 
-z-: 6ibuj|Ui 'gebe', 1. darr\ — ötKa, 1. decem, got. faihtiH, d. 
zehr, — ÖOjLioc; 'Haus', 1. domus, d. Zimmer; — öaieoinai 
'verteile', d. verzettele; — öeiKvuiui zeige', 1. dico 'sage', d. 
zeihe; — ö\ fehlt, wird anlautend zu f\, vgl. yXuku^ 'süß', 
1. dulcis, inlautend zu \\, s. § 243,2; — b\i- nur in Bil- 
dungen von öajLiduu 'bändige', 1. domäre wie ö|Lnicri(; f. 
'Bändigung' und in ö|uijbg m. 'Sklave', zu lat. domus 'Haus , 
umgestaltet zu |uv, s. § 246, 3; — öv in hom. övoiraXiZ^uj 
'schwinge hin und her', hom. övoqpepöq 'dunkel, finster , 
bvoqpo^ m. 'Dunkelheit', daneben Yvöcpo«; das vielleicht 
eine spätere Entwicklung darstellt, und Kveqpa<;, dessen 
Verhältnis zum vorigen unklar ist; — eöo<; 'Sitz', 1. sedes; 

— e'övov 'Hochzeitsgeschenk', ahd. nidamo 'Kaufpreis für 

die Braut '; — üöpa 'Wasserschlange', ahd. otar^ d. Otter, 

Anm. Mundartlich wurde b zu X, so 'OXuTTeuc; auf attischen 
Vasen. Auf solche Formen geht 1. Ulixes, Polouces, Pollux aus 
'^Potuleukes zurück. 

207. Idg. k' = gr. K, 1. c, got. /?, aber ai. 6', abg. s-, 
lit. s: Kpaöia f. 'Herz', 1. cor, got. hairtö : lit. sirdls, abg. 
srüdice 'Herz'; — hom. xdpiivov n. 'Kopf' aus '•■Kapacrvov, 
1. cerel)rum aus '''keresrom, d. Mm : ai. sirah 'Haupt'; — 
KeiTtti 'liegt': ai. sete 'liegt'; — Kepac; 'Hörn, 1. cornu^ 
d. Hom \ ai. sridgam 'Hörn'; — kXivuu 'biege', \. clivuSy in- 
clinäre, ahd. hlinen^ d. lehnen: ai. sräjämi 'lehne, stütze'; 

— KXe(J^)oq 'Ruhm', 1. cluo 'höre', ahd. Hlotkari 'Lothar': 
ai. sru- 'hören', sravah 'Ruhm', abg. slovo 'Wort'; — ku- liegt 
nur vor in K|ur|TÖq 'gearbeitet, mit Mühe und Anstrengung 
verfertigt' zu Kctjuviu 'mühe mich', ai. sammle 'gibt sich 
Mühe' und in KjaeXe^pov 'Dach'. Ersteres kommt aber 
zunächst nur in der Komposition vor, und letzteres ist nur 
im Et. mag. überliefert; — KvriKÖc; 'gelblich' : d. Honig, 
Über KT- s. 8 257 b. 



198 Laut- und Akzentlehre. [§20S— 211. 

20H. Idg. g = p^r. y, 1. 7, got. k, aber ai. ;, aw. z, 
abg. z, lit. i : T^voq n. 'Gescblecht', 1. grc7/MS, got. kimi : 
ai. janafi^ aw. zä^a- 'geboren'; — f^puuv 'Greis' : ai. jaran- 
'alt', aw.zrt"ryrt;/ 'Alter', abg. zri'fi 'reif werden'; — *f6vu 
'Knie', 1. genu^ got. kniu : ai. y«'//?^, npers. zäuü\ — ftüuu 
'lasse kosten', 1. gnstäre, got. kiusan 'wählen' '.jösah Zu- 
friedenheit', aw. zaosa- 'Gefallen'; — YV^JUpi^oq 'bekannt : 
"frfVujaKuu 'kenne', 1. 7wsro, d. keimen : lit. iinaü 'weiß, ai. 
jämiti 'kennt'; — TP«^? alte Frau' : Yepiwv 'Greis', e. o. 

Anm. In einer Reihe von Fällen weisen die euroyj. Sprachen 
auf </', das Indische auf gh, y^vuq 'Kinn\ 1. gena, got. kinnus, 
ai. hänuh ; — i"^^ '\c\\, 1. ego, ß:ot. ik, ai. aham ; — M^T««; 'groß', 
got. mikihy ai. mahaf- ; — Ou^dTfiP 'Tochter', ai. duhUa. Man 
hat in solchen Fällen einen idg. Spiranten t angesetzt, doch 
können wir es auch mit dem § 198, 2 hesprochenen Wechsel zu 
tun haben. 

JJ09. Idg. k = gr. K, 1. c, ^ot. Ä, und ai. /.-, 
abg. /.-, lit. k: gr. Kaiaia * opuT^aia 'P>dpchlund', Kaid6a<; 
'Erdschlund in Sparta' Hes.: ai. kcvatali 'Grube'; — gr. 
KüXoq 'schön ': ai. kaljah 'gesund, angenehnr; — gr Ka- 
TTVÖ(; Raucir, lat. vapor (aus *cvapor): lit. kvdpas 'Hauch, 
Atem'; — gr. Kdirpog 'Eber', lat. capei'i&i. knprth 'menibrum 
virile' (Foy IF. 8, 295); — gr. KauX6(; 'Stengel', lat. caulis: 
lit. kdulas 'Knochen ; — gr. xptaq, lat. rruor : ai. kravfh 
'Fleisch. 

ÜilO. Idg. g = gr. T> i- H, got. k und ai. abg. 
lit. g: Y«fT«veueiv 'verhöhnen': abg. gqgnati 'murmeln ; 
— TttuXo^ 'rundes Gefäß': ai. gnla- 'Kugel'; — fXiJuxe«; 
'I lächeln der Ähre', dazu auch "f^üjcrcra 'Zunge', d. klug: 
abg. glog^ 'Dorn'; — Tpuiu 'nage': ai. gnisnfi 'frißt'. 

II. Die Aspiraten. 

211. Das Griechische kennt neben Medien und 
Tenues nur noch eine andere Artikulationsart, die der 
Trnues aspiratae. Diesen ent.sprechen im Ind. zum größern 
Teil Mediae aspiratae, d. h. Mediae mit einem folgenden 
ilauch, zum kleinern Teil Tenues aspiratae, während die 
übrigt'U Sprachen aucli nur eine Artikulationsart keimen. 



§2rJ — 214.] Die iil^. Koneonanten im (iriccIuHchcn. lOÜ 

A. Die Mediae aspiratae. 

5il5i. Die idg. Modiae aspiratae werden im Griech. 
und Lat. zu Tenues aspiratae, woraus im Lat. später 
Spiranten entstehen, und zwar stimmlose im Anlaut, 
stimmhafte im Inlaut, die historisch als Medien auf- 
treten. Im Germanischen entsprechen stimmhafte Spiranten, 
die weiter vielfach zu Verschlußlauten worden, im Lit.- 
Slaw. Mediae. 

!S13. Idg. hh = gr. qp, 1. /- und -h-, got. />, d. />, 
ai. hh^ sonst h: qpepiju 'trage', \. fero, got. ha'ira, d. gebären^ 
abg. herq, ai. bhdränä; — qpeuYUJ "^fliehe', l.fugio^ got. bmgan, 
d. biegen] — qpruui 'sage', 1. /«ri, d. büßen; — cpriyoq 
'Speiseeiche', 1. fägus, d. Buche; — qpuXXov 'Blatt', 1. foliiim; 
(ppttTpia 'Brüderschaft', 1. f räter, d. Bruder; — öq)pO<s 
^Augenbraue', d. Braue; — qpXeyuj 'brenne', 9XÖS 'Flamme', 
\. ßagräre, d. blaken; — qpv nur in qpvei Interj. des Nasen- 
schnaubens; — crqpÖTTO<S 'Schwamm' : 1. fungus 'Erd- 
schwamm'; — d)aqpi 'auf beiden Seiten', 1. amb-, ahd. 
umhi; — ojiiqpaXöq 'Nabel', 1. uinbiUcus, d. Xabel; — 6p- 
<pavöq 'beraubt, verwaist', 1. orbus, got. arbi, d. Erbe; — 
ucpaivuu, d. webe; — d'juqpuu, 1. anibo; — Ypdcpcu 'ritze, 
schreibe', d. kerbe; — veqpeXi") 'Wolke', 1. nebida, d. Nebel; 
«Xcpö(; 'weißer Hautfleck', 1. albus; — poqpeuu 'schlürfe', 
1. sorbeo, 

!214. Idg. dh ■■= gr. ^, lat. /- und -d-, in vielen 
Fällen -b-, got. (/, d. t, ai. dh, sonst d: e^i"|Ke 'er setzte', 
1. ßcii, got. gadeds 'Tat', lit. deti 'setzen', ai. dddhäti 'setzt' ; 
— ^ö,u6(; 'Mut', 1. fümns 'Rauch'; — ^oXoq f. 'Kuppel, 
Kuppeldach', got. dal, d. Tal; — duYdirip 'Tochter', got. 
daühtar, d. Tochter; — dupa 'Tür', 1. fores^ got. daur, 
d. Tor, Tür; — ^X- nur in ^Xduj 'quetsche' und dXfßuu 
'drücke, presse'; daneben cpXdoi und qpX'lßuu; nach Ehrlich 
Z. idg. Sprachgeschichte 9 ist dies die Form des absoluten 
Anlauts; — ^v nur in dvr|- 'sterben', ai. ddhvanit 'er 
erlosch'; — dpxiTUJ 'verwirre' : got. dröbjan 'verv\'irren', 
d. trüben; — aiduj 'brenne', 1. aedes 'Haus', eig. 'Feuer- 



200 T.aut- und Ak/entlehre. [§214-216. 

statte', alid. eil 'Scheiterhaufen ; — oudap 'Euter', \. nhcr, 
d. Entcr\ — €\>oq 'Sitte, Gewohnheit', got. sidus, d. Sitte,, 

— fitdu 'berauschendes Getränk', d. Mct\ — )aiav>6<; 

'Lolui', got. inizdO, d. Miete; — aicrödvo)aai 'nehme wahr': 

1. (ludio höre'; — y^I^^^ 'freue mich', 1. (jaudvo; — Kpldr), 

1. hordeiDu, d. Gerste; — )Vv>eog 'unverheirateter Mann', 

1. vidua, d. Witwe; — epuOpö(;, 1. ruhc)\ d. rot; — eXeu&e- 

poq 'frei', 1. lihcr. 

Anm. Im Lakon. wird auf jungen Inechrifton durch a 
bezeichnet. Dieses a steht auch bei llesych, in der Lysistrata, 
bei Thuk. 5, 33 und in den alkmaniechen Fragmenten. 

^15. Idg. (j'h = gr. X' ^' f' ^"<^ fh ?^ot. (/, d. (jy 
abg. z, lit. i, ai. // : xöivuu gähne, klaffe', l.hiäre, d. giihnen; 

— X^*^"^ 'Schnee', 1. hiems, lit. ziema, abg. zima 'Winter , 
ai. himäh 'Kälte', daher himälaja-; — x^^M^ii 'auf dem Boden', 
1. hioni, abg. zvmJja 'Land' (vgl. russ. Kovaja zemlja 'Neu- 
land'); — xn^ 'Gans', 1. unser, d. Gans, \\i. iqs)s, ai. hqsah 
'Gans'; — x^^ gieße', \. juvdo, d. gieße; — X^^^ 'gestern': 
1. heri, d. (jestern, lü.hjah; — x^^po? P^^^i^^^^^^' gelblich', 
1. türidus; — txpctov 'überfiel, bedrängte', 1. ingruit; — öxoq 
'Wagen', 1. i^eho, d. Wagen; — «TX^^ 'schnüre ein', 1. an- 
giistus, d. enge; — 6)LUxeuL> liarne', 1. niingo. 

Anm. Idg. .v/j ist ebenso vertreten, nur daß in den öst- 
lichen Si)rachen Verschlußlaute erscheinen. 

B. Die Tenues aspiratae. 

5ilß. Die idg. Tenues aspiratae sind nur im Indischen 
von den andern (iruppen zu unterscheiden, sonst sind sie 
teils mit den Tenues, teils mit den Mrdiae aspiratae zu- 
sammengefallen. Im G riech, werden sie im allgemeinen 
zu Tenues aspiratae: gr. (TqpapaTtO)iai 'prassele, rausche, 
zische', \. frägor 'Krachen, d. s^) rechen, ai. sphtirjati ^priii>- 
selt, dröhnt'; — gr. aq)i5n 'Darm. Darmspitze', lat. ßdes 
'Saite': — TiXuOavov, 7TXav>avii 'Brett, worauf Kuchen 
])ercitet wird', ai. j/rthü/i 'breit', daneben aber gr. TiXaiu^ 
'breit'; — Endung d. 2. Sg. IN'rf. in olaba 'du weißt', 
ai. vettha du weißt'; — gr. köyxm. kötxo? 'Muschel', ai. 



ij21G. 217.] Dio idj*. KonHonanton im Clriechischen. 201 

§aMii'ih 'Muscher; — ^r. crxi^uJ 'spalte', ai. rhhiätti 

'spaltet'. 

Dom Idg. sth scheint im Griechischen immer (Tt, dem 

idg. .SÄ7/ wenigstens im Silbenanlaut sk zu entsprechen: 

Sufiix des Su})erl. -i(TTO(;, ai. -ist/ia/j; — cttuXo^ 'Säule, 

Pfeiler, ai. tithüräh 'stark, dick'; — 'icrTr||Lii 'stelle', ai. 

tLsfhmni *^stehe'; — (JKd^uj ^hinke', \n. khaüjati hinkt'; — 

CTKid, ai. vhajd 'Schatten ; vgl. Zubaty KZ. ol, 1 If., 

Heinsius IF. 12, 178 ff. 

Anm. Die griech. Aspiratae verlieren ihren Hauch durch 
Hauchdissimilation, s. § 234, vor^' und .s\ Daher fallen tj und thj, 
ts und thi>, pj und phj usw. zusammen, vgl. § 241 f. 

III. Die Labiovelare. 

217. Griechisch tt und t, ß und b, qp und d ent- 
sprechen nicht nur den oben verglichenen idg. Lauten, 
sondern sie stehen auch im Wechsel miteinander, und 
dann erscheinen in den entsprechenden lateinischen und 
germanischen Worten Ä;-Laute mit einem 2<;-Nachschlag, 
!• Q}^y (9)^\ germ. /r, kw, während die safem-Sprachen ein- 
fache Ä-Laute aufweisen. Diese Erscheinungen haben zur 
Ansetzung einer labiovelaren Reihe im Idg. geführt. 

Man hat sich unter den Labiovelaren nichts Sonder- 
bares vorzustellen. Es sind yt-Laute mit einem folgenden 
u, wie in lat. qu. Das u war nach k wahrscheinlich 
stimmlos, und darin liegt der Unterschied zwischen dem 
labiovelaren k^'-' und dem normalen kw. Ein solcher 
Unterschied ist nämlich anzusetzen. Denn wir finden lat. 
sequor == gr. eTTOjuai 'ich folge', aber equos = L iTTTro<;. 
Wie im Griech. ist auch im Indischen ein Unterschied 
vorhanden, es heißt sacämi 'ich folge', aber äsvah 'Pferd'. 
— Das dem Guttural folgende u bewirkte sehr leicht 
einen Übergang der k- in j:;-Laute (so im Umbrisch-Os- 
kischen, Britannischen, teilweise im Germanischen). Im 
Griechischen tritt dies auch ein, doch finden sich vor € 
und i auch Dentale. In den Dialekten sind die Verhält- 
nisse verschieden. Urgriechisch müssen die Labiovelare 



*202 Laut- und Akzentlehre. [§217-219. 

noch vorhanden gewesen sein. Sie sind, was die Artiku- 
lationsart ])etrifft, vollständig mit ku- zusammengefallen, 
über die ganze Frage vgl. Mansion Les gutturales 
grecques. 

551 H. 1. Idg. A""' = 1. qu, gut. /r, ai. k und r, abg. 
/»-, r und r, lit. /.-, wird zu tt vor allen Lauten außer e 
und i. 

Zunächst sind die Labiovelare im Griechischen selbst 
aus dem Wechsel von tt und t zu erschließen: TTOTepoq 
'wer von beiden', TTÖie wann' : liq 'wer', hom. Gen. reo, 
Dat. Teuj, vgl. 1. quo-, quis, got. hapnr Sver von ])eiden', 
d. ireder; — ttoivi'i f. Strafe' : xeiuj, Tiviu '])ezahle eine 
Buße, Tiaig f. Entschädigung, Vergeltung': — rreiaTTdc; f. 
'FünfzahT : Trevie fünf, vgl. lat. quinque; — hom. Trepi- 
7t\6|U6vo^ 'sich herumbewegend' : glbd. hom. 7T6piTeXXö)i6- 
voq; — 7t6t)uo<; m. 'Zufall, Los, Schicksal' : hom. €T6T|aov 
ich traf, erreichte' ; — TidXai 'längst, vor alter Zeit' : 
TriXe in der Ferne, weit', leXo^ n. 'Ende, Ziel, Vollendung; 
TtTTap6(^ vier' neben hom. TTidupec;, got. ßdwö)\ 1. quaftuor 
(mit unursprünglichem a); — TevOpiibuuv 'Wespenart' neben 
gbd. 7T€)aqppriöujv. 

Weiteres ergibt sich durch die Sprachvergleichung. 

1. T vor e: le 'und', 1. qnc. 

2. TT : tTTOuai 'folge'; 1. scquor\ — öi|JO|Liai 'werde 

sehen' : 1. ocnlns; — TTOi/euj 'mache', aind. rinOfi; — das 

Suflix -aTToq in (iXXobarröq 'aus einem andern Lande': 

1. l(>n(/i)iquus\ — ^TToq n. Wort : 1. vöx', — XeiTTLU lasse : 

1. linquo^ got. leiha, d. leihe; — f|TTap n. 'Leber', \. jceur', — 

tvveTTe 'sag an' aus •••'^vcreTTe : 1. inseque. 

Anm. Im Inlaut hiltten pich hilufiß Doppelformen einstellen 
inÜHsen, eip. l. i>^. Xcittiu, 2. Sg, *\€iTei(;. Hier ist meistens /u 
Gunsten den tt ausgeglichen. 

210. Idg. (f'\ 1. r, (/, got. 7, d. ki(\ k, sonst g wird 
gr. ß, vor € und )] aber zu ö. Wir erschließen es zu- 
nächst aus dem gr. Wechsel von ß und ^: äol. ßXfjp 
Brocken' : btXeop 'Kruler', d. k'ödcr, wohl zu ßißpdiaKo» 
^esee'; — ßuXXuj werfe', Aor. Pass. tßXnv : ark. ötXXiu, d. 



§219 — 221.] Dil' \(\i*. Konsonanten itn GrieclÜHchen. 203 

qiiälen; — ßupa^pov 'Schluiur : ark. Z^tpe^pov für'-'öfcpeOpov; 

— ßouXo)Liai icli wiir : dor. ö)iXo|iai, lokr. delph. beiXoiaai; 

— dbeXqpoq 'Briuler' : öeXcpuc; (Jebärmutter, eifr. ^iuh dem- 
selben (a = dt) Mutterleib' : böot. BeXqpoi, BeXqpaTo^; — 
oßoXo^ ^Obole' neben doi. oöeXo^. 

Durch die Sprachver<^leichung gewinnen wir noch 
folgende Fülle: dbrjv ^Drüse' : 1, wguen\ — ßaivuu 'gehe' : 
1. vcnio, got. qman, d. kommen; — ßißpubaKOJ 'ess«^, \. vo- 
räre, lit. g^rti 'trinken '; — böot. ßavd 'Weib' : got. qino, 
engl, queen: — ßdXavoq 'Eichel', 1. glans; — ßoO^ 'Rind, 
1. bös (Lehnwort), d. Kidr, — öpoßoq, epeßivdoq 'Erbse': 
1. ervum\ — djueißuu 'wechsle' : 1. migräre 'wandern'; — 
€peßo^ 'Finsternis', got. riqis; — ßpabOg 'langsam' : 1. gur- 
dus 'dumm, tölpelhaft'. 

220. Idg. gh'% 1./-, h-, -V-, -g-, got. 2r, g, d. u\ g, ai. 
h, gh, lit. g, abg. g, z wird zu qp, vor e aber zu -d. 

Einen Wechsel finden wir in qpovoq 'Mord', eTieqpvov 
'tötete', qpaioq 'getötet' : ö-eivuu 'schlage', ai. liänü 'schlägt'; 
<pövo(; 'Masse' : eudeveia 'blühender Zustand, Fülle, Über- 
fluß'; — qpaXiZlei, ö-eXei Hesych : deXiu 'will', vgl. abg. 
zeleti 'cupere, lugere' ; — Aor. OecTcracrO^ai 'anflehen' : Tr6do<; 
^Verlangen'. 

Sonstige Beispiele : veiqpei 'es schneit' : nix, nivis, got. 
snaiiüs, d. Schnee; — 6|uqpr| 'Stimme' : got. siggiuan, d. 
singen', — pi.uqpa 'leicht' : d. gering; — eXaqppög 'leicht' : 
d. lungar 'schnell', aber 

depo<;n. 'Sommer' : ai. hdrah 'Glut' ; — O^epiuoq 'warm': 
l. formns, d. warm. 

22 1. Über das Regelrechte dieser Vertretungen herrscht 
im allgemeinen Übereinstimmung. Während nun aber 
k^" vor i zu t wird, sind g^''' und gh^" vor i in vielen Fällen 
zu ß und (p geworden, vgl. ßioq m. 'Leben': 1. vivoSj got. 
qim, ai. jjväli 'lebendig'; — ßio«; m. 'Bogen': ai. jjä 
'Bogensehne'; — ßiä f. 'Gewalt': 1. vis, violäre, ai. jjä 
'Obergewalt'; — öcpi^ 'Schlange': ai. dhih, av. ans 
'Schlange'. Diese Fälle würden unbedingt dazu zwingen, 
mit Schulze GGA. 1897 S. 906 anzunehmen, daß g'' und 



204 Laut- und Ak/entlehre. [§2'J1. 

gh^ vor i zu ß und qp geworden seien, wenn man nicht 
auch Beispiele angeführt liätte, in denen b und d vor \ 
auftreten. So sucht Röscher RhM. 44, 312 nachzuweisen, 
daß herakl. evbebiuuKÖTa = eußeßiüjKÖTa sei; öiaiTutu 'führe 
ein Lehen' verbindet man mit ßio(;; Aviibioq steht neben 
AvTißioq; biepoq stellt man zu 1. lircrc. Aber diese Bei- 
spiele sind doch unsicher, und man wird daher Schulzes 
Auffassung zustimmen müssen. Dann aber bleibt es merk- 
würdig, daß A-"' vor / zu t geworden ist. Zur Not lassen 
sich allerdings die Fälle mit t vor i durch Annahme 
analogischer Neubildung beseitigen, liq 'wer , nach Gen. 
reo, Dat. xeuj; tivuj büße, licriq 'Buße' nach Aor. ^leiCTa^ 
Präs. Teiuu, ebenso iiian 'Ehre\ Teiiimai 'bin betrübt : 1. 
qiiiesco konnte sein T aus der Reduplikationssilbe bezogen 
haben. Demgegenüber würden dann dcTTTi^ 'Schild' : lit. 
skidas; — ott/tti")!; Schauer, öttk; Scheu' : idg. ''■'ok"7. 
'Auge' den lautgesetzlichen Zustand darstellen. Vgl. noch 
Mansion 'ilOf. 

Anni. L In der Behandhing der Lal)iovelare stimmen die 
Dialekte überein mit AuHnahnie des Nordachäisclien. Hier er- 
scheinen Labiale im Anlaut auch vor c-Lauten ; le.sb. ir^caupec 'vier', 
böot. TT^TTapec, lesb. Tir\\m 'fern', böot. TTeiXe-öTpoTibac, thess. uelaai, 
böot. BeXcpic. BeXcpoi. im Inlaut aber Dentale ir^vTe, t€, äbeXqpeöc. 
Tiq, T«|id. Die hier gegebene Erklärung stammt von Schulze 
GGA. 1897, 908 ff. Da nun aber Homer wesentliche iiolische 
Bestandteile enthalt, so können wir die /)-Lautc auch bei Homer 
finden, vgl. iriaupeq 'vier' und von Homer aus könnten sie durch 
Entlelinung in die Gemeinsj^rache kommen. So ist jetzt neben 
hom. irAiup -L'ngeheuer, ireXdjpioq 'riesenhaft' in einer Insclirift 
von Memphi.'^ TeXuüpioc; aufgetaucht. So erklärt man denn auch 
ir^oiuiai 'treibe' aus *7." c/omf/» usw. 

Anm. 2. Die Gruppen J'u\ kir, (jhw^ ffhir werden ebenfalls 
im (iriechischen labialisiert. Doch entstehen anlautend und in- 
lautend gedehnte Konsonanten, die siniter im Anlaut vereinfacht 
werden: Vttttoc;, ai. dsrah, 'Pferd', 1. equos ; — dor. TTäaaaöai 'Ver- 
fügung und Gewalt ü]>er etwas bekommen', iräua, bftot. xd irTTüpaTa» 
Oiö-TTiTüöTGc; aus *A//(/ zu ai. srütrdh 'gedeihliclT; — TTav-ö\|»io 
neben saui. Kuavoi|;uOv; — Oi'ip, 'Tier' lesb. q)np, 1. frrns lit. ^ceris, 
abg. zrt'rl 'wildes Tier'; — O^Xyiu 'bezaubere', lit. zvclg'u 'wonach 
blicke' ;vgl. Thumb IF. Anz. 11, 23). Wo im (triechischen die 
Labialisation scheinbar fehlt, beruht dieses wahrscheinlich auf 



J^ 221 — 'J'JIi.j Diu i(l^. KouHoiKiiilcu» im (iriechiHchen, 205 

Schwund <leH iv, h. o. i? lOi) nud Tlniinl) IF. Anz. 11, 23. So in 
KttTTVÖc; ''Ixuucir: 1. rajtor, lit, krüpas; — koitui 'P>e^iorcle\ xlöaa 
^lelüsf, 1. in-ritus, lit. kvt\'ct( 'lade (ün\ preiiß. quäit.s 'Wille'. 

!2!2^. Die Labialisieriing schwand, wenn dem Labio- 
velur ein u vorausging, also wohl durch Diasimilation (vgl. 

XuKO(; 'Wolf, 1. lupus, idg. 'Huk^'^os gegenüber idg. 
*tv^W^'os in ai. vrkah^ got. ivulfs\ — kukXoc; 'Kreis', ai. rakram 
'Rad', engl, wheel aus '•'•k^^'e¥Hom\ — ßouKÖXog 'Rinderhirt' 
gegenüber aiTTÖXog 'Ziegenhirt\ ittttottöXoc; 'Rossehirt'; — 
qpeuYUJ 'fliehe' : gr. (peßo|uai (s. § 133); — uYirj«; 'gesund': 
gr. ßio(5 'Leben' ; — ^TPO<S 'feucht' : aisl. vökua 'Feuchtig- 
keit, Nässe'; — euxo|Liai 'gelobe':!, voveo aus 'Hvoghweo. 

Anm. 1. Verschiedentlich, namentlich aber im Jonischen, 
zeigt der Fragestamm Tic, "^wer' Formen mit k. So steht bei 
Herodot kOu^ = izdjq "^wie', KÖxepoq = Tiojefioc, ^welcher von beiden', 
OKri = ÖTTTi "^wie immer'. Am besten werden diese Formen mit 
Solmsen KZ. 33, 298 ff. und Schulze GGA. 1897, S. 907 eo er- 
klärt, daß K in Formen wie ouKiq, gukuuc; nach dem eben erwähnten 
Gesetz entstanden und dann verallgemeinert sei. Allgemein ist 
kk; in iroWdlKK; ^oftmals', das für ursprüngliches *TroXÜKi(; ein- 
getreten sein soll. Im Thessalischen, wo ki<; herrscht, ist für 
ältere Zeit auch tk; belegt. 

Anm. 2. Vor u schwindet die Labialisation nicht, vgl. 
Mansion Les gutt. grecques, S. 47. In kuk\o(;. jvvy] fehlt sie nicht, 
sondern das u ist die Schwundstufe zu *k^eklos usw. Ebenso in 
^Xaxu^ "^klein, kurz', vgl. lit. lengvas, neben ^Xaqppöc; ^leicht'. Anders 
Osthoff MU. 6, 1 ff. 

IV. Die Nasale und Liquidae. 
A. Nasale. 

^33. Die idg. Nasale n^ m, rd\ ts sind im Grie- 
•chischen wie in allen Sprachen regelrecht erhalten, w, 
td\ 73 stehen vor den entsprechenden Geräuschlauten, da- 
gegen treffen wir m auch vor Dentalen, idg. '^dekmt '10', 
lit. desimtis. Im Griechischen ist hier sehr früh Assimi- 
lation zu n eingetreten. 

1. Idg. n = gr. v:vöv 'jetzt', 1. nunc, d. 7iu7i; — 
veuj 'spinne', 1. iieo; — veKu<; 'Leichnam', 1. Tiecäre; — 
veqpeXrj 'Wolke', 1. nehula, d. itebel; = dvTi 'gegen', 1. ante. 



206 Laut- und Akzentlehre. [§223.224. 

2. Itlg. /// = gr. )Li : ^\jq, 1. nuis, d. Maus; — fariv, 
1. viensis, d. Monat; — jutXi 'IIonig\ 1. mel, got. miliß; — 
jLieXivi") 'Hirye, \.miUu)ii\ — idg. m aus n: 6)i(pak6(; 'Nabel\ 
1. tünhillcHs^ d. nahel. 

3. Idg. )j = gr. d'YlLia : ötko(; 'Widerhaken', 1. micus; 
— aTX^ 'schnüre zu', 1. angerc; — efX^Xu^, 1. amjuilla 
'Aar. 

An in. 1. Im Griechisclien stehen vor den Geräuschlauten 
immer die homoriianen Nasale. Die Inschriften beachten diese 
Kegel vielfach nicht und Bchreibeu nur v. doch assimilieren sie 
auch anderseits nicht selten im Satzzusammenhang. 

Anm. 2. Veränderungen erleiden die Nasale im wesent- 
lichen in der Verbindung mit 6-. Man muß hier drei Perioden 
unterscheiden: 

a) Der Nasal schwindet vor s -f Konsonant spurlos, Keaxöq 
aus *KevöTÖc, s. § 244, 2. 

b) In der Verbindung Nasal + 5 + Vokal bleibt der Nasal 
und s schwindet, MT^öq aus *|arivaöq, s. § 236 c, d. 

c) Wo der Nasal noch erhalten war, oder durch irgend- 
welche Gründe wieder vor s zu stehen kommt, bleibt er 
z. T. in den Einzeldialekten, schwindet aber im Ionisch- 
Attischen mit Krsatzdehnung. riOeic aus tiö^vc;, s. i$ 244, 2b. 

Anm. 3. Der Nanal wird vor Geräuschlauten im Ky})riechen 
(Thumb 287) und Pamphylischen (Thumb 301) nicht geschrieben, 
er war aber hier schwerlich überall ausgefallen, sondern nur ton- 
los geworden. Diese Krscheinung begegnet auch sonst auf In- 
schriften, att. Mebaioi, davö(v)Toi(v), cöopKon = euopKoOvTi. o(- 
koö(v)ti, t6^,v)xv)öviov, Ncabpoc, meist vor tonlosen Lauten oder in 
unbetonter Silbe (Thumb 377). 

B. Die Liquidae. 

224. Alle europäischen Sprachen ))esitzcn / und r. 
Das Jranisclie kennt dagegen nur r. Das Indische hat 
zwar ein /, docli entspricht dies nicht immer dini euro- 
päischen /, und vielfach steht auch r, wo die europäischen 
Sprachen / aufweisen. Bei dem hohen Rang, den das 
Indische früher in der Sprachwissenscliaft einnahm, war 
es natürlich, daß man der Ursprache nur ein r zuschrieb. 
Da aber die europäischen Sprachen in vielen Worten 
übereinstimmend r und ebenso gleichmäßig / aufweisen, 
80 ist die Annahme notwendig, daß es bereits im Idg. r 



§224 — 227.] Die itl^'. KonHonaiiti'ii im (iriechiHchcn. 207 

und / gab, und zwar in der gleichen Verteilung, wie sie 
sich in dvn curopiiischen Sprachen tinden. Es ist daher 
heute nicht mehr statthaft, griechische und lat. Worte 
mit verschiedenen Liquiden ohne weiteres zu vergleichen. 
Docli tritt freilich nicht gar zu selten die eine Liquida 
für die andere infolge von Dissimilation ein. 

Anm. Fortunatov hat zuerst versucht, das / auch im In- 
dischen als ursprüngHch naclizuweisen. Man vergleiche hierüber 
Bechtel Hl»r. 380 If., Bartholoraae IF. 3. 157 ff. und Fortunatov 
KZ. 36, 1 1\\ Ich halte Fortunatovs Ansicht in gewissem Umfang 
für riclitig. 

225, Idg. / = gr. X. 1. J usw.: KdXauoq, 1. culmm, 
d. halm; — xaXeuu 'rufe', 1. caläre; — KXeTTTuu 'stehle, 
1. depo; — kXivo) 'neige', 1. dinäre', kXuuu höre', 1. duerCy 
d. in Leumund; — X6uk6(; 'weiß' : 1. lüceo, d. lidit', — 
XuKO^ 'Wolf , 1. h(2)us, d. icoIf\ — TrXeKuu 'flechte', \. pledo, 
d. ßechien\ — ^aKö\x)(; 'Schwester des Mannes', 1. qlös. 

226, Idg. r = gr. p : epeiriq 'Ruderer', ipeT\x6c; 
'Ruder': 1. rtmus, d. ruder\ — dpOTpov Tflug', 1. arätrum; 
— dpKTO^ 'Bär', 1. ursus; — ödKpu 'Träne', 1. lacruma, 
d. Zähre] — xdpa 'Haupt': 1. cerehrum, d. hini; — xepac; 
'Hörn': 1. cornu, d. hörn; — KopaE 'Rabe': 1. corvus, ahd. 
hrabau, d. rahe. 

227, Die Liquidae sind in allen Sprachen leicht 
Metathesen, Dissimilation und Umstellung ausgesetzt. 
Diese Erscheinungen lassen sich meist nicht auf bestimmte 
Regeln bringen. 

a) Metathesis ist im Griechischen nicht gerade 

häufig. Regel scheint sie im Kretischen zu sein, wo wir 

finden iropTi statt TTpoTi 'gegen', criapio«; statt cTTpaiog 

^Heer', idg. '■'sfrdfös, 'AcrKaXTTiO(; statt 'AcTKXaTTioq, 'Acpopbiia. 

Anm. Fälle wie bapröq neben bpaxöc; beruhen nicht auf 
Metathesis, sondern sind durch Assoziation mit ^bdpriv usw. hervor- 
gerufen. 

b) Die Dissimilation der Liquidae kann zu ver- 
schiedenen Ergebnissen führen, und zwar wird p-p zu p-X 
oder X-p oder ein p schwindet; vavKkapoc; aus vduKpapo;; 



208 Laut- un.l Akzentlehre. [§ 227. 2'28. 

'ScliifFshaupt' ; — «PTCx^ 'hollschimmernd' aus •••dpYpoq zu 
ai. rjrah rötlicir ; dasselbe gilt von X-X : dpYctXtoq 'schmerz- 
lich' aus ■■'•dXTaXeoq : d'XToq 'Schmerz' Solmsen ßtr. 192. 
c) Umstellung in KdipoTTiov = kütotttpov 'Spie- 
gel' u. a. 

V. Idg. .s-, ^y fCy J, urgriech. h, 

A. Idg. s und z. 

"Z^ZH. Das idg. 6- war, da es in den meisten Sprachen 

erhalten blieb, leicht zu erschließen. Im Slaw. (vielleicht 

auch im Litauischen) und im Indo-Iranischen wird es 

nach i, 11, r, k zu s (und c/i), im Germ, wird es nach 

dem Vernerschen Gesetz, im Italischen im Inlaut zwischen 

\'okalen zu stimmhaftem z und weiter zu r. 

A n m. Idg. z kam, soviel wir bis jetzt sehen, idjr. nicht 
selbständig vor, sondern es ist aus s in der Nachbarschaft 
stimmhafter Verschlußlaute entstanden. Im Griech. soll id^. zd 
zu Z geworden sein, v<;l. 6Zoc, 'Z\veij;\ d. jUt \ — (lLkü "^ich dörre\ 
dZakioc, 'dürr, trocken' : tschech. apoln. ozd 'Malzdarre". Doch 
werden diese und andere Gleichunpen von La^ercrantz z. griech. 
Lautgeschichte 132 Ö'. bestritten. -c6 -finden wir in aß^vvum 'lösche\ 
äaßoXoc; 'Kuß', das man zu ahd. asca^ d. Asche stellt, Trpe'oßuq ""Ge- 
fiandter', ei^'. 'der Alte'. D(^ch handelt es sich in diesen Fällen viel- 
leicht um Zusammensetzungen. Anderseits ist z wahrscheinlich 
geschwunden mit Ersatzdehnung in KpiOj'i 'Gerste' aus *ghr,zdhd, 
1. honirtim, d. Gerste; — xp/ßiu 'reibe' aus *(r,zf^ö : tergo aus *terzgo 
'reibe ab', d. dreschen; — axpcöOcc. aTpouOö<; 'Sperling' : 1. turdtis 
aus *turzdos, lit. sträzdas 'Drossel' (vgl. Solmsen IF. 13, 138). 
qppö'xavov 'kleines dürres Holz' : lit. hruzgas 'Gestrüpp', norw. 
hrush 'Gestrüp))', engl, hrushwood (Walde KZ. 34, 524\ qppO'yiu 
'röste', lit. hrnzg^i 'raschele'; — öiYM 'Schweigen' : ahd. duesbeu, 
'auslöschen' ; ttvl'yiu 'ersticke' : ahd. fnaskazzen 'schnauben, keuchen'; 
Tp'jYÜJv 'Turteltaube' : ahd. drösca 'Drossel'; dKpißrig 'genau' : 
got. (tndJirushttn 'erforschen'; aibo^ai 'scheue mich' : got. aistan 
'verehren', ai. %di 'verehre'. — Diese Beispiele machen zweifellos 
den Eindruck, die unheeinllußte lautgesetzliche F'ntwicklung ilar- 
zustellcn. Gr. aO und Z gehen außerdem auf -ddJi-, -dd- zurück. 
— Sekundär zusammengetreti^nes s und d ergeben Z, z. B. die 
Endung -c€ 'nach' in 'AOr'ivctcc aus 'AOr|vaa-be 'nach Athen'. 
Zwischen Konsonanten ist z aufgefallen, ßb^uj farze' aus bzd^-ö, 
1. pedo, d. fiste. 



§228.229.! nie idK- Konnonantcn im (iriechischen. 201* 

Die Kntwicklunj; des .v ist im CJriecliischen ver- 
hiiltinsniilßig einlach. 

1. .s bleibt erlmlteii: 

a) Vor oder nach Verschlußhiut im absoluten Anlaut, 
im Inlaut, weim die Lautgruppe zwischen Vokalen steht; 
außerdem in der Verdoppelung hom. eieXeciaa ^ich habe 
beendet' zu leXtuu; Dat. PL von cs-Stämmen hom. -ecTCTi, 
att. -eai (eirecrO 'den Worten'; cTKOTog m. 'Finsternis', got. 
skadus, d. Schaffen; — Hupöv 'Schermesser', ai. ksuräh dss.; 
YiYviucTKLU erkenne', 1. nösco\ — dHuuv m. 'Achse', 1. axis^ 
d. Achse\ — öTrevbuu 'mache ein Trankopfer', 1. spondeo] 

— \\)6njj 'zerreibe, zermalme', ai. psfifi 'kaut'; — crinvai 
^stehen', 1. sfare; — gr. ecTii 'ist', 1. esY; — Dental -j- (T 
wird zu (T, anlautend nicht belegt, inlautend eTreicra aus 
•"^'eTreidcra 'habe überredet', i^XTüicra 'habe gehofft' aus *r|X- 
TTiöcra; — öxH^ 'spalte', 1. scindo; — ecrxe : exeiv (aus 
■*(Texeiv); — crqpdXXuu 'bringe zu Fall', ai. sklialate 'strauchelt, 
geht fehl'; — (Tqpi 'ihnen', 1. sihi. 

b) Im Auslaut: Xuko<;, 1. lupus. 

2S9. 2. s wird zu h, das vielfach schwindet. 
a) Im Anlaut vor Vokal erhalten als h: emd 'sieben', 
1. Septem, got. sibun, lit. sepflm, abg. sedmt, ai. saptä, 

AVeitere Beispiele: äXea f. 'Sommerwärme', d, schwelen; — 
akc, m. 'Salz', f. "^Meer, 1. sal, d. Salz; — ä|Lia 'zugleich' (zu €!(; 
"^eins'), d. zusammen ; — ävbdvuu 'gefalle', 1. suadere; — d- in a-rraS 
'einmal' :1 semel; — äpTrri f. 'Sichel', 1. 5arj9/o'beschneitele'; — ^'sich', 
1. se; — ebo<; n. 'Sitz', 1. sedes, ^TojLiai 'setze mich', 1. sedeo; — 
eli; 'einer', 1. sem-; — ^Kupö^ m. 'Schwiegervater', 1. socer^d. Schwäher; 

— ^Xeiv 'fassen', got. saljan 'opfern', engl, to seil; — ^'Xkuj 
'ziehe', öXköc, m. 'Zug', 1. sulcus m. 'Furche'; — fe'E, 1. sex, 
d. sechs; — eiro.uai 'folge', 1, sequor ; — fe'pjna n. 'Ohrgehänge', 
1. sero 'füge, reihe, knüpfe'; — ep-rru; 'krieche', \.serpo; — rifeoinai 
'führe', 1. sagax 'scharfwitternd, scharfsinnig'; — f\Ka 'sacht, lang- 
sam, schwach', 1. segni's 'langsam, schläfrig, träge'; — r\\io<; m. 
"^Sonne', hom. fi^ioq : 1. söl; — rjni- 'halb', 1. senii: — ibpObq m. 
'Schweiß' : 1. südo?', d. Schweiß; — laxriiai 'stelle', 1. sisfo; — der 
Artikel ö. i] = got. sa, so; — öjnaXöc; 'gleichmäßig', 1. similis; — 
ii\iöc, 'ähnlich, gleich', engl, same; — uttvoc; m. 'Schlaf, 1. sommis; 

— ö<; m. 'Schwein', 1. süs, d. Sau. 

Hirt Griecli. Laut- u. Formenlehre. 2. Aufl. 14 



210 Laut- und Akzentlehre. |§ 229. 

Anni. 1. In zahlreichen Füllen entspriclit echeinbar auch 
der Sj)iritns lenis einem anlautenden n-. Dies beruht 

a) auf der Aspiratendiseimilation (a. § 234), d. h. wenn dem 
anlautenden h in einem spiitern iSilbenanlaut eine AHi>irata fol«;t, 
80 schwindet /*. So linden wir ü-ttuE 'einmal", ü-ttXoOc; 'einfach". 
wo ä- dem lat. setn in semel, ai. >a- entspricht; d- dagegen steht 
in ä-Xoxoq 'Gattin\ eig. 'demselben Lager Angehörige'; — hom. 
äbeXqpeöc; m. 'Bruder""; 'd\. sd r/arhhja- eig. 'aus demselben Mutter- 
leib geboren'; — dKÖXouOoq m. 'Begleiter'; — ^öo<; n. 'Brauch' : 
got. s^idus, d. Sitte; — ^x^ 'habe'. gegenüV)er Fut. cEoi; 

b) oder auf Entlehnung aus einem Dialekt mit Psilosis, z. B. 
hom. ökoitk; 'Gattin' (Zsg. aus d - (i [s. o.] u. einer Abi. von KoiTri 
'Träger'): — diraToOpia pl. 'ionisches Fest' (Zsg. aus d = d u. einer 
Abi. von irarrip); 

c) oder auf Beeinüußung durch ein bedeutungsverwandtes 
Wort. 

l)) Im Alllaut vor Sonorlaut {j, w, r, /, m, n) schwindet 
s normalerweise, s. § 20(5. 

c) Eben.so zwischen Konsonanten. In der Stellung 
zwischen zw^i Verschlußlauten war ein Schwund des .9 
schon idg., v^^l. eKT0<; 'sechste', ahd. sehto, s. § 199,4; 
CS konnte aher s an dieser Stelle wieder neu aufkommen 
(vgl. lat. sextus), und dann wurde .s- zu //, das die um- 
gebenden Verschlußlaute aspirierte, daher e(pi>ög 'gekocht* 
aus '-'eixöToq, Verb, zu tij;ai 'koche ; — lokrisch fcxx>öq 
epidaur. tx|x>|uj, ^x^oi 'außerhalb' : eH 'aus' und eigent- 
lich die lautgesetzliche Form statt Iktöc,, das sich nach eK 
gerichtet hat. fcpxo)nai komme' aus "'•■ep-crKOiaai : ai. rcchiiti 
erreicht'; ferner schwindet s beim Antritt der Endungen 
-crOai, -cr\>6 usw. an Konsonant, 2. PI. Perf. Med. TfeTaxx>e 
aus ■■'•T€TaK(Tv}6 USW. Auch r schwindet an dieser Stelle, s. o. 

Sehr viel häufiger fand sich s nach Konsonant vor 
Licjuida oder Nasal. Mit einer vorau-^^gehenden Tenuis 
verbindet sich dann // zur Aspirata, vgl. de Saussure 
M^m. de la soc. ling. 7.90, Walde KZ. 34,477: Xüxvoq 
m. 'Leuchte, Lanij)e ': 1. lurut, aw. rao.rha- 'gliinzend\ 
apr. lauxHos pl. 'Ciet^tinr; — updxvii f. 'Spinne , 1. arCinea 
aus '^'araksn-; — hom. Xuxvn f. 'wolliges, krauses Haar 
vom ersten Milclihaar des Bartes': 1. h'mngo 'Flaum des 
Bartes, Mi Ich haare' (das von lann 'Wolle' zu trennen ist); 



§229.230.] Die idjf. Konßoniinten im Griechischen. 211 

— dxvai pl. 'Sprou' (aus '•■aksiiai): Int. acus n. 'Ähro '; — 

(Tv^xvo^ 'anh:iltciur: ai. pmivaksah 'sehr wirksam'; — phok. 

).iüxXo(; 'Zuchtescr : \. malus, ii\h. musk', — Xtxpioq 'schräg': 

XoHo^ 'schräg'; ferner hom. ttXox|li6(; m. 'Flechte' (aus 

''•phksmos) neben TrXoKaiLio^ m.; in gleicher Weise ist ein 

Sulfix -(T)uo^ anzunehmen in hom. puuxiu6q m. 'Riß' zu 

pi'lYvuiai 'breche'; hom. luuxinöq m. 'Stöhnen' : juuKdojuai 

brülle' u. a. 

Anm. 2. Das Auftreten von Aspiraten an Stelle von Me- 
dien oder Tenues vor Liquiden und Nasalen veranlaßte die frü- 
here Forschung, diesen Lauten eine aspirierende Kraft zuzu- 
schreiben, was lautgesetzlich nicht möglich ist, vgl. K. v. d. Mühl 
Über die Aspiration der Tenues vor Kasalen und Liquiden im 
Zend und Griech. Lpz. 1873. 

Sonst finden wir noch Schwund des s in TTTepvr) f. 

'Ferse', 1. pcrna f. 'Hüfte, Hinterkeule', goi. fair zna, ahd. 

fersana 'Ferse', ai. pärsnih', — hom. dpvei6(; m. 'Widder': 

glbd. ai. vrsnih] hom. X^P^^^M^ f- 'Handwaschwasser' (aus 

•■"Xepcr-viiij). 

Anm. 3. Die Annahme, daß in manchen Fällen dreikonso- 
nantiger Verbindungen s erhalten blieb, dagegen der erste Kon- 
sonant schwand, halte ich für verfehlt. So soll nach Solmnen 
Beitr. 2tr. p vor a -\- stimmlosem Konsonanten geschwunden sein. 
Er stützt sich (iabei auf die Etymologie von äyoOTOc, "^Hand', das 
er aus *dYopaTÖ(; herleitet und zu ciYeipu 'sammle' stellt; iraöTdc; 
f. "^Vorhalle' neben TTapaaTd(;, aber auch TrapTdbe(; bei Hesych ; — 
dKaaxoq, f] aqp^vbaiuvoc; Hesych : 1. acer, d.^/ior/i (Osthoff Et.Parerga 
194). Aber die Etymologien sind nicht sicher. Anzuerkennen 
ist nur, daß, wo die Lautgruppe rst sekundär neu entstand, p 
schwand, so erklärt sich TradTdq. Es gab im Griech. ein irapa- 
öxdc; und ein *TTapaTdc;, woraus -napTÖhec, bei Hesych. Das später 
neugebildete *'iTapöTd<; wurde dann zu TiaaTdi;. Ausgenommen von 
dem Schwund des s ist nur die Gruppe Nasal + s + Konsonant, 
s. § 244. 

S30. Zwischen Vokalen ist s geschwunden. So 
erklären sich zunächst die s-Stämme N. jivoq n., Gen. 
Yeveo?, att. fevou«; : 1. genus, generis, ferner die Ableitungen 
von 5-Stäraraen wie dXr|9-eia f. 'Wahrheit' : dXriO-rig 'wahr', 
TeXeuü, hom. TeXeiuu 'vollende' von leXo«; n. 'Ende, Ziel', 
vgl. auch Perf. Med. TeieXecriLiai, Aor. exeXecrdriv; — aiöeo- 

14* 



212 Laut- und Akzentlehre. [§230. 

jiai scheue mich' zu aiöuüq f. 'Scham\ vgl. Aor. t^btcrdriv; 

— Tt^^uJ 'hicho' : YtXiu<; ni. 'Geliiclit('r\ vgl. Pcrf. T^T^- 
Xacrjaai, t^eXacrdriv; — vto)nai kehre heim' : vocjtoc; m. 
'Heimkehr*, — ukoulu 'höre' : aKOuaio«;; die Enduncen 
(1er 2. Sg. Medii lautet -sai und -so, daher regelmäßig 
2. Sg. Med. Pr. Tiaiöeui] aus iraiöeueai, 2. Sg. Opt. iraibeuoio, 
2. Impf. eTTaibeuou aus • eiraibeuecro gegenüber Perf. 2. Sg. 
fifpaipai, Plusquami)erl'. tTtTP^M^o. Das zwischen Vokalen 
stehende s in 2. Sg. Perl". TreTTaiöeucTai, Plusquamperf. 
eTTerraibeijao, 2. Sg. Prs. xiO^ecrai. Imp. eiidecTo ist von den 
Formen, in denen s hinter Konsonant bewahrt blieb, 
übertragen ; — ei 'du bist' (aus "^Tsi) : tCTTi. — Andere 
Fälle von Schwund des s ergeben sich durch Sprach- 
vergleichung; Gen. PI. der Fem. auf -luv, hom. -ctiuv = 
1. -anim, Akk. Sg. des Komp. fibiuu aus fjöioa : 1. majorem', 

— Yeueö"v>ai kosten' : 1. f/ushirr, d. Icosfen, vgl. auch Verb. 
TtudToq; — Gen. Muöq von |au(; 'Maus': 1. müs, maris, 
d. Maus; — vu6(S f. 'Schwiegertochter', 1. nürus, d. Schnur; 
o\jq n. 'Ohr , Gen. ouaTO(;, ujtoc; : 1. auris, d. Ohr; — 
^iuia f. Fliege' : 1. musca\ — ioq m. Gift' : 1. virus 'zähe 
Feuchtigkeit, Gift'; — cpai6<; dämmerig' : lit. gaisas 

Schein; — aeim 'schüttle' : ai. /t'rsa^/ ist in heftiger Be- 
wegung'. 

Daß auch zwischen Vokalen s zunächst zu h geworden 
ist, ergibt sich aus der Tatsache, daß dieses Ä, wenn es im 
Anlaut der zweiten Silbe stand, auf den vokalischen An- 
laut überspringt: att. ^'iw^ f. 'Morgenröte', ion. riujq : glbd. 
1. aurnra, ai. usah; — eüiu 'senge' = I. iiro\ — »tpöc; 
heilig, kräftig' = ai. isirü/i regsam, rüstig'; — 3. PI. 
fjaiai sie sitzen' = ai. (isate; — eiTTÖpnv aus ■eheTx6^}]v . 
^'TTOfidi; eipiTOV 'kroch' aus ■e/zepTTOV : tpTTuu. Vgl. § 235. 

Anm. 1. K^ j^iltt :il)or auch Ausnnluiien von tlieser Lant- 
regel, Sommer (iriech. Laiit-tud. 24 nimmt an, daß das Um- 
Rpringen nicht eintrat, wenn die erste Silho unbetont war, daher 
^\)<; 'gut' : ai. .SM- 'prut"; — (douai 'heile', ai. f.sajnfi 'fordert'. 

Anm. 2. Über a in Verl)indunp mit Nasalen und Liquiden 
OBW. s. Jj 236. 

Anm. 3. Dan cj, das sich priorh. im Anlaut und zwischen 
Vokalen hilufi;? findet, hat Helir vcrsciiiedenen Ursprung. 



iJ230. 231.J Die idg. Konsonanten im GriechiHclien. 213 

Anlaut. vor Vokiil ^'clit zurück 

a) auf tj, ß. § 242 a; 

b) auf //r, H. § 238 c; 

(•) auf t vor /(, 8. § 205b: 

Inlaut. zwischen Vokal geht zurück 

a) auf t vor /, 8. § '205a; 

b) auf t vor u, s. § 205 b; , 

c) auf tj, y. § 242 a ; 

d) auf tw, 8. § 238 c; 

e) auf is, s. § 242 a; 

f) auf .svs-, 8. §228: 

g) es ist analogiscli neu eingeführt. 

B. Idg. W, 

1tS\, Idg. v^' ist im allgemeinen in allen Sprachen 
bewahrt. Es war unsilbisches w, welcher Lautwert noch 
im heutigen englischen w erhalten ist, und wechselt daher 
mit silbischem u, gr. u vgl. § 125, Anm. 1. Im Griech. 
wird 10 durch J" bezeichnet. 

Anm. 1. Gelegentlich kommen die Schreibungen u, o, ß, 
<p (pamphyl.) vor, namentlich auch bei den Grammatikern. He- 
sych schreibt auch y (0» ^i^ deutliches Zeichen, daß in seinen 
Texten noch J- stand, so fdbeaOai* f^beödai; jäbeTai ' riberai ; xav- 
bdv€iv dp^aK€iv • ^eap* lap; YeKdöa* ^KoOaa; -^iXav aO^nv riXiou : 
4\r)vr]; ^i\i\xaTa' ijLidTia; ^ep^ava* dpYa.\6ia; '^iö\xa <^ evbuua ^ ; 
Y^TOp • exot;; YHi^ct' i|iidnov; Yictp * eap; yi-cu" x^P^c^cti- Y^f^ov • e'iTrov; 
YK ■ iöX'J?» YiöTict ■ ecrxdpa ; -^^xoxbv iaxuv ; Yi^ea " ixea: Yoi^ct* ouk- 
olba; YoibriiLii • ^TriöTa,uai; Yowo^ • oTvo^; YÖpxuE* öpxuE; yMJ' ^auxu) : 
Daneben findet sich auch x, xpaYctXeov • bieppuJYÖxa, xpr|YCx\eov • 
bieppujYÖTa : priYVUjui ^breche'. Auf pamphyl. Inschriften finden 
wir neben J- noch ein besonderes Zeichen W, das in andern Schrift- 
systemen als h erscheint. Hier liegen also zwei Laiitwerte vor. 
Ebenso weist Solmsen Unters. 175 nach, daß im Äol. und Boot. 
,F vor Vokal, aber ß vor p geschrieben wurde. Wir werden unten 
sehen, daß auch sonst ein Unterschied in der Behandlung des 
J- sich zeigt. Fraglich ist, welchen Laut wert wir für diese ver- 
schiedenen m? anzusetzen haben. Möglich ist zweierlei: stimmloses 
und stimmhaftes iv (so Meillet Glotta 2, 26) oder vokalisches und 
spirantisches iv (so Solmsen Unters. 175). Schließlich ergäbe eine 
Kombination dieser beiden Möglichkeiten noch zwei neue Werte. 
Was wirklich vorliegt ist bei dem Stand unsrer Überlieferung 
kaum auszumachen. 



214 Laut- und Ak/entlebre. [§231. 

Im loniscli-Attisdien schwindet f so frühzeitig, daß 
es in der Literatursprache ganz unbekannt war. 

Anm. 2. Inschriftlich ist es nur einigemale belegt, aber 
nicht in seinem ei<:entlichen Wert, fiondern als einf* Art Üher- 
gangslaut vor u (d^uxö auf Naxos, att. va/utrriYÖc;, d/uxcip, au^o-, 
vgl. Meipterhans^ Ä ^^). 

Durch die Inschriften andrer Dialekte kennen wir aber 
den Laut zur Genüge, und wir sehen auch, daß er lange 
erhalten geblieben ist. P^ine Sammlung des inschriftlichen 
Materials, (his sich immer weiter vermehrt, bei Thum)> 
IF. 9,294 fr. (v. J. 1898). Außerdem war das S in der 
homerischen Sprache zu der Zeit, als sich diese ausbildete 
noch vorhanden und ist in seinen Wirkungen auf den 
Versbau noch deutlich zu spüren. 

Anm. o. Auch sonst erklären sich gewisse lautliche Ano- 
malien aus dem einstigen Vorhandensein des J, niünlich : 

a) Es bleiben gewisse Vokale im Attischen unkonlrabiert, 
wenn zwischen ihnen J- gestanden hatte, s. § 190. 

b) Die Privativpartikel a-, av- liat die antekonsonantische 
Form u- vor Vokalen, vor denen S geschwunden ist. Es heißt 
hom. ä-aYn^ 'un/erbrechlich\ u-eiK^ioc; u. d-eiKrjc; 'unzien)lich, 
schmiihlicir, (i-tKuuv 'unwillig', deKaLÖuevoq 'unwillig', d-^Krjxi wider 
Willen"", d-€\"nr)(; 'unverhofft', d-e\TrrfcovTeq 'nicht erwartend', d-epxog 
'untätig', d-r)Oeaaov'ungewohnt sein', d-i'iauXoc; 'freventlich', d-ibriXoc 
'unsichtbar machend', d-ibpi<; 'unwissend", "A-ipoq, ü-iötoc 'niclu 
gesehen', d-oiKO«; 'ohne Haus'. 

c) Verben mit anlautendem S nehmen syllabisches Aug- 
ment: ^-ata id^vuiai 'breche'; ^dXuiv : dX{öKO|aai 'werde gefangen'; 
hom. ^dvaaae : av&ooKXi 'herrsche'; Wvbavov : dvbdvuj 'gefalle'; hon«, 
fieibei : olba 'weiß'; feiEe : eiKU) 'weiche'; ^emov 'sagte', ai. uvöcam; 
^epbov : ^pbuL» 'tue'; hom. deaöaTo : fwu^ii 'bekleide'; ^oOpouv : ou- 
p^uj 'harne' : ^üjOouv : lüOtuü 'stoße' : ^uüvoO|i?iv : üjv^ouui 'kaufe' ; 
^üjpujv : öpduj 'sehe' ; dv-^tuTov : oiYvum 'öffne' u. a. 

1. Anlautendes S ist zunächst vor o und tu ge- 
schwunden. In diesei Stellung zeigt sich auch bei Homer 
keine Spur der J^-\Virkung, vgl. L. Meyer KZ. 21^,49 11.. 
so in opcxLU sehe', ahd. tniröti, d. in irahruchmcu ; — ^^X^^ 
n. 'Wagen', öxtO)Liai 'fahre' : 1. vclw, d. hewegni. Warfen; — 
lüvtofiai kaufe' : 1. vcnum dare, tuvoq m. : 1. rcxunt, ai. 
vas7i(i- 'Kaufpreis. Wert'; — lu^euj 'stoße' : ai. vadh- 
'sohlajron . 



^231.) I>i(» i(l^'. K(>ns()iiant(Mi im CiriechiHclien. 215 

Anm. 1. Dio VerhilltniKHo auf <lcr p^roßen InHchrift von 
Gortyn stiimnoti }j:en;ui /u Homer, v;,'!. SoIinHen KZ. 32, 277. .h 
fehlt dort in öpf), öti|lii usw., lüvdv, Trap-iuOtv. Wahrnclieinlich 
kannton auch andere Dialekte, wie Kyprisch und Korinthiflch, das 
(lesotz, vj^I. .1. Schmidt KZ. 33, 455 ff. Doch war es nicht all- 
,:j:emein j^riechisch. 

2. Weiter ist f im lon.-Att. im Anlaut überall ge- 
chwuiulcn. 

Hei folgenden Wortsippen ist f im Anlaut inflchrifilich 
belegt: ävbctvuj 'gefalle'; äXiaKO|Liai 'werde gefangen'; ävaS 'Herr- 
scher': "'AEioi 'Bewohner von Axos auf Kreta'; dprjv 'Widder; 
äöTU 'Stadt' : ai. rastu; e 'sich': €\h\i3<^ 'wiasend', got. weitwöds 
'Zeuge'; 'EKCtßri; eucoöi 'zwanzig', 1. ??/(7/>j^/; ei)aa 'Gewand ; \. vestis 
höot. J-heKdbä\.\.oc, 'fern wohnend'; ^'KaöTOc; 'jeder'; eiXuu 'dränge'; ^'E 
""sechs'; ^iroi; 'Wort'; ^kijüv 'freiwillig'; epfuu 'schließe ein'; ^pfd- 
Io|uai 'verfertige', epYOv 'Werk' d. Werl-; eOTiepoq 'Abend', 1. ves- 
per; eTY\<; 'Verwandter, Bürger'; exoq 'Jahr'; 1. vetus 'alt', d. Widder 
eig. 'Jährling'; r]h()C, 'süß' : I. suavis; 'HXit;; ibioc; 'eigen'; laoc; 
'gleich'; Tqpi 'mit Gewalt'; o'iko(; 'Haus'; oTvo«; 'Wein'; öpöö^ 'ge- 
rade': öxoc; 'Wagen', \. veho, d. Wagen-, l>r\- 'sagen'. 

Griech. J" muß anlautend einen doppelten Lautwert 
gehabt haben, denn es ist in einer Reihe von Fällen auch 
auf Inschriften, die sonst /* bewahren, zu li geworden, 
das sich dann auch regelmäßig im Attischen zeigt, vgl. 
Thumb IF. 9, 335 ff.; dagegen mit Unrecht Solmsen 
Unters. 187. Die Frage wird eingehend von Sommer 
Gr. Lautstud. 82 ff. untersucht und gefördert, aber nicht 
zum Abschhiß gebracht, da seine Regeln z. T. kompliziert 
sind und auch viele Ausnahmen erleiden. 

Da das inschriftlich als h erscheinende S offenbar 
zunächst aus stimmlosem w entstanden ist, wie dies bei 
dem aus sw entstandenen fh anzunehmen ist, so handelt 
es sich um die Frage, unter welchen Bedingungen eben 
?r stimmlos geworden ist. 

Es kommen dabei folgende Bedingungen in Betracht: 

a) Umspringen eines aus s entstandenen inlautenden 
li auf den Anlaut (vgl. §230, 235): eavöc; 'Gewand' aus 
-■•-./ecravöc;, zu 1. vestis; ijudriov 'Gewand' aus '^•WeSmdtion; 
€vvu^i, ion. €ivu|ui 'kleide an' : 1. vestis; y\Koc, 'Nagel' aus 
*/acr\og und dies weiter aus '^ivalslos mit dissimilatorischem 



216 Laut- und Akzentlehre. '§201. 

Scliwund des ersten / zu ^ot. irahts 'Stab'; iviov Muskel 
am Hinterkopf', \veq 'Muskeln' (zum ^ vgl. Sommer 
a. a. 0. 118) aus */'icrveq : 1. vires. 

Anm. 5. Nach Sommer 119 hindert der unmittelbar folgende 
Akzent das Uras|)rinu:en der Aspiration, daher iöq 'Gift' : 1. nrus, 
«jüv^ofiai 'kaufe' : ai. vasuajämi 'feilsche', lap 'Frühling' aus */t'aap, 
ßoll seinen Lenis von Itoc, 'Jahr^ haben. 

b) Vor CT + stimmlosem Konsonant: 'iCTTUJp der Kun- 
dige' : oiöa 'weiß'; eaTiepog : 1. irspcr: ecriia 'Iferd' : 1. 
Vcsin. 

Anm.G. Pie Ausnahme öaxu 'Stadt', ai.rä-sVu 'Hofstätte, Haus', 
8oll den Lenis von äypdc, 'Acker, Feld' bekommen haben. 

c) Vor folgendem p + stimmlosem Konsonant: €pan 
Tau : ai. rarsani Rogen ; ^opTi'i 'Fest' aus /e./bpTn : tpavo<; 

Ticknick'; lierakl. uqpepHovTi, eqpepEovTi, (TuvhtptovTi. aber 
IpTuu, el'pYUJ 'schließe ein'; €pKoq 'F^inscbließung' : kypr. 

KttTe/bpKOV. 

3. Zwischenvokalisclies J' ist gescliwunden, nach Aus- 
weis der inscbriftliclien Belege z. T. früher als im Anlaut. 
Im Attischen geschah es vor dem Übergang von r| zu a 
nach e, vgl. veä aus ••'ve/i"|. Der Schwund ergibt sich aus 
Fällen des griech. Ablauts von selbst, nämlich aus den 
Fällen, wo die Vokale 6, a, o vor \'okale mit u oder 
einem M-Diplithong wechseln. Flexion der ?/-Stämrae. 
Gen. i^bioc, : nönq 'süß\ der -eu-Stämme, Gen. hom. ßacTi- 
Xfioq : ßaaiXeuq König" ; — X. PI. v^ec; usw. : vaOq 'Sehiil ; 

— Gen. ßo6(; : ßoO^ 'Rind ; — irveuu 'hauche' : ^TTV€uö"a; 

— X^^ gieße' : Kex^Ka; — • TrXtuj segele' : tTrXeucra; — ptuj 
'fließe' : eppuiiv 'floß'; — x"o^ ^^- '^^^ leere Raum : xaOvog 
'klaff'end' ; — Xoeuu : Xouuu wasche' ; — \>edo|iai 'schaue (aus 
dä/a-) : x>au|ia n. 'Wunder'. 

Durch die verwandten Spraclien ergibt sich irdauten- 
des f noch in: öig. alt. oi(; 'Schaf : 1. ovis\ — tuiov, luov 
n. 'Ei' : 1. övuw\ — aidiv m. Lebenszeit : 1. acvum (inschr. 
ai.Aei); — öy^ooc; 'der achte' : 1. ociävtis; — tXair] f. 'C)l- 
baurn', woraus entlehnt 1. olirn; — Koeiu merke : 1. cavro; 

— KoTXoc; 'hold' : 1. cavus; — ion. KXrjiq, att. kK^\<; f- 
'Schlüssel = 1. rlaris \ — KCpaoq gehörnt' : 1. arr//\- 



i$ 231. 232.1 '^'^* iil^'. Konponanton im (iriccliiHchen. 217 

'Hirsch'; — ßioq in. 'Leben , 1. v/vos; — liom. ^6(; 'nein': 
alat. soj'os; — (TKaio^ 'links' = 1. scaevns; — vtoq 'neu' 
= I. novus; — \aiÖ(; linkK' = 1. lacvus. 

4. Postkonsonantisches f schwand, s. i^ 238. 

C. Idg. ./. 

*ZIVZ. Entsprechend dem w {y) gab es im Idg. ein 
j, das seinem Lautcliaraktcr nacli ein unsilbisches i war 
und daher mit silbischem i wechselt, vgl. § 125, Anm. 1. 
Es ist im Lit.-Shiw., Ind. und Got. erhalten (ahd. viel- 
fach geschwunden), im Italischen nur im Inlaut und 
nach Konsonanten (wo es meist zu i wurde) bewahrt, 
zwischen Vokalen aber verloren gegangen. 

Wir linden im Griechischen im Anlaut zwei Ver- 
tretungen : 

1. j- wird zu h: fiTiap n. 'Leber' : 1. jecur; — dTVÖ(^ 
'heilig', d^Ofiai 'verehre' : ai. jajnah m. 'Götterverehrung , 
jajati 'verehrt'; — Aor. r\Ke 'er hat geworfen' (zu uiilu) = 
1. jecif] — hom. eWaxepec, (mit ion. Psilosis, das ei ist 
metrische Dehnung) : 1. janitrices 'Ehefrauen zweier Brüder'; 
— ucTiufvri (aus ••"udcriuivri) f. 'Schlacht' : judli- f. 'Kampf, 
juähmdh 'Kämpfer'; — ö(^ 'welcher' = ai. jah, phryg. 
io<;; — öqppa 'während' aus '•joqppa mit Schwund des ' 
durch Dissimilation; — euu(;, hom. fio<; 'während, so lange 
als' ; ai. jdvat 'wie weit' ; — üupa f. 'Jahreszeit' : got. jer, 
d. Jahr. 

2. j- wird zu t : ^uyov n. 'Joch', 1. jugum, d. Joch, 
ai. jugäm n.; zur gleichen Wurzel auch Z^euYVuui 'ich ver- 
binde'; — Z^Ujuri f. 'Sauerteig', Z;uj|u6<; m. 'Brühe': 1. jus 
'Brühe'; — leia f. 'Spelt' : ai. java- 'Gerste', lit. javal 
'Getreide'; — Z!uuvvuui 'gürte', Z^ujcriiip m. 'Gürtel' : lit. 
jüostas 'gegürtet'; — Ceuu 'koche, siede' : ahd. jesan, d. 
(]ären\ — ZiöpH f. 'Reh' : kymr. iicrch 'caprea mas'. 

xinm. 1. Da man diese Doppelheit in der Vertretuno: nicht 
erklären konnte, so kam zuerst G. Schulze Über das Verhältnis 
des Z zu den entsprechenden Lauten der verwandten Sprachen 
Diss. Gott. 1867 zu der Annahme, zwei verschiedene idg. Laute 
zugrunde zu legen. Diese Lehre fand allmählich allgemeine Zu- 



218 Laut- und Ak/.entlebre. [§232.233. 

Stimmung, und man suchte die Doppelheit audi in lindern 
Sprachen nath/.uweisen, ohne aber irj^endeinen wirklich sichern 
Fall beibring«Mi zu können. Neuerdings hat e8 Sommer Griech. 
J^autst. 137 ff 60 gut wie sicher gemacht, daß wir es hier mit 
einer griechischen Sonderentwicklung zu tun haben. Es liandelt 
pich um ähnliche Erscheinungen, wie sie bei S- vorliegen. Nach 
Sommer wird 7* zu Z 1. vor u (üt)er hj), 2. wenn die zweite Silbe ein 
li (aus *') enthielt, das auf den Anlaut übersprang (li\a aus *jheu, 
*Jehö, *;V*ö), ciijvvu]ui aus '*^^üjavuui}, 3. wenn die zweite Silbe mit 
ö -f- Konsonant (cUjaTrjp) anlautete oder vor p + stimmlosen Kon- 
.sonanten im Wortinnern (löpE). Gr. 0]Lieic ist daher niclit gleich 
ai. ju^ma; in üa|aivi-| ist das anlautende // wegen des (uöa|aivr|) ge- 
schwunden. Wenn man auch an nu\nchen Einzelheiten der an- 
irenommenen Entwicklung zweifeln kann, so wird das Endergebnis 
doch zu Recht bestehen. 

Im Inlaut schwindet,/ zwisclu'n N'okalen. Da dieser 
I>autwandel auch im Lateinischen eintritt, so muß man 
zur FeststeUung des j in dieser Stellung das Indische 
heranziehen : Tpei<; Vlrei' , 1. trcs, ai. iräjah. Mancherlei 
ergiht sich auch aus den Ablautsverliäitnissen: hom. 6eoq 
n. 'Furcht\ hom. öeiöuj 'fürchte' aus ••'öeiboa: Perf. öeöoiKa 
fürchte'; qjOori 'Schwindsucht : 9x>iai(;; — ; stand ferner 
in den abgeleiteten Verl)en wie Ti)aduj, qpiXeiu, bouXöuj usw. 

Anm. 2. Wenn inschriftlich zwischen i und folgendem Vokal 
ein ./ (i) geschrieben wird, kypr. iiarripav. TTacpiia«; usw., so haben 
wir es schwerlich mit erhaltenem idg. .;" zu tun, sondern es liegt 
wohl neue Entwicklung vor. 

Anm. 3. In der Verbindung u + ^'soll j erhalten sein, doch 
ist das r>eispiel uiüc zu unsicher, um dies zu beweisen. Lesb. (puiuu. 
,u€i>uia>, d\uiuj sind jedenfalls Neubildungen. 

Postkonsonantisch schwindet ./ ebenfalls in allen 
Fallen, verändert aber den Konsonanten oder den Vokal 
<ler vorausgehenden Silbe, s. § 239 ff. 

D. Urgriech. h, 

2.*i*<. Aus s und j entstand im Urgriecli. //, das 
zwischen X'okalen ganz allgemein schwindet, indessen 
nicht ohne Spuren seines \'orliandenseins zurückzulassen, 
s. § 2i5ü und i? 2o(). Im Anlaut vor Vokal geben es 
verschiedene Dialekte auf. Die Pßil(»sis ist bezeugt für 



{:?'J8ii.| Dio id^. Konsoiiaiiti'ii im (iriecliiH(h(;n. 219 

Äolisch, Klciiuisiatisch- Ionisch ((iajj;«'<r('n nprach man auf 
den ZykladtMi A), Kyprisch (?). einten Teil von Kreta und 
in Elis. Vielleicht hahon wir es mit einer Eigentiirnlich- 
keit zu tun, die aus dvr Sprache der luiterwori'eneii 
l>ev()lkerun«]; stammt. Die übrigen Dialekte bewahren es 
längere oder kürzere Zeit und schreiben es meist mit dem 
alten Zeichen H, in einzelnen Gegenden auch mit dem 
neu erfundenen Zeichen V . Die Erfinder des H im Sinne 
von ]} waren die lonier an der lydischen Küste, was auch 
für das hohe Alter der Psilosis in Kleinasien si)richt. 

Unsere Wissenschaft von dem h stammt teils aus 
den Angaben der Grammatiker, die namentlich für das 
Attische reichlich fließen, aus den Schreibungen des h in 
Inschriften und aus der Wirkung des h auf vorausgehende 
Verschlußlaute. Denn mit solchen verbindet sich be- 
kanntlich der Hauch zur Aspirata: dcp'ou aus an ov, zu 
sprechen a-pliü, |ur)0^€iq aus •■••|uriö-ei<;. Dieser Punkt ist eine 
der wichtigsten Quellen. Die Belege für den Spiritus 
asper sind gesammelt von A. Thumb Untersuchungen 
über den Spiritus asper im Griech., Leipz. Diss. 1888. 

Die regelrechten Fälle, in denen der Spiritus asper 
einem s- oder j- entspricht, sind oben behandelt worden. 
Wir finden ihn aber auch in einigen Wörtern, wo nicht 
s oder j zugrunde liegt. Eine Anzahl davon, in denen li 
einem J" entspricht, hat Sommer glücklich aufgeklärt 
(s. § 231). In andern ist er durch Umspringen des /* aus 
dem Innern des Wortes zu erklären, s. § 230 und 236, 
in noch andern liegt der Einfluß bedeutungsverwandter 
Wörter vor. 

Lautgesetzlich entwickelt hat sich im Att. und andern 
Dialekten der Asper vor u. Der Grund liegt darin, daß 
u zunächst zu ju wurde (s. § 153)^ was sich nach § 232 
regelrecht zu hu entwickelte. Dieses Gesetz ist jünger 
als das Hauchdissimilationsgesetz (§ 234), denn es heißt 
uqpaiviu. 

Ferner zeigt sich Aspirierung, wenn dem anlautenden 
Vokal PILI folgt (Sommer Lautstud. 133): dp]Li6<; 'Fuge', 



220 Laut- und Akzentlehre. [§233. 

dp^oZ^LU füge zusammen' : dpapicTKuu 'füge zusammen ; 

6p^r| 'Ansturm' : öpvujui 'errege'; eipiuoq 'V'erbindung, Reihe': 

eTpuj reihe aneinander'; ^p|m"|V€uq 'Ausleger'; ep\ia 'Klippe, 

Sandbank' : ai. varsnui- 'Höhe . 

Anni. 1. Lautphyyiologisch ist mir das Auftreten unter der 
letzten Bedingung' ebenso unklar wie Sommer. Ea wird wohl 
Suffix -.s7/»- anzusetzen sein. 

Auf der andern Seite finden wir nicht selten den 
Lenis, wo ' zu erwarten wäre. Diese letztern Fälle er- 
klären sich teils durch die sogenannte Hauchdissimilation» 
wie €x^ (^^^s ''^'^X^}. '"^^ § 234^ teils sind die Worte aus 
einem Dialekt, dem Psilosis eigen war, entlehnt, wofür 
besonders die homerische Sprache in Betracht kommt, 
teils muß man den Einfluß bedeutungsverwandter Wörter 
annehmen. 

Eine besondere Eigentümlichkeit ist das Auftreten 

des Lenis bei dem Artikel, s. § 234. 

Anm. 2. Die Attiker heißen bei den alten Grammatikern 
baouvTiKoi. Jedenfalls zeigt die Überlieferung bei ihnen ein liäu- 
figes Auftreten des Ä, vgl. Meisterhans 86. Eine Regel kann man 
in Fällen sehen, wo eine Asj)irata auf den Anlaut ühergepprungen 
ist, wie in eüxoucii, E0siaTpaTO<;. (^x^^ U^^^^y 'IXeiOuia, 'laöfiö^ 
iaxuq ('iaxuXoq). äpiOinöc; es vergleicht sich dies F;illen wie: 
6ve0^ör|, qpapOtvGc, AiO(p6iOr|<;, OpecpOei^, Oepp^qpaxTa, 0ep(jeq)övn. 
Ks ist kaum gj^nblifh, daß in diesen Fällen wirklich Doppel- 
aspirata gesprochen worden ist, sondern es handelt sich um ein 
Umspringen, was daraus hervorgeht, daß in einer Reihe von 
Fällen diese Umstellung festgeworden ist und dann in der zweiten 
Silbe die Tennis auftritt. So heißt es xitlüv f., ion. kiOujv X'nter- 
kleiii'; xaX'<ö<; ni. 'Krz' gegenüber kret. küuxöc;; XaXKiibLÜv gegen- 
tiber altem KaXxabibv; hom. q)dTvr| f. 'Krippe' gegenüt>er gew. 
TTdOv»-). Umgekehrt ist att. ^vxaüOa 'dort' gegenüber ion. ^vöaOxa 
unursj)rünglich. 



§234.1 IhiuchdieHimilation und N'orwandteH. 221 

Sechzehntes Kapitel. 
Hauchdissimilation und Verwandtes. 



!234. Für das Verständnis zahlreicher Erscheinungen 
des Griechischen ist das llanptdissimilationsgesetz Graß- 
manns(KZ. 12,81— 110, 110— 138) von großer Bedeutung. 
Es lautet: von zwei Aspiraten im Anlaut aufeinander 
folgender Silben verliert die erste ihre Aspiration. Mit 
den Aspiraten steht im Griech. li auf einer Linie. Da 
im Griech. eine Aspirata vor s und j zur Tennis wird, 
so ergibt sich nicht selten ein Wechsel von Formen 
mit und ohne Aspiration. Wir müssen in solchen Worten 
ursprünglich Doppelaspirata ansetzen. Man vergleiche: 
dpiH f. 'Haar', Dat. PI. ^pi^i, aber Gen. usw. xpixöq, 
Grundform ^thrikhös: ebenso Tpeqpcu 'gerinne, mache fest, 
ernähre': Fut. O-pevjJUu, Aor. eO-pei|;a; — xpex^D 'laufe': Fut. 
dp6tO)nar, — xaxu«; 'schnell', Superl. laxiajoc,: Komp. 
^dcTCTiuv aus *^dTXJ^v; — ddTTiuj 'begrabe' : Aor. exdqpriv, 
xdqpoq m. 'Leichenfeier, Grab'; — xapaxri f. 'LTnruhe, Ver- 
wirrung' (davon xapdcrcTuj) : ion. v^pdcTCfuj, att. O-pdxxuu 'be- 
unruhige'; Aor. decraacrO^ai 'anflehen' : TTÖ9-0(g 'Verlangen'; 
— X€Xpio<; 'schräg' : XiKpiqpic; 'schräg'; — eöo^ m. 'Sitz': 
ebe^Xov n. 'Grund, Grundlage', hom. eöacpog n. 'Sitz, 
Grundlage, Boden'; — exuj 'habe' : Fut. eSoi und zu 
€Kex^ipict 'Wafifenstillstand' ; — pind. xeö-juo^ m. 'Satzung' : 
att. d6ö"|u6q; — hom. dfio^ev 'irgend woher' (att. mit sek. 
Aspiration djuo^ev) : el^ ; — d- 'zusammen, eins' in ctiraH 
'einmal', dTrX6o<; 'einfach', ä7Ta<j 'alles zusammen, ganz': 
aXoxoq f. 'Gattin', hom. döeXqpeoc; m. 'Bruder', d-KÖXouO-oc; 
m. 'Begleiter', hom. dOpooc; 'gedrängt, geschart' (att. 
d^pooq mit sekundärer Aspiration); — Aor. exe^rjv : Wz. 
^r\- 'setzen' ; Aor. exuö-ri^, Fut. xu8-r|(T0|uai : duo) 'opfern'. 

Wichtig ist das Gesetz ferner für das Verständnis 
der reduplizierten Bildungen. Die Aufeinanderfolge von 
Tenuis und Aspirata geht in ihnen auf Aspirata — Aspirata 



222 T.aut- un.l Akzentlehre. f§ 2o4. 

zurück, also tiUiiilii 'setze' aus •'••OiOriini ; Perf. TifcqpeuTCt bin 
entflohen, Kixctvuj erlange, t'rreqpve hat getötet, TTiqpauCTKiü 
'lasse erscheinen, gebe ein Zeichen , kqxü^uu lache laut , 
Koxuoj 'ström(^ in Menge hervor; analog ist Taxuj aus 
•■=(Ti(TxuJ halte, halte an'. 

Durch Vergloiehung mit den verwandten Sprachen 
läßt es sich nun weiter nachweisen, daß eine Tenuis auf 
eine alte Aspirata zurückgeht. AVährend die gr. Tenuis 
sonst einer lat. Tenuis entspricht, finden wir in solchen 
Fällen im Lat. und in andern Sprachen die Entsprechung, 
die auf eine Aspirata weist. 

Beispiele: KeqpaXi'i f. Kopf , ahd. (jchal 'Schädel', d. 
&iehel; — KpLv>i'i f. 'Gerste' : 1. hordeum, d. Gerste; — Ttqppa f. 
'Asche' (aus '-'tcphra, '■■'■dhe(jh^^'ni) : 1. favilla 'Asche', lit. degu 
'brenne'; — iridoq n. 'Faß, Weinfaß' : \. ßdclia 'irdenes Ge- 
fäß, Topf; — 7Teix>uj 'rede zu' : 1. jido vertraue'; — TeTxo^ 
n., TOixo^ m. \Mau(!r, Wand' : osk. Jeihxhs 'muros', 1. 
fivr/err, d. Teifj; — 7Tii>riKü(; m. 'AfTe' : 1. foedus 'häßlich ; — 
7TUv>|lh'1v m. 'Boden' : 1. fnndus 'Grund, Boden', d. Boden; — 
hom. Treui>0)Liui frage, erforsche, erkunde' : got. anahiudun 
'entbieten', d. bieten; — irevOepöq m. 'Schwiegervater des 
Mannes' : ai. bandhüh 'Verwandter'. 

Ein anlautender Hauch ist geschwunden in auoq 

'dürr, trocken', att. auog, lit. sausas, ahd. sör; — d)Liav>oq 

'Sand', d. sand; — dbeXqpöq Bruder', ai. sa-garbha 

'schwanger'. 

A n m. 1 . Vielfach findet sich auch der Artikel ohne den rauljen 
llaiu'li. Nach Hatzi. lakis AOiivtt 2, 380 hat dies von Fallen 
wie 6 Oeöc; seinen Ausgang gciiorunien. 

Chronologie. Dieses Gesetz hat sich lange in seiner 

Wirksamkeit erhalten. Es ist jünger als der Verlust der 

Aspiration vor ./ und s inid jünger als der Übergang von 

idg. \ in //. 

Ann). 2. Wenn «lie «»rste Aspirata durch ptarke Apsoziation 
geschützt wird, ho ist im (Iricch. die /.weite Aspirata zur Tenuis 
geworden. Das hekanntpste Beispiel ist die 2. Sg. Iniperat, der Ao- 
riste auf -Orjv, «lie mit der Kndunp -Ol «.'el'ildet sind. Aus öJjOn-Oi 
hätte *aÜJTr|-Oi werden müsben. Das ist aber nach den andern 



ij 234. 23r>.] Hiiuchdissiinilatioii iiml \ Crwandti'S. 223 

Können, e. \\. aujOqTiu, wieder hergestellt, und 68 mußte nun das 
zwoito zu T werden. Neben dem SufTix -OXov steht -tXo-, :iber 
fast auHnalim8h)s nur naeh Stammen, die eine Aspirata entfialten, 
in ^x^xXri Tnu;j:sterz\ öx^iXov 'Fuhrzeug', X'JtXov 'FlüHsi^keit' vj?l. 
Fiek HB. 1, 65 fr. Solmnen, der Beitr. z. j?r. Wf. 100 diese An- 
nahme wieder aufgenommen liat, erkhirt dalier dvjXoc; 'Kiel- 
waBser' aus *c(|liOXo(;. 

Umspringen der Aspiration. 

Ü2*i5. Der Hauch wechselt gelegentHch seinen Platz. 

1. Iiitervokalisches h aus s der zweiten Silbe tritt vor 
den anlautenden Vokal oder vor /", wenn nicht der Haupt- 
ton unuiittclbar auf das h folgt (Sommer Lautstud. 10): 
eipiTov aus eÄepirov : epiriü "^krieche'; — eiTrö)ur|v 'folgte' 
aus •■••e//€7T6|ur|v; — euiu 'senge' : 1. iiro] — lepo^ 'heilig, 
stark'; ai. isirdh 'kräftig'; — ijarai 'sie sitzen' : ai. äsatc, 
aber eu^ 'gut' aus ''"''esus; ido|uai 'heile' :ai. isajati 'fördert, 
erquickt'; laivuj 'erwärmt' : ai. i.sVnyJrt/i 'regt an'. Beispiele 
für /- s. § 231, S. 215. 

Anm. 1. Ist die Regel richtig, so muß att. ecut; ion. r]iuc 
■^Morgenröte' sekundären "■ haben, vielleicht nach ^önepa. 

2. Ebenso steht es mit h in den Verbindungen lin, 

hm ; es tritt in den vok. Anlaut: V^po^ 'Sehnsucht': ai. ismäh 

'Liebesgott'; eijuapTai 'es ist bestimmt' aus ••'eh juapiai; fi|uai 

'ich sitze' : ai. äste aus ^i'ihjLiai; rjvia 'Zügel' aus '■■'ahniä, 

'^as7iiä, ai. näsjam 'der durch die Nase gezogene Zügel'; 

oi]uo<; 'Gang' (Sommer 29) : lit. eismc 'Gang, Steige'; ion. 

eivu|ui 'ziehe an' aus */ecrvu)ui. 

Anm. 2. Auch hier ruft Sommer den Akzentsitz, Avie oben, 
zu Hilfe, um abweichende Formen zu erklären, 

o. Ein Hauchlaut im Anlaut der zweiten Silbe springt 
auf die Gruppe Tenuis -)- p über und aspiriert diese: 
qppoupd 'Vorschau, Wache' aus "%po/iOpd : opduu 'sehe' ; 
qppoi)aiov 'Eingang' aus •%po//oi)Liiov : oI)lio(; 'Gang' ; qppoOÖO(; 
'fürder des Wegs' aus ■•'TTpo/^oöoq; dieser Lautwandel ist 
verhältnismäßig spät und nicht gemeingriechisch. Einen 
altern Lautwandel nimmt Sommer an für ^pivaS 'Drei- 
zack' aus ••'Tpi-crvaH ; dpivia ' d|UTTe\og ev Kp^Tr] Hesych; 



224 Laut- und Akzentlehre. [§235.236. 

Opiov 'Feigenblatt' aus *Tpiaov; \>pia,ußog; OpOov 'Binse' 
aus •■■Tpucrov. Auch hier ist ein p beteiligt, denn die andern 
Beispiele Sommers halte ich nicht für beweisend. 

4. Attisch findet sich ein Umspringen der Aspirata 
in xiTu^v 'Gewand', ion. kiOüüv, s. § 2o3. 

5. Eine vor der Lautgruppe (T -\- Konsonant ge- 
schwundene As])irata überträgt ihren Hauch auf den Ver- 
schlußlaut: TTütcTxüj leide' aus *7Tad-crKUj : ^Tra\>ov; — aicrxo*; 
'Schande': got.avviskisius'-'aighskos; — ^taxn 'Herberge': 
Xexoq 'Lager' aus '•'leghskcr, — Y^icrxpo^ 'klebrig' : yXixojaai 
'klebe' aus ••'(■Xixö'Kpoq; — ecrxaToq 'der äußerste' aus 
■■^excTKaTOc;. 



Siebzehntes Kapitel. 
Konsonantenverbindungen und Verwandtes. 



I. Die Verbindungen von .s-, w, j mit Konsonanten. 
A. .s* in Verbindung mit Sonorlauten. 

2!i0. 1. In den Verbindungen sw, sj, 811, sitt, 

sr, sl wird s im allgemeinen 7X\ //, das inlautend unter 

Dehnung des vorausgehenden Vokals schwindet. 

Anm. L Da im T>eflbipchen in diesen Fällen inlautend 
meist I)<)j)j)elk:onRonant entsteht, so hat man sicli den Übergang 
über stimmhaftes z vollzielien lassen. Die von mir aufgestellte 
neue Lehre hat bei P>ru^Mnann, Sommer u.a. Beifall gefunden, 
während Danielsson sie schon früher mündlich vertreten hat. 
Ablehnend verhält sich Solmsen 15erl. phil. Wochschr. 1902 Sp. 
1141 f., sicher mit l'nrecht. Außer iWn (iründen, die im Text 
beigHhracht sind, ist als Ihiuptmoment anzuführen, daß man nicht 
unnötig eine doppelte Behandlung desselben Lautes in derselben 
Sprache annehmen hoII. s wird im (lerm. und im Lateinischen 
zu r, aber nicht zu A, un<i im Ct riech zu //. nicht zu r. Das 
hängt mit dem Akzent und andern Faktoren dieser Sprachen 
zusammen. 

a) sH\ Im Anlaut blieb s als h (') erhalten, und w 
wurde, bevor es schwand, tonlos. Wir linden tatsächlich 
die Schreil)ung .Fh in böot. .Fh^Koha\xo^ 



>$23C.I Koiisonanlonverbindun«;. ii. VerwMmites. 225 

Beispiele: ^Kupü<; juis '-'strckuros 'Schwiegervater der 
Fniif : 1. soicr, d. Schinther; — kKvpi f. 'Schwiegermutter 
der Frau' : 1. socriis, d. Schiricuer; — i]b\)(; 'süß' : 1. suävis, 
d. .svV/.i", lü. srädu/f ; — ou, oi, 6, Pronomen der dritten 
Person: 1. suos, ai. sva-; — iöpiO<^ f. 'Scliweiß' : 1. siulor, 
d. Scliirci/jl. 

Anm. 2. Für d;i9 Attische, in dem J^ aligemein gescliwunden 
ist, liegt bei dieser Frage überhaupt kein Problem vor. Wohl 
aber ist beachtenswert, daß manche Wörter ohne ,f auftreten, 
also nur anlautendes 6'- zeigen gegenüber einem 6/6- der ver- 
wandten Sprachen. Hier ist mit einem idg. Schwund des ic zu 
rechnen, vgl, Solmsen Unters. 211. 

Anni. 3. In einer Reihe von Italien soll anlautendes stv 
auch durch ö vertreten sein; vgl. G. Meyer Gr. Gr. ^ 298 und 
Brugmann Gr. Gr.' 120. Manche Beispiele sind sehr unsicher. 
In andern scheint es sich um die Anlautsgruppe Isw oder psw 
zu handeln. So entspricht aeXua n. 'Gebälk des Schiffes, Ver- 
deck', hom. ^OaaeX.uoq "^wohl mit Ruderbänken versehen' dem ags. 
sealma, afrs. hedscJma "^Bettlade"", asächs. sehno ''Bett^ abg. sleme 
'^ßalken\ Der Anlaut ks wird durch lit. ^elmiiO, salma f. 'langer 
Balken' erwiesen. Dazu ferner gr. SOXov n. 'Holz', lit. siilcis 
"^Eimer- oder Tonnenstab eines Böttchers'; — adXoc; m. 'schwan- 
kende Bewegung' stellt man zu d. schwellen', — aeXae; n. 'Glanz'. 
öeX)'ivj-| f. 'Mond' neben gr. ^Xevii; — arirtuu 'faule', aarrpöc; 'faul' 
gehören evident zu lit. siisupes 'faul, verfault vom Holz', wo ,v 
wieder Is erweist; — örjKÖq 'Hürde' zu d. Schweige 'Viehhof 
nebst Weideplatz', abg. osel-ü; — aoiiiqpöi; 'schwammig, locker' : 
d. Schwcimm. Vgl. Kretschmer KZ. ol, 415 ff., Pedersen IF. 
5,59, Zupitza BB. 25, 92 ff., Solmsen Unters. 269. 

SIC wird im Inlaut zu hu\ worauf h mit Ersatz- 
dehnung im lon.-Att. und später auch w schwindet. Ion. 
vnoq, att. vewc, m. 'TempeP (aus ""'nasivos); — hom. 'loc, 
m. 'PfeiP (aus Hsii'ös): ai. isüh 'PfeiP; — hom. TeXi^eic^ 
'vollendet' aus "^teleswents : TeXo(g n. 'Ende', Im Äol. ent- 
steht doppeltes ic, daher hom. euabe aus ••ecr/aöe : dvödvoj 
'gefalle'. 

b) .y wird anlautend zu ': u,ur|v m. 'Haut, Häut- 
chen', u)Livo<; m. 'Gesang', eig. 'Gefüge': ai. sjiiman 'Band'. 

Anm. 4. Nach G. Meyer Gr. Gr. ^ 297 und Brugmann 
Gr. Gr.^ 170 ist sj im Anlaut auch durch o vertreten. Aber öduj 
*siebe', att. bia-TTduj, das mit alb. sos verglichen wird, kann dies 
Hirt Griech. Laut- u. Formenlehre. 2. Aufl. 15 



226 l.aut- und Akzentlehre. [§ 2oG. 

nicht be^veisen. Att. biaTTciuj weist auf kj, worauf auch das alh. 
AVort zurückgeführt werden kann. Gr. KaaöOuu 'flicke, ychustere' 
stellt man zu 1. sho aus *sjuo. Auch dies ist sehr unsicher, vji!. 
Kretschmer Glotta 1, 52. 

Inlautend wird .s zu h, das schwindet: en-jv aus 
•■^ecrjnv, s. § 240. 

c) sn wird anlautend über hu zu v: vi'qpa Akk. 
^Schnec', veiqpei *es schneit' : 1. nix, d. Schnee] — vuoq f. 
'Schwie<iertochter' : 1. aurus^ d. Schnur, ai. snnsd; — voog 
m. 'Sinn' : got. snutrs Sveise'; — vaKrj f. 'Vlies der Ziegen': 
got. snaga 'Kleid ; — vÖToq m. 'Südwind' : d. süd (aluL 
sundan). 

Inlautend schwindet das aus s entstandene // im 
Ion. -Att. mit Ersatzdehnung. Ion. q)aeiv6<; 'leuchtend, glän- 
zend' aus •■•■qpa/ecrv6(; : cpdo^ n. 'Licht'; — aeXi'ivri f. 'Mond' 
aus ■^■(TeXdava : (TeXag 'Glanz'; — uX^eivöq 'schmerzhaft': 
uX'foq n. 'Schmerz' ; — ion. eivujLU 'kleide' : eav>n<; f. 'Ge- 
Avand' ; — KXeivoq 'berühmt' aus ■•KXe/ecrvog : Kkioq n. 
'Ruhm' ; — 'lviov n. 'Genick' aus ••'/icTviov : 1. vires. 

d) Stil zeigt dieselbe Behandlung wie sn, nur steht im 
Anlaut in einer Reihe von Fällen cr)a, so in hom. o^iKpöq, 

klein' neben )ilKp6q:ahd.smähi 'gering'; hom. (TiiiepöaXeog 
schrecklich, gräßlich, fürchterlich', CTfiepbvöc; dss. : ahd. 
smerzan, 1. mordcre\ — (TjaOxeiv 'etwas in langsamem Feuer 
verzehren lassen' : engl, smohe, d. schmauchen; poet. (TjiUYe- 
pöq statt )U0T€p6<; 'mühevoll, mühselig'. Die Erhaltung 
des s widerspricht so sehr den andern Erscheinungen, 
daß man auch hier in dem s einen andern Lautwert als 
reines s zu suchen geneigt sein wird. 

sni' im Anlaut zu )i : fitpiiava f. 'Sorge', hom. ^ep- 
|aepO(; sorge:, mühevoll' : air. smdrati 'gedenkt; — fiieXbaj 
'erweiche, schmelze' : d. schmelze; — laeibiduu 'lächle', hom. 
Meibdo) : engl, smile, mhd. smielen 'lächlen', vgl. das \i}i von 
hom. cpiXo|Jueibr|<;; — jai'a Fem. zu el<; aus *cr^ia : 1. semcl; 
dazu ^ÜJVuE tinhulig', falls nicht aus '''fiOVLUvu^; — f.uiXov 
n. 'Kleinvieh' : aisl. sniali Kleinvieh', d. schmal. 

Im 1 nlaut schwindet im Ion. -Att. .s- über h mit Ersatz 
dehnung, lesb. entsteht Dopi)elkonsonant. KpOjaoq m. 



v^ 236. 237.] KonBonantenverbindiinp. u. Verwaiultee. 227 

'Eiseskiilte\ KpuaiaWo^ ni. 'Elis; — eim' ich bin' : ^crii 
ist'; — ZlÖjLiri 'Suppe' : \. jus, ixhi^.jucha (woraus d. jauche)] 
besonders zeigt sich der Lautwandel vor den mit -^ an- 
lautenden Personalendungen des Perfektums Medii der 
auf -CT auslautenden Wurzeln : YeT^uinai aus •■''YeYeucriuiai : 
YtULU 'koste' (1. (/usf(ire); da aber in der 3. Pers. Sg. das 
.s erhalten blieb ^YeYeuaiai, so finden Ausgleichungen 
statt, teils t2^iu|uai, ^Zituiai, teils tZ^oiajuai, eZ^ujaxai : Z^djvvujui 
'gürte'. 

Auf vokalischen Anlaut springt die Aspiration über, 
wenn nicht der Hauptton unmittelbar auf die Lautgruppe 
a}i folgte (Sommer Unters. 32): 'i|U€po<; m. 'Sehnsucht': 
ai. ismäh ^Liebesgott' ; — eijuapiai aus '•'ehmartai 'es ist be- 
stimmt'; fjjuai 'sitze' : ai. aste 'sitzt'; — oi|uo(; m. 'Gang' 
(Sommer 29) : lit. eistm 'Gang'. Vgl. § 235, 2. 

Anm. 5. Wo -g\x- im Inlaut zwischen Vokalen erscheint, 
beruht es entweder auf der Lautgruppe -tsm, z. B. ireiaua n. 'Tau' 
aus *TT€i&a|ia : d. binden^ (.p€xo\xa n. ^Stütze' : ^peibuu ; ^iriXriamuv 
'vergeßlich' : XrjOuu, oder es liegen analogische Bildungen vor wie 
in löyilv nach ^aie. KÖa|Lio? m. 'Welt' erklärt man aus *Kova|iO(;, 
doch ist dies zweifelhaft. 

Anm. 6. Das -,u|li- in hom. e,u|Lxevai ist äolisch. 

e) sVy sl wurden zu hr, Jil^ die anlautend blieben: 
peuj, kork, pho/'aidi (Solmsen 25, 2), ai. srdvah 'Fließen'; 
— poqpeuj; lit. srcb'zi 'schlürfe'; — Xvluj, mhd. slucken. 

Inlautend schwindet h mit Dehnung: hom rpripuuv 
'furchtsam, flüchtig' aus *TpäapiJUV : Tpe((j)aj ; — vauKpäp0(;, 
vauKXtipoq 'Schiffshaupt' aus *vauKpacTpoq, worin Kpacr- zu 
Kdpa n. 'Haupt'; — ion.-att. x^i^^oi» l^sb. x^^^ioi '1000', 
ai. sa-Msram; — X^^^o<» ^* 'Lippe', ai. Jiasräh 'lachend'; 
'i\ri8-i 'sei gnädig', wohl aus ''•'•sislä-', — aupiov 'morgen' aus 
•%ucrpiov ; — Xß^oc; m. 'Grünfutter' : ai. ghasti ' ev ißt' ] — 
hom. dpuXiacTiu 'zerschmettere' : dpauuu 'zerschmettere', 
1. frustum 'Stück'. 

237. 2. In den Verbindungen -ns-^ -ms- wird s 
ebenfalls zu Ji, das im lon.-Att. mit Ersatzdehnung 
schwindet. Bei -Is-, -rs- tritt dies nur ein, w^enn der 
Ton nicht unmittelbar vorausgeht. 

15* 



228 Laut- und Akzentlehre. [§237.238. 

a) -ns-, -ms-. Alt. Mnv6<; 'des Monats' aus •laiivcröq, 

lesb. |uiivv6g, hmensis; — iü)lio<; m. 'Schulter' aus ■•tuucroq. 

1. nmerns, got. rt>«.s; — XH^. Gen. XT^o^ä 'Gans', 1. auser, 

d. (ianfi. Besonders wichtig ist dieses Gesetz für die 

Bildungen des s- Aoristes der Verben auf Liquida und 

Nasal, die ebenso rogelmäf^ig sind wie die der ü])rigon 

Verben. Aus *ecpcxvcra : qpaivuu 'lasse erscheinen wird 

•■•"tqpäva, att. tqpiiva, aus 'tveiacra : ve)naj 'teile zu' wird 

€vei)Lia, aus *eKXivcra : kXivuu 'neige' tKXlva, immer mit 

Dehnung des vorausgehenden A'okals. 

Chronolo^'ie. Wie ^qprjva aus *6(pavaa, rjueic, lesb. öuuec 
u. a. zeigen, fällt der Schwund des h in der Verbindung mit Na- 
salen vor den Übergang des urgr. ü in ion.-att. >i« i^ic Fälle, in 
denen sich -äva im Att. findet, wie ^annäva, erklären sich durcli 
analogische Ausbreitung des Ausgangs -äva, der nach p (^Ei'ipäva' 
lautgeset/.lich war, s. § 154 Anm. 1- 

b) -i'.s*-, -Is-, Die Regel, daß -rs- und wohl auch -h- 
erhalten bleiben, wenn der Ton unmittelbar vorausgeht, 
sonst aber wie -ns- behandelt werden, ist von Wackcr- 
nagcl KZ. 29, 127 ff. gefunden worden. Ich halte sie 
trotz des Widerspruchs von Brugmann Gr. Gr.'^ 119 für 
richtig. Das erhaltene pö" wird im Att. weiter zu pp. 

Beispiele: öppO(; m. Hinterer, Arsch' aus öpcroq : oupci 
f. 'Schwanz' und oupicxxoq das letzte Ende', ahd. ars\ — 
dpcrriv, tpcrnv 'männlich' : EipaqpiujTn^ und lak. eipriv 
(Solmsen IF. 7, 37); — KÖpcrii 'die Seite des Kopfes, 
Schläfe' : Koupeug 'Scheret; — (./")epan 'Tau' : (./')oupeuj 
harne\ Ferner findet man im .s-Aorist hom. iupcre, 
dpao)Li€V geg(>nüber riY^^poi usw., tTifipaev 'er fügte drauf . 
Ktpae, 'schor', aber d7r6K6ipU|ariv. 

Für -h- sind die Beispiele unsicherer: TtXcrov n. 'Ende', 
uKcoc, n. 'Hain', Aor. eeXaai einschließen, KtXacti treiben, 
aber iVrftiXa, ßouX)] 'Bat'. 

B. .F in Verbindung mit Konsonanten. 

^^•iH. 1. Postkonsonantisch ist .F in alU'n Fällen 
geschwunden: 



I 



>:? 238.] K<)nRonjint('nvorl)iniliinjr- n. \'er\van<lteH. 229 

a) nach v, p, \ im Attisclicn oline, im Ionischen mit 
ICrsatzdelnmnj^. Eine Quantitiitsdifrorenz zwischen diesen 
beiden Dialekten weist mit einiger Sicherheit auf f. 

Ton. He:Tvo(5 'Fremder', ;vtt. tevo^, v<i:l. kork. TrpöHev./x)q 
(Sohiisen 25, t); — ion. eivaioq 'neunte', att. ^vaioq, v<;l. 
1. norcw; — ion. Youva 'Knie', att. Yovaia, vf^l. fovu; — 
ion. Keiv6(; 'leer', att. Kevo^, vgl. Keveöq aus •■••Keve/b(; ; — 
ion. (Tieivo^ ßiig'i i^tt. (Tievöc^; — ion. |uoövo<; 'allein', 
att. |u6vo^; — hom. qpdÄvuu 'komme zuvor', att. (px>dvuu; 
— hom. Kix^viu 'erreiche', att. kixcxvuj; — hom. qpOfvuj 
'schwinde hin\ att. (p\>i''vuu, vgl. cpOivuS^oi; — hom. ifvuu 
'büße', att. t/vuu, vgl. Tivu)uevai; — ■ ion. oupog 'Grenze', 
att. öpoq, vgl. kork, bpfoc,; — ion. Koupn 'Mädchen', att. 
KOpn, dor. Kop/a; beachte das i"i in KÖprj; — ion. öoupöc; 
des Speers', att. öopog, vgl. got. friii; — ion. dTreipoiv 
'unbegrenzt', att. Tiepaivuj 'vollende', vgl. TTpujUVOt; 'SchifFs- 
liinterteil'; — ion. ei'po.uai 'frage', att. tpouai, vgl. epeu- 
vduu 'erforsche'; — ion. KäXöc; 'schön', att. KaXöc;, vgl. böot. 
Kokföq; — ion. ouXai 'grob geschrotene Gerstenkörner', 
att. öXai, vgl. dXeupov 'Weizenmehl'. 

b) Nach TT, qp, b, d-, ö" schwindet F im Ion. -Att. 
spurlos: viiirioq unmündig' aus ••"viiTT./io-, vgl. glbd. vri- 
TTÜTioq, UTrepcpiaXo(; 'übermütig' aus -qp/ia, vgl. 1. superhicu 
-cpiaXog gehört zu qpuuu. 

Wo f nach ö geschwunden, steht bei Homer langer 
Vokal vor ö: hom. ouöötg 'Schwelle', att. 6öö<g; — öeiöijuev 
'wir fürchten', att. öebi,uev : Wz. chcei 'fürchten'; — -^eou- 
bri<; 'gottesfürchtig' aus ■••^eob./ric; ; — eibap 'Speise' neben 
ebap Hesych, oder Doppelkonsonant Ihh^xaac,. Voraus- 
gehende Kürze in der Arsis wird gedehnt: |ue beo^ E 817, 
hfl öeivoimv K 254, er. öriv Z 139. Ferner auch nach 
erhaltenem er in voöcro^ 'Krankheit', att. vöcrog; — laoc, 
'gleich', att. i'croq kret. flafoc,. 

Anm. 1. Die Auffassung dieser Formen bereitet Schwierig- 
keiten. Für Homer kann man in diesen Fällen entweder noch 
das y einsetzen, deöb/rjc, oder Doppelkonsonant schreiben, 
Oeöbbrjc. Schwierig wird die Frage dadurch, daß auch das Ionische 
vouaoc, \qoc, kennt. Herodot hat ersteres regelrecht, aber voaeuu, 



230 Laut- und Akzentlehre. [§238. 

Hippokrates v6o\-\}xa, vood)br\c„ övoaoc;. Daher sieht W. Schulze 
in voööoq usw. aus dem homerischen Dialekt herübergenommene 
Formen, QE. 115 if. 

Nach ^ ist ^geschwunden: Oaipoq 'Türanger zu ahg. 
dvlrl 'Tür' aus •■••i>/apjö(;; — dopeiv 'springen' zu awest. 
flvaraUv; — OoXoc; 'Schmut//, doXepoq 'kotig, schlammig, 
verwirrt' zu got. dwals 'töricht ; — Oavaiog 'Tod' zu ai. 
dlivantäli 'hingeschwunden ; — öpdoq 'aufrecht' zu ai. 
nrdhudh] — Mtdr) 'Trunkenheit' aus 'V^^-^H. vgl. )Liedu. 

Anni. 2. In allen diesen Formen könnte das tc aber schon 
im Idg. gescliwunden sein. In einer Anzahl von V'erbalendungen 
linden wir da, wo ai. dhv steht, im Griech. ob, kret. Od. Ke 
wäre zu erwägen, ob dJiw nicht über Ov> zu aO geworden ist. so 
<laß qptpeaOov ai. ahhara-dhram^ cpe'peaöai ai. hhdradhvc entspräche. 
In andern Fällen ist Schwund des w in idg. Zeit sicher, so in 
öiqppo(; 'Wagen', vgl. Solmsen Unters. 8. 212. 

c) tir ist zuniiclist zu tt geworden, diis inlautend im 
Att. und Boot, blieb, im Ion. aber zu (Ter verschoben 
wurde: att. Teiiape^ 'vier, böot. ireTTapeq, hom. xeaaapet;, 
ion. TecTdepe^, 1. f/natfuor. 

Anlautend ist allgemeine Verschiebung zu crcr ein- 
getreten, das später vereinfacht wurde: (TaKO^ n. Schild . 
episch qpepe-(7(TaKnq 'vSchild tragend': ai. timv- 'Haut, Fell, 
Decke; — (Teiuj schüttle, hora. CTTi-crcTeiuu 'schwingt' ent- 
gegen' : ai. tvis- 'erregt, bestürzt sein' ; — (Je 'dich', (TÖq 
'dein' : ai. tvdm, fvd/j. Daneben steht gr. Toi aus idg. "^Yo/, 
vgl. § 199, 1; — craivuj wedele' : lit. tvahiifis 'schwänzeln : 
— (Tiijq aus crdoq 'fest, sicher' : got. (lapwastjan 'befestigen . 

d) Avr, (ihw wurden zu Dopptdlabial, der anlautend 
vereinfacht wurde: 'i'ttttoc; lloß , 1. cquits, ai. d.svuli^ oder 
vor hellem Vokal zu Dental : Orjp 'Tier', ä(d. q)rip, abg. 
zvh'7, lit. ivens. 

Wo scheinbar k, x ^^^ Vertretung dieser Lautgruppe 
auftritt, liegt wahrscheinlich idg. Schwund des ?r vor, vgl. 
i^ 199, 1 und § 221, Anm. 2. 

Anm. 3. (ielegentlich tritt auch kk auf, ho in ikko^, ireXeKKctiu. 
Krsteres wird dialektisch sein, bei dem zweiten liegt ßeeinÜussung 
durch irAeKU«; vor. 



$} 239. 240-1 KoiiBonantenveibindiiiig. ii. \ eiwaiulteö, 231 

C. ./ nach Konsonanten. 

*ZllU. Postkonsonantisches ./ ist im Griechisclien in 
allen Füllen geschwunden, hat dahei aher entweder auf 
den Vokal der vorhergehenden Silhe (wenn die Laute u\ 
n, r, s- dazwischen standen), oder auf den vorausgehenden 
Konsonanten gewirkt. In diesem Falle handelt es sich 
um eine sogenannte Mouillierung des Konsonanten^ wie 
wir sie in vielen Sprachen finden, im ersten dagegen liegt 
"Wohl eine Art Epenthese vor, offenbar weil die dazwischen 
stehenden Konsonanten der Palatalisierung gar nicht oder 
nur wenig fähig waren. Jedenfalls schließt im Griechischen 
<lie Einwirkung auf den Konsonanten die auf den Vokal 
aus und umgekehrt. Vgl. zu der ganzen Frage Daniels- 
son IF. 14,375. 

!240. Beeinflussung des vorhergehenden 
Vokals. 

a) Hinter den Konsonanten iv, w, r, s schwindet j 
spurlos, es beeinflußt aber den vorhergehenden Vokal. 
Dabei werden a und o zu ai und oi, e wird zu ei oder 
wird wie i und u gedehnt. 

a) fif o -\-w, Uj r -{-J zu ai, oi. 

Beispiele: öaiLU 'zünde an' aus "^'öa/juu, vgl. Part. 
Perf. beöau|LievO(g bei Simonides; — K\aiuj, att. kXäuj 
^ weine' aus ■••KXa/ja) : Fut. KXaücrojLiai ; — hom. xecrcrapd- 
ßoiO(; 'vier Rinder wert' aus ••'ßo/'joq; 

TeKTaivo|Liai 'arbeite als Zimmermann' aus "^TeKTavjo- : 
TeKTUJV 'Zimmermann'; — qpaiviu 'bringe ans Licht' aus 
•■•'cpdvjaj und so überhaupt die Verben auf-aivoi; — F. |U€- 
Aaiva zu pieKac, 'schwarz' ; — xdXaiva : idXaq 'unglücklich' ; 

— d'YKOiva 'Ellenbogen' : glbd. dYKiuv ; — öecTTioiva 'Herrin' 
aus '••öeaTtö(ö)via : öecrTToiri^ 'Herr'; — hom. (poivo^ 'blutig, 
blutigrot, mörderisch' : qpövo^ 'Mord'; 

(JiraipLU 'zucke, zapple' aus ■"^(TTTdpjuj, lit. spir'ii; — 
-öaipoq 'Türangel' aus ••■■dapj6(; : dupa 'Tür' ; — TeKjuaipOjuai 
^setze fest, bestimme' : TeKjuap 'Grenze, Ziel, Bestimmung', 

— KaOaipuu 'reinige' : Ka^ap6<; 'rein' ; 



232 Laut- und Akzentlehre. [§240. 

)noTpa f. 'Teir aus •••'liopja : |Li6pO(; 'Los, Geschick'; — 
Koipavoq lierrsclier" au'< ■^•'Kopjavoq : got. harjis in. 'Heer\ 

ß) e, i, u + w, n, r + J. 

ew -\- j gibt den echten Diphthong ei : F. eupela : eupug 
breit' aus -eupe./jä, sowie die Fem. der e/-Stämme über- 
haupt; — el. qpuTCiöeitJU verbanne' aus ••'qpUTaöt./'juu (att. 
qpuYabeuuu mit eu nach dem Aorist tqpuYcxöeucra); — ßacri- 
Xeia f. 'Königin' aus "-'ßaaiXt/ja : ßaaiXeug 'Kr)nig' ; — 
Yeveiov 'Kinn, Bart : T^vug Kinn', ai. hanavjäh 'zur Kinn- 
backe gehörig'; 

h\oc, göttlich aus ■•öi./joq, vgl. Ai/b(; 'des Zeus', ai. 
tUvjäh 'himmlisch'; 

ew, er -\- j ergibt Dehnung des e (ei). 

KTeivuj 't(")te' aus •••KTevja); — öeivLu schlage'; — 
Teivuü 'spanne'; — repeiva F. zu lepiiv 'zart'; 

kXt'vuu 'biege, beuge' aus •••kXivjuj; 

ÖTpOvo) 'treibe an ; — ttXovuu 'wasche' ; 

tTcipuJ 'wecke', cnreipuu säe', qpöeipiü 'verderbe', leiptu 

reibe auf'; crieTpa 'die Unfruchtbare' : 1. sterilis; dvTi-dveipa 

'die Miinnt'rgleiche' : dvi'ip 'Mann ; öjLu'iTeipa 'Bezwingerin' : 

b|Lir|Tnp 'Bezwinger; }Jit\pat '}>li\dchvn: iii. )tiarjak''f/t 'junger 

Mann ; 

oiKif puj 'bemitleide' ; 

öXocp'jpoiiiai 'jammern' aus ••'oXocpupjoiLiai ; — o6pvj 
ziehe, schleppe : Aor. ecröpriv; — ,uapTOpO)aai rufe zum 
Zeugen an\ 

Anm. L Die Art und Weise, wie die Atfektion des X'okals 
vor sieh gegangen i.st, ist nicht klar. Während im Fall a auch 
das J^esbische Diphthonge zeigt, hietet es im Fall ß Doi>pol- 
konsonans: KTtvvuj, ^Yt'ppiu. kXivvlu, ofKripptu, öXocpuppiu. Dies 
steht in Übereinstimmung mit dem allgemeinen Charakter dieses 
Dialektes, der zu einer Verschiel >ung der Silbengrenze neigt. 
Diese Formen sind ahor nicht die Vorstufen des Attischen. 

Anm. 2. Dem unechten att. ei in Kxeiviu, cpOeipuu entsi)richt 
in den sonstigen Dialekten zunächst i], so z. 1). ark. qpO/ipuj, att. 
fpOeipuj, lesb. 90^ppuj. 

Anm. 3. -tnj- ist im Irgr. zu -nj- geworden. Beispiele: 
ßaivuj 'gehe' : got. qfnian, d. kommen aus *ßa,ujuü; — x^^^^a 'Mantel' : 
xXajuOc; 'Oherkleid': — koivöc; 'gemeinsam' aus *KO|njo(; : 1. cnmy 
vgl. glhd. ^.^jvöc, : CUV 'mit'. 



4}'240.j l\(MiB(iii:int(MiV('rl)iniliin^'. ii. N'erwjindteB. 233 

Stand zwischen dem Vokal und dem j ein .s oder./, 
so tritt zwar auch AOektion des Voknls (un, aber es ent- 
stehen im Gegensatz zu oben fast durch wepj Diphthon*^e, 
niimhch ai, oi, ei und aucli ui. Da der Übergang von s 
zu // zu den ältesten Ersclieinungen der griech. Laut- 
gescliichte gehört, so wird man kaum von einer Palatali- 
sierung des s oder des aus s entstandenen h reden dürfen, 
vielmehr wurde die Lautgruppe asj usw. über ahj zu ajj, 
woraus sich dann regelmäßig eine diphthongische \'er- 
bindung ergab, vgl. Daniclsson IF. 14, 08 1 fF,, mit 
Schwund des zweiten j. Es ist klar, daß eine Gruppe 
ai -f~ P usw. ebenso behandelt werden mußte. 

In späterer Zeit schwindet dann i zwischen gleichen 
Vokalen, so daß auch Kontraktion eintreten kann. 

Beispiele: hom. vaiiu Svohne' : Aor. vdcraa, ev«(J\>nv 
'siedelte mich an'; — XiXaio|aai 'begehre' : Xda^ii 'ludi- 
brium', 1. lascJvus, got. Instus, d. Lust] — eTTijuaio.uai 
'berühre' : Fut. eTTi|udacreTai; 

Opt. ei'riv aus '""esjen : ai. sjäm; die zahlreichen jä- 
Ableitungen von 65- Stämmen mit echtem ei dXri&eia 
'Wahrheit' : dXrjuec;; — eucreßeia 'Frömmigkeit' : eücreßeg; 
F. Part. Perf. ^ejoveia 'daseiend' aus ■^-YeTOvecrja; — veiKecü 
'zanke', hom. veiKGiuu : Fut. veiKecTuu, Aor. eveiKea(cr)a ; — 
att. hom. leXeuj, hom. auch reXeio) 'vollende' : Aor. eie- 
Xe(cT)cra; — dKeojuai 'heilet hom. dKeiojLiai : Aor. i'iKecraTo; — 
aiöeo|uai 'scheue mich', aiöeio|uai fehlt : Aor. i]5ecrd|uriv ; 

öfo|uai 'meine, vermute' aus •■•oi(Tjo|uai (Schulze Qu. 
Ep. 352 ff.) : Aor. oicraxo, ujicTö-riv; — Kovfuu 'erfülle mit 
Staub' : Kovig 'Staub', 1. cinis, cineris\ 

Gen. hom. toio 'des' : ai. tasja, mit Kontraktion 
att. Toö; 

Fem. Part. Perf. eibuTa : oiöa 'weiß' aus "•'eiöucrja; — 
,uuTa 'Fliege' : 1. musca, lit. miise, 

jj finden wir besonders in adjektivischen /o-Stämmen, 
die von Lokativen abgeleitet sind, z. B. oiKeio<; 'häuslich' 
aus Lok. oiKei -j- jo^. 



234 l.:iut und Akzentlehre. [§240.241. 

A n in. 4. Da^ Verhältnis von TeXeiuu, zu TeXeiu, hom. xoio . 
lUt. ToO ist unklar. Vgl. J. Schmidt KZ. 38, 37 f., B achtel 
V^okalkontraktion 83 f., die aber beide nichts voll Überzeugendes 
bieten. 

1:141. Beeinflu.ssung drs vorliergehenden Kon- 
sonanten. 

1. JJ und pj, 

a) IJ wird im Anlaut zu ,/ =^ \ falls die Gleichung 
fJTTap n. "^ Leber , ahd. lehara richtig ist. fiTiap ginge dann 
auf '■Hji'k}'^rt zurück, und dies würde l^eweisen, daß dii' 
Griechen die Gruppe -Ij- nicht sprechen konnten. Dem- 
gemäß trat Silbenverscliicbung ein, '■'a-ljos wurde zu aljos 
imd dies zu dXXog,. 1. alius. 

Weitere Beispiele: qpüXXov n. 'Blatt' wohl zu \. foVnnn\ 
— aXXo|Liai 'springe' = 1. saUo\ — ladXXov 'mehr' aus 
•■•|uaXjov : 1. melior 'besser'; Fem. ttoXXi'i aus •■ttoX/^jx : 
TToXuq 'viel'. 

Besonders häufig im Prägens vieler Verben : öaibuXXuü 
verziere' : öaibuXeoq kunstvoll gearbeitet' und viele andere, 
sowie in jS-Femininen: deXXa f. Sturm; auaXXa f. 'Garbe , 
ijjuXXa f. 'Floir. 

Anm. 1. Die Annahme J. Schmidts Neutra 47 * /; werde 
vor dem Ton zu einfachem X, ist falscii. KaXöc; 'schön', das er 
gleich ai. kaljah 'gesund' setzt, geht auf Y.aXF6c, zurück. Dagegen 
KdXXoq n. 'Schönheit' wohl aus KdXjoc oder *KdXvoc. 

Anm. 2. Im Kyprischen linden wir eine liehandlung des 
Ij, die mit der der ersten Gruppe (ibereinstimmt, 'AireiXujv = 
'AttAXujv, aiXiuv = öXXiuv. Dazu auch el. aiXÖTpia. Der Wandel 
von //' zu // ist liaher wohl nicht urgriechisch. 

b) 7>y, phj ist wahrscheinlich zu ttt geworden. An- 
lautend in TTTuo) '8j)eie', lit. sp'äuju, abg. pljujq; — 
TTTucrauj 'falte', tttuxi'i f. 'Falte' : ai. pjüksm- 'Überzug des 
Bogenstabs' ; — inlautend namentlich in den Präsentien 
auf -7TTUJ, hom. xf'tXfcTTTiu 'bedrücke' : x«XeTT6(; 'schwer'; — 
KXtTTTUJ stehle' : kXotth f. Diebstahl ; — Outttuu 'l)egrabe' : 
Taqpi'i. Analogisch ist dieses -ttt- auch auf Verben über- 
tragen, die auf -ß auslauteten: ßXuTTTiu 'schädige' : ßXcißn 
f. 'Schaden'. Wir wissen freilich nicht, wie ßj behandelt 
worden ist. 



§242.] KonBonnntenverbindiing. u. Verwundtea. 235 

tiVZ. tj\ th,'h <(/, h'J, h'hj, (fj. 

Die Lautverbiiidunpon // (und das damit zusammen- 
gefallene thj), dj, kj (und khj\ (jj haben eine Entwicklung^ 
erfahren, deren Ender«j:ebnisse wir sehen, deren (lang wir 
aber nicht ^anz sicher bestimmen können. Vgl. Lager- 
crantz Z. gr. Lautgeschichtc. 

a) llridg. tj {dhj, thj) wird im lon.-Att. zu (T, im 
Aolischen und z. T. bei Homer zu Oö". Dieses OCT kann 
aber nicht die Vorstufe des einfachen ö" gewesen sein, 
weil ij von idg. ss im Böotischen unterschieden bleibt. 
Wohl aber ist ij durchweg mit i^ zusammengefallen, und 
wir dürfen daher ts als erste Entwicklungsstufe von ij 
ansetzen, die sich leicht daraus ergab, vgl. frz. nation, 
1. naiio. 

Wir behandeln im folgenden die Verbindungen ij und 
U zusammen, und wir müssen dabei zwei Fälle unter- 
scheiden: a) ij nach Konsonant und nach langem Vokal 
und ß) ij nach kurzem Vokal. 

a) ij und is nach langem Vokal und Konsonant 

werden allgemein zu ö". 

aa) /; : aicra f. 'Geschick' aus '''aUja : osk. aeteis 'partis' ; 

— gemeingr. irdvö'a aus ••'■'TrdvTJa, att. Trdcra : Trd^ 

all', kret., arg., thess., ark. TTdvö"a, lesb. Tiaiaa 

aus ■■^Travcra, sowie die Feminina der Partizipia kret. 

^xovaa usw.^ att. IxovGa, ggr. ööHa 'Ruhm' aus 

'••ÖOKTJä; 

ßß) is: Fut. Treiouj, Aor. eTreicra aus ■••TTei^cruj : ireidcu 
überrede', sowie die Futura und s-Aoriste der auf 
Dental ausgehenden Verba wie errepae 'zerstörte' : 
rrepduj; — Dat. PL der Stämme auf Dental wie 
(puucri aus ■••(piuTOi von cpiij;; m. 'Mann', der Partizipia 
auf -VT, att. ßdXXouai aus ■•■■ßdXXovTOi, kret. ejrißdX- 
Xovdi, arg. e-rraYT^^^ovcri. 

ß) ij und is nach kurzem Vokal ergibt thess. -lesb. 
iiom. crcr, att.-ion. a, böot. kret. tt. 
aa) ij: hom. lesb. loaooq 'so groß', ion.-att. TÖaoc; aus 
■'■'ioijos vgl. lat. ioiidem; — lesb. hom. ttoctooc;, ion.- 



236 Laut- und Akzentlehre. [§242. 

att. TTüCTog, böot. üTTOTTa. krct. otto«;, ottotto«;, zu 
lat. qaot, ai. kati Vie viele'; — lesb. hom. lueaao^ 
'mitten, ion.-att. MtCToq, büot.-kret. |li€Tto^ = 1. mc- 
(lins, ai. madhja/j; hom. TTpocrcTu) vorwärts' : ion. hora. 
TTpocTuj aus '•■'■protjö : TipoTi 'gegen' ; — hom. ve)aeö"(jdiu^ 
att. V6,uecrduü 'zürno' : vt|uecriq i". 'Unwille' aus '•'veyxdTiq. 
ßß) ts: hom. Aor. bd(Tcracrv>ai : baieouai 'teile', att. 5dö"a- 
aOai; att. eKÖ).acra:K0|ai2;uu 'besorge, b(>ot. KO|LiiTTd)aevoi ; 
att. eipncpicraTO 'er beschloß', ]-)öot. eTreipacpiTTaTO. 
y) Im Anlaut erscheint allgemein a aus fs: att. (Tniaa, 
<lor. crd|aa 'Denkzcichrn. böot. Zimxoq zu ai. dhjdma 
'Gedanke'; — (T6ßo)uai 'ich scheue, crojjtuj icli ver- 
scheuche' zu ai. Ijiij 'verlassen, im Stich lassen, in Ruhe 
lassen. 

b) Als erste Entwicklung von idg. <1J müssen wir der 
von // entsprechend dz ansetzen. In Wirklichkeit treffen 
wir in den meisten Dialekten 6, dem ja einige Forsch(n* 
den Lautwert dz, andere den von :d geben. Liegt letzterer 
wirklich vor, so hätte eine sekundäre ^letathese statt- 
gefunden. A])er Z könnte in diesem Falle auch den Laut- 
wert z haben, womit dann die Parallele zu dem att. (T 
aus ij vollständig würde. Infolge der Unmöglichkeit, den 
Lautwert des t zu ])estimmen, l)leiben wir über die tat- 
sächliche Entwicklung im unklaren. 

aa) Zwischen Vokalen : ireloq zu Fuß gehend aus 

■pcdjus; — Kax>eZ!o)aai setze mich' aus •■••töjoiLiai : 1. 

sedcre\ — 61\jj 'rieche" : 1. odor; — eXTTiZIiu 'hoffe : 

Clen. tXTn'öoc; 'der Hoffnung '; 
ßß) Anlautend: ion. att. Zeu^ aus ••■(//ms, ni. djanJj, lesb. 

ZöeO^, b(>()t. \'dk. Atvq. 

Anm, In den Dialekten, die tt für // bieten, finden wir 
in vollRländiu'er PurallelitiU für <// ^^, r<» Ixiot. .Vkk. Tl. Tpanebbac; 
t= att. Tpcinelct 'Ti-MclT; — kret. biKcibbev = att. biKciceiv 'richten'; 
l)«>ot. Atvc,. 

c) Uridg. /.;/, <//// wird im Attischen zu tt. im 



§242.J KoiisonMiilnivcrhindiin^,'. u. X'oi'wandtea. 237 

Ionischen v.u ao. tt finden ^vir luieh im Boot., einem 
Teil tles Theesnlischen, im l'^ubuischen, Kretischen. 

Qt) Inlantend IkMspiele: att. ttXiittiu, ion. TrXricrciuj 
^schlage' : Perf. TTtTiXiiYa; — att. irtTTuj, ion. irtacJa» koche' : 
TTÖTTavov n. '(iebii(!k' (mit tt aus I:^' § 218); 1. cof/no\ — 
att. TTpuTTiu, ion. tt\)]](JOvj 'tue': Fat. TTpdHuj; — ion. ocrae 
Mie beiden Augen', att. OTxe nicht üblich, aber in xpi- 
OTTi^ f. 'ein Ohr-, Halsgeschmeide mit drei daran hangen- 
den Hommeln' : 1. ocitlus] — att. eXdxTUuv 'geringer', ion. 
eXcicTCTLuv : eXaxuc; 'gering'; — att. lapaTTUu 'verwirre, ion. 
TapüCTCTiu : lapaxn ^- 'Verwirrung'; — att. iriTia f. 'Pech', 
ion. rricTcra : 1. 2)i.c\ — att. cpuXdTTUu 'bewache', ion. qpu- 
Xdcrcrcu : Aor. ecpuXaHa ; — att. ßi'iTTcu 'huste', ion. ßncrcruj : 
ßi'lH, Gen. ßnxo^S f- 'Husten'; — att. opuuuj 'grabe', ion. 
opüö'cruj : Aor. oiputa, öpuxn f- Mas Graben'; — hom. ion. 
ttö"ö"ov 'näher' : äfX'- 'nahe' ; da att. diiov nicht vorkommt, 
ist das Wort also nicht echt attisch; att. fiiTtJUV, ion. 
ecrcTojv geringer, schlechter' : fiKi(TTO(; 'der schlechteste'; 

— ion. udcrcruuv : )LiaKp6(; 'lang'; — att. örra f. 'Gerücht, 

Gerede', ion. öcrcra : 1. vox; — att. Y^^uTia 'Zunge', ion. 

yXdjöOa : T^iuxi«; f. 'Spitze'. 

Anm. ]Sicht alle Präs. auf -ttuu gehen auf Guttural zurück, 
vgl. unter f. 

ß) Die gleiche Entwicklung zeigt auch der Anlaut. 
Hier ist ursprünglich langer Konsonant anzusetzen, der 
verkürzt wurde: att. jevidlöj 'beschäftige mich eifrig mit 
etwas' : hom. aeuuu 'scheuche', Aor. ecrcreue; creuiu ist nicht 
echt attisch; verwandt ist ai. cjii- 'in Bewegung setzen'; 

— att. TeOxXov n. 'Küchengewächs, Mangold', ion. creuTXov; 

— att. Tri,Li€pov 'heute', ion. cr^iaepov aus '■'kj-ämeron, zsg. 
aus •■••Ä-i 'dieser' und einer Abi. von i|uepa 'Tag'; ion. crduu 
'siebe\ echt att. tüu Et. M. 710, 43, eiirmeva ' (Teana^eva 
Hes. und öiaxidoj. 

d. Uridg. gj wird nach Vokal ion. att. Z, böot. kret. 
u. a. öö, nach Konsonant aber gemeingr. b. 

a) Nach Konsonant gemeingr. ö : epöoi 'tue' aus ■^'epböuu, 
•■•^epYJuj : epTOV 'Werk'; — d,uepöuj 'mache dunkel, 



238 Laut- und Akzentlehre. 1§ 242, 

verdunkele' : anord. myrlr 'dunkel' (Lagercrantz 
47 fr.); 

ß) nacli Vokal : pelüj 'tue' aus ••peyjuü : Aor. epeEa; — 
liom. (Tqpü^uu 'schlachte : crqpdYiov n. 'Opfertier : — 
hom. viZiuj 'wasche' : Fut. ••viii^uj aus *«?ä:"'.S6>; — ököL^ 
'hinke : (1. hinke; — äpTTuloj 'raube' : äpiraH 'räube- 
risch'; — OTiloj 'sieche' : aTij\i\] f. 'Punkt, Fleck'; 
— älo}iai 'verehre' : ctYiot; heilig'; — juei^uuv 'grolkr" 
aus '-jii^j^M'.piijac, groß; — öXei^uuv 'geringer': 
öXiYoq 'klein' ; — qpu^a f. Flucht' : qpeuYuu 'fliehe'. 

y) Anlautend att. ion. ^diu lebe', böot. kret. öüülu aus 
•■•'v/jVi : ßio<; 'Leben'. 

e) Etwas umstritten ist die Frage, wie die Ent- 
wicklung der Laute Ay, f/j vor sich gegangen ist, vgl. 
G. Curtius Gr. Etym.'' 666 f!'.; VAai} Ausspr/^ 112fr.; 
G. Meyer^ o67. Brugmann Gr. Gr.^ 98 nimmt eine 
lange Spirans als Vorstufe an, etwa //», aus der sich 
einerseits tt, andrerseits OG entwickelt habe. Man kommt 
aber ebensogut und einfacher zum Ziel, wenn man an- 
nimmt, daß hj ziuiäclist zu // und dies zu tt wurde, 
einer Stufe, die im Attischen vorliegt, tt wurde dann 
in andern Dialekten über is (?) zu einer langen Spirans. 
die ion. verschiedentlich T geschrieben wird, und weiter 
zu aa. Vergleiche auch die Entwicklung von tw zu att. 
TT, ion. (J(T, § 238 c. 

Entsprechend wurde </j über dj zu ob, das nach Kon- 
sonant zu b verkürzt wurde, s. d. a), sonst aber insofern 
s(!ine eigenen Wege ging, als im Attischen und Ionischen 
gleichmäßig l auftritt. Man könnte vermuten, daß hier 
zunächst dz zugrunde lag, das mit dem aus dj entstandnen 
dz zusammenfiel und wie dies behandelt wurde. 

f) Ausnahmen von der regelmäßigen Entwicklung. 
In drei Kategorien scheint sich /; zu att., ion. acT ent- 
wickelt zu haben; sie beruhen alle auf analogischer Um- 
wandlung. 

1. Prä.««entia zu /-Stämmen auf ttuu, aaiu, Xicraoiaai 
'flehe' : XiTt(Tv>ai, ^ptTTuu 'rudern' : tptTiig 'Ruderer' usw. 



§ 242. 243.J Konsonantenverbiiuliin^'. ii. VcTwandtt'H. 28^ 

Der Grund der Umbildung ist nicht ganz klar, vgl. dic^ 
Ansichten von Brugniann Gr. Gr.^ 102, Lagercrantz 
()o iY. Am einfachsten ist wohl die Annalime, daß ein 
Präsens •••XiTcroinai (s. oben) zu XiTTO)Liai wurde nach den 
übrigen Präs(nitien auf -ttuu aus /,yV;, inaXdiTO) 'orwcnche : 
)Lia\aKü<; und nach üXXojuai, (TTtXXo). 

2. Movierte Feminina zu ^Stämmen erhalten ebenfalls 
att. TT, ion. (Ter : x>ficr(Ja : di'"|(;, OriToq 'Lohnarbeiter'; — 
Kpfjacra : Kpnq, KpiiTÖ<;, MdYvncrcra, xcip^^ö'cra 'angenehm' 
aus •■^•xapi/eTja. Hier haben Fälle wie dvaH 'Herrscher' : 
dvacTda, cpoiviH 'purpurrot' : cpoiviacra eingewirkt. Vielleicht 
hat der Einfluß stattgefunden, als dvaTTa neben •■•■\>iiTaa 
bestand. Es wirkte dann auch das t von ^riTÖ^ mit. 

3. In den Komparativen KpeiTTuuv 'stärker', ion. Kpecr- 
(Tiuv zu KpttTu«; ist TT von den übrigen, die auf Guttural 
ausgingen, z. B. f]TTiiuv, 'geringer', übertragen. 

II. Assimilationen. 

!^43. 1. Urgr. ts wurde in den meisten Dialekten 
zu (Ter und weiter im Att. zu er, im Boot, aber zu tt, s. 
§ 242a, 

2. Urgr. dl wurde zu XX: lak. eXXx 'Sitz' zu eboq, 
eöpa, L sella, got. sitls; — aesch. ireXXöTpov 'um den Fuß 
gewickelter Riemen' aus ■••Treö-XöTpov. 

3. Labiale wurden an folgendes m assimiliert. Dieses 
Gesetz ergibt sich aus dem Griechischen selbst, in dem 
die Verbindungen Tr|u, ß)u, qpju nicht vorhanden sind. 

a) Wenn mit ju beginnende Endungen im Perfektum 
Med. an Stämme auf Labial treten, entsteht -mu-, z. B. 
zu Ypdqpoj 'schreibe' 1. Sg. TeTpa|u,uai, 1. PI. ye^pdiujue^a,. 
Part. Y^TPO^Wutvog ; ebenso zu Xeirroj 'lasse' Perf. XeXeijujLiai,. 
zu Tpißuu 'reibe' TeTpi|U|Liai ; 

b) Ableitungen mit ?«-Suffix: Ypa|U|ua n. 'Buchstabe' r 
Tpdqpuj 'schreibe' ; — ßXejUjua n. 'Blick' : ßXerruj 'sehe' ; 
Koiuiua n. 'Schlag, Gepräge', später 'Einschnitt, Abschnitt 
eines Satzes' : kötttuu 'schlage'; — ö)a|ua n. 'Auge' : ÖTTUuira 
'habe gesehen' ; — Xe)Li|ua n. 'Abgeschältes, Rinde, Schale' : 



240 Laut- und Akzentlehre. [8243. 

XtTTLU "schäle': — Xri)Li)Lia 'Einnahme, Einkommen, CJewinn, 
ein Vonlersatz, aus dem man etwas folgert' : Xi'"mjo)iai 
Sverde nehmen'; — Tu)U|aa n. 'Sehlag' : tutttuj 'schlage'; 
— (TKÜJiLiua n. Scherz-, Spottrede' : ctkuütttiu 'spotte, 
scherze'; — Tp\\X}ia n. 'das Geriebene' : Tpißuu reibe'; — 
7Te)Li|Lia n. 'Backwerk' : Fut. Treijjuj, Präs. TidTTuu 'koche, 
backe'. 

Nacli langen Vokalen und Diphthongen wird uu 
eigentlich vereinfacht zu )a: dXoijua n. und dXoiiuoq m. 
'Salben' : dXeiqpuu 'Salbe'; — 7T)|ua n. 'Leid, Unglück, 
T'nheil' : ai. inqnud m. 'Unheil, Schaden'. Die -\i\x an 
dieser Stelle erklären sich durch Analogiebildung. 

4. hn wurde zu vv: ttOvvoc; * 6 7T()ijukt6(; 'Hinterer', 
Hesych aus •■''ttutctvo- zu ai. putau Du. die Hinterbacken', 
mhd. v\d\ — ßXevvog Schlamm', ai. mrtsnä 'Lehm, Ton' 
(Brugmann IF. 0, lOo). Entsprechend wird ein .s», das 
nach der Zeit als sn zu hn geworden war, wieder aufkam, 
zu vv, evvu,ui 'ziehe an' aus ••'ecrvuiLii, ion. eivu)Lii; — TTeXo- 
TTowncrog aus ••TTeXoTTog vncroq. 

5. Urgr. hl Avurde zu XX. Diesen t'bergang teilt das 
Griech. mit Ital., Kelt., Germ. Beispiele: eXXög 'Hirsch- 
kalb' : lit. änis 'Hirsch', gr. IXa-qpoq aus '■■cln-hhos\ — TTtXXa 
'Haut, Leder, Pelz, Fell' : 1. pdlis, d.fcU; dazu wohl auch 
TieXXa 'Gelte, Melkfal.i'; TieXXöq 'schwärzlich, dunkelfarbig': 
1. pidlus schmutzfarben, schwärzlich'; 6XXu|m 'vernichte' 
aus •■'oXvu.ui; kuXX6(; gekrümmt, lahm' : ai. /iM^/i- 'lahm am 
Arm'; cpaXXoq 'mihinliches Glied', vielleicht : nhd. bulle. 
Unten (§ 424 Anm.) ist gezeigt worden, dats zu den starken 
Aoristen normalerweise ein Nasalpräsens gebildet wird. 
Wie sich reiuviu : tieuov, Kd^vuu : tKciiuov, öükvlu : eöaKOv 
stellt, so ist zu tßüXov ein Präsens "^ßuXvLu, •■ßuXXuu werfe' 
zu ersehlief.Ncn. Ebenso ttuXXuj schwinge' (1. pdlo) : ire- 
TToXujv, OdXXo) 'grüne, sprosse' : tdaXov. 

Anm. 1. Die Annahme, daß //» /u X\ wurde, wird schon 
«ladurch niibe;;ele<;t, daß /// Bchwerlich den Silhenanlaut bilden 
konnte, und daß, wenn / und u auf zwei Silben verteilt waren, bei 
Aesimilation notwendig Dojjpelkonsonans entstehen mußte. Brug- 
m a n n Gr. Gr.' 74 nimmt dagegen an, daß ein aus //* entstandenes AX 



')5 243. 244.) KonHoniintcnvcrbindiiii^. u. Vcrwandtc^s. 241 

mit P>8iitz(lelmun}j: veroinlacht wurden. DieRO Anöicht ^r^ndet 
sich daraur, daß in ^owiHson W()rt(>ii knr/cr Vokal -)- XX im Lesb. 
und Thops. ^edchntoiii N'okal mit einraclicin X im Hon8ti;^en (Jric^cli. 
gegonü herstellt, z. B. lesb. ßöXXö, att. ßouXi^ 'Hat'; thefls. ßeXXöiaevoq, 
dor. J>iiXoj.iai, att. Pou\o|Liai 'wiir-, losb. axdWä, dor. arüXä, att. öxr'iXri 
'Silule^ u. a., und daß es nicht möglich int, als zu Gründe lic^'ende 
Lftut,iJ:ruppe // oder Iiv anzunehmen, weil diese zu andern Ergeb- 
nissen führten. Aber es bleibt Av für diese Falle als ursprüng- 
liche Lautgruppe üi)rig, und sie genügt auch. ßouXo|aai j^eht dünn 
auf *ßöXao|Liai 'zurück'; eiXuuü ''willze", eiX^uu, eiXuj stehen vielleicht 
für Je.FXviJj nach § 247; lesb. grdXXa und att. axriXr) 'Säule' brau- 
chen aber ebensowenig identisch zu sein wie Stuhl und Stollen. 
<.Tegen Brugmann sprach sich J. Schmidt KZ. 32, 385 f. aus, 
für ihn 8 o 1 m s e n Unters. 287 f. 

Anm. 2. Ein nach der Wirkung dieses Lautgesetzes neu 
aufgekommenes Xv blieb, so in TriXva|uai 'nähere mich'. 

6. Urgr. -nm- wurde zu -)lijli-, vgl. Perf. r]crxu|LijLiai : 
<xi(Jxuvo)Liai 'schäme mich'. 

7. In der Zusammensetzung und im Sandhi erscheinen 

vielfach Lautverbindungen, die dem Inlaut fremd sind. 

Auch diese werden vielfach assimiliert, so die Nasale an 

die Liquiden (Juv-piiTTUu zu (TuppiTTTiu, auv-XefUJ zu cTuWeYiu, 

TÖX Xofov. 

Anm. 3. Sehr viel weiter gehen in dieser Beziehung die 
Dialekte. So wird kret. kt zu tt, vutti, ttt zu tt, ^YPOiffai, auch 
thess. Ol TToXiapxoi, aö zu ^0-, xdö du^ax^paq, öX zu XX, xoiX 
Xeiovöi (att. inschr. xouX Xidouq), öh zu hh, uieeb bd, pb zu hh, 
iTaxr]b buji us-w. 

8. Partielle Assimilation zeigt sich in der Angleichung 
der Artikulationsart des ersten Konsonanten an einen 
zweiten, Media vor Tenuis zur Mediä, Tenuis vor Media 
zur Media. Die Präposition eK((j) erscheint in attischen 
Inschriften vor ß, y, X, )li, v regelmäßig als ey, und 
auch statt eS ward e^ geschrieben in eYÖdKTuXo<;. Für 
uTToßdXXuu bieten die Inschriften ußßdXXuu; ebenso KaßßdXXuu 
für KaxaßdXXuu. 

III. Konsonantenveriust. 
Ji44. 1 . Gutturale, Labiale und auch wohl Dentale 
fallen vor s -\- homorganem Verschlußlaut aus. Dabei wird 

Hirt Griech. Laut- u. Formenlelire. 2. Aufl. 16 



242 I>ant- und Akzontlehre. [§244. 

der zweite Verschlußlaut in seiner Artikulationsart an den 
ersten assimiliert, d. h. Tenues -werden zu Medien oder 
Aspiraten. 

a) ksk wird zu sk, (jzg (/sk zu zg, f/hsk zu sgh: eicTKiu 
'mache gleich' aus •"•'eiKCTKUJ : loixa ; — TiTucrKO)Liai 'mache 
zurccht' zu Aor. xeiuKeiv; — öictkq^ 'Wurfscheibe' : Aor. 
öiKeiv Sverfen ; — Xuctkuu 'töne' : Aor. XaKeTv ; — öibdcTKuj 
'lehre' : eöiöaHa; — juictyiu 'mische' aus *)uiiYcrKUü : laerfvufii; 
XicTYog 'Grabscheit, Hacke' : 1. ligo 'Hacke'; — TTeXacTToi 
aus •■■•neXaYCT-KOi : TreXaYoq 'Meer, Fläche' (Kretschmer 
Glotta 1, IG f.); — ^tcrxn 'Herberge' aus ^XexcTKii : Xexog 
'Bett ; — tcrxaiog der äußerste' aus ■•'excTKaTO«;. 

An 111. 1. Hierher gehört auch dial. i<; 'aus" für ^E in der 
Stellung vor Gutturalen, später verallgemeinert, böot. ^aYOvoi; 
'Nachkomme"; z. T. mag es eich allerdings bei ^<; auch um son- 
stigen Schwund des k handeln, wenn ^t vor Konsonanten trat 
(Solmsen RhM. 63, 331). 

b) jjsj) zu S}}'. ßXacTcpriMtTv 'Unhoiliges sprechen', nach 
Wackernagel KZ. 83, 41 aus ßXa'4J : ßXctßo«; 'Schaden\ 
KZ. o8, 49G aufgegeben; mir scheint Wackernagels An- 
sicht doch richtig. Sonstige Beispiele fehlen. 

c) ist zu st. Daher wird idg. tt über tat zu */. Eben- 
so dzd zu zd, s. § 200. 

Anm. 2. Wackernagel vermutet KZ. 33, 41, daß jeder 
Verschlußhiut vor s 4- Kons, schwand, daher OpriOKeüiu 'erweise 
ßötthche Khren\ OpriOKeia 'Gottesdienst' : OepuTifcOiu 'diene". Ich 
halte das für sehr zweifelhaft. 

2. Ein Nasal schwindet: 

a) Spurlos im Urgr. vor (T -j- Konsonant: Kecrioq 'durch- 
stochen, gestickt' : k6VT6uü 'steche'; — TpiaKOcrTÖq 'oOti'^ 
aus *TpiaK0VcrTÖq ; — vor CT -f Kons, und l (= zd) steht 
statt (Tuv 'mit, (Tu-, also cru-CTKeudluj 'jiacke zusammen'; 
au-diriMa n. 'ein aus mehreren Teilen zusammengesetztes 
Ganze', cru-^euYvu|Lii 'spanne zusammen ins Joch', crü-^uYog 
'vermählt'; — tiXuIuj verschlage, maclie umherirren : 
Aor. fcTrXoYHa ; — Oakmlw 'trompete' : adXTTiYH f. 'Trom- 
pete' ; — biKacTTToXoi; 'R(>chts]>flc'ger' steht für "^-biKavcr- 
TToXoq, wo öiKavq der Akk. PI. = Att. biKäc, ist; ebenso« 



§244.] KoiiHOiKuitenvcrbincliin^, ii. Vorwiindtcs. 243 

erklärt man lioni. ^oyocT-toko^, hei IIoukt Heiwort der 
Kileithyia aus ''•^OYOVCr-TOKoq 'Knaben fi;c])ärend'; Bil- 
dungen wie 'Ai>nvaZ^e sind aus 'AOi'ivavabe entstanden ; — 
die Präposition eiq in aus ^vq steht bei Homer im wesent- 
lichen vor Vokal, ^<; dagegen vor Konsonant; — der Akk. 
des Artikels zeigt im Kretischen Dop})elformen TÖv^, 
Tdv<; und Toq, läq. Davon steht TÖg, xdg achtmal vor 
Konsonant, tov^, Tccvq dagegen siebenmal vor Vokal und 
nur zweimal TÖvq vor Konsonant; — ecrxcipct f. 'Herd' 
wohl aus *ev(Txdpci: abg. iskra 'Funke' aus 'Hnskra; — becr- 
TTorric; 'Herr' aus öeiucr-iT-, wo '-'beiic; ein alten Genitiv zum 
Stamm öe|Li- 'Haus' ist. 

b) Wo vö" erhalten blieb, wie z. B. im Auslaut, oder 
V vor ein neu entstandenes ö (namentlich aus ti, tj) neu 
zu stehen kam oder die Lautgruppe vcr sonst neu ent- 
stand, schwindet v im lon.-Att. mit Ersatzdehnung; 
€ wurde dabei zu geschlossenem e, geschrieben ei, o zu ö, 
geschrieben ou. Die Beispiele sind überaus zahlreich, und 
das Gesetz ist namentlich zur Erklärung gewisser Dekli- 
nations- und Konjugationsformen wichtig. 

1. Sigmatische N. Sg. von n- oder ?2^Stämmen: €iq 'eins' : 
Gen. ^vöq; jueXäc "^schwarz' : Gen. jaeXavoq; Part, xiOeiq : Gen. TiOev- 
Toq; öboOq ra. ^Zahn' : Gen. öbövxoc. 

2. Dat. PI. der n^Stämme: cp^pouai von qpepuuv aus *(pepovTai ; 
öboOöi aus *öbövTai; xiOeiai aus *Ti0^vTai usw. Der Dat. PI. ttoi- 
u^öi : N. PI. TT0i|.iev6(; ist nicht lautgesetzlich, sondern analogisch. 

3. Fem. der w^Stämme: iröiaa : Träq ""alP, Gen. TravTÖq; Tideiaa: 
TiOei«;; XeiTrouaa: Xeiirujv "^lassend'. 

4. Akk. PI. d. 1. u. 2. Deklination: x^pö<; Mie Länder' aus 
Xiupav(;, XuKouq 'die Wölfe' aus Xükovc, 

5. 3. P. PL Pr. 9dpoiJöi aus q)epovai, dor. qpepovTi, 3. P. PL 
Perf. ireqpUKäai. 

6. Futura und s-Aoriste der Verba auf Nasal -1- Dental: Fut. 
aTT€iöuj, Aor. laueiaa aus *eöTr6vööa : airevbuj 'bringe ein Trankopfer ; 
Fut. Treiaoiuai 'ich werde leiden' aus *TrevOao|Liai : ttevOoc; n. 'Leid\ 

7. Einzelne Beispifle: fioüöa f. 'Muse' aus *|uovöia. 
Anm. 3. Dialektisch blieb v vor a vielfach erhalten, so im 

Zentralkretischen, Arg., Thess., Ark. Im Lesb. entwickelte sich 
bei Schwund des v ein /-Diphthong, z. B. |uoTaa, 3. PL Ixoioi, 
Tpdqpujiai U8W. Analogisch wurde v wiederhergestellt in späteren 
Bildungen wie yripavaK; 'das Altern'^ Oepiuavaic; 'Erwärmung' 

16* 



244 Laut- und Akzentlehre. [§244. 

Eripavöic; 'Tr()ckenheit\ diroqpctvöiq 'schriftlicher Nachweis, Inventar* 
11. a., (He unter dem Einfluß der w- Verben wie depiaaivu) 'wärme' 
neu jiebililet sind. 

Chronologie. Das erste Gesetz setzt voraus, daß 
.!■> 'U' !/.i ^^ereits zu zd (l) geworden waren, vgl. (Tu^eufvuvtxi, 
OaKmlix). Das zweite Gesetz fällt nach dem Wandel von 
urgr. ä zu alt. ]]. Das neu entstandene ä bleibt demnach 
erhalten ; daher att. iracra aus *TTavTJa, Akk. PI. x^P«<S- 

c) n schwindet, vielleicht vor dem aus kj entstandenen 
TT, acr, ion. dcrcTuuv näher' : d^xi aus "''dvcTcrujv, Ntr. dacrov. 

Anm. 4. Die Form bietet jjroße ^Schwierigkeiten, die nur in« 
Zusammenhang mit der Erklärung der Komparativbildung gelöst 
werden können. Vgl. Osthoff M. U. 6, 60 ff. 

o. Nach Annahme einiger Forscher, neuerdings be- 
sonders Solmsens Beiträge z. gr. Wortforschung 2 ff., soll 
p vor CT -f- stimmlosem Konsonanten geschwunden sein. 
S. § 211. 

4. Dentale sind nach Wackernagel Verm. Beitr. oTfT. 
liinter Diphthong vor v geschwunden, so aivöq 'schrecklich' 
zu hom. ai6o)aai scheue mich' ; — euvi'i 'Bett' zu eübuu schlafe'. 
Die beiden Beispiele sind sehr unsicher, das letzte sogar 
wahrscheinlich falsch. ötCTTioiva 'Herrin', das Wackernagel 
aus •■•■öecTTTOiTVia erklärt, gehört ja wohl sicher zu ttütvi«, 
<ler Verlust des t dürfte aber auf Dissimilation beruhen, 
s. § 247. 

5. Zwischen Konsonanten ist .v zu h geworden, das 
dann schwand, s. j:^ 228. Ausgenommen ist die Gruppe 
71 4" 5 4" ^^'^ita, wo n schwand, und eventuell die Gruppe 
r -\- s -\- Muta, s. oben '^. Vgl. noch zu den oben an- 
geführten Beispielen: Inf. VovL \eXfeX^'^«i ^^^^ ■■'XeXeY-crOai, 
•feTpdqpdai aus •■••Y€TpdTTcrv>ui, fcK7T\ex>po(; 'sechs Plethren hing' 
aus •e'KaTrXedpoq. 

(». Doppelkonsonanten, die eigentlich lange Konso- 
nanten sind, werden im Griechischen, abgesehen vom 
Äolisclien, nach langem Vokal oder Diphthong und Kon- 
sonant vereinfacht; daher dXXi^Xo 'einander' aus dXXsXo-; 
— TTfjiaa 'Leid, Unglück' aus 7Tfj)Li)ua (Wackernagel KZ. 
:'»0, 2Ü3fr.); — ^pöiu 'tue' aus -'epbbuj s. S. 2:U. 



>) 244— 240.] Kon8oniinteiiv(Ml)iiulmi<r. ii. Vorwandtcs. 24r. 

Anin. T). Solir zweifelhaft ist, ob ila, wo im Attischen langer 
Vokiil 4- eiiifac'hor KonHonunt jj:('^'enühcr kur/oin Voknl -1- dop- 
polter Konsoiinnz im Aolischon vorli(5^t, j< iiials ein i^'cdehnter 
Konsonant im gewölinlichen Sinne beBtanden liat. 

IV. Einschub von Konsonanten. 

/245. 1. Zwischen m und r oder / entwickelte sicli 
als Übergangslaut ein ß, worauf foi im Anlaut verloren ging. 

Beispiele: a-|aßpoTO(; 'unsterblich' aus •■•a-|LipoTO^ : 
].mortnos, und das Simplex ßpOTOc; 'sterblich'; — )ue(Tr||ui- 
ßpia f. 'Mittag"" : rijuepa 'Tag'; — Perf. |Liejuß\ajKa, Präs. 
ßXujcTKUJ 'gehe, komme' : Aor. t|uo\ov, Fut. |UoXoO|uai ; — 
yaiLißpoc; m. 'Schwiegersohn' : 1. gencr\ — ßXiTTUU 'schneide 
Honig aus, zeidele' : jueXi 'Honig'; — ßXiiov n. 'Küchen- 
gewächs, Melde' : d. melde; — ßXaH 'schlaff, lässig', ßXrixpöq 
'schwach' : inaXaKÖq 'weich, zart'; — ßXuu\>pö(; 'hochauf- 
schießend' : ai. mürdhd 'Kopf'. Gr. anlautendes ßp-, ßX- 
geht in vielen Fällen auf r«r, ml zurück: ßpejuuj 'rausche' : 
|Liop|uupuu; ßpexiLiög m. 'Vorderkopf' : d. Brägen^ aus mr; — 
ßpaxu^ 'kurz' : got. gamaürgjan 'verkürzen'. 

2. Zwischen v und p entwickelte sich entsprechend ö. 
Gen. dv5pö<; : ctvrip 'Mann'; — crivöpöc; 'schädlich' neben 
(Tivapöc;. Anlautend vielleicht in öpüuip 'Mensch (Hesych) 
aus "^vp-uuiiJ 'Mannsgesicht'. 

V. Verschiebung der Artikulationsart. 

346. 1. Urgr. -bn- (auch das aus -g'^n- entstandene) 
wurde zu -juv- : (T€)av6^ 'ehrwürdig' : (Teßojuai 'verehre'; 
-^ 6pe)uvö(; 'schwarz, finster' : epeßo^ n. 'Finsternis'; — 
djuvog 'Lamm' : 1. agnus\ — xepejuvov, xepajuvov n. 'Haus, 
Zimmer, Kasten' : 1. trcüjs 'Balken'. 

2. Unsicher ist, ob mj zu nj geworden ist. Dafür 
sprechen ßaivuu aus "^'^ßdvjuu 'gehe' : got. giman 'kommen'; 
— KOivö^ 'gemeinsam' aus '-'Kovjoc; : 1. cum, vgl. dial. Huvoq : 
Huv; — x^oiTva 'Gewand' : xKo.\)ihc^ 'weites Oberkleid'. 

3. 'dm- wurde dialektisch zu -mn-, daher inschr. 
|H£(TÖ|uvr| neben juecroöjuri eig. 'Zw^ischenbau', 'AYOtjaejuviuv 
aus *'AYajLieö|uuuv zu )Lieöo)Liai 'trage Sorge'. Soweit -dm- 



246 I.aiit- und Akzentlehrc. [§24G. 247. 

erhalten blieb, wurde ö in der attischen Volkssprache 
frühzeitig spirantisch, was durch die Schreibung er aus- 
gedrückt wird, daluT /Kya^eapmjv , Kdcrcr)Lio<;, "Acruiiioq 
auf Vasen. 

4. (Jb- wurde vielleicht zu sb. ilb ist im (Iriechischen 
nicht belegt. qpXolaßog 'Jkausen^ gehört doch wohl zu 
qpXoibduj, qpXoiöoiu 'aufschwellen, gären, brausen lassen'; 
— dcrßoXoq liat man aus '^ad-bolos 'Anwurf^ erklärt. 



Achtzehntes Kapitel. 

Dissimilations- und Fernassimilations- 
erscheinungen. Metathesis. 

A. Lautdissimilation und Assimilation. 

247. Literatur: Angermann Die Erscheinungen der 
Disflimilation im Griechischen, Meißen 1873; — ßechtel Über 
j^egeneeitige Assimilation und Dissimilation der heiden Zitterlante 
1876; — Gramniont La disisiinilation consonantique dans les 
langucB indoeuropöennes et dans les langues romanes, Dijon 1895; 
— Psichari Essai de praniniaire Instorique sur le changement 
de X en p devant consonnes en greo ancion, mt'dieval et moderne. 
Memoires orientaux (Paris 1905), S. 291 ff.; — K. Brugmann 
Das Wesen der lautlichen Dissimilationen. Ahhl. d. K. S. Gesellsch. 
«1. Wiss., phil. hiet. Kl. '27. 139 11". 

1. Dissimilation. 

Nicht nur unmittelljar l)enachharte Laute wirken 
aufeinander, sondern wir finden auch oft eine Fernwirkun^. 
Sehr oft bereitet es gewisse Schwierigkeiten, die gleichen 
Laute kurz hintereinander hervorzubringen, und wir finden 
daher als häufigste der Fernwirkungen die Dissimilationen. 
Indessen gibt es aucli Fernassimilationen. — t-ber die 
psychologischen Vorgänge und die Arten der Dissimilation 
liat zuletzt Brugmann a. a. O. eingehend und m. K. ein- 
wandfrei gehandelt. Wir haben mehrere Arten zu unter- 
scheiden, nämlich : 



§ 247. j Lauttiissimilation und Assimilation. 247 

A. Von zwei p;leicheu 0(h»r gleichartigen 
Lauten wird diT eine veriindort oder er schwin- 
det, und 1>. eine Neubildung, namentlich eine 
Bildung mit S u f f i x e n , tritt nicht ein, weil sie 
einen Gleichklang orgeben würde, der nicht be- 
liebt war. 

1. Die wichtigste Erscheinung ist die Dissimilation 
der Aspiraten, Ti^yinai 'ich setze' aus ■••di^riiai, vgl. § 234. 

2. Die gleichen Liquida in verschiedenen Silben 
worden dissimiliert, vgl. § 227. 

3. Von sonstigen gleichen Konsonanten schwindet der 
eine durch Dissimilation: ttötiZ^uu 'spucke' : tttuuj ; — ttuktiov 
^zusammengefaltetes Buch' aus ••■TTTUKTiov; — XaTrqpai neben 
YaTTcpub; — die Perfekta eKTri,uai 'habe erworben' statt 
■"^■KeKTiiiuai usw., eyeipiu 'wecke' für ■^•feTtipUJ neben ai. 
jäi/arti; — dial. dyiioxa aus otYriTOXCt • "T^ 'führe'; — 
öecnroiva Herrin' aus ■^■öeaTTobvia ; — arg. ttoi, wahrschein- 
lich aus TTOTi = Trp6<^, da es ganz überwiegend vor Den- 
talen erscheint. 

Vor s -j- Verschlußlaut schwindet der homorgane Ver- 
schlußlaut, s. § 244. 

4. Die Lautfolge imc, mag es sich um silbisches oder 
unsilbisches u handeln, scheint den Griechen unbequem 
gewesen zu sein, da sie sie zu vermeiden suchen. Z. T. 
handelt es sich in den folgenden Fällen um regelrechte 
Dissimilation, z. T. aber um psychologische Auswahl unter 
möglichen Formen. 

a) J\ir) dissimiliert einen folgenden zt-Diphthong zum /-Diph- 
thong. Daher e/eifrov aus *e./€UTrov 'ich eagte' = ai. avöcam; 
deibuü 'singe' aus *du/6Üb(ju : avbr\ ; — eiprjKa 'ich habe gesagt' 
aus "/e/pi-jKa; — eiXü.uai 'ich hülle mich ein' aus *J^e/Xu,uai, vgl. 
iJolmsen Unters. 2B7 ff. 

b) Ahnlich wird auch sonst u-u zu in, so in xaviqpuWo^ 
'mit gestreckten langen Blättern', xaviöcpupo^ 'schlankfüßig', beide 
bei Bacchylides. Daß hier eine idg. Stammform mit l vorliege, 
halte ich trotz Brugmann a. a. O. 169 für wenig wahrscheinlich; 
— qplTijuu 'säe, pflanze', qpiTöua n. 'Keim, Sproß' neben qpuTeutu 
'pflanze' (nach Brugmann enthält cpixu- idg. i: — kret. iiiaiTup 
'Zeuge' ist wegen seiner Singularität sicher beweiskräftig. Es 



248 Laut- und Akzentlehre. [§247. 

steht für *fiauTup aus *naXTup, dissimiliert aus ^dpxup. denn in» 
Kretischen wird X zu n. Die Annahme, daß X direkt zu / ge- 
worden wäre, schwebt ganz in der T^uft. — Im Griech. gibt es 
einige merkwürdige redu])lizierte Bildungen mit oi: iTOi(puaön> 
'schnaube"'; — boibuE m. 'Mörserkeule'; — ttoittvülu "schnaufe". Sie 
dürften aind. Intensivbildungen wie jöhanmi genau entsprechen, 
ßo daß auch hier oi aus ou entstanden wäre. Den Namen der 
Geburtsgöttin schreiben die attischen Inschriften EiXüOeia, IXeiOua. 
ElXeOuia. Andere Formen bei Schulze QK. 260 f. Mir scheint 
es höchstwahrscheinlich, daß mit Schulze als älteste Formen 
^XeuOuia und Auöeia anzusetzen sind. Aus Aeuöuia wurde regel- 
mäßig ^XeiOuia. 

c) k^" wird nach i( zu /.•: ßouKoXoq neben airroXog' 
8. § 222. 

(i) u-v wird zu v-o oder zu o-ti. Der alte ?^Stanim 
\}\v- Sohn' hat bei Homer den Nom. viöq, den Akk. uiov 
oder uiea. Gewcdinlich nimmt man einen Doppelstamm auf 
•0 und -u an. Dann hätte jedenfalls unter diesen beiden 
Stämmen eine Auswalil stattgefunden. Ebenso finden wir 
bei Homer die Neubildung eupea von eupu^ statt €upijv. 
KOKKuH ^Kuckuck' dürfte zwei u gehabt haben, ebenso 
wohl auch fuopiaupuu 'rausche'. 

e) Von den beiden Diminutivausgängen -aqjiov und 
-uqpiov wird regelmäßig der erste gewählt, wenn da.s 
Stammwort u enthält: Hupd9iov 'kleines Schermesser, 
fiupdcpiov, Dim. von jiupov wohlriechende Salbe , uidq)iov 
'Söhnchen, dp'fupdqpiov, XP'^crd9iov (Brugmann a. a. O. IGl))- 

1. 1)1-7)1 zu b-))i: korkyr. ßapvd^ievo^ 'kämpfend' für 
Hapvdinevoq ; — ßopiaat Ameise' Hesych = |iup|m"|E. 

5. Von den beiden zur Völkerbenennung dienenden 
Adjektivsuffixen -iKog und -lo^ wird das erste vermieden, 
wenn der Ausgang -^k^ko^ entstanden wäre, daher KiXiKioq. 
GprjlKioq. Vgl. Dittenberger Herm. 42, 19i> fl., l^rug- 
mann a. a. O. 1G8. 

2. Feruassimilation von Konsonanten. 

Cielegentlich finden wir im Griech. eine Assimilation 
von Konsonanten in verschiedenen Stellen derart, daß 
Mediä zu Tcnucs, Tenucs zu Mediä usw. werden. S(v 



4? 247.1 SilbendiHHiinilution. 249 

tindrn wirKVUTTTU), Kvdjumu heuge' neben tvütttuj, YvajUTTTUj; 
Kvaqpeuq neben Yvacpeu^ 'Walker'; KVtqpaq neben -fvocpoq 
'Dunkef; Kviqpmv neben Yviqpujv; öirtKVOVTUuv neben bia- 
YVOVTiuv auf den Tafeln von Heraklea; KXauKuuv neben 
rXauKUJV. Vereinzelte derartiire Fälle koinnK^n inscbriftlich 
nicht yelten vor. 



3. Silbendissimilation (Haplologie). 

Reginnen zwei anfeinanderfolgende Silben mit dem 
gleichen oder einem ähnlichen Konsonanten, so kann die 
ganze erste Silbe schwinden, indem das Sprechen gleich 
mit der zweiten einsetzt. Man nennt diesen Vorgang 
nach Bloorafield jetzt Haplologie. Auch hier handelt 
es sich um einen horror acqui. Die Erscheinung ist 
namentlich in der Volkssprache sehr häufig und führt 
hier oft zu sonderbaren Verstümmelungen, vgl. z. B. die 
volkstümliche Aussprache Superndent oder Superdent aus 
Super [inten] de i lt. Während eine ganze Reihe derartiger 
Bildungen kein Bürgerrecht in der Sprache erlangen, 
setzen sich andere durch. Beispiele : att. d^cpopeu^ 'Ge- 
fäß mit zwei Henkeln' aus hom. djucpicpopeug ; — hom. 
KeXai-veqpi'i«; 'schwarz umwölkt' aus KeXaivo- 'schwarz' und 
veqpo<s 'Wolke'; — hom. dviiia ep^a 'Rache' für dv[Ti]TiTa; 
— hom. tuXoxo^ m. ^valdige Gegend, Gebüsch' aus "^HuXo- 
Xoxoq, eig. 'W^aldlager'; — fi,ueöi)Livov statt /iiui-iueöiuvov 
'halber Scheffel' ; — 7ti(TuvO(^ 'vertrauend' aus tiktö-ctuvo«; 
(Brugmann BSGW. 1901, 90); — inschr. T6Tpax|uov für 
T6Tpdöpax|Liov 'Münzen von vier Drachmen' ; — hom. ddp- 
(Tuvog 'sich auf etwas verlassend' aus ''■'•ba^csbüMVoq ; iröcrTOf; 
'der wievielte' aus ^ocrcrocTToq, und dies ist zu iröcrcroi ge- 
bildet nach Analogie von ttoXXocttö^ : ttoXXoi; qpiXiepog, 
(piXiaxo^ 'lieber' aus "•'cpiXTOTepoc^, ■••qpiXTOTaTog. Diese 
Silbendissimilation tritt auch im Satzzusammenhang ein. 
So steht Hes. Scut. 254 ßdXX' övuxaq für ßdXXov övuxa«;. 
Vgl. E. Schwyzer IF. 14, 24 ff. ; 28, 300. 



250 Laut- uii.l Akzentlehre. [§248. 

B. Metathesis. 

248. Das Umspringen eines Lautes an eine andere 
Stelle kommt in der Sprache sehr häutig vor. Ein Ver- 
sprechen nach dieser Richtung ist ein ganz gewöhnlicher 
Vorgang. In den meisten Fällen handelt es sich aber 
nur um gelegentliche, inviduelle Vorgänge, die keine 
weitern Folgen haben. Manchmal werden aber solche 
Umstellungen fest, ohne daß wir die besondere Lautregel 
feststellen können, und in andern Fällen handelt es sich 
um bestimmte Lautgesetze. Diese sind meistens schon 
zur Sprache gekommen und werden daher nur kurz an- 
gedeutet. 

1. Der Wechsel der Lautfolgen Vokal -4- Konsonant 
mit Konsonant -|- Vokal wie in ßdWuu 'werfe' : Perf. ßtßXiiKa 
beruht auf idg. Ablaut, s. § 129 ff. 

2. Über ap, a\ neben pa, Xa s. v^ 110 Anm. 2. Eine 
Metathesis von ?*, / -\- V^okal zu Vokal -\- r, l hat in diesem 
Falle regelmäßig im Kretischen und Pamphylischen statt- 
gefunden, vgl. kret. TTOpTi = TipÖTi gegen', pamphyl. 

Aqpopbiaiiuq. kret. 'AqpopbiTa, kret. CTiapTO^, Kapiepoq 
usw. Vgl. Hirt IF. 12, 2:i2. 

3. Über Umspringen der Aspiration, vgl. § 23'). 

4. Die Lautfolge t -\- k kommt griech. nicht vor. Man 
kann daher tiktuj 'gebäre' als redui)lizierte Bildung zu 
Aor. tTCKOv aus "^Ti-TKuu erklären. Ebenso ödKTuXo(; 'Finger 
aus -buTKuXo«; (Brugmann IF. 11, 284), ohne daß freilieh 
das Wort etymologisch klar wäre. 

T). Im Vulgärattischen wird gelegentlich ks, ps zu (Jx, 
<jq) umgestellt, z. B. eucrx«M€Voq, crqpuxn, vgl. Meister- 
hans •'' 93. 

n. Sonstige Metathesen sind gelegentlich anzunehmen, 
um etymologisch offenbar zusammenhängende Wörter zu 
vereinigen. So gehört wohl cTKtTTTojiai spähe , (Jkotto^ 
'Späher' : lat. sj>rcio usw.; laopg)!'") 'schöne GesUdt' : \. forma. 
Neben poXußöoq, uoXißoc; Blei kommt epidaur. ßoXiuoq vor. 



i? 'J49. 250.] 



Auslaut und Sandlii, 



251 



2UK (Obersicht.) 
Att.K-=ids.// §207, ulg. /.• 

§ 209, u\^.(/h. kh vor s und 

./§21G, durch Dissimilation 

§ 284, idg. /.'" g 222. 
Att. T = iclp. ii ^ 208, idg. 

(/ § 210, idg. ir § 222. 
Att. X = i^ig- o'h § 215, 

idg. Ä7? § 216, idg. /ts' vor 

Sonorlaut S 229. 
Att. TT = idg. p § 208, idg. 

Ä:'^ § 218. 
Att. ß = idg. h § 204, idg. 

if § 219, idg. m % 245. 
Att. cp = idg.hh §212 und 

ph § 216, idg. gh'' § 220, 

idg.^5 vor Sonorlaut § 229. 
Att. T = idg. t § 205, idg. 

k"" vor e, i § 218. 
Att. TT = idg. kj § 242, 

tj S. 238, idg. fw § 238. 
Att. b = idg. d § 206, idg. 

ff'' vor e § 219. 
Att. ^ = idg. dh § 214, 

idg. ih § 216, idg. gh'' 

vor e § 220. 
Att. V = idg. n § 232, idg. 

m § 236, idg. ns § 237. 



Att. vv -- idg. fsii § 243, 4, 

gr. (TV § 241), 4. 
Att. \i= idg.m § 223, idg. 

sni § 236, idg. ms § 237, 

idg. n § 223, urgr. ß 246. 
Att. |Li|Li = La])ial -|- m 

§ 243, 3. 
Att. p = idg. r § 226, idg. 

rs § 237. 
Att. pp = idg. rs § 237. 
Att. X = idg. l § 225, idg. 

Is § 237. 
Att. W = idg. IJ § 241, 

idg. dl § 243, 2, idg. lu 

§ 243, 5. 
Att. a = idg. s § 228, idg. 

t § 230 Anm. 3, idg. ss 

§ 228. 
Gr. f= idg. w § 231. 
Att. ' = idg. s- § 229, 236, 

idg. -s- § 230, 236, idg../ 

§ 232, idg. IV § 233, urgi\ ' 

§ 233. 
Att. l = idg. J § 232, idg. 

äj § 242. 



Neun zehntes Kapitel. 
Auslaut und Sandhi (Satzphonetik). 



^50. Die im Auslaut stehenden Laute erleiden 
oftmals andere Veränderungen als die im Inlaut^ weil 
mit dem Auslaut eine Pause und damit eine besondere 
lautliche Bedingung eintritt. Dasselbe gilt in gewissem 



252 Laut- und Akzentlehre. [§250.251. 

Sinne auch für den Anlaut. Man trennt dalier die Aus- 
lautser.sclieinuncen mit Recht von denen des Inlauts. 
Für die Sprachgesetze ist aber nicht so sehr der Sil'oon- 
auslaut, auch nicht das Wortende von Bedeutung, sondern 
der Auslaut eines Sprechtaktes, weil nur am Ende eines 
Sprechtaktes die Pause eintritt. Nach der Natur der 
Dinge kommen viele Worte, namentlich die Proklitika, 
nie an dieser Stelle vor; andere stehen bald im Auslaut,. 
l)ald nicht, bei andern mag die Auslautsstellung über- 
wiegen. Der nnttlere Fall ist der häutigste. Unterliegt 
der Sprechtaktauslaut andern Lautveränderungen als der 
Inlaut, so entstehen Doppelformen. Nach gewisser Zeit 
geht das Bewußtsein für die Herkunft der Doppelformen 
verloren, und Formen des Inlauts werden auch im Aus- 
laut vorwendet und schließlich vielleicht pinz verallge- 
meinert. Obgleich sich die Inlautsformen nach den bisher 
gegebenen Regeln entwickeln, so ist es doch angebracht, 
die Erscheinungen hier im Zusammenhang darzustellen. 
Man faßt alle diese Vorgänge mit einem Ausdruck der 
indischen (irammatik als Sandhi zusammen. 

i. Idg. Sandhi. 

!^51. 1. Im Idg. wechseln im Auslaut /, w, r, /^ 
7}t, >/, die im absoluten Auslaut und vor folgendem Kon- 
sonanten stehen, mit j, /r, /•, /, »/, n vor Sonant, genau 
wie dies im Inlaut der Fall ist, vgl. S 125 Anm. 1. Dieser 
Wechsel liegt für / und )i besonders im Weda vor. Im 
(Triechischen sind nur wenige Reste in der alten Ver- 
teilung erhalten. So steht Trpö(; aus ""proi] neben irpÖTi, 
z. B. in TTpöcTujTTOv 'Antlitz', ai. pratjäc- 'zugewandt, aber 
TTpOTi (/')dcrTu 'gegen die Stadt\ TTpocTeeiTre 'sprach an\ 
aber 7TpOTi(./')eiTroi, TTOTibtpKeiai, aber TrpocTebepKeTO 'blickte 
an. An der Ilerh'itung von iTpo^ aus ""TTpOTJ halte ich 
trotz J. Schmidt KZ. i>8, 4 fest, eiv und üireip stehen 
bei Homer nur vor Vokal und können aus H\] und *UTTepj 
erklärt werden. Doch sieht W. Schulze QE. 210 ff. darin 
metrische Dehnung. Das kann richtig sein, doch mögen 



Jf 



i?251.2r)2.] Auslaut und Sandlii. 253 

gemdo solche Fülle zur Entstehung; der metrischen Dehnung 
beigetragen liabon. 

Doppellornien ohne geregelten Wechsel liegen vor in 
^ap 'l'Xihling' aus idg. '-iresr und 1. ver, idg. 'Hvesr; — 
Zfjv, ai. djdm, idg. '^'■djc{2()m und 1. Jovcm, idg. "^djewm] — 
ßüjv 'Rind\ ai. i/dm, idg. '^U/^'0{n)m und 1. bovem, idg. '^'•g'^"ovm^ 

2. Im absoluten Auslaut und vor konsonantischem 
h"^ ^slaut schwinden /, w, r, l{?), in, n nach langem akuiertern 
Vokal. Daher Nom. r^xiij 'Schall, Widerhall' aus *rix^i 
neben Nom. 'EKTrhavTUUi (Melos); — öktOu acht' neben 
ai. asfdii; — Trax/ip 'Vater' neben ai. pitä; — TTOi|uriv 
'Hirt' neben 1. houio. Dagegen stets im Dat. Sg. M. -ö?, 
Fem. -m. 

Anm. Andere Erscheinungen des idg. Sandhi sind für das 
Griech. nicht von Bedeutung. 



II. Griechischer Sandhi. 
A. Auslautserscheinungen. 

!25S. 1. Alle Vokale und Diphtlionge bleiben im 
absoluten Auslaut unverändert: Vok. mne, 1. eque; — 
Vdi 'geh', ai. ihi', — X^P^> 1- tc^^^'cf, — Dat. \'ttttuj, alat. 
Numasioi; — X'^P^^» ^- ^Q^ffi^ usw. 

2. Die kurzen Vokale -e, -a, -o w^erden vor vokalischem 
Anlaut elidiert. Daher ö' aus be 'aber', du' aus dirö 'als\ 
eqpax' aus ecpaio 'sagte'. Nicht elidiert werden irpo 'vor' 
und t6 'das'. 

Die apokopierten Formen können, wenn das Gefühl 
für ihren Ursprung verloren gegangen ist, auch vor Kon- 
sonant vorkommen. So finden wir denn in den Dialekten 
dv neben dvd 'hinauf', Tidp neben irapa 'neben', kolt statt 
Kttid 'hinab' usw. Allerdings steht es nicht sicher, daß 
die vollem Formen überall die altern sind. So ist viel- 
leicht dv älter als dvd und dieses erst nach dem Muster 
KttT : Kard neu geschaffen. Aus der homerischen Endung 
des Gen. der 2. Dekl, -oio mußte vor Vokal -oi entstehen, 
eine Form, die im Thessalischen verallgemeinert wurde. 



254 Laut- uml Ak/entlehro. ;!$ 252. 

Bei Homer ist -oi nicht überliefert, wahrsclieinlicli aber 
einzusetzen, wo -ou, olnu' verkürzt zu werden, vor Vokal 
steht, z. B. e 393 r|TTeipoi' ^TTißfjvai. Eliensowenig finden 
wir ein -'x aus -äo in der 1. Dekl. der Mask. Auch hier 
ist wolil zu schreiben AaepTidbä' 'ObucTrioq t 336, TTr|Xr|id5ä' 
"AxiXnoq. — Statt des Dat. PL -oicTi, -\](5\ steht bei Homer 
vor Vokal -ok;, -iic;. Die Zahl der vor Konsonant stehen- 
den Formen auf -ok;, -\}c, ist sehr gering, so daß man an- 
nehmen darf, die Form ok; sei die antesonantische. 

In zahh'eichen Fällen wird aber nicht elidiert, sondern 
die beiden Vokale werden kontrahiert (Krasis). Diese 
Lautveränderung tritt nur ein, wenn die beiden Worte 
oinc Einheit, also einen Sprechtakt bilden, namentlich 
beim Artikel; dvi'ip aus 6 dvnp, Tdvb()ü(g --= tou dvbpo^. 
Da die Krasis der Kontraktion iin Innern des Wortes 
ganz gleich steht, so müssen für sie auch die Regeln der 
Kontraktion gelten, was für viele Fälle auch zutriflL 
Aber diese Regeln winden durch das «etymologische» 
J^ewußtsein gestört. Statt des lautgesetzlichen ujvt'ip aus 
6 dvrip bildet man dvi'ip unter der P3in Wirkung von dvi'ip. 
Zahlreiche Beispiele bei Kühner-Blaß"' 1, 220 f. 

3. P^infache Längen werden vor folgendem Vokal 
verkürzt. Daraus erklärt sich die metrische Regel: 
vocalis ante vocah^m corripitur. Diese Erscheinung hat 
W\ Schulze KZ. 33, 134 auch in Inschriften nachzu- 
weisen versucht. In Kreta steht |ie für \xx\ vor Vokalen, 
z. B. |it ^vbiKov, )it lxx\\. Co. 301 G, 2 findet sich tTteibe 
'ktaioq. Doch kann es sich in diesen Fällen, wie Heikel 
Öfversigt af Finska Vetenskapssoc. Förhandl. 46 (1903/4), 
Nr. 7, 1 ff. ausführt, um Reste alter Schreibungen mit € 
statt r| handeln. 

4. Die Langdiphthonge werden vor folgendem kon- 
sonantischen Anlaut verkürzt, wie im Inlaut, vgl. § 148. 
Wir linden daher in den verschiedensten Dialekten Dat. 
M. und F. auf -oi und -ai, so büot. toi koivoi, ir) ßiuXr), 
die aus Formen auf -uui und -ai erklärt werden müssen, 
vgl. § 3()(), 311. 



II 



§2r.'2. L'5;3.| AuHhiut und Snndhi. 255 

Es liit'ß c^iinn.il toT koivüui, tui ßouXai und (l;iraus 
wurden dio kiirzdiplithonj^iHchen Formen verall^(urjeinert. 
Die Annahni(\ die Formen auf -oi seien alte Lokative, ist 
unwalu'seluMnlieh, da die Formen auf -ai nicht so erklärt 
w(M"don können, und weil die sichern Lokative im Griech. 
auf -€i ausgehen. 

5. Bei den /-Diphthongen schwand das i vor folgen- 
dem Vokal, und es werden daher diese Vokale als Kürzen 
gemessen, z. B. dvbpa ixöi Ivvene. 

6. Die aus diphthongischen Verbindungen entstan- 
denen -e, -0, -a werden hom. vor folgendem Vokal 
elidiert, z. B. ßouXofi' ey^ ^^^s ßou\o)aa(i) ijd), ^v^baei' 
eireiö-', i\aT^ evi, öq |u' edeXev aus ö<; juoi e^eXev usw. Man 
muß wohl annehmen, daß tatsächlich Formen wie ßouXojaa 
eine Zeitlang in Gebrauch waren, falls es sich nicht ein- 
fach um eine Freiheit der Dichtersprache handelt. 

253. 7. Alle auslautenden Konsonanten schwinden 
im absoluten Auslaut; ausgenommen r, (Z?), w, s] m 
wird zu n. 

a) Abfall von Konsonanten. 

t oder d sind geschwunden in der 3. P. Sg. Aor. eOr]K6 
^er setzte' = alüai. feked, 1. fecit, der 3. P. Imperf. eqpepe 
""er trug', ai. ä-hharat; in der 3. PI. der Nebentempora 
ecpepov ^sie trugen', \. fermit., oi. ab'haran{t)\ — im N. Ntr. 
der Pronomina xi 'was' = 1. qidd, dXXo 'andres' = 1. aliud \ 
in der 3. Sg. des Imperativs ecriiu 'er sei', alat. estöd\ in 
den ohne s gebildeten Vokativen der 3. DekL wie yepov 
'o Greis' zu Gen. ^ipovioc, ; xa^'x^v 'angenehm' : Gen. xa- 
pievT0(;, Aiav : Gen. Ai'avTOc;; im Ntr. der -wf-Stämme: 
Part. N. Ntr. cpepov aus ^qpepovr, iiO^ev 'setzend', aus 
Ti^evT, Aor. xuipav 'schlagend' aus Tuipavx; im Nom.övojLia: 
Gen. öv6)uaxo(;; Nom. jueXi n. 'Honig', Gen. jueXixog; 
N. fJTrap n. 'Leber', ai. jäkrt. 

tli : KpT 'Gerste' : Kpi^n. 

fe oder g: Vok. yijvai : Gen. Y^vaiKÖ(;; — uirööpa 
*^finster', eig. 'von unten blickend' : öpaneiv 'blicken', ai. 



256 Laut- und Akzentlehre. [§253. 

■upaiirs Anblick' ; — i] spracir aus i^kt (SolmseQ KZ. 
'^9, L>18); — ^ap 'Biut^ : ai. äsrk. 

h't: \'(»k. (Iva Herrscher : Gen. avaKToq; — ydAa n. 
'Milch : Gen. Y"^«KToq. 

hl m wird zu ;/: Akk. töv den : 1. is-tum^ ai. tarn; 
'iTTTTOv 'Pferd' : 1. deum; Ntr. der 2. Dekl. -ov : 1. -um, gr. 
ujöv Ei' : 1. övum\ Gen. PI. ttoöiuv 'der Füße' : 1. pedum; 
Endung der 1. Sg. Imp. usw. eqpepov ich trug', \. fercbam] 
— X^^^y f. 'Erde' mit Einführung des v in die Flexion 
XUovoq, statt •xv)o)u6q; das |li ist noch erlialten in x^«Ma?^o<; 
'niedrig', x^M"^ ^^^ ^^^^ Erde'; -- xiibv f. Schnee' : 1. 
hiems^ }i noch erhalten in bu(Txi)Lioq sehr winterlich' und 
Xei|aüüv m. 'Sturm'; — ev aus *e)n eins' : 1. semcl, }i noch 
in (jt)Lia zusammen'; Akk. xiva für •••tiv = 1. quem. 

Dieses Auslautsgesetz hängt natürlich mit der Silhen- 
bildung des Griechischen zusammen. Wir ersehen daraus, 
daß im Silbenschluß nur die oben angeführten Laute ge- 
duldet werden, zu denen wir noch /. das häufig vorkommt, 
fügen müssen. 

c) Li der Lautverbindung -rs schwindet ä* mit Ersatz- 
dehnung, vgl. H. Ehrlich KZ. I>9, 556. Das sicherste 
Beispiel ist jedenfalls xtip Hand', D. Sg. h(>m. vereinzelt 
Xepi, D. PI. X^P^i- Dann nach dem Nom. auch x^^PO?» 
Xeipi. 

In der Verbindung mit anderen Worten blieben die 
Konsonanten bewalirt, daher ouk nicht', ^k aus', die 
aber nicht im absoluten Auslaut vorkommen. 

<S. In einer Reihe von Fällen scheint ein auslautender 
Dental im Griechischen gegen die Regel 7a zu s geworden 
zu sein. So stehen schon l)ei Homer TToXXdKl und iroXXdKK; 
oft nebeneinander und entsprechen ai. jitnü r'ul. Vn\ den 
Adverbien wechseln Formen auf -ijü und -üjq, oÜtlu und 
oÜTUjg 'so'. Daß darin alte Ablative auf -öd stecken, ist 
längst anerkannt. Hom. luq wie, TLuq so' sind = ai.^V//, 
tat. no^ bis', inoq unterdessen' (ül)erliefert eitug, leitug) 
entsprechen ai. järat, tdvat. Daß in diesen Fällen regel- 
rechte Formen vorliegen, ist von Curtius Stud. 10, 219 



§253.] Auslaut und .Simdlii. 257 

l)eliaii|)iet und v(hi J. Schmidt Ntr. I>r)2 mit Rocht wieder 
aurgenommcn wonltMi. VAn Dontal niiißto vor folgendem 
Dental nach § 200 schon im hlg. einen Spiranten ent- 
n'iekeln, und auch im Gri(>chischen mußte t vor s zu s 
werden. Ein idg. ^'Jöf wurde also in gewissen Stellungen 
v.u */c»/.s', woraus gr. luq entstehen mußte. Jedenfalls könnte 
ujCTTe lautgesetzlich soin. 

9. Vor .9 -f-l'^ons. mußte urgriech. ein Nasal schwinden. 
Wir iKitton demnach zu finden: Ivq <^ de, vor Vokal, eq 
vor Konsonant. Dieses Verhältnis ist bei Homer gut 
bewahrt; man vergleiche eq Xpüaiiv A 100, eg ö' A 142, 
aber dq ä\a biav A 141 usw., eiq 'Aiöao-0 367 usw. Ja, 
man kann es sogar als ein Kennzeichen jüngerer Teile 
ansehen, wo eiq vor Konsonant und eq vor Vokal steht. 
— Der urgriech. Akk. Plur. auf -ov(^, -avq muß daher teils 
als -ov<;, -avq, teils als -o^, -aq erscheinen. Im Kretischen 
ist der alte Wechsel noch ziemlich regelrecht erhalten, 
z. B. TÖq |uaiTupav<;, TOUTOvg ekev ; — rdvq dTiXoovq, tö^ 
xaöecTTdvc;. 

10. s ging zwischen zwei Verschlußlauten verloren, 
daher der Wechsel von eK und eH bei Homer: ek Aiö^, 
€K TTuXou, aber eS ou, e£ onririq, eH epov evio usw. Im 
Kretischen wechselt ekct vor Vokalen mit eK vor Kon; 
eonanten. War aber der Anlaut des zweiten Wortes ein 
K, so mußte nach § 244, 1 das k von eK<; schw^inden. Tat- 
sächlich finden wir in verschiedenen Dialekten die Form 
€<;, die auch verallgemeinert wurde. 

11. Tenues werden durch folgenden Hauch zu Aspi- 
raten, daher dcp' ou aus an ou usw^ 

Vereinzelt trifft die Aspiration auch Medien, z. B. 
ou^eig 'niemand' aus ouö-ei^. Hier ist die Media natürlich 
zunächst stimmlos geworden. 

12. Als bewegliche Konsonanten im Auslaut erscheinen 
n (das sog. v eqpeXKucTiiKov) und in geringerm Grade s. 
Umfangreiche Untersuchungen über v liegen vor bei 
J. J. Massen De litera NY Graecorum paragogica quaes- 
tiones epigraphicae (Leipz. Stud. 4, 1 ff.) und F. Sommer 

Hirt Griech. Laut- 11. Formenlehre. 2. Aufl. l7 



258 haut- und Akzentlehre. [§253. 

Zum inschriftliclien vu ecpeXKUCTiiKOv. (Aus der Fest- 
schrift der 49. Philologenversammlung, Basel 1907.) Unsere 
Schulregel, daß die Formen mit v nur vor Vokalen und 
vor stärkerer Interpunktion eintreten, ist erst von den By- 
zantinern ausgesprochen worden, doch zeigt sich schon früh- 
zeitig eine Tendenz in der Setzung des v nach dieser Richtung. 
Zuerst stellte es sich jedenfalls ein als Form der Pause, 
am Satzschluß und bei stärkern Sinnesabschnitten, und 
es hängt dies mit einer Neigung vieler Sprachen zu- 
sammen, von zwei bestehenden Formen in der Pause die 
längere zu wählen, vgl. Wackernagel Wortuinfang und 
Wortform (Gott. gel. Nachr. 1906, 147 ff.). Erst spätor 
wird dann die Form mit -v auch im Satzinnern vor Vokal 
gebraucht. 

Die Formen, die das -v nehmen, sind: 

1. Die 3. Sg. auf -e, 3. P. Aor. ?bujKe(v). 3. P. Imp. ^Xexev uew. 

2. Die 3. P. Sg. und PI. auf-ci», ^axi», XtYouai^v). 

3. Der Dat. Plur. auf -öi(v) und Adverbien auf -ai(v) wie 
TT^puai^v) 'im vorigen Jahr, TravTdiTäöi(v) 'gänzlich'. 

4. Formen auf -cpi(v). 

5. £iKoai(v) '20\ 

Die Erscheinung selbst ist im wesentlichen auf den 
ionisch-attischen Dialekt Ijeschränkt und findet sich daher 
schon bei Homer, von wo es in die Dichtersprache über- 
geht. Später treffen wir es auch in andern Dialekten 
sowie in der Koivr), was aber sicher auf ion.-att. Einfluß 
zurückgeht. 

Anm. Der AuPgangHjiunkt muß in einigen wenigen Formen 
liegen, und die Saclie muii sich erst im Griech. entwickelt haben. 
Die eine Gruppe geht von dem Gegensatz hom. 1. Sg. ?|a 'ich 
war: 3. Sg. fjev 'er war' aus. Letzteres ist eigentlich eine 
3. Plur., die singularisch umgedeutet wunie (s. § 41 1\ Danacii 
bildet man lu allen Formen, die in der 1. P. Sg. ein -a halten, 
eine 3. P. auf -ev, so dv^OriKev 'stellte auf, ^Troi'riaev 'machte'. 
Erst später erscheint das -v auch im Imperfektum und im starken 
Aorist (Sommer 31). Der andere Ausgangspunkt sind die Dat. 
Plur. auf -Gl. Hier gab es Pronominalformen wie ilol. ämaiv,. 
önmv, hol denen das v alt war. Nehen sie traten Formen wie ötp^pa 
imter dem Finfluü der I)ative auf -öi. und das lührte weiter 
zu der Neubildung -aiv. Es genügte aber auch schon die eine 
Verhindung nuiv itäai, um eine Form Tiäaiv hervorzurufen. 



§ 25o — 255. J AnliuitHciBchoiminKen. 259 

Ein bewegliches s findet sich in oütuj^ neben oütuu, 
und zwar steht oüiujq meist vor Vokal, während beide 
Formen vor Konsonant auftreten können. Nach 253, 8 
haben wir es hier mit idg. J)oi)pelformcn zu tun, deren 
Stellung im Griech. durch andere Gründe geregelt ist, 
vielleicht nach dem Verhältnis ^H vor Vokal zu iK vor 
Konsonant, vgl. >^ 253, 10. Wie ouiujg, oütuj sind noch 
zu beurteilen iroWaKig, iroWaKi und vielleicht einige der 
anderen Fälle. 

B. Anlautserscheinungen. 

!254. Auch der Anlaut unterliegt gewissen beson- 
dern Gesetzen. Zahlreiche Konsonantengrui3pen, die im 
Inlaut wohl sprechbar sind, weil sie sich auf zw ei Silben 
verteilen, werden im Anlaut vereinfacht oder umgestaltet, 
weil hier die Aussprache auf Schwierigkeiten stößt. Der- 
artige Erscheinungen sind sicher schon indogermanisch, 
aber noch nicht genügend untersucht. Am ausführlichsten 
handelt darüber Kretschmer KZ. 31, 412 fF. 

Die im Griechischen möglichen Konsonantengruppen 
des Anlauts sind in jedem Lexikon und bei Leo Meyer 
Gr. Gr. ^ 1, 342 fF. zu finden. Sprach geschichtlich ist 
folgendes wuchtig. 

255. 1. Geräuschlaut -\- Sonorlaut. 

a) Die Verbindung von Verschlußlauten mit r ist in 
allen Fällen erhalten. 

b) Von Z- Verbindungen ist ö\- nicht belegt, das im In- 
laut zu XX wird (§ 243, 2). Im Anlaut entstand -jX, da 
yXuku<; 'süß' zu lat. diilcis gehört. Ebenso ist hom. YXdfog 
'Milch', YXaKToqpdf oc; 'Milch essend' vielleicht auf *öXdY0<^ 
zurückzuführen, während in lat. lac das d regelrecht ab- 
gefallen ist. tX- liegt nur im Stamm rXä- 'ertragen' vor, 
wo tX- aus dem Inlaut übertragen sein könnte. Neben 
^X- findet sich auch qpX-, cpXißuj 'drücke, presse', cpXdoi 
'zerdrücke' neben ^Xißuj, dXduu. Nach Ehrlich Z. idg. 
Sprachgesch. 9 ist ersteres die Form des absoluten An- 
lauts, letzteres die des Inlauts. 

17* 



260 Laut- und Ak/entlehre. [§255—257. 

c) TV- ist nicht belegt; bv- in bvoTraXi^uu 'schüttele'. 
Neben 5vö(pO(; Dunkelheit' steht das spätere Tvöqpo^ und 
Kveqpaq. Man kann daran denken, daß die \\'orte zu- 
sammengehören. XV in xvotueiv 'schaben' ist aus ksn ent- 
standen; vgl. ai. ksijciufi schleift', qpv steht nur in qpvei, 
dv nur in Ovi'iaKoi 'sterbe' usw., wo es aus Tfcv>vr|Ke ein- 
geführt sein könnte. 

d) w- Verbindungen sind selten. k)li finden wir nur 
in K|LieXe\>pov, das nach dem Etym. Mag. = lutXaOpov 
'Dach' ist. K)Hj"iT6q 'mit Mühe verfertigt' ist als Simplex 
nur bei Hesych belegt, tjjl und b,u liegen nur in Bil- 
dungen von Te)uvuu schneide' und öd)uvii|ui 'bändige' vor 
und könnten hier jung sein. Sonst fehlen ?>i-Ver])indungen. 
Nach Kretschmer KZ. 31, 40G ist b}i- zu )uv geworden, 
daher kret. lavuja, jUVUJTai 'Leibeigene der Gemeinde' zu 
böjuoq 'Haus'. 

256. 2. Zwei Sonorlaute. 

Von den Verbindungen zweier Sonorlaute sind natur- 
gemäß nur wenige möglich. Sie teilen die Schicksale der 
inlautenden (Gruppen. )av bleibt in )Livfi)aa 'Denkmal' usw., 
)ap- wurde zu ßp-, )nX- zu ßX-, vp- zu öp-, vgl. >^ 245. 

5J57. 3. Verbindung zweier Geräuschlaute. 

a) (ianz gewöhnlich sind hier .9- Verbindungen, sei es 
daß .s vorausging (sA*, st, sj)) oder folgte (H, vp). is fehlt. 

b) Merkwürdig sind im Griech. die Verbindungen 
von Gutturalen oder Labialen mit Dentalen, kt, x^'K ^t> 
qpO, weil wir in den verwandten Sprachen im allgemeinen 
keine direkten Kntsprechungen linden. Die Verbindungen 
finden sich z. T. auch im Inlaut, und diese werden daher 
hier mitbehandelt. 

a) KT-, (pb = ai. ks, 1. es, ir. Ä7: KiicTiq 'Ansiedlung' : 
ai. ksitih 'Wohnsitz'; — Kidoiaai erwerbe mir' : ai. ksajdti 
besitzt'; — Kieivoj 'töte' : ai. Ä-.sa>/o/t verletzt'; — cpih'vuu 
'schwinde dahin' : ai. kswäti vernichtet' usw. Inlautend: 
(jfpKTO<; 'Rar' : 1. nrsiis aus '^'inrsus, air. ort, ai. fk,snh\ — 
TtKTU)v Zinimermainr : ai. tdksu Arbeiter in Holz', ahd. 



§257.258.] AnlniitscrHcheinnni^en. 261 

(Ichsala 'J lacke', nihd. drliscii 'FlacliP Hchwingen\ 1. fcxo 
'wobeir, (Jruii(lbo(lcutung klopfen, schlagen'. 

Brugnumn Botzt für diese Fälle ulg. (Jutturah; -\- /» 
oder d an, doch ist dies, wie er selbst bemerkt, nur ein 
Notbehelf. Idg. Spiranten sind aber unwahrsclieinlich, 
da Spiranten in S|)rac]u>n mit vorwiegiMid nnisikalischem 
Akzent selten vorkommen. 

b) Anderseits entspricht ein gr. Guttural -|- Dental 
einem einfachen Guttural andrer Sprachen: x^^v 'Erde' : 
1. huiuus, abg. zemlja, ai. ksani-, aber auch gr. xct^^ti; — 
X&€(; 'gestern' : 1. heri, d. gestern, ai. hjäh\ — iKTivoq 'Weihe, 
Hühnergeier' : ai. .<jenäh 'Adler, Falke'; — i'x^'^q 'Fisch' : lit. 
iwivs. INIan sieht, daß in diesem Fall im Ind. z. T. j er- 
scheint. Vielleicht handelt es sich um idg. Schwund des 
,/ (s. §199,1). 

c) Neben bom. TnöXefioq 'Krieg', tttoXk; 'Stadt' steht 

sonstiges TTÖXe,uoq, iröXiq; neben TTieXea 'Ulme, Rüster', 

epidaur. delph. TreXea; TTxepva 'Ferse' : Tiepva 'Schinken'; 

— TTTaiuu 'schlage an' : Traiuj 'schlage'. Dieser Unterschied 

ist von Kretscbmer KZ. 31, 425 f. richtig so erklärt 

worden, daß sich die Doppelkon sonans im Inlaut erhielt. 

Daher att. TT6Xe,uO(;, aber TpiTTioXeiuoc;, NeoTTToXejuog. 

Anm. Nach Jacobsohn KZ. 42, 264 soll ttt aus _pM eot- 
standen und u wegen des folgenden l durch eine Art Dissimi- 
lation geschwunden sein, was mir durchaus unwahrscheinlich ist. 
Jedenfalls entsprechen in den verwandten Sprachen Formen ohne 
t: TTxepva 'Ferse', 1. perna "^Hinterkeule', got. fairzna, ai. pdrsni- 
'Ferse' : — TTTepöv '^FlügeP : russ. ^Jerd ""Feder' ; — TTTOieuu ""scheue' : 1. 
paveo ^ängstige mich' ; — TTTiaauu ""stampfe' : 1. pinso, vgl. Schrijnen 
KZ. 44, 17. Wahrscheinlich handelt es sich in allen diesen 
Fällen um idg. Konsonantengruppen, die im Griech. erhalten, in 
andern Sprachen aber erleichtert sind. Das Problem wird da- 
durch noch schwieriger, daß auch im Griech. ko neben kt zu 
stehen scheint, denn man kann Kxeic, ^Kamm' aus *KTev(; mit 
Saivu) ""kratze, kämme die Wolle'; Sevoc; ""Fremder' mit KTeivui 
""töte' verbinden. 

258. 4. Gedehnte Konsonanten. 
Gedehnte Konsonanten sind im Anlaut sprechbar 
und auch im Griech. eine Zeitlang geduldet, dann aber 



262 Laut- iin.l Akzentlehre. (§258.259. 

vereinfacht worden. So wird hr inlautend zu tttt, das im 
Anlaut zu tt wird, vgl. 'i'tttto^ 'Pferd\ ai. äsvah, aber dor. 
7Tucracrv>ai erwerben' zu ai. h-ä-. Im Boot, finden wir 
aber noch id TTTrd)naTa und GiOTTTTäcrioq. Da idg. Ä;/ in- 
lautend TT oder (5(5 ergiebt, so muß dies auch im Anlaut 
bestanden halben. Tatsächlich lieißt es ^TTicTcreuecrOai, 
ecTcreua, welche Formen Schlüsse auf den Anlaut zulassen. 
Dagegen haben die Verbindungen von s -\- Sonorlaut 
ursprünglich nie Doppelkonsonans ergeben. Wenn wir 
aber eppeov 'floß\ hom. Ö6 vvötio(;, ubaTi XXiapuj und ähn- 
liches finden, so beruht das auf späterer Entwicklung, die 
nicht im Anlaut eingetreten sein wird. 



O. Akzentlehre. 



Zwanziizstes Kiijntel. 
Der indoe:ermanische Akzent. 



'&" 



!^50. Der griech. Akzent setzt in wesentlichen 
Punkten den idg. Akzent fort, der sich mit Hilfe des 
Indischen als Ilauptquelle, des Lit. -Slawischen, des Ger- 
manischen (Verners Gesetz) und des Griechischen er- 
schließen läßt. 

.\nin. Das Vernerseho Gesetz lehrt: die im Urgerm. vor- 
handonen ptinimloHon Spirnntcn x« fiPt ^ ^^ J'lp- ^'' V' '• ' werden 
inlauten<l zu stiininhafton Spiraiiteu y» ^t <^' *» spilter r/, h, d, r, 
wenn der Akzent nicht unnaittolbar vorausgeht. Es heißt daher 
got. hröpnr, ai. hhrnfd 'Hni(l»>r\ aber f<t(laf\ ai. pitn 'Vater': — 
ahd. sirigar 'Sch\vie;:ermutter\ gr. ^Kupct; — aber ahd. sirchitr, 
ai. srdsurali (gr. ^Kup6<; hat daher uniirspriinglichen Akzent); — 
got. wulfs^ gr. XuKoc;. aber got. sihun, gr. ^TTTft. 

Für das Indogermanische müssen wir den Silben-, 
den Wort- und d<Mi Satzakzent unterscheiden. 



J 



tj 2G0.] Dor indo^ormanische Akzent. 26'^ 

I. Der indogermanische Silbenakzent. 

ÜiOO. Eino Verschiedenheit des Silbenakzents liißt 

sich für das I(l<2:. hislier tatsächlicli nur für die letzten 

Silben nachweisen, theoretisch ist er auch für die Silben 

im Wortinnern vorauszusetzen. 

Anni. 1. Zuerst erkannte A. Bezzen berj,'er J^B. 7, 66ff., 
ilaß die ji^riecliische Verschiedenhcüt von Akut und Zirkumflex im 
Litaui.-ächen als «gestoßener» und «schleifender» Ton (Zeichen 
und "^) wiederkehre. Fr. Hanssen KZ. '.11, 612 11'. brachte mit 
diesen Doppelheiten ferner die Erscheinungen des germanischen 
Auslauts in Zusammenhang, und schließlich erkannten Bezzen- 
b erger und Sievers, daß im Rgveda lange Vokale dann gern 
zweisilbig gemessen werden, wenn sie solchen mit griechischem 
Zirkumflex, litauischen mit schleifendem Ton entsprechen. Das 
läßt sich sehr einfach aus zweigipfliger Betonung erklären. 

Die einzelnen Sprachen stimmen in ihren Silben- 
akzenten vielfach überein, so daß wir für das Idg. folgen- 
des ansetzen können. 

Das Idg. hatte zwei Silbenakzente, die man mit ge- 
stoßenem und schleifendem Ton oder mit Akut und 
Zirkumflex benennen kann. 

1. Der gestoßene Ton steht auf allen einfachen 
Längen und bei Langdiphthongen auf dem ersten Be- 
standteil. Dies ergibt sich daraus, daß Langdiphthonge 
ihren zweiten Bestandteil verlieren können, Vvenn sie 
stoßend betont waren, vgl. § 251, 2. 

2. Der schleifende Ton des Idg. war wahrscheinlich 
zweigipflig, und außerdem waren Vokale mit schleifendem 
Ton länger als solche mit Stoßton. Legt man für die 
Kürze eine More zugrunde, so ergeben sich für die ein- 
fachen Längen zwei, für die schleifenden drei Moren. 
Diese Ansätze werden durch die Auslautsgesetze des 
Litauischen und Germanischen direkt gefordert. 

Anm. 2. Im Lit. werden nämlich alle auslautenden Vokale 
um eine More verkürzt. Die akuierten Längen werden Kürzen 
(mit Gravis), die zirkumflektierten zweimorig (Zeichen ^). Alle 
im Auslaut stehenden Längen sind daher als zirkumflektiert an- 
zusehen. Auch für die germanischen Auslautsgesetze muß man 
dieselbe Regel aufstellen. 



264 Laut- und Akzentlehre. [§260.261. 

Der schleifende Ton beruht im wesentlichen auf folgen- 
den Ursachen. 

a) Zwei Silben werden zu einer vereinigt 

a) durch Kontraktion, Dativ idg. -oi aus o -\- ai, 
gr. öeuj; 

ß) durch das Schwinden der zweiten Silbe, vgl. § 135. 
Wie die betonten Kürzen durch Verlust der folgenden 
Silbe zu Längen werden, so entstehen aus den einfachen 
Längen Überlängen. 

Es heißt daher vau(^ 'Schiff' gegenüber Zeuq, weil 
ersteres auf uridg. '■ndjros, letzteres auf "'(Ijewos zurückgeht. 

b) Ein gestoßener Langdiphthong verliert seinen 
zweiten Bestandteil. Eine Verbindung wie -On müssen 
wir als dreimorig ansehen. Schwand das ??, so gab es 
seine Dauer an das ö ab, und dies wurde zu -ö, daher 
lit. zmno Mensch" gegenüber gr. -luv. In gleicher Weise 
erklärt man den Zirkunillex von gr. ßüuv, ai. gäm aus 
dem Verlust des n. Die Grundform war '•'•(f'uum. Doch 
hat im absoluten Auslaut der Verlust des u diesen Über- 
gang nicht bewirkt, vgl. oktijü acht' gegenüber ai. asf<iu\ 
— N. Du. Oeuu 'dcitter', lit. rilk/) 'Wolf' gegenüber ai. rfkdu. 

Beispiele für die idg. Silhenakzente s. § 265. 

II. Der indogermanische Wortakzent. 

JiiOI. Das Idg. Ix'saß einen freien Akzent, d. h. der 
Akzent war nicht durch äußere Ursachen bedingt wie z. B. 
im Lat., sondern konnte auf jeder Silbe des Wortes stehen. 
Bei dieser großen Freiheit bestehen doch eine Reihe von 
Regeln. Es gibt sowohl beim Nomen wie beim Verbum 
zwei große J^etonungskategorien: entweder ist der Akzent 
durch das ganze Paradigma unverändert, so z. B. bei allen 
e-o-Stämmen, gr. Xoyoq, v>66(^, qpfcpuj, oder der Akzent 
wechselt zwischen Stamm und Endung. 

1. Beim Nomen müssen wir zwischen starken und 
schwachen Kasus unterscheiden. 

a) Stark heißen die Kasus, in denen der Akzent 
auf der Wurzelsilbe odrr dvm Suffix ruht, die Endung 



§201.202.) Der indoKoriiKiniMclic Ak/cnt. 265 

(lae^egon iinlx^tont bleibt. Kh sind dios N. Akk. Vok, 
Sing., N. Akk. Dual., N. Akk. l'lur.: ttou<; 'Fuß\ Akk. 
TToba, N. Du. TTobe, N. PI. ttüöcc;, Akk. PI. 7T6öa(;, jii. y.j^äd, 
Akk. pddam, N. D. pddäu, N. PI. pndah. 

b) Scbwach heißen die Kasus, in denen die Kasus- 
endung betont ist, das sind Gen. Dat. Lok. Instr. Abi, 
Sing. Du. und Plur. : G. Sg. Troböq, D. irobi, G. D. 
TToboIv, G. PL TTOÖujv, D. PL TTOCTi, ai. O.j^ddäh^ D. ;?rt(Ze, 
Instr. padd. 

2. Beim Verbum Lag der Ton : 

a) Auf der ersten Silbe im Sing. Ind. des athema- 
tischen Präsens, des s-Aoristes und des Perfekts. 

b) Auf dem ableitenden Element der meisten charak- 
terisierten Präsentien im Singular, ai. -ndmi, -7i6mi, dem 
-je- des Optativs. 

c) Auf den Endungen im Dual, Plur. Akt. und im 
ganzen Medium der genannten Kategorieen. 

d) Festen Akzent haben der sog. starke Aorist, und 
zwar auf der ursprünglichen zweiten Silbe, und die thema- 
tischen e-o- Verben auf der ersten Silbe (gr. Aor. Inf. 
cpuT^iv, Prs. qpeuYeiv 'fliehen'. 

Anm. Neben dem Hauptton gab es im Idg. noch einen 
sog. Gegenton, der, wie in § 141 gezeigt ist, ein e in o verwan- 
delte. Dieser Gegenton war verschieden von der Enklise, die 
bliesen Wandel nicht hervorruft. 

III. Der indogermanische Satzakzent. 

S6S. Die einzelnen Worte des Indogermanischen 
waren im Satzzusammenhang untereinander abgestuft. 
Zahlreiche Worte verloren ihren eigenen Akzent völlig 
und lehnten sich enklitisch oder proklitisch an ein vorher- 
gehendes oder folgendes Wort an. Auf diesem Gebiet 
liißt das Griechische die idg. Verhältnisse gut erkennen. 
Wackernagel hat IP. 1, 333 ff. nachgewiesen, daß ein 
Enklitikon, falls es zum ganzen Satz und nicht zu einem 
einzelnen Wort gehört, in der idg. Urzeit die zweite Stelle 
im Satz einnahm. 

Enklitisch konnten im Idg. nicht nur die Präpositionen, 



266 Laut- und Akzentlehre. [§ 262. 263. 

Partikeln und Pronomina werden, sondern auch zwei 
Kategorien, die uns in der Enklise zu sehen nicht so 
geläufig ist, Verbum und Nomen. 

1. Das Verbum. Im Altindischen besteht die 
Regel, daß das Verl)um im Hauptsatz enklitisch, im 
Nel)ensatz volll^etont ist. Wenn wir diesen Zustand auch 
nicht auf das Idg. übertragen dürfen, so steht es doch 
fest, daü das Verbum im Idg. in großem Umfange 
enklitisch werden konnte, und zwar vor allem nach 
Präfixen und der Negation, und wenn es nicht am Satz- 
anfang stand. Vgl. über diese Frage Wackernagel KZ. 
2:), 457 fi;, Zimmer Festgruß an Roth (1898\ 173 ff. 
Hirt Akzent :^()4ff. 

2. Das Nomen war vor allem enklitisch, wenn es 
als Vokativ geljraucht wurde, wie dies auch jetzt noch 
der Fall ist, vgl. Hirt IF. 9, 284 ff. 

Außerdem konnte sich das Nomen an Präpositionen 
enklitisch anlehnen, lat. illiro, denuo. Weiteres über die 
Satzbetonung ergibt sich aus dem Griechischen. 



Einuiidzwanzigstes Ka])itel. 
Der griechische Akzent. 



^Ziili, Literatur. 1. Allgemeine Arbeiten: C. Gütt- 
ling Allgemeine Lehre vom Akzent der griech. Sprache, 
1835; — F. Misteli Allgemeine Theorie der griech. Be- 
tonung 1875; Erläuterungen 1877; — H. W. ('handler 
A practical introduotion to Greek accentuation. ' Oxford 
1881. Dieses Werk l)ietet das reichste Material; — 
J. Vendryes Traite d'.iecontuation grecque, J^aris 1004. 
2. Spezielle Arbeiten: .1. Wackernagel Der griechische 
Verbalakzent KZ. 23, 457 ff; — L. Schröder Die Akzent- 
gesetze der homerischen Nominalkomposita, mit denen 
des Veda verglichen, KZ. 24, 101 ff.; — B. J. Wheeler 
Der griech. Nominalakzent, 1885; — P. Kretschmer 



§263—205.] Der priechiHche Ak/ent. 2G7 

Der ('borgang von der inusikiilip(;h('n zur oxBpinitorisclien 
Bettmung im Griecli., KZ. 30, 501 (V. ; — J. Wackernagcl 
Beitrilpje zur Lohro vom griech. Akzent, Programm Basel 
1893; — (lers. Das Zeugnis der delphischen Hymnen über 
den griech. Akzent, Rh. Mus. 51, 804 f.; — J. Vcndryes 
L'accent de eyiJUTe et la loi des propcrispomenes en atti- 
que, Mem. de la Sog. d. Ling. 13,218; — Hirt Zur 
Entstehung d. griech. Betonung, IF. 16, 71 ff.; — Ch. Bally 
Accent grec, accent vedique, accent indo-europeen in 
Melanges de linguistique IfF. ; — E. Hermann KZ. 
40, 126 ff. 

I. Der griechische Silbenakzent. 

264. Oben § 84 ist die Natur der griechischen 
Silbenakzente kurz charakterisiert worden. Für die 
sprachgeschichtliche Auffassung muß als besonders wichtig 
hervorgehoben werden, daß Akut und Zirkumflex auf 
Betonung verschiedener Moren beruhen. Zerlegen wir 
einen langen Vokal in zwei Moren ^^, so ist der Akut 
gleich ^^, der Zirkumflex gleich ^^. 

Bei dieser Auffassung erklärt sich sofort der Unter- 
schied in der Betonung zwischen qpiXüu ich liebe' und 
und ecTTOJ^ ^stehend' ; jenes geht auf qpiXeuj, dieses auf 
ecTiaujc; zurück. Ebenso ist der Akzentwechsel in öfiiuoq 
'Volk' = *öda|uo<s und Gen. 5ri|uou = *öadjuou dem von 
epeßo<;, ep6ßou(; 'Finsternis' vollständig gleich. 

Anm. Da im V^erbum der Akzent mit Ausnahme des 
Verbum infinitum und sonstiger weniger Fälle soweit als mög- 
lich zurückgezogen wird, so tragen dementsprechend einsilbige 
Verbalformen mit langem Vokal den '^. Dem Verhältnis von hom. 
Part. Aor. Xiitujv: 2. Sg. Aor. \ineq entspricht das von Part, ßöq: 
1. Sg. Aor, ßf|v (= ^ßr|v 'ging'); OTäq : air\v. Da ferner die Leebier 
den Akzent soweit als möglich zurückgezogen, so entspricht dem 
Verhältnis von lesb. "Axpeuc; : att. 'Arpeuq das von lesb. Zevc, : 
att. Zeü^. 

265. Während sich in der Pänultima das Auftreten 
von Akut und Zirkumflex nach der Quantität der letzten 
Silbe richtet, entsprechen in der Ultima die beiden Ak- 



I 



268 Laut- und Akzentlehre. [§265. 

zento z. T. idg. Verschiedenheiten, der Akut dem idg. 

Normalton auf langen Vokalen und Diphthongen, der 

Zirkumflex dem sekundär entstandenen Ton. 

Anm. 1. Der idp. Akut war wahrscheiiilicli fallend, der 
Zirkumflex steigend oder steigend-fallend. Im Griech. haben sich 
die Verhältnisse gerade umgedreht. Eine solche Umwandlung, 
80 merkwürdig sie ist, findet sich auch anderswo, z. ß. im Slaw,, 
ohne daß dabei die ursprünglichen Verschiedenheiten £wischen 

den beiden Akzentarten verwischt werden. 

/ 

A. Zirkumflektierte Längen. 

Gen. Sg. dXqpfjq, lit. alqös des Lohnes', got. gihös^ 

Dat. Sg. dXqpf^, lit. aJfjai, got. (jihai, aus ä -\- ai^ 

Dat. Sg. Oeuj, lit. vilkid dem Wolfe', a|id. ta(je, aus- 

-{- ai. 

Dal. PI. \>eoi^, lit. vilkals^ 

Lok. Sg. 'lcr\>)aoi, lit. nnmie 'zu Hause, aus o + i. 

Gen. Li. Oeuüv, lit. vilkil 'der WültV, got. dafje, aus 

-|- om, 

Abi. Sg. in Adv. xaXüug, lit. Gen. ril/xö Mes Wolfes\ 

got. kaprö, au.< -o -\- a^d. 

2. 3. Sg. Opt. XeiTTOiq, XeiTTOi, lit. tc-sukie "^er soll 

drehen', got. hafrais, hairai 'möge tragen', aus o -f- dem 

Optativelement i (s. § 470). 

B. Akuierte Längen. 

N. Sg. aXqpn, lit. ah/u, got. ffiba '(labe', 

A. Sg. dXqpnv, lit. fi/(fn, ahd. geba Gabe', 

N. Du. deuj 'Gott', lit. vitkit 'zwei Wölfe', 

X. PL KaXoi, lit. ver) 'die Guten'. 

Alt ererbt sind ferner die Akute in den Nominativen 

auf -i'"|v, Troi)ai'-|v. auf -i'ip, TTan'ip, auf -lü, ))xvj, auf -euq, 

Zeuq, ßamXeuq usw., in dem -ai von 1. Sg. ßouXo)Liai, 

3. Sg. ßouXfiai, Inf. b6)i€vai, eivai, Xöcrai, der Präp. irapai. 

Anm. 2. Im Lit. zeigen auch <lie Semidiphthonge er, <7, cn, 
ein usw. verschiedene Silbenakzente, z. B. n'lkas n. 'Woir u. rXlke 
'\V/)lfin\ Daß die Verbindungen ev, cp usw. den €i, €u usw. auch 
im Ciriechischen gleichartig waren, folgert Wackernagel Beitrage 



§265—207.] Der ^'riei-liischü Ak/ent. 269 

zur Lehre vom j^riechischon Akzent S. 24 11". aus der Lehre der 
Oramiiuitiker, daß cpuXXd xe, Ivdd TTOxe zu betonen Bei, wie qpüXd 
Te, iiu^vd TTOTt. Zwei Akzente mußten luindeRtenH durch eine 
More getrennt sein. Daiier ist cpOXd t€ = q)Ou\d te und (pOXXd xe 
«»beuso = c^c. 

Anm. 3. In unbetonter Ultima läßt sich die Verschieden- 
heit des Silbenakzüutes an den Quantitiltsverechiedenheiten er- 
kennen. Zirkuinflektierte Diphtlionge gelten als lang, akuierte 
als kurz, l^alier Lok. ISg. oikoi 'zu Hause', aber N. PI. oTkoi, Xemoi 
*er soll la3sen\ lit. te-sukie 'er soll drehen'. Kei|Liai zeigt, daß das 
«i der Medialendungen akuiert war, ebenso qpepeööai, Xöaai, wäh- 
rend die Optativeudung ai beiSai zirkumflektiert war. 

Anm. 4. Das Attische zeigt in einer Reihe von einsilbigen 
Worten ZirkumÜexe, die sicher jung sind und auf einer Zurück- 
ziehung des Akzentes, ähnlich der des Aolischen, beruhen. So in 
exe, 'eins-, vgl. xiOeic;; — alE 'Ziege', YXaöH 'Eule', die Koine hat 
aiE, YXauE; — ßoO^ 'Kuh', müßte Akut haben wie Z€U(;; — ferner 
TTä<; 'jeder', ävbpidq 'Bildsäule', ijuäc; 'Riemen', aber auch ipdc, dv- 
bpidq. Anders faßt Hatzidakis IF. 5, 338 ff. diese Fälle auf. 

Anm. 5. In einigen Fällen beruhen die Zirkumflexe auf 
griechischer Kontraktion, so in Gen. r]xoO(; aus rixöoc, qpiXiu aus 
cpiXeuu, öeoö; hom. ^eoio usw. 

C. Die Silbenakzente der Pänultima. 

S66. Auf der Pänultima hätten wir, nach den 
Endsilben zu urteilen, durchgehenden Akut auf allen alten 
idg. Längen zu erwarten. Es müßte also flektiert werden 
^Kt^TToq 'Garten', Kt']TTOu, KrjTTUj usw., und wie es Perf. Tidei(g 
heißt, müßte es auch *Ti^eiaa lauten. In KfiTTO<s, Ti^eicTa 
usw. liegt demnach eine Zurückziehung um eine More vor. 
Dieses Gesetz hat auch noch w^eiter gew^irkt und wird 
w^eiter unten behandelt werden. Es ist die einzige er- 
kennbare Ursache für die Verschiedenheit der Silben- 
akzente auf der Pänultima. 

II. Der griechische Wortakzent. 

267. Der griechische Wortakzent ist auf die drei 
letzten Silben des Wortes beschränkt. Man spricht daher 
von einem Dreisilbengesetz des Griechischen, obgleich 
dieser Name keine Erklärung ist. Die griechischen Ver- 
hältnisse sind nach Ausweis der verwandten Sprachen 



270 Laut- und Akzentlehre. [§267.268. 

jung, CS liaben demnach Verschiebungen stattgefunden, 
die sich auf wenige Gesetze zurückführen lassen. 

A. Die griechische Betonung gleich der idg. 

JiOH. 1. Die ik'tonung der Ultima im Griechischen 
ist alt und entspricht der indischen und idg. 

a) Im Akzent der einsilbigen Stämme: ttou^ 'Fuß\ 
Gen. 7TOÖ6(;, Dat. ttoöi usw. = ai. ^mJ, padäh, padi\ 

b) Bei den Stämmen auf -er, -iei'^ -en: Trairip 'Vater', 

Sii. jntdy got. fadar\ — boirip 'Geber, ai. däfd; — ^euKxrip, 

ai. jöktd 'Anschirrer' ; — TTOijuriv, lit. piemüo Hirt. 

Anm. 1. In OuYcxDip 'Tochter', pir]Tr\p 'Mutter', ^vdxrip 'P>au 
des Bruders' hat nach Ausweis der ind. duhifd, matd, ahd. muotar^ 
jätn sekundäre Akzentverschiebung stattgefunden, deren Grund 
unklar ist, v<;l. auch Akk. OuYctT^pa, \xr\Tipaj Gen. j.iriTpöq. 

c) In den adjektivischen ?/-Stämmen, vgl. Bezzen- 
berger BB. 2, 12311., ßapuq schwer', ai. gurüh, iJuKug 
'schnell', ai. äsüh, Kpaiug stark', got. hardus. 

d) Bei den Adjektiven auf -tos, -)ws, -mos usw. und 
überhaupt den meisten ])rimären Adjektiven: KXuToq be- 
rühmt', ai. srntd/i\ — CTTaioq stehend', ai. sthitäh; — 
YUjiVO^ 'nackt', ai. vngnnh', — epudpö^ rot', ai. rudhirdh\ 
Oepfiö«; warm', ai. (/harmälj Glut'. 

e) Bei den Feminina auf ä: yuvi'i Weib', ai. gnd, russ. 
iend] — Okiu. Schatten', ai. chüjd\ — - ttoivh 'Strafe', 
russ. ccnä. 

f) Bei den adjektivischen -fi-Stämmen: bucruevi'iq übel 
gesinnt', ai. dur-mandh , ijjtuöiig lügend' usw. Ausnahme: 
TToXubi'iveu' TToXußouXov Ile.sych, ai. puruddsah reich an 
wunder] )aren Taten . 

g) Beim Partizipium Perfekti auf -tuq, eibujq wissend', 
ai. viddn^ XeXomubq zurückgelassen habend', ai. nnki-dii. 
In beiden Sprachen ist der Akzent fest: Gen. eiöOTog, 
ai. Instr. vidüsd, F"em. eibuia, ai. vidusi, was aber auf 
sekundärer Verschiebung beruht, die vielleicht erst einzel- 
sprachlich ist. 

h) Beim Partizipium des zweiten Aorists: Xittujv, ai. 



§268— 270.J Der griechische Akzent. 271 

ri6änt-, der rräsentia auf -vä|LU, -vöiui, öajavuq, beiKvuq, ai. 
krtnänt, sunränf-. 

i) Bt'i den -/^^-SUlinnii'n, ^r. KXtiTU(; 'Abhang, ai. 
pitülj 'Trank'. Doch besteht hier auch Anfangsbetonung. 

k) In vereinzelten Beispielen: oktuj acht', ai. astdu\ 
— ^TTTOt 'sieben', ai. saptd^ ahd. sibun; — ifd) 'ich, ai. 
ahAm\ — irapai 'neben, ai. yarc] — eKaiöv '10()\ ai. 
satäm, got. huml. 

!269. 2. Die Betonung der Pänultima und der 
Antipänultiina ist alt und entspricht in folgenden Fällen 
der indischen: 

a) Bei den Neutra auf -oq, -\xa, -ap, -u: xXeog 
'Ruhm', in. sravah] — T^V0(; 'Geschlecht, q\. jänah\ — 
qpö|Lia 'Gewächs', ai. hhüma 'Wesen, Erde'; — etjua 'Gewand', 
ai. väsma\ — ou^ap 'Euter', 2i\.ud]iar\ — f|Trap 'Leber\ 
ai. jährt; — |ueOu 'Met', ai. mädhu. S 

b) Bei den Substantiven auf -tör\ büuTUJp 'Geber', 
ai. data. 

c) Im Komparativ: f]öiov 'süßer', ai. svädljän, got. 
jühiza ^jünger'. 

d) Bei den ^«-Stämmen herrschte ursprünglich ein 
Wechsel der Betonung. Im Griechischen ist die Oxyto- 
nierung unterlegen. 

e) Bei den Infinitiven wie juavnvai. 

Über die Betonung der Komposita s. Satzakzent. 

270. 3. Alter Akzentwechsel. 

Im Indogermanischen wechselte der Akzent häufig 
innerhalb desselben Wortes, s. § 261. Auch dies hat 
sich im Griechischen erhalten. 

a) In den schwachen Kasus vieler konsonantischer 
Stämme geht der Akzent auf die Endung über: ttou^, 
G. TTobo^, ai. päd, padä.; Trarip 'Vater', D. Traipi, ai. j:?iYd, 
Dat. pitre. 

b) Bei den o-Stämmen wurde schon im Idg. eine 
Verschiedenheit der Bedeutung bei sonstiger Gleichheit 
der Form durch den Akzent ausgedrückt. Die Stamm- 



272 Laut- und Akzentlehre. [§270.271* 

silbe ist betont beim Verbalabstraktum, die Ultima beim 
Nomen agentis, vgl. Wheeler Der grieclu Nominalakzent 
S. 70, Hirt Akz. 200,. Beispiele: ai. himah 'Wunsch", 
kämiih begehrend ; — värah 'Wahl, varäh "der Freier"; 

— gr. TpOTToq 'Wendung', TpOTUoq Dreher' ; — TOjioq 
""Schnitt', TO)aö(; scharf, schneidend'; — Tpöxoq 'Lauf, 
Tpoxoq 'llad"; -- Odvaioq 'Tod" : dviiiög gestorben"; — 
Kd|aaTO(; Mühe" : K)UiiTÖg 'mit Mühe verfertigt' usw. 

Bei etwas verschiedener Form besteht das gleiche 
Verhältnis auch bei den rs-Stilmmen: ijjeOboq Lüge" : 
i|j6uö)'-i(; ; aOevoc; Kraft" : dax>evn<;; |Lievog Mut" : eujaevriq; 
und beiden /er-Stämmen: ctpoipov Pllug' : dpoirip 'Pflüger '; 

— qptpTpov 'Trage" : ai. hhartd Träger" ; — ai. dätram 
'Gabe' : boTi'ip Geber' usw. 

c) Zu ])arytonierten Verbalabstrakten auf -o gehören 
sehr häufig femininale auf -^7, die regelrecht oxytoniert 
sind : qpuXov : cpuXi'i Stamm"; — veupov : veupd Sehne"; 

— Tovoq : Yovn Geschlecht'; — t6)lio(; : TO,un Schnitt"; — 
tt6v>0(; : TTO\>n Wunsch"; — öppoq : oupd 'Hinterer; — 
pöoq : por) Fluß" ; — ujvoq : divn Kauf". 

d) Zwischen Adverbium und Adjektivum findet sich 
eine Betonungsverschiedenheit der Art, daß Adverbia 
oxytoniert, Adjektiva l^arytoniert sind, gr. t7TiZ!aqpeXüuq : 
^TTiZldcpeXoq heftig". 

e) Zu barytonierten Neutra auf -\xa gehören oxy- 
tonierte vStämme auf -uiüv und -|ui'iv: dvd\>i"||aa Zierde', 
eig. 'das Aufgestellte" : Oimubv Haufe"; — X^^M« •" X^iM'J^v 
'\\'inter"; — ai. sjumn Band": {i\x\\\i Haut". 

B. Die griech. Betonung ist verschoben. 

271. 1. Daktylische Oxytona werden Par- 
oxytona. 

Dieses Gesetz ist von \Vheeler gefunden und in 
.seinem «Griech. Nominalakzent» ausführlich begründet 
worden. Die gegen ihn gerichteten Ausführungen von 
Allinson AJPh. 12, 41) AT. verwirren und fcirdern nicht. 

a) Adjektiva (auch Substantiva) auf -pog und -Xo^ 



§271.] Der griechiHche Akzent. 278 

sind gewöhnlic h oxyton^ die mit daktylischeiu jAusgap g 

pjnd Parox.vt()»i; i : 

^puöpc'x; 'rot\ ai. rudhirdh, aber öy^u^oc; 'jjjekrümmt", 

iepcSf; 'lioili^', ai. isirah ai. anknn'th 

\\}ayxaK6c, 'niechi^'"" TroiK{Xo<; 'bunt"', ai. plsaläh 

^Vir\\6c^ 'frostig^ aiöXoq 'beweglich' 

q)o߀p6(; Turc'htbar' axpoYT'J^o? 'rnn(r 

JTUYepöq 'entsetzlich' KaiairijXoc; 'gekrümmt' 

^X^pö«; 'fest' KiüTiXo«; 'geschwätzig' 

iax'jpöc; 'stark' KpuußüXoq 'Haarscbopf 

vauTiXoc; 'Schiffer\ 

b) Die Betonung des Part, Perf. auf -iiievoc; kann aus 
-fuevoq hergeleitet werden in Formen wie rreTiXriY^evoq, 
KEKaöiiievoq, TrecpuY^evoq. Im Ind. ist das Partizip auf 
dem Elnde betont. Dieser Fall wird von Bloomfield 
Transact. Am. Phil. Ass. 28, 55 ff. bestritten. 

e) Eine gewisse Kategorie von Komp^iten ist ur- 
sprünglich oxytoniert. Solche mit daktylischem Ausgang 
ziehen dann den Akzent um eine Silbe zurück. 

öu-qpopßöc; "^Schweinehirt', aber ßou-KÖXoc; "^Einder weidend' 
öxeT-riYÖ(; 'einen Graben ziehend' ai-TiöXoc; 'Ziegenhirt' 
ßpoTO-XoiYÖq 'Menschen verderbend^ ßorj-döoc; 'zu Hilfe eilend' 
KttKO-epYÖc; 'schlecht handelnd' ßouXri-qpöpo(; 'Katbringend' usw. 

d) Bildun ge n auf -lo q: 

aiYumöq 'Geier' YOM9^o^ 'Backenzahn' 

iteXiöi; 'schwarzblau' luöpioi '10000' 

ßaXiö(; 'fleckig' dvxio^ 'gegenüber' 

öKoXiöq 'krumm' vuuqpioc; 'Bräutigam' 

TiXriaioq 'nahe'. 

e) Sonstige Beispiele, die wahrscheinlich hierher ge- 
hören, bei denen sich aber ursprüngliche Endbetonung 
nicht sicher erweisen läßt, si nd di e Adverbien auf -iKa^ 
auTiKtt 'sogleich', TiTiviKa 'wie an der ZeitF^ iilviKa 'zu 
dieser Zeit', die Adverbien auf -dKic;, ttoWchkk; oft', reipd- 
Kiq, 'viermal', Pronomina auf -Xiko^, f]\iKO<; so groß wie', 
miXiKoq, Ti-jXiKoq, einzelne Fälle wie ocTTeov 'Knochen', 
irapdevog 'Jungfrau', KapKivoq 'Krebs', Adverbien auf -|ua 
ipe,ua sanft, dipe.ua 'ohne Zittern', Gen. Dat. 69pijo<^ : 
öqppui Braue , Traipdai 'den Vätern' u. a. 

Hirt Griech. Laut- u. Formenlehre, 2. Aufl. IS 



274 Laut und Akzentlehre. [§271.272. 

f) Ausnahmen sind nicht selten. Von Wörtern, die 

ein hestimmtes Suffix zeigen, wie z. B. denen auf -\KÖq, 

kann man hier absehen, da es sich um Systemzwang 

^ handehi kann. Wichtiger sind isolierte \\'örter wie 6\i- 

\ cpaköq 'Nabel', }X'')e\6q Mark, oupavö^ llimmer, opqpavöc 

'beraubt, dbekcpeöc, 'Bruder', für die nocli keine Erklärung 

1 gegeben ist. 

*Z7*Z, 2. Steht der Akzent auf der vorletzten 
More, so wird er um eine More zurückgezogen. 

Aus v^^^ wird ^^^. Es is dabei gleichgültig, ob die 
Moren Verteilung ^^/^ (»der ^j^^ oder w/^/w war. Doch 
gilt das Gesetz, wie es schei nt^ für die beiden letzten 
Falle nur, wenn7Tä.< ganze Wort mindestens 4 Moren hatte. 

Anui. 1. Ich habe dieses (lesetz zuerst Idg. Akzent 36 an- 
gedeutet und dann IF. 16, 71 ausführlich begründet. Trotz de» 
Widerspruch.s K>n Solmsen BPiiWschr. 1903, 1044 bin ich von 
der Richtigkeit des Gesetzes fest überzeugt. Was neuerdings 
Ch. Bally in Melanges de Linguistic^ue S. 1 flf . vorbringt, zeigt 
nur. daß er das ganze Problem nicht verstanden hat. 

a) Zunächst zeigt sich das Gesetz in dem Übergang 
des regelrechten Akuts der vorletzten in den Zirkumflex 
bei Kürze der letzten. Wenn aus •••TiOfevq xiOeiq wird, sa 
muß aus ■■•'TiOevcra, TiOeiaa entstehen, es heißt aber iideicra. 
Ebenso müßte es ^crxuJTog aus ecTiaoTog lauten, da es 
^CTTUjq aus ecTTaujq heißt. Man vergleicht den Inf. boövar 
aus bo/evai mit ai. daväuc, der Akzent ist aber um eine 
More zurückgegangen, da bouvai eine Betonung "•'bo/evai 
voraussetzt. EI)en.so steht es mit all den Fällen, wo der 
Zirkumflex auf einem einfachen langen Vokal der vor- 
letzten ruht. In der Flexion öüupov 'Geschenk', Gen. 
öujpou ist nicht der Nom. in seiner Betonung ur- 
sprünglich, sondern der Genitiv. 

Anm. 2. Dieses (lesetz ist ausnahmslos. >»ur wenn ein 
einsilbiges Enklitikon hinter ein einsilbiges Oxytonon mit langer 
Silbe tritt, tritt die Umwandlung nicht ein. Es heißt also elxe 
'oder\ tmep 'wenn .'^onst', Kaincp 'obwohT, out€, nt'iTe 'und nicht\ 
ÜJOT€ 'so daß\ KaiToi 'fürwahr' usw., da man aber auch koAoO 
neu, KaXoö Tivoq schrieb, so liandelt es sich wohl nur um eine- 
iSchreibgewülinheit. 



§272.] Der grieclnecho Akzent. 275 

])) In der B^lexion einer Anzahl einsilbiger Worte 
wird der Akzent im (ien. PL und Du. zurückgezogen 
Von Trdq jeder, alf lieilit der (Jen. Dat. Sg. Ttaviöq, iravTi 
der Gen. PI. aber ttuvtiuv für ttuvtujv aus ■^•TravTÖov. Das 
selbe gilt ferner noch von hdc, 'Fncker, Gen. Sg. baböq 
Gen. PI. baöuuv, b}Jni)(; 'Sklave, Ouuq 'SchakaT, Kpdq Haupt 
Gen. KpöTÖg, Gen. PI. Kpdiujv, Dat. PI. Kpaai; ou^ Ohr' 
Gen. lUToq, PI. oitujv, D. übcTi, rraT^ 'Knabe, ar\(; 'Motte' 
Tpuj(g, qpüjg 'Licht, cpuj<; 'Blase auf der Haut'. Während 
in diesen Fällen der Akzent nur im Gen. PI. zurück 
gezogen ist, geschieht dies bei 7Ta<g aus im Dat. PL TrdcTi 
Hierin wird man einfach eine Analogiebildung sehen 
dürfen. In allen diesen Fällen ist die erste Silbe lang 
Vermutlich liegt darin der Grund der Verschiebung gegen 
über TTOÖüüv, ßoüjv, iraTpOuv. Hierher gehören auch die 
Adverbien wie wie TrdvTUJc; 'durchaus' und die Fälle yövu 
'Knie', G. Sg. fovvöc;, G. PL yoüvoiv, ööpu 'Speer', G. Sg. 
boupog, G. PL öoupuuv. In andern Fällen hat die Analogie 
des Gen. PI. nicht nur über den Dat. PL, sondern auch 
über den Singular gesiegt, so bei den Partizipien Gen. 
PI. övTtuv, danach auch övt0(;. 

Anm. 3. Wenn Bally sagt, man müsse nicht den Akzent 
von iraibuuv, sondern den von iraiai erklären, so geht er von der gänz- 
lich unbewiesenen Voraussetzung aus, daß zweisilbige Wörter 
keinen Akzentwechsel gehabt hätten. Er vergißt also Traxrip, 
iraTpöq^ böpu, Gen. boupöc. 

c) Dasselbe Gesetz muß sich auch in der o- und ä- 
Deklination zeigen. Denn bei den ihnen angehörigen 
Wörtern müßte in den Endungen mit zirkumflektierter 
Endsilbe, also z. B. im Dat. Sg. und Gen. PI. der Akzent 
zurückgezogen werden. Aus Dat. juuupuj 'dem Toren , 
G. PL juaipüuv mußte luOupuj, |uujpuuv werden. Wir müßten 
deshalb im Griech. ein Paradigma mit wechselndem Akzent 
erhalten. Ein solches liegt nun freilich nirgends mehr 
vor, wohl aber finden wir bei den Wörtern dieser Art ein 
häufiges Sch wanken in der Betonung , z. B. att. |Uuupo^, 
sonst |uujp6g 'Tor'. 

IS* 



276 Laut- und Akzentlehrc. [§272. 

Anm. 4. Eine Anzahl derartiger FiUlehatschon Wheeler 115 
gesammelt, Sie lassen sich aber leicht vermehren. Vgl. att. 
axpoDöoc;, Keine örpouOoq 'Sperling', xpiöq Kpioq 'Widder', 
ßauvö<;, att. ßaüvoq 'Ofen\ inv6(; und iirvoc; 'üfen\ qpa-fö^, 
q)d-fO(; 'F'resser', Kavdöq und Kdvöoq 'Augenwinkel-, YQüXoq 'Kauf- 
falirteischifT und fav\ö(; 'Gefäß' sinci wohl eine, oTöot; und oiaö«; 
'weidenartiger Strauch' ; KoXößj-j, att, KoXoßi'i 'Unterkleid'. TiXaTd-pi, 
TiXaTüYn 'Klapper', Tr)ör|, Tr]\)r] 'Amme', b€ö|Liri 'Bündel', auch 
b^a)Lir|, att. b€pr|. ion. beipr), att. euuq 'Morgenröte' : ion. nüjq nach 
«lern Genitiv *nüo<; usw. 

Vielfach stimmt der griech. Akzent nicht zu dem des Sans- 
krit. Man wird zur Erklärung unser Gesetz zu Hilfe nehmen 
müssen: (hvoc, 'Kaufpreis' : ai. rasnäh; — kükXgc; 'Kreis' : ai. ö/- 
k-rdni; — bio<; 'gottlicir : ai, ^//r/d/r, — KÖYXOt; 'Muscher : ai. .saw- 
l'hdh; — übpo(; 'Wasserschlange' : ai. ndräh ' Wassertier'; — ö^ko^ 
'Widerhaken' : ai. ankäh ; — Kuußoq '.Schüssel, Becken' : ai. kumhhüh 
""Gefäß, Topf; — YCiöpoc; 'stolz', a\. yarrüh 'llochmuf; — ötöXo^ 
'Säule' : ai. sthürdh, sthüldh 'groß'; — t^kvov 'Kind', ahd. ilegan 
'Krieger' : — TTrix^^i 'Unterarm' : ai. hähuh (der Gen. *Trr|X^o<; wurde 
zu TTi^x^oO; — OfiXuc; 'weiblich', ai. (ßuli-uJi. 

Natürlich ist nicht für jedes Beispiel die Erklärung absolut 
sicher, da auch das Indische gelegentlich den Akzent verschoben 
haben kann. 

d) Wir linden schließlich denselben Verschiebungs- 
vorgang, wenn sich die drei Moren auf drei Silben ver- 
teilen. Auch hier wird ^/^/w zu ^/^/w. 

Wir können das Gesetz teils aus dem Griech. selbst, 
teils mit Hilfe der verwandten Sprachen erkennen. 

1. Eine Reihe von Imperativen Aoristi sind im 
Sing, endbetont: tXOt komm', eiTT^ 'pag\ eupe 'finde. 
Es heißt aber nach ausdrücklicher Angabe der (xramma- 
tiker im Plural eXOeie, eiTreTe, eüpeie. Ebenso heißt es 
Imp. Aor. Med. TrapaßaXoO, y^voö, aber Yevecrde. Es 
kommen aber auch in der 2. Sg, Formen mit zurück- 
gezogenem Akzent vor, eXeu bei Hesiod, Tiiiöeo bei Herodot, 
d^ßdXeu bei Theokrit, ipdirou bei Aristophanes, dqpiKOu, 
^veYKOu, wie wir sie in einigen Fällen erwarten müssen. 

-. Fem. Ableitungen auf -/«, -la ziehen bekanntlich 
den Akzent soweit als möglich zurück. Das ist gegen 
alle Analogie der verwandten Sprachen. Aus gr. öoieipa, 
ai. (hiiri Geberin' müssen wir (dn Paradigma '■•'djtörjd^ 



I 



{^27'J.| Der «riüchißohc Akzent. 277 

<l.)t>"^i<'(s orscblioßrn, diis nach vt'rschiodencn Richtungen 
ausgogliclien ist. Wir linden ja auch, wo die Worte im 
Systcnizwang stellen, dieselbe Utitonung bei der Ableitung 
wie beim Grundwort. 

a) Die Adjektiva auf -uq bildeten das Fem. auf -eia 
mit unbeweglichem Akzent nbuq, ]]btia. Dieses stimmt 
auch ganz genau mit der Wurzelstufe e überein. Das 
aind. Fem. svädvt weist darauf hin, daß wir in dieser Klasse 
Akzentwechsel hatten, N. "^sivadnrjä, G. "^'su'ädivjds. Die all- 
gemeine Regel ist aber in ein paar Fällen zu (Junsten 
unsres (Gesetzes durchbrochen. So hieß zu Xijvq 'hell- 
tönend' das Fem. Xiyeia nach Arkad. und eXdxeia zu 
e\axu<j 'klein, kurz'. 

ß) Ebenso heißt es im Part. Perf. eiöuj^ 'wissend, 
Fem. iöuTa. Auch hier ergibt sich aus dem Ablaut, vgl. 
z. B. ye^oveia neben YeYOVuTa und ai. vidust, daß wir Ak- 
zentwechsel zwischen der vorletzten und der letzten an- 
zunehmen haben. Wiederum finden wir in isolierten 
Worten, die sich dem Systemzwang entzogen, zurück- 
gezogenen Akzent. So im Eigennamen "Ibuia und in 
d'Yuia 'Straße' zu d'Yuu 'führe', aiO-uia 'Taucher, ein Wasser- 
vogel', wohl zu aiO-oj 'anzünden', eig. 'der glänzende', 
dpTTuiai, eig. 'die Raubenden', veKuia 'Totenopfer \ öpYuia 
'Klafter' : opeYuu 'recke', EiXei^uia. Bei otYuia und opYuia 
hat sich sogar der regelrechte Akzentwechsel erhalten. Gen. 
dYuidc;, 6pYuid<;. Ein Wechsel des Akzentes zwischen 
drittletzter und letzter Silbe ist aber im Idg. unerhört. 

y) Die übrigen Ableitungen von oxytonierten Stämmen 
stehen nicht mehr in so lebendigem Zusammenhang mit 
dem Grundwort und zeigen daher regelrecht zurück- 
gezogenen Akzent. So zu -es-Stämmen dcrcpdXeia 'Sicher- 
heit' : dcrcpaXiig, dXi'iO-eia 'Wahrheit' : dXr|9-ii(;, zu -eu- 
Stämmen ßacriXeia 'Königin' : ßaaiXeu(;, zu -ep-Stämmen^ 
boieipa 'Geberin' : boirip. 

3. Auf Grund der Vergleichung mit dem Indischen 
können wir die Akzentverschiebung noch in folgenden 
Fällen annehmen: 



278 Laut- und Akzentlehre. [§272. 

a) Bildungen mit einem Suffix -ija- sind im In- 
dischen liäufig auf dem i betont, im Griech. aber ziehen 
sie den Akzent zurück. Folgende Fälle entsprechen sich 
genau: gr. X'^ioi 1000\ ai. sahasrijah; a"fPio<S wild', ai. 
ajrija/j; vri\o<; zum Schiff gehörig, ai. nüvijah; Yvncrio<; 
vollbürtig \ ai. jäfijn/i, aupiov morgen, ai. usrfjah. 

ß) Nomina auf -froin von zweisilbigen Basen sind im 
Indischen auf der vorletzten betont: khanifram 'Schaufel\ 
vari-tram 'Fuß\ bhan'-fmni Arm , gr. aber auf der dritt- 
letzten: d'pOTpov 'Pfiug\ lepeipov 'Bt)hrer\ qptpeipov 
'Handhabe. 

Y) Das Element -jieoq in dvöpöiueoq menschlich' ist 
im Indischen auf der vorletzten betont, ajas-maja- ehern'. 

h) Eine merkwürdige Kategorie bilden Komposita 
mit h^tztem einsilbigen (llied. Im Indischen liegt der 
Ton regelmäßig auf dem Ende. Im Griech. ist das auch 
der Fall, wenn das zweite Glied lang ist. Daher heißt 
es dßXriq 'unal)geschossen\ dbia^q ungebändigt', dYVUJ(; 
ungekannt', dßpuj<; unverzehrt\ dK^iiq unermüdet, Tiapa- 
ß\uji|i schielend' usw. Ist das zweite (Jlied aber kurz, 
so wird der Akzent regelrecht zurückgezogen. So heißt 
es (TuIuH verbunden' = ai. N. PI. sa-jüf/aJj, 1. cotiiKffcs; 
eben.so hilvt, KaTÜußXeij; 'niederschauend', ßouKXevjJ 'Rinder- 
dieb', x^P'^^U^ 'Hand wasch wasser' u. v. a. Die Regel ist 
ausnahmslos, vgl. Chandler 20.'), und sie ist auch ganz 
klar. Aus urspr. ■'•'döiiiiTa konnte nur dömiTa werden, 
aus ■"''(Tu^uY€<; aber (TuIutc?; <lie Akzentbewegung ist in 
beiden Fällen genau dieselbe. 

Anm. 5. Das jüngere Attische geht in der Akzentzurück- 
ziehung noch einen Schritt weiter. Es läßt auch Properisporaena 
zu Proparoxytona werden, wenn die drittletzte kurz ist, vgl. 
Hirt IF. 16,89 und \'en<l ry es Meni. 13, 218 11'., der die genauere 
Fassung gefunden hat. So heißt es im jungen Attisch ÖTPOi^oq 
'lilndiicir; öxpeioc; 'nutzlo8\ y^^o'o«; 'lilcherlieir, ^ptiuoc; 'leer\ 
^TOifioc; 'bereit', Tpüiraiov 'Siegosdenkmar. Ferner sind po (yyuye 
'ich' statt *^YiuY€ zu ifü) und fuoiYe 'mir' zu erklären. 

Anm. 6. In all den angefi\hrten Filllen der Akzent/.urück- 
ziehung han<lelt es sich nur um Verschiehung des Akzentes um 
eine More. Ks beruht also alles auf demselben Prinzip, das bei 



§272.273.] Der «riecliisclio Ak/ent. 279 

ainvr Spruche mit muHikalisclier Hotonuii^ nußorordentlich leicht 
verHtiliuUich ist. Die Stei^unp der Stiinmo hejjinnt utwae eher. 
Kinon ganz anul(>j;on Vorpuifj hahen wir im Serbischen, wo jeder 
Akzent um eine More zurückge/open wird. 

Anm. 7. OaR oben behamlelte lieaetz ifit sicher nicht all- 
gemeinjj;riechi8ch. Das Dorische kennt es nicht. Zwar ist die 
Überlieferung über die dorische JJetonung sehr lückenhaft, wo 
sie aber vorliegt, stimmt sie zu dem Vorausgesetzten. 

1. So hieß es im Dorischen rraibeq, -naiba, aiYec, •f^'^ctiKGC, 
TTTUÜKac; ^vöoiöa. 

2. G. PI. TTaibujv, TTavTÜJv usw., und auch TravTuut;. 

3. dfY^XQi, TUTiTO,u£voi, qpiXoaöqpoi, ikvoav, ^öxctoav, ^Xcißov, 
bpaiueixai. Siehe darüber weiter unten. 

Wenn Thumb Handb. 78 sagt, im Dorischen sei der Akzent 
um eine More nach dem Ende hin verschoben, so ist das der 
tatsächliche Befund. Historisch ist es aber gerade umgekehrt. 

Anm. 8. Noch einen Schritt weiter als das Attische geht 
das Aolische. Es zieht den Akzent auch in den noch übrig 
bleibenden Fällen soweit zurück, als es nach dem Dreisilbengesetz 
möglich ist, daher "Axpeu^ statt 'ÄTpeOq. 

373. 3. Der progressive Akzent. 

Stand der idg. Akzent nicht auf einer der drei letzten 
Silben und bei langer letzter nicht auf der vorletzten, so 
wird der Akzent nach den Regeln des «Dreisilbengesetzes» 
verschoben. 

Es heißt also ai. svddJjän, gr. aber fib/ujv; erhalten 
ist die alte Betonung in dem Ntr. iibiov; ai. IdgJiJjän : 
eXdcrcruuv 'geringer', aber eXacrcTov; — ai. dvddasa, gr. 
ÖOubeKa '12', aber rpicTKaiöeKa gegenüber ai. päiJcada^a; — 
ai. F Vivt. jdnamä7mh, gr. Y^vöiuevoq. 

Diese Erscheinung beruht auf einem Nebenton, den 
vdv häufig in Sprachen mit musikalischer Betonung 
treffen. Er kann älter sein als die griechische Sonder- 
entwicklung und mit der ähnlichen Erscheinung im 
Lateinischen zusammengehören. 

Wir sehen diesen Nebenton in lebendiger Wirksam- 
keit in den Gesetzen der Enklise, und von diesen aus 
kommen wir auch zu einem Verständnis der Erscheinung. 
Enklitika bilden mit dem Wort, an das sie sich anlehnen, 
einen Sprechtakt, und es gelten für diesen dieselben 



280 Laut- und Akzentlehre. (§273. 

Regeln wie für das einfaclie Wort. Solange durch das 
Antreten des Enklitikons das Dreisilbengesetz nicht ge- 
stört wird, bleibt der alte Akzent erhalten, so in cxYcxOoq 
Tiq, TTttinp Mou. 7TOTa)Lioi Tiv6q, auToq qpiiCTiv, cpöjq TE, 
dTax>oO irep, TTo\XdKi<; y^, ßadiXeoiv 'fe. Dagegen heißt es 
(Tuj)ud 7T0U, crÜL))Lid re, ä^^eXöq iiq, d. h. in der Morent'olge 
Owww entwickelt sich ein Sekundilrakzent auf der vor- 
letzten Silbe, der zum Hauptakzent wird. Ist das En- 
klitikon zweisilbig, so steht der Sekundärakzent auf der 
drittletzten Silbe, vgl. (Tüj,ud xivoq, TipOuTO^ cpHö"!, «TTtXoi 
Tiveg. In Fällen wie vauv Tiva, crOq eariv finden wir gar 
keinen Sekundärakzent, und in qpiXou eicTiv, 'Aipeibii«; 
TTodi steht gar der Gravis auf der letzten Silbe. Da dieser 
aber nur das Zeichen der Enklise ist, so sind die beiden 
letzten Fälle gleich. 

Vergleichen wir diese Erscheinungen mit denen ganzer 
Worte, so ergeben sich Übereinstimmungen und Ab- 
weichungen. Wenn ••'qpepoiLAevoio zu qpepoiaevoio geworden 
ist, so entspricht das dem d'YT^Xoi xiveq und ebenso in 
vielen anderen Fällen. Wenn aber *uTT0Ticri<;, ai. äpacifi/i 
zu uTTÖTiCTi^ wird, so hat das nirgends eine Ents])rechung. 
Nun kann sich aber im Griechischen der Sekunilärakzent 
nicht auf einer More entwickeln, die dem Hauptakzent 
unmittell)ar folgt; ein Xo^oc, T\q bleibt, wchl al)er wird 
(Jüi))Lia xe zu (Tüu)nu re, weil crüü)Lia = .t^w ist. Legen wir 
dieses Gesetz zugrunde, so hat aus ■■•diTOTicriq zunächst 
•'•a7T0Ticri<; werden müssen. Nachdem der erste Akzent 
geschwunden war, wurde ••aTTOTiCTig nach dem § 272 be- 
handelten (Jesetz zu dTTÖTiCTK;. 

Antn. ]. Daß auch FUlle wie diroxiaioc;, fpepo|a^voio zunächst 
auf TiTTOTiöioc. cp(!pou6vo(o zurückj,'elien, wie ich frülier an^'cn» »Mi- 
nien hahe, ist mir jetzt zweifelhaft. Zwar liej;en im Dorischen 
tateilchlich solche Formen vor wie diroTiaK, z. H. tutttou^voi, 
XuTTOuu^voi und Ikvöav, ^cpiXdOev, ^axdaav, Adßov. ^cpctYov, aher 
(loch niemals *^q)aYÖ|i€(;. .außerdem luihen wir auch einen Se- 
kundilrakzent auf der letzten. ZweiHÜbipe Knklitika, so heißt die 
Rejfel. verlieren nach einem Paroxytonon ihren Akzent nicht, es 
heißt XüYOi Tiv^«; 'einige Reden', Xöyujv tivuüv 'einiger Keden\ Nun 
ist aber dieser Akzent auf der letzten nicht der ursprüngliche 



§273.274.] Der ^Miochi.scliu Akzent. 281 

Akzent, da es ei<rentli('li xivec;, ^axi 'ist' usw. heißt, Hondern der 
Sekundilriikzent. Mit dieHen Fallen steht der Akzent von ^KTTobuüv 
auH dem We<;' aus ^k TTobüJv jj;anz auf einer Linie (Hirt Akzent 43); 
el>en80 der der Adverl)ien wie dOeei 'oline (iott\ iravbriiuiei 'in 
Masse' luis äOeei usw. (Streitber^' Ib\ 6, 339). Demnaeh kann 
(^s auch von iilleni Anfang an einen Sekundärakzent auf der 
drittletzten gegeben haben. 

Anni. 2. Hat das Griechische einen Sekundürakzent auf 
der vorletzten oder drittletzten Silbe entwickelt, so wird die 
Ähnlichkeit mit dem J^at. sehr stark. 

III. Der griechische Satzakzent. 

274. A\^ährend das endbetonte Wort in der Pause 
den Akut erhält, steht im Sprechtaktinnern der Gravis, 
durch den demnach eine besondere Form der Betonung 
der Worte im Satzzusammenhang ausgedrückt wird. 
Über die Natur des Gravis ist viel gestritten. Jetzt ist 
die Frage erledigt durch Wackernagel «Zur Lehre vom 
griech. Akzent» Iff. Der Gravis bezeichnet im Gegensatz 
zum Akut den Tief ton, und er steht anfänglich auf allen 
unbetonten und darum tieftonigen Silben. Es wird zu- 
weilen geschrieben ■^e6crö6T6<;. Als Zeichen des Tieftons 
gilt der Gravis auch in den proklitischen Präpositionen 
(XTrö, Tiepi, bei denen die vollbetonten Formen cctto, rrepi 
lauten^ und eine andere Bedeutung kann der Gravis am 
Ende des Wortes an Stelle des Akutes auch nicht gehabt 
haben. Nur ist zu bedenken, daß die Griechen im 
wesentlichen nur den musikalischen Akzent beachten, 
aber auf das mit ihm verbundene exspiratorische Moment 
wenig Gewicht legen. Dieses blieb wahrscheinlich be- 
stehen und kam in späterer Zeit zu stärkerer Geltung. 
Es wird also, — das bedeutet der Gravis — die hoch- 
liegende (akuierte) letzte Silbe vor einem folgenden Wort 
tieftonig, über die Verstärkung ist aber damit nichts 
ausgesagt. 

Anm. Die griech. Gravisbetonung ist nicht so auffallend, 
als sie auf den ersten Blick zu sein scheint. Auch wir haben in 
unserer Sprache Ähnliches, indem wir vor einem Komma die 
Stimme heben, am Schluß des Satzes aber sinken lassen. Wir 
sprechen also umgekehrt wie im Griech. vor dem Komma den 



C82 J.aut und Akzentlehre. [§274.275. 

Akut, vor dem Punkt den Gravis. Aber wir heben die Stimme 
nicht nur vor dem Komma, sondern vor jedem folgenden Wort. 
Wer genau hört, wird den Unterschied zwischen tDie Liebe 
Gottes» und «Das Größte ist die Liebe» erkennen. 

Die einzelnen Wortarten im Satzakzent. 
1. Das Yerbum. 

Ü275. Im Indischen ist das Verbum im Hauptsatz 
enklitis(!h, im Nebensatz vollbetont. Diese Regelung hielt 
Wackernagel KZ. 23, 457 fl*. für idg., was indessen nacli 
den Ausführungen von Zimmer Festgruß an Roth (Stutt- 
gart 1893) S. 173 ff. und E. Hermann KZ. 33, 520 iL 
nicht ganz aufrecht zu lialten ist. Über die Einzelheiten 
verweise ich auf meinen Idg. Akzent S. 304 ff. 

Für das Verständnis des Griechischen genügt es zu 
wissen, daß es im Idg. orthotonierte und enklitische Verbal- 
formen gab. Sicher orthotoniert war das Verbum am 
Satzanfang. Aus dieser Regel erklärt sich die Betonung 
der Imperative: eiTie sag, eX\>e ^komm", eup^ 'finde' (irn 
Attischen und der späteren Gemeinsprache) und iöe 'sieh', 
Xaß(^ nimm' (bei den Attikern); ebenso Imper. Aor. II 
Med. Xaßou. Sie entspricht der idg. Betonung. In der 
\^erbindung mit Präpositionen heißt es dagegen regelmäßig 
üTTeiTie, u7T€X\>e, eseupe, ei'cribe, dTiöXaße, weil hier das 
^^_'^bum an die Präposition angelehnt war. 

Das griechische Verbum zieht im übrigen den Akzent 
soweit zurück, als es nach dem Dreisilbengesetz gestattet 
ist, mit Ausnahme der Partizipia und Infinitive. Den 
<hirchw(»g zurückgezogenen Akzent erklärt Wackernagel 
aus der ursprüngliehen Enklise des Verbums. Nach den 
Regeln der Enklitika muß ein Akzent auf den letzten 
drei Silben ruhen. Wie dv\>piuTTOi Tiveq zu dvv>piu7Toi xiveg 
wurde, so mußte aus dvOpujTToi XeTOUCTi notwendig dv^ptuTioi 
XeTOUCTi werden. Und diesen Sekundärakzent hat man 
später als selbständigen Akzent l)ei behalten, weil in den 
meisten griechischen Verl)alformen drei Silben vorhanden 
waren, und also eine Silbe immer den Sekundärakzent 
tragen mußte. Die Enklise hat sich für das Auge nur 



i;275. 276.J Por ^'rloduscho *Akznnt. 283 

in dem Ind. Präs. von €i|ui \ind (pii|ui erhaltc^n, weil dies 
die einzigen Verben sind, die durcli alle Personen hin- 
durch die Fähigkeit der Enklise besitzen. 

Wie die Imperative beweisen, war die idg. Ortho- 
tonose im Urgriechischen noch erhalten. In unzähligen 
Fällen können die griech. Verbal formen auch d(;n ortho- 
tonierten entsprechen, so im Präsens cp^piu, qpepoucTi usw. 
Durch den Zusammcnfall der beiden Kategorien war es 
nahegelegt, die eine zu verallgemeinern. 

Es kommt hinzu, daß im zusammengesetzten Verbum 
wie ^otTTO-qpepuu sich der Sekundärakzent entwickeln mußte. 
Bezzen berger BB. 30, 167 sieht darin das alleinige 
treibende Moment der Entwickelung. Man wird ihm 
darin Recht geben, daß dieser Faktor unterschätzt 
worden ist. 

Anm. 1. Gegen Bezzenberger wendet sich Meiliet IF. 
21, 339. AntAvort darauf KZ. 42, 62. Es handelt sieh bei der 
Streitfrage um die Erklärung der merkwürdigen Betonung wie 
«TTÖ-bo<;, irepi-öec;. Es scheint sich bei diesen aber um eine idg. 
Eigentümlichkeit zu handeln, nach der bei Antritt eines ein- 
silbigen Enklitikons der Ton auf die vorletzte zu stehen kam. 
Denn es heißt auch töooc, ^so groß', aber Tooöahe, Toioq 'so be- 
schaflfen', aber Toiööbe, evda Mort', aber ivddhe. 

Anm. 2. Erhalten ist der idg. Verbalakzent im Griechischen 
im Verbum infinitum (Partizipium und Infinitiv). Da sich aus 
ihnen die Betonung der finiten Formen folgern läßt, so sollen hier 
die hauptsächlichsten Kategorien aufgeführt werden: 

1. Betonung der ersten Silbe in den thematischen und athe- 
matischen Präsentien: cpepeiv, qpepuuv, €Tvai, ai. hhdrati "^er trägt'; 

2. Betonung der zweiten Silbe in den starken Aoristen des 
Idg.: Xnreiv, Xmibv, ai. ricdnt^ .uavfivai, [naveic;, ahd. dagen, -KTry^ax', 

3. Betonung des Stammes in den reduplizierten Bildungen : 
Tid6i(;, bibouq, Tiö^jaev, ^öTd|U€v, ?d. juhomi "^opfere'; 

4. Betonung der stammbildenden SuflBxe: baiuvdc;, 2d. mrndnii 
'zermalme', öpvüq; ai. rnotni. 

2. Der Vokativ. 

276. Der Vokativ kann entweder vollbetont sein, 
wenn man jemand direkt anruft, oder er ist, wie auch in 
unsrer Sprache, enklitisch. Letzteres ist die gewöhnliche 



284 J.aut und Akzentlelire. [§276.277 

Art. Im Indischen i.«t der Vokativ meist enklitisch, am 

Anfang des Satzes aber stets auf der ersten Silbe betont. 

Das hielt man früher fälschlich für idg. Es ist kein 

Grund zu sehen, weshalb der Tonsitz im Vokativ ein 

anderer sein sollte als im Nominativ. Tatsächlich wird 

im Griechischen denn auch der Vokativ meist wie der 

Nominativ betont. Die Formen mit rezessivem Akzent 

wie Zeu, 7TUT6() Vater', avep 'Mann, dbeXqpe 'Bruder\ 

Oü'fcxTef) Tochter, Tiovnpe schlecht', )u6xx)]"|pe elender, 

ATcilueuvov können auf den enklitischen Formen beruhen. 

Daß der Vok. im G riech, enklitisch war, beweist die 

Stellung, indem er meistens nicht am Anfang des Satzes 

steht, inul das Vortreten der Partikel iJu vor den Vokativ, 

vgl. Verf. IF. 9, 284 ff. 

Anm. Gewohnlich setzt man die angefülirten Formen den 
indischen mit Betonung' der erwten Silbe gleich. Ks feldt dann 
aber eine Entsprechunj; der <i:riech. orthotonierten Formen. Ich 
mnß <laher an dieser Anffassun«^ festhalten. 

3. Die Komposita. 

277. Die Komposita sind aus zwei Worten zu- 
sammengesetzt, die ursi)rünglich beide betont waren. In 
der Komposition wird der Akzent des Wortes siegen, 
das im Satzzusammenhang den höhern Ton hatte. Die 
Kompositionsbetonung folgt also dem Satzton. Aus der 
Vergleichung der idg. Sprachen und aus dem Griechischen 
ergeben sich folgende Regeln. 

a) Das Adverbium ist stärker betont als das Subs tantiv. 
Daher trägt ursprünglich das Präfix stets den Ton: TTpö- ■ 
öojuoq 'Vorliaus , aväßacTig Ilinaufmarscir, TipoboTog ver- J 
raten. Auch die Negativj)artikel ;/ (gr. a, av) hat den | 
Ton, wenn in Komposition mit ihr der Charakter des 
Endgliedes unverändert ist: "Aipoq, ubuupoq '(»hne (ie- 
8chenke\ avooq sinnlos", aXuToq unauflöslich", dqpOiiog 
'u n vergänglich" - 

1)^ Von zwei ki »ordinierten Worten trägt der Kegel 
nach das erste den Ton , daher bubbeKa '12", evöeKa iT, 
ai. dvdda^a^ TTdjiTTav ganz und gar . 



^277.278.] Dor priochisclio AU/ont. 285 

c) In der Vorbimlung Adjcktlvuni u nd Subst antivum 
trä gt das AdjiJcTT vum d(Mi,Uüliürix^'QJi, dor dalier in der 
Komposition zum Ilauptton wird: biTTOU(; 'Z\veifui.i\ T()iTTOuq 

nn'il'uf.r, ^l(p()0(g 'Wagen, eig/Zweisit//, tKfXTOiußn, NtuTToXiq. 
Hierher gehören auch Komj)osita wie ßaOuKoXTTOc; tief- 
l>auschig\ eig. 'Tiefbausch, xpuö"o^POVO<; 'goldthronend'. 
Folgt das Adjektivuni dem Substantivum. so ist es höher 
betont. Daher \ix>oßöXo(; 'steinewerfend', iLHiTpoKTOVOq 
'muttertötend', ij;uxo7to|uttÖ(; 'seelengeleitend\ 

d) in der \VrI)indiing eines Kasus mit einem Sub- 
stantiv, trägt jener den höheren Ton, daher AiöcTKOUpoi, 
öiooboTOc; von (lott gegeben, 'E\Xn(JTT0VT0<;, biicpiXoc; Zeus- 
lieb, öoupiKTi"iTO<; 'mit dem Speer erworben', TracriqpiXog 
fallen lieb'. 

e) Von mc^lirern Präpositionen, die vor einem Verbum 
stehen, ist stets die letzte betont. Des Augment steht 
ctaBei mit den Präpositionen auf einer Linie. Im grie- 
chischen Verbum kann daher der Akzent nie über das 
Augment zurücktreten, vgl. iTpöcTeTxov, Trapecrxov, aujUTTpöe^, 
TTapeKÖoq. Diese Regel ist idg. Sie kehrt im Ind., Lit. 
und Irischen wieder, vgl. Hirt Akz. 175. Entsprechend 
heißt es uttck, dTüOTTpö, erriTTpö, dTreS. 

4. Die Präpositiouen. 

278. Die Präpositionen als selbständige Worte 
trugen ursprünglich den Ton, und das abhängige Wort 
lehnte sich enklitisch an sie an, vgl. Hirt Akz. 298 ff. 
Im Griechischen ist dies in der Verbindung der Prä- 
positionen mit Pronomina z. T. noch lebendig geblieben. 
Es heißt TTpöq )ue, uTiep |uou, djuqpi juoi; aber auch eS e|uoö 
usw. Daß auch in der Verbindung mit Substantiven die 
Präposition einst z. T. betont war, dürfte die Betonung 
erstarrter Verbindungen erweisen, wie ev-bov 'im Haus', 
uTrepjuopov 'übermäßig', TTapdirav 'durchaus', 1. deniio aus 
'■'de novo. Mit Ersatz des Hauptakzentes durch den en- 
klitischen Ton eKTTOÖibv 'aus den Füßen', eicr-ÖTTiv 'nach- 
her, in der Folge'. 



286 Laut- un.l Akzentlehre. [§279. 

5. Die Pronoiniiia, 

JJ7!>. Sclion in idg. Zeit wurden die Pronomina 
mit Vorliebe enklitisch, und es ha))en sich daher Doppel- 
formen entwickelt. Aus idg. Zeit waren als Enklitika 
ererbt : poi, )Lie, TOi, das zur Partikel wurde, das indefinite 
Tiq. Auf griechischem Boden können die meisten Personal- 
pronomina enklitisch werden, und dies führt z. T. zu be- 
sonderen Formen. So steht enkl. hom. i\}xi\ neben orthot. 
f])Liiv, hom. t'iiuujv ne))en fnaüuv usw. Dies muß aber auf 
einer gr. Neubildung beruhen. 

Anm. Der Akzent von juoi, |i€, ooi, ai ist der Ersatz der 
Enklise, und nach jaoi hat sich ^|aoi gerichtet. 



^ 2S0.J 287 



Zweiter Hauptteil. 
Formenlehre. 



Erster Abschnitt: Nomen und Pronomen. 



Zweiundzwanzigstes Kapitel. 
Vorbemerkungen zur Stammbildung. 



A. Ähnlichkeit der nominalen und verbalen 
Stammbildung. 

280. Die neuern Forschungen über den Ablaut 
haben erkennen lassen, daß zwischen Nomen und Verbum 
im Idg. ursprünglich kein prinzipieller Unterschied be- 
stand. Beiden Formationen liegt das zugrunde, was wir 
Basis genannt haben. Diese Basen sind durchaus selb- 
ständig gewesen, und kommen in dieser selbständigen 
Gestalt noch vielfach vor, namentlich in der Komposition 
und in Imperativformen. Daran treten entweder direkt 
die Kasus- und Personalendungen oder noch Suffixe, 
Ob ein Stamm als Nomen oder Verbum verwendet wird, 
hängt nur von seiner Bedeutung ab. Der Begriflf «Fuß», 
idg. pede ist nominal, der BegrijBf «gehen», idg. eje ist 
verbal. Außer der vollen Gleichheit der den Nomina wie 
den Verben zugrunde liegenden Stämme treten ferner 
noch beim Nomen wie beim Verbum scheinbar die gleichen 
«Suffixe» auf. So finden wir das «Suffix» -o beim 
Nomen in -qpop-o-g 'tragend' und beim Verbum in 



288 Forraenlelirc. [§280.281. 

(pep-o-|aev wir träger, das Suffix -ü beim Nomen in 
)aecrö-b)Li-Ti t". Zwischenbau und beim Vrrbum in öe-b)Li-]"i-Tai 
'es ist erbaut worden. In weiterer Ausdehnung bildet 
-rt Verbalabstrakta, cpop-u f. 'das Tragen' und den Kon- 
junktiv 1. fcr-ä-s. In gleiclier Wei.^e treffen wir -je als 
Xominalsuffix, 1. spec-ic-s, und als Optativbildung, gr. el'nv 
'ich sei' aus '•'es-jc-m. Die Suffixe -/o-, -sAo-, -no\na, -n 
bilden Nomina wie Verba. 

Alles dieses weist aul' eine Einheitlichkeit, die kaum 
anders als durch die Annahme, das Verbum sei nominalen 
Urs})rungs, (M*kl;ii-t wordcMi kann. 

B. Wurzeldeterminative. 
JiSI. Zwischen di'm, was wir Basis nennen, und 
was man früher mit Wurzel bezeichnet hat, und der 
Endung oder dem Suffix erscheinen des öftern noch 
Konsonanten, denen eine besondere Bedeutung nicht zu- 
zukommen scheint. Eine reichhaltige Sammlung des 
betreffenden ^laterials bietet die Schrift von P. Persson, 
der indessen nichts zur Aufhellung dieser Erscheinung 
beiträgt. Er trennt diese Elemente ganz mechanisch ab, 
ohne zu erklären, wie einzelne Konsonanten jemals im 
Spracligefühl haben eine Rolle s{)ielen können, und nach- 
dem eine ganze Reilie von Wurzeldeterminativen losgelöst 
ist, bleibt schließlicli ein Element übrig, von dem wir 
sicher sagen kiinnen, daß es in solcher Form nie vorhanden 
gewesen sein kann, l'm die von Persson aufgedeckten Tat- 
sachen zu erklär(Mi, muß man erwägen, daß der Schwund 
von Lauten zu allen Zeiten ganz gewöhnlieh ist, und daß 
«ladureh der Schein eines angetretenen Elementes erweckt 
werden kann. So sieht Persson z. B. in gr. ßoO(; 'Rind', 
Zeug gefienübiM' Akk. ßüjv, Zv\v iVw Stämme idg. *</"'ü, V/r, 
die um diis ^\'urzeldeterminativ ii vermehrt sind. Wir 
wiesen aber jetzt, daß die ursjirünglichen Formen idg. 
*(f^Out)i, '^djeuw lauteten, und daß das u geschwunden ist. 
Vergleichen wir 1. vir und gr. tap n. Frühling' aus *//T.sr, 
so liegt scheinbar die Wurzel nc zugrunde, die in dem 



§281.] VorlxMncikunj^cui zur Stiimiiiliihiiing 289 

ciwcw V'.\\\ durch (Ins Wurzcldcicrniiiiativ -.v erweitert ist. 
Aber au(;li hier ist 1. vcr durch Schwund des s aus *n'esr 
entstanden. Kbenso niatj es stellen mit (>ö-|a6<; 'Mut\ 
\.fnmus 'Rauch' im Verhilltnis zu lit. durs-tl atmen, abg. 
(iusa 'Seele', mit *?rfs in ^(T\>r|(; 1'. Kleidung', 1. ves-iis zu 
lit. annü 'ziehe 'Ai\\ oder mit t-aßn-v 'erlosch' zu sonstigem 
*(Tßecr- in crßtvvujai lösche aus' usw. Das Verhältnis von 
auHdvuu zu 1. aagcre braucht nicht so gedacht zu werden, 
daß das s ein angetretenes Element war, gondern dies s 
kann in gewissen Formen geschwunden und dann ein 
N-loser Stamm abstrahiert sein. Dies ist ein Weg der Er- 
klärung, der weiter verfolgt werden muß. Wir können 
freilich bei der etymologischen Betrachtung des Begriffs 
der Wurzeldetermination noch nicht entbehren, weil tat- 
sächlich hinter den Basen konsonantische Elemente ver- 
schiedener Art auftreten, aber man darf durchaus nicht 
annehmen, daß es sich dabei um irgendwelche lebende 
Sprachelemente handele. 

Auf der andern Seite hat Bloomfield IF. 4, 66 ff., 
AJPh. 12, 1 ff., 16, 409 ff. darauf hingewiesen, daß sich 
bedeutungsverwandte Worte in ihren suffixalen Elementen 
beeinflussen. So haben die Verben, die «binden, falten» 
usw. bedeuten, vielfach ein ^Suffix, vgl. 1. ])lecfo, got. 
falpan 'falten', 1. pedo, 1. necto^ das sich vielleicht von 
einem einzigen Worte aus verbreitet hat. Gehört got. 
(ja-tvida 'verbinde' zu 1. viere, so kann man natürlich in 
dem got. d ein idg. Wurzeldeterminativ t sehen. In 
Wirklichkeit hat aber eher eine Übertragung von den 
übrigen Verben ähnlicher Bedeutung stattgefunden. Dies 
ist demnach eine zweite Quelle für die Entstehung von 
Wurzeldeterminativen. Weiter ist auch die Möglichkeit 
der Komposition nicht ausgeschlossen, da ja ein einzelner 
Konsonant die Schwundstufe zu einer Basis sein kann. 
So sieht man in Tr\fi-d-0(; n. 'Fülle', TTXr|-0-uj 'werde voll', 
irXrj-d-uc; 'Fülle' gegenüber TrijaTrXrnLii 'fülle' ein Wurzel- 
determinativ -dh. Doch kann dies sehr wohl die Schwund- 
.•stufe zu idg. '-^'dhe 'setzen, legen, machen' sein. 

Hirt Griech. Laut- u. Formenlehre. 2. Aufl. 19 



290 Formenlehre. [§281.282. 

Schließlich können scheinbare Wurzeldeterminative 
auch aus Suffixen entstehen. Vergleichen wir gr. OriX-i'i 
'MutterbrUBt, ^qX dluu lactare , dr|\uu Amnie, OfiX-u^ Sveib- 
licir, so scheinen an einen Stamm 0]]X- ganz regelrechte Suf- 
fixe angetreten zu sein. Vergleichen wir aber damit hom. 
Inf. dii-crO-cxi, On-craio 'sog', dq-viov Milch' (Hesych), 
YaXa-Or|-vög noch Milch saugend, Ti-drj-vn Amme\ so 
erkennen wir, daß der Stamm eigentlich b^- war, und 
daß wir in dem / eigentlich ein Wurzeldeterminativ haben, 
oder wir müßten ein Suffix -Xu-, -Xuu- ansetzen, Suf- 
fixe, die es nicht gibt, in Wirklichkeit wird in br]-\r\ 
eine regelrechte Bildung mit Suffix -/o, -lä vorliegen, man 
wird dies als \)r|X-ii aufgefaßt haben, und man hat nun 
weiter driX- als Basis behandelt. Solcher Fälle gibt es 
unzählige. 

Dieses Problem ist also noch niclit gelöst, ja kaum 

in Angriff genommen. 

Anm. Zuweilen haben sich Wurzeldeterminative auch ans 
Kasusendungen entwickelt. So wurde z. B. der alte Akk. Ztp 
durch AnfüizniiLj der Endung a der kons. Stämme zu Zr\va er- 
weitert uiui nun ein Gen. Zr^vöq, I). Ziivi «gebildet. Ebenso entHiand 
aus *t{v 'wen' (= \. quem) Tiva und danacli xivoc, rivi ; \<; 'die 
Kraft' entspricht 1. vis; daher müßte der Akk. *iv lauten. Dies 
wurde zu Tva und weiter bildete man G. (vöc, PI. Ivec,. Ehensa 
entstand beXqpic;, beXqpivo«; 'Delpliin"", irripiq 'der Ranzen' u. a. 

J!5HI2. Als Wurzeldeterminative treten alle Konso- 
nanten mehr oder minder Eäufig auf, und dies weist 
am meisten darauf hin, daf.s wir es mit Elementen zu 
tun hal)en, die in gewissen Fällen geschwunden sind. 
Zur weitern Erläuterung des Tatbestandes mögen hier 
wenigstens einige Fälle ausgeführt werden. 

So finden wir k in ^\>ri-K-a ich habe gesetzt', b^-K^ 
'Behältnis', l.fäci gegenüber xiOniai setze'; — gh in (S}ir]-x-^i 
neben (Tjuduu 'reibe ab\ cTieva-x-uJ seufze' neben (Tievu) 
'stöhne', vpi'l-X-uJ berühre' neben njduu, rapa-x-i'l Ver- 
wirrung' neben unserem frü-hrn, got. (Irö-h-jan, wo ein hh 
oder /; als Wurzeldeterminativ vorzuliegen scheint; — 
.V in Kepu-v-vu)ai 'mische' aus "^'Kepa-cr-vuiui, ahd. hrno-i'-jan 



4? 282 283. 1 N'orlK'inorkuii^'t'u zur .Staimnbiklun^'. 291 

'rühren' neben Kpii-inp 'Mischkrug'. Selir häufig scheint 
-dh- zu sein, wie in 7T\r|-v>-iu gegenüber Tri)aTTX)-|-|LU, aia-O-jaog 
Pfeiler' neben 'iaT)"|-)Ln usw. 

C. Die Suffixbildung. 

ÜJHt^. Neben der Flexion stehen als wichtiges 
wortbildendes Älittel der Sprache die Suffixe, d. h. Ele- 
mente, die in einer Reihe von Worten gleichmäßig wieder- 
kehren, und mit deren Auftreten eine besondere Be- 
deutung verbunden ist. Der Name «Suffix» ist im 
eigentlichen Sinne nicht zutreffend, indem es durchaus 
nicht sicher ist, daß solche Elemente wie etwa das -o- 
in X6y-o-^, vöju-o-g, ö6|u-o-(;, jemals selbständig bestanden 
haben und dem Stamm oder der «Wurzel» suffigiert, 
d. h. angefügt sind. Daher wendet Brugmann jetzt den 
Ausdruck Formans an. Indessen wird man an dem alten 
Ausdruck festhalten dürfen, indem man unter ihm nichts 
anderes als das oben Bemerkte versteht. 

Wir kennen bisher drei verschiedene Arten der Her- 
kunft von Suffixen. Sie entstehen nämlich: 

1. Aus Zusammensetzungen. Wenn gewisse 
selbständige Worte häufig mit ein und demselben Worte 
zusammengesetzt werden, so können sie mit diesen zu 
vollständigen untrennbaren Wörtern zusammenwachsen, 
und wenn dann der zweite Bestandteil als selbständiges 
Wort verloren geht oder eine andere Bedeutung erhält, 
so ist das Suffix fertig. Wir können dies verfolgen bei 
dem deutschen -heit (got. haidus 'Gestalt'), -lieh und vielen 
andern andrer Sprachen. 

2. Durch falsche Abstraktion, so z. B. d. -keit. 
Ein Wort -Jceit hat es nie gegeben, sondern dies ist ent- 
standen in Fällen, in denen -heit an einen gutturalen 
Stammauslaut antrat, wie saelic-Jieit. Von hier aus wurde 
es abstrahiert. Ebensowenig ist d. -nis jemals ein selb- 
ständiges Wort gCAvesen. Ohne die Kenntnis der Sprach- 
geschichte müßte man Hinder-nis und Derh-lieit ganz gleich 
beurteilen. 

19* 



292 Formenlehre. [§ 283. 284. 

3. Durch Flektieren von Kasusformen, Ad- 
verbien usw. oder durch Antraten von Suffixen an solche 
Gebilde, s. § 287. 

Alle diese drei Arten haben im Idg. und im Griech. 
zur Bildung der Suffixe mitgewirkt, wenn wir auch nicht 
sicher ermitteln können, wie jedes einzelne Suffix ent- 
standen ist. 

1. Entstehung der Suffixe aus Zusammensetzungen. 

ÜJS4. Da das Indogermanische keinen vergleich- 
baren altern Zustand hat, so können wir die Entstehung 
idg. Suffixe aus Zusammensetzungen nur in wenigen und 
zudem unsicheren Füllen nachweisen. Eher ist dies schon 
im (iriechi sehen der Fall. 

a) -uubiiq. Nach Wackernagel Dehnungsgesetz 44 ff. 
hängt -uuöiiq mit 6l(X) zusammen, indem es ausgegangen 
ist von Fällen wie euuuöiiq wohlriechend, Ouujöriq 'wohl- 
duftend, Kiiubbiiq wohlriechend. Aus wonach riechend , 
d. h. «durch seinen Ge^r^uch daran erinnernd» hätte 
sich die Bedeutung «durch seine ganze Beschaffenheit 
woran erinnernd» entwickelt, so in XucrcTuübnc; N 58 «den 
Eindruck von Raserei hervorrufend». Nach einer andern 
Richtung führt der Bedeutungsübergang zu «reich an 
etwas» in TTiTuubbiiq, eig. «von Fichten duftend», dvOemjubri<; 
'blumenreich . Die Erklärung scheint mir schlagend. 

b") -o\\} in aidoij; brennend, funkelnd, lafjXoip apfel- 
farl)ig\ oivoi|i 'weinfarbig' ist in ai\>o-TT-(T zu teilen und 
TT geh()rt zu idg. •••oä:"' 'Auge\ 

c) -cpoq tritt in verschiedenen idg. Sprachen als Tier- 
namen l)ildendes Suffix an. Ansprechend stellt es Prell- 
witz BB. 22, 76 ff. zu idg. '•'I)ha 'scheinen \ dann wäre eXaqpoq 
'Hirsch^ zu übersetzen das Aussehen eines Hirsches habend , 
ebenso K6paqpo<; ein Vogel' zu KOpuüvri u. a. 

d) -TäT-, lat. idt-, ai. -tat- sieht wie ein selbständiges 
Wort aus, und da man lat. tut niclit davon trennen kann, 
SO wird man -tat aus *ticät- herleiten und zu idg. *-ieiC(l 



):j 284. 285.] Vorbemerknnpcn zur Starambildung. 293 

'Kraft' st(*ll(Mi (liirfcMi, ai. sarvd-iat- 'Vollkommenheit', gr. 
ü\ö-T)ig, eig. 'Vollkraft'; — 1. Juventus '.lugondkraft'. 

e) Das griech. SuiTix -Jos ist nach W. Schulze 
Z. (Jesch. lat. Eigennamen 435 und J^rugmann IF. 17, 355 
in einer Reihe von Fällen eine Form des Vcrbums ei)Lii 
'gehe'; so iielöq 'Fußgänger' aus '^pcdjos 'zu Fuß gehend', 
analog 1. pvdcs, j>(v?///s aus ''■'ped-its; Koivoq, Hövoq gemein- 
sam' aus "^koin-Jos; ^aipo^ 'Drehbalken der Tür' aus •''Oap-jög: 
dupa 'Tür'. 

f) -öTToq in TTOÖ-aTToq 'aus welchem Lande'; dXXob- 
airöq 'anderswoher'; f]|ueö-aTr6(; Mer unsrige' gehört zu lat. 
prop-inquos, long-wquos, ai. samjäiov ^gesamt' und enthält nach 
Brugmann Totalität, Leipz. Dekanatsprogr. 21 ein selb- 
ständiges Wort 'sich wendend'. 

g) -oioq in TToTog, olog 'wie beschaffen', dWoioq 'an- 
ders beschaffen', ojuoioc; 'ähnlich', TtavioToc; allerlei' stellt 
W. Schulze a. a. 0. zu ai. evah 'Gang, Weg, Gebaren, 
Handlungsweise, Gewohnheit, Weise', noxoc, setzt er gleich 
got. Ivaiwa, ahd. luceo 'wie', entstanden aus "^'k^'o-omo 'welcher 
Weg, welche Art'. 

h) Das in einigen W^orten auftretende Suffix ion. 
-crcro«;, att. -tto(;, z. B. irepicrao^ 'übergroß', veocrcro^ 'junger, 
neugeborener Vogel', eiricrcrar eTTiYiTv6|uevai, ,ueTacrcrai 'die 
mittlem' erklärt Brugmann IF. 17, 351 ff", aus -kjos zum 
Verbum KeTjuai 'ich liege'. 

Zweifellos werden wir mit der Zeit noch mehr der- 
artige Fälle entdecken, wobei uns besonders eine genaue 
Betrachtung des Ablautes und des Akzentes leiten muß. 
Aber es ist das vorläufig ein unsicheres Gebiet, und so 
mögen die angeführten Fälle genügen, um die Sache zu 
erläutern. 

Anm. Ich vermute z. B., daß die Suffixe -iery -men, -es auf 
selbständige Worte zurückgehen. 

2. Suffixe durch falsche Abstraktion entstanden. 

285. Für einige wichtige idg. Suffixe können wir 
die Entstehung durch falsche Abstraktion in der Urzeit 
wahrscheinlich machen. So ist vielleicht entstanden: 



294 Formenlehre. [§ 285. 286. 

a) e'o l)eim Nomen und Verbunn. Der auslautende 
Vokal e'o Ix'i zweisilbigen leichten Basen konnte nur er- 
halten bleiben, wenn er betont war. Beim Verbum war 
dies nur im starken Aorist der Fall. Daher standen auf 
der einen Seite idg. Präs. */e/A-"'-wn' (lit. UeJim) lasse ), Aor. 
*e-Ieik^'s-)ii (€ÖeiHa), Perf. '^'Icloik^^'-a (\e\oiTTa), auf der an- 
deren der Aor. '^lik^ö-mes, gr. XiTTOjaev. Das Spracligefühl 
mußte letzteres in '■■Iik^''-6mcs zerlegen, und man konnte 
nunmehr auch ein 'Hvik^^'-omes (XeiTTO.uev) bilden. Beim 
Nomen führte ein Nebeneinander von *rt^' (ai. aj) und *a/7o.<f 
(gr. dTO<S Führer ), von *///// (in veöZiuH neu verbunden'^ 
und '■■'■jufiüin (gr. txi^ov Joch) ebenfalls zur Abtrennung 
von -0 als Suffix. 

b) -a ist der Auslaut zweisilbiger schwerer Basen. 
Das ä von be-ö)a)"i-Tai ist erbaut' und )Lie(j6-b)an Z wi sehen - 
bau' ist vollständig identisch. Vgl. ferner to|lhi Schnitt: 
ii-i\x\yKa liabe geschnitten. Gegenüber Bildungen wie 
beia-o) und b6)a-oq mußte -ü dann ebenfalls als Suffix 
empfunden werden. Da die zweisilbigen Basen auch auf 
■e und -0 auslauten, konnten auch -c und -o abstrahiert 
werden. Das ist nur im Verbum geschehen; das -e der 
Aoriste wie e)Lidv-r|v beruht darauf, ebenso das e des Kon- 
junktivs, s. d. 

2H6. Im (Jriech. ging dieser Vorgang weiter, und 
wir kiinnen ihn in vielen Fällen mit Sicherheit erschließen, 
ja die Erscheinung direkt verfolgen. 

a) -ecTTepoq. Das Komparativsuffix ist -repo-. Indem 
dieses an fs-Stümme trat, erhalten wir -eaiepoq, z. B. 
dXiii>tö'TepO(; von dXiidi'iq 'wahr. Auch bei -VT-Slämmen 
muß sich di^s ergeben, xctpitcriepo^ aus •••xapievTTepoq [\g\. 
§ 200 und 214, 2 zu X"P'^^<^ angenehm'). Da aber in 
den (tbliiiuen Kasus der -e.9-Stäranie das .•? schwand, so 
mußten man Finnen wie dXTiOouq, dXnv>ujv gegenüber 
-eaiepoq in dXi-iv>taTepo<; als Suffix empfinden und konnte 
es auf Fälle wie eubuifioiv glücklicir übertiagen ; wir er- 
lialten danach ganz regelrecht eubai|aov-fc(TT6pO(;. 

b) -iK0(; ist vielleicht schon im idg. entstanden. Das 



§286.] VorbeinerkiiDjien zur Stuiniiibildunj^'. 295 

älteste map; -hos prowosen sein, das an i-Stiimmc trat, 
laavTi-KO^ 'zum Wahnsagcr jjjehürig, 9U(Ti-k6^ 'zur Natur 
gehörig', und von da weiter an Ausdehnung gewann. 

c) -ivo^ (1. -Jiius, got. -eins, ai. -htalj) und -lTr|q sind 
von Bildungen auf -/ ausgegangen. Dieses i hatte den 
Sinn der Zugehörigkeit. So gehört gr. d^xicriivog nahe 
beieinander befindlich' zu dfxi^^Toq, eigentlich aber zu 
dem Fem. "''•aYXiö'Ti ; ai. satnuih 'wahrhaft' zum Fem. sati. 
Näheres § 310, 2. 

d) Ähnlich ist gr. -eiv6<; aus -esnos an es-Stäramen 
erwachsen. So qpaeivog 'leuchtend' : qpdo<^ 'Licht'; dX^eivocg 
'schmerzhaft' : dXyoc; 'Leid'; dxO-tivöq 'lästig, beschwerlich' : 
«X^o^ "^Last', opeivog 'zum Berg gehörend' : öpo<; Berg'; 
crK0Teiv6(S 'dunkel' : (Tk6to(; 'Finsternis'. Nachbildungen 
liegen vor in xeXaöeivöq 'lärmend, rauschend' : KeXaöoq m. 
^Lärm', epaT6iv6(; 'lieblich, angenehm' zu epaiö«; adj. ge- 
liebt, ersehnt'. 

e) -Ti'ipiov, das den Ort für etwas, ein Werkzeug oder 
Mittel ausdrückt, ist jedenfalls von Nomina auf -xrip aus- 
gegangen, wird aber dann als einheitliches Suffix emp- 
funden und weiter übertragen. Homer hat nur ^e\- 
KTiipiov 'Zaubermittel' : ^eXKirip 'Beschwichtiger'; später 
kommen auf : ßouXeuxripiov 'Rathaus', epTacTiripiov 'Werk- 
stätte', KpiTi'ipiov 'Entscheidungsgrund', uucTifipiov 'Geheim- 
nis', oiKiiTtpiov 'Wohnhaus' u. a., denen meist Substan- 
tiva auf -xiiq zugrunde liegen. 

f) Auf dem Gebiet der Diminutiva läßt sich das 
Entstehen von neuen Suffixen am besten verfolgen. Da 
finden wir zunächst -lov, dann -ibiov, -uöiov^ -abiov, 
-uöpiov, -aKiov, -icTKiov, -a\(\)iov, -eXXiov, -uXXiov, -öviov, 
-(ö)apiov, -upiov, -acTiov, -aqpiov, -riqpiov, -1910V, -uqpiov. 
Vgl. W^ Petersen Greek Diminutives in -lov, W^eimar 1910, 
S. 212 ff. Alle diese sind erst auf griechischem Boden 
entstanden. 

Man nennt derartige Elemente jetzt Konglutinate. 

Anm. Es gab im Idg. Stämme außer auf Konsonant auf 
-c, -0, -ä, -i, -11, wozu man noch l fügen muß. vgl. § 310. Auch 



296 Formenlehre. (§286—288. 

ein noch nicht ganz klares -ö und -ü kommt vor. Alle diese Laute 
können sich mit dem folgenden Suflix verbinden. Aus dem 
Suffix -to kann sich also entwickeln -Wo-, -olo-^ -älo-, -ilo', -ulo-^ 
-ilo-, -ölo-f -ülo-. 

3. Suffixe aus Kasusformen entstanden. 

287, Das Suffix -iv6(;, das Raum und Zeitl^estim- 
niungen ausdrückt, ist sicher an alten Lokativen oder 
lokativischen Adverbien erwachsen. So dapivö^ : dapi im 
Frühling^ 1. venms\ 7TepucTiv6<; vom vorigen Jahre' : Tiepuai 

im vorigen Jahre ; danach dann x^iM^pivöq. L hihcnius 
aus '^heimriiios 'winterlich, ecTTrepivöc;, abendlich ,vuKTepivö^, 
1. 7iocfunius ntächtlich", x^£crivö(; 'gestrig' : X^^? gestern . 
Anderseits entwickelt sich auch -io<; auf diese Weise, 
z. B. i'qpi-oq 'gewaltig' von iqpi 'mit Gewalt', ^vdXioq im 
Meer befindlieh' von tv ä\i, öeHioq 'rechts' von einem 
Adverb ■•öeti, vgl. beHirepöq, ai. da/ishia/j, dXXoq ein andrer , 
1. alius, Grdf. ali-os, vgl. '■•cili-quis^ alfer aus nli-ter, vgl. 
Sommer IF. 11, 1 ff. 

Auch hier lassen sich die Beispiele durch Heran- 
ziehung der verwandten Sprachen leicht vermehren. 

Abstufnnir der Sufflxo. 

288, Die idg. Suffixe waren, da sie verschieden 
betont werden konnten, naturgemäß der Abstufung unter- 
worfen. Aber es ist leicht verständlich, daß die ver- 
schied nen Formen derartiger Suffixe, sobald ihre lautliche 
Gestalt stark voneinander abwich, auch als verschiedene 
Suffixe gefühlt wurden und zuweilen verschiedene Be- 
deutung annahmen. 

In erster Linie erklärt sich aus der verschiedenen 
Betonung der Wechsel von Suffixen auf -o und solchen 
ohne -0 (Wechsel zwischen 2. und o. Deklination). Dieser 
Wechsel geht sehr weit, es ist aber noch nicht genügend 
festgestellt, welche Formen ursjirünglich sind. Reiches 
Material bei Brugmann IF. 9, 3(>7. 

So stehen nebeneinander: 



»$288.] Vorboim'rkun^on zur St:miinl)il<liinp. 297 

rt) Suflix -0 und — : TTtbov, i\\. padäm Tritt, Schritt 
uiul TTOug Fuß', f\\. ptid\ — 6)i6q 'gleich' aus *d)i6^, 'Grund- 
form *Sf.m6s und eiq 'eins' aus ''^Hcms\ — cpopög 'Träger 
und qptup 'Dieb'; 

b) -to- und ■/', TTp6ß\]"iToq vorgeworfen' und rrpoßXrig 
vorspringend' ; 

c) -mnio- und -mut-, 1. strämentum und (TTpiJU)üia; 

d) -i{e)rO' und -tcr aus -Uro-, d'poTpov 'Pflug' und 
dpoxrip ^Pfiüger' ; — laxpög und iaxrip 'Arzt' ; 

e) -no- und -n-, ai. malindh schwarz' und gr. )ueXag 
'^schwarz' aus jj-iXav-q; 

f) -wo- und -?/-, got. triu 'Baum' aus '^'drewo-m und 
böpu 'Speer'; — got. knhi 'Knie' aus •■'gneicom und yövu 
'Knie'; — iöq 'Pfeil' aus *icr/bq und ai. isii-h 'Pfeil'; 

g) -jo- und -/-, 1. socius und ai. säkhä 'Freund' aus 
"^sdkhäi, D. Dual, sdkhi-bhjäm ; 

h) -Äo- und -k-, ai. marjakä-h 'Männchen' und jaeTpaH 
'Mädchen'; — ai. löpasdh und dXuj7Tr|£ 'Fuchs'; 

i) a mußte mit a ablauten, vgl. iiTTTÖTri«; 'Reiter' : 

ITTTTÖTa. 

Unter gewissen Bedingungen konnte o dann im Idg. 
schwinden, vgl. § 140. So erklärt sich vielleicht eques, 
equit-is neben iTTTTÖia 'Reiter' ; — Traxpiq 'Vaterland' neben 
\. patria, Trdxpiog; — Mtpi-q 'Teil' neben juoTpa aus ■•'luopja 
usw., vgl. noch § 307 Anm. 2. 

Andere Suffixe zeigen Ablaut auch vor dem letzten 
Konsonanten. So stehen nebeneinander -men- in TTOi)uriv. 
Troi|ueva 'Hirt' und -mn- in 7Toi)Livr|, 'Herde', -ter- in bo-xr|p 
'Geber' und -tr- in 1. vic-fr-ix, -en, -Ön und -n in ku-ujv 
'Hund', Gen. Ku-v-og usw. 

Bei zweisilbigen Suffixen sind der Ablautsmöglich- 
keiten so viele, daß wir kaum imstande sind, sie alle 
nachzuweisen oder ihren ursprünglichen Zusammenhang zu 
erkennen. Ein Beispiel möge aber zeigen, wie verschiedene 
Gebilde entstehen können. Ein idg. Suffix lautete -menos, 
es bildet im Griech. und sonst die Partizipia des Medio- 
passivs, beruht aber in dieser Gestalt erst wieder auf 



298 Formenlehre. [§288.239. 

einer Neubildung. Regelrecht entstand -mcn in Troim'iv 
\\er Hütende, mit Ablaut -man Ttp^ijuv Ende, daneben 
stellt die Sehwundstufe ')nn in lep^a, 1. termcn. Lag der 
Ton auf der letzten, so mußte -ddio- oder -mrno- oder -f-niun- 
entstehen, gr. ße\e|nvov 'Geschoß, 1. fcrminus. Nach 
sj 199, 6 schwand aber in der Verbindung -m«- teils das 
m, teils das n, und so können auch die Suffixe -mo- und 
■uo- mit -mono- zusammenhängen. Tatsächlich berührt 
sich Snfhx -mo- in \>epü6^ 'warm\ tlui] Ehre' u. a. sehr 
mit dem Sufhx -moio-, vgl. depiuoi; und \)ep|LiaiVLU wärme 
aus *Oep)advja», qpXoTjiöc; Entzündung' und glbd. qpXeTHOVj'i. 
Die hier etwa vorhandenen Beziehungen nachzuweisen 
muß weiterer Forschung überlassen bleiben, wie über- 
haupt die idg. Stamml)ildungslehre noch in den An- 
fängen steht. 

Die altererhten Suflixe zeigen z. T. P2igentümlichk(uten. 
die auf die Gestaltung der Deklination von größtem Ein- 
fluß sind. P^s sind daher die Suffixe erst bei den einzelnen 
Deklinationsklassen behandelt. 

5JH1). In der vergleichenden Grammatik gebraucht 
man die Ausdrücke ])riinäre und sekundäre Suffixe, 
um zu bezeichnen, daß eine Bildung direkt von der Wurzel 
oder von einem fertigen Nomen ausgeht; öo-Tr|p 'Gelier' 
ist danach primäre Bildung, weil hier scheinbar die Wurzel 
•Vo- zugrunde liegt, iTTTTÖ-Tiiq Reiter ist sekundär, weil es 
von 'iTTTioq 'Roß' abgeleitet ist. Diese Einleitung ist insofern 
mangelhaft, als wir wohl meistens sagen können, wann 
ein Suffix sekundär war, wir a])or nicht mit Sicherheit 
die primären Suffixe bestimmen können. Außerdem ist 
die ganze Auffassung schief, von der diese Bezeichnung 
ausgeht. Denn Wurzeln hat es nie gegeben, sondern 
immer nur fertige Worte. Immerhin können die Aus- 
drücke beibehalten werden, da sie eine leichte und rein 
praktische Orientierung gewähren. 

Anni. Zur Krliluteruni: des oben Gesagten diene folgendes. 
Wir Betzen jeltt ein primilrea Suffix -ter an in bo-rnp ^Geber'. 
weil «iiesoH -tcr an die r.iisis anzutreten acheint. Man kann aber 



§ !2S9. 2l)0.j GeniiP, XiuncrnH. KaHun. 299 

ohensofjnt *</.>f-tr teilen uinl annohmon, daß (Mii Suffix -cro an 
/-vStllinmo an^etreton sei. Dann würde das Siillix Bokundjlr sein. 

Wiclitiger ist eine andiTo Krsclieiiiuni^ hei den Suffixen, 
niinilieli die Frage, ob sie noch produktiv nind oder 
nicht. Unter produktiv versteht man di(i Möghchkeit, 
neue Worte mit diesem Suttix zu bilden. 80 ist bei uns 
-ieren produktiv, denn wir haben unzähhgii Worte noch 
in der neusten Zeit damit hervorgebracht. Dagegen ist t 
in Marhty List, Ktinst, Sucht ein unproduktives Suflix, da 
OS nur in einer Anzahl gedächtnismäßig überlieferter 
Wörter vorkommt. 



Dreiundzwanzigstes Kapitel. 
Genus, Numerus, Kasus. 



Die Flexion der Nomina und Pronomina ist eines der 
Hauptkennzeichen des Idg. Das Griechische hat in diesem 
Oebiet alles Wesentliche aus der Ursprache ererbt. 

I. Die Genera. 

290. Die drei Genera im Griech., Maskulinum, 
Femininum und Neutrum, stammen aus dem Idg. und 
sind im wesentlichen in ihrer alten Verteilung erhalten. 
Das grammatische Geschlecht ist eine merkwürdige Er- 
scheinung, die sich durchaus nicht in vielen Sprachen 
findet. Es besteht darin, daß sich das Adjektivum nach 
dem Substantivum richtet. Es war entweder bestimmt 
durch die Bedeutung oder durch die Form. 

Für die Bestimmung des Geschlechtes durch die Be- 
deutung kann man zunächst die alte Regel anführen, daß 
die Männer, Völker, Flüsse, Winde Mask., die Weiber, 
Bäume, Städte, Länder und Inseln Feminina sind. Aber 
diese Regel ist nur im allgemeinen richtig, vielfach wird 
auch gegen sie das Geschlecht durch die Formen bestimmt. 
Maskulina oder Neutra waren die meisten mit Sufiix -0 



300 Formenlehre. [§ 290. 

gebildeten Worte der zweiten Deklination, Feminina die 
Worte auf -ä in der 1. Dekl. und die Abstrakta auf -ti 
(pr. -cri(;X sowie überliaupt viele Ahstraktbildungen. Neutra 
waren die lieteroklitisehen Stämme auf -r>n (s. § 339), 
die AV)strakta auf -es (t£VO<; Geschlecht) und die meisten 
Diminutivhildungen, worin das Griech. besonders mit 
dem CJermanischen übereinstimmt, vgl. Osthoff in Pa- 
trubänys Sprachwissenschaftlichen Abhandlungen 2, Heft 
4, 98 ff. Aber eine große Anzahl von Worten fallen nicht 
unter diese beiden Kategorien, und das Geschlecht ist 
trotzdem auch bei ihnen seit alter Zeit bestimmt. 

Im folgenden ist einiges zusammengestellt, was das 
Griechische aus alter Zeit ererbt hat. 

Die Wörter der ersten Deklination sind überwiegend 
Fem. Es sind meist Abstrakta. Maskulina sind dagegen 
die Wcirter, die etwas Männliches bezeichnen, 1. f^cnha 
der Schreiber, gr. 6 veäviöq 'der Jüngling'. Im Griech. 
sind diese durch eine besondere Flexion kenntlich gemacht 
worden. Vgl. § 308. 

In der 2. Dekl. stehen neben Mask. und Neutren 
auch Feminina, und zwar stimmt das Griechische in 
diesem Punkt zum Lateinischen, da nur diese beiden 
Sprachen Fem. der 2. Dekl. kennen. Das Material für 
das Griech. findet sich bei Lange de substantivis feminis 
Graecis secundae deck; Leipzig 1885. 

Zunächst entstehen Fem. bei den sog. Kommunia 
6 und 11 Oeöq Mer und die Göttin , indem offenbar Aus- 
drücke, die ursprünglich nur für Männer verwandt wurden, 
auch für weibliche Wesen ge])raucht werden konnten. So 
noch i") d'TTtXoc; die Botin, »i doiöoq 'die Sängerin' u. a. 
vu6(; f. Schwiegertocliter' ist Fem., weil es etwas Weib- 
liches bezeichnet. i'l)ereinstimmend mit dem Lateinischen 
sind die meisten Baumnamen auch der 2. Dekl. Fem.: 
q)riTO<S f- 'Speiseeiche' = \. fägus f., f] d)LiTT€\o(; 'Weinstock. 
Maskulina aber sind q)oivit Palme, Ktpaaoq Kirschbaum', 
^()iveöq der wilde Feigenbaum', KOTivoq 'der wilde ()lbaum , 
XujTÖq Lotus'. Ks siml dies wohl alles Fremdwörter, 



§290.] GenuB, Numerun, KaHiie. 301 

jedenfalls Bezeichnunt^eii für den Iiulogermanen unbekannte 
(Jowiichse. Ich halte diese Kategorie gegen Brugmann 
(zuletzt IF. 21,8151!*., wo auch die frühere Literatur, 
auch Cird.^' 2, 2, 1, 96.) mit vielen andern Forschern 
für alt. 

Anm. Auf \v6q f. 'Schwiegertochter\ 1. mwus lege ich 
keinen großen Wert, obfjjleich es ein ganz sicheres Beispiel ist. 
Jedenfalls füliren uns aber die Kombinationen von Brugmann 
über dieses Wort in eine Zeit, von der es zweifelhaft ist, ob ea 
überhaupt ein grammatisches Geschlecht gab. Wichtiger sind die 
Baunmamen. Hier stehen sich oft o- und ä-Stämme bei den- 
selben Woiten gegenüber. Da im Griech. und Lat. die o-Stilmme 
feminines Geschlecht haben, so wird man in den übrigen Sprachen 
Bewahrung des Geschlechts, aber Umbildung der Endung anzu- 
nelimen haben. Aus gr. qpr)YÖ(; f. ^Speiseeiche, 1. fägiis f. 'Buche-, 
ahd. biiohha f. folgt sicher ein idg. *bhägös f. Ebenso steht es mit 
lat. quei'cus aus *querquos f. und ahd. foraha f. "^Föhre', ahd. hin'hha 
f., abg. breza f. und lit. herzas m., ai. hhürjah, lat. cori/lus f., ahd. 
hasala f., hasal m. Vgl. Pedersen KZ. 38, 228 f., Meillet 
MSL. 13. 211. 

Während man das Dasein eines Mask. und Fem. sehr 
wohl verstehen kann, ist es anders mit dem Neutrum. 
Man kann sagen, es bezeichnet ursprünglich das Ge- 
schlechtslose oder Unbestimmte. Als grammatisches Ge- 
schlecht ist es ziemlich sicher Jüngern Ursprungs. Das 
ergibt sich schon aus seiner Form. Bei den meisten 
Stam.mklassen wird der endungslose Kasus für Nom., Akk. 
und Vok. gebraucht. An diesen ist gelegentlich schon 
idg. von den Pronominalformen her ein t getreten. Bei 
den o-Stämmen sind ebenfalls Nom. und Akk. gleich, es 
wird aber der Akk. verwendet. Das läßt sich nur ver- 
stehen, w^enn man von einer andern Gebrauchsweise der 
Kasus^ als sie in historischer Zeit vorliegt, ausgeht, siehe 
darüber § 293. Ganz sicher Jüngern Ursprungs ist der 
N. A. PL Ntr. Hier finden wir eine Form, die nicht nur 
formell gleich dem N. Sg. der Feminina ist, sondern in 
der Tat nichts anderes als dieser Kasus ist, wie J. Schmidt 
in seinen Pluralbildungen der idg. Neutra ausführlich be- 
gründet hat. Die femininen ä-Stämme waren Ursprung- 



302 Formenlehre. [§ 290. 

lieh zum guten Teil Abstrakta, und es haftete ihnen z. T. 
kollrktive Bedeutung an. Es gibt nun wohl in allen 
Sprachen die Möglichkeit, den Plural durch einen kollek- 
tiven Singular auszudrücken, z. B. das Gehirge, die Brüder- 
schaff, gr. ri cppaipia Brüderschaft. Nicht anders war es 
im Idg. Man verwendete kollektive Fem., um den Plural 
auszudrücken. Eine Folge davon ist, daß die Griechen 
mit dem Ntr. PI. im allgemeinen das Verbum im Singular 
verwendeten, regelmäßig, wenn mit dem Ntr. PL das Zu- 
sammenfas.sende au.'^gedrückt wird. Nicht selten werden 
auch zu mask. oder fem. o-Stämmen Plurale auf -a neben 
denen auf -oi oder auch allein gebildet. So KeXeudo^ 
'Weg', PI. häufiger KeXeu^a als KeXeudoi; laripoq 'Schenker, 
PI. |ur|poi und |Linpa; 6 öpu^öc; 'Waldung', poet. Plur. 
xd bpu,ua; epeT)aö(; 'Ruder, PL epeijud, TüpTapo<;, PL Tdp- 
rapa ; becraoq 'Band', PL becT)Lioi und beaiid; aiiog 'Ge- 
treide', PL öTia; \>ecT)a6(; Satzung', PL x^eaiiid ; Xvxvoq m. 
'^Lampe', PL Xuxvoi und Xuxva ; Öiqpp0(; 'Wagen', PL auch 
öiqppa; 6 crTad|i6(; Standort', PL cTiaOiLioi und aia^iad 'Ge- 
wicht'. Schon Butt mann Sprachl. § 56 Anm. 12 be- 
merkt, daß zwischen den verschiedenen Formen auch 
eine Verschiedenheit des Gebrauchs vorhanden sei. 
Mit dem Ntr. PL bezeichne man nicht eine Anzahl ein- 
zelner Gegenstände, sondern immer nur eine Mehrheit, 
die entweder ein zusammengehöriges Ganze bildet, oder 
«die sich doch der Geist itzt als eine CJesamtheit denkt». 
^fjpa verhält sich also zu iiuipoi 'Schenkel' wie Gehirge : 
Berge. Man flektierte im Idg. zunächst etwa (ins Griech. 
umgesetzt) jLifjpa, MOPd«;, dann aber, weil eich die jilura- 
liche Bedeutung aufdrängte, faiipa, |U]i()iJUV. 

Wie Bildungen auf (i als Plurale neigen o-Stämmen 
stehen, so finden wir Fem. Sg. auf -ä neben o-Stäramen, 
z. B. 6 ßi'oTo^ und f] ßioifi 'Leben', tö bpejravov und i"| 
öpeirdvn 'Sicher, 6 taTrepoq und i] ^airepa Abend', 6 kötx<^^ 
und r\ KO'fxn 'Muschel . 

Aus diesen Beispielen ergibt sich auch, daß ))ei Worten, 
die kein natürliches (Jeschlecht haben, das grammatische 



i? 290.291.] (leniiH, Niimoriis, KaaiiH. 303 

Oschlocht an dvr Kiulun;^ haftet und dalier Iciclit 
wcclisoln kann. !So linth^n wir Ixm Homer 6 (TKüToq 'die 
Finsternis, spiiter t6 CTKOToq, indem das Wort in die 
Analogie der neutralen fs-Stilmme überging. 

Wir wissen fern(>r, daß das Element -n, das in den 
historischen Zeiten das besondere Charakteristikum des 
Femininums ist, ursprünglich nichts damit zu tun hatte, 
da es ja der Ausgang schwerer Basen war. So liegt die 
Vermutung nahe, daß das grammatische (leschlecht erst 
verhältnismäßig spät im Idg. entstanden ist. Die Literatur 
über diese Frage bei Brugmann Grdr.^ 2, 2,82. 

II. Die Numeri. 

!$9]. Die drei Numeri, Singular, Dual und Plural, 
sind ebenfalls aus dem Idg. ererbt. Der Dual war aber 
im Idg. wahrscheinlich nicht völlig ausgebildet, da er nur 
drei Kasus zu besitzen scheint, die sich im Griech. auf 
zwei verringern. Er geht in den historischen Sprach- 
epochen frühzeitig zugrunde. Schon bei Homer ist er 
im Schwinden. So wird z. B. das Wort für Eltern bis 
auf eine Stelle stets im Plural gebraucht; paarweis auf- 
tretende Glieder, bei denen der Dual ursprünglich vor 
allem berechtigt war, können in beiden Numeri erscheinen 
(xeTpe<; häufiger als X^^P^ 'Hände', 6qp9-a\)Lioi, ö)a,uaTa 'Augen', 
luuoi 'Schultern'. Vgl, Ohler Über den Gebrauch des 
Duals bei Homer, 1884. 

Am festesten haftete der Dual im Att.; er findet sich 
außerdem im Boot., im Ark., spärlich im Dorischen. 
Nachdem er auch in der attischen Volkssprache ausge- 
storben war, wurde er später künstlich wieder belebt. 

Anm. 1. In dem Aufgeben des Duals können wir eine all- 
gemeine Tendenz der idg. Sprachen sehen, die in diesem Punkt 
eine psychologische Vereinfachung bieten. Noch primitivere 
Sprachen kennen auch einen Trial (Bezeichnung von drei Dingen). 
Heute gibt es den Dual nur noch im Litauischen, dem ^ieuslo- 
wenischen und Sorbischen, also in literarisch ganz unkultivierten 
Sprachen. 



304 Formenlehre. [§291. 

An alterer])ten Gebrauchsweisen haben wir zu unter- 
scheiden 1. den natürlichen, 2. den ana})horischen und 
3. den elliptisclien Dual, v^l. Brupniann Grd. - 2, 2, 455 ff. 
Der erste steht bei zwei Dingen, die von Natur zusammen- 
gehören, wo wir «beide» gebrauchen, z. B öcTCTe Augen', 
6qpi>a\|üi(ju Augen', uj)liuj 'Schultern', rrrixee 'Arme', x^^P^ 
^Hände'^ auch öoupe «die beiden Speere, die zu einer 
Kampfausrüstung gehören», 'ittttuu 'die beiden Wagen- 
pferde, To» deiju 'die beiden (Jötter, Demeter und Perse- 
phone\ 

Den anaphorischen Gebrauch finden wir, wenn auf 
zwei Dinge, von denen bereits die Rede gewesen ist, wieder 
hingewiesen wird. 

Die dritte Gebrauchsweise ist folgende: Wenn man 
die Vorstellung zweier gepaarter Dinge erwecken wollte, 
brauchte man nur das führende Wort in den Dual zu 
setzen, ai. (Ijduü eig. «die beiden Jlimmel», d. h. «Plimmel 
und Erde». Bei Homer liegt diese Gebrauchsweise, wie 
Wackernagel KZ. 28, '^02 ff. gesehen hat, noch vor in 
Aiavie N 45, da es Ajas und seinen Bruder Teukros be- 
deutet. Erst eine spätere Zeit, die diese Ausdrucks weise 
nicht mehr verstand, hat unter den beiden Aias df^n 
Telamonier und den Sohn des Oileus verstanden luid 
deshalb eine Reihe von Stellen ergänzt oder umgeändert. 
Ähnlich finden wir im Lat. mit Ersetzung des Duals 
<lurch den Plural Castores Kastor und Pollux'. Ursprüng- 
lich trat zu dem ersten Dual der zweite Name im Singular 
wie hom. ATavie TeuKpoc; le. Vgl. auch W. Schulze 
KZ. 32, 153 Anm. 2. Eine zusammenfassende Darstellung 
<les griech. Duals bietet jetzt A. Cuny Le Nombre duel 
en grec. Paris 190(). 

Eine ähnliche I>edeutung konnte auch der Plural 
liaben, z. B. ai. svd^urn/i die Schwiegerväter , d. h. 'der 
Schwiegervater und alle zu ihm Gehr)rigen'. Auf europä- 
ischem Pxxlen zei^t sich dieser Gebraucli wahrscheinlich 
in zahlreichen N'ölkernamen, indem z. B. ' EXXiive^ nichts 
anderes heißt als c^EX\t-)v und seine Sippe» und Teutuiies 



291.292.1 Genus, NumeruB, Kasus. 305 

«Teiito uiul seine Leute». Vgl. Hirt Iiidogermanen 
2, 708. 

Anni. 2. Tlural und Sinjj:ular sind keine absoluten Gepen- 
siitze, da man teils mehrere gleichartige Dinge in eins zusanmien- 
faeseu k;\nn, teils etwas, was zunilchst als Ganzes erscheint, in 
seine Teile zerleijen kann. Ursprünglich hat es nicht selten 
mehrere Ausdrücke, teils singularische, teils pluralische für den- 
selben Begrirt" gegeben, ^o haben wir für 'Haar im Griech. zwei 
Gruppen, die pluralischen xpixeq, edeipai 'Mähne', Y^^eidbeq 'Bart' 
und die singularischen xain-] und KÖiLir). Erst allmählich werden 
die ersten singularisch, die letzten i)luralisch gebraucht. In seinem 
wertvollen Buch 'Singular und PluraF hat K. Witte im einzelnen 
nachzuweisen versucht, wie die ursprüngliche Verteilung war, 
und wie dann die Dichter, dem Zwang des<.fte4trums gehorchend, 
zu Neubildungen schritten und die alten Grenzen verwischten. 
Jedenfalls kann mau es von hier aus verstehen, wenn das Fem. 
Sg. zum Neutr. Plur. wird, und man kann auch weiter die Ver- 
mutung hegen, daß der Plural, der formal z. T. dem Singular 
gleich ist (idg. *pedes hieß 'des Fußes", *per?es ^die Füße"), eig. ein 
Singular gewesen ist. 

Hl. Das indogerm. Kasussystem. 
292. Während das Griechische in vielen Punkten 
die verwandten Sprachen an Altertümhchkeit übertrift't, 
hat es im Kasussystem bedeutende Einbußen erlitten. 
Denn das Idg. besaß acht Kasus: 1. den Nominativ, 
2. den Vokativ, 3. den Akkusativ, 4. den Genitiv, 5. den 
Dativ, 6. den Lokativ, 7. den Instrumental, S. den Ablativ. 
Vielleicht sind es ursprünglich noch mehr Kasus gewesen, 
da z. B. der Instrumental eine doppelte Bildung zeigt. 
Diesen habe ich IF. 17, 41 den Kasus indefinitus, den un- 
bestimmten Kasus, hinzugefügt. Wir finden nämlich im 
Griech. und in den übrigen idg. Sprachen eine ganze 
Reihe von Formen, die jeder Endung entbehren, so z. B. 
den Vok., den N. Sg. der 1. Deklination, den N. Akk. PL 
der Neutra der 2. Dekl. und den X. Akk. Sg. Ntr. 
der 3. Dekl. Ebenso war der Lokativ z. T. endungs- 
los, und die gleiche Form, der bloße Stamm tritt in 
der Komposition auf. Diese Erscheinung ist etwas Ur- 
altes, sie ist ein Überbleibsel aus der Zeit, als die Flexion 
noch nicht entwickelt war. 

Hirt Griech. Laut- u. Formenlehre. 2. Aufl. 20 



306 Formenlehre. [§ 292. 293. 

Von die.-(^'n Kasus liat das (Griechische den In- 
strumental und Ablativ völlig aufgegeben, während 
Lokativ und Dativ fast ganz zusammengeflossen sind, 
aber so, daß immer nur eine Form übrig geblieben ist. 
Nun hatte allerdings der Ablativ nur im Singular der 
o-Stämme (2. Dekl.) eine besondere Form, und daraus 
läßt sich sein Verschwinden wohl erklären. Weshalb 
aber Instrumental und Lokativ aufgegeben sind, ist nicht 
zu ermitteln. Diese Verminderung des Kasussystems ist 
eine der merkwürdigsten Erscheinungen im Griechischen. 
Sie muß auf den innern Sprachgeist des Griechischen 
zurückgehen. 

Anm. Verschiedene Forscher meinen allerdings, daß im 
Sg. der 1. und 2. Deklination l^ok. und Dativ, im Plural der 
2. Dekl. Instrumental und T>okativ der Form nach erhalten waren 
und erst im Laufe der geschichtlichen Entwicklung zusammen- 
geflo.«isen sind; indessen ist dies Vorhandensein des Instrumentals 
im Plur. unsicher, und ebenso steht im Singular die Existenz 
des Lok. in der 2. Deklination, abgesehen von adverbialen Resten, 
nicht fest. 

Die idg. Kasusendungen der Nomina. 
*>»;{. Singular. 

1. Nominativ: a) -.s, XoTO-q, qpu\aK-q, 

b) endungslos = dem Kasus inde- 
finitus, 

a) normalstutig, 
ß) dehnstufig (Trainp), 
T) schwundstufig (övojaa, 1. 
nömen) ; 

2. Vokativ: <>ndungslos = dem Kasus indefinitus. 

(iegenüber dem Nominativ fehlt vielfach 
die Dehnstufe. Die Endung -e, 'iTiTre,. 
ist der Stamraauslaut. 

3. Akkusativ: ->//, 

4. Genitiv: -so, daneben yo und -s, die Schwund- 

stufe zu -.so; 

5. Dativ: -ai, -i; 



§293.| (ienus, Numerus, Kaeue. 307 

(). Instrumental hat zwei verschiedene SufHxe, die 
ursprüni^dich vielleicht Verschiedenes bedeuteten: 

a) -wio, daraus -m, 

b) -bhi, 

c) Kontaminationsformen -ml und hho, vgl. 
Hirt IF. 5, 251 ff.; 

7. Lokativ: a) endungslos = Kasus indefinitus, 

a) mit Dehnstufe, 
ß) mit Vollstufe, 
b) -/, das wohl Ablaut zu dem ai des 
Dativs ist; 

8. Ablativ: nur bei den e/o-Stämmen -ed, -öd, sonst 
gleich dem Genitiv, im Plural gleich dem Dativ. 

Plural. 
Der Plural zeigt in allen Kasus mit Ausnahme des 
Gen. ein 5, in dem wir wohl ein Pluralzeichen sehen dürfen. 

1. Nominativ: -es; 

2. Akkusativ: -ns (aus -m -\- s?); 

3. Genitiv: -öiTi, vgl. Streitberg IF. 1, 259 ff.; 

4. Dativ: 1. -hlijos (Umbildung -hhos), 

2. -mos. 
Beides sind eigentlich wohl durch -s pluralisierte In- 
strumentale Sing. 

5. Instrumental: a) -als, wohl durch s pluralisierter 

Dat. Sg. 

b) -bhis^ 

c) -mis, Kontaminationsform von 
-mos und -bhis. 

6. Lokativ: a) -su, 

b) -sL 

Dual. 

1. Nominativ-Akkusativ: -o{u); 

2. Gen. Lok.: -oüs; 

3. Dat. Instr. zeigt ein m- oder Z>/i-Suffix. 

Anm. l. Die Endungen der Pronomina sind vielfach ver- 
schieden und öfter auf die Nomina übertragen. 

20* 



308 Formenlehre. [§ 293. 

Anm. 2. Lber die Herkunft der Kaeussuüixe wissen wi: 
bis heute noch nichts ^ranz Sicheres. Aber schon für Bopp war 
es ein Hauptproblem, dieses Rätsel zu lösen, und wenn wir uns 
auch in dieser Frage auf dem Gebiete der Vermutungen bewegen 
müssen, so darf man doch die Frage nicht achtlos beiseite 
schieben, weil von der richtigen Erkenntnis auf diesem (Gebiet 
außerordentlich viel abhän»;t, denn die ganze Kasussyntax wird 
uns erst klar werden, wenn wir den Ursprung der Kasus auf- 
geklärt haben, IF. 17, 36 habe ich versucht, unter strenger Be- 
obachtung der Lautgesetze, die Flexionsendungen des Nomens und 
des Verbums zu erklären. Vieles davon ist so sicher, wie es auf 
diesem Gebiet überhaupt nur sein kann. Das Wichtigste führe 
ich hier an. 

1. Daß zwischen den Kasus- und Verbalendungen ein Zu- 
sammenhang bestand, legt die Tatsache nahe, daß aus der großen 
Zahl von Lauten, die das Idg. besaß, nur ni, a, t (d) und <// in 
den Endungen häuüger auftreten. Es fehlen vollständig die Gut- 
turale (A-, /7, gh, k^, ^"', ^Ä"', die Labiale (ausgenommen bh, s. u.\ 
die Liquiden (;% l). Von den Vokalen finden sich nur ai-i. 

2. Die Kasus mit Suffix -hh, gr. -91 dürften eine verhältnismäßig 
junge Bildung sein. Wir haben darin ein angefügtes Wort zu 
zu sehen, und ich habe IF. 17, 51 das gr. qpi mit d. bei identi- 
fiziert. Aus Kombination von -bhi und -mos entstand ai. -bhjah, 
-bhih, lat. kelt. -bos. 

3. p]benso dürfte das Dativelement -oi\ mit dem das Loka- 
tivsuffix -/ im Ablaut steht (ai. Dat. j>ifre^ Lok. pitarf), ein selb- 
ständiges Element sein, das mit dem ai-i beim Verbum eins ist 
imd 'hier' oder 'jetzt' bedeutet hat. Bestätigt wird diese Ansicht 
noch dadurch, daß auch beim Dativ -/ vorliegt. KZ. 44, 161 ft. 
hatSolmsen eine schon früher vertretene Ansicht, daß der l)at. 
der kons. Stämme auch auf -ei ausgehe, erwiesen. Er stützt sich 
auf kypr. Ai/ei-rpiXo^, osk. -ei, lit. manei u. a. Dies ist aber klär- 
lich der Stammauslaut -e^ den wir auch in Gen. *pt'cf^-s haben, 
-h dem Suffix -i. Daß die beiden Formen auch der Bedeutung' 
nach geschieden waren, ist durch Solmsen nicht erwiesen. 

4. Das (i des Ablativs kann man wiederfinden im Nom. Ntr. 
des Pronomens (lat. illud) und davon übertragen auch in einigen 
Nomina, oder man kann darin mit Kai>pus Der idg. Ablativ, 
Marburg 1Ü03. S. 14 eine l'ostposition sehen, abg. ofu 'von': 
jedenfalls würde es dann eine sehr junge Bildung sein. 

5. Es bleiben nunmehr eigentlicli nur noch zwei Kasussuilixt' 
übrig. Ein s finden wir im Nom., aber auch im Gen. (gr. iroböc; 
'des Fuße.'^') und im Plur. (iröbec; 'die Füße'), ein w im Akk. Sg., 
im Instr. Sing., im Dat. PI. und im Akk. PI., vorausgesetzt, daß 
-718 aus -tiis entstanden ist. 



§'29i).l Genus, Numerus, Kehuh. 309 

C. Dor IMural iist in allen KaBus mit Ausnahme des (üen. 
charakterisiert durch ein s, dessen Jlerkunft unklar ist (^r. 'iTÖh€<;, 
1. pedilms, 1. pedes aus *pedvns), dessen Zusammenhang' mit dem 
Nominativ -n des Sinj^ulara aber ^ar nicht aulier dem Bereich der 
Möjxlichkeit läge. 

7. Der Lokativ ist in vielen Filllen endungslos, d. h. gleich 
dem Kasus indetinitus. Daran tritt die Endung -/. Im Plural 
ist das noch ganz deutlich. Denn es tritt erst das s an, und 
dann die Endung / oder ai. u. 

8. Der Dual ist nach der formalen Seite eine singularische 
Bildung. Der Nominativ und Akkusativ, der nicht unterschieden 
ist, ist eigentlich ein endungsloser dehnstufiger Nom. Sg. eines 
^(-Stammes, der ursprünglich die Paarigkeit bezeichnete, vgl. Me- 
ringer KZ. 28, 217 flf. Besser wird man -ö, uridg. -öu aus -o-we 
herleiten, d.h. dem Stammauslaut und einer Partikel tve, die 'beide' 
bedeutet und die auch in 'wir, 1. vi-ginti 'die beiden Zehner' 
steckt. — Auch die koneonantisclien Stämme hatten die öu- 
Flexion, \vie die Übereinstimmung von ai. ^;«<^7ä?* 'die beiden 
Füße' usw. und ags. nos\(> 'Nase' : 1. nares, ags. duru : 1. fores er- 
weist, trotz Osthoff IF. 20, 193 f. — Das Verhältnis von N. Sg. -os 
N. Du. -ö führte schon im Idg. zu einem 7 und ü bei den /- und 
/«-Stämmen. Entsprechend erklärt B. Wheeler IF. 6, 139 die 
griech. Endung -e der konsonantischen Stämme als eine Neu- 
bildung nach dem V'erhältnis -uu : -uuc, d. N. PI. d. Mask. Ich 
halte diese Ansicht, die eventuell auf das Keltische auszudehnen 
ist, für die einzig richtige. Das Vorhandensein der Endung -ouv 
auch bei den konsonantischen Stämmen lehrt, daß auch im Griech. 
bei diesen einst -ö bestanden haben muß. 

Die neutralen kons. Stämme hatten die Endung -i. 

Ich sehe darin ein Element, das die Zugehörigkeit bezeich- 
nete, und das nach den verschiedensten Richtungen Verwendung 
fand. Idg. *ok^f^^t 'die beiden Augen', oust 'die beiden Ohren' 
oedeutet 'was zum Auge, Ohr gehört', d. h. 'die beiden Augen, 
Ohren'. Weiteres bei Verfasser IF. 31, 1 ff. 

9. Wir kommen also zu folgendem Ergebnis: Als ältester 
Bestandteil erscheinen ein s- und ein ^»-Suffix, die Nominativ und 
Akkusativ, ersteres aber auch den Gen. bilden, denn tatsächhch 
sind Gen. pedos 'des Fußes' und Nom. peds einmal identisch ge- 
wesen, vgl. van Wijk Die Bildung des Gen. Sg. im Indogerm. 
Zwolle 1902. Um das zu erklären, legt Uhlenbeck IF. 12, 170 
einen Kasus aktivus (Nom. Gen.) und einen Kasus passivus (Akk. 
Instr.) zugrunde, wie wir ihn in andern Sprachen finden. Durch 
Anfügung von -ai, -i entstehen Dativ und Lokativ; der Abi. auf 
auf -öfZ, der «Instrumental» auf -hlii zeigen Postpositionen. 



310 Formenlelire. |S 294. 

Vierundzwanzigjstes Kapitel . 
Bedeutung und Gebrauch der Kasus. 



!294. Welche Kasus des Griechischen die idp;. 
Kasus vertreten, ist ira wesentlichen nur aus ihrem Ge- 
brauch zu erkennen. Es folgt daher hier eine kurze 
Übersicht der Gebrauchsweisen der Kasus mit Rücksicht 
auf das Erbe der Urzeit. Diese Übersiclit soll nur zur 
allgemeinen Orientierung dienen und keine systema 
tische Syntax darstellen. — Den Mangel an Kasus hat das 
G riech, mehr als genügend ersetzt durch die Verwendung 
von Präpositionen, von denen eine Reihe schon aus der 
Ursprache stammt. Die Präpositionen sind ursprünglich 
Adverbia. Von diesen kann eigentlich ein Substantivum 
nur abhängen, indem es in den Genitiv tritt, wie noch 
bei den uneigentlichen Präpositionen wie x^P^^ Svegen". 
öiKr|V ""nach Art von' usw. Wo die Präpositionen zu an- 
dern Kasus als dem Genitiv traten, da drückten ursprüng- 
lich diese allein schon die Beziehung aus, und die 
Präposition verstärkte sie nur. Dies folgt auch schon 
daraus, daß viele Präpositionen mehrere Kasus regieren 
können. — Die Gebrauchsweise der Kasus ist am besten 
aus dem Indischen zu ersehen, weil dort alle Kasus er- 
halten sind, aber auch die Vergleichung mit dem Lat. 
ergibt schon mancherlei, weil im Griech. Genitiv und Ab- 
lativ, im Lat. aber Ablativ, Instrumental und Lokativ 
zusammengefallen sind. Steht im (Jriech. der Genitiv, 
im Lat. aber der Ablativ, so liegt der idg. Ablativ vor. 
Steht aber dort der Dativ und hier der Ablativ, so haben 
wir es mit Instrumental oder Ivokativ zu tun. Im 
Westgerm, ist der Instrumental noch erhalten, während 
der Ablativ durch den Dativ-Instrumental, aber auch 
durch den Genitiv vertreten ist. 

An in. l. Zur Krleichternns: des Verständnisses diene fol- 
gende Ühereiclit. 



§294.] Bedeutung und (iebiauch der Ki\8ii9. '^1 



(ir. 






l.llt. 


Idg. 




Nom. 




= 


Nom. - 


Nom. 




Akk. 




r= 


Akk. 


-■ Akk. 




Vok. 




z=r. 


Vok. 


Vok. 




Dat. 


f 


= 


Dat. 


Dat. 




Dat. 


1 


— 


AM. 


Instrumental, 


Lokativ 


Gen. 


f 


— 


Gen. 


Gen. 




Gen. 


1 


= 


Abi. 


= Abi. 





Man kann also durch einfache Vergleichunfj mit dem La- 
teinischen sämtliche Kasus auseinanderhalten mit Ausnahme 
von Lokativ und Instrumental. 

Um die geschichtlich auftretende Verwendungs weise 
der Kasus ganz zu verstehen, müßte man die Urbedeutung 
der Kasus kennen. Das ist vorläufig nur bis zu einem 
gewissen Teil möglich. Natürlich entwickelt sich auch 
die Verwendung eines Kasus. Was nach dieser Richtung 
im Griech. geschehen ist, kann nicht im Rahmen dieses 
Buches ausgeführt werden. Für das Idg. erschließen wir 
die Urbedeutung, indem wir die ältesten Gebrauchsweisen 
der idg. Sprachen zusammenstellen und das mehrern 
Sprachen Gemeinsame als idg. voraussetzen. In dieser 
Richtung kommen wir indessen nicht zu einem sichern 
Ergebnis, weil schon eine Entwicklung vorliegen kann. 

Anm. 2. Früher hat man in den Kasus besonders gern 
eine lokale Bedeutung gesucht, und diese Anschauung ist bis zu 
einem gewissen Grade berechtigt, da eine solche Bedeutung 
sicher beim Lokativ und Ablativ vorliegt und man sie auch bei 
den andern Kasus z. T. vermuten kann. So ist sie für den Dativ 
behauptet worden und auf Grund der Identität des Suffixes für 
Dativ und Lokativ wahrscheinlich. Eine besondere Bewandtnis 
hat es mit dem Genitiv, der sich vielleicht aus einem Adjektiv 
entwickelt hat, während es mit Nom. und Akk., wie oben S. 309 
bemerkt wurde, anders steht. Vom Instrumental nehme ich an, 
daß er sich z. T. aus dem »«-Kasus entwickelt hat. 

Es ist an und für sich nicht wahrscheinlich, daß sich 
im Griech. die einzelnen alten Gebrauchsweisen der Kasus 
ganz glatt herausschälen ließen, es haben vielmehr auch 
hier Erweiterungen der alten Gebrauchsweisen stattge- 
funden, und im Laufe der Zeiten kommen neue Ver- 
wendungen auf. Diese zu erörtern, liegt nicht im Rahmen 
dieses Buches. 



312 Formenlehre. [§ 295. 296. 

I. Nominativ. Vokativ. 

205. Der Nominativ hat .seine Bedeutung ererbt. 
Ebenso ist die Verwendung des Vokativs alt. Auch das 
kehrt im Indischen wieder, daß von zwei ver])undenen 
Vokativf^n der eine in den Nominativ tritt: Zeu Traiep 

HeXiog le 'Vater Zeus und Helios'. Eben.-o kann ein 
Attribut zum Vokativ im Nominativ stehen, z. B. ouXo<; 

Oveipe, cpiXoq uj MeveXae, iJu dvbpeg oi TrapövTe(; 'o an- 
we.sende Miinner\ vgl. Wackernagel BB. 4, 280 f. 

Anm. Der Vokativ wird von den indischen Grammatikorn 
nicht als Kasus, sondern als Satz angesehen, was auch vom (irie- 
chischen gilt. 

II. Akkusativ. 

!!i06. Der Akkusativ zeigt im Griech. in allen 
wesentlichen Tunkton die Gebrauchsweise, die er in der 
LTS})raehe hatt(\ Nach der gewöhnlichen Definition tritt 
in den Akkusativ der Nominal! )egriir, der vom Verbal- 
begriff am niichsten und vollständigsten betroffen wird 
(Kasus des direkten Objekt«). Daneben hat er aber deut- 
lich eine lokalistische Bedeutung, er bezeichnet die Rich- 
tung nach einem Punkt, namentlich bei Präpositionen. Aber 
auch dies wird nur oine Abart der ältesten Anwendung 
sein, die in dem Gebrauch als Kasus ])assivus besteht. 
Besonders bemerkenswerte Anwendung zeigen: 
a) Als Kasus des äußern Objekts steht der Akk. bei 
transitiven Verben, oft auch in Fällen, die wir intransitiv 
übersetzen und mit einem Dativ verbinden. 

Solche Verben siml : nützen, schaden, wohl, übel 
tun. wie ovivniii, iu(f>€\k(.u 'nütze, fordere', eÜTTOitiu, euep-ffTfetu 'tue 
wehr, OepaTTeuui 'diene, pflege\ ßXdTTTiu 'schade, schädige', xaKiDq 
TTOifc'uj, KctKOupfau, küköuj 'hehandle üheP, abiK€iu 'tue Unrecht', 
ußpiZiuL» 'frevle', Tiuiup^oucu 'rilclie mich", €u X^yuj, €uXoffeUJ 'rühme' 
kükuk; Xc'fuj, KaKoXof^ui 'echmühe'; nachjagen, fliehen, sich 
wehren pe^«'n jem.. nacheifern, sich fürchten, sich 
nicht fürchten usw. Oripduu, dripeuuu 'JAge nach', q)Odviu 
'komme zuvor', qpeüfiu 'lliehe', dTTobibpdaKUJ 'entlaufe', Xav- 
Odvuj 'hin verhorpen', fniXeiTnu 'deficio', üuüvouai 'wehre nnch', 
Tiuujpkouai 'rilche mich', lamfecuai 'ahme nach", InXoiu 'eifere nach', 
rpoßtouai, bibia 'fürchte mich', ^k-, KaiaTiXTiTTOiLiai 'entsetze mich', 



§ 21)6.J Bedeutung inul (Jübraufli der Kuhuh. 313 

q[)uX(iTTO|nai, 6V)Xaßtouai 'hüto niich\ ciiaxüvoMai 'Hclijlmo mich', a(- 
^to|Llal 'sclieue iniclT, Oapptiu 'hin un))e8orgt\ 6|iivi))ni '.schwöre' 
(Touq Oeoüc; 'bei den (ic'itterir). Hierher gehören auch Verben 
der Hewegunp:, /si;. mit l*rilp<i9itionen, wie -näpam 'j^ehe 
vorüber', irepuaTainai 'etelle mich herunf, ücpiaiauai 'unter/ielie 
mich einer iSache' und einijTje sonstige Fälle ^vie laevuj 'erwarte', 
^aKpu^J, KXdiu 'beweine', uevö^iu 'betraure'. 

b) Der Akk. des Inlialts einen Kampf kämpfen usw., 

vielfach mit stammverwandtem Objekt: 

ILidxnv iLidxeaöai 'einen Kampf kämpfen', uoiLniriv irtiinreiv 'ein 
Geleit anstellen', KaKiaxT-jv bouXeiav bouXeüciv 'die ärgste Knecht- 
schaft ertragen', aber auch mit andern Objekten: OXuiinTia viKdv 
'in den olympischen Spielen siegen'. 

c) Akk. der Richtung (fast nur noch poetisch): 

IK6T0 T^K|uiup N 20 'er erreichte das Ziel', OdXaiaov kütg- 
ßriaero 'schritt in das Gemach hinab', 1. Äsiam venire. In der 
ionischen Prosa findet sieh noch: iKveiadai xiva 'einem zukommen'. 

d) Akk. der Beziehung: 

Kd|Livi.u T)^v KeqpaXrjv 'ich leide am Kopf, exeXeuTriaav onro- 
Tjuiidevrec; tck; KeqpaXd(; 'sie starben durch Enthauptung', eig. 'ab- 
geschnitten in bezug auf die Köpfe' ; häufig auch bei Adjektiven 
dbiKoc; TTdaav dbiKiav 'ungerecht in jeglicher Ungerechtigkeit', öu- 
faaxa keXoc; 'gleich an Augen' und dann auch absolut bei Worten 
wie övoua 'Name' (-rroTaiuöc; Kübvoq övojLia 'ein Fluß K. mit Namen'), 
TÖ TtXfiOoe; 'der Menge nach', töv TpÖTiov 'dem Charakter nach', 
Tr^v qpOaiv 'der Natur nach', lufiKoq 'der Länge nach', eupoq 'der 
Breite nach'. Über die Entwicklung dieses Akk. vgl. Brugmann 
Grd. 2 2, 2, 688. 

e) Akk. der Ausdehnung in Zeit und Raum: 

Koivriv öböv fiXöojuev 'wir kamen den Weg gemeinsam'; ev- 
xaöOa KOpo(; eiueivev ri.aepai; irevTe 'dort blieb Kyros 5 Tage'; xpid- 
KovTa exri Yeyovdjc; 'dreißig Jahre alt', triginta annos natus; eßbö- 
larjv r^uepav r\ Ouvartip auTUJ ^xexeXeuKei 'seine Tochter war den 
siebenten Tag (seit sechs Tagen) tot'. 

f) Der doppelte Akk. bei einer Anzahl von Verben 
enthält einen Akk. der Person, der bei passiver Kon- 
struktion in den Nom. tritt, und einen Akk. der Sache. 

bibd(JKU) Tivd Ti 'lehre', aireuu, diraiTeuj 'fordere', ^pujTduj, ^pe- 
aöai 'frage', evbüuü, d|uq)i^vvu|ui 'ziehe an', ^Kbuuu 'ziehe aus', dqpai- 
peouai 'beraube', kputttuj, dTTOKpuTTTOnai 'verberge', (ei(;)TrpdTTUü 
-TrpdTTO|uai 'fordere etwas ein', dva-, iJTro)Lii|Lir|GKUJ 'erinnere an'. 



314 Formenlehre. [§ 296. 

g) Der doppelte Akk. bei andern Verben enthält 
einen Prädikatsakkusativ, der ))ei passiver Konstrukticn 
mit in den Xom. tritt. 

Xefuu, KaXfeUj, övouduUi 'nenne\ dTTobeiKvuui. (jtrrocpaiviju 'er- 
Deiine"", aipeouai. x^ipoToveuu 'erwähle", iroi^uu, Kaöiarriui 'mache", 
KOuiZiu, Kpivuj, ÜTToXajLißdvtJu, rjT^OM"» 'halte für\ (.xuj, bibuü|ii, Xau- 
ßdvo» 'halte, gebe, nehme als\ irap^x^J ^Mciutöv 'zeige micii". 

li) Der Akkusativ bei Präpositionen ist im all- 
gemeinen der Richtungsakkusativ. Er stellt bei: 

d|nqpi 'um. herum, dinqpi toutov töv xpo^ov um 
diese Zeit , 1. a))i tcnninum, ahd. umhi^ d. v))i mit Akk. 

dvd, L'ot. (ina. Die ursprüngliche Bedeutung war 
'hinauf: dvd vuJTa den Rücken hinauf', dvd poov 
'stromaufwärts, got. usUldja ayia fairf/ioii 'er ging auf den 
Berg; dann auch 'über\ dvd TrdcJav Tiiv yriv 'über das ganze 
Dand hin', auch zeitlich: dvd vuKia 'die Nacht hindurch — 
got. ava dag 'per diem ; schließlich heißt dvd auch 'ge- 
mäß, mit, dvd XoYOV dem Verhidtnis gemäß', dvd Kpaiog 
'mit aller Kraft'. 

öid 'durch, gewöhnlich 'wegen', läßt sich in den 
verwandten Sprachen nicht als Präpos. nachweisen. Do( h 
berührt es sich mit 1. dis und unserm ztrischen. Es steht 
wohl für '■■'■b{f)i(Sa : 1. dis. 

evq^eiq in' ist aus ev durch Differenzierung ent- 
standen und entspricht völlig 1. in, got. in, d. i)i mit 
dem Akk. 

CTTi auf etwas hin, aw. a'i'i mit Akk. Verwandt 
damit ist auch 1. oI), ursprünglich «entgegen». Vgl. eiri 
vnaq tpx€crv>ui auf die SchifTe hingehen'; 1. ob Romnm 
leqiones ducere. 

Kaid ist seiner etymologischen Herkunft nach unklar. 
Vgl. V. Blankenstein IF. 21. 113. Mit dem Akk. l^e 
dcutot es 'entlang, über — hin, durch — hin, heral) . 

Kaxä TToraiJÖv 'stromabwärts", Karü ffiv Kai Kaxd OdXaxxctv 
'terra mariqiie", kutü udöav t^v yMv 'über das ganze l^and hin". 
KüTÜ ar^pvov ßdXXeiv 'gegen die Brust werfen", Kaxd xö eÜLÜvuiaov 
Kt'pac; 'gegenüber dem linken Fhigel"; es steht auch zeitlich xax" 
^K€ivov xüv xpövov 'um jene Zeit", ol kgO" »iud(; 'unsere Zeit- 



§ 296.J Bedeutung und (Jehrauch dor Kasus. 31^ 

penosaen^ und i'ihertra^jfcn t6 Kar' t'iafc' 'waa micli l)etriMr, kütu 
roix; vö|Liouc; 'nach den (iesetzen', Kaxd xpeiq '/u dreien', kqi)' nufe- 
pav 'täglich' u. a. 

)Li€Td ist verwandt mit c:ot. mi/>, d. mit, das aber fast 
stets mit dem Dativ-Instrumental vorl)unden wird, und 
mit 1. mcdius, gr. jitüoq, es bedeutet eig. 'mitten unter : 

'AjaqpiMaxov KÖfuiaav \Ae.Tä kaöv 'AxaiüJv 'sie Bchadton den A. 
unter das Volk der A/ epäter heißt es 'nach', luerd tu TTepaiKo. 
'nach den persischen Kriegen'. 

Anm. 1. Neben [xerd erscheint Dial. irebd, das zu ttoO^ 'Fuß' 
gehört, eig. 'auf dem Fuße folgend'. 

Trapd 'neben hin, entlang', got. faür 'vor — hin, 
längs hin'. 

ixapd diva OaXdaan«; "am Strande des Meeres', got. fau)- ma- 
rein '-rrapd xqv ^dXaaaav'; fmir wig 'jrapd xr^v öböv'. Vgl. noch irapä 
TÖv vö|Liov 'gegen das Gesetz', eig. 'an dem Gesetz entlang'. 

irepi 'um herum', ai. yäri mit Akk. 'um', lat. per 
^durch'. 

-rrepi tö xeixci; ""um die Mauer herum' rrepl Traaav xi^v Aiyu- 
irxov 'in ganz Ägypten herum', irepi \xi(5ac, vÜKxaq 'um Mitternacht', 
irepi xd ^ErjKOvxa 'um die 60, gegen 60', irepi xi eTvai 'mit etwas 
beschäftigt sein', oi irepi xiva 'jemand mit seinen Anhängern'. 

TTp6<;, bei Homer irpoxi, woraus irpo^ irgendwie ent- 
standen ist, zu 2i\. präü mit Akk. 'zu. zu hin, gegenüber . 
Im Griech. liegt eine ähnliche Grundbedeutung vor. 

TTpöc; fiiLidq 'zu uns', iTpö<; fi,uepav 'gegen Tagesanbruch', iroXe- 
|ueiv irpöc; xiva 'gegen jem. kämpfen', oi qpauXöxepoi irpöc; xouc; :uv- 
exujxepoug 'die Schlechtem im Vergleich zu den Verständigern", 
rrpöc; xr^v buva,uiv 'gemäß ihrer Kraft'^ irpöc; xaüxa 'demgemäß', 
oub^v irpö(; i\xi 'das geht mich nichts an'. 

Anm. 2. Daneben steht in gleicher Bedeutung dial. iroxi. 
TTÖq, aw. paHl 'gegen, entgegen'. 

UTTep 'über — hinaus', ai. npäH mit Akk. 'über, ober- 
halb', 1. s-uper^ got. iifar, d. über. 

uirep ouböv dßriaexo 'er ging über die Schwelle', urrep xpid- 
Kovxa riiLiepac; 'über dreißig Tage hinaus', iJirep buvauiv 'über die 
Kraft', \!)iT^p 'HpaK\eou(; OTt-\\a<; 'über die Säulen des Herakles 
hinaus'. 

UTTO 'unter — hin', ai, 2ipa mit Akk. 'zu', 1. s-iih 'unter', 

got. uf 'unter' mit Akk., ei iif hröt mein ingaggais 'daß du 

unter mein Dach kämest'. 



316 Formenlehre. [§29G— 298. 

Onö TTÖVTOV ^büo€TO 'er tauchte unter das Meer', Otto Tiva 
cTvai 'einem unterworfen sein", üttö tö opoq rjuXiZovTo 'unter dem 
ilerge ^ani Fuße) übernachteten sie^ : aucli zeitlich: utto vÜKxa 'pegen 
<lie Nacht liin\ 1. suh noctcm, üttö tiiv vOkto 'während der Nacht'. 

(JLk; zu , klass. nur bei Personen, ist erst im Griech. 
Priip. geworden und bedeutet eig. 'wo\ Bei Homer nur 
p 21 S iJu<; dei töv 6)aoiov uVei öeöq ibq töv ojioiov 'wie der 
Gott immer den gleichen zum gleichen führt', eig. 'wo 
er den gleiclien findet, oder wohin er den gleichen 
führt\ Vgl. IF. 18, l.")!. 

III. Der echte Genitiv. 

!^07. Im Griechischen .-ind der idg. Genitiv und 
Ablativ zusammengefallen, und sie sind daher zu scheiden, 
(her die mannigfachen Formen des echten Genitivs werden 
wir erst ins klare kommen, wenn wir die Form erklären 
können. Nun ist es so gut wie sicher, daß der lat. Gen. 
der 2. Deklination nichts weiter ist als ein Kasus inde- 
finitus, daß der (Jen. der 8. Deklination ttoö6<; gleich 
einem Nom. ist, und daß der Gen. der 2. Deklination 
(hom. 'iTTTTOio, ai. a^vasja) eine Art Adjektivbildung ist. 
Außerdem ist beachtenswert, daß in allen Deklinations- 
klassen mit Ausnahme der o-Stämme der Gen. schon im 
Idg. mit dem Abi. der Form nach identisch war, während 
im Plural der Genitiv eine besondere, noch unaufgeklärte 
Form hatte. In weitem Umfang kann man j«'denfall8 
den Genitiv einem Adjektiv gleich setzen, wie denn auch 
vielfach das Adjektivum durch den CJenitiv abgelöst wird, 
vgl. Wackernagel Melanges Saussure 137 ff. So faßt 
denn auch Brugmann Grd." 2, 2, 572 jetzt den Gen. als 
den Kasus indelinitus eines substantivierten Adji*ktivs, 
der im Satz teils freier für sich stehen konnte, teils sicli 
«•nger an oin einzelnes, verbales oder nominales Satzglied 
anschloß. 

A. Adnominaler Genitiv. 

JiOS. Der Genitiv drückt ähnlich wie in der Kom- 
position das erste Nomen alle Beziehungen »aus, die 



§ 298. 299. J P.üdoutun^ und (lübrauch »Ut Kuwiih. '.'AI 

zwischen zwei Nomina bestehen kcinnen. Die Einteihin^ 
der Schnli^^ranmuitik liat wenig \\'ort. llberall kann man 
den Cion. durch ein Adjektiv oder ein Kompositum 
übersetzen. 

a) Subjektiver (lenitiv : Aii.uoad^vouc; Xüyo(; 'die demo- 
athenische Uede\ Ziuq)poviöKou uiö^ 'der Sohn des S.", vgl. TeXa- 
jLiiJüvioc; TTüig 'Sohn des Tohiinon\ oiKia tou iraTpöc; 'das vtlterlicht* 
Hau8\ TToXiTou äpexr) 'Bürgertuf^end', 

b) Objektiver Gen.: ^möuiaia xP'll^ciTUJv 'Begierde nach 
Schätzen, Geldverlangen\ 

c) Gen. des StoÜ'es und Inhalts des Wortes: Teixoq XiOou 
*^Steinmaucr, ttXoigv airou '^Getreidefahrzeug\ boöXoq tt^vtg iuvüjv 
*^ein zehn Minen werter Sklave'. 

d) Der Gen. part. : 6 bfiuo(; tOuv 'AO^ivaiuuv 'tias athenische 
Volk'. 

B. Der adverbale Genitiv. 

!^99. Ob der adverbale Gen. seiner Gebrauchsweise 
nach einheitlicher Herkunft ist, scheint mir zweifelhaft. 
Einerseits entspricht er einem Kasus indefinitus und ist 
einfach adjektivisch, anderseits berührt er sich so nahe 
mit dem Abi., daß man oft schwanken kann, ob der 
Abi. oder der echte Genitiv vorliegt. Die Entscheidung, 
daß wir es mit dem echten Genitiv zu tun haben, liefert 
hauptsächlich das Indische, weil hier Gen. und Abi. ge- 
schieden geblieben sind. Es ist aber auch dann anzu- 
nehmen, wenn wir im Griech., Lat. und Germ, den Genitiv 
übereinstimmend antrefifen. 

a) Fast identisch mit dem adnominalen Genitiv steht 

der Gen. bei sein, werden, zu etwas machen, für 

etwas halten. 

Gallia est Ariovisti ^Gallien ist ariovistisch\ 6 iraic; bexa 
^TÜJv rjv "^der Knabe war zehnjährig", iiaTpöc; b' ei.u' aYaOoTo 'ich 
stamme von einem guten Vater. Vgl. got. pize ist piudangardi 
gudis 'tiöv ycip toioijtujv ioxxv r\ ßaaiXeia toO öeou" 'solcher ist 
das Reich Gottes'; asächs. tvärun is MwisTceas '^sie waren von 
seiner Familien 

b) Bei Verben wie Wahrnehmen, Hören, Sich 
erinnern. An etwas denken, Sich um etwas 
kümmern. 



31S Formenlehre. [§299. 

a{öOdvo|Liai 'nehme wahr", xi oder Tivöq, dKouiu, dKpodo|iai mit 
Gen. der ]*er80n und Akk. der Sache, töiv naprOpiuv dKriKÖaxe 
'ihr habt von den Zeugen gehört' (könnte auch als Ablativ auf- 
gefaßt werden), \)\ii.iq ^}xo\) äKovoeode Tiäaav xfiv oXridemv 'ihr 
werdet von mir die ganze Wahrheit hören\ |ai|ivriöKouai 'erinnere 
niich\ ^Tri\avOdvo|aai 'verge6se\ qppovxiltu 'kümmere mich um\ ^tti- 
lieXe'ojLiai 'sorge für', lueXei |lio{ tivgc; 'mir liegt an etwas', öXiyujpeiu 
'achte geringe äiueXe'uj 'vernaclilässige', laexaueXei uoi xivo^ 'mich 
reut etwas\ Vgl. 1. meinini, revordor, ohliuiscor mit Gen., got. haus- 
jüH ßize waurde 'auf die Worte h()ren\ got. yamunan 'sich er- 
innern eines Dinges', asächs. thenl-eati thero thingo 'an die Dinge 
denken\ Auch in diesen Fällen kann der alte Kasus indefinitus, 
das Adjektivum, vorliegen, und es konkuriert hier der Akk. stark 
mit dem Gen. 

c) Bei Verben des Herrschens, Waltens, Ver- 

fügens über. 

Kpaxeuj, dpxuj 'herrsche", ßaaiXeüuu 'bin König', Tupavveüio 
'bin Tyrann", f|Y^o,uai, axpaTriYtoi 'befehlige". Im Aind. steht bei 
kß 'herrschen' der Gen., ahd. desero brunnono hedero waltan 'Herr 
werden über diese beiden Brünnen', 1. verum jjott'ri. 

(I) Bei Verben wie Essen, Kosten, Genießen 
steht der Genitiv, den man als partitiven bezeichnet. 

eaOiouöi TÜJv Kpeujv 'sie essen Fleisch', Ttivouai toO oivou 
'sie trinken Wein\ Ebenso im Germ., got. ßis hlaibis matjai '^k 
Toö dpxou ^aOieTuu"*, 'er soll das Brot essen'; asächs. »ra<e;rs f^Wn- 
k((n 'Wasser trinken", frz. du ein usw. 

Dieser Gen. i)art. findet sich auch noch in weiterer Aus- 
dehnung: 67T€,uvye uoi tüjv ^xaipiuv 'er schickte mir (mehrere) von 
den Geführten", xf^q "fn<^ ex6|aov 'sie verwüsteten einen Teil des 
Landes". 

e) Bei Verben wie Anteil haben, Anteil nehmen. 

H^xeöxi |Lioi xivoq 'ich habe Anteil an", TrpoariKei yxox tivo<; 'mir 
kommt Anteil zu", KoivujvfcLu, inex^x*^ t"^"^! xivo<; 'nehme teil mit 
jemand an", z. B. dvOpdjTrou H^uxn xoO Oeiou laexe'xei 'die mensch- 
liche JSeele hat am Göttliclien Anteil". Auch dieser Gen. ist wohl 
partitiv. 

f) Bei Ver})en, die ein Ziel ausdrücken wie Streben, 

Begehren. 

fc'TTiOu)ituj 'begehre', ^pduj 'verlange leidenschaftlich', öpeYO- 
uai, ^q){€|aai 'strebe nach', 1. cupio, studeo, vereor, got. gairnjan 'be- 
gehren" mit Gen., asUchs. gerod g'i thefi rikeas 'begehrt das Reich', 
rOntod gi rehtero dingo 'strebt nach rechten Dingen". Im Gr. steht 



^ 299.J Bedeutung' und Gebrauch der Ka><u.M. 319 

(iiescr Gen. auch sonst bei vielen Verben, •/.. H, h. öp^Earo boupl 
q)aeivLÜ ''EKTopoq 'er suchte mit dem yliinzenden S])eer Hektar zu 
erreichen'. 

g) Bei Verben des Füllens, Silttigens, Mangeins. 

t']UTri|iiTT\rijm, uXripöuu ti xivoq Tülle etwas mit', b^o|Liai 'bedarf 
eiiTTopeiu 'habe Überfluß an'. Entsj)rechend irot. (jafulljands 
awam akeitis 'nachdem er einen Schwamm mit Essig gefüllt hatte'. 

Anm. 1. Der Gen. steht nicht nur beiden angeführten Verben, 
sondern auch bei den entsprechenden Adjektiven kundig (^iri- 
öTiiiLicuv; e,uiTeipo^ "erfahren"", d-rreipog 'unkundig'), eingedenk (luvri- 
Liiuv, d.uvriiuujv), besorgt um (dTri|LA€\r)<;, djaeXriq), teilhaftig (^ex- 
oxoc, duoipoO, mächtig {i-^Y.^o.ix\(i, dKpaxriO» voll (jaeaTÖt;, irXripric;) 
genug (äXic), leer (k6vöc, €pri,uoq), bedürftig (dvberie;). Ebenso 
im Lat. und Germ. Vgl. got. ahinins iveihis füll 'des heiligen 
Geistes voll', asächs. ghvitties ful 'voll Klugheit', spräkono sjmM 
'der Sprachen kundig'. 

h) Einen unabhcängigen Genitiv und darin wohl eine 

sehr alte Gebrauchsweise tinden wir im Gen. der Zeit. 

^o-aepac, "abends', rioOg 'morgens', depouq Mm Sommer, Toüb 
aOTOö XuKdßavTOc; eXevoeiai iv^db^ 'Obuaaeü^ S 161 'noch in diesem 
Jahr wird 0. hierher kommen', xpiOuv eTUJv g^jk rjXOe 'in drei Jahren 
kam er nicht'. Ähnlich braucht man im Got. den Gen. von iiahts 
und dags, was sich bei uns in nachts erhalten hat. Im Lat. und 
Ind. liegt dies nur in adverbialen Resten vor. Auch in Verbin- 
dung mit Adverbien finden wir diesen Gen. biq xfiq fi|uepa(; "zwei- 
mal des Tages', Tpic; toü eviauTOö "dreimal jährlich', eiKOöi ^väq 
dXd,ußavov Toö inrivöq "sie empfingen 20 Minen monatlich'. Wie 
man aus den letzten Beispielen ersieht, kann man diesen Gen. 
adjektivisch übersetzen. 

Da Zeit und Ort im Idg. immer gleich bezeichnet 
werden, so müssen wir auch einen Gen. des Orts an- 
nehmen. 

Wir haben noch im Deutschen : geh deines Wegs, got. manna 
sums gaggida landis "ein Mann ging über Land', gr. epxovTO Tiebioio 
B 801 "sie kamen über die Ebene', u-ndYGÖ' u.ueiq Tr\<; öboü "geht 
des Weges weiter'; ferner in Adv. wie beEiaq, dpiarepäc; "rechter 
Hand, linker Hand', tevai toü upööiu "vorwärts gehen'. Hierher 
gehören auch Fälle wie hom. TZiev toixou toO eTepou "er setzte 
sich an einer andern Stelle der Wand', epeiaaxo x^^P^ 'f^ciX^i^ Töiri? 
'er stützte sich mit fester Hand auf die Erde'. Hierher ist wohl 
auch der sog. Genitiv des ergriffenen Gliedes zu stellen: töv 
be TreaövTa Trobujv eXaßev 'er ergriff den Gefallenen an den Fü- 



320 Formenlehre. [§299. 

ßeir, lind dann der Gen. bei Verben des Anfassens. Berti hrens 
überhaupt, wie Xaaßdvouai Taspe an', äuTouai, ijjau.u 'berühre', 
^XOLiai 'balte mich an, grenze an\ wie im iSlaw. Anzuschhelien 
ist hier wohl der Gen. des Sachbetreffs, wie ihn Brugmann 
Grd.-, 2, '2, 576 nennt: hom. TpiTToboc; TTepibdüiueOov 'laßt uns 
um einen Dreifuß wetten', wo/u dann auch der Gen. der Gemüts- 
bewegung geliört, bei Oaujadluj Tivd rivoq 'bewundere einen wegen 
etwas', dyaiaai 'bewundere', qpOoveuu Tivi tivgc; 'beneide', eübai- 
laoviZiu), uaKapi^iu, li-jXöuj 'preise gUickiich'. l'nd schließlich ist 
hier der Gen. bei Ausdrücken des Beschuld igens und des 
gerichtliciien Verfahrens anzuschheßen, der sich auch im 
Lat. erhalten hat. 

Der Genitiv hatte im Idg. und im G riech, eine auI^Ner- 
ordentlich gr( )ße Anwendungsweise, die wir vielfach nicht mehr 
nachfühlen können, was sich aber aus der ursprünglichen 
Natur des «un])estimmten Kasus» erklärt. Die wirkliche 
Entwicklungsgeschichte der Gebrauchsweisen des Gen. ist 
mir noch nicht klar, und sie klarzustellen bedürfte weit- 
gehender Untersuchungen. Als Rest der alten Gel)rauchs- 
weise ist es jedenfalls aufzAifassen, daß er sich eigentlicli 
mit vielen andern Kasus, Akk. Instr. Abi., nahe berührt. 
Ob wir es in den angeführten Fällen immer mit echtem 
Genitiv zu tun haben, ist mir zweifelhaft, in manchen 
Fällen könnte man auch an ablativische Herkunft denken. 

i) Der Genitiv bei Präpositionen. Im Ind. und 
Lat., die den (ienitiv deutlich von andern Kasus scheiden, 
werden echte Präpositionen nicht mit dem Genitiv ver- 
bunden, abgesehen von Fiülen wo man eine Ellipse an- 
nehmen kann. Auch im Germ, ist der Fall selten. Als(» 
wird die Gebrauchsweise nicht ursprachlich sein. Zuerst 
hat R. Meister Gr. D. 2,297 einen Gen. loci nach den 
Präpositionen «tto von', i^ 'aus', dq angenommen in 
Fällen wie hom. iv 'Aiöao, eig 'Aibao 'in den Hades', eiq 
ArfUTTTOio. Ih-ugmann (ir. Gr.-' 437 ff., Grd.^ 2, 2,610 ist 
dieser Ansicht gefolgt, während die antike wie die mo- 
derne Wissenschaft darin eine Ellipse sah, l^ei der öö|iov 
oder Ahnliches zu ergänzen wäre. Die ältere Ansicht be- 
stellt al)er, wie auch t^olmscn Rh.M. ()1,49() annimmt, 
zu Recht. 



i:? 'Jl>9. liOü.j Uedi'iitun^' utid (Irhriiuch «1er Kasiis. Ji21 

A n Ml. 2. Ks ist solion auffallend, dnli diefler Gc^n. kowoIiI den 
Kok. \vu» den Akk. v«»rtreltMi kann fauch in der Verbiu'luny: mit hi., 
"Aiboc; b^ ßfcßnKti 'or war nach dem Hades gej^an^en';. Dann er- 
gibt eine J^etrachtunjjjsweise der honu'rlHchen Fülle das Unhalt- 
l)are von Meisters Ansicht, tienn nt^hen <ler kürzern Ausdrucks- 
weise lindet sich auch die vollere, K 512 u. <). eiq 'Aibeiu (evai hö- 
laov 'in das Haus iles Hades gehen\ X 52 u. n. eiv 'Aibao böuoi- 
öiv; v^l. ferner büvai boiiiov ''A\boc; e'iauu T 822, und KaxeXOovx' 
^'Aiboq ei'aiu Z 2M; ä\d\T-|Mai dv' fOpuTruXfe^ ^'Aiboq büü Y 74 und 
€i(; "Aiböc; Ttep lövxa TruXdpxao Kpaxepoio. Wie man statt kiüjv 
bÖLiou It 'Aibao \ 79 saften konnte eE "Aiboq \ G25, fo ließ man 
auch hei den andern Verbindungen böy.oq oder Ähnliches weg. 

Brugmann Grd.- 2, 2,611 nimmt den echten Gen. 
noch bei einer ganzen Reihe von andern Präpositionen 
an, wie djuqpi, dvd, dvTi, et, erri, Kaid, lueid, Trepi, Tipöc;. 
Z. T. handelt es sich aber hier um ablativischen Gebrauch, 
und wir behandeln daher die gesamten Präpositionen erst 
§ 300, während in andern Fällen griechische Sonderentwick- 
lung vorliegt. 

IV. Der ablativische Genitiv. 
300. Der idg. Ablativ bezeichnete die Richtung 
«woher» oder den Ausgangspunkt der Handlung, was sich 
im Griech. noch deuthch erkennen läßt. Er steht : 

a) Bei Verben der Trennung und Entfernung. 

Xuupiluj xivöc 'trenne von^ d-rrexuj "^bin entfernt-, eip^uj 'halte 
ab', direxonai 'enthalte mich', kujXOuu 'hindere', cpeibojLiai 'schone^ 
dTToaxepeuj "^beraube^ axepouai 'bin beraubt', ciTraXdxxuj, diroXüu), 
eXeuöepöuj 'befreie^ uapaxujpeuu, eiKoi 'weiche von etwas', uqpieiuai 
"^iaese naeb in', irauo.uai, Xr]ynj 'Jasse ab von', dpxouai 'beginne', 
YiYvo.uai 'stamme% Xüuj 'löse', aiyluu 'rette', bexoucu 'empfange' 
u. a. Vgl. 1. lihero, soJvo mit Abi. 

b) Bei Verben des Kaufens, Verkaufens, 

Schätzens. 

ujv60)Liai, Trpia,uai, dYopdZiuj "^kaufe', xi,uduu 'schätze', dEiöuj 
^halte für wert', tiijuX^uj, dirobiboiuai 'verkaufe', [uiaOÖLu 'vermieten 
wie 1. vcndere, enio'e mit Abi. Die Gi'undbedeutung ist 'etwas 
kaufen von dem, was man hat', xaXdvxou ujveiaOai 'für ein Talent 
kaufen'. 

c) Beim Komparativ. 

laeiZiujv xivö(; 'größer als einer', 1. minor imtre) im Got, steht 
Hirt Griech. Laut- u. Formenlehre. 2. Aufl. 21 



322 Formenlehre. [§ 300. 

als Vertreter des Abi. der Dativ, swinpöza mix 'stärker als ich', 
das bedeutet eigentlich 'größer oder kleiner von etwas ans 
gerechnet'. 

d) Bei Verben der Gemütsbewefrung. 
Kexo\uu|i^voq 'AiLiqpiiactxoio 'erzürnt über\ 'Aoiou dxvu|Li6vo(; 

'betrübt über\ L (/andere, gloriari, dolere aliqua re. Im Germ, steht 
der Gen., altsächs. fhes thingc.^ tncndinn 'sich über die Sache freuen'. 
Anm. Bei Adjektiven mit der Bedeutung 'wert, würdig', 
Tiuioq, ähoc;, ävdtwq. 1. dignus, hidignus, ^iraivou öEioq, laude dig- 
tiiis; 'maugelhabend, leer, frei', ^vbei'ic. kgvöc; 'Jeer\ €\eOöepo(; 
'frei', 1. nudns, orbus, liher steht der Ablativ, der aus dem ad- 
verbalen erwachsen ist. 

e) Der Genitiv ab solutus entspricht dem hit. 
Ablativ absolutus. Er ist in Sätzen entstanden, wo der 
Genitiv direkt vom Vcrbum abhängig war und hat sich 
dann erst losgelöst. Auch der echte Genitiv ist an der 
Entstehung beteiligt. Im Got. finden wir einen Dativ 
absolutus, der aber nicht von dem Verbum losgelöst ist, 
im Aind. den Genitiv. Wenn man auch die freiere Ge- 
brauchsweise nicht in die Urzeit verlegen darf, so kann 
die Übereinstimmung zwischen Griech. und Lat. doch auf 
späterer, gemeinsamer Entwicklung beruhen. 

f) Ganz deutlich steht der ablativische Genitiv bei 
einer Reihe von Präpositionen. 

anö, \. ah c. Abi., ai. dpa, das keine Prä])Osition, 
sondern nur Adverb ist, got. af c. Dat. von etwas her\ 
altsächs. icendian af icerohJi 'von der Welt wenden'; dq)' 
'iTTTTOJV dXio xa\xdt^ 'von den Pferden sprang er zur Erde\ 

et, €K, 1. e.i c. Abi., gall. c.c 'aus heraus". 

Kaid (s.o. S. 814) in der Bedeutimg «abwärts von 
etwas her», Kaict KXi)aaKog Kaiaßaiveiv 'die Treppe hinab- 
steigen'. Die Bedeutung ist ursprünglich die gleiche wie 
bei Kttid mit dem Akk. Der Abi. -Gen. drückte schon 
ganz allein die Picht ung «von her» aus, die Kaid nur 
näher niüdilizierte. 

TTapd (s.o. S. 315): ^px6)a€voq irap' ^laipou 'kommend 
von dem Gefährten'. Es gilt dasselbe wie von Kaid. 
Die älteste Bedeutung war «bei etwas seiend >, und der 
Ablativ-Genitiv drückte die Beziehung «von her» aus. 



§ 300.J Üeileutun^ iintl (.iebiuiich der KasuH. 32)i 

TTepi (s. (). S. 'Mi)) c. Cien. entspricht :ii. juiri mit 
Abi. «von etwas her>» ; es steht in Füllen wie: Sorpen um 
etwas: |uep,uiipi2[eiv Tiepi Tivoq 'sorgen um etwas', Trepi 
TTOiUTrriq iLAvncTüptvya 'wir werden an das Geleit denken', 
Tiepi TrdvTUJv t|H|Lievai aXXujv, eig. irepi eivai 'hervorragend 
sein von allen her'. 

TTpo, 1. pro c. Abi., ai. pra 'vor, hervor, vorwärts, 
voran, fort\ got. faüra 'vor' mit Dat. Das Tipö gehört ur- 
sprünglich zum Verbum, wie es denn aind. nur Präverbium 
ist. Der Abi. ist dann bedingt durch die Bedeutung des 
Verbs; aTfjvai irpö Tpdiaiv 'als Verteidiger vor den Troern 
stehen', eig. 'vornstehen von den Troern her, irpö qpiXuuv 
luicixecrdai 'vor den Freunden kämpfen', eig. 'vorkämpfen 
von den Freunden her'. 

TTßoq (s. o. S. 315) nur poet., trat als Adverbium 
zum abl. Gen. dXiIj,u6vog 'iket' ejuöv öuj, rie iTpöq rioiLuv r\ 
ecnrepicuv dvQ-piÜTTUJV 9- 29 'herumirrend kam er in mein 
Haus, sei es von den östlichen oder den westlichen 
Menschen her. 

UTTO (s. 0. S. 315) 'von unten her', 1. siib c. Abi., 
peei Kpnvri urrö CTTieiou^ 'es fließt eine Quelle unten von 
der Höhle her, unter der Höhle hervor', 1. sah terra lapides 
eximet. 

Außerdem steht der abl. Gen. bei einer Reihe von 
Präpositionen, die die Trennung bezeichnen, und die erst 
im Griech. zu Präpositionen geworden sind, wie dveu 'ohne' 
(vgl. das lautlich nicht übereinstimmende 1. sine, während 
got. irmli, unser ohne den Akk. regiert), d'iep 'ohne, 
außer', ai. sanutär, öixa 'ohne, außer', eKd<; 'entfernt, ge- 
sondert', i^TOC, 'außerhalb', evep^e 'unterhalb', vocrqpi 'ent- 
fernt von', ÖTTicr^ev 'hinten, von hinten', Tidpog 'vor', ai. 
puräh, TiXriv 'außer', x^^P^^ 'getrennt von' u. a. 

In folgenden Fällen ist die Auffassung des Kasus bei 
der Präposition unsicher. 

d|Licpi 'um' (s. o. S.314): judxea^ov TiiöaKOc; dfiicp' oXiTn«; 
'sie kämpften um eine kleine Quelle'. Hier liegt wohl 
der Gen. loci vor. 

21* 



324 Formenlehre. [§300.301. 

dvd hinauf' (s. o. S. 314) ist selir selten und wohl 
Vorliindungon mit Kaid nachgebildet. 

dvTi 'gegenüber, ai. ('mti nur Adverb, lat. ante 'vor, 
got. atid über' mit Akk. Man kann auffassen 'gegenül»er 
von etwas b(»r' dvii tou Mivoiaupou. Später hat es die 
Bedeutung 'für . 

^Tii 'auf (s. o, S. 314): oüt' em -pK o^^^ ^"""ö Tn<^- 
Hier ist wohl der Gen. loci anzunehmen, falls nicht Nacli- 
bildung nach uttö vorliegt. 

laexot 'mit, unter' (s. o. S. 315): eiuq fjv juei' dvv^puu- 
TTUJV solange er unter den Menschen war'. Wohl eig. 
Cien. i)art. 

Jedenfalls hat zur Aus])ildung dieser Konstruktions- 
weisen in hohem Maße die universelle Bedeutung des Gen. 
im G riech, beigetragen. 

V. Der echte Dativ. 

•iOl. Der echte Dativ ist der Kasus des entferntem oder 
indirekten Objekts, der Beteiligung und des Interesses, 
und liegt als solcher in allen Sprachen vor. Überwiegend 
erscheinen Personalbegriffe im Dativ, und da dieser Kasus 
trotz Delbrück (Ird. 3, 185, wie jetzt auch Brugmann 
Grd.^ 2, 2,474 annimmt, eine lokale (Jrundb(Mleutung ge- 
hal)t hat, so kann man ihn als den Lokativ der Personen 
bezeichnen. Auch formell ist der Dativ mit dem Lokativ 
nahezu identisch. 

Die verwandten Sprachen stimmen in dem (lebraucli 
des Dativs in allen wesentlichen Punkten überein, so daß 
die einfache Vergleichung des (Jr., Lat. und Germ, das 
Ncitige ergibt. 

Der Dativ steht: 

a) Bei transitiven Ver))en als entfernteres Objekt: 
öibovai Ti Tivi viitcm cttnis tichvn. 

b) Bei intransitiven Verben wie ßoiiOeuu, d)auvuj, 
Ti)nujptiu 'helfe', Tiapaiveiu, auußouXeuiu 'rate', ^tti-, irpoö"- 
TdiTO), TTapaKeXeuouca Inifehlc', Xuö"iT€Xt\u 'nütze', (Juuqptpei 
es nützt", iLifcuqpoucu, tTTiTi|aduu niache einem Vorwürfe , 



ijo01.30'J.l lU-tUMiliinj,' lind (iebiaiuh der Kasus, 325 

tTTOiacxi, uKoXouOto) t'ol^e', TTtiOo^ai 'gohorche', qpOovtuj 
Tivi Tivoq heiHÜdo einen um , fcuxo|a(xi Toiq OeoT<; Ti 'l)itte 
/AI den (löttein um etwas, TiptTTti, TTpocTiiKei |aoi es ziemt 
sich für niicir. 

c) Als loserer Dativ des Interesses: 

TTÖg ä\i]p auTUj TTovei 'jeder Mann müht .sich für sich selbst', 
TToXXoi |tioi qpiXoi eiaiv 'viele sind mir befreundet' oder als Dativus 
ethicus lu t^kvov, ri ß^ßiiKev r||.uv ö H(^vo(; 'O Kind, ist uns der 
Fremdling fortgei^angen T. 

d) In den Dativ tritt die tätige Person beim Passiv, 
häufig beim Perfekt und Plusquamperfekt, regelmäßig 
beim Verbaladjektiv : xi TTfeTTpaKiai toT^ dXXoK; was ist von 
den andern getan ?\ ejuoi TToXe|uriT60V ecTTiv, mihi pugrKut- 
(lum est. 

e) Bei den Adjektiven wie gleich, ähnlich u.dgl. 
icro^, öjuoio^ 'gleich', dvöjuoiog ungleich , dXiYKio<; ähnlich'. 

VI. Der lokativische Dativ. 

303. 1. Als selbständiger Kasus ist der Lokativ 
nur im Arischen, Litu-Slawischen und Umbrisch-Oskischen 
erhalten. Die ursprüngliche Bedeutung wird durch unser 
in mit dem Dativ am besten umschrieben. Er bezeichnet 
den Ort, wo sich etwas abspielt. Da der griech. Dativ 
formell in den meisten Fällen gleich dem Lokativ ist, so 
sind Ausdrucksweisen ganz regelrecht wie Oeö<; b' lu^ 
TieTO ör|)Liuj 'wie ein Gott wurde er im Volke geehrt' ; — 
ecTTi öe Ti cnreoc; ßadein«; ßev^ecri Xiuvii«; 'es liegt eine 
Höhle an der Spitze des tiefen Hafens'. Handelt es sich 
um Personen, so kann der Lokativ im allgemeinen nur 
dann stehen, wenn eine Mehrheit vorhanden ist, wo wir 
mit «unter» übersetzen, z. B. lueieTTpeTre 5e Tpuuecrcriv er 
zeichnete sich aus unter den Troern'. 

2. Auch bei Zeitangaben steht im Indischen und 
Slawischen der Lokativ, so daß wir Ausdrücke wie xr) 
TTpoxepaia 'am vorhergehenden Tage', eiKOcrxüj exei 'im 
20. Jahre , 'OXu)littioi(; 'bei den olympischen Spielen' usw. 
als lokativisch auffassen könnten. Aber bei Zeitangaben 



326 Formenlehre. {§302. 

wurde indogurin. auch der Instrumental gebraucht, und 
es ist in vielen Fällen nicht zu entscheiden, welcher Kasus 
im (Jriech. vorliegt. Ursprünglich stand wohl der Lokativ, 
wo es sich um einen oder mehrere Zeitpunkte handelte, 
während der Instrumental melir den Verlauf bezeichncti-. 

o. Wie im Lat. bei den \\'rben pono, loco, colloco usw. 
abweichend vom deutschen in mit dem Abi. steht, so 
finden wir auch im Griech. Verba ähnlicher Bedeutung 
mit dem Dat. -Lok. verbunden. Es beruht dies auf dem 
Sinn der Verben, der in diesen Fällen perfektiv ist. 
Tiecreiv Trebi'iu heißt nicht «auf den Boden fallen», sondern 
«auf dem Boden aufschlagen». Dagegen linden wir bei 
dem impi'rfektiven TTiTTieiv fallen' den Richtungsakkusativ : 
ßeXea eiujaia TriTiTei epa^e die (leschosse fallen nach der 
Erde hin . KoXeuj |Liev aop \>eo schiebe das Schwert in die 
Scheide, eig. bringe es zur Ruhe in der Scheide. 

4. Von Präpositionen wurde vor allem tv in , 1. 
in mit dem Lok. verbunden, wenn es den Ort 'wo' hc- 
zeichnen soll. Aus ev wurde nach it aus' im Griech. 
evg, dq in neugebildet und auf die Verwendungsweise 
mit dem Akk. beschränkt. Die Präposition ev ersetzt in 
der Hauptsache den eigentlichen Lokativ : ev ttövtuj auf 
dem Meere', ev vukti 'in der Nacht. 

An ev schließen sich z. T. schon seit idg. Zeit andere 
Präpositionen an, die zunächst als zu dem Kasus hinzu- 
tretende Adverbia aufzufassen sind, ohne daß sich die 
Bedeutung nocli überall klar erkennen läßt. 

d|Licpi 'herum' (s. o. S. ;>14): Kpea b'd|aqp' ößeXoicTiv 
eireipav sie steckten das Fleisch an die Bratspieße, aber 
so, daß es herumragte', 'Axaioi ecTiacrav diuqpi Mevomuöri 'die 
Achäer standen Ix-im M. rings lierum'. Vgl. ags. j/mhe 
mit Dativ. 

avu 'oben auf' (s. o. S. 314) i.st dichterisch ; es kehrt 
im (Jot. wieder, wo mia auch mit dem Dativ verbunden 
wird: i/af/fiands ana Diarein auf dem Meere wandelnd', gr. 
eube dvd fapTdpuj dKpuj 'er schlief oben auf dem Gipfel . 

€TTi 'auf' (s. o. S. 314), ai. <'ipi mit Lok. 



§302.303,] i;oilcutmig uiul (ichnuu'h der Kuhuh. 827 

^L^t" im r€JTOiai XiOoiai 'er setzte picii auf die gej?hltteten 
Steine', iixl x^ovi oituv thovxee; 'auf tl(?r i-irde llnjt essend", ^tti 
TLU Tp(TUj an^eitu bei dem dritten Zeichen', ^tri toutok; 'gleich 
darauf"", Im Toic; TroXeuioic; elva» 'sich in der (lewalt der Feinde 
befinden', ouk eu\ Tt'xvr]. äW"" ^ttI uaibeia iitavödveiv 'nicht zum 
Beruf, sondern zur lüklunj; lernen'. 

ineid 'untor' (s. o. S. 315), poetisch. 

üXXd |Li€Td TrpujToiaiv ludxnv dvd Kubidv€ipav Varauai 'aber ich 
stehe inmitten bei den ersten in der Seidacht', "EKXopa, öq Oeöt; 
^OKG !li6t' dvbpdai 'den H., der ein Gott unter den Menschen war". 
Hier könnte dem Sinne nach auch der bloße Lokativ stehen. 
Got. entspricht tnip c. Dat. 

Tiepi 'rings herum' (s. o. S. 315), meist poetisch. 

TTepi ZKaifiai -nuXiiai 'bei dem skäischen Tor rings herum', 
Kai TÖT6 hi] -rrepi Kfipi TToaeibduuv ^xoXuuOr] N 206 'und damals 
zürnte P. im Herzen rings herum', bebi€vai irepi xivi '^besorgt um 
einen sein", irepi toT<; cpiXxdToiq Kußeueiv 'um das Liebste würfeln'. 

TTp6(; 'bei, an. neben' (s. o. S. 315), ßaXXöueva TipoTi 
Yani 'auf die Erde -werfen', 6 KOpo<; 'qv Trpöq BaßuXüuvi 
'K. stand bei Babylon', Trpö<; louioig 'außerdem'. Im 
Awest. kommt j;a'/i mit dem Lok. vor. 

OTTO 'unter' (s. o. S. 315), 1. suh c. Abi., ai. üpa mit 
Lok. 'bei, auf, got. ?(/, itf liimina 'unter dem Himmel, 
utt' i]eXiuj, 1. suh divo. 

VII. Der instrumentale Dativ. 

303. Der idg. Instrumental ist ursprünglich der 
«Mit»-Kasus; er drückt die Begleitung, die Verbindung 
und weiter das Mittel und Werkzeug aus. Letztere Be- 
deutung ist vielleicht die ursprünglichste. Er ist im Ind., 
Lit.-Slaw. und teilweise im Germ, erhalten, im Lat. aber 
mit dem Abi. zusammengefallen. 

a) Der Instrumental bezeichnet das Mittel und 
Werkzeug, die Ursache: ßdXXeiv Xidoig 'mit Steinen 
werfen'; — opüujLiev toT<; 6qp^aX,uoi(; 'wir sehen mit den 
Augen'; — x^^^^^^ Ta,uvouev]"i 'durch das Erz zerschnitten'; 
— KpaiTTvd TTOCTiv TTpoßißd(; 'schuell mit den Füßen vor- 
wärtsschreitend ; — dv^pLUTTog qpucrei Z^ujov ttoXitiköv der 
Mensch ist durch die Natur, von Xatur ein politisches 



328 Formenk-hro. [§303. 

Wesen'. Im Lat. entspricht der AM. instruraenti und 
causae: sole miuidiis illi(sfraiur\ — terra vesfifa est ßorihns. 
Aus dem Germ. vergl<'icho man: altsäch?. hanflun slög Vr 
schlug mit den Händen'; — got. hiindanfi »ras eisamahaud- 
jom er war mit eisernen Banden gehunden'; — altsächs. 
f/nainnt sweltau des Todes sterben', gr. S^avaiiu ^imioOv 
'mit dem Tode bestrafen'. 

b) Auch die Begleitung, die begleitenden Um- 
stände wird man ursprünglich als das Mittel auffassen 
dürfen, wie wir ja auch heute noch in solchem Falle 
■^^mit» gebrauchen. Jedenfalls ist diese Geltrauchswcise 
schon idg. Vgl. TpuJeq, toi )Liefa t£iX0*5 uTTepKaifcßncrav 
ojaiXuj die Troer, die im Haufen die große Mauer über- 
stiegen'; — Y^l^ocr^vi] öe OciXacTCTa biicTTaio 'in Freude 
klaffte das Meer auseinander'; — vgl. altsächs. gisnhun 
irerod kumaif hrahfiiiu 'sie sahen das Volk mit Lärm, mit 
(bedränge kommen', d. h. 'in großer Menge'; — eEeXavjvei 
Tuj aipaTeu.uaTi er marschiert mit dem Heer', 1. omftibus 
eopiis proßciscifur. 

c) Der Instrumental der Beziehung findet sich in 
Verbindungen wie eupuiepoq LU|aoiö"i breiter mit den 
Schultern', 1. alfero pedc claudus, altsächs. handon gibundan 

an den Händen gebunden^ Uduicastmou InhutKnl 'an den 
Gliedern gelähmt'. 

d) Der Instrumental steht bei Raum- und Zeit- 
begriffen. 

Wo Jas Liiri'I unwejJTsam ist, da ist es ganz natürlich, daß 
man 'verniitleli^t iles Weges' geht. In der Hanjit^'^achi* steht dieser 
Instrumental denn aueii hei den Begiillen 'Weg" und 'Tür\ ver- 
Miittelnt iloror man ja auch in das Hau«' tritt. 

Im (ir. ist nur öbiü lebendig, vgl. ^TTopeu€TO xr) öbtü, i^v irpö- 
Tcpov ainoc, tTTou'iaaTo Thuk. 'er marsoliierte auf dem Wege, den 
er früiier reihet angelegt hatte'; \.irc publica ria, Be'i\>. jntfon 
(Instr.) iti 'auf dem Wege gehen'. — Sirher ist dieeer Instrumental 
auch zu pehen in <len Adverhien in'i 'wie', Taüir) 'auf diese Weise', 
üXXrj 'auf andere Weise', wo öiMJü zu ergilnzen ist. 

Bei Zeitbegriffen haben die verwandten Sprachen 
ebenfalls den Instrumental, namentlich wenn es sich um 



1 



§303. :m.| l't'.U'iitun-r und (ioljrauch der Kusus. 829 

eine Zeitstreckc Imiulelt, v<^'l. 1. Iiodic, ahd. hudngn. Im 
Griocli. wird man Ausdrücke wio 'OXuuttiok; '\m Verlauf 
der olynilüschen Spiele', XP^vuj 'mit der Ziat, nach lant^cr 
Zeit', vgl. o"uv XP^viL) für diesen Instr. in Anspruch iiebnien 
dürfen. Vgl. Kühner-Gerth 1, 446. 

e) Der Instrumental des Mattes l)eim Komparativ. 
TToXXuj )U6i2!aJV um vieles größer', ebenso öXiYiJJ um weniges', 
juiKpiu, TOcrouTUJ fuei^uuv u. a. Vgl. alid. selis (hif/oji fora 
iJiiu 'um G Tage vor dem'. 

f) Bei Verben der Vereinigung oder der Verun- 
einigung. 

neiYvu^i, KepdvvuLii li tivi 'mische mif, ö,uiXeuu ^gehe um mit', 
Xpdouai 'gebrauche"", 1. ntor, KOivuuveuU; luexexiJU 'habe Anteil, nehme 
Teir, cruvTiöG,uai 'verabrede', biaX^YO^ai 'unterrede', ö\io\o^ia) 
ö|Liovo^uu 'stimme überein\ bmXXdxTo.uai, öuvaXXdxTouai 'versöhne 
mich', aiTfcvboiuai 'schließe einen Vertrag', eic; Xöyou«; eijui 'trete in 
Unterhandlung', biaqpepouai, ipiZuj, duqpiaßriTeuj 'streite mit\ biKd- 
LO}Jiai 'prozessiere"", -rroXeiueuu 'führe Krieg', judxouai 'kämpfe\ 

g) Bei den Verben des Kaufe ns steht außer dem 
abl. Gen. auch der Instr.: hom. oivi^ovio xc^^'^H^ ^sie 
kauften Wein um Erz'. 

h) Die Präposition, die den Instrumental Kar' 
eHoxnv regiert, ist (Juv, Huv, das ursprünglich zusammen' 
bedeutet und dem Instrumental keinen neuen Bedeutungs- 
inhalt gibt. In der Verwendung entspricht lat. cum mit 
Abb, doch lassen sich die beiden Worte lautlich noch 
nicht einwandfrei vereinigen. Außerdem finden wir mit 
Instr. ö"u|U|uiYa S'-ermischt, zugleich', äjua zusammen'. 

VIII. Die Bildungen mit -qpi, -qpiv. 

304. Bei Homer und seinen Nachahmern erscheinen 
Bildungen auf -cpi und -qpiv, die sonst dem Griech. fremd 
sind. Dieses -qpi-, -qpiv entspricht dem aind. -hJiih, das den 
Instr. Plur. bildet, und dem lat. -hus, das einen andern 
Vokal enthält. Auch in lat. ti-hi 'dir' steckt das ft/^-Suffix, 
das also im Sing, und Plur. auftritt. Im Arm. finden 
wir -h im Sg., -bk" im Plur. Ich habe IF. 17, 51 ver- 
mutet, daß -cpi mit got. hi, ahd. bi 'bei' eins ist. Ist das 



330 Formenlehre. [§ 304. 

richtiir. so kann natürlicli -cpi keine Xumeralbedeutiing 
gehal)t haben. Tatsächlich ist das im Griech. der Fall. 
Es heißt eK deöcpiv von Oott', uttö ZluTÖqpiv unterm Joch, 
aber djuqp' oaieöqpiv um die Gebeine', Trapd vauqpiv von 
den Schiffen*. 

Syntaktisch vertritt -qpi, -cpiv vorzugsweise den Lokativ, 
den Ablativ und den Instrumental, aber auch genitivische 
Bedeutung liegt vor, und man kann wohl sagen, daß 
überhau])t kein Gefühl für die ßerleutung mehr vor- 
handen war. 

A 11111. let mftine Ansicht von der Herkunft richtijr, eo 
würden die ältesten Fülle etwa folgende sein: Xeme Oüpriqpiv 'er 
ließ bei der Tür', d. h. 'vor der Tür", xd t Ivbodi Kai tu öupii^iv 
'dii8 im Innern und das vor (bei) der Tür", ßiri<pi T€ qp^piepo^ 
€(|ni 'hei meiner Stärke bin ich überlegen*, ßoöc; axeXriqpi }ie^' el- 
oxoq euXeTO 'ein Stier war bei der Herde bei weitem der hervor- 
ragendste'. qpOivOOei b' (iuqp' öaxeöcpiv XP'^<; '^8 schwindet rings hei 
<len Knociien das Fleiscir, Tr€'rToiöäöiv t€ ßiriqpiv 'sie waren voll 
Vertrauen bei iluer .Stärke', KeqpaXfi^iv ^irei Xdßev 'nachdem er ihn 
bei dem Hau})te gefaßt hatte', xaKÖv övap xeqpaXfiqpiv ^TTtarri 'ein 
b(")ses Traumhild Ftand bei dem Haupte'. Eint» vollständige Samm- 
lung der homerischen Fälle findet sicli bei Leo Meyer Gedrängte 
Vergleichung der gr. u. lat. Dekl. o4. 



§ 30r). 80(;.| 331 



Die «riechische Deklination. 



Fünfundzwanzigstes Kapitel. 
Die ^/-Deklination. 



«-105. Mit der Einteilung ihres SprachstofFes in drei 
Deklinationsklassen haben die griechischen Grammatiker 
eine durchaus richtige Einsicht bewiesen. Ursprünglich 
hat es allerdings nur eine Deklination gegeben, aber die 
Wirkung der Lautgesetze hat schon im Idg. eine Anzahl 
von Verschiedenheiten entstehen lassen, die das Sprach- 
gefühl nicht mehr als Einheit zusammenfassen konnte. 

In den folgenden Tabellen entsprechen die Formen 
ohne Klammern den idg., eckige Klammern | ] be- 
zeichnen, daß die Formen nicht als Fortsetzung der idg. 
gelten dürfen. Runde Klammern bezeichnen dasselbe, 
deuten aber an, daß die gleiche Neubildung auch noch 
in einer andern Sprache vorliegt. Das Zeichen i ■ soll 
darauf hinweisen, daß es nicht sicher ist, wie die idg. 
Form lautete, und daß die einzelsprachliche Form nicht 
sicher zu beurteilen ist. 

I. Die femininen ä-Stämme. 

306. Nach der ersten Deklination gehen die Worte 
auf -a, das im Ion. zu r\ wird. Diese Klasse entspricht 
der lat. 1. Dekl., den germ. -ö-Stämmen, wie got. giba 
^Gabe'. Da aus r) nach p, i, e im Att. wieder ä entsteht, 
80 erhalten wir zwei Paradigmen, eines mit durchgehendem 
ä und eines mit r|. Die Formen entsprechen im Sing. 
fast ganz, im Dual und Phiral ganz und gar nicht den 
indogerm. 



332 



Formenlehre. 



[§ 306. 





G riech. 


Lat. 


(iot. 


I.it. 


Idg. 


Sg. N. 


OK\ä 'Schatten' 


aqua 


giba 


algä 


-a 




ä\(^Y] ■Lolin' 




'(labe' 


'I^bn' 




G. 


öKiac;, üXqpi-ic 


familiäs 


gibös 


aUfös 


-a.v 


n. 


öKiä, üXcpr) 


(igudc 


gibai 


(thjai 


■äi 


A. 


OKxdv, dXcpqv 


(tquiim 


[giba] 


ahjd 


-(im 


V. 


öKid, ä\(p)] 


aqua 


giba 




-II 


PI. N. V. 


(ä\(pa[) 


(aquae) 


gibns 


aUfös 


-äs 


G. 


(cU9diuv, äXqpiiJv) 


(aqnarum) 


gibö 


aJgü 


-am 


A. 


(dXcpüq) 


{aquas) 


gibOs 


(algas) 


-üs 


L. 


ä\(pY\ai 


aquis 




ahiösb 


-äsu 




dXcpaiq 










D. N. 


[dXqpöl 










ii. D. 


fdXrpaiv' 











An 111. 1. \'<»n der liUit^'eBetzliclicn \'erteihing des x] und d 
^il)t es Hcheinhar einige Ausnalimen, die sich leicht erklären 
lassen. Ks heißt KÖpri f. 'Mädchen', weil aus KÖp/r]. ebenso dOdpii 
'Weizenn'ietrfWrei". bepri 'Nacken\ honi. beipi'i; KÖppii zeigt in ion. 
KÖpöri 'Kopf, Schläfe' noch das alte a. Kin i ist geschwunden 
un<l daher ä erhalten in iröa 'Gras', ion. uoir|, <ior. troiä; aroä f. 
'Säulenhalle', öa 'SchaffelP aus *öJ\a, IXdä f. 'Ölbaum' für Aaiü, 
"AJ)Tivdä. Nach u steht echt attisch i"): q)un 'Wuchs', dqpu)") 'Sar- 
delle'. aK€uri 'Rüstung, Gerät', aör| Fem. von aijo^ 'trocken', ötOri 
'Ihiche', oiTTU»] 'Hrotkorb'. Im dOpöa F. /u dOpöoc 'gesammelt', 
biKpoa f. 'Spair, XP<'<^ Farbe" hat das p ülier das o hinüber ge- 
wirkt. Sonstige Ausnahmen erklären eicl» als Entlehnungen, so 
Avbpoue'hü. ffeXü. AioTiuä. Ai'ihä, OiXoLu'iXä bei den Trairikern aus 
drm Nichtionischen. Yt'UjUfcTpiic.Ttpipixöpi"! ^^aber echtatt.Tep^Jixöpu), 
"E(piip»i aus dem Ionischen. 



Singular. 

1. Der Nominativ hat keine Endung, sondern es 
erseheint der bloüe Stamm, er ist also gleich dem Kasus 
indeünitus und tritt daher auch in der Komposition auf. 
Ausgegangen ist diese Kategorie, wenigstens z. T. von den 
schweren Basen auf -ö, wie TO)iii »Schnitt : TtimiKa habe 
geschnitten', jiecroöun Zwischenbau : bt-b)Ln"| lai es ist 



§306.) nie ^/-Deklination. ^'M 

erbaut. Da.s a ivst dann aber /u (Miicni r^'j^elrcchton 
Siiflix «jjeworden. Es hat, da es einor einfachen idg. Länge 
entspricht, den Akut. 

2. (ienitiv. ])cv Ausgang -äq mit regehT(;htem 

ZirkuniiU\\, vgl. ht. al(/ds, ist au3 ä und der Endung -so 

entstanden. Der idg. Schwund des -o bewirkt Ül)er- 

dehnung der vorhergehenden Silbe, vgl. Streitberg IF. 

3, 371. 

Anni. 2. Tni Ark. finden wir hier die Endung der niask. 
-(?.-St!tmme, lü.uiüu aus *Z!ä|aiäao. 

3. Dativ. Der idg. Ausgang -«/, gr. (TKia, lit. katml 

Welcher, ist aus -fi -f- ni kontrahiert, vgl. Inf, Ö6|aev-ai 

'geben, und hat daher regelrecht Zirkumflex, den außer 

dem Griech. noch das Litauische zeigt und das Gotische 

und Angelsächsische erschließen läßt. In dem griech. 

Dativ steckt aber formell auch der idg. Lokativ, a + ?", 

vgl. TTo5-i dem Fuße, das ebenfalls -^7/ ergeben mußte. 

Anm. 3. Nach § 148 wurden die Langdiphthonge vor Kon- 
sonant verkürzt. Es mußten daher im Satzzusammenhang Formen 
auf -äi neben denen auf -äi entstehen. Solche liegen zunächst vor 
in Verbindungen wie Orjßai-Yevi'iq 'zu Theben geborene h. laeaai- 
TTÖXioc; 'mit grau gemischt^ dann aber in lebendiger Verwendung 
in verschiedeneu Dialekten, sicher im Boot., weil hier ai zu r) 
wird, Dat. Tttjaiii usw., sonst wohl in den Dialekten, in denen -oi 
bei den o-Stämmen als Dativ herrschte, also im Arkad., im El., 
Nordwestgr. 

4. Der Akkusativ enthält den Stammvokal -ä und 
die Endung -m (vgl. -nroö-a aus "^pödm), daher regelrecht 
mit Akut -(im, das nach § 253 b zu -dv wird. 

5. Der Vokativ lautet wie der Nominativ. Doch 
hat sich eine andere Form mit kurzem a bei einigen mas- 
kulinen und femininen a-Stämmen erhalten. So bei 
Homer als hohe Altertümlichkeit vu.uqpa: X. vu,uqpii 'Braute 
Weiteres siehe § 308, 3. 

Plural. 

1. Der Nominativ ging idg. auf -äs aus (entstanden 
aus -a + es, vgl. Tioö-eq 'Füße'), daher osk. toutäs 'Ge- 
meinden', got. gihüs 'Gaben. Diese Form ist durch eine 



834 Formenlehre. [§306. 

Analogiebildung nacli den o-Stiimmen verdrängt, Akk. 

'iTTTrOVt; : 'iTTTTOl = TljiUVq : Ti,uai. 

An 111. 4. Daß in Tiuai die iilte Dualform steckt, wie Bru^'- 
nianii KZ. 27, 199 f. vermutet hat, ist deshalb unwahrgicheinliclj, 
weil Worte nach der 1. Deklination fehlen, die mit Vorliebe 
dualisch jrebraucht worden wären. Oüpai 'Türen', das Brugmann 
anführt, ist wegen ai. drurä, age. (/nru jung. 

2. Der Genitiv, idg. -am, got. f/ihö, lit. al(/u^ ist durch 

eine Form der pronominalen Deklination ersetzt worden 

und geht auf -Osöm zurück, 1. ferrärum, osk. egmazum. 

Daher liegt der Zirkumflex auf der letzten. 

All 111. 5. Die ältere Form mit geschwundenem *Miegt noch 
vor in liom. xdiuv 'der', üYopdujv 'der !Miirkte\ Oedujv 'der Göt- 
tinnen' usw. J)ie Form ist äoliHch und bei Homer sehr häufig. 
Daraus wurde mit Übergang von ä in r| und Verkürzung nach 
4j 18G -^ujv, das vielfach mit Synizese zu lesen ist: ßouXeojv 'der 
Katschläge", ^qperu^uuv 'der Aufträge", )neXaiv€UJV 'tler schwarzen', 
TTaaäuv 'aller, vauT^uüv 'der Schiffer'. Während in diesen Phallen 
die Überlieferung zwischen -^a»v und -iJüv vielfach schwankt, steht 
nach Vokal regelmäßig -uüv, so Oeiuv 'der GiUtinnen', kXi- 
oiüjv 'der Hütten', irapeuJüv 'der Wangen', ZKaiOüv von ZKaiai. 
Das statistische Material bei Menrad de contractione et syniz. 
upu hom.S. Soff. Wir haben in dieser Kontraktion eine ionische 
Kigentümlichkeit zu sehen, vgl. Thumb 350. — Im Alt. konnte aus 
-^a»v nur -lüv werden. Im Lesb. und Dorischen wird dagegen 
-öiuv zu -äv kontrahiert, s. S. 182, was wir häufig in den In- 
Bchriften finden. 

3. Der Dativ lautet in der geläufigen attischen Form 
-a\q. Da auch das Italische dieselbe Form aufweist, 1. 
terris, osk. diumpa(s den Nymphen', so könnte man auf 
hohes Alter dieser Bildung schließen. Das ist aber eine 
Täuschung, denn die Form ist sicher eine griech. Neu- 
bildung nach dem Muster des mask. -ok;. Im Attischen 
erscheint die Form erst seit 420 v. Chr. häufig auf In- 
schriften, d. h. 20 Jahre nachdem der Gebrauch von -oiCTi 
neben -oiq aufgehört hatte. Zwar haben andere Dialekte 
-a\<; schon seit den ältesten Zeiten, dann aber auch -oiq. 

Als älteste P^orm darf man eine Kildung auf -äö"i 
ansehen, d. h. der Stammauslaut -a mit dem Ix)kativ- 
sulHx -ai, so im Ion. inschr. öeCTTTÖvncJiv und im Alt- 



§300.) Di«^ r/ DckliiKiiioii. 835 

attischen bis 420 v.Chr.: f.iu()iacri, laiuiaai, E\\r|vo- 

TO)aia(ii; a\\i"|(Ti, ü tt (i ö" j] (T i , aurficri, bimÖTncTi, bi- 

Kiidi, bpaxMilcTi, EWiiviKncTiv, ^7Ti(TTaTi"|cri, )au(JTi"i(Ti, 

vuvqpiicri, crTiiXi")(Ti, tv\0\. Man setzt sie gleich -^<.S7( in ai. äs- 

väsu Stuten, abg. rnkachü, Ht. rartkösc in den Händen' bis 

auf die Verschiedenheit im Endvokah Man beachte indessen, 

daß im Griech. schon eine Analogiebildung vorliegt, da (J 

zwischen Vokalen schwinden mußte. Regelrecht hätte aus 

vujuqpJicTi •■••vuiLiqpi;] entstehen müssen. Und daß es dies 

wirklich gegeben habe, dafür führt man Formen an wie 

altatt. luupiacri , xi^iotcri, öpaxiuvjcri, die bei Homer und 

Herodot ganz geläufig sind. Ion. sind sie inschriftlich 

belegt. Denn diese Formen erklärt man so, daß an 

■■^-vuiLiqpr] wieder CTi von den konsonantischen Stämmen aus 

getreten sei. Doch kann natürlich das i auch aus dem 

Sing, stammen. 

Anm. 6. Neben den Formen auf -i^ai steht bei Homer 
auch -Y](;, aber meist vor Vokal^ so daß -ria' gelesen werden kann. 
-aic; ist bei Homer noch selten, steht aber M 284 am Versschluß. 
Da die Form auf -ai eine Neubildung sein muß, so könnte -aic; 
doch alt sein, wenn auch nicht im Attischen. Vgl. § 311 Piur, o. 

Erhalten ist die Endung -am, -riai noch in Adverbien 
wie ^upäcTi 'draußen vor der Tür', ujpäcri zur rechten 
Zeit', TlXaiaidai 'in Plataiai'. 

4. Der Akkusativ. Im Idg. trat -ns an den Stamm- 
ausgang -ä. Die Endung ist demnach -ans. Das -n ging 
aber unter gewissen Umständen, jedenfalls vor kons. An- 
laut verloren. Wir haben demnach schon im Idg. Doppel- 
formen auf -«5 und -ans anzusetzen. Letztere wurde im 
Griechischen (und Italischen) verallgemeinert und nach 
§148 zu -Öivq verkürzt, das att. lautgesetzlich zu -äg 
wurde, lesb. zu -aiq. 

Anm. 7. Die Form -äv^ mußte im Satzgandhi vor kon- 
sonantischem Anlaut nach § 253, 9 ihr v verlieren, -äq und -ävc; 
finden wir im Kretischen nebeneinander, und zwar beim Artikel 
z. T. noch in der alten Verteilung Tdvq ätiXöovc, Tiudvc. aber xdb bt 
duYaTepavg, vgl. Baunack Inschrift von Gortyn 24 f. -äc; liegt 
sonst noch vor im Ark., Thess., Theräischen und auf Kos, wie man 
wenigstens aus dem -oc der Mask. schließen darf. 



336 Formenlehre. t§ -^^ö. 307. 

Dual. 

1. Der Nominativ geht auf -a au!=, das stets bleibt, 
also nicbt auf urgr. ä zurückgefülirt werden kann. Es 
scbeint ursprünglich gar keine Dualformen bei den ä Stäm- 
men gegeben zu haben, da Homer den Nom. Du. auf -ä 
nur bei den Maskulinen kennt: diKUTTtiä der schnell 
laufende , Kopudid der (lewajipnetc, Aipeiöä. Es wird 
-ä daher eine junge Analogiebildung nach dem mask. -uu 
sein, unter Einwirkung des Verhältnisses -oi : -ai. -ov<; : 
-avq, die aber erst eingetreten sein kann, als der Wandel 
von ä zu }] schon vorüber war. Auch im Att. sind die 
Formen auf -ä nicht durchweg bei allen Klassen belegt, 
sie sind beim Artikel Feiten und fehlen beim Pronomen 
gänzlich (tuü crxriXä, tlu KXi)aaKe, toiv rroXtoiv, toutoiv 
[sc. qpiuXaiv], jünger laiv Oeaiv). 

2. Der obli(jue Kasus auf -aiv ist zweifellos eine 
Neubildung nach den maskulinen o-Stämmen und wird 
dort seine Erklärung finden. 

Anm. 8. Keste untergegan;;ener Ka.sus e. beim Adverbium. 

II. Die .yVf-Stämme und Verwandtes. 

iJ07. Außer den regelrechten ä-Stänniien gibt es 
nocli eine weitverbreitete Kategorie, die im X. Akk. Sg. 
kurzes ä aufweist, z. B. \io\JOa Muse , Akk. poucrav, Cien. 
aber )ioucr)-|q. 

Anm. 1. hicse Kategorie hat umfanjrreiche Erörterungen 
hervorgerufen. Das Kichtitje fin<let pich im wescnthclion bei 
J. Schmidt KZ. 27. 2U1, o04, Johansson KZ. 30, 401 ^Zur 
Fem.-JiildunR in den id^. Sprachen, bes. im Griechischen». Ver- 
fehlt Hind die .\ufiführun^en I»rugmanns MU. 5, 58 f., Gr. Gr. '^ 
'-"21,Grd. - 2, 2, 124, 140. 

Die Endung a findet sich meistens nach voraus- 
gehendem ./ oder /. Dieses ja bildet mit Vorliebe die 
moviorten Feminina zu konsonantischen Stämmen, wie 
TtKiaiva aus ^TtKiavja, Fem. zu TtKTuuv Zimmermann , 
ai. tnksni; — q)fcpouaa aus -qpepovTJa : cptpovT- tragend , 
ai. I'ht'iniuij; — ööieipa (Jeherin' aus ■•66Tepja zu ÖOTi'ip, 
ai. (Idti'i, 1. dutri-x; — iibeia aus ■•J'ibe./ja : ( len. ]i6fc/"-oq 



§307.] Die ^-Deklination. 337 

von i]b()<; \süß\ iii. svadrt; — eibma wissoncr aus *i6uajc'., 
ai. vidusj'^ — ipairela 'Tisch' aus •••TpdTTebja zu Tteö-, ttoö-; 
— (Tqpöpcx 'llatunier' aus '^'crqpupja; — YXüuTTa 'Zuni^e' aus 
*YXiiJXJci; — böta 'Meinung' aus •'•boKija u. a. 

nie übrigen Spraelien bieten an Stelle des griech. 
ja und la durchweg /, vgl. die oben angeführten ind. 
Beispiele und 1. datn-x, victrt-x, got. frijond-i Freundin 
aus '^'•frijöud-J , lit. vesanü, abg. vezqsti 'vehens\ Die Auf- 
fassung dieser Endungen bietet bei richtiger Erkenntnis 
des Ablauts keine Schwierigkeiten. Ai. t, gr. ja sind 
RS. und SS. eines idg. -ejä, d. h. an e-o-Stilmme ist das 
Suffix -Ja getreten und die ganze Gruppe muß zwei Ab- 
lautsformen zeigen, ja- und -jav sind demnach vollkommen 
korrekt, ijj ist dagegen nach § 112 regelrecht zu t kon- 
trahiert, aber wahrscheinlich noch nicht in idg. Zeit, 
Gr. -la ist daher vielleicht ganz lautgesetzlich, -ja stand 
ursprünglich nach kurzer, -la nach langer vorausgehender 
Silbe, wenn der Akzent folgte, s. S. 123, daher |uia 'eine' 
aus "^''snieid^ rrÖTV-ia 'Herrin', ijidXxp-ia 'eine Saitenspiel 
Spielende, Troinipia 'Dichterin, euvrjTp-ia 'Lagergenossin', 
aber euvriieipa, aus *euvriTepja, ursprünglich ''■'eimefrpjo, 
Gen. *euneterjäs. 

Anm. 2. Als weitere Reduktion von -iJ9, -j) muß nach § 140 b 
-/ auftreten. Im Griechischen sind diese Formen vorhanden, aber 
mit b erweitert (s. darüber § 334, .S), so daß wir die Flexion -iq. -ibog 
haben : ^epairvic; "^Dienerin' : Oepä-rraiva, dXexpi^ "Müllerin" : d\6T)-|(;; 
daiTi^ 'Schild; dxepuui^ "WeißpappeF; haXq "FackeP; Attic; "^Hoffnung" : 
Xa|a€uviq "^Lager auf der Erde"; r]Ye,uovi(; '^Führerin" ; Kepa.uic; 'Dach- 
ziegel'; K€pKi<; 'Weberlade'; Kopuuviq "^krumm gebogen"; luepiq 'Teil'; 
lurirpic 'Mutterland"; irpoiuvriöTpit; 'Ehestifterin'; ,uopi<; 'Teil': ve- 
ßpic; 'Fell des Hirschkalbes' : veßpöc;; vedvi^ 'jugendlich"; vuKxepiq 
■'Fledermaus'; iravvuxi«; 'nächtliches Fest'; dTroiKic; 'Pflanzstadt'; 
Trat?; irapritc; 'Wange'; Traxpic; 'Vaterland"; irepovic; 'Spange'; Tipa- 
iribec; 'Zwerchfell'; GKeXic; 'Hinterfuß' ; airupiq 'runder Korb' ; acpa- 
fi<; 'Schlachtmesser'; Gxoivic; 'aus Binsen gemacht'; qppovTic; 'Sorge'; 
<pu\aKiq 'Wächterin' ; \^\p\c, 'Handschuh' ; x^ö^k 'feines, wollenes 
Oberkleid'; x^^pk 'Töpfchen'; ^Txq 'Trappenart'. 

Hierher gehören vor allem die weiblichen Eigennamen auf 
-{<;: Bpiarjtc; 'Tochter des Briseus', Nrjprj^ 'Tochter des Nereus", 
Aapbaviq, Xpuöriic;, 'AKTopiq, Kiaaiiiq 'Tochter des Kisses'. 
Hirt Griech. Laut- u. Formenlehre- 2. Aufl. 22 



338 Formenlehre. [§ 307. 

Anm. 3. Das V(jn den übrigen Sprachen geforderte -/ lie^'t 
im Griech. öfter vor. wenn eine Erweiterung an die Form getreten 
ist, 80 mit b in KaXauic, -iboq 'von Kohr"; KriXic, -Iboq 'Schan<l- 
tleck'; KXrjtc, KXrilboq 'iScIdüsser; Kvri)aic, -ibo<; 'Beinschiene' ^u- 
irXoKauiq, -iboe; 'mit schönen Flechten' ; v|jr|q)i<;, -xboq 'Steinchen'. 
Vgl. § 310. 2. 

Außer ck'U Worten auf -ja gibt es im Griech. eine 
ganze Reihe von Worten auf -Ä, bei denen sich kein j 
nachweisen läßt, z. B. )nepi)iva Sorge', lx^b\;a 'Natter', 
TTTepva 'Fer.se\ Den letzten Fall muß man wolil wegen 
ai. pdrsni aus ••'TTTepvja erklären, und das legt die Ver- 
mutung nahe, daß./ in solchen Fällen schon im Idg. oder 
später geschwunden ist, vgl. i^ 199,1. Ebenso nach ßezzen- 
berger (BB. 7, 7;>) hom. irpecrßa aus •••TTpeaß/ä. ursprüng- 
lich wohl •■••Trpeaß./\ja, vgl. noch irpecrßeia und irpeaßiq. 
Vgl. über die ganze Frage Johansson KZ. 30, 403 ff. 

Anm. 4. Wie Sol rasen Beitr. z. gr. Wortf. 236 gezeigt hat, 
gewinnen vielfach die Formen auf -ä in ppiltrer Zeit die Ober- 
hand. So heißt es hom. Kvian "Fettdanipf. att. Kvioa; hom. Itpar] 
'Tau\ Pind. ^epöa; ion. TTxepvri 'Fer8e\ att. UT^pva; hom. upO^vri 
'Heck', att. irpOiiva; hdt. aaüpvii, att. aiaOpva u. a. Solmsen will 
daraus den iSciiluß ziehen, daß es Bildungen auf -ä außer solchen 
auf -ja überhaupt nicht gegeben habe, da sie in den übrigen idg. 
.Si>rachen nicht auftreten. Indessen ist kein ürun^l zu sehen, 
weshalb eine Endung -d im Indogerm. nicht hatte vorhanden sein 
sollen. Wir finden Spuren dieses -ä auch im Griech. Denn wie 
die Flexion -ig, -iboc, zu /-Stämmen gehr)rt, so stellen sich die 
Stämme auf -de, -dboc; zu denen auf -ä. Denn es gehören d<^ch 
hom. voiidq 'weidencf : vo|a/] 'Weide': bpo^dq ^laufend' : bpö- 
uo? 'Lauf, zu dem ein Fem. bpour) vorauszusetzen ist; hom. duoi- 
ßdq 'Kleid zum Wechseln' : duoißj'i 'Wechsel'; ÖXKdq 'ZugschitF : 
6\k»i 'Zug'; l-fKOXTÜc, 'zum Lager dienend' : koitti 'Lager'; Xofdq 
auserlesen' : \ÖY0<; 'Rede'; Xoxdb-riv 'lauernd' : Xöxo<; 'Hinterhalt'; 
TTOKuc; 'Wolle' : ttökoc; 'Wolle': TrXoKd<; 'Haarlocke' : ttXok/i 'Flechte'; 
aTTopd<; 'zerstreut': airopd 'Säen': öToixd(; 'in Reihen liegend': 
öToixog 'Reihe, Linie'; OToXdc; 'Rüstung' : 0x0X1*) 'Rüstung': arpoqpdc; 
'sich umdrehend' : öTpoqp/i 'WcMidung'; hom. toküc '(lebärende' : 
TÖKOq '(iel)ären': cpopßdq 'nährend' : (popßi'i 'Nahrung': Xißdt; 'das 
Tröpfelnde' : Xißoq 'Tropfen'; cpufdc; 'Flüchtling' : q)UTri 'Flucht'; 
pudq 'fließend' : ^on Fluß'; ßX»ix«<; ' I »lockend' : ßXrixn: xauoieuvdbcq 
'auf der Krde liegend' : eOvri 'Lager' u. a. Da die J^edeutung in 
diesen Bildungen eine wesentlich andere ist, so muß man in -d 
ein angetretenes, die Bedeutung veränderndes Element sehen. 



§307. 308.1 Dio r»-l)oklinalion. 339 

Vielleicht ist es eine Form der PhibIb -<lo '^ebün\ v^l. (popßdq 
'Nahrung j;eben(i\ Dieses Element ist allmählich bedcutunKHloH 
pe worden. 

III. Die maskulinen <7-Stämme. 

•^08. Jm Griechischen gibt es wie im Lateinischen 
{scriha Schreiber', aurUja 'Wagenlenkcr ) und in andern 
Sprachen auch maskuline ä-Stilmme. Von der Bildungs- 
weise der andern Sprachen unterscheidet sich das Grie- 
chische dadurch, daß es unter dem Einfluß der zweiten 
Deklination einen neuen Nominativ mit c, und einem 
Genitiv auf ou geschaffen hat. Sonst stimmt das Para- 
digma mit dem § 306 behandelten im wesentlichen 
überein. Dem lautgesetzlichen Wechsel von r| und a ent- 
sprechend findet sich eine Klasse auf -r| und eine auf -ä. 

N. veäviä^ 'Jüngling' Kpiiri^ ^Richter' 

G. veäviou KpiToO 

V. veäviä Kpird. 

Man nimmt jetzt meistens an, daß die mask. ä- 
Stämme ursprünglich feminine Verbalabstrakta waren, 
z. B. *veaviä 'die Jugend', dann 'die jungen Leute' und 
schließlich 'ein einzelner junger Mann'. Einen derartigen 
Bedeutungsübergang können wir in allen Sprachen be- 
obachten, z. B. unser Herrschaft war ursprünglich Ab- 
straktum, ist jetzt aber auch Konkretum. Vgl. J. Schmidt 
Ntr. 19, Anm. 1. Doch ist Neisser BB. 20, 46 soviel 
zuzugeben, daß dies nicht der einzige Ursprung der Klasse 
ist. Es liegen auch hier alte Wurzelnomina zugrunde, 
von denen nicht sicher zu sagen ist, daß sie feminine 
Abstrakta waren. In öecTTTÖTric; 'Herr', äol. öeaTTÖräq 
liegt in dem ä, das wohl analogisch für r\ eingetreten ist, 
die Vollstufe zu dem i in ttoctk; m. 'Gemahl', 1. potis in 
possmn vor. iTr7T6Tr|(; 'Ritter, Reisiger', ist mit lat. equeSy 
Gen. equitis, vgl. auch equitare zu verbinden. Das hom. 
TTepiKTixai 'die Herumwohnenden' entspricht glbd. ai. pari- 
ksH-, der zweite Teil von hom. iTTTniXctTa 'Rosse treibend' 
formell dem aind. aratih 'der das Opfer zurichtet'. Über- 

22* 



340 Formenlehre. [§ 308. 

hau})t entsprechen die gr. Nomina auf -uiq, die, wie 
E. Fraenkel Geschichte der gr. Nom. ag. 31 zeigt, in der 
Hauptsache als Komposita vorkommen und primäre Ab- 
leitungen sind, den indischen Bildungen auf -f. Wir haben 
es also mit einer höchst altertiunlichen j^ildungsweise zu 
tun, und es ist nicht einzusehen, weshall» sie nicht von 
Anfang an Maskulina gewesen sein sollen. 

1. Der Nominativ auf -ä^, -i^q hat sein -c; von den 
Maskulinen der zweiten Deklination bekommen wegen des 
männlichen Geschlechts. Eine jedenfalls uralte Bildum: 
mit einem regelrechten Nom. auf -S, = idg. .> finden wir 
noch bei Homer in formelhaften Verbindungen: iTTTTOTa 
NdcTTUjp der reisige Nestor , iTTTuiXaTa TTnXeug der Rosse- 
treibende . veq)eXi-|TepeTa 'Wolkensammler, GuecTia, iiTTuia 
'Rufer , KuavoxotiTa 'schwarzgelockt, aixjuiiTd 'Lanzen- 
schwinger, (JTepOTTT-|Yep€Ta'Blitzsammler\ iuiit^^toi Ratgeber', 
eupuoTTa 'Weitschauer\ aKaKriia 'gnädig. 

Anin. 1. Brugmann sielit in diesen Formen nominativisch 
gebrauchte Vokative, was Weisser BB. 20, 44 f. mit Recht zurück- 
weist, denn diese Worte stehen, von <;anz wenigen Füllen ab- 
gesehen, nicht vor Vokativen, und außerdem wurde in iilterer 
Zeit das Attribut im Nom. zum Vok. gesetzt. Vgl. noch Solmsen 
Rh. Mus. 59, 495. 

Anm. 2. Die Nominative auf -a sollen nach Angal)e auch 
andern Dialekten angehört hal)en. vgl. Meister Gr. D. 1, 159 f. 
Sicher waren sie äolisch. 

Anm. 3. Nom. ohne .v bei Maskulinen gibt es noch im Boot, 
z. B. 'AOi"! vdba, K aXX^a, Eu-fiTo viba. TruOiov/Ka vgl. .Sad^e Dial. 
Boeot.49ti-., Solmsen Kh. M. 59, 49411". 

2. Der Genitiv hatte ursprünglich die Endung -dq 
der Feminina. Nach dem Muster hom. XuKOio entstand 
ein Gen. auf -äo, der l)ei Homer als Aolismus noch vor- 
liegt (vgl. böot. fopTibäo), z. B. 'ATpel^'xo, TTpiauiöäo, 
OiXoKTTiTäo, Boptäo, 'Ep,ueiäo, AiaKibäo, NiiXeibäo, N?iXiji- 
döoto, iKtTuo, ^uppeiTöo, ßax>uppeiTäo. Es ist homerisch die 
normale Form (247 mal belegt). Ion. entstand daraus regel- 
mäßig i-|o (in alten Inschriften AeivoöiKrio, Solmsen 53) 
und mit Umspringen der (Quantität -etu, her. beaTToreiJU, 
inschr. 'Apxa'fopeoi. Diese Formen stehen auch l»ei 



§308.] Die f<-I)eklinatiou. 341 

Homer und sind dort wie aucli in den metrischen In- 
schriften mit Synizese zu lesen, Aipeibeuj, TTr|Xriiubea», 
Tuöfcibeuu, MevoiTutöeuu, NnXiiiabeuj, iKtiea», crußujTeuj, epi- 
ßpeintTeuj, Hos. e()ißpuxeuj. In den meisten Füllen steht aber 
diese Endung vor Vokal (in 49 von 76 FiUlen), und es 
ist daher wohl zu lesen TTnXnidöä' 'AxiX]io<; usw. Nach 
Vokal erscheinen auch in unsrer Überlieferung die kon- 
trahierten Formen auf -uu, Epueio», Bopeoi eü|Li|LieXiuu, 
Aiveiuu, inschriftlich 'Epjueuu, 0iXTeuj,s. o. § 806, Anm. 5. 
Im Attischen herrscht seit Beginn der Überlieferung die 
von der 2. Dekl. herübergenomraene Endung -ou. 

Anm. 4. Die Dialekte behandeln die Endung verschieden. 
Im Ark., Kypr., Pamphyl. und Boot, bleibt -äo und wird weiter teil- 
weise zu -au. Im Lesb., Dor., El. ist -ao zu -ä kontrahiert. Diese 
Form dringt später auch ins Attische. Nach den Angaben der 
Grammatiker bilden den Gen. auf -ä Wörter wie iraTpoXoia(;, iurj- 
TpcXoiaq "^ Vater-, Muttermörder'. öpvidoOrjpac; •Vogelsteller, ferner 
ausländische Eigennamen wie "YXa(;, ZüXXac, ZKÖirac, 'Avvißa<;. Doch 
wird in den Inschriften des 5. u. 4. Jh. v. Chr. regelmäßig TTepbiK- 
Kou, 'AuuvTOu, ■Apußßou geschrieben, während die Kaiserzeit Gen, 
auf -ä häufig hat. Später bilden auch die Kontrakta den Gen. 
auf -ä, wie ßoppä von ßoppdc 'Nordwind'. Bei den Tragikern 
steht der Gen. auf -ä in den lyrischen Stellen Oibiiröba, "Alba, 
veavia, öTpaxriXdTa, MeveXa, eKaxoYKeqpdXä. Auch der ionische Gen. auf 
-€uj kommt gelegentlich in Eigennamen von loniern vor. Im Megar., 
Ambrak., Thess. tritt wieder -äc auf, d. h. die Endung der Femi- 
nina ist restituiert. Im jungen Ion. findet sich auch -6u neben 
-etu, was aus -eo zu erklären ist. 

o. Der Vokativ wird bei allen Worten ohne <; gebildet, 
also uj veavia 'o Jüngling'. Er hat sich also von der 
Analogiebildung frei zu erhalten gewußt. Einen Vok. auf 
•a bilden a) die Wörter auf -Tr\(; (ToHÖTri(; 'Bogenschütze', 
V. ToEoxa, mit zurückgezogenem Akzent beö"TT0Ta von 
becTTTOTric; Herr'), b) die Komposita auf -)LieTpiig, -TTUjXriq, 
-Tpißr|<; (YeuujueTpa, Traiöoipißa), c) die Völkernamen auf -r]<;- 
(TTepcra 'o Perser' vonTTepcriiq), aber TTepcTn ('oPerses' von dem 
Eigennamen TTepcrriq). Aller Wahrscheinlichkeit nach liegt 
in diesen Formen die älteste Bildung des Vokativs vor. 
Sie kehrt auch im Abg. wieder, Vok. £e)io 'Weib' aus ieiiä 
zu N. iena aus ienä und ist möglicherweise schon idg. 



342 Formenlehre. [§ 308. 301>. 

Sie war al^er ursprünglich wohl nur da berechtigt, wo 
der Nom. auf -5 ausging. Bei Homer finden wir noch 

TTttTTTTa, diTa. 

IV. Akzent der <'7-Deklination. 

309. In der ^/-Deklination gab e.s ursprünglich, nach 
dem Ablaut und dem Lit.-Slaw. zu schließen, Oxytona 
mit festem Akzent, TifUTi, Gen. T\}Jir\q und Barytona mit 
wechselndem Akzent, der Art, daß die Endungen in den 
Kasus obliqui betont wurden, lit. N. merga 'Mädchen 
aus mcrga^ G. mergös. Von dieser Art liegen im Griech. 
nur noch wenige Reste vor und auch diese nur bei den 
ya-Stämmen. So allgemeingriech. }iia 'eins', Gen. }Ji\äq. 
Als ionisch wird die Betonung d'Yuia, Gen. dfiHuq 'Straße , 
äpTTuia, Gen.up7Tuidg'Har})yie\ optY^ia, öpOYUict, Gen.öpYuids; 
'Klafter' ü})erliefert. Auf denselben Akzentwechsel weist die 
Akzentverschiedenheit zwischen Gr. und Ind.: r]beia F. süß : 
ai. sväfJvi; ßapeia 'schwer' : ai. gurvi-, öoieipa 'Geberin : 
ai. dairi] laaaa F. zu Ouv 'seiend', ai. satt. Ferner zeigt 
sich in einigen Fällen alter Ablaut: got. qivö f., abg. ce)i'i 
'Weib' mit Y., fvy/]] mit S.; ai. rhüjd 'Schatten' : ctkiü: 
neben dem vollstufigen yXdjoaa Zunge' ist bei lierondas 
TXdcrcra getreten mit Schwundstufe, neben dem Part. Perf. 
yeTOVuTa steht aucli T^TOveia. Im allgemeinen sind im 
(iriechischen die echten ^-Stämme oxytoniert, die ja- 
Stilmme barytoniert. Fast durchgehends ist ersteres der 
Fall bei den Al)strakten auf -ä mit o -Vokalismus, 
8. § 142 a. 

An in. 1. Der Gen. IMur. ist. da aus -dujv entstanden, stets 
auf der letzten betont. Ausjjjenonimen sind die Adj.. bei denen 
«icli das Fem. nacli dem M. richtete, und xp'lö'ni^ 'Wucherer'. uqpü»i 
'."^ardelle", ^Diöiai 'Passatwinde', x^oüvjiq 'wilder Ebor\ Der Grund 
dieser Neuerung ist unklar. 

Anm. 2. Nach dem ^21'2 Anm. 5 besprochenen Akzentgeset/, 
hieß es im Jüngern Attisch amai : aiiia 'Ursache'; TifiujpiaiiTi.uujpia 
'Strafe'. Doch wurde diese Betonung von den Grammatikern 
verworfen. Allu'emein anerkannt war sie bei den Adjektiven, 
also biKaiai wie biKaioi von biKaiot; 'gerecht'. 



§310.1 Die (M)eklinution. 34H 

V. Stammbildung der f7-Stämme. 

310. 1. Das Suflix -a ist wahrscheinlich von den 
zweisilbigen schweren Jansen ansgegan<^en (vgl. oben 
§ 303, 1), hat sich dann aber weit ausgedehnt. Alte 
Bildungen sind etwa: öop« 'Fell' zu ai. d an man-; — TO|uri 
'Stumpf zu Te-T,uivKa; — |uecr6-ö)un 'Mittelbau' zu öeöuri- 
Tai; — (JKid, ai. chäjd 'Schatten. Die Bildungen ha])en 
im Griechischen meist -o- Vokalismus der Basis, KXoTtr) : 
KXeTTTUJ, voiai'i : vefiuu, xpoqpri : ipeqpcu usw. Dies kann aber 
nicht ursprünglich sein, fehlt auch vollständig im Latei- 
nischen. Nur das Germanische zeigt Verwandtes. Weitere 
Beispiele s. § 142 a. 

2. Ferner bildet dann -ä adjektivische Feminina sowie 
überhaupt Fem. zu o-Stämmen: vea F. : vioq neu, ded 
Göttin' : ^eoq 'Gott'. 

Anm. 1. Diese Bildunge weise ist aber nicht die einzige ge- 
wesen, denn das Indische zeigt in der älteren Sprache beim Fem. 
nicht selten eine Bildung mit -i, z. B. päpdli '^schlecht', F.päpU 
ebenso devt "^Göttin- : devdh "^Gott", lit. deive; ai. vrkfh 'Wölfin', lit. 
vilJce, anord. t/lgr aus i^wulgis) : ai. rfkah, got. ividfs. Diese Bildung; 
muß sehr verbreitet gewesen sein. Sie bedeutet 'zu etwas gehörig^ 
und bat im Lat. und Kelt. als Gen. Verwendung gefunden. Im 
Griechischen und den verwandten Sprachen finden wir Reste 
dieser Bildung in der Stammbildung. Denn sehr häufig findet 
sich zu 0- und konsonantischen Stämmen in Ableitungen ein 
Stamm •%, der bisher noch nicht erklärt war. Hierher gehören 
Bildungen wie dYX^aTT-voc; : äYXi<Jf o«; 'der nächste\ 'AbpriöTf-vi"i 'Tochter 
des ''AbpriaTO(;', ua,ut-vr| 'Kampf : oX. judhmäh 'Kämpfer; y^^X^'^^^s 
'Hachein' : -^XdiOda 'Zunge^ eig. 'Spitze', Trebi-Xov 'Sohle' : irebov 
'Boden'; öbf-ni«; 'Wanderer' : 6bö^, bM\i-Tr\c, 'Schwerbewafi'neter' : 
öttXgv 'Waffe' ; K\r|ib- 'Schlüssel', 1. davi-cula : clävjis 'NageP, öpvi-ö- 
'Vogel' : ahd. aro 'Aar'; 1. umbili-cus : ö|uq)a\ö<; 'Nabel'; Kr|\ib- 'Fleck, 
Schmutz', l. call-go : a,i. kälah 'blauschwarz'; beXcptc, 'ßauchfisch : 
ai. gärbhah 'Mutterleib'. 

3. -ä bildet KoUektiva. Diese Klasse ist im Grie- 
chischen nicht produktiv, sie ist aber wegen der Bildung 
des Ntr. Plur. (s. S. 301) vorauszusetzen. Auch die mask. 
ä-Stämme führt man z. T. auf derartige KoUektiva zurück. 

4. Das Suffix •Tri(g (vgl. dazu E. Fraenkel Geschichte 



344 Formenlehre. [ij 310. 

der griech. Nomina agentis auf -iriq) bildet Xom. ag. 
zweierlei Art. 

a) Znf»amnien,L'esetzte Nomina sind i)rimäre Ableitungen. 
Hcjui. sind Kuv-TTf€Tri<; 'der die Hunde führt". TcuX-upinc 'Tür- 
scbließer', ^|aTrupi-ßr)Tr|(; 'über dem Feuer stehend', Trapaißdxriq 'der 
neben einen hintritv. ^KaTrißeX^Ti-ic 'weithintreffend', ^pi-ßpeu€Tr)^ 
'laut lo.send', au-ßdjTJ-|(; 'Sauliirf. aiei-Yevexriq 'ewig\ aiOpri-Yeverric; 
'iithergeboren', v€9eX-r|YepeTa 'Wolkeneamraler', öT€poTr-r|"f€p^Ta 
"Rlitzeruecker', inTr-riXdTa 'Rosse treibend', ^-rrnTiiq 'besonnen', 
Trpo-iKTri^ 'Bettler', d-KoiTri^ 'Gemahl', TTapa-Kom-jq 'Ehegatte', irepi- 
KTixai 'die Umwohnenden', €0-|Li€v^Tr)q 'Wohlwollende', Trepi-vaurriq 
'Heruu) wohnende', Teixcai-uXiiTa 'Mauerstürmer', OuiiiG-ppüiaTT'iq 
'Leben /.erstörend', Kuvo-ppaiaT7]<; 'Hundevenlerber', dKaXa-ppeirrjc; 
'sanft lließend', ßaOu-ppeirric; 'tiefetrbmend', ^u-ppeiTr|<; 'schein 
strömend', ^TTi-öTdiriq 'Herantretender', ÜTro-qpr)Tr|(; 'Verkündiger, 
I*rie8ter', dvhpei-qpövjric, äpji\-(p6vTr\c, '-tötend', dXqpr|öTr]c 'J3rot 
essend', djuriöT/iq 'iiohes essend". Diese Klasse entspricnt in- 
dischen Wurzelnomina auf -t. 

b) ]>ei den unzusammengesetzten Nomina gibt es eine Reihe 
scheinbar ])rimärer, Avie ßÜHTnc 'Heuler', b€KTr|c 'Kmpfiinger', 
^pex)]«; 'Ruderer', iKexric; 'Schutztiehender', eig. 'der Kommende', 
KXe'TTTric 'Dieb', öivxric 'Räuber', xpiJuKTj-ic 'Nager', Hieuörnc; 'Lügner'. 
Die meisten .sind aber von denominativen Verben abgeleitet: 
dYopn'ni«; 'Sprecher', aiauuvi'iTnc 'Kampfrichter, Kußepvrjxn«; 'Steuer- 
mann', dYXi""Xn"^'K 'Nahkampfer', öpx^cJT'K Tänzer', ^ebvaix/iq 
'Ausstatter der Braut", dKovxiaxii^ 'Speerwerfer'. aomOTr]C, 'Schild- 
träger' usw. Ursprünglich sind aber die Bildungen denominativ, 
wie die zahlreichen Fälle auf -/xi-jc; beweisen, die von Bildungen 
auf-/* (s. oben 2) ausgehen: ötiX/xtic; 'Schwerbewatfueter', ^piiui'xiic; 
'Einsiedler', troX/xric; 'Bürger". 

5. Das Suflix -öä, -löä, -laba bildet Patronymika, 
und zwar -ib^q v<»n o-Stämmeii und Wörtern der :>. Dekli- 
nation, AY<Ji|aeuvovibr)5 Nachkomme des Agamemnon, 
AiaKib)-i<; Nachkomme des Aiakos\ Kpoviön«; Sohn des 
Kronns , während die io-Stämme -idöriq zeigen, z. B. 'Ap- 
K€i(Tidöi"|q Sohn des Arkeisios\ 'AaKXTiTTidbriq 'Sohn des 
Asklepios', Attidbnq Sohn des Dexios'. Doch findet sich 
-luönq, auch bei andern Stämmen, so insbesondere denen 
auf ■]]<;, AYX-ö'idbiiq, GuecTTidbiic;, Aaepiidbiiq. Neben diesen 
Bildungen bestehen solche auf -iq, -xboq, z. B. 'AKTOpiq 
'I'orhter des Aktor , Bpiaijiq Tochter des Briseus, Aap- 
öaviq 'Nachkommin des Dardanos', Nnpjfi^ 'Tochter des 



i 



ij:no.3ii. 



Die a-I)<'klination. 



345 



Nereus'. Da -ic; mit -/" (§ 307, Anm. 2) im Zusammenhang 
steht und -b ein an<:;etret(Mie8 Element ist, so können wir ein 
^Niipri«^ voraussetzen zu Nfipuq (s. § 34S), was ganz genau 
ai. ^fa^H(rf (Jattin des Manus' entspricht. Vgl. ül)er diese 
Brugmann IF. 12, 1 ff'. Die Bildungen auf -iör|(; stehen 
mit denen auf -iq im engsten Zusammenhang und werden 
zunächst Abstrakta gewesen sein: Kpoviöä (leschlecht des 
Kronos'. Über das Element -ö s. § 334, 3. Die Verteilung 
von i- und -la findet sich auch bei -iKoq und -iaK0<; in 
entsprechender Weise. 

6. Die übrigen Bildungen auf -ä stehen in engster 
Beziehung zu den o-Stämmen und finden dort ihre Be- 
sprechung. 



Sechsuudz wanzigstes Kapitel. 
Die o-Deklination. 



311. 



I. Maskulinum und Femininum. 





Griech. 


Lat. 


Got. 


Lit. 


Aind. 


S.N. 


oiKoq "Haus' 


lupus 


wulfs 


vllkas 


vrkah 


G. 


h.0lK0l0,0\'K0U 


[lupi] 


tvulfis 




vfkasja 


D. 


oiKuj, dial. 

OlKOl 


lupö 


sihd. ivolfe 


vilkui 


vfkä-ja 


A. 


OIKOV 


lupum 


wulf 


vilka 


vrkam 


V. 


01K6 


lupe 


wulf 


vilTce 


vi'ka 


L. 


dor. Tiei '^wo' 


dornt 




namie 


vfke 


PI. N. V. 


(OlKOl) 


{lupi) 


wulf ÖS 


[vilkät] 


vrkäh 


G. 


OIKUUV 


lupum 


ahd.wolfo 


vilkii 


[vrkänäm'] 


D. 


OlKOiq 


lupls 






I. vfkäifi. 


A. 


oiKOU«; 


lupös 


wulfans 




[vfkän] 


L. 


OIKOIGI 








vfkesu 


D. ^^ 


O'IKUJ 






vilkü 


vfkü{u) 


G. 


hom. oiKOuv 
att. oiKoiv 











340 Formenlehre. [§311. 

An in. 1. Die zweite Deklination enthält zahlreiche Masku- 
lina ,u. Neutra) und wie das Lateinische eine Anzahl Feminina. 
Dal.> wir es in diesem Punkt mit etwas Altererbtem zu tun haben, 
darüber h. § 290. 

Cieeammelt sind diese von A. Ii. Lan^e De substantivis 
jzraecis sec. decl. Leipz. Diss. 1885. Fem. sind die Wörter, die 
etwas Weibliches bedeuten, f\ irapOevo(; 'die Jungfrau\ i'i deöq 
'die Göttin', dann subst. Adjektiva, bei denen ein femin. Subsi. 
zu ergänzen ist, so r; auXeioc; (Oüpa^ 'Haustür', f) bidXeKTOc; (qpuuv/i'» 
'■Mun(iart\ i] o&fKh^TO(; {^ov\^) 'Senat', i^ EüXoxoc; (üXri) 'Dikicht', 
Y] äTOuoq (ouaia) 'Atona', y\ Kdöexo^ {fpaiaiLiri) 'Senklinie', y] b\d\ierpoq 
(Ypauu)']) 'Diamotcr' : jr\ oder x^^P« 'Land' ist zu ergänzen in ii 
ßäpßapoc; 'Barbarenhind', t] ävubpo<; 'Wüste', »i veöc 'liraclifeld', 
Ti x^pcjoc;, »1 fiTreipoi; 'Festland', r\ vr\ao(; 'InHcl'. Die Worte für 
'Weg' sind durchweg F., i] öböc, Ke'XeuOoc 'Weg', dTpaTroc. xpißct; 
'Fußsteig', Ji üuaEiToq 'Fahrweg'; von liaum- und IMlanzennamen 
noch f) ßüßXoc;, ö, f] Träirupoc; 'die Papyrosstaude'. i'i axoivoc; 'Binse', 
r\ KÖKKoq 'Scharlachstaude', f] ßdXavoc, cxKuXoq 'Eichel', i'i vdpbo;; 
Narde', i'i pdqpavoc 'Kohl'. Dazu noch eine Reihe andrer Worte. 

Singular. 

1. Nominativ. An den Stara mauslaut -o tritt die 

Nominativendung -s. 

Anm. 2. .s-lose Nominative, also Kasus indefinitus, ^dbt es 
in dieser Klasse nicht. Wohl aber liegen sie in der Komposition 
vor, z. B. ^obo-bdKTuXoc; 'Rosenfinger'. 

2. Im Genitv hat Homer die Endungen -oio un<l 
■ou, wofür vielfach -oo gesetzt werden kann. Das Attische 
kennt nur -ou. -oio entspricht ai. -asja mit regelrechtem 
Schwund des -s. Es ist dies die Pronominalform, die 
wohl schon im Idg. auf die o-Stämmen ül)ertragen wurde. 
Nicht ganz zweifellos ist es, daß man das hom. -oo, att. 
•ou aus -010 herleiten darf, da der Schwund des i niclit 
ganz sicher ist. J. Schmidt nimmt an, i sei zwischen 
gleichen Vokalen geschwunden. ^^tgIich ist es auch, -oo 
auf -O.SO zurückzuführen, eine Form, die im Germ, (taf/cs^ 
vorliegt, und die vielleicht die ältere Form ist, vgl. Hirt 
IF. 2, 18U. Aher man wird sich nicht gern dazu ent- 
schließen, Do})pelformen für das Griecli. anzunehmen. 

Anm. 3. tMjer die homeriRchen (ienitive auf -oin und -oo 
vgl. Lugebil Der Gen. Sg. in <ier sogen. 2. altgricch. Dekl. Jf Phil. 



§;ni.I Diu o-Dcklination. 347 

Suppl. 12.191—244; Loskien JflMiil. 9.'). lll.; G. lioldt Der (Jen. 
Sj?. der o-Dekl. bei Homer. Taul)orl)i8('hol'Hljeini 1881; Cavallin 
De homerica fornui irenitivi in -oio, Mrlanf^^oH Graux 557 fl'., IMatt 
Notes on the Homeric (ienitive, Claes, Kev. 2, 12 fl'., Keichelt 
KZ. 43, 55. Die Form -oo statt -ou kann bei Homer in zahl- 
reicben Fallen eingesetzt worden. In einer Reihe von Filllen ist 
sie sogar, wie Ahrens Hb. Mus. 2, lül gesellen bat, nötig, um 
metriscbo Anstöße zn beseitigen, z. B. A(ö\oo kXutu buj|uaTa .statt 
A(6\ou. Die zn erwartende Form -oi' vor Vokal fehlt in der ho- 
merischen Überlieferung. Sie kann aber natürlich an allen 
Stollen eingesetzt werden, wo -ou, ohne verkiirzt zu werden, vor 
Vokal steht, z. B. x 179 Aiö<; lueYccXot öapiaxiic;, x 243 IvaolKixoC 
^TTi vriö<;. Die Form auf -of, die leicht auch vor Konsonant treten 
konnte, ist im Tbessalischen wirklich verallgemeinert worden. 
Nach Angabe der Grammatiker gab es im Thess. auch Gen. auf 
-010, was jetzt durch die Inschriften bestätigt worden ist, vgl. 
Thumb 242, Kretschmer Glotta 1, 57. 

Anm. 4. Die Dialekte, die o + o zu m kontrahieren, wie 
strengdor., äolisch, haben natürlich den Gen. auf -uu. Im Ky- 
prischen finden wir Gen. Sg. auf -ujv, die vielleicht so zu erklären 
sind, daß im Satzzusammenhang im Gen. PI. das -v schwand und 
die Doppelheit -uu, -tuv nunmehr auch auf den Singular über- 
tragen wurde. 

3. Dativ. Die idg. Dativendung -ai wurde mit dem 
Stammauslaut -o zu -öi kontrahiert, die griech. Form mit 
Zirkumflex entspricht daher der idg. 

Anm. 5. -uui mußte vor folgendem Konsonant zu -oi ver- 
kürzt werden, s. § 252, 4, und es entstanden daher Doppelformen 
auf -uji und -oi. Lautgesetzlich müßte es heißen xoi koivuji. Die 
alte Doppelheit ist in ihrer regelrechten Verteilung nirgends mehr 
erhalten geblieben, wohl aber ist oi verschiedentlich verall- 
gemeinert worden, so im Boot., Thess., Ark., (nicht aber im Kypr.), 
El., Nordwestgr. und auch in dorischen Dialekten. Nun setzt 
man die Form auf -oi gewöhnlich gleich dem idg. Lokativ auf 
-0 -f- i, und man nimmt an, daß durch dieses Zusammenfallen 
der verkürzten Form auf -oi mit der alten lokativischen die Ver- 
breitung gefördert sei. Indessen ist diese Annahme nicht nötig. 
ja sie ist sogar unwahrscheinlich, denn in der 3. Dekl. hat 
sich nur eine F'orm erhalten, und außerdem ging der Lok. wohl 
auf -ei aus. Ich sehe also in -oi alte Dativformen. In Adverbien 
auf -Ol liegt die Form auch im Attischen vor: oI'koi '^zu Hause', 
'laö|Lioi "^auf dem Isthmus', Zqprjxxoi; TTavaKxoi, 'Eiribaupoi, Aa- 
xoT, TTu\oiY€vr;<; 'in Pylos geboren' und in Adv. auf die Frage 
wohin? wie iroi, öttoi, oi, uavxaxoi, eKaaxoxoi, wo sich die Be- 



348 Formenlelire. [§311. 

«leiitun^ geändert hat. Ähnlich iinden wir es in ^vtquOoi 
'liierher, hier\ bei Homer in der Bed. 'hier\ 

•1. Der Lokativ. Die Endung / trat an den Stamm. 
Nun gibt es zwar im Slaw. Lok. auf -o/, im Germ, 
und Italischen sind aber wohl nur Formen auf -ei belegt, 
]. heilig osk. comenei in comitio', und auch im Griech. 
liegen sichere Lokative nur mit der Endung -ei vor, die 
natürlich als Kontraktionsprodukt Zirkumflex hatte. Er- 
halten ist die Form indessen nur in Adverbien: ggr. eKei 
'dort', att. ei 'wenn , eig. \vo\ bes. im Dorischen: frei, 
ÖTiei 'wo', Tiivei dort, dorthin' (oft bei Theokrit), lourei 
'hier', auiei hier, reibe hier, hierher^ biTiXei 'doppelt'; 
nicht hierher gehören wohl die Adv. auf -ei, wie dcTTTOubei, 
ohne Versr)hnung' hom, aüiovvuxei in derselben Nacht', 
TpiCTTOixei in drei Reihen', s. § o<S0. 

5. Im Akkusativ ist -m an den Stammauslaut -o 
getreten, daher idg. -om'^gr. -ov. 

(). Der Vokativ zeigt den reinen Stamm mit e-Quali- 
tät. Ein -0 kommt hier nirgends vor. 

7. Der Ablativ der -o-Stämme hatte die Endung 
■i)d (-rtr/?), die aus -o -\- ad entstanden sein wird, vgl. 1. 
(T)iaivOd, lit. Gen. vilkö, aind. vfkäd. Sie stammt vom 
Pronomen und war im (Jriech. nur in adverbiell erstarrten 
Pronominalformen wie oüiiug 'so\ lu*;, ai. jdd usw. zu be- 
legen. In der alten delph. Inschrift GoU. 25(51 steht aber 
C 28 eine Form /oikuj mit der Bedeutung «von Hause». 
Da in dieser umfangreichen Inschrift der Gen. stets auf 
-ou, der Dat. auf -uui ausgelit, so sah Solmsen Rli. Mus. 
51, 303 darin mit Recht den erhaltenen Ablativ. 

Anm. 6. Die Nebenform des AblativB auf -ed ist im (ir. 
nicht belept. 

Plural. 
1. Nominativ. Die idg. Nominativform auf -ö.9, 
d. h. -\- CS, ist wie im Lat. ('osk. aber noch Xuvianus 
aus -äs) durch die Pronominal form verdrängt worden. 
Eine ähnliche Übertragung zeigt auch das Slawisclie. 
Zuerst sind wahrscheinlich die Adjektiva und dann erst 



§311.j Die o-Deklinatioii. 349 

die Nomina ergiifTen worden. Die alte Form vermutet 
Streitborpj IF. (>, IIM in dem A/chaiivasa der ägyptischen 
Inschriften. 

Anm. 7. Idu:. sagte man foi iwirö.'^ irirös ""die neuen Männer', 
erhalten im Aind. Im Got. lieißt p<ii hlindai irairös, im Oriecli. 
TOI veoi deoi. Man kann das Umsichgreifen ganz deutlich verfolgen. 

2. Genitiv. Die idg. Endung war -6m, dessen 
Zirkumfiex, durch Indisch, Litauisch, Slawisch und Ger- 
manisch gesichert, auf Kontraktion aus -o-om weist. \>eijuv 
entspricht alat. Romanoui, dcam^ dessen u regelrecht durch 
Verkürzung aus -um entstanden ist. 

3. Dativ-Lokativ. Den Dativ auf -oT^, deoi(; 'den 
Göttern' hat man früher mit dem idg. Instrumental auf 
•öis aus -0 -j- ais verglichen mit Verkürzung des Lang- 
diphthongen nach § 148, ai. vrküih, awest. vehrkäis, lit. 
vilkals 'Wolf' mit Instrumentalbedeutung. Nun finden 
w'ir aber bei Homer überwiegend -oicri, und J. Schmidt 
KZ. 38, 3 ff. hat die alte Ansicht wieder aufgenommen, 
-Gig sei aus -oicri verkürzt. Nach ihm ist -oiq zunächst 
in proklitischen Formen wie dem Artikel entstanden; er 
stützt sich dabei auf die Tatsache, daß es im Lesb. im 
Artikel ToTq, sonst aber -oiCTi heißt, z. B. Solmsen 7, 8 

TOiq CTTpOTaYOlCTl Kttl TOiq dWoiCTl MttKeÖO VECT CTl. 

Die Richtigkeit dieser Annahme von Vokalausfall wird 
stark bestritten, und sie ist in der Tat nicht er- 
wiesen. Wohl aber kann man annehmen, daß -oicTi vor 
Vokal zu -oig wurde. Wie Gerland KZ. 9, 36 ff. gezeigt 
hat, stehen in der Ilias 1312 volle Formen, dagegen 
kommt -ok; vor Vokalen und am Versende 232 mal, da- 
gegen nur 35 mal vor Konsonanten vor. Auf der von 
Wilamowitz veröffentlichten Inschrift (Solmsen^ 48) 
steht nur -oicTi, -aicTi, aber 22 toutoicti toi<;' iepoicriv, 
23 TTapd Nu|uqpai(;', eiiev, 33 toict' iepnioicriv. Im At- 
tischen sind bis 444 v. Chr. beide Formationen ungefähr 
gleich häufig. Später hört der Gebrauch von -oiai auf. 
So kann es also kaum einem Zweifel unterliegen, daß im 
Ionisch-Attischen -oi^ aus -oicri entstanden ist. -oicri könnte 



350 Formenlehre. [§311. 

der alte Lokativ sein, entsprechend ai. Formen auf -csu, 
al)g. auf -cchü. Der Unterschied zwischen u und i kann 
nicht lautgesetzlich sein. Wir haben es wohl mit an- 
getretenen Partikeln zu tun. Das oi der Form ist pro- 
nominal und war schon im Idg. vorhanden, indem das oi 
des N. PI. '''toi (s. beim Pronomen) eindrang. 

-oiai kann indessen nicht die direkte Fortsetzung des 
idg. -oisi, -oisn sein, da s intervokalisch hätte schwinden 
müssen. Man muß daher annehmen, -CTi sei nach den 
konsonantischen Stämmen wie TiocTcri wieder eingeführt. 
Dann ist es aber wahrscheinlicher, daß das -oiq, das die 
andern Dialekte schon seit ältesten Zeiten bieten, und 
das doch dem idg. Instrumental entsprechen ktinnte, nach 
dem Lok. der konsonantischen Stämme zu -oim um- 
gewandelt ist. Es hätte dann im Griech. einmal loiq, 
aber TTOcrai den Füßen' gelautet. 

5. Akkusativ. Die idg. EIndung war -ons, d. h. 
■0 -f- ns. Im (Jriech. entstanden Doppelformen, indem v 
nach § 258, 9 schwand, wenn das folgende Wort kon- 
sonantisch anlautete, -ovq hat im allgemeinen gesiegt 
und wurde im lon.-Att., Milddor. regelrecht nach § 244, 2 b 
zu -ou<;, im Strengdor., Boot, zu -luq, im Lesb. zu -oi<;. 
FA. finden wir-oip, dessen Erklärung streitig ist (Thumb. 174). 

Anm. 8. In der j;roßen Inschrift von Gortyn wechseln to<; 
und TOV(; je nach dem Anlaut des folgenden Wortes, toc; liegt 
weiter im Ark., Thess. und sonyt vor. 

Dual. 

1. Noni. Akk. Die idg. Endung war -öti, das nach 
§251, 2 zu -0 wurde. Die griech. Form ist daher die Fort- 
setzung der indogermanischen. 

Anm. 9. Die Annahme Oöthoffs, daß die Endung ein 

Kontraktionsprodukt von -o -\- e sei. wird durch den Akut und 
die indischen Formen auf -äu widerlegt. 

2. Der Kasus ol)li(iuus lautet bei Homer -oiiv, 

woraus att. oiv entstanden sein kann. 

Anm. 10. lielegt sind bei Homer: TOiiv 'den beiden', Vir- 
nouvMen beiden Pferden'. ('iW/iXouv 'einander', diaqpoT^pouv 'beiden', 



ij 31 1—313.] Die o-Doklination. 351 

ßX€q)üpoiiv 'den Augenlidern', inapvau^voiiv 'den beiden Kämp- 
fenden', ötpOaXuoiiv 'den beiden Aii^en\ if]uiövouv 'der beiden 
Halbesel', öToOuoiiv 'der beiden Pfeiler', ujfiouv 'den beiden 
Schultern"' und auch Tioboiiv 'den beiden Füßen', leip^vouv 'den 
beiden Sirenen'. 

Zur Erklärung wird man von den Stämmen öuoi-, 
djLiqpoi- ausgehen müssen, die genau in Gen. ai. dväj-oh, 
lit. dvIe-jiTy got. twaildje, ahd. zwei-ero, Dat. abg. dvema^ 
lit. dvie-m, got. in-nim, lit. abieyn, got. hai)n beiden' 
wiederkehren. Unklar aber l)leibt, was das -iv ist. Lite- 
ratur über die Frage bei Brugmann Grd.^ 2, 2, 209. 

Bei den ä-Stämmen wurde -auv neugebildet, nachdem 
im Nom. -ä eingetreten war. 

II. Neutrum. 

313. 1. Der Xom. Akk. Sg. ist gleich dem Akk. 
der Maskulina. 

2. Im Nom. Akk. Plur. sollten wir dieselben 
Endungen wie im Nom. Sg. der Fem. finden, vgl. § 290, 
also ä und a. Die meisten Sprachen weisen allerdings auf 
•ä, \. verba, got. icaürda^WoTie^ abg. ?,^a Joche', v^ed.jugd 
Joche'. Es dürfte daher auch das Griech. a ererbt haben 
und a aus ä in der Stellung vor Vokal entstanden sein. 
Z. T. wird aber altes -a von allem Anfang an daneben gelegen 
haben. Das ursprüngliche -ä hat sich nach Meister 
BSGW. 1891, 24 ff. in Kompositen wie ruTn-^opoq (Eur.) 
'ein Joch tragend' zu (lu^ov 'Joch'), HuXrj-qpopo«; erhalten, 
doch ist dies wenig wahrscheinlich. 

III. Kontrahierte Stämme und attische Deklination. 

313. 1. Die Deklination der kontrahierten Stämme 
erklärt sich aus den Regeln der Kontraktion. Doch sind 
dabei eine Reihe von Neubildungen eingetreten. Regel- 
recht sind dirXoOc; 'einfach' aus äixXooq usw. Dagegen 
müßte aus N. Plur. Ntr. dTrXöa dTrXÜJ werden. Die Form 
dirXd ist den sonstigen Neutren nachgebildet. 

Die Formen wie euvou«; aus eüvooc; behalten den Akzent 
auf dieser Silbe, als ob sie nicht kontrahiert wären. 



352 Formenlehre. [§ 313. 314. 

2. Die attische Deklination repräsentiert die Wörter, 
in denen der Endung ein langer Vokal vorausging, z. B. 
honi. väö<; 'Temper, Xäoc; Volk'. Nacli den Regeln der 
quantitativen ^Irtathcse § 185 und der Verkürzung langer 
Vokale vor Vokal § 18() muß der lange Vokal gekürzt 
und ein kurzer Vokal der Endung gedehnt werden. Es 
entsteht also nach Übergang des ö zu i") att. veiu^, Xeoi^, 
MevfcXeo)«;. Der Gen. lautet veuü, also aus vipo ^ veubo 
^ veüü. Weiter dann Dat. veijj, Akk. veuüv, N. Du. veüu, 
Gen. veujv, N. PI. veuj, (ien. veuuv, Dat. veujq, Akk. vedi«;, 
also mit durchgehendem uu und nach Herodian mit dureh- 
gehendem Akut. Doch kann diese Überlieferung kaum 
richtig sein. Ebenso soll es heißen MevtXeujg, (icn. M6vt- 
Xeuj, Dat. MeveXeuj. Nun ist zwar der Nom. zu erklären 
aus MeveXäoq, nicht aber der Gen. mit seinem zurück- 
gezogenen Akzent. Im Ntr. PI. der Adj. hieß es 'iXea von 
'iXeuj(; gnädig'. 

Anm. In der Koin6 sind die Worte nicht vorhanden, und 
daher nannten die Grammatiker die Deklination attisch, weil 
sie sie in .\ttika antrafen. Seit 250 v. Chr. finden wir sogar in 
attischen Inschriften väöq statt echt att. veüjq. Nach dieser Dekl. 
gehen Xed»c; 'Volk\ veüüt; 'Temper, eux; "Morgenröte", dpveüjc; 
'Widder', l^peuuq 'Priester', XaTiJüc; 'Hase' aus *XaYuuög. Taa»<; Tfau\ 
äXwc, 'Tenne\ KotXuuc; '^Tau\ die Eigennamen wie K^uuc;, T^iuc;. Tuv- 
bctpeuuc;, Mev^XeoK; u. a., und die Adjektiva iXeujc; "gnädig", TiXta«; 
'voir u. a. 

IV. Betonung. 
♦il4. Die o-Stämme hatten unljeweglichen Akzent 
entweder auf der letzten, was das rrsprüngliche war, oder 
auf einer andern Silbe. Nur beim Neutrum l)estand ein 
Akzentwechsel zwischen Singular und Plural, der sich aus 
der Herkunft des Plurals des Neutrums erklärt. Wie sich 
XoXoq und xo\)], TpoTToq und Tpoirri, ttX6ko<; und ttXoki'") gegen- 
überstehen, so umgekehrt Miipa und M^poi ^Schenkel, 
bpujia und bpufiog Eichenwald, die einzigen Reste eines 
im Slaw. weit verl)reiteten Wechsels. Doch weisen auf 
den alten M'echsel vielleicht die Falle, wo die griech. Be- 
ton um: von der der verwand ton Sprachen abweicht, z. B. 



§314. 3ir).j Die o-Deklinntioii. 353 

kukXu 'Riidor' «^fgenübcr ai. cakrmn, ül)VO(; gössen über ai. 
vasiiüm N. ^KauTprcMs, rrtbov Boden, ai. pad/on iVm frei- 
Hcli auch nacb. >^ 272 c erklärt werden können. 

V. Stammbildung. 

.*il5. Das -0- der o-Stämme ist ursprünglich keine 
Endung, sondern der Stammauslaut zweisilbiger leichter 
Basen, der regelmäßig nur erhalten bleiben konnte, wenn 
der Ton auf ihm lag, die erste Silbe war dann reduziert. 
Solche alte o-Stämme waren, außer den Pronomina ö<; 
Svelcher' = ai. jdh, 6 'der' = ai. sa, etwa gr. Z^uyov, 1. 
JKgiim, ai. jugum 'Joch', — Tieöov 'Boden, Feld' für •••TTeöov, 
1. oppidum, ai. 2J<^däm 'Tritt, Stätte; — WTO^a Führer' in 
aTpaTi"|T0<5, ^i- ^y^/' 'Treiber'; — iöq, ai. visam 'Gift', 1. 
virus; — \uKog, 1. lupus, ai. rrkalj, got. widfs 'Wolf, idg. 
'^lukos und ••'ivr^os mit schon idg. Akzentverschiebung; — 
biq)p0(; 'Wagen' für "^'öicppö^ zu HJierös : qpujp 'Dieb'; — 
OjLioq 'zusammen' : eiq 'eins' aus '^setHS : ai. samäh 'derselbe'. 

Neben diesem Typus standen ursprünglich regelrecht 
auf der ersten Silbe betonte konsonantische Stämme, wie 
"^peds, '■■'pöds neben rrebov, elq neben 6}i6q, qpüüp Dieb' 
neben -qpopoq, wo der o-Vokalismus der ersten Silbe un- 
ursprünglich ist. 

Eünen besondern, im Griechischen weit verbreiteten 
Typus bilden die Nomina actionis mit Barytonierung und 
0- Vokalismus, dessen Anfänge wir schon dem Idg. zu- 
schreiben können, so öo.uog 'Haus' : öe,uiu baue'; — öp6uo<; 
'Lauf : öpajueTv ; — v6iuo(; Gesetz' : vejuuj ; — lö.uoq 'Schnitt' : 
Tejuvuj ; — Tp6,uoq 'Zittern' : ipeuiju ; — ßpouoq 'Geräusch' : 
ßpejuiu: — TÖvo^ Geschlecht' : T^vo^; — Xöto«; 'Wort' : \t(uj 
(1. lex) ; — TrXÖKog 'Locke' : irXeKUJ (1. simpIex, gr. öirrXaH) ; — 
TiXöoq Schiffahrt' : TrXeuj; — t6ko<; 'Gebären': exeKOv; — 
Tpöxo(; 'Lauf : Tpex^u ; — qpövoq 'Mord' : deivcu ; — qpößoq 
'Furcht' : qpeßo^uai usw. Das Lat. hat procus zu precäri als 
verwandte Bildung, während diese Kategorie im Germ., 
Sla^v. und Aind. nicht selten ist. Ihr Ausgangspunkt 
liegt in Kompositen, vgl. § 141. 

Hirt Griech. Laut- u. Formenlehre. 2. Aufl. 23 



354 * Formenlehre. [§31ü. 317. 

lilii. Ferner gibt es eine große Anzahl von Hil- 
(lunj^en mit Sunix<'n, die, soweit sie die alte Bedeutung: 
als Nomen agentis bewahrt haben, auch endbetont sind 
und den entsprechenden Vokalismus in der unbetonten 
Silbe zeigen. Da es vor allem darauf ankommt, die 
regelrecht erer])ten Fälle klar zu logen, so ordnen wir die 
Belege nach der Form der Basis (s. o. i^ 128). Nur auf 
diesem Wege ist es möglich, ältere und jüngere Bildungen 
zu scheiden. 

tl\7. 'tO' bildet seit idg. Zeit Verbaladjektive, die 
in vielen Sprachen retrelrechte l^artizii)ia werden. Sie 
haben eig. Endl)etonung und Schwundstufe der Basis. 

a) Von leichten IJaeen: diuaE-iTÖc; f. 'Fahrwep' : elui 'gehe', 
•a\. itälr, — TTiaTÖc; 'treu' : ireiOiu 'j^ehorche"; — KpiTÖ«; 'auserwählt, 
auserlesen' : Kpiveiv 'sondern'; — kXutöc 'berühmt' : kXüuu '■höre\ 1. 
indutuK. ai. snituh ; — X^'^öc 'aufgeschüttet' : Xfe»^u 'gieße": — |5U- 
TÖc 'fließend' : ^^uu: — dTTuaToq 'unbekannt^ TruvOävouai 'erfahre'; 
— ßaxöc; 'gangbar' : ßaivuu 'gehe', 1. rentus, ai. (jatah 'gegangen' 
aus *^"',w/^as; — qpaxöq 'get<)tet' : Oeivur, — auTÖ-uatoc; 'aus ei- 
gener Absicht' : infe'iaova 'ich will, habe hust'; — ireTTToc; 'gekocht, 
verdaulich' : tr^aauj 'koche'; — 4ktö<; 'was man besitzen kann": — 
^TT-aKTÖc; 'herbeigeführt cxyuj. 

b) Von einsilbigen schweren Basen: ävii-boxoc 'dagegen 
gegeben' : Mhiufii, 1. (latna; — axaTÖg 'stehend'; laTriui. ai. 
.-;fhit(ih; — Oexöc; 'gesetzt, adoptiert' : xiOrjUi, ai. hituh: — qpaxö^ 
'gesagt' : qprjui; — aüv-bexoc 'zusammengebunden' : bttu 'liinde' 
(Wz. </c}. 

c) Von zweisilbigen schweren l>asen: dv>-ixü(; 'sterblich' : ai. 
f/hrf^nfdh 'dunkel', Grdf. *(fhir,ujfus, daher mit Akzentverschiehung 
Oävaxoc 'Tod'; — TToXü-K|a)-|ro(; 'viel l)earl)eitet' : kuliviu 'mühe', 
ai. säntdh, mit Akzentverschiebung Kd!uaxo(; 'Mühsal'; — ßou-Xöxöq 
'Zeit des ()ihsenau8Bj)annens' : Xüuu 'löse', 1. solutus; die Kürze 
Xuxöc; stammt au.^ der Knmpu.'^ition oder ist gr. Neubildung; — 
0oxö(; 'herbeiireschlei>i)t' zu ^Oouai 'rette'. 

<V Die Kinführnng anderer Ahlautsstufcn ist .'^chon hier ganz 
gewöhnlich. Insbesondere wird nach dem Muster ^kxöc : €Xiu, 
^naxxö«; : äfiu vielfach der Prasensvokal zugrunde gelegt, so v€Ö- 
x€UKxoc 'neuhcreitet" : x€uxaj 'bereiten"; — öxpujxöq 'ausgebreitet' 
: öxpibvvuvu. Weiter wird dann das zugrunde gelegt, was dem 
.Sprachgefühl als Stamm erscheint, z. B. ibviixöc; 'gekauft' : ibvtJo- 
fiai 'kaufe'. 

e) Kinige liildungen weisen darauf hin, daß sie iu der Kum- 



4}ol7— 31'.).] I>i<' .>-l)<'kliniition. 355 

|M)8ition ontHtamlen niiul, /,. li.d-öxtxo^ 'unjiiiflialteam' neben 4ktÖ(;; 
— u-aTT6T0(; 'unpu^'bar' ; — öxpaiöq 'I^ager' nehon öxpiuTÖc; 'aus- 
gebreitet'; — bpuTü<; 'abgehäutet" neben '<\\. dirnäli. DuKej^'en lie^t 
in i und u statt t und u von schwenMi liawen Anal<)^iey)ildung vor. 

Das Element -exöc; hat sich im Griech., wohl ausgehend 
von Füllen wie u-öxtroc;, weiter verbreitet, so in ^Xexöc; 'greifbar' 
: 4\eiv; eüpfexoc; 'zu tindon' : eOpeiv; dpi-bfeiKexo^ 'ausgezeichnet'; 
^pirexöv 'kriechendes Tier'; baKexöv 'beißendes Tier' : baKeiv. 

g) In vielen Sprachen gewinnt -to auch als Sekundäreuffix 
an Umfang, z. B. lat. barhätus 'mit IJart versehen'. Im Griech. 
linden sich diese Bildungen wesentlich als Mask. auf -xä, s. § 310, 4. 

h) Über -xo- als Suffix der Ordinalia s. § 371; über -laxoq, 
xaxoc des Superlativs s. § 352, 355. 

318. -HO- hat in einigen wenigen Fällen dieselbe 
Bedeutung bei der gleichen Bildungsvveise wie -to, wie es 
auch im Germ, und Slaw. Partizipia und im Ind. Ver- 
baladjektiva bildet. Daneben stehen Substantiva, die 
gegenüber der Endbetonung des Adjektivums zurück- 
gezogenen Akzent haben. 

a) Von leichten Basen: piKvö«; 'gebogen, steif, zusammen- 
gezogen'; — öxuYvöq 'verhaßt'; — liirvoq m. 'Schlaf':!, sonums; — 
gr. Kpdvov 'Hartriegel', 1. conius; — xeKvov 'Kind'; — öiTapvöq 
'zerstreut' : örreipuj; — oe.uvöc 'ehrwürdig' : aeßo.uai; — ayvö^ 'heilig' 
: alojLiai ; — Y^M^öt; 'nackt' wohl aus ^iioQ^'^nös : ai. nagnah. 

b) Von schweren Basen: öövoq 'Andrang, Kampf : ai. dhünah 
'heftig bewegt'; — K\tvr\ 'Lager, Bett'; — ctYctvöc 'freundlich, 
mild' : äYa.uai. Die Bildungsweise ist indessen wenig in ihrem 
alten Umfang erhalten geblieben, sondern durch I^eubildungen 
aller Art gestört. 

c) Neben -no steht auch -sno, z. B. in Xüxvoc 'Leuchte^ aus 
luksnos : 1. Irma. Ob dies dasselbe Suffix ist, erscheint unsicher. 

d) Neben -vo<; erscheint im Griech. häufiger -avo(;, z. B. ui- 
Oavöq 'leicht zu überreden', OTefavöc 'bedeckt', iKavÖQ 'hinreichend', 
öxe9avoc; 'Kranz' u. a. Das a dürfte von zweisilbigen schweren 
Basen herrühren. Doch kann das a auch auf e zurückgehen, und 
die Bildungen könnten denen auf -exöc; entsprechen, und schließ- 
lich kann a auch auf m zurückgehen, so daß eine Ablautsstufe des 
Suffixes -)n}io vorläge. 

319. Sehr viel häufiger ist -no- als Sekundär- 
suffix, das Adjektiva von Nomina bildet. Durch falsche 
Abstraktion entstehen daraus eine Reihe neuer Formen. 

a) -110- tritt an alte Lokative auf -i und bildet Zeitadjektive. 
Der Akzent ruht auf der letzten, daher hom. eapi-vö<; 'zum Früh- 

28* 



356 Formenlehre. [§ 319. 

ling Kehöriu;' zu ^api 'im Frühling\ lat. rernus; hom. ÖTTUjpivö; 
"■früh herbstlich V, nachhom. beiXivöc; 'abendlich^ ^aTrepivöq 'abenci- 
licir; vuKxepivöc; 'nächtlich', 1. vocturmis; xeiuepivü(; 'winterlich", 
{.hihermix ; xöeöivöc; 'gestrig", \^\.\.hester)ius\ irepuaivöi; 'vorjährig' 
: TT^puai 'im Vorjahr". 

b) Kin anderes -ino bildet Adjektiva des Bestehens ans einem 
tStoU, der Herkunft, der Art. Sie haben zurückgezogenen Akzent. 
Man nimmt an, daß sie von AStämmen ausgegangen sind. Docii 
ist davon im Griech. kaum etwas zu spüren. Hom. uvOivoq 'aus 
Blumen bestehend", ßOßXivoc; 'aus Byblos gemacht", bepudTivo:; 
"ledern", bpinvot; 'eichen", eiXdxivoc; 'lichten-", Adivoi; 'aus Ölbaum- 
holz", K^bpivoq 'zedern", KUTrapiaöivoc; 'von Zypressenholz', Xdivo«; 
'steinern", jLi^Xivoq 'eschen", )aup?Kivo(; 'von der Tamariske\ oiauivo; 
'weiden". ttüEivgc; 'von Buciisbaumholz", uaKivOivoq 'hyazinthen", 
q)r|Yivoc; 'von Buchen". 

c) -)W tritt Adjektive bildend an ->-Stämme: hom. qpaeivöt; 
'leuchtend" aus *q)a/€avo(; : qpdo; 'Licht" ; d\Yeivöt; 'schmerzhaft" : 
6\Y0?". ^p6߀vvö<; 'dunkel" (äolische Form) : ^p€ßoq, ebenso dpxevvöq 
'weiß"; ^\€€ivö<; 'mitleidswert" : eXeoq 'Mitleid"; ^pavvöq (äol.) 'liel)- 
lich' : epox; 'lJel)e"; öeX/iv^ 'Mond" : ötXaq 'Glanz"; — -eivo- wurde 
durch falsche Abstraktion dann weiter übertragen, so in ^par- 
eivoq 'lieblich", KeXab-eivöq 'lärmend", OKOT-eivü^ 'dunkel' : 6 aKÖTo;, 
qpujTeivöc; 'licht u. a. 

d) -nn trat an die §310,2 Anm. besprochenen Bildungen auf/. 
Durch falsche Abstraktion entstand -ivoc;, 1. -inus, got. -eint^, das 
die ZugehTirigkeit bezeichnet: ßoXß/vji 'Zwiebelart' : ßoXßöc; 'Zwiebel" ; 
h. dYXiöTivo^ 'nah, dicht beieinander' : uyxicttgc;; h. Trpo|LivjiaTlvoc; 
'einer nach dem andern' ; ^pudpivo<; 'rote Meerbarbe' : ^pudpöt; ; 
KopaKivot; 'junger Rabe" : KÖpas ; x^ip/vi-) 'Schweineborste' : xoipo^ 
'Ferkel"; [iivx\ 'Stachelptlanze" : (roq 'Mistel'; piix/vr) 'Harz"; döep/vi] 
'grätiger Fisch" : ddnp 'Stachel". 

e) Kin Sulfix -uuvo«; erscheint in ein ])aar Fällen, wohl zu 
n- oder luo-Stämmen gehörend. So Kopujvö(; 'gekrümmt", Kopü^vTi 
'Krümmung" : 1. curro.'*; Kopöivii 'Krähe" : 1. carvus; ulujvö<; 'Enkel' 
: uluq 'Sohn"; X€Xd)V)-| 'Schildkröte" : x^^'J«;; hierher auch wohl oi- 
ujvöq 'Voj^'el' zu einem *o(üc;. Vgl. Brugmann IF. 17, 487 ti. 
Das tu geilt also wold auf -öu zurück. 

f) Das Surtix -öuvo bildet Adjektiva: hom. sind nur friöo- 
auvoe; 'freudig, heiter und Odpauvoc; 'mutig, zuversichtlich' aus *dap- 
öü auvo<;. Selir viel zahlreicher sind Abstrakta auf -öuvr), ab- 
geleitet von Subst. und Adj. mit der Beileutung des d. -heit, -schaff: 
bouXoöuvti 'Knechtschaft, KXeTTToauvri 'Dieberei, Verschlagenheit'. 
HavToaOvTi 'Seherkunst", uvfmoöüvri 'Krinnerung', TeKToaüvji Bau- 
kunst', dyttvocppo-auvri 'Freundlichkeit", (iqppo-aüvri 'Unbesoimen- 
heit', €uq)po-öuvr| 'Frohsinn", aujcpo-aüvji 'Besonnenheit', xn^O'^'^'^n 



§ol9. o'20.] I>ie o-Deklination. 357 

'Fren(lo\ Ktp^o-ouvt-) 'Verschlagenheit'. DiescH Suffix entsj>richt ai. 
■framhn mit der liedeiitun^ Stand'. Kh ist wohl an fu-, (uo- 
Stiunmen erwachsen. Pieser Zusammenhang Nvird neuerdings von 
Kay W. 29, 4i:'^fl'. lu'Btrittcn. 

«i!20. -iHO- bildet 1. Verbalabstnikta und Nomina 
a^'cntis und ist meist l)etont. In einigen Fällen zeigt 
sich domentsprechend Schwundstutenvokalismus in der 
Basis. Daneben stehen aber auch andere Ablautsstufen, 
häutig ist 0- Vokalismus, so daß man an sekundäre Ableitung 
denken muß. In vielen Fällen besteht auch eine Be- 
ziehung zu den Formantien auf -meyi (s. § 387) und -meno-, 
so daß der Gedanke nicht abzuweisen ist, daß unser Sufhx 
wenigstens in einigen Fällen aus -mno- entstanden ist. 

a) Von leichten Basen: Oepiuö? 'warm', 1. formus, got. warms, 
sd. (fharmäh 'Gluf mit auffallendem t'-V^okalismus, gegenüber dem o 
der andern Sprachen; otK-f-u^ 'Spitze'; 6h\xr\ 'Geruch'; KpD|aö(; aus 
*Kpuö|Liö<; 'Eiseskälte'; Xuy.uöc; 'Schlucken'; TTTap^ö«; 'Niesen', mit o- 
Vokalismus Xoi|uö<; 'Pest', Kopiuöq 'Klotz'; KÖauoq 'Ordnung', ÖY^oq 
'Furche, Keihe', oT,uo^ 'Bahn', öp)uo^ 'Schnur, Kette', tiöt\xoc, 'Los, 
Verhängnis'. 

b) Von schweren Basen : döjaö^ 'Mut', 1. fünms, ai. dhümüli 
'Bauch'; x^MÖc 'Saft, Flüssigkeit'; Kvri,uö(; 'ßergwald', Kvrjuri 'Unter- 
Bchenkel' ; KdXa.uoc; 'Halm'; äveuoq 'Wind', 1. animns; Kepa.uoq 
'Töpfererde'. 

c) Als Konglutinat finden wir -auoc, das wie -avog § 318 d zu 
beurteilen ist: dpxa,uo(; 'Anführer' : cipxuj ; iroTaiaö^ 'Fluß'; irXÖKa- 
|Lio<; 'Locke'. 

d) Sehr häufig ist -a.uo-, das wohl an s-Stämmen erwachsen 
ist: itXox,uÖ(; 'Haarflechte' aus *tt\okö|uÖ(; (s. § 229c), ^uuxuöc; 'Riß', 
aixjuri 'Lanzenspitze', beaiuöq 'Band'. Regelrecht findet sich -guo<; 
bei Ableitung von dentalen Stämmen : baö|Liö<; 'Teilung' : baT^ciiiai ; 
axiöuöq 'Spaltung' : oxiZxxi ; ööiuri statt älterm öburi 'Geruch'. Vgl. 
Solmsen KZ. 29, 117. Zum Teil handelt es sich hier um ana- 
iOgische Ausbreitung. 

e) Neben -auog steht -Ouöq: €\KriOuö(; 'Zerren', Kr|\r|d,uö(; 
'Bezauberung', K\au9,uöc 'Weinen', öpx^iöjaöc; 'Tanz', TropO|.iö(; Meer- 
enge", öTa9uö(; 'Stall', dpiOfiöc; 'Zahl' : puO|Liö<; 'Takt', -d hängt 
mit dem Wurzeldeterminativ -ö, das wir in Verben treöen ( § 48^, '/ 
zusammen. Auch vor -po und -Xo findet es sich (s. § 322). 

Anm. Auf den Zusammenhang von -mo- und -men weist 
vor allem die Tatsache, daß die ;«(?H-Stämme in der Komposition 
-/«o-Stämme werden, z. B. dv-iJuvu|uoc 'namenlos' : dvoiua; äaTrept-iot; 
^ohne Samen' : aTrep.ua ; äv-aijuo(; 'blutlos' : aiiiia ; euXeiiiioq 'wiesen- 



858 Formenlehre. [§320.321. 

reich' : Xciuuiv 'Wiese : biiöx^'^O'^ stürmiech' nehen x^if-U'Jv; h. ^Oa- 
0€X|iog 'mit guten Balken' : afe'Xua. Vjjl. J. Schmidt Kritik 9o. 
Vgl. auch Oepuaivuj 'wärme' : Oepuoc; 'warm'. 

-nio- l)ildet 2. sekundiire Ableitungen, bes. Ad- 
jektiva, z. B. eiuuoc; 'wahr' : ^Te(f)6q; bp'moq 'Waldung* : 
bpxjq. 

Produktiv wird das Konglutinat -iMO(;, das von /-Bildun'.,'en 
ausgeht, z. B. von Ti-Stämmen. hom. qpüEi-Liot; '/ulluchtmaßig' : 
qpOEic; 'Flucht', aiheaiuot; 'ehrwürdig' : aibeaic; 'Ehrfurcht usw. Da- 
neben stehen auch Bildungen, die von einem Stamm auf / aus- 
gehen, der auch sonst erscheint, 60 Kö'bi-|no<; 'ruhmvoll' : Köbi- 
dveipa ; qpaibijaoq 'glänzend' : qpaibpöc; ; KdXXi|do^ 'schön' : kqXXi- und 
weiter dann h. doibi|aoq 'herüchtigt' : ctoibri 'Gesang'; aiaiuo(; 'vom 
{Schicksal hestimmt' : alaa 'Schicksal' ; aXKiuoq 'tai)fer' : dXKi'i; uöpi- 
}jioq 'vom Schicksal bestimmt' : jaoipa ; öv|;iuo<; 'spät' : 6\\ii.. 

Indem -i)uo<; an Adjektiva auf -aXo- trat, entstand ein Aus- 
gang -aXiiLioc; : h. eibdXiuoc 'schon', eigentlich von einem Adj. 
^eibaXoq : eiboq 'Aussehen'; KapirdXiuoc; 'reißend' : Kapiröc; 'Hand- 
wurzel'; KübdXijaoq 'rnhmvoir : KÖboc 'Kuhm' ; ireuKäXiaocrverständii; : 
iböXifioc; 'Schweißerregend"; qjuTÜXiinoc; 'zeugend, nährend'. 

321. -ro läßt sich in seiner JU'deutung nicht klar 
fassen. Ks findet sich 

1. primär, Nomina airentis und Adjektiva bildend, 
meistens mit Endbetonung und entsprecliender Schwund- 
stufe der \\'urzel. 

a) Von leichten Basen: uiKpöc; 'hitter'. eig. 'stechend' : abg. 
jilsati 'schreiben'. \. j>i>i(/<>. eig. 'einritzen'; Eupov 'Schermesser': 
XuYpö(; 'verderblich'; Xurrpcx; 'betrübt'; UTPÖ»; 'feucht'; vjjuxpöc; 'kalt'. 
HJubpö^ 'lügenhaft'; rpripöc; 'zitternd' aus *Tpaa-pö(; ; äq)pö^'Schauni". 
\. ip)iher; — veKpoc 'Leichnam'; T^qppü 'Asche'; — ä.yp^<^ 'Acker". 
KÜTTpoc; 'Eber'. 

b) Von schweren Basen: oaTxpöc, 'faul' : aji-rnu; paKpöc; 'lang' 
1. macvr : infiKOC 'J^änge'; bOöpov 'Geschenk'; fiiüpoq 'dumm', ai. 
müri'iJr. iapoq, lepöc; 'heilig'. ti\. ish-oli 'kräftig'; ^pu9p6^ 'rot', ai. 

.rwihlrnh\ d-KOpoc; 'kraftlos', ai. sura// 'Held', daneben mit V^ sn- 
r'trah 'mächtig'; anXripöq 'trocken' : öKeXfToc;; KXvjpoc; 'Los'; xdXfi- 
poq 'Korb'; (ö),uiKpo(; 'klein' : ahd. «wiö/»'" 'gering'. 

2. Sehr verbreiten sich Konglutinate, die an dem Aus- 
laut der verschiedenen Stammf»>rmationen erwachsen sind. 

a) -apoq ; ^T-apog 'Gefährte', öi)€vap6(; 'stark' '^^[\ap6<; '^\\r- 
würdig'. 



§821.322.1 Dir ^-Doklination. 359 

U) tpo : TTTtpöv 'Kfdor', AfiiOfpoc; Tiei". TievOcpoc; 'Scliwit'^'er- 
vater\ cTxtpoq 'uiiuiiterbroclieir, aiuffpoc; 'entyetzlicl»\ fpoßepöc; 
'furchtbar', bpoaeprtq 'tnuiji;\ 

c) -upo- : fcxup6<; 'feat\ YXaqpupöc; 'lioliP, XiYupcjc; 'hellt<)nen<l . 
fipYupo(; 'Silber' zu /<-Stiiminen. 

(1) -üpo, -r|PO, -upo : öbuviipüc; 'h( hinorzhaff : übOv)i, dviäpöc; 
'iüstij;'; iroviipoq 'mühselig' : irov^u ; fax'ipoq 'stark'. 

Anm. t'^ber das Komparativsuftix -cm, -tero h. § 854. 

ti!^!^. -trO' bildet seit idg. vorzugsweise primäre 
neutrale 8ul>stantiva, die ein Werkzeug, eine ()rtlichk(-it 
u. a. bezeichnen. Es steht im engsten Zusammenhang 
mit idg. -iev (s. § 335). Die Basis hat Vollstufenvokalis- 
mus und Schwundstufenvokalismus. 

a) Von leichten Basen : viiiTpov "^ Wasch wasser'; — X^Kxpov 
'Bett'; Li^rpov 'Maß' aus '-'lueb-Tpov : |Liebo,uai, |iidbi,uvo(; 'Scheffel'; 
OpeTTTpov 'Kosten für Unterhalt'; Xiarpov 'Schaufel'; qpepxpov 
'Tragbahre'; Kdaxpov 'spitzes Eisen', Kearpot; 'Pfeil' : Kevieuj ; EiJaxpov 
'Schabewerkzeug'. 

b) Von schweren Rasen : äpo-rpov 'Pflug', 1. avätnnn; h. 
Xoexpöv, XouTpöv ' Wasch wasser' ; Ttpexpov 'Bohrer' rxpriTÖc; ; irXfiKxpov 
'Werkzeug zum Schlagen'. 

c) Später wird es von dem Stamm gebildet : öeü-xpov 'Schau- 
platz', Oiipäxpov 'Jagdgerät'. 

Die Maskulina wie öaiTp6<; 'Zuteiler , )uaaTpö(; 'Unter- 
sucher, oiKTpö<; 'jämmerlich' sind nach Brugmann erst 
Neubildungen vom Ntr. aus, was deshalb sehr wahrschein- 
lich ist, weil die alten Mask. auf -tcr ausgehen. 

Xeben -tro- stand in den idg. Sprachen auch -tlo-, 
doch ist dieses im Griech. selten und vielleicht erst aus 
-9-\o- entstanden, s. u. 

-9-po- und häufiger -x>Xo- haben im Griechischen fast 
dieselbe Verwendung wie -xpo-. Es liegt nahe zu ver- 
muten, daß die beiden Suffixe zusammenhängen, aber es 
ist noch nicht gelungen, dies nachzuweisen, und es ist 
auch möglich, daß die Suffixe ganz verschiedenen Ur- 
sprungs sind, da das 0- von -^po-, -ö^Xo- mit dem in -9-.uo- 
usw. identisch sein kann. 

Anm Sehr viel häufiger als idg. -clhro- scheint -dhlo- ge- 
wesen zu sein, und es liegt die Vermutung nahe, daß -dJrro- 
durch Dissimilation in Worten, die ein / enthielten, entstanden 



360 Formenlehre. i§ S22. 323. 

int, v^'l. 1. /Inhruin, cvntilabnun, rulutäbruni, dolähra, gr. öXeOpot; 
'Verderl)en', KÖXuOpov 'reife Koj^e"", XOOpov 'Besudelung*, uAaöpov 
'I)ach<;el)iilk-, |Li^\TTr|Opov 'Krgötzlicbkeit", ueXeOpov '^lorgen', 
TTToXieOpov 'Stadt', eXKrjOpov 'Teil des l*fluges<\ xriXi-jOpov 'Zauber- 
mittef, KXeiOpov 'Scliloß, Kiegef, Xeißri^pov 'Wassertiraben', 
liüXuuOpov 'Mühle'. In anderen Fällen steht wur/.elhaftee p, ho daß 
etwa Assimilation stattgefunden hätte: ßdpaöpov 'Schlund^ peiöpov 
'Stnmmng', (ipöpov 'Gelenk', KÖp^iOpov 'Besen', ladpaOpov 'Fenchel' 
u. a. Nach diesen Fällen hätte sich dann -öpo- im Griech. verall- 
gemeinert, vgl. Fick KZ. 42, ^'2. 

a) Von leichten Basen : ^Trißaöpov 'Fährgeld' zu ßaiviu; — 
öK€9p6<; 'knapp, genau' zu axeiv (hier liegt die Teilung öKeO-pöq, 
vgl. cax^^Onv, sehr nahe). 

b) Von schweren Basen : ßdpa-Opov 'Abgrund' zu ßißpÜJöKiu; 
— TrA€-öpov 'Morgen'; — d^ue-öXov 'Grundlage'; — /)^e-Opov 
'Strömung', vgl. lit. srare-ti 'gelinde fließen'; — Kpeud-dpä 'Hänge- 
korb' zu Kpeud-vvuui; — <5X€-öpoq * Verderben' zu üjXe-öa; — 
■ffc've-OXov, 'f€\l-\}\r\ 'Abstammung', vgl. ai. ^Vnj/Vram 'Geburtestätte'. 

ti^Zli. -fO' bcrülirt sich in seiner Bedeutung sehr 
mit ro-. 

Die primären Bildungen zeigen noch manchmal die 
alten Verhältnisse. 

a) Von leichten Basen: lak. 4XXd aus *iih\d 1. ^rlla, got. ^^i(h 
M. 'Sitz': — öjui'xXn 'Nebel', ahg. »uf/hr, — TucpXöq 'l)lind'. 

b) Von schweren Basen : öiöXog 'Säule', ai. sthürah, sthnläh 
'dick', daneben *7/idrt-rrt/i dass.; — qpöXov, qpo'Xri 'Stamm', zu ai. 
hJiH 'sein'; — Keqpa-X/i, f:ot. f/ibfa M. 'Zinne', d, '(liebel'; — b\-\\r] 
'Mutterbrust' zu Onaaro 'sog'; - ir^Ta-Xov 'Blati' zu n€Td-vvu)ai. 

Sehr viel häutiger und produktiver war -lo als Se- 
kundärsuffix. F]s tritt an alle Stammauslaute an, und 
»'S entstehen durch falsche Abstraktion neU(! Suffixe. 

a) -aXo- : -rr^TaXov 'Blatt', aiOaXo<; 'Ruß', KeqpaXt'i 'Kopf, br|Xo<; 
oHenbar' aus -h^-aXoc, x^aM«Xö^ 'niedrig', öuaXöq 'gleich', ueYdXo- 
■groß' ; 

b) -eXo- : uY^Xri 'Herde', (ieibeXo<; 'unsichtbar', oxuqpeXöc; 'dicht, 
fest' ; 

c) oXo-, a(6Xo(; 'beweglich'. 

d) -aXo- : öiYn^<^<; Hcbwcigsam', uTTaxnXöq 'betrügerisch'; 

e) -iXo ; ir^hiXov Sohle' : TTfe'hov 'Boden', öf.nXo<; 'Haufe" : ö^iöc; 
zusannnen'; 

f) -r|Xo : !nl|nr|Xöq 'nachalimend', vöör|Xo(; 'krank', KaTOplT^iXoc; 
schauderliaft'; 

gl -luXo- : rpeibiuXöc; 'schonend'. €uxiuXr| 'Prahlerei, Gelübde'; 



§a23. 324.J Die olVklinali.)!!. 3ül 

h) -iXo- TpoxiXo^ 'Stramll;Uifer\ ttoikiXo^ bunf, opfiXoc; 'jäh- 
zornig' : 

i) -uXo- : üfKuXoc; 'gekrümmt', ahd. aiujul, ÖYKÜXoq'geech wollen, 
8tolz\ naxiiXöc; 'dick\ »-ibüXoq 'süß\ KOYX^Xri 'Musi-her, (ipKTuXoc; 
'kleiner Bilr" ^p^!LlüXo<; 'etwas scharf. Sehr hiliitig wurde -lo in 
Kurzformen v.w Eigennamen OpaouXoc; : Opaouuaxo;;, lO^veXoc;, 
AiöxOXoc. 

3^4. Das Suffix -Jo ist im Griecb. nicht immer 
zu erkennen, weil ./ nach Konsonanten und zwischen 
Vokalen geschwunden ist. Man muß daher die ver- 
wandten Sprachen heranziehen. Im Gr. und sonst finden 
wir neben -jo ein [jo-, was doppelten Ursprung hat und 
teils auf idg. /-/o-, d. h. -jo hinter i-Bildungen, teils auf 
-ejo zurückgeht. Dieses steht nur nach langer vorausgehender 
Silbe, jenes auch nach kurzer. Oben (§ 284 e) haben wir 
gesehen, daß -Jo in einzelnen Fällen aus idg. ''''-Jos 'gehend' 
erwachsen ist, also eigentlich eine kompositioneile Bildung 
ist. Ob -jo in den andern Fällen ähnlichen Ursprungs 
ist, läßt sich nicht sagen, -jo drückte seit idg. Zeit die 
Zugehörigkeit aus, und war durchweg Sekundärsuffix. 

1. -io<; bei Adjektiven vergleichenden oder gegenüber- 
stellenden Sinnes ist an Adverbien auf -i erwachsen^ vgl. 
7TpLuio<; : Trpiui früh'; — dviiog 'entgegengesetzt' : dvii 

gegenüber'; — öeEi6<; 'rechts' zu einem Adv. ••'^öeEi, das 
in öeEiiepoq, 1. dexter steckt; — .utcrog, 1. medius, got. 
midjis, idg. ""inedhi-os] — d\Xo<;, 1. alhis, got. aljis 'ein andrer' 
aus '^'•ali-os, vgl. Sommer IF. 11, 1 fF., der einfach eine 
Überführung von Adverbien auf -i in die o-Deklination 
annimmt. 

2. -iO(; finden wir in Verbaladjektiven, die von Basen 
auf -i gebildet sind: dyi-og 'heilig' : d^ouai 'verehre* aus 
*dYJ0)uai; criuTi-oq 'abscheulich' : CTiuTric^uu ; — crqpdTi-ov 

Opfertier' : acpd^uu 'schlachte' aus "^crqpaYJuj ; — |uavi-ä 
'Wahnsinn' : uaivouai 'rase' aus '"^juavjoiaai, Aor. )nav)ivai; — 
TT€vi-a 'Armut' : rrevi-xpoq 'arm', rrevri«; 'arm' ; — TTayi-oq 
'fest' : Aor. rraYfi-vai; — 1. Studium : shidere; — i)ividia : 
invidcre; — praesidium : praesidere. 

Anm. 1. Im Gr. handelt es sich ofienbar um das Antreten 



362 l'ormenlehre. [§ 324. 

von -jo an /-Stilmiuo. während in den übrigen Sj)rachen z. V,. 
konsonantische Stämme zugrunde liegen. 

Weiter tritt dann lo- an /-Stammt-: biqpdcrio«; 'dop- 
pelt' : biqpaiog doppt-It' (He.^ych), Tpiqpdaioq 'dreifacli '■ 
Tpiqpaioq, -cpaioq : -i^eivuu schlasje'; -- (Ju^T^6c^lov Trink- 
^^elage' : cru.uTTODiq 'Mittrinker *, — yviiCTioq 'echt' : 1. 
nätas usw. 

)). -jo- und -ijo, idg. vir)-, nach kurzer und langer 
Silbe wechselnd. 

a) -JOK nach kurzer Silbe und nacii langer, wenn der Akzent 
vorausging: bioq 'himmlisch\ ai. divjah: — Teaöapdßoioc; 'vier 
Kinder wert"" aus -ßo/joq, c.\. f/arjah, garjuh 'aus Rindern be- 
stehen(r; laoipa 'das Geschick' aus *)aopja : *;>/<';•- 'TeiP; — 
TTfeZa 'Fuß' aus *TT€bja zu ■/><'r/- 'Fuß""; — *Kopjoc 'Heer in Koipavoq 
'Herr: got. Juirji.-i 'Heer': lit. härns 'Krieg". 

b) -ijos nach langer Sin)e bei folgendem Akzent: kukXig; 
'kreierund', ai. cakrijah 'zum Wagen gehörig'; — öVßpioq von 
öußpoi; 'Hegen' : ai. abhrtjaJf 'vom Wettergewölk kommend'; — 
äpTioe; 'angemessen', ai. rtn'JaJi 'gehörig': — x^i^ioi 'tausend', ai. 
xa-h(isrijali 'tausend': — iTTTTiot; 'Roß-' : ai. asvijah; — cxYpio; 
'wild' : ai. o'irjah 'in der Ebene betindlich'; aOoioc; "^leer. eitel': 
got. außcis, d. ("xlc usw. 

4. Dieses Suffix -yo-, -Ijo kann an alle Arten von 
Stämmen antreten, und durch falsche Abstraktion ent- 
stehen dann eine Reilie neuer Suffixe oder Konglutinatc. 

a) ?^Stämrae scheinen die Stammform eic zugrunde zu 
legen: ^tvdxov Kinn, l»art' : y^vik; 'Kinn', ai. hanarjah 'zur Kinn- 
backe irehorig' : ai, hihiulr. — x^^^io'^ 'Schildkrötenschale' : x^^^'^ 
'Schildkrtite'; — ciarciof; 'städtisch, feingebildet' : öotd 'Stadt'. 
Hier konnte ein Suftix -eioc; abstrahiert werden. Daneben steht 
auch ->iiO(; von -riu-Stiimmen, ßaaiXi'iio«; 'königlich', woraus att. 
ßaöiXeioq. 

b; Von r.s-Stiimmen kommt ebenfalls -eioq : iTeioq 'jährlich" 
aus *irctcsJos : ^Toc, 'Jahr'; — 4pKeioq 'zur L'mhegung gehörig': 
tpKGC 'l'mlieuung': tAcigc; 'vollkommen": t^Xqi; 'N'ollendunsr': 
övcibeiot; 'Hchimpfenif : öv€»bo<; 'Schimpf; — nOfio<; 'vertraut' : lidot; 
'Wohnsitz': Ktiheio<; 'lieb' : Kr)bo(; 'Sorge'; — O^peoc; 'sommer- 
lich" : O^po^ Sommer": — öpeioq 'bergig' : öpoc; 'üerg'. Hier liegt 
ein weiterer Au8gangHi)unkt für dax Suffix -eioc. 

c) Von -a^- und -og-StUmmeu kommen -aioc und -oioi; : Y€paiö(; 
'alt^ : T^p«s 'Khrengeschenk': -- Kv€qpaiO(; 'finster' : Kv^qpac; 'Finster- 
nis': — h. iioio«; 'früh, «»stlich' : i'iuj^ 'Morgenrote', ai. Ujvrr .*.;;>(/* 'der 



§ 824.1 Dir o-Di-kliiKitioii. 3CH 

Älorufenröto powciht' : n,s7j//: — aiboloq 'i'hrwiinlip" : a{huj^ 'Srluim'; 
— Y^^o*"*^ 'lüclierlich' : Yfe'^^^u; 'Laclien". Hiervon konnte eicli 
8uffix aioc; un<l -oiO(; weiter entwickeln. 

Bei -T€p-Stilininen tritt -lo an alle drei Ablautfistufen : irdTpio^ : 
irax/ip 'Vater^ — dvhpia 'Mannhaftiirkeit* : dvr'ip 'Mann": - dax^^'pioc; 
'mit Sternen vereeheir : (iar/ip ; — aiOtpioc; 'iuftii:" : afOi'ip 'Luft': 
übertrafen x^iM^pioc; 'winterliolf : X€i|uibv; am hüuligsten erscheint 
-Tiip, z. II aiuT)ipiO!; 'retteniT : auj-n'ip 'Ketter', vgl. 1. -föriu>! in 
öräföriKs. -T\']p\oc, wird dann produktiv, namentlich als Ntr., 
das eine Örtlich keit oder ein Werkzeu«: bezeichnet: b. nur 
OeXKTi'ipiov 'Zaidiermittef :Oe\KT/ip 'Beschwicbtifrer'; weiter ßouXeu- 
Ti'ipiQv 'l\athaus\ beauujTiipiov 'Gefangni.s", biKaaTr)piov 'Gerichts- 
hof, KpiTi'ipiov '■Ent8cheidung8grund\ |uuöTripiov 'Geheirani8\ giki-j- 
Tnpiov 'Wohnhaus' usw. In der Hauptsache leitet dieses Sufäx 
Bildungen von den Worten auf -t^c, [a. § olO, 4) ab. 

5. Eine außerordentlich große Verbreitung gewinnt 
im Griech. das Suffix -lov als Diininutivsuffix. Ursprüng- 
lich hat -lov keinen dinainutiven Sinn, sondern es bedeutet 
eben nur die Zugehörigkeit. In vielen Fällen ist aber 
diese Bedeutung so vollständig verblaßt, daß das abge- 
leitete Wort mit dem Grundwort fast identisch ist. Hatte 
man xepac; und Kepdiiov 'Hörn , iraic; und iraiöiov Kind' 
nebeneinander, so konnte sich an letzterm die verklei- 
nernde Bedeutung entwickeln, namentlich da -lov in einer 
Reihe von Fällen ansrewendet wurde, um das Junse von 
einem Tier zu bezeichnen, opvf^iov 'junger Vogel, kleine:- 
Vogel, Vögelchen'. Auch noch andere Ausgangspunkte 
sind möglich. Vgl. darüber die vortreffliche Studie von 
AV. Petersen Greek Diminutives in -lov, Weimar 1^)10. 

Anm. 2. Indem -lov in verkleinerndem Sinn an verschiedene 
Stammauslaute antrat, entwickelten sich im Griech. eine Un- 
menge besondrer Diminutivsuffixe, wie -ibiov. -ubiov. -abiov, 
-ubpiov, -ttKiov, -laKiov. -aX^X^iov. -eXXiov, -uWiov, -Civiov. -^b'apiov, 
-upiov, -aöiov, -aqpiov, -iicpiov, -iqpiov, -uqpiov, die alle Petersen 
untersucht. 

6. Eine in den idg. Sprachen verbreitete Eigentüm- 
lichkeit ist die, daß Komposita mit besondrer Vorliebe 
neutrale -Jo-Stämme werden. Vgl. d. Gebirge aus '""gaher- 
giom : Berg, 1. regifugium. Aus dem Gr. kann man hier- 
her stellen: rpiTTobiov 'Dreifuß', ipicpOWiov 'Dreiblatt', 



364 Formenlehre. ;§ 324—320. 

^vuTTViov 'Traiuri])ilcr. euafftXiov frohe Botschaft', Kevo- 
Tciqpiov leeres Grab. Im G riech, kann man die Ent- 
.st«-hungsweise dieser Bildung ganz deutlich verfolgen. 

7. Wie unter 1. trat -loq an Kasusformen, namentlich 
an Lokative. 

a) An konsonantische Stämme : ^vä\i-oc 'im Meere lebend"; 
€TTixOövio(; 'auf der Erde', KaxaxOövioc ; ÜTiaöTribioq 'unter dem 
Schild"; ÜTTOxeipioc; "bei der Hand\ 

b) An ^-.Stämme. Hierher gehören Fälle wie ^veüvaio^ 'im 
liett befindlich'; dvTiTre'paioq 'jenseits des Meeres' und weiter 
vielleicht dvaYKaioq 'notwendig", Trerpaioc 'felsig'. Jedenfalls 
konnte von diesen Fällen ein Suffix -aioq abstrahiert werden, 
wenn es auch nicht der einzige Ausganirspunkt ist. 

8. Schwierig zu beurteilen ist das Suffix -eioq. mit 
dem -eo<; wechselt. Einerseits handelt es sich hier um 
ein idg. Stofifiuljektiv -ejos, gr. xP^creoq 'golden, cribripeo^ 

eisern , dpYupeoc; 'silbern, lat. aureus, foreus, ai. h'u-aujüjah, 
anderseits um ein altes -eioq in oiKtiog zum Haus ge- 
hörig', 'iTTTieioq zum Pferde gehörig, bouXeio^ 'sklavisch, 
das auf ein -eijos weist, falls nicht -eiog von den cs-Stäm- 
men übertragen ist. 

3125. 8. -?f'0- ist verhältnismäßig selten und nicht 
mehr })roduktiv. Der Grund liegt wohl darin, daß das 
idg. -To, wenn es unl)etont war, zu u wurde, und daß 
demnach die //-Stämme das idg. Suffix -wo im wesent- 
lichen fortsetzten. Das ergibt sich aus dem Verhältnis 
von gr. ööpu Speer' zu got. iriu 'Baum' aus idg. '■•'•(Jreuom, 
Yovu Knie' zu g(>t. Kniu aus '•'gnefroni u. a. Im Gricch. 
liegt ioq Pfeil' vor aus '-'isfcos, ai. aber isu/i. Alte Bil- 
dungen sind: (TKai(/')ö(; links, 1. sracrus; — \ai{f)ö<;, 1. 
laevus 'links'; — öpi>ö^ gerade' aus -dpd/bq; — öXoq 
ganz' aus öX./bq, ai. sdrraJj ganz'; — oi/oq allein , a})ers. 
aira-\ — zu Tioiä aus TToi/r|, lit. picrn 'Wiese', eig. viel- 
leicht 'Weideland' vgl. ttüuü 'Herde' usw. Da .r außerdem 
im Griech. schwand, so ist es nicht wunderbar, daß -no- 
keine große I^ctlcutung hat. 

:i2«. •). -Ao-, -skO'. 

a) -ko- war im Jdg. ein außen »rdentlich häufiges 



i:}326. 3l>7.] Die o-I)(«kliii:ition. 865 

Sekundärsuflix, das last in allen Sprachen produktiv ge- 
blieben ist. Es bedeutet die artliclie Zu^ehürit^^keit. 

Die pewöhnliehstc (u'stalt ist al)er nieht -A-o, sondern 
-iko-, das müjjjlieherweise an i-Stilmnien erwachsen ist, wie 
juavTiKoc; zum Wahrsager gehörig' : judvxiq 'Seher, jaepiKoc; 
'teilweis' : )uepiq 'Teil, qpucTiKoc; 'zur Natur gehörig' : q)u(Ji<; 
'Natur\ dann aber schon in idg. Zeit weiter übertragen 
wurde. 

In Ableitungen von ./o-Bildungen findet sich aber 
nicht -iKO<;, sondern -laKoq : KapbiaKÖ«; : Kapöia 'Herz'; 
K'jpiaKÖ^ : Kupio<; 'Herr', CTKiaKOc; : cTKid 'Schatten'; dcppobi- 
(TiaK6(^. In andern Sprachen treffen wir nichts damit 
Vergleichbares. Doch entspricht dieses la vielleicht dem 
lat. J in -Jeus mendJcus^ anticus 'vorderer', veslca 'Blase'. 

'ko- konnte natürlich an alle möglichen Stämme an- 
treten, vgl. ^rjXuKO^ 'weiblich' : dfjXug 'weiblich', AißuK6<; 
'libysch', öcTipaKOV 'harte Schale', zu einem ''■'•ostr, es hat 
sich aber im Griech. nicht ausgedehnt, sondern -iKoq hat 
alles überwuchert. Nur ein Suffix -aKoq hat sich einiger- 
maßen verbreitet, so in öcrTaK6<; 'Meerkrebs', qpdpuaKOv 
'Zauber' und in Eigennamen wie "iTTTraKO«;. Es dürfte 
hier auf -nko zurückgehen und mit germ. Bildungen 
auf -ung Kibelung zu vergleichen sein. Häutiger ist -aH 
usw., s. § 334, 4. 

b) -sko- tritt in doppelter Verwendung auf; einmal 
steht es in engster Beziehung zu dem Präsenssuffix -sko. 
ßo-CTKri 'Weide' zu ßocTKuu 'weide', und dann ist -ictko«; 
ein erst nach Homer auftretendes Diminutivsuffix in 
iraiöiCTKoq 'Knäblein', daiepiaKoq 'Sternchen', öecTTroTicTKoq 
'Herrchen', xoip^crKO(; 'Schweinchen'. Aber wenn dieses 
Suffix auch erst später erscheint, so braucht es darum 
noch nicht griechische Neubildung zu sein. Wir finden 
ein gleiches Suffix -isko- im Germ., got. -isks, d. -iscJi, das 
'Abstammung' usw'. bezeichnet. Ob hier ein proethnischer 
Zusammenhang vorliegt, läßt sich nicht entscheiden. 

327. -hho- bildet seit idg. Zeit, besonders Tier- 
namen: e\aqpO(; 'Hirsch' aus '^elmbhos, d. lamb : eXXög 



366 Formenlehre. [§ 327—329. 

'Hirschkalb aus '■'cliios; — KÖpaqpo<; ein Yoprl' zu KOpLuvi") 
'Krähf' usw. Hilufif; ist die Erweiteruug -uqpiov : \>ripdq)iov 
'Tierchen'. 

Anm. Über ^r. -ttoc; 8. § 284 f. 

li2H, Das Suffix -rueno- bildet im Griech. die 
medialen Partizipia und stammt in dieser Verwendung 
aus dem Idg. Im Ind. linden wir -niäua- als Sullix des 
Partiz. Praee., im Avest. -mua- und -maita-, im Preuß. 
•mana-, im Lat. -m'uio- {femina^ Icf/imini). Ohne Mittel- 
vokal wie im Awest. liegt vs in ßtXe-)avov 'Geschoß', 
aiduvoq Krug" n. a. vor. Über sonstige ablautende 
Formen dieses SuiHxes s. § 2S8. 



Sie])enundz wanzigstes Kapitel. 
Die 3. Deklination. 



•i!^0. Die in der Grammatik unter dem Namen 
der dritten Deklination zusammengefa(.>ten Stämme zeigen 
in der Tat <'ine im wesentlichen einheitliche Flexion. 
Die o. Deklination entspriclit der lateinischen 3. und 4., 
und so kann man auch für das Griechische zwei große 
Klassen unterscheiden, konsonantische und vokalische 
(/- und U-) Deklination, doch ist im CJ runde kein Unter- 
schied zwischen ))eiden vorhanden. 

Ein ursprüngliches Kennzeichen vieler liierherge- 

htiriger Worte war der i^ 27U erwähnte Akzent Wechsel und 

der damit verbundene* Ablaut. Dieser Akzentweelisel hat 

sich im Griech. fast nur bei den Oxytonis, aber auch da 

nur zum Teil erhalten, und auch der alte Ablaut ist sehr 

stark ausgeglichen. 

Anm. 1. I)er Nom. der einsilbigen mask. und fem. Stumme 
iet im allgemeinen Oxyton, da der lange Vokal einer Hehnstufe 
des Id^'. entspriclit oder im Griech. neu entstanden ist, also TTdv 
Unv 'M(»nat\ öttXhv 'Mil//, (pp\\v f. 'Zwerchfell, Seele', x^^v f. 
'Krde', \ir]p m. Tier", «pöeip m. 'J>aub', x^ip f. 'Hand\ i<; f. 'Kraft\ 



S 0-20. 3oü. 



Die -l. lU'klinutioii. 



367 



öiüq m. Schakiir, Kxeic m. 'Kamm\ ZfOc. Im Attinciien iimli 
aber ein Geset/ bestantlen haben, nacii dem der Akut in tlcn 
Zirkiimdex über^inj;. Infol;:edessen linden wir teils ein Schwanken, 
wobei von i\en Grammatikern die zirkumflektierte Form auH- 
ilrücklich als attisch, die akuierte als der Koin(^ anjjehörig be- 
y.eiehnet wird, in andern Fällen hat die attische Form ge- 
siegt. Ein Schwanken besteht bei au 'Ziege\ y^Q'J^ f- 'Nacht- 
eule\ Qpät, kXci'c 'Schlü8ser. Durchgedrungen ist die Zirkum- 
Hektierung in e^ t'ins', aber oubeic 'keiner', TTä<; 'a]l\ Tiait; 
'Knabe', ßoöt; 'Rind', olq 'Schaf • und denen auf -uc, wie bpöq f. 
'Eiclie', |iiöq 'Maus', aber ix^üc; m. 'Fiech\ I<lg. Zirkumflex liegt 
vor in vaöq f. 'Scliili\ vgl. Streitberg IF. 3, 336. — Über die 
Neutra siehe unten S. 371. 

Anm. 2. Im Gen. Dat. Du. und Gen. PI. werden folgende 
Wörter jiaroxytoniert : bdc f. 'FackeP, buuuc m. 'Sklave', Kpdq 
m. 'Haupt\ ovq m. 'Ohr, iraiq m. 'Knabe\ öi'ic (auch G. Sg. oeot;) 
'Motte', Tpdb^ 'Troer\ qpüug n. 'Licht': qpujq f. 'Brandblase'; ferner 
Kujiuv, TXüjuuv. Es handelt sich hier um die § 272 behandelte 
Akzentzurückziehung. Analogisch ist diese auch auf den Dat. 
PI. von iräq 'all' übertragen worden, G. Sg. iravxö^, D. iravTi, 
aber irdvTUJv, D. PI. iräGi. Ferner heißt es boOpuuv 'der Speere' 
von böpu. Die Partizipia haben stets zurückgezogenen Akzent. 
Hier hat sich also die Akzentzurückziehung auch auf den Singular 
erstreckt. 



330. 



I. Die Flexion. 





Griech. Lat. 

1 


Goi. 


Aind. 


Sg.N. 

G. 
D. L. 

A. 

V. 


[ttoucj, alt 'Ziege' 
TToböe; 

TTObi 

TTÖba 
[ttou?] 


pes 
pedis 
Xhl.pedel 
jyedem 


Hohts 
nahts < *nahtes 
Jj.naht <^ *Hahfl 
naht <C "nahtm 


2)äd 'Fuß' 
padäh 
l^.padi 
päd am 
päd 


PI. N. 
G. 

D. L. 
A. 


1 
Höbet; ' [pedes] 
TTobüJv pedum 
■no(b)ai ' — 
TT ö bat; pedes 


mans 'Männer 
r,iannt 

foUins 


pddah 
paddm 
patsü 
paddh 


D.N. : [iTÖbe] s.S. 309 

G. 1 [rrobciv^ 


ags. nosH 1 pddäu 



368 Formenlehre. [§ 330. 

Singular. 
1. Ni>ininativ Mask., Fem. Der Nominativ wird 
teils mit dem Xominativzeichen -5, teils ohne dieses, dann 
aber mit Dehnstufe gebildet, ohne daß der Grund dafür 
klar zu erkennen ist. Wir haben es also teile mit dem 
Kasus indefhiitus, teils mit llektierten Bildungen zu tun. 
Einen .s-losen Nom. zeigen seit idg. Zeit: 

a) die r-Stiimme: Trarrip, \. pater, got. Jadar, ai. pitiL 

letzteres mit geschwundenem r nach i^ 251, 2; 

Anni, 1. Bei Hesych ist dbf) " oOpavö^ MaKcbövec; überliefert, 
was gleich aiOrip sein dürlte. Möj^licherweise stei-kt darin nach 
Solmsen KZ. 34. 550- die r-lose Form, die dann aber make- 
donisch, nicht griechisch war. 

b) die ?/-Stämme: ttoiuhv Hirt', aKUUJV 'Amboß\ 1. 
Vien, got. quma 'Menscir aus -c«, und mit Verlust des }f 
im Idg., s. § 251, 2, 1. homo, ahd. giimo Mensch' aus -o, 
lit. akmud, ai. ä.^mä 'Fels'; 

Anni. 2. Daß auch im Griech. vielleicht Nom. auf -ö wie lat. 
howo vorhanden fiewe3en sind, scheint aus Fällen wie N. TTu9i;i 
zu Akk. TTuOdjva, |aop|juj, f. 'Schreckjjeepenst', daneben jucpuiüv. 
(ir|bdj f. 'Nachti<j:air neben dribujv, yXt'ixujv neben Akk. fXrixib. 
ßXrixu^v, ßXrixLW 'mentha puleß:iuni\ fopfüj, Gen. ropYÖvoq, lapöii; 
und lapbüjv, hom. TTuOiu, \'ok. TTuöoi, aber Akk. TTuöiüva, xfeXibiijv 
'Schwalbe', Vok. auch x^^i^o'» eiKiüv 'Bild'. Akk. auch eiKiü her- 
vorzutrehen. Dieser starke Meiaplasmus setzt den Zusamnienfall 
der -uu und -ujv Worte wenit^stens in einer Form voraus, und das 
dürfte der Nom. <;ewesen sein. 

Anm. 3. Bei einer Reihe von >i-Stämme tinden wir anch 
s-Nominative, z. B. ue'X'/g 'schwarz" aus ju^Xav^;, j'i ZaXauit;. Gen. 
ZaXauivoq, ö beXqpi'q, später auch b6Xq)(v 'Delphin, Tümmler^ dKTi; 
f.- ivoc; 'Strahl', f)!? f. (später ^iv) 'Nase", Oiq m. f. 'Haufe\ f\ lübi^ 
f. '(leburtswehe'. ^HTMK f- Branihinp'. \<; f. 'Sehne", t^'J^XK Spitze", 
T€X|i(q liesych 'Moder. Schlamm", irnpiq. Trrjpiv m. f. 'SanienbeuteT, 
ip^iq f. 'Fuß der Bettstelle', axaiii'c; m. 'Seitenbrett am SchitF 
und die Kigennamen "EXcuoig, ZaXauic;, Tpaxfc;. Zum i;rößten Teil 
bandelt es sicli liier um alte i-Stämme (s. $j 307), deren Akk. auf 
-iv zu -iva erweitert wurde, was denn die /»-Flexion nach eich zojr. 
Mö)?licherweise wurde auch schon im Idp. der Gen. Flur, mit -;/ 
gebildet, vgl. ai. j>äptn(im 'der schlechten" : p<'ipi. F. zu jnipdfi 
'schlecht", got. matHKjeiuü G. PI.: nianagci 'Menpe". woraus die 
n-Flexion erwachsen sein könnte. Auch im bat. tinden wir 
reifina, f/nlfiiui mit gleicher Erweiterung. 



^330.] Dio 3. Dfkliimtion. 369 

(') (lio nmsk. cs-ötämiHo: 6ucr)Liev)i<; übel^eriinnt , ai. 
diiniutnalj \ hier kann Iciclit Schwund des h angenornincn 
werden ; 

d) die f/'-Stilnnuc: Ahtlu, Ar]Tuüi, ai. snkha Freund . 

Der Nom. ^iug im Griech. teils auf -uu, teils aul' -uui aus, 

doch war der Schwund des / möglicherweise schon idg. ; 

Anm. 4. J'elegt Bind iiielisch tlie I^igennamen "ApxiuJi: 
MevcKpctTuui, 'EKirlidvTuui. 

e") die (^//-Stämme, die als Xom. Dual, verwendet 
wurden: buiu, ai. ihicäu 'zwei'; 

f) die Partizipia auf -ovt: qpepiuv tragend'. Diese 
Bildungsweise vergleicht Bartholoraae KZ. 29, 568 mit 
solcher wie ai. mahcin und führt daher qptpuuv auf '''qpepuuvT 
zurück, was nach Solmsens Ausführungen BB. 17, 329fr. 
möglich ist. Aber die Partizipia haben im Ind. und den 
übrigen Sprachen die Länge nicht, die auch schwer durch 
das Dehnungsgesetz begründet werden kann, so daß wir 
besser mit B rüg mann G. Gr.^ 219 eine Analogiebildung 
annehmen, die allerdings schon idg. sein kann. Jeden- 
falls geht qpepuuv auf "'•qpepajvT zurück. 

Die übrigen Stämme bilden den Xom. mit -s, und 
dazu kommen wahrscheinlich ursprünglich die ein- 
silbigen Stämme der oben angeführten Kategorien, wie 
Joh. Schmidt KZ. 27, 392 vermutet hat. Doch ist die 
Regel im Griech. nicht bewahrt. 

Die Nominative mit s sind aber durch die griech. 
Lautgesetze vielfach verändert worden. 

Man muß daher immer den Genitiv kennen, um den 
Stamm des Wortes bestimmen zu können. 

a) Mediä werden vor dem q zu Tenues, Aspiraten 
verlieren ihren Hauch, daher ai'H "^Ziege' : G. aiyöc;, OpiE 
'Haar' : G. Tpixo^ (Grundform "^fhrikhs), "Apaijj : "Apaßo(;, 
l9iTH : IqpiTfog. 

ß) Dentale werden dem q assimiliert, daher T^|LiV)ig 
'nackt' aus "•'Yu.uvnxq, eXirig 'Hoffnung' aus ■■^£XTri5(;, öpvi<; 
^Vogel' aus *6pviö^. 

Hirt Griech. Laut- u. Formenlehre. 2. Aufl. 24 



:>7() Formenlehre. (§330. 

Anni. 5. Infolge dieses Lautwandels fallt der Nom. <lieper 
Klasse mit dem der /- und u-8tämme zusammen, was zu Meta- 
plasmus Anlaß gibt. Barytona auf -xc, und -uq bilden den Akk. 
auf -IV und uv. 

f) Nasale schwinden vor <; mit Ersatzdehnunfr: e\q 

eins' ans *ev^ zu evog, und weiter zugleich nach ß^ xix^eig 

setzend' aus ■^•TiOtVTq. TiT^<^ Riese' aus ^yiYavTq, x^^P'^i? 

angenehm' aus ■•'■xapievTq, öibou^ "^gebend' aus öiboviq, 

)ue\ä(; 'schwarz' aus futXavq. 

Anm. f). Da vor ö -{- Kons, der Nasal im Griech. spurlos 
schwindet, so müssen in diesem Fall wieder Dop])elformen auf 
-y/q und -c nach § 253, 9 entstehen, die im Thess., Kret. und 
sonst vereinzelt erhalten sind, vgl. Thumb 128. 

ö) Zu dem Stamme l^n'^'S-» 1- ifieasL^ lautet der Nom. 
•■••|ur|vq, der zunächst zu *|li€v? (§ 148) und weiter zu ion. 
|Li6iq, dor. }!}■](; wurde. Att. )ui'"|v ist eine Neuhildung nach 
den obliquen Kasus, wie wir sie auch in öeXqpiv neben 
beXqpiq u. a. treffen. 

Anm. 7. ^lerkwürdig ist el. |neOq, das wohl nach Zeuq ge- 
bildet ist. 

e) Nach p schwindet ^ mit Ersatzdehnung: x^'P ^'• 
'Hand' aus '-'x^pq. Dat. Du. x^po^^. ^^- X^P^^- 

l) Nicht sicher erklärt ist der Nom. att. TTOÜq 'Fuß'. 
Zu erwarten wäre iraiq = ai. päd, das als dorisch von 
Hesych bezeugt ist und alt sein wird. Daneben steht 
auch TToq, eine Analogiebildung nacli dem Akk. iroba. 
Nach Sommer I^nters. IG standen einst (bq und oug 
Ohr' nebeneinander, und dies hätte iTOuq neben ttiÜ(^ 
herv'org(Tufen. Anders B rüg mann BSCJW. 1897, 18S. 
— Neue Formen sind auch att. tttuE 'scheu, furchtsam', 
ßXdE 'schlaff, lässig', wofür wir ••TTTriE, ßXrjE erwarten 
sollten. Sie sind gebildet nach Fällen wie )ieXöq, fieXavog, 
atdq, aTuvTo<;. 

r|) In den langdiphtliongischen Stämmen mit dem 
Nom. -c; wirkte das Verki'irzungsgesetz (§ 148), daher 
ßaaiXeuq 'König' aus '••ßaaiXnvj^, (Jen. ßaaiXfioq, vauq 'Scliift' 
aus *väO(; (ion. v^()(; war Neubildung), ZeO^ aus ■•"Z)iu^> 
ai. djüuh. 



§380.] Pie 3. Deklination. 371 

2. Nominativ, Akk. Ntr. Der Nominativ Neutrius 

liat koino Knduni^, und vr wird auch ohne Dehnung g(;- 

hildct. Auslautende Konsonanten ßclnvinden, soweit sie 

schwinden müssen, dalicr fiTiap 'Leber' walirsclieinlich 

gleich ai. jäkrf^ ^ap 'Blut\ ai. dsn/ 'Blut', fueXi 'Honig', 

got. villi f), vgl. |neXiT0<;, Kfip 'Plerz' aus ■••Kripb, vgl. Kapöia, 

1. cordis, ^a\a 'Milch' aus ■^YdXaKT, xcipiev angenehm' aus 

*X«pitVT usw. 

Anm. 8. Die Neutra ziehen fast durchweg den Akzent so- 
weit als nuiglich zurück: fdXa, eap, übuup, bepac;, einsilhige werden 
entsprechend zirkumflektiert. Auegenommen ist OKwp 'Kot'. 

o. Genitiv. Die griech. allgemeinübliche Genitiv- 
endung -0^ war aus dem Idg. ererbt, vgl. lat. -iis. Es war 
die Ablautsform zu -es, 1. -is. Wahrscheinlich war aber 
-e, -0 darin der Stammauslaut, vgl. iTOÖo-q zu Tieöo-v, und 
nur s die Endung. Letztere scheint in eH 'aus', dip 'zu- 
rück', vielleicht auch in Ö6cr-TTÖTri(^ 'Herr', eigentlich Haus- 
herr' aus ^öeiLi^-TTÖTiiq vorzuliegen. 

Anm. 9. Neubildungen sind jedenfalls die Genitive der i- 
und ?f-Stämme, s. d. 

4. Dativ. Der griech. Dativ ist formell der Lokativ. 
Die alte Dativendung -ai, ai. -e, 1. -/ wird nur durch 
isolierte Reste als einst vorhanden bezeugt. Sie liegt 
vor in xa^ai 'auf der Erde', 1. humi zu x^*^"^» ^^ <^6i^ En- 
dungen der Infinitive auf -juevai, -vai, -crai und in Ad- 
verbien wie Tiapai, Kaiai- (KaTaißaxoc;). 

Von den beiden Bildungen des Lokativs, vgl. § 293, 
Anm. 2, 7 liegt die endungslose Form nur in isolierten 
Bildungen vor, so in den Infinitiven auf -juev-, ööjuev, 
iu€v, ei7Te,uev, eardiLiev, eijuev, vielleicht auch in den In- 
finitiven auf -V, wie Xueiv, qpepeiv und Adverbien wie aiev 
'immer' zu aidbv, aleq zu Akk. aiuj aus *ai/bcra, daneben 
alei aus *ai/ecri, uirep 'über', 1. super gegenüber ai. ujxb'i, 
evöov 'drinnen' = en-]-dom, dem Lok. zu dem kons. Stamm 
dem in öe(|n)crTT6Tr|g. 

Der Lok. auf -i, irobi, ai. padi kann auch in dem lat. 
Abi. pede stecken, vgl. Sommer § 225. 

24* 



372 Formenlehre. [§ 330. 

Anra. 10. KZ. 44, 1 11". liat Solmsen in eingehender Dar- 
stellung einen Dat. der kons. Stämme auf ei erwiesen. Es liegt 
vor im kypr. Ai/^e 191X0, Ai/'eiOeiai;, att. AieiTptqpTic;, und 
daher steht ion. bi/cpi\o<; mit ständiger Länge wohl für altes 
AieiqpiXoc;; ebenso bii-rreT^oc;, wofür man im Altertum auch biemeT^oc; 
las. Dazu phryg. /avQKTei, osk. Diuvei, iioterei, si'fil u. a. Ich sehe 
darin übrigens nichts Besonderes, sondern eine nur zu erwartende 
Form. Wie an ])L'(h', jwdo im Gen. .s getreten ist, 1. pedis, gr. 
ireböq, so im Dativ -i an den Stammauslaut -c. Es ist dies 
also nur ein Beweismittel mehr für die Einheit von Dativ und 
Lokativ. 

5. Akkii.sativ. Die Endung dos Akkuj^ativs -m 
muß zwei Formen zeigen, je nachdem sie nach einem 
silbischen oder unsilbischen Laute stand. Während sie 
in jenem Falle blieb, wurde sie nach unsilbischen Lauten 
meist silbisch, d. h. zu -m, das im Griechischen als -a 
erscheint, daher iröb-a 'Fuß', 1. ^icdem, Traitp-a 'Vater' = 
1. pair-em. Aul' der andern Seite sind Formen wie ttoXiv 
'die Stadt' = 1. sifhu^ ttvjxöv 'den Arm' = 1. frudum 
ebenso regelmäßig. 

Auch nach unsilbischen Lauten war -m im Indogerni. 
unsill)isch vor folgendem Vokal. Aus dieser Tatsache 
erklären sich eine Reihe von Doppelformen, so z. B. dor. 
ßdiv Kuir = ai. (jdm aus idg. '■'•(f^'Oum. Die regelrechte 
F'orm liegt in 1. horcm, gr. ßoa ^Pherekydes) vor. Auch 
der Akk. Zv\v-a ist aus einer solchen Form erwachsen. 
Die älteste Form ist Z^v, die bei Homer am Ende des 
Hexameters steht, ^ ai. djfDn. Daneben steht 1. Jovem. 
Ferner iv Kraft' (bei Homer dreimal vor Vokal) = 1. vim, 
woraus Akk. iva, PI. ive^. 

Anm. IL Nach dem >hister ttolk;, (i. iroböc;, Akk. iröba 
usw. stellt sicli auch bei den vokalischen Stümn)en hilutig a ein. 
So schon hom. eup^a zu eupOc; 'breit\ wohl um die Lautfolge u 
-u zu vermeiden, bei Herodian auch vr|büa, 6cppua, bpüa, auch 
einmal ßörpua bei Euphorion. vaüc; 'Schür bildet att. den Akk. 
vuOv. hom. vf|a, v^a. 

Anm. 12. Formen wie kret. AaTiiiv, lesb. Aüxtuv, ZdTiqpujv 
können altiridischeu auf -(un, jxhdhd»! entsprechen, vgl..L Schmidt 
KZ. 27, 377 IL Sie würden mit Zi^v, ßiwv auf einer Linie stehen. 

Anm. 13. An das -a wurde dialektisch noch das -v gefügt, 
80 kypr. ijaxripav, el. dYaXuaTO(pi.Dpuv, thess. tüv kiövuv. 



§ooO. 331.J Dien. Deklination. 373 

(). Vokativ. Der X'okativ i^t f(>rm('ll gleich dem 
Nominativ, niiturgomiiß ohne das Nominativzeichen -.v, 
also gleich dem Kasus indefinitus. Da er meistens en- 
klitiscli gebrauclit wurde, so ermangelt er auch der 
Dehnung, die nur in vollbetonten Silben eintreten konnte, 
vgl. Streitl)erg IF. 3, 1)57 f. Regelmäßige Formen sind 
im G riech, genügend erlialten. 

Anni. 14. Den Kasus indefinitus zei<ren im Vok. die 
Stämme auf -luv, Gen. -ovoq, -uuv, Gen. -ovtoc, -uup (oj ^f|Top), Adj. 
auf -äq, -avoc, {W .ueXav), -eic, -evToq (xapiev, aber auch x^pteic;), 
-äc, -avTOC, (Aiav und Ai'aO. Ausgenommen sind die Partizipia und 
die Wörter auf -\']p, aber Trcirep, övep ^Mann', bäep 'Schwager, 
uf|T€p 'Mutter'. ^ÜYarep 'Tochter'. Ohne c, bilden den Vok. die 
Subst. auf -IC,, -ug, -auc;, -evq, -oxjq, dagegen die einsilbigen Oxytona 
auf -c. Attisch aber auch uj fidvxi^, th iröXiq. 

Es handelt sich hier um Analogiebildungen, die auch da- 
durch hervorgerufen sind, daß eine Apposition zum Vok. im 
Nom. stand, z. B. t 357 Trepiqppujv EupuKXeia. Je häufiger ein Wort 
gebraucht wurde, um so eher behielt es auch die alte Form. 

In Fällen, in denen der Stamm konsonantisch ausgeht, 
mußten Konsonanten nach § 253 schwinden. So erklären sich 
YÜvai 'Weib' aus *YÜvaiK, äva 'Herrscher' aus *ävaKT, daneben 
schon hom. ävaE, irai 'Knabe', ''ApxeLii^b), Oexi, ^epov 'Greis'. 
In Fällen wie jieXav, \apiev tritt das im Nom. vor 6" geschwundene 
n wieder zutage. 

Zurückziehung des Akzentes findet sich in häufig ge- 
brauchten "Wörtern: irdrep 'Vater', ävep 'Mann', ^üyaTep 'Tochter', 
Ar|!nriT€p, aJJxep 'Retter, bäep 'Schwager', TTööeibov, "'AttoWov, vgl. 
§ 276. Dagegen liegt in den zusammengesetzten Subst. auf -uüv. 
-ovoc, -OVTOC ("AYCxiaeiivov, 6Übai,uov 'glücklich'), den Komparativen 
auf -lov (tö KdWiov), den zusammengesetzten auf -r\q, Gen. -eoc; 
(IujKpaT€c, AiTUÖööevec) der alte Akzent vor. 

Schon seit idg. Zeit wurde, wie es scheint, auch der 

Nom. als Vokativ verwendet. Auch dies ist im Griechischen 

z. T. in Übereinstimmung mit dem Indischen bewahrt, so 

im Vok. von irouq, ai. päd und anderen einsilbigen Stämmen, 

gr. vavq, ai. väuli. Gr. ZeO dagegen ist wegen 1. Jupiter 

alt, obgleich es ai. djäuh heißt. 

Plural. 
331. 1. Nominativ Mask. Fem. Die Endung 
-es ist regelrecht erhalten, während in lat. -es die Akkusativ- 



374 Formenlehre. [§3oI. 

ondung vorliegt, v<rl. iraTep-eq, ü\. jütänih, dvep-eq, ai. härnh 
q)6povT-eq, ai. hhärant-ah usw. 

Anm. 1. I>ii9 auf Jüngern kretischen Inschriften auftretende 
-€v statt -€<; beruht auf einer merkwiiniiti^en Analo<j:iebil(lunjr. 
Neben die alte doriBche Form der 1. Plur. cpepoue«; trat die 
Form der Koine qp^poiaev 'wir tragen\ Danach bildete man zu- 
nili'hst ö|Li^v neben (iue^ 'wir' und weiter auch vielleicht Nominal- 
formen. Für einen derartiijen \'or<j:ang gibt es zahlreiche Pa- 
rallelen, vgl. J. Schmidt KZ. 36, 400 tf. 

2. Nom. Akk. der Neutra. Der Nom. Akk. der 
Neutra zeigt die Endung -a, dem im Ind. ein i gegen- 
ü})ersteht, Teiiapa vier', ai. cntidri; — qpepovia 'tragend', 
ai. J/hnranti. Als idg. Endung setzt man daher o an, die 
Schwundstufe zu dem sonst auftretenden -a, vgl. § 312, 2. 
J. Schmidt Ntr. 235, 238 f. nimmt indessen an, daß da.s 
ind. -/ = idg. i und nicht = d ist, wofür in der Tat einr 
Reihe von (iründen spricht. Trotzdem kann man das 
griech. a = j setzen, das nach J. Schmidt Ntr. 258 nur 
bei den /- und «-Stämmen berechtigt war. Tpia verhält 
sich zu ai. ved. ///, 1. tnginta genau wie la im N. Sg. 
(ier femininc^n ./^-Stämme, s. i^ 307. Auf die schwierige 
Frage der Bildung des ursprachlichen Nom. Plur. der kons. 
Stämme kann hier nicht weiter eingegangen werden. Die 
Frage ist durch Schmidt in seinen Neutra auch nicht 
überall richtig gelöst. Sichor ist aber, daß vielfach dehn- 
stufige Singulare mit kollektivem Sinn als N. Akk. Plur. 
verwendet wurden. 

Anm. 2. In Formen wie Kp^ü, "f^pci, öK^-rrd, neben denen 
Kpfc'ü aus *Kp^aaa steht, sieht G. Meyer Gr. (Jr.^ 464 Formen, die 
nach dem Muster der übrigen Nom. auf -ä verkür/t sind. Diese 
Krkliirung ist allerdings einfacher als die von .loh. iSchmidt 
Ntr. 321, der Kp^d mit ai. kn'iri- in li-kravi-hasta- 'keine blutigen 
Ihlnde habend' vergleicht, aber das Einfachere ist nicht immer 
das Nichtige. 

3. Der Genitiv hatte auch bei den kon.-^onantischen 
Stämmen die Endung -<7m, vgl. Streitberg IF. 1, 259ff. 
Sie ist im Griech. durchaus erhalten, vgl. kuvujv 'Hunde', 
1. rnnum, fir)vujv Monate , 1. mensum, TTaipujv Vater', 1. 
patrum. irobiJuv P^'iiße , l. prtJum. 



tj331.] Dio 3. Dolvlination. 375 

An in. 3. Der CJen. IM. ist in der 2. und 3. und teilweiHC 
aucli in der 1. I>ekl. ^It'icli. Dadurcli kann leicht ein Übertritt 
von einer KhiHse in die andere l)e\virkt werden. Am ßtärksten 
hat dieser ZiiHaninienfall im Nordwestgriech. gewirkt, wo ein 
Dativ auf -oi<; in der 3. Dekl. entstanden iwt. Vgl. darüber 
Sommer TF. 25, 289 ff. 

4. Dativ- Lokativ. Die Endung -si, die auch in 
d(T 1. und 2. Deklination vorhanden ist, tritt ursprünglich 
an die schwache Form des Stammes. Bei dem Zusammen- 
t reifen der verschiedenen Konsonanten mit dem s ergeben 
sich lautgesetzliche Veränderungen, die vielfach zu Un- 
deutlichkeiten und daher auch zu Neubildungen führen. 
Zunächst wurde -CTi restituiert, wo .s' zwischen Vokalen 
hätte schwinden müssen, so in Traipd-cri 'Väter', dvöpdcTi 
'Männer', ai. püfsn, nfsii, ßoucTi 'Rinder'. Neubildungen 
sind ferner Formen wie öduTOpcTi, regelrecht dagegen att. 
-ouai aus -cvTCTi, z. B. ööoOcri 'den Zähnen'. In ttocti 
'Füße', hom. irocTcri ist öcr zu (Ter assimiliert und dann 
vereinfacht worden. 

Bei den «-Stämmen TT0i,uecri, öaijuocri finden wir Ver- 
lust des n ohne Ersatzdehnung. Das ist indessen sicher 
nicht lautgesetzlich. Ursprünglich stand im Lok. Plur. 
die Schwundstufe, vgl. Traipdcri, also bei den %-Stämmen a. 
Erhalten hat sich diese in der Form cppacri zu cppriv 
'Zwerchfell' bei Pindar und attisch inschriftlich aus dem 
6. Jahrb. belegt. Dies wurde dann zu cppecTi umgestaltet. 
Zweifelhaft ist, ob hom. d^Kd^ 'in die Arme' als dfKdcr' 
zu lesen und als alter Lokativ zu dYKubv 'Ellenbogen' zu 
betrachten ist. In dpvdcTi 'den Widdern' ist v wohl vom 
Gen. Sg. dpvog usw. eingedrungen, so daß dpvdm für *dpdai 
eingetreten ist. kucti 'den Hunden' ist wohl für ■%a(7i 
gebildet. So wurde also TroijudcTi zu TroijuecTi umgestaltet. 

Anm. 4. Die Existenz von häufigem -aai wird auch wohl 
durch Dat. PI. wie h. uldai Men Söhnen', kret. irXiaai von irXee«; 
'^mehrere' vorausgesetzt. 

Besonders bemerkenswert ist die Endung -ecTcri 
der konsonantischen Stämme, die allgemein im Nord- 
achäischen (daher bei Homer ein Äolismus) herrscht und 



376 Formenlehre. [§331.332. 

aucli in Delphi, Ostlokris und p]lis vorkommt. Früher 
«all man darin die von den -ecT-Stämmen (67Te(J(Ti 'den 
Worten') übertragene Endung, mit Recht aber macht 
Waekernagcl IF. 14, 373 auf die Schwierigkeit einer 
derartigen Analogiebildung aufmerksam. Er meint viel- 
mehr, nach dem Muster äol. N. Xukoi 'Wölfe' : D. XuKOicri, 
Moidcü Musen^ : Moiaaiai sei nach ^iipeq 'Tiere' ein 
\>ilpecrcri geschaffen. Das ist durchaus ansprechend. Die 
Endung empfahl sich dann, weil durch sie jeder Ver- 
dunklung des Stammes vorgebeugt wurde. 

Bei den e.s-Stämmen mußte i-benfalls -CTCJi entstehen, 
also ^Trecr-cri, so noch hom., woraus att. eTrecri. 

An 111. 5. Im Nordwest^riechischen. auf dem Pelo])Onne9 
nnd sonst wird die Endnnj^ -o\<; der o-Stäranae auf die konso- 
nantischen Stämme übertragen. Vgl. oben Anm. 3. 

Anm. 6. Im Henikleischen erscheint ein Ausgang -aoax 
bei den Partizipien, in Ivx-aaai, iroiövraoöi, huirapxövTaaai. Wahr- 
scheinlich ipt dies aus<;oLrangen von einem alten *haaa\ = ui. 
^fitsu zu sfoif 'seienci'. Aur h^vret;, hdaai bildete man ein ^vxaaai, 
und dann wurde diese Endung weiter übertragnen. 

5. Akkusativ. Die Endung -vs, wahrscheinlich aus 
-»i.9, wurde nach Konsonant silbisch, -ns ahev erscheint 
im Griechischen regelrecht als -a<;, 1. -rs aus -e7^s, Troöag, 
1. pcdes usw. 

Anm. 7. Im Kretischen finden wir -avc neben -aq. Hier 
hatte das laut^esetzliche \'erliältnis der ä- und o-Stämme, wo 
-av(; und -ac, -ovc und -oi;, s. S.257, miteinander wechselten, vor- 
bildlich ;je\virkt. 

Anm. 8. Verschiedentlich wird für die Akkusativform <ler 
Nominativ verwen<let. so achftisch tou^ ^Xdaaove^ Co. Ifil5. 
ilelphisch uvö<; ^eKartTopec;, elisch irXeiovfp, x^P'^cp Co. 1172. 
Kegel ist 68 bei den f-Stitmmen, iröXct?, den mank. t'.v-Stammen, 
€Ü*f€vei(;. s{)ilter auch bei den <v/-Stämmen, (iaöi\€i(;. Der Aus- 
gangspunkt liegt bei den /-Stilnmien, vgl. § 343 un»l Wacker- 
nagel IF. 14, 367. 

II. Stammbildung und Abstufung der konsonantischen 

Stämme. 
«Iti2. Die k<in.sonantiscben Stänune sind, wie die 
neuern Untersuchungen gezeigt haben, eigentlich coStämme, 



I 



4j 332. 338.J 



nie 3. DokliiKitioii. 



377 



die das c-o der zwoiton Silho repjt'lrcclit verloren luibeii. 
Wo durch diesen Vorgang eino Sill)o nach einer oflncn 
betonten Silbe verloren jjjing, wurde letztere gedehnt, 
Kürzen wurden zu [.iinpren, r.;ini;('n zu überdehnt*'n 
Längen (Dehnstulo). Diese Dehnstul'e tritt haui)tsiLchlich 
im Noni. ein, und sie wird da, wo das Nominativ -s fehlt, 
zum Kennzeichen des Nominative. Man vergleiche ttoix; 
*^Fuß' : Treöov 'Boden', ai. pmläm, 1. opindum; — d(TTr)p : 
dcTTpov 'Stern '; kXuuijj : kXottÖ(; 'Dieb' ; — irdTpujc; 'Oheim' 
aus '^pjtröHs: \. pafnius aus '■'■potr^wös; — iixuu 'Widerhall' 



aus •■^Tixuji 



wie ai. '-'-salchd 'Freund' aus '■sakhä: 1. socius 



aus '"''sok^'jos. 

A. Wurzelnomina. 

333. Wurzelnomina nennt man solche Bildungen, 
bei denen sich kein Suffix mehr abtrennen läßt, die also 
aus der reinen Basis gebildet sind. Auch bei ihnen hat 
sich die dem alten Akzentwechsel entsprechende Abstufung 
nur in wenigen Fällen erhalten. Der alte Wechsel 
zwischen Dehnstufe, Vollstufe, R und S ist entweder 
durch den Ablaut Länge-Kürze ersetzt oder ganz aus- 
geglichen w^orden. Dabei konnte entweder der Nom. oder 
der Akk. oder die obliquen Kasus maßgebend w^erden. 

1. Erhaltener und teihveise ausgeglichener 
Ablaut. Idg, "^ped, ^-'-pod mußte im Nom. haben "^peds^ 
in der Zusammensetzung '^pöds^ 1. pes, ttou(^. Gen. usw. 
'^Pedös. Dies ist erhalten in dor. äol. Tieöd 'mit'. Sonst 
wurde ausgeglichen zu iroööq. 

Das Paradigma von Zeu<; stimmt nahezu vollständig 
mit dem ind. und ido;. 





Idg. 


Griech. | Ai. 


N. 
G. 
D. L. 
A. 
V. 


*djeus 

*diwös 

^diivi 

^djem 

*djeu 


Zeuc; 

Aiöc; 

Au 

Zf|v 

Zeu 


djäuh 
düdJi 
divf 
djäm 
[djäuh\ 1. Jupiter 



878 Formenlehre. [§ 3:^3. 

Ann». 1. Der Akk. lautet bei Homer vor \'ok;il Zi^v. Man 
schreibt ihn Zf|v\ weil man annimmt, a sei vor Vokal elidiert. 
In Wirklichkeit ist ess eine uralte Form und das gewöhnliche 
Zfjva (hum. nur zweimal) ist eine Neubildung, liei »iiesen ver- 
schiedenen Formen des Paradigmas sind zwei Möglichkeiten der 
Neubildung, entweder richtet sich der Akk. nach den obliquen 
Kasus, hom. Aia, oder die ohlicjuen Kasus nach dem Akk., daher 
Zrjvöc. Zrivi. 

Entsprechend Zeuq, Gvn. Ai6(; müßten wir linden X. 

ßoOq 'Rind', Gen. '•'■(luivos, gr. "^ßuoq. ]iier ist ßoö(S neu 

gebildet. Der Akk. lautet in ältester Form einmal bei 

Homer ßüjv H 238 nach Ari.starch = ai. (jam aus '■'g^'^'öum. 

vgl. § 199, 3. Daneben gewöhnlich nach dem Nora. ßoOv. 

Anm. 2. Das Paradigma lautet also att. ßoöq, G. ßoöi; I). 
ßot, A. ßoöv, V. ßoö, PI. N. ßöeq, G. ßoOüv. Dat. ßouai, A. ßoü:. 
bei Hom. auch ßöa^. 

Ein derartiger Genitiv, wie oben angesetzt, liegt vor 

in 6qppuo(;. Der Xom. dazu müßte '^bhreus lauten, was 

mit Weiterbildung im ahd. hräica 'Braue', gall. Jn-'na 

'Brücke' erscheint. Im Griech. wurde öqppuq Braue' nach 

dem Verhältnis Länge : Kürze neu gebildet. Ähnlich liegt 

es mit üq, üöq »Sau', ix^'^q, ixv>uo<; Fisch', öpOq, öpuöq 

'Eiche', vgl. got. tnu. Die Bildung de.^ Xom. auf ua könnte 

in diesen Phallen schon idg. sein. 

Anm. 3. Die Petonung ix^Oq, 6a(^vic„ öq)pö(; verhält sich 
zu ix^iiic, wie att. e'ic; zu ursi)rünglichem *eVq, ebenso aüc;, |liö^. 

Vor Liquida und X'asal wurde der schwache V^okal 
im Griech. zu a (S. 106). Daher regelrecht ufna zugleich' aus 
'■•'Srm- zu €i<; 'eins' (neugebildet ist 6v6q); — )isi\xa[ 'am 
lk)den' zu x^'Jliv Erde' (neugebildet Gen. x^ovoqi. 

Ferner zeigen noch alten Ablaut: i|;np, ijiapög (hom. 
HJäpüüv zt'igt metrische Dehnung) 'Star', tttuuH, TTiaKO^ 
'schüchtern'. 

2. Ganz ausgeglichene Stämme. 
a) Verallgemeinerte Dehnstufe: dr)p, ^npo? 'Tier'; — 
KHp n. 'Herz' aus "•Knpb, Gen. eig. ■^•Kapbög, vgl. 1. rordis; 

— q)iüp Dieb'; — X'IP ^i^'^d' Ilesych; — (Tkiüij; Eule'; 

— pÜjE 'Ritze'; — uji|i Gesicht'. 



§338.334.] Dlo 3. Doklination. 879 

b) Vemllgemoinerte VolLstufe: bopt, bopKoq '(iazellc' ; 
9X6E, qpXoYO^ 'Fltimmc', iii. al)er Wirrt/ '(ilanz, Schimmer'; 

— 6y\t 'Stimme', »abor 1. mr; — x^'P 'If''^nd\ 

c) VerallgemrimTte Schwundstufe: Akk. viq)a 'Schnee', 
1. ni,v, 7rivis\ — OTvt f. 'Haß'; — öpciH 'Handvoll'; — 
dpiH 'Haar'; — 09pug, ö(ppuo<; 'Braue'; — vq, voq 
'Scliwein'. 

B. Suffixe auf Verschlußlaute. 

334. 1. -tat- bildet seit idg. Zeit Abstrakta, die 
meist von Adjektiven, seltener von Substantiven abgeleitet 
werden. Es findet sich als -Tr|T- (-Tai-) im Griech., als 
•tat- und 'tut- im Lat., im Got. als -duß- und im Ind. 
als -tat-. Das Nebeneinander von -tat- und -tut- legt die 
Herleitung aus '"'-tivat- nahe, s. u. S. 292, 191. Daneben steht 
auch -^^7, ohne daß das Verhältnis der beiden zueinander 
klar w^äre. Vgl. ve6Tri<; 'Neuheit', 1. novitäs, got. aber 
niujipa\ — diiXÖTn«;, 1. simpUcitas ; — ßapuiri«;, 1. gravitas, 
got. aber kauripa 'ßdpoq'. 

Anm. 1. Hom. sind: dbpo-Trn; 'volle Reife, Manneskraft': 
dbpöq 'ausgewachsen, reif, stark"; brjioTri«; 'Kriegjjgetümmel, 
Schlacht' : briio<; 'feindlich'; KaKÖ-nic; 'Schlechtigkeit, Bosheit, 
Unglück' : KaKÖ<; 'schlecht'; veö-Trjc; 'Neuheit, Jugend'; q)i\ÖTri<; 
'Liebe, Freundschaft'; ßpaöu-n'-jt; 'Langsamkeit'; xaxuTriq 'Schnellig- 
keit'; löxriq 'Wille'; 'Kovf]^, 'Trunk', wohl aus *'iTOTO-Tri(;. Die 
Bildungsweise ist später außerordentlich produktiv. 

2. -t findet sich nicht allzuhäufig. Es ist wahr- 
scheinlich die Schwundstufe zu -fo, vgl. z. B. 1. anti-stet--. 
Status, gr. CTTaiö«; ; — 1. sacerdöt- : boTÖq, 1. datus. Im Ind. 
tritt dieses t durchweg an Stämme auf -i oder -?{ und meist 
auch an die auf -r, um Wurzelnomina zu bilden. Im 
Griech. finden Avir es auch hinter langvokalischen. Vgl. 
du|UO-ßpuj(; 'roh fressend' : ßpuuiö^; — dTViiü«; 'ungekannt', 
1. ignötus; — otö)ni](; 'ungebändigt', vgl. ö|uriTÖ(;; — h. Akk. 
dßXfiia und dßXr|Tog 'ungeworfen', TrpoßXr|(g 'vorgeworfen'; 

— ^Y\(; 'Lohnarbeiter'. Indem das t an alte 6"/-Basen tritt, 
entsteht -rjT, z. B. apyri«; 'weiß, glänzend' : dpYi-o5ou<;, 
dpfiXoq; Tievriq ^arm', vgl. rrevia 'Armut', rrevixpöq 'arm'. 



380 Formenlehre. [§ 334. 

-ilT- kann natürlich auch Dehnstufe zu -ex sein, wie in 
e'x^K 'Besitzender. Diese Nomina werden ersetzt durch 
Bildungen auf -t]]c; nach der 1. Dekl., s. S. 339. 

I). -d zeiirt sich in einer großen Anzahl von Bil- 
duniren. und zwar tritt es an fertige Noniinalformen, z. T. 
ohne wesentliche Veränderung der Bedeutung. 

So finden wir -d. 

a) Hinter 7-Stämnien:KX)-iic. -ibo(; 'Schlüssel' :l.(/är«s. Weitere 
Beisj)iele p. i? 307. Anm. H. 

b) Hinter aus ^Stämmen entstandenen /-liildnngen : öepairvic, 
-iboc, v<;l. i; 307, Anm. 2. 

c) Hinter dem Wurzelauslant lanpvokalischer Basen; naOTd<; 
'SiUilcnhalle\ daneben irapaaTcxt;, uapTdc; zur Wz. sfhä 'stehen'; 
ebenfio npoaxdq 'Vorhalle" (Hesych). auaxdc 'das Zusanimen- 
gestellte'; vecairdc; 'neu gerissen", XuKaandi; 'von Wölfen zerrissen" 
rOTTduu 'zieht\ \>1. K. Fraenkel KZ. 42, 24111'. 

d) Knt8])re('hend hinter ä-Stiinnnen mit Verkürzung des a : 
7r€X€id(; 'Taube' : TceXeia, -rroTvid^ 'Herrin' : irörvia und weiter mit 
abwoicliender Bedeutunt:: voudc; 'weidend" : vouj'i 'Weide"; bpo^dc; 
'laufend" ibpöuoc;; duoißdg 'Kleid zum Wechseln" : duoißn 'Wechsel'; 
ÖXKdg 'Zugschi ff" : ÖXk»! 'Zug' ; uXckÖi; 'Haarlocke : TrXÖKO(;; qpuYdc 
'Flüchtling' : (pv'p\ usw. Vgl. § 807, Anm. 4. 

Auch in den verwandten 8i)rachen linden wir das r/, wenn 
auch bei weitem nicht in dem L'mfang wie im Griech., vgl. z. B. 
1. f/Ians, ffjamlis gegenüber gr. ßdXavoc dazu abg. J!i'l(jd1\ ahd. 
a/biz 'Schwan" :1. albus, würde einem gr. *dXqpic, *dXq)ibo(; ent- 
sprechen. Weiteres bei Brugmann (ird.* 2, 2, 467. 

Die außerordentliche Verbreitung des Suffixes zeigt sich 
im Griech. an den Abieil unijen. denen es zugrunde liegt. So 
finden wir es in den Patronymika auf-ibj-jc;, iabiic. s. § 310,''), den 
Adverbien auf -ibi-|v. den Verben auf -dliu, -iLUi. Vgl. noch 
.1. Richter rrfli)rnng und analogische Verbreitung der Verba 
auf -«luj, Lpz. 11J09. S. off. 

Da im Xoni. tpi(; Streit' aus •■••ef)ib(; und der Vok. 
€pi aus "^'^piö entstand, so bildet man nach Analogie der 
/-Stäniine auch einen Akk. epiv. Umgekehrt geraten alte 
/■Bildungen in die Analogie derer auf -l^. 

1. -Ik lind -f/ sind beide nicht sehr häufig. 7i: ist 
scheinbar die Schwundstufe zu ko (s. o. S. 297) und er- 
scheint fast als rin bedeutungsvolles Element hinter fer- 
igen Wörtern, vgl. 1. dutn.r, vidrlx für '■'flatn, '■'victn. 



§834.J Die 3. Deklination. 381 

Ähnlich <;r. juelpcxt Ivimbc, Mädchen aus ''incrja-ks : 1. 
viaritns, :ii. »un'jakdh 'iMiiniurlien ; Ki'ipuJ Ilorold' : ai. 
hirnh 'Säni^or ; itpaH Ihihicht' : iepu 1'.; vtäE Münt^dini^' : 
veä f. von vto^ lunf ; )Liup)U)]^ Ameise' von (Mnoni '■^■\x\i\)\xi.: 
ai. vamrnlj, \.Jovmi-ca\ T()utt)"iH 'Drehhaiken : TpoTn'i 'Wen 
düng'; TfcTTit 'Baunigrille' von einem •••TeTTt; qpoivlH Pur- 
purfarbe' : qpoivoq blutig, blutigrot' aus •••qpovjöq; irepölH 
'Rebhuhn'. 

Produktiv wurde in bescheidenem Umfang -öH zur 
Bezeichnung von Lebewesen mit verächtlichem Sinn: 
yaupäH 'hoffärtig' : yoiöpoq ^stolz', 1. fuf/äx, ^>?/5r?^MX usw. 

-(/ ist noch seltener und z. T. wohl aus k entstanden, 
vgl. äpTTttY- 'raubend'. Produktiv ist -ng zur Bezeichnung 
von Hohlräumen und Musikinstrumenten mit Hohlraum: 
cttti^XuyH, G. (JTn'iXuYTO^ 'Höhle, Grotte', Xctpu^H 'Kehlkopf, 
(jdXTTiYt 'Trompete', aber seiner Herkunft nach dunkel. 

Anni. 2. Auch andere Konsonanten kommen gelegentlich 
als Wurzeldeterminative vor, ro d in öpvic;, G. öpvTOoq, dor. mit 
X, öpvixot;; *öpvT ist aber 7-ßildmig zu ahd. aro "^Ar'. 

5. Über -j) in ai9^oip usw. s. § 284 b. 

6. -went bildet seit idg. Zeit sekundäre Adjektiva mit 
der Bedeutung «versehen, verbunden mit, nach Art von». 
Es liegt im Ind. als -vani, im Griech. als -(/')6vt vor. Im 
Lat. ist es durch -to- erweitert und steckt z. B. in vlnösiis 
aus "^vinovent-tos, gr. oiv6ei(g 'mit Wein gemacht'; — i'ive- 
)Li6eiq 'luftig, windig^; 1. mümösus: — öoX6ei<; 'listig', 1. 
dolösus; — vicpÖ6i(; 'schneeig', 1. nivösus. 

Indem -/evT an ä-Stämme trat, entstand -rieK;, ai^Xiiei«; 
zu ai^Xi"! 'Glanz', XaxvrieK; zu Xdxvr) 'wolliges Haar' usw. 
Das Suffix flektierte ursprünglich abstufend, es 
wechselten -/evT- und *-/aT- aus -wnt. Dieses wurde durch b^ k ^ 
-/et- verdrängt, das sich hielt im Fem. xapieoaa aus ^ 

* Xcxpi/ eTJa , im Dat. Plur. xo'Pi^cri aus *xapi/€Tcri (vgl. 7 ^ ' 
§ 242) und in der Komparativbildung xöpiecTiepoc;, das 
indessen auch aus *xc^pi/e(v)TTepO(; erklärt werden kann. 
Anm. 3. Das Suffix ist von früh auf sehr zahlreich. Bei 
Homer kommen 79 Bildungen vor, vgl. A. Goebel De epithetis 
Homericis in -eiq desinentibus, Wien und Münster 1858, 



882 



Formenlehre. 



[§ 334. 335. 



6. -ent-, -7it' bildet seit idp. Zeit die aktiven Parti- 
zipifi mit Ausnahme de.s Part. Perf. Eine Reihe dieser 
Bildungen sind im Griech. substantiviert, z. B, eKUJV, 
eKOVToq freiwillig', ai. usäni-, fepujv, G. fepovTog 'Greis', 
ai. järant- alt' u. v. a. Im Deutschen sind Bildungen 
Avie Freund, Feind, Heiland ebenfalls substantivierte 
Partizipia. 

Anm. 4. Da im Nom. Sg. die n^ und die »»-Stämme, ^kujv 
und ^a{^^Juv, zusammenfielen, so kamen Entjzleisungen vor. Wepen 
Oepdiraiva 'Dienerin' und X€aiva 'Lciwin' scheinen Oepdirovx- und 
Xeovx- alte »J-Stämme zu sein. 

Anm. 5. Über die Abstufung der PartizijMalbildungen s. 
Partizipium § 487. 

C. -er-Stämme. 

•Ivi5. Hierher gehören die Verwandtschaftsnamen 

unti die Nomina agentis auf -ter und -tor. 

1. Die Venvandtscliaftsuamen. 

Sie bilden eine einheitliche aus dem Idg. stammende 
Kategorie: Tiainp Vater', 1. pntcr, got. fada)\ ai. jntd; — 
|ir|Tr|p 'Mutter' (urs])rüngliche Betonung •■'•■|Lir)Tr|p, vgl. Akk. 
urjTepa), 1. nmfcr^ ahd. )iiuotm\ ai. mät(i\ — duTOTrip 'Tochter' 
l^für '-'OuTairip, vgl. Akk. hom. OuTaiepa), got. daühtar, 
ai. dnhifd; — evciiiip 'Frau des Bruders , 1. janiinces, ai. 
jätä usw. 

Die ursprüngliche Flexion ist noch gut erhalten. 



(iriech. Lat. Got. Aind. 


Sp. N. TTOTl^p 

(J. 1 TTaxpöq 
D. I,. traxpi 

h. TTUX^pi 

A . uaxfe'pa 
\ . Ttdxtp 


polet' 

jiafrc 
[patrem] 


fadar <^ er 
fadrs < *fadres 
fadr < *fadri 


pUA 
pUur 

D. pitn'- 
L. pituri 
pitatani 
pUar 


IM. N. 1 Ttax^pe? 

(J. TTUXpiUV 

I>. !,. uaxpdöi 
A . irax^pac; 


[patres] 
pntruui 

[patres] 


fadrc 
Ifaiinins] 


pitdrali 
[pitnmm] 
pitrf'U 
[pitfn] 



§335.J Die 3. Deklination. 3ö3 

An Stelle der Schwundstufe ist schon bei ilonier 
die Vollstufo vielfach eingeführt, so Trarepoq (1), Trarepi (I^), 
Traiepiuv (5), |LU"|Ttpoq (7), |ar|Tfcpi (11). I>ei duTciirip ist 
wenigstens duYUipüJV allein gebräuchlich ; dagegen heißt 
es OuTaiepoq (2), duYaiepi (2). Aber hier ist auch umge- 
kehrt ausgeglichen : dOyaTpa (8), duYaipaq (3). Im At- 
tischen wird der Gen. Plur. mit Vollstufe gebildet Traiepiuv, 
^rjTtpuuv, ^uTctTtpiov. 

Auch dvi'ip 'Mann' kann hierher gerechnet werden. 
Regelrecht ist dvöpöc;, dvbpi, dvepa, dvep, dvepeq, dvbpüjv, 
dvöpdcTi, (ai. lifsii), dvepaq. Analogische Neubildungen 
sind dvepoq, dvepi und dvöpa, d'vöpe<;, dvöpag. 

Anm. 1. Die starken Kasus hatten f'- Vokalismus bei den 
ursprünglichen Oxytona, iraTiip, iLirirrip, Ou^ciTrip, ^varrip, dvrip, 
aber o-Vokaliemus bei den nicht oxytonierten, daher eopeq Hesych, 
1. sororeSy q)pdTU)p, ai. bhrdtä. 

Anm. 2. Wie Trarrip geht auch Yacrxrip 'Bauch'. Hom. Gen. 
YaoTepoc u. YciCFfpö«;, D. Yctcrfepi und Y^öTpi, Akk. Ydöiepa, N. PI. 
Yaaxepec;. 

2. Nomina agentis auf -trip und -Tuup. 

Seit idg. Zeit bildet das Suffix -fer und mit Ablaut 
'tor Nomina agentis. Das Suffix geht auf -tero- zurück, wie 
die Dehnstufe im Xom. Sg. und die Nomina auf -iro (s. o. 
§ 288 d, 322) zeigen, die mit denen auf -fer im engsten 
Zusammenhang stehen, -fer und -för wechseln ursprünglich 
und auch noch im Griech. mit der Betonung. Jenes 
war betont -fer, während dieses wohl zunächst in der 
Komposition eingetreten ist: dfiuvrrip 'Abwehrer', aber 
•■••6TTa)HuvTUJp. Demnach zeigt ursprünglich die Basis den 
Vokalismus der Unbetontheit, doch sind schon frühzeitig 
Ausgleichungen eingetreten. 

Beispiele: a) Bildungen von leichten Basen: VaTuup 'der 
Wissende, Zeuge' : /ib '^wissen'; ^ir-aKTrip 'Jäger' : ^Ti-dYUJ; öinTip 
^Spähe^'; ^uxrip 'Bogenschütze, Zügel, Riemen' : epüeödai 'ziehen'; 
b) von einsilbigen schweren Basen: hom. ßo-xrip ßuj-TUjp, 
^irißuj-Tuup 'Hirt' : ßööKiu '^ weide', ^Triß/i-Tuup 'Bespringer' : ?ßriv 
'ging'; boxrip, buuTrip. bdbxujp 'Geber; dcpri-Tuup 'Bogenschütze' 
: d(pir]|Lii 'sende ab' ; 

c) von zweisilbigen schweren Basen: äpo-xrip 'Pflüger': 



384 Formenlehre. [§ 335. 33G. 

^Xa-Ti'ip "freilter; öXe-Ti'ip 'Verderber'; ^uxi'ip 'Ketter': hom. 
/))1Trip 'Redner^: h. bpnarnp 'I)iener; KaXt^iiup 'Rufer, Herold', 
1. caliitor, iitt. KXrirrip 'Herold, Zeuge". 

d Später werden sie aucii von abgeleiteten Verben ge- 
bildet. Vgl. E. Fraenkel Geschichte der griech. Nom. agentis 
auf -Ti'ip. -TULip, -Triq, 1910. 

Die Ab.stufung dieser Stämme ist im Ind. die der 
Verwandtschaftsnamen, z. B. duid '(^eber', D. dätrc, Akk. 
aber (hltdram. Im (Iriech. ist bei denen auf Tiip durch- 
weg die Dehnstufe durchgeführt: dpoxiip, G. dpoTfipoq, 
bei denen auf -oip findet sich die Vollstufe, pi'iTLUp 'Redner', 
/)ilTOpO(;, ausgenommen juiiCTTuup, )H)i(JTuupo^ 'Berater. 

Anm. 3. Außer diesen beiden Haupt klaasen gibt es nocl. 
einige isolierte Worte wie öi'ip, Orjpöc; 'Tier', lit. zrö'U, abg. zn'rT: 
— änp. d^poc; 'Luft, Nebef, vgl. 1. <iura, a(dr)p, a(9€po<; 'Äther". 
dOr'ip, dxyipoc, 'Uachel an der Alire\ 

Anm. 4. Es ist nicht undenkbar, daß das Suffix -/tv nicht 
primär, sonder sekundär iHt. indem -er an Nomina auf -/ trat. 

Anm. 5. Über die Neutra auf -p vgl. § u39. 

D. - ei i- Stämme. 
1. Aljstufun^. 
3*i0. Bei den t'/<-8täminen, die sehr verschieden- 
artige Bildungen umfassen, ist die alte Abstufung nur 
selten erlialten, so in kuujv 'Hund', Ci. Kuvog, ai. .<V(i, 
siniah. Aljer der Akk. hat Schwundstufe Kuva gegenüber 
ai. .h'dnam. Der D. PL Kudi kann nicht lautgesetzlich 
.sein, sondern steht wohl für '''kcxcTi aus '■kwevstj entsprechend 
d(;m Dat. qppaai aus *bh)rnsi zu cpp^v Zwerchfeir, der bei 
Pindar und in einem attischen Kpij^ranim belegt ist, vgl. 
auch TTpöqppacTcra 'geneigt, gewogen', aus •'■TTpoqppvTJa. 
<pp€v6<; usw. steht für '■'qppavöig. Es ist hier also die Voll- 
stufc durchgeführt. Dagegen hat in *apr|V Widder', dpvöq, 
dpvi die Schwundstufe gesiegt. Der Dat. PI. dpvdcTi steht 
zAuiächst für *dpd(Ti aus -dpvai, und es wurde dann da< 
V von dpvujv eingeführt. Der Nom. lautet eigentlich pi'iv 
(hom. 7ToXüpp)iv€<;\ iilg. "urvH, '^'u'rnins nach >^ 127 a 2 und 
1) 1. Die beiden Formen verhalten sieh wie idg. '•'»€)• 
^Mann', ai. vfi zu ■•vwrdv, dvöpoq. 



i?336. 



Die 3. Deklination. 



885 



Bei den übrigen Stilrainen muß clic Aljstufunj^ schon 
frühzeitig; beschränkt worden sein, indem der kurze Voll- 
stufenvokal in den obliquen Kasus durchgeführt ist. Die 
verwandten Sprachen zeigen eine solche Übereinstimmung 
in der Durchführung, daß man vermuten kann, diese 
Regelung sei schon voreinzelsprachlich. Vgl. das folgende 
Paradigma. 





G riech. 


Lat. 


Got. 


Abg. Aind. 


N. 

G. 
D. 
A. 
V. 


iTOi|ur'iv 'Hirt' 

TTOl|U^VO^ 

Troi|udvi 
7roi|Lidva 

TTOljUriV 


homo 

hominis 
KhJiomine 
hominem 
homo 


qumn 
' 'Mann' 
gumins 
gumin 
giiman 


kamij 

'Stein' 
kamcnc 
kameni 
kameni 


ätma 'Seele" 

ätmdnah 
Ij.ätmdni 
ätmänani 


Pl.N. 
G. 

D. 
A. 


TTOifidvec; 

TTOljUeVUJV 

iroijueai 
TToijiievat; 


[homines] 

hommum 

hominihus 

homines 


gumans 
gicmane 
gumam 
gumans 




ätmdnah 
ätmdnäm 
ätmasu 
ätmdnah 



Anm. 1. Diesem Paradigma folgen die Wörter auf -luiiv 
und die mehrsilbigen auf -r|v, wie auxn"^ m. 'Nacken', äbr\v m. 
*Drüse', sowie qpprjv f. 'Geist'. Durchgeführte Dehnstufe zeigen 
die einsilbigen auf -riv (mit Ausnahme von (ppr\v), sowie eine 
Reihe zweisilbiger wie "EWrjv 'Grieche', ßaWrjv 'König', Kriqjriv 
"^Drohne', Xeix^iv 'Flechte', TreuOnv 'Späher', irupriv 'Kern', aiuXrjv 
"^Riemen', Tpißrjv 'Dreifuß' und eine Reihe andrer seltener Wörter. 
Bei den Wörter auf -ujv läßt sich zunächst folgende Regel geben : 
die auf -iuuv haben -ovo(;, wenn das i lang, -ujvoq, wenn es kurz 
ist, also kTovoc; 'der Säule', aber h. Oupaviujv€(; 'die himmlischen", 
T]bfovoq, aber Aapbaviujvoq. Hier sind also rhythmische Prinzipien 
für die Verallgemeinerung der einen oder der andern Form 
maßgebend gewesen, vgl. § 138. Sonst lassen eich für die Ver- 
teilung von uj und o in den obliquen Kasus keine Regeln geben. 
Häufiger gebrauchte Wörter haben -ovoi;, so x^^v f. 'Schnee". 
X^ujv 'Erde', fiYeiaiJuv 'Führer', Völkernamen wie MaKebiüv, t^ktuuv 
'Zimmermann'. Im allgemeinen ziehen die Oxytona -ovoc vor, 
mit Ausnahme derer, die eine Örtlichkeit bezeichnen. Vgl. 
Kühner-Blaß 1, 475. 



Hirt Griech. Laut- u. Formenlehre. 2. Aufl. 



25 



386 Formenlehre. [§ 337. 

2. Sfammbildung. 

l-iH7, a) -LH scheint im wesentlichen Sekundiirsuffix 
zu sein und dient in zahh-eichen Fällen zur Bildunf: von 
Personenljezeichnungen von Substantiven und Adjektiven. 
Sie sind meist barytoniert. So aiOtuv funkelnd', eig. 'der 
Funkelnde' : aidoq verbrannt, schwarz', Oupaviujv der 
Himmlische' : oupdvio^ himmliscir, 1. homo : x^«ijv 'Erde\ 
TtKTUJV Zimmermann', ai. takm : i\i. taks behauen' (das 
))rimäre Nomen ist zul'iillig nicht belegt). Im Griech. 
linden sich derartig«' J>ildungen häutig als Kigennamen, 
wie Xipcißuuv : (TTpaßög schielend, TTXdTuuv. Vgl. lat. Ci- 
cero, Sripio. Häufig ist auch iiuv in Eigennamen und 
sonstigen Bildungen: hom. "AKTopiuuv Aktors Sohn^ 
TTjiXeiujv 'Sohn des Peleus', Aapbaviuuv Nachkomme des 
J)ardanos\ Kpovioiv Sohn des Kronos\ laaXaKiuJv 'Weich- 
ling' : |Lia\aKÖ(; 'weichlich. Diese Bildungsweise ist im Germ, 
als schwache Deklination außerordentlich verbreitet. 

An 111. 1. Suffix -ircii ist nur .>^ehen belehrt, und claB w ge- 
hört durchaus zur JJasis, vgl. irf/ijuv, ai. jnran- 'fett', vgl. TTf(/)ap ; 
aireipiuv 'uiibepreuzt"" aus *TT€p^-u;v, das zu upü-iiva 'Heck\ -rrpu- 
uvöt; 'der letzte' gehört; vgl. auch TTCipara 'Grenzen' aus *-nipfaTa 
— a{(^)ibv 'Lebenszeit' gehört zu ai. djuh 'Lebenskraft', gr. ai[J-)4.c,. 

b) 'cn und -an bilden KoUektiva, vgl. .1. Schmidt 
Ntr. S2 ff., zu rjn und neutralen ;>*;/-Stämmen. So zu- 
nä(^hst wohl in einigen Kr)rperteilnamen, da die Körper- 
t^ilnamen sonst Neutra waren, so in (JTrXt'iv 'Milz', 1. /?>?\ 
ab\]v 'Drüse\ 1. higucn, aux^v Nacken', d'fKuuv m. 'Ellen- 
l)0gen*. Weiter in \)\x\\\i m. Haut, Häutchi'n : ai. sjüma 
n. Band'; Oimdiv 'Haufe : -On|aa; lepiaiuv m. = lepfia n. 
Ende, Zier; x^^M'^v ra. Winter' : x^il^iM 'Wintersturm'; 

X€iULUV m. 'Aut'', Xim'iv Hafen, Bucht' : *Xei|ia in X€i|uia£ 
Wiese, XeijiaKi^ 'Wiesennymj)he\ 

c) -buuv, ents])rechend 1. -do, bildet fem. Abstrakta. 
Sie sind ihrer Entstehung nach dunkel. Sie scheinen 
einerseits deveri)ativ zu sein : CTTra-bujv 'Riß : CTTTdiu ziehe'; 
Tt"|KebLUV 'Abzehrung' : tt'iklu schmelze ; üXtii-^wv Schmerz^ 
: 1. alf/rrc; anderseits auch deiiominativ: kotuXiiölüv becher- 



§ 337. 338.] Die 3. Deklination. 387 

artige Höhlung : KOTÜXn; uTpH^^Juv Feuchtigkeit' : uYpö(;. 
Vgl. 1. ruhtdOy friijrcdo, cuphlo. In Wirklichkeit scheinen 
t?ie zu den Bildungen auf -d (s. o. S. 380) zu gehören, vgl. 
airabubv Riß : ööuvo-dTTdq von Schmerz zerrissen, vgl. 
.1. Richter Verba auf -6il\jj S. 11. Jedenfalls ist es eine 
Art Kollektivbildung. 

d) Bildungen auf ioii.-t(JUV, att. kontrah. -uuv bezeichnen 
einen Ort, wo sich etwas befindet: dvöpoiv, YuvaiKübv, 
Ttapdevuuv 'Wohnzimmer für Männer, Frauen, Jungfrauen', 
iTTTTÜbv 'Pferdestair, Xouipuuv 'Badezimmer', TTepiaiepübv 
'Taubenschlag', vediv Schiffswerft. Hierher gehören auch 
Ortsnamen wie MapaOiuv. Sie sind stets oxytoniert, Gen. 
-lijvo«;. Zugrunde liegt den Bildungen ein -ejön oder -esön. 
Die Herkunft ist dunkel, vgl. Brugmann Grd.^ 2, 1, 301, 
Th. Reinach BCH. 32, 499. 

e) Über die Bildungen auf ■{<;, -Ivog s. § 281. 

f) -men, -mon. Das Suffix ist sicher idg. Es hängt 
zunächst in einer Reihe von Worten mit dem Partizipia 
bildenden -menos (s. § 488) zusammen, vgl. TTOijuriv der 
Hirt', lit. piemudy eig. der Schützende, Hütende' ; öar))Liujv 
'kundig, erfahren', vgl. Part, öebarnuevo^ ; eTTKJTrmujv 'ver- 
ständig, kundig' : eTTicnaiuai 'weiß'; TXrjjuajv 'duldend' : 
Wz. iXri 'ertragen'; qppd5)nujv 'verständig' : cppdZiuj 'zeige 
an'. Diese Bildungen sind bei o- Vokalismus barytoniert. 

Anm. 2. Das Suffix liegt auch in den Infinitiven auf -|U6vai, 
-|Li6v vor, s. § 486. 

In andern meist oxytonierten Fällen bildet -juuüv Kol- 
lektiva zu neutr. -»o^^Stämmen (gr. -|aa), s. § 338 u. obenb. 

E. Die neutralen -i^en-Stämme. 

338. Die neutralen ->»e>^-Stämme stammen aus der 
Ursprache (ai. -ma, 1. -men, gr. -|ua aus -mii) und bilden 
im Griech. eine zahlreiche Kategorie mit eigentümlicher 
Flexion. Sie sind auf der Basis betont, entsprechend 
ihrer Natur als Nomina actionis, und sie haben demnach 
auch meistens Vollstufe der Basis, aber Schwundstufe des 
Suffixes {-men ist zu -mn geworden), s. S. 143 V. Daß 

25* 



388 Formenlehre. [§ 338. 

aucli dieses Suffix z. T. mit -meno- ziLsaniinenhängt, liegt 
auf der Hand, vgl. Tepfaa zu terminus. 

a) Bildungen von leichten Basen: ei-ua 'Kleid' au? 
*/e(T|aa zu evvu)ai, ai. vAs-rna; x^^M^t 'Guß' zu xeuu, ai. höma 
^Opferguß' ; weitere Beispiele a. a. 0. 

b) Von einsilbigen schweren Basen: uTiöbima 'Sohle' 
zu beuu ^binde'; — \\\x(x "^Wurf zu fiKa 'habe geworfen'; 

— dvddr|)Lia 'das Aufgestellte' zu TiUiijui 'stelle'. 

c) Von zweisilbigen schweren Basen: övo|ia Xame', 
1. nömen, ai. )u'nna\ — qpujia '^Gewächs', ai. hJnima Wesen, 
Erde'; — XP^M«; — KU)Lia 'Woge'; — Xu)Lia 'Unreinigkeit'; 

— juvfiiaa 'Andenken' ; — (Ji|ua 'Zeichen' ; — crüj)aa 'Körper' ; 

— ßXfjiLia Wurf'. 

d) Weiter tritt dann das Suffix an alle möglicheii 
Verl)alstännne, honi. bi'iXiiua Schaden': öiiXeuj; — vorijua 
'Gedanke, Entscliluß' : voeuu; — |nnvl)na 'Ursache zum 
Zorn' : luiiviuu zürne'; später )Lid^)|ua das Gelernte, Wissen- 
schaft', TTOiiiua 'Werk, Gedicht', aipcxTeuiLia 'Feldzug' usw. 

An in. 1. In einer Reihe von Fällen liegt -s^woi zugrunde, 
ireiaiaa 'Tau": d. binden aus *TTevi)-öjaa, vgl. die Sammlungen \ov. 
Solmsen KZ. 29, 117. Es stellt sich fast repelrecht bei den 
Ableitungen von Verben auf Dental ein. 

Die griechische Flexion weicht von der der übrigen 
Sprachen darin ab, daß allen Kasus außer dem Nominativ 
ein m«/-Stamm zugrunde liegt, 6vö)aaToq des Namens' aus 
*07iO)mjfos geg(Miüber 1. /iO)ninis, gi)t. 7iann)is, abulg. imeD-e, 
ai. ndmnah. Eine Reihe von Forschern wie J. Schmidt, 
Solmsen, Kretschmer, Wackernagel halten dieser 
Übereinstimmung der Sprachen gegenüber die griechische 
Flexion für unursprünglicli. J. Schmidt sieht Plur. IST f. 
üvojia, ovüfiaTO^ für eine Neubildung an nach dem Par- 
tizipium -qptpa, cptpaio^, idg. UUrut^ "''hhirntos', — Kretsch- 
mer KZ. 31, 84() geht von dem ebenfalls erschlossenen 
*XOtpi/'a(T) ■^'xapi/aToq aus. Beide P]rklärungen kranken ai; 
dem Mangel, daß die Mu.=^terl>ilder der Analogiebildung 
nicht mehr vorhanden sind — , ja man kann zweifeln, 
ob sie jemals vorhanden waren, vgl. Bartholomae IF. 



\ 



§338.339.] Die 3. Deklination. 889 

1,300 fr. - , und daß sie eine Reihe von Formen der 

verwandten Sprachen nicht berücksichtigen. Dem griech. 

XeifaaToq entspricht nämlich im aind. Laut für Laut Gen. 

hi'ma-tah. In dem indischen -tah sieht ^raan eine Adver- 

hialendung, der in lat. cneU-fus usw. entsprechend. Ferner 

entspricht Kp^-xoq dem ai. .^Jrsa-tah. Fick ließ, indem er 

in -tos eine Adverbialendung sah, aus X€i)ua-Toq, 6v6|aa-Toq 

<lie übrigen Formen hervorgelien. Hiergegen macht 

J. Schmidt mit Recht geltend, daß die Endung -tos im 

Griech. noch nicht nachgewiesen ist. Man wird daher, 

da alle diese Erklärungen bedenklich sind, in der griech. 

Flexion eine hohe Altertümlichkeit sehen müssen. Es 

lagen eben in einer Reihe von Fällen alte ?;i«^Stämme 

zugrunde. Wie nun sonst kons. Stämme mit o-Stämmen 

wechseln, so steht neben diesem -muf- im Lat. -mento-. 

övo|Lia, 6vö|uaTog, PI. 6v6,uaTa verhält sich zu 1. cognomenta 

wie TTOu^ zu Treöov, dpoirip zu dpOTpov. Weitere Beispiele 

sind cTTpüjjua 'Streu' zu 1. sfrämeoitum; — Ka(T-crD)aaTa 

'Schuhsohle' zu 1. as-sümentum 'aufgesetzter Flicken'; — 

2^eÖY|ua 'Verbindung, Joch' zui. jumentum aus jouxmenfum. Da 

nun das t dieser Stämme im Nom. verloren ging, so fielen 

sie mit den echten ??ij^Stämmen zusammen, die nunmehr 

der Flexion derer auf -rnnt' folgten. 

Anm. 2. -i)ujt war ursprünglich Sekundärsuffix. Vielleicht 
weisen auf sekundäre Bildung auch einige Beispiele im Griech. 
Etwas anders meint Osthoff in Patrubänys Sprachw. Abb. 2, 86 flf., 
daß gr. *övö|uaTa eig. N. Fl. eines Sg. -mntom war. Im Flur, 
hieß es *övÖ!Liava : 1. nomina, G. *övo,udviuv : 1. nominum und ovöuaxa 
: I. cognomenta, G. övöuarujv : 1. cognoment(or)um. Daher sei nun 
auch im Sg. neben den Gen. *övö^avoc ein övöuaTO<; getreten. 

F. Heteroklitische i'-n-Stämme. 

S39. Eine der merkwürdigsten Erscheinungen des 
Idg. ist das Vorhandensein einer Anzahl von Neutra, deren 
oblique Kasus nach der -w-Deklination flektiert werden, 
während im Nominativ der Stamm gewöhnlich auf -r, 
seltener auf einen andern Laut ausgeht. Diese Flexions- 
weise hat auch im Griech. reichliche Spuren hinterlassen. 



890 Formenlehre. [§ 339. 

Noch mehr gewinnt man durch Vergleichung der ver- 
wandten Sprachen. 

Anm. 1. Die Literatur über diese Frage ist eehr reichhaltig. 
Die wichtigsten Arbeiten sind: .1. Schmidt Neutra 178 flf.. 
Meringer Beitr. z. Gesch. d. idg. Deklination ^>B. der Wiener 
Ak. 125, 2), H. Pedersen KZ. 32, 240 ff., K. Fraenkel KZ. 
42, 114 ff. 

Im Griechischen ist die regelmäßige Flexion fiTrap 
'Leber, (J. fiTraiog. Die nächstliegende, früher auch ver- 
suchte Erklärung wäre i'iTTaTOc; aus •••iJTrapToq herzuleiten. 
Das ist aber unmöglich, weil die verwandten Sprachen in 
den obliquen Kasus v zeigen, ai. jiikrf, jahid/i, 1. jerur, 
jednoHs (dies ist kombiniert aus einem "^jednis und ■;/<?- 
cotis), so daß iiTraio^ für */fÄ:"';?/os steht. Der ??-Stamni 
zeigt sich auch sonst in den verwandten Sprachen; so ist 
üba-Toq 'des Wassers^ = got. watins. lit. ravdeüs'det^ Wassers ; 

— qppeaiog 'Brunnen' aus (ppy\,Fa-Toq = ahd. hnomo; 

— TTiap 'Fett' steht neben ttiiuv 'Fett\ iTiaivuu 'mache 
fett\ ai. pivan- 'fett'; — ireipap 'Ende', TTeipaTO(; au.- 
*Trep./a-Toq neben d-Treipujv unendlicir, ai. parva» 'Knoten 
usw. 

Das Griechische weicht aber darin von den ver- 
wandten Sprachen ab, daß es in den obliquen Kasus die 
Flexion mit -Tog, -xi zeigt. 

Auch hier muß der -;//-Stamm gerade wie hei den 
neutralen wiew-Stämmen in einer Reihe von Formen alt 
sein. Griech. Treipaia aus TTtp/aia kann man schwerlich 
von ai. parva f((}j, Beiwort von ///;•/// Berg', trennen; zu €ap 
Frühling mit durchgeführtem r gehört ai. vasauta/i Früh- 
ling'. ^^'aren einige solche Worte vorhanden, so konnte 
die -/-Flexion unter weiterer Einwirkung von Worten wi«' 
övo^u, 6v6)LiaToq leicht verallgemeinert werden. 

Der Nom. zeigt in den meisten Fällen die Form -ap, 
die auf r zurückgeht, \.jenn\ a'i.jakr-f. Daneben kommen 
auch Bildungen mit -ujp vor wie üöoip Wasser , eXujp n. 
'Beute', (vgl. uXujvai), aKoif), CJen. (TKaioc; , Kot\ ^eXboip n. 
'Wunsch, Verlangen^ TtKuoip Ziel", TTtXuup 'Ungeheuer . 



I 



4)339.] Die 3. Deklination. 891 

Das ist dasselbe Vorhiiltnis wie -|liujv zu -|Lia (aus -mw). 
Das hom. iiTOp 'Her// daijjegen ist iiol. und steht für *TiTa(). 
Auch im Nom. stand z. T. ursprünglich ein -/, vgl. 
ai. jährt, JiTiap, säkrf, Gen. süknah 'Mist, dem im G riech. 
KÖTTpog entsi)richt mit Übergang in die o-Flexion. Daß 
das / auch im G riech, vorhanden war, scheint öd)Liap 
^Gattin', öd|uapTO(; zu erweisen. öd|Liap gehört zu 1. domimis 
und flektierte wie ai. jährt ^ G. jahnäk. Da aber das Wort 
l'em. wurde, so war es der Einwirkung der Neutra ent- 
zogen und bildete den regelrechten Gen. 5d)uapT0<g. 

Anni. 2. Dieses t identifiziert J. Schmidt Ntr. 190 mit 
dem im Ntr. des Pronomens auftretenden d, 1. aliud. 

Viele der hierher gehörigen Worte kommen nur im 
N. Akk. vor, so d\Kap 'Schutzwehr\ ei\ap 'Schutz', övap 
'Traum, üirap 'Wirklichkeit u. a. 

Anm. 3. In den Formen övöiuaToq, fiTraToc; usw. wurde im 
Griech. das a als mit zur Endung gehörig empfunden und auf 
zahh-eiche andere Neutra übertragen. So bildet man Kp^aroq 
'^Fleisch' statt des älteren *Kpeao(;, Kp^uuc;. YÖvaToc;, böpaToq statt 
*YOv/oq, hom. Yowvö;, boupö(;, \hT6c, aus öaToc, zu N. oijq, cpuuTÖt; 
zu TÖ qpujq "^Licht-. 

Erklärungen. 

Eine irgendwie befriedigende Erklärung dieser eigen- 
tümlichen Flexion ist bisher noch nicht gegeben. Am 
einfachsten ist die Annahme, daß das r im Nom. unter 
gewissen besonderen Bedingungen aus n entstanden sei, 
aber es fehlen uns die Analogien für einen solchen 
Lautwandel. Andere Forscher sehen in r und n Kasus- 
ßuffixe. W^ie oben bemerkt wurde, war der Lokativ im 
Idg. vielfach dem Nom. gleich gebildet. Wir finden nun 
tatsächlich in Lokativbildungen ein solches r, z. B. vuKTUjp 
'bei Nacht', ai. ähar 'bei Tag', z. B. ai. dhar-divi 'Tag für 
Tag', während sonst ein n- oder s-Stamm zugrunde liegt. 
Woher aber der ?i-Stamm gekommen ist, und wie der 
r-Lokativ zu ihm in Beziehung gesetzt wurde, bleibt auch 
hier unklar. 

Anm. 4. Entsprechend diesem Wechsel in der Deklination 
finden wir auch in der Stammbildunor sehr häufig einen Wechsel 



392 



Formenlelire. 



1§ 339. 340. 



zwischen Suffix -ro- usw. und -no- usw. Vgl. jjr. iröp d. Feuer: 
got. fön, G. funitis 'Feuer : — gr. biüpov 'Geschenk', 1. dönunr, 
— gr. übuup 'Wasser" neben 'AXoaubvri 'Wasser des Meeres"; 
TTiujv 'fett' neben uiap 'Fetf. KZ. 42, 114 weist E. Fraenkel 
nach, daß neben Adjektiven auf -pöc; vielfach Verben auf -aivu> 
stehen : Kubpöq 'ruhmvolT : Kubaivu) 'rühme", — ^puOpö(; 'rot": 
tpudaivuü 'röte'; — dXixpöq 'Frevler' : dXiTaivuj 'frevle'; — luiapöc; 
betleckt : fiiaiviu 'beflecke" u. a. 

G. Die .v-Stämme. 
340. Die llauptkategorie der .s-Stämme wird durch 
neutrale Verbalabstrakta gebildet, die ein Suffix -es, -os 
zeigen. Die Basis hatte Vollstufe, s. Ö. 143 IV, aber auch 
das Suflix zeigt, abgesehen von dem Wechsel e-o, keine 
Abstufung mehr. Durch Ausfall des .s' (nach § 230) wird 
die griech. Flexion undeutlich, sie entspricht aber in allen 
wesentlichen Punkten der idg. 





Ciriech. 


Lat. 


Aind. 


Abg. 


Sg.N.Ak. 
G. 
D. 


•fevouc < *Teveaoc 
Y^V€l < *Y^v€ai 


geniuf 
yeneris 
Ah\. ff euere 


jdnah 
jänaanh 
\j.janasi 


neb(^8) 
nebe8e[a\ 
L. nebe-o' 


Pl.N. 

G. 
D. L. 


flvr\ < *T^v€a 
Y€vüjv <^ *Yev^auuv 
flv€0\ < *-f^v€aai 


genera 
gen er um 


jdnai<äni 
jdnahsu 


ivebfsa 
nebesu 
[nebesTchü] 


Du. N. 
G. 


[y^vci] < *T^v6a€ 
[T€voivJ <i *y€\fiao\v 


[janasi] [nebesi] 



Die Zahl der vergleichbaren alten Bildungen ist sein- 
beträchtlich, und namentlich stinnnt das Aind. mit dem 
Griech. überein, während griech.-lat. Entsprechungen 
seltener sind. Vgl. /trog 'Jahr\ \.vetus\ — tXKoq 'Wunde', 
1. ulrus; — t^xj-^oc, '.loclT, 1. jugera, abg. iijo\ — vt)Liog 
'\Veidej>latz\ 1. ncnius; — (a)Tepqpoq 'Leder, Haut', 1. fergus; 
— tboq 'Sitz\ 1. aber scdrs; — d^oq 'Schuld\ ai. dgah 
'Vergehen'; — aidoq Glanz (1. acdcs'^), ai. cdhah Brenn- 
holz; — Qioq 'Sumpf, ai. sdrah 'Teich'; — eTToq 'Wort\ 



i; 340.1 Diu 3. DoklinaLion. 393 

ai. räcah 'Rede'; — eupoc; 'Breite, ai. rnralt weiter Rauirr; 

-- tpeßo^ 'Finsternis', got. nV/i.s, ai. rnj((/i Lul'tkreis ; — 

lu^vo^ 'Kraft', ai. mänah 'Sinn' ; — Vfe90^ 'Wolke', ai. 

iiabhalj (Jcwölk '; — K\e/bq 'Ruhm\ ai. srdvah 'Lob, 

Preis', abg. sloro 'Wort'; — dv^og 'l^lüte', ai. dmlhah 

'Kraut'. 

An 111. 1. Imii alter t'.v-Stamm ist auch olk; X)hr\ Da im 
altatt. 6q jxesclirieben wird, und es stren^(lor. (hc, heißt, so müssen 
nir als Cirundform öoc, und weiter *o\jao(; ansetzen, das genau 
irleich abg. ucho aus "^ou^os ist. Der Gen. geht auf *ouaaTO(;, 
"ouöVToq zurück. Der >?-StanHii kann hier wegen got. Gen. ausins 
alt sein. Vgl. noch Sommer Gr. Lautstud. 16. Auch qpüjq 
'Licht' aus cpdj^oc, hat die -^Flexion angenommen, doch ist der 
regelrechte Gen. cpdouc; noch erhalten. 

Daß diese Bildlingsweise trotz der weiten Verbreitung 
nicht alt sein kann, zeigt schon der Vokalismus, der die 
Wirkung des Akzentes vermissen läßt. In der Tat ist 
eine Reihe altertümlicher Bildungen erhalten, in denen 
ein Suffix -s an die Basis tritt. So finden wir: 

a) Von zweisilbigen schweren Basen : ^fepa-c, 'Ehren- 
geschenk', Tnpa-<; 'Alter', T6pa-<; 'Wunder'; — xpea-q 
Fleisch', ai. kravi/y, — Kepa-<; 'Hörn', Gen. KpäTÖg, ai. ür- 
satdh; üiXa-c, 'Glanz', öeira-q 'Becher', öe|ua-^ 'Körper', 
creßat; 'Scheu'^ crKeira^ 'Decke', ouöaq 'Boden', Kuja^ 'Vlies', 
acpeXaq 'Schemel'. 

In der Flexion zeigen diese zunächst regelrecht -a^, 
Gen. -a((T)og. Infolge des Übergangs von a vor o zu e 
(s. § 177) entwickelt sich hom. -eo(g, z. B. ouöeo^. 

Attisch nehmen die Worte im Gen. usw. -xog. 

Daneben stehen einige Bildungen mit Dehnstufe, die 

nicht neutrales Geschlecht zeigen, wie aiöiJuc; 'Scham', 

>iuj<; 'Morgenröte', ai. Ksdh, 1. auröra, epuuq 'Liebe', t^Xuj(; 

Gelächter', ibpdjq 'Schweiß', die z. T. solchen wie 1. hoiiös, 

honoris entsprechen. Ihre Flexion zeigt teils Vollstufe 

r|uj?, r|oO^ aus rjoog, Akk. iöpüj aus -öa bei Homer, oder 

es ist die ^-Flexion eingetreten ibpüuTO(;, Y^XiJUToq. 

Anm. 2. Über die ^-Flexion dieser Bildungen s. § 339, 
Anm. 2. 



394 Formenlehre. [§340.041. 

b) Von ej-Basüü Imben sich im Griecb. keine sicheren 
Bildungen erhalten — es könnte höchstens kovk; 'Staub". 
1. cinis hierher irehören — , weil diese Bildungen in die 
es-o.s-Flexion übergegangen sind. Dagegen kann man 1. 
sedes zu bcdcre hierherstellen. 

c) Von leichten Basen sind Bildungen nur in iso- 
lierten Formen erhalten, so in 6cr-qppaivo)Liai 'rieche' aus 
ober-, 1. odo)\ i'cro^ 'gleich' aus "'fiboJ'oq zu eiboq. 

Anm. 3. Regelrecht sind diese Bildungen auch in den 
Infinitiven auf -am erhalten, z. ß. leö^ai Inf. Aor. zu leuY^uui 
'verhinde' zu Zevfoc, 'Joclr. 

Anm. 1. Hei dem ^lißverhältniy von l>etonun<r und Vokalie- 
mus bleibt nichts anderes übrig als anzunehmen, daß die -es- 
Stiimnie auf eine Zusammensetzung mit einem Wurzelnomen et* 
'Sein- zurückgehen. Die Bedeutung läßt sich ohne Schwierigkeiten 
erklären. 

Neben den barytonierten neutralen Verbalabstrakten 
stehen im Griech. und Aind. oxytonierte Adjektiva, die 
im Nom. Dehnstufe zeigen und ursprünglich wohl nur 
komponiert vorkamen, z. B. bucTiaevnq übelgesinnt', ai. 
durmandh; — u.\(k^\-\q 'unberühmt'; — dvaibi'iq 'unver- 
schämt. Später sind daraus auch Siniplizia al)strahiert 
worden, von denen aber erst sehr wenige bei Homer vor- 
liegen, wie lyeubi'iq trügerisch', (ppaöi^q 'verständig' usw. 

Anm 5. In der Betonung '^ivoc, — eOyevri^ zeigt sich das 
§ 270 b verzeichnete Prinzip, Nom. agentis zu oxytonieren, Nom. 
actionis zn barytonieren. 

III. Stammbildung und Abstufung der vokalischen Stämme. 

341. Unter den vokalischcn Stämmen besprechen 
wir die griech. ?'- imd ?/- Deklination, die Feminina auf 
-tu, -oöq und die Nomina auf -euc; und -yxi<^ (TrdTpujq). 
Eigentlich gehört hierher auch die Dualflexion. Da / 
und u Schwundstufenvokale sind, die die Vollstufen vi 
oi, eu, OH voraussetzen, so müßten neben den i- und 
?/-Stämmen Bildungen auf -ei, -oi, -eu, -ou stehen, die 
wahrsclieinlich im Griech. in den Feminina auf -tu, den 
Mask. auf -eug und -lug wirklich vorliegen. 



i 



§342.J 



Die 3. Reklination. 



395 



A. Die /-Stiimme. 

•I4!2. 1. Die /- wie auch die /«-Stiimme sind in den 
meisten grieeh. Dialekten fast ^anz in die Analop^ie der 
kons. Stämmen übergetreten, und zwar so, daß der Stamm 
auf -i beibehalten wurde. Diese Flexion dürfte bei einigen 
Worten alt sein, da sie bei den Femininen auch im Ind. 
vorliecjt. 





Ion. 


AU. 


l.at. 


Aind. 


N. 
G. 
D. 
A. 
V. 


ßdaic; 
ßdaioq 
ßdai aus *ßaau 
ßdaiv 
ßdai 


oTc; aus öic, 
olöq » öxöc, 

oii 

olv 


sitis 
sitini 


gdfih '^Gan^j' 
gatjäh 
gotjäm 
gätim 


Pl.N. 
G. 
D. 
A. 


ßdaieq 
ßaöiuuv 

hom.ßdöiq.ßdaiac 


oTeq 

OIUJV 

oiai 

Ol? 


finium 
finibus 
fiuls 


gdtlnäm 
L. gätisu 
gätih 



Anm. 1. Bei Homer sind Gen. auf -loq sehr häufig, eo 
üßpio^ 'des Übermuts', iröaioc; 'des Tranks", iTTÖXioq 'der Stadt\ 
TTÖpTioc; 'des Rindes', öioc; 'des Schafs', KÖvioq 'des Staubes' (eig. 
s-Stamm, also aus *KÖviao(;, 1. cineris), |LidvTio<; 'des Sehers'. 

Vom JDativ auf -l finden wir tttöXi 'der Stadt', KÖvi, KvrjöTi 
'mit dem Reibeisen", ladvTl 'dem Seher, ayOpl 'der Ver6ammlung\ 
buvd|ul 'an Macht', iröai 'dem Gemahl', üßpi 'dem Übermut', 
v€|Li6aöi 'aus Unwillen', [iiriTi 'durch Klugheit^ Oexl 'der Thetis\ 
ladöTl 'mit der Geißel'. 

Der Vok. in |udvTi 'Seher\ AOairapi, puöitttoXi 'Stadt- 
retterin', 'Ipi, 

N. PI. hom. ZivTiec; 'Sintier', öieg 'Schafe', ^TrdXHiGq Brust- 
wehren', ludvTiec; 'Seher', ibpiec; 'kundig', iröpTie; 'Kälber', vrianeq 
'nüchtern', iröXieq 'Städten 

A. PI. hom. -nöXlc, 'Städte', öiq 'Schafe', eTidX^l^ 'Brust- 
wehren', r\v\(; 'einjährige', vriaxlt; 'nüchtern', dKoiTi<; 'Gemahlinen'. 
Daneben iröXiac;, Tiöaiac; 'Gatten', Zivxiaq 'Sintier'. dKpm; 'Berg- 
gipfel'. Für den Akk. iröXeK; B648 u. ö. schrieb Bekker richtig 
TTÖXie;. Von den Akk.-Formen ist jedenfalls die auf -l<; aus -ivc; 
die regelrechte, -lac; beruht auf einer Neubildung. 

Der Dat. PI. zeigt bei Homer die äolische Form TToXiecrai 
'den Städten', öieaai 'den Schafen', daneben öj^eaai, "Ipiaai. 



396 



roniicnlehre. 



[§ 342. 343. 



Anm. 2. Diese Flexion zeigt sich im Attischen nur hei 
olc, 'Schaf, y. o., (pdoxq m. 'eine Art Kuchen'* und in entlehnten 
Wörtern und Kigennamen wie fir|viq 'Zorn', xupaiq f. 'Turm' 
vXen. Anab. 7, 8, 12 TÜpöioc), bf|pic f. 'Haut' und einigen andern. 

S4t{. *2. Daneben stand eine andere Flexion, die 
bei Homer vorhanden und im Alt. die normale ist, 
wälirend die sonsti^ren Dialekte sie nicht kennen. 





Hom. 


Att. 


Aind. 


Got. 


1 

Sft. N. iröXiq 

G. [TTÖXrioq] y 
1). L. TTÖXri-i > 

A . TTüXlV 
\'. (TTüXl) 


TTÖXiq 

f^TTÖXeuuqj 
TTÖXrji, TTüXei 

ITÖXlV 
(TTÖXl) 


agut'h 'Feuer 
agn^h 
L. agndu 
agnim 
dgnc 


ansts 'Gnade' 
anstais 
anstai <^ ei 
anst 

(anst) 


PI. N. 

G. 
D. L. 

A. 


[iTÖXriec] 
TTÖXeuiv 

'TToXriac 


TTÖXeic 

TTÖXeuuv 

iTTÖXeöij 

rTTÖXeiq;! 


(tgndjah 
agn »',s'u 


ansteis <^ *anstejes 

anst im 

(inst ins 



Wie man aus der Tal)f'lle sieht, findet der Xom. 
PI. seine Entsprechung in den verwandten Sprachen. Er 
zeigt die Vollstufe -ei, an die die Endung -e.s trat, Grund- 
form also -ei-es, gv. xpeiq, 1. trcs, got. ßreis, ai. frdjali. Die 
übrigen Kasus hatten dagegen die schwache Stufe /, wie 
aus Gen. rpiüjv drei', 1. trium, got. /frijc, Dat. ipiai, 1. 
frihus, ai. tri.sü hervorgeht. Auch der Akk. lautet auf -iv^ 
aus, zunächst also xpiv«;. Mit Umbildung des Noni. zu 
-leq erbalten wir das oben unter 1 behandelte Paradigma. 
Umgekehrt kann sich der Gen. nach dem Nom. richten, 
daher att. iröXeujv, und weiter stellt sich dann der Dat. -eai 
ein (hom. eTrdXEecTiv an l^rustwehren' II. 22, o). Schließ- 
lich hat man auch im Akk. das -€ eingeführt, *7TÖX6vq, 
woraus regelrecht att. TioXeiq, eine Form, die gleich dem 
N. PI. ist. Früher begnügte man t?ich mit der Erklärung, 
daß hier der Nom. für den Akk. eingetreten sei. ^^'acker- 
nagel liat indessen IV. 14, 'Mu gezeigt, daß dies nicht 
anzunehmen ist und hat die obige Erklärung aufgestellt. 
— Die Vollstufe -ei- liegt auch noch in dem (ten. TtoXeo*; 



§343.] Dio 3. ÜekliiKitiou. 897 

(selten bei Homer IL 2,811, 21,567) und gelegentlich 

bei attischen Diclitern vor. 

An in. 1. In «Ion verwandten Sprachen zei^'t z. T. auch 
der Vok. die Vollstufe -ei, ai. ä(/nc '() Agni'. Einen Rest dieser 
Bildungsweise sehen Kretschmer Glotta 1, 27 ff. u. Hoff mann 
Poseidon. 84. Jahresbericht des Schles. Ges. f. vaterländ. Kultur. 
Breslau 1006 in TToTtibduuv eig. 'Herr der Erde' : bä 'Erde'. 

Daneben finden wir nun bei Homer merkwürdige 
Formen mit i"), Gen. TTÖXiioq öfter, |udvTr|0(; 'des Sehers', 
woraus mit Umspringen der Quantität die regelrechte 
attische Form TTÖXeuuq, Dat. rröXiii (IL 3, 50), auch ion. 
(Thumb 356), N. PL TToXriec;, Akk. TTÖ\r|ag. Dieses e 
kann nach § 251, 2 aus ei entstanden sein. Es ist die 
Dehnstufe zu der Stufe ei des Plurals. Eine Dehnstufe 
ist im Kasussystem des Singulars nur im Lok. zu be- 
gründen, und hier hat sie J. Schmidt auch in seiner 
bahnbrechenden Abhandlung KZ. 27, 287 ff. nachgewiesen. 
Sie scheint in lit. sale zu saUs 'Seite', in got. D. anstai 
aus *a7istei und andern Orts vorzuliegen. An ein ur- 
griechisches ■%oXi"| sei dann wieder die Lokativendung -i 
angetreten, und so sei ttöXii-i entstanden, und danach 
iTÖXr|-oq gebildet. 

Diese Erklärung hat lange Zeit allgemeine Zustimmung 
gefunden, bis sie Wackerna gel Verm. Beitr. 54 Anm. 
etwas modifiziert hat. Da hom. TroXrji dreisilbig ist, so 
muß dazwischen ein Konsonant (/") gestanden haben, und 
das unkontrahierte attische TToXeuug setzt ebenfalls ein 
Ti6\r]fb<; voraus. Dieses scheinbar sonderbare F ist uns 
im Kyprischen tatsächlich überliefert in tttoXi/i, Kuirpo- 
KpdTi/b<;, TTpujTi./b(;, Ti,uoxdpi/b<;, nur daß hier die i-Stufe 
vor dem f steht. Zur weitern Erklärung dient das In- 
dische. Hier heißt der Lok. zu agnih neben agnd häufig 
agndu. Diese Form war indoiranisch und kann auch für 
das Griech. vorausgesetzt werden. Aus ^ttoXi-ju wurde 
dann *TröXr|/i durch Antreten des -i und weiter TTÖXii-Zog. 
Im Kyprischen w^urde *7Tt6Xio(;, *TTTÖXri/i zu TTT6Xi/b(;, 
TTTÖXi/i ausgeglichen. Diese Erklärung ist entschieden der 
von Schmidt vorzuziehen. 



398 Formenlehre. [§343.344. 

Antu. 2. Der Gen. Sing, der /-Stiimme ging idg. auf -eis 
oder -oTs aus, ai. (n/neh, lit. nakiies, got. anatats. Davon ist im 
Cirieciiischen keine Spur vorlianden. Att. dicht. iröXeoq ist wohl 
nach den it-Stämraen wie -fXvKeoc; und überhaupt nach dem Gen. 
auf -oc; neu gebildet. 

344. Staninibildiini,'. Ein selbständiges Suflix -i 
ist verhältnismäßig selten gewesen. Z. T. handelt es sich 
bei den /-Bildungen vielleicht um Ablautsformen von exei- 
Basen, in der Hauptsache haben wir es bei dem -/ mit 
einem Element zu tun, das an Wurzelnoraina getreten 
ist. Vgl. ttöXk; f. 'Stadt' : ai. jjur, lat. axis, lit. asis 'Achse': 
gr. dHujv Achse', ai. äk^ah. Wir linden dementsprechend 
bei den /-Bildungen fast alle Stammformen, die wir bei 
Wurzelnomina treffen, vor allem auch solche mit Dehnstufe. 

a) Dehnstufe steht in: bf|pic f. 'Kampf, Wettstreit', &i,-därih 
'R])altend' : b^puj 'schinde"; — MOviq f. 'Zorn' : luaivouai 'rase'; — 
\if]T\(; f. 'Einyicht, Katschlag- : iLiexpov 'Maß'; dazu got. iccus f. 
'Hollnung', ags. incf/ m. 'Woge'; 

b) Abtönung -<> steht in: TpöxK m. 'Läufer : Tpe'xuJ 'laufe'; 
OTpöcpxc, 'gewandter ^lensch' : öTpfc'qpuj 'wende'; — iröpic 'junges 
Kind^ : 1. pario-, — Tpo-rric f. 'Schiirnkier : xp^iTiu 'wende'; — KÖpiq 
'Wanze'. 

c) Schwundstufe fehlt im Griech., ist aber in andern Sprachen 
häutig belegt. 

Anm. 1. Ziemlich zweifellos kann man dieses / mit einem 
auch sonst auftretenden sicher angefügten / identifizieren, über 
das man J. Schmidt Ntr. 227 tf. vergleiche. 

Wirklich j)roduktiv war seit idg. Zi'it nur -ti, das 
l)riraäre Verbalabstrakta weiblichen Geschh^chts bildete. 
Der Akzent wechselte wahrscheinlich zwischen Basis- 
betonung im X. Akk. Sing, und Endlietonung in den 
übrigen Kasus, was nach verschiedenen Riclitungen aus- 
geglichen wurde. Im Xom. Plur lag der Ton auf dem 
Suffix, daher -^jca. Im Griech. siegte durchweg die An- 
fangsbetonung wohl luUer dem Einfluß der Komposita 
(mit Ausnahme von oiq Schaf, Gen. oioq, wohl nach den 
konsonantischen Stämmen^ im Ind. gibt es auch End- 
betonung. Die Wurzelsilbe hatte meistens Schwundstufe, 
8. S. 14Ü VI. und im Griech. stehen 7 und ü auch da, wo 
/ und H berechtigt waren. 



§844. 345.J Die 3. Dekliiuition. 399 

•a) Von leiehton Basen oder nach deren Muster sind 
j^'ebildet : h. tIgic; 'Ersatz, llache, Strafe', ai. d/ta-citih 'Ver- 
geltung'; -- ktictk; 'Ansiedelung, ai. A-.si7/// Wohnung'; — 
cpiXai^ 'Sehwuiuf, üi.IisUih 'Hinschwinden '; — X^^i*S Auf- 
gul\ llaufeiT, ai. dhuiih 'Oplerspende' ; — h. ^KßacTig 
Aussteigen', u)aqpißaai(; das Umschreiten', h. TrpoßaCTK; 
'bewegliches Gut, Herden', ai. ydtih ^Gehen, Gang', 1. rentio, 
got. gaqumps 'Zusammenkunft' usw., vgl. S. 140 VI. 

b) Von eins^i^gen schweren Basen: h. ööcriq 'Ge- 
schenk, Gabe', 1. (Jaiio\ — decTiq 'Setzen', 1. couditio; — 
(Jidaiq 'Stellung', 1. statio usw. 

c) Von zweisilbigen schweren Basen: h. dpocTi«; 'PHug- 
land', h. ßpüucriq 'Essen, Speise', h. öjuiicng 'Bändigung', 
h. eKXncTi^ 'Vergessenheit', h. eiTiKXiiai^ 'Beiname', Kirjcriq 
'Besitz', öviicTiq 'Glück, Wohlfahrt', 7Tp6-T)Lir|cri<; 'Wuchs, 
Taille', GKebaöic, 'Zerstreuung, Verjagung', ^eveöiq 'Ur- 
sprung', vejuecTK; 'Unwille', TTpf]Hi(; 'Erfolg, Unternehmen'. 

Später dehnt sich das Sufüx im Griech. außer- 
ordentlich aus. 

B. Die ei- und -oi-Stämme. 

345« Oben ist bemerkt, daß der Lok. Sing, häufig 
gleich dem Nom. Sg. ist. Da wir nun bei den {-Stämmen 
einen Lok. auf -e(i) im Idg. hatten, so müßten wir auch 
Nom. auf -e{i) antrefien. Solche Nom. sind indessen nur 
noch in isolierten Formen erhalten. Es gehören dahin 
1. reSj spes, und aus dem Griechischen vielleicht öecnrÖTri^ 
gegenüber ai. dämpatih^ 1. poüs, gr. TTÖCTiq. 

Etwas besser erhalten sind die oii-Stämme, wie rjX^J 

'Wiederhall', Treiö-iu 'Überredung'^ XexOu 'Kindbetterin' und 

zahlreiche w^eibliche Eigennamen wie Ariiuj, KaXuipuu. Der 

alte Diphthong zeigt sich noch in dem oi des Vokativs, 

der regelrecht rix^^ lautet, mit der Vollstufe gegenüber der 

Dehnstufe des Nominativs. 

Anm. 1. Der Nom. Sing, geht auf alten Inschriften und 
bei Grammatikern noch auf -uui aus, und zwar so stets auf 
korinthischen Vasen, nie auf den attischen, selten auf ionischen. 



400 Formenlehre. [§ 345. 346. 

häufig in Meloö, vgl. Kretschmer KZ, 29, 475. Die Formen 
ArjTib unil Aiixibi können auf idg., aber auch auf griechischem 
Sandlii beruhen. 

Der Genitiv i'ixouq geht auf ■'•nxojo«;, der Dativ iix^'^ 
aus ■*^'nxo.ii zurück. 

Der Akkusativ i'ix^ ^^^^ HX^ct = '••otxoj^i'- 
Anm. 2. Daneben stehen in den Dialekten Formen auf -uuv. 
so lesb, *'Hpujv böot. Nioufiujv. ion. auf -ouv Bouxoöv, mit uner- 
klärtem -ouv. Die Formen auf -uuv können alt sein, da man sie 
aind. a.\i( -änt vergleichen darf; Aiitujv zu Ariröa s-erhält sich wie 
ßiuv: 1. bovctii. 

Die ganze Flexion muß im Idg. ziemlich zahlreich 

gewesen sein, denn im Indischen werden die Feminina 

auf -ä ganz nach dieser Art abgewandelt, z. B. kanä 

«•Jungfrau, Gen. kmidjä/j, vgl. Bartholomae IF. 1, 188 f. 

Anm. 3. Die Dehnstufe des Nom. weist auf älteres -o/o. 
Bei Betonung der letzten muß daraus -j6 werden. So erklärt sich 
lat. sociiis neben ai. Noni. sdkJiü 'Freund', Akk. sdkJiäjam. 

C. Die If-Stämme. 

Literatur: William C. Gunnerson Ilistory of w-Steras in 
Greek. Diss.. Chicago 1905. 

340. Auch bei den w-Stämmen finden wir zwei 
Flexionsweisen, eine mit durchgeführtem u und eine mit 
Ablaut. 

a) Die Worte mit durchgeführtem n liegen auch im 
Ind. vor, z. B. TTiTuq Fichte, 7TiTU0(;, ai. /»itü/j-, p'iträh und 
die Neutra wie öüKpu, ödtKpuo«;. 

Anm. 1. Hora. sind ^br|'r"üo^ 'Speise*, vfeKuoc; 'des Toten'. 
AxXuoc; 'Dunker, vtKui, irXnöui 'Fülle', i£ui 'Hüfte', öicuoq, öiZui 
'Jammer', öpxriaxui 'im Tanz', Opi'ivui 'mit dem Schemer. abtT 
üaxei, TTi'ix^i- 

Danel)en kommt ein Nom. mit Dehnung vor, öqppu«;, 
öqppuoq, ai. hhruh, hhnirdlj. Hier hatte der Nom. eigentlicli 
-cu.s. Daraus hat sich ahd. hräwa, kelt. briwa '^Brücke" 
entwickelt. Ebenso ix^uq, ix^uoq '^Fisch' u. a. 

b) Die meisten andiMvn zeigen den Ablaut cu 
neben ?/. 



§34G.l 



Die 3. Deklination. 



401 





üriech. 


Lat. 


Got. 


Abulg. 


Aind. 


N.Sß. 


f\h()(; 'süß* 


fructus 


snnus 


si/nu 


sünüh 
'Sohn' 


G. 


\Wi^)o<;] 


fructüs <^ -on.v 


sunaus 


SIJHU<^-OUS 


sünöh 


D.I.. 


i^beK/")! 


fnictü < -eu 


sunäu(-eu 


sj/Hii < -eu 


L, sünäu 


A. 


)"lbuv 


fructum 


sunu 


synu 


sunum 


V. 


lf|bu] 




[sunmi] 


si/nü 


sünö 


Pl.N. 


hom. iroXdeq 

Viele' 
f]bei<; < -efeq 


fructus 


sunjus 


stjnove 


sündvah 


G. 


rib^uuv 


ffuctuum 


sunitve 


synovü 




L. 


[f\b^-Ol] 








sünü^i 


A. 


[»loeiq], hom. 
[eijplaq] 


fructus 


summs 


synüchü 


[sünthi] 



Singular. 

1. Der Nominativ zeigt regelmäßige Schwundstufe 
des -eu. 

2. Der Genitiv ging idg. auf -oüs aus. Diese Form 
ist im Griech. durch eine Neubildung ersetzt. An den 
gesteigerten Stamm -e/"- trat die Endung -oq. Diese 
Form herrscht indessen nur beim Adjektivum, während 
die Nominalform TTr|X£Uj(; von den i-Stämmen übertragen 
ist. Bei Homer liegt noch aajeoc, "^der Stadt' vor. 

3. Der Dat. -Lok. 7Tr|X€i aus TTrix^-^^i entspricht ai. 
sünävi, das neben sündu steht. 

4. Im Akk. kommen neben den Formen auf -uv 
auch Neubildungen auf -ea bei den Adjektiven vor, so 
z. B. hom. eupea. Diese ist ofifenbar hervorgerufen durch 
das Bestreben, die Lautfolge u-u zu vermeiden. 

5. Der Vok. zeigt im Griech. schwache Stammform, 
Trf)xu, während im Ind. die starke Form vorliegt, süvö. 
Diese hat sich bei den eu-Stämmen erhalten. Denn 'Arpeu 
^Atreus' ist direkt gleich sü7tö. 



Hirt Griech. Laut- u. Formenlehre. 2. Aufl. 



26 



402 Formenlehre. (§ 346. 347. 

Plural. 

i). Nominativ: -m'ixeK; aus 7Tr|X£/'-e(;, ni. süHdrnh, ah^^. 
synove, got. sunjus aus ''sunew'es. 

7. Im (icn. TTnxeujv, abg. sijnovü, got. suniice kann 
die starke Stammform schon in vorhistorischer Zeit oin- 
l^efülirt sein. 

S. Im Dativ TTi'ixtcTi für -'TTfixuai liegt eine leicht 
verständliche Analogiebihhmg vor. 

\). Der Akk. Plur. müßte -uvq ^ > -'-»«S Ijuiten. 

Anm. 2. Bei Homer sind belegt: v^kü^ 'die Toten" (uu 417, 
H 420), ^püc 'Eichen' fA 494, V 118), ^pivöc (ß 135, I 454\ öqppüc; 
TT 740 'Augenbrauen', kXitöc; f. Abhang' TT 390, (x^Oc 'Fische' 
€ 53, K 124, \x 331, T 113, aOc 'Schweine' k 338, t 107, ypotitüc; 
lu 229 'Verletzung'; daneben ^pivüac, OXcYÜac, öqppüa«;. öac, öüac, 
ixOüac und -rreX^Keac, eupt'ac, TToXeac. OrjXea^, 'xaxiac,, djKta?. Für 
Akk. TToXecK; Aristarch las Zenodot ttoXeic;. Dies kann nicht der 
Nom. sein, der TToXeeq lautot. Es ist dafür ttoXö'^ einzusetzen. 

10. Der Nom. Akk. Plur. Ntr. lautet beim Adjekt. 
-ea, Y^UKta, wo -a an den gesteigerten Stammau.slaut ge- 
treten ist. Die Nomina zeigen dagegen -ii, aaxii, eine 
Neubildung nach den 6?.9-Stämmen, T^vn. In den ver- 
wandten Sprachen liegt noch -n als Endung v(>r, das sich 
zu griech. ödKpua, youva aus *T6v/a verhält wie ai. -1 zu 
gr. -la und -ja. 

Anm. 3. Eine Reihe \^^\\ Doi)i)elformen zeigt ulöc 'Sohn'. 
Da.'^ Wort ist ursprünglich ein n-Stamm, der in (iortyn z. !>. 
ganz regelrecht ulüq, \)\i{.F ]qc,, hom. \}\i[J\ uluv, \)\i\J-)^<:, uiOvc; 
flektiert. Durch Dissimilation der beiden k entstand uiö(;. ulöv, 
ult, die bei Homer sehr hiiutig un<l noch fast die einzigen Formen 
des o-Stammes sind. Nur der Gen. uloO ist einmal Od. x 238 
belegt. N(jni. ulüq und Vok. uiu, kommt bei Homer überhaupt nicht 
vor, für den Akk. findet niih auch ui^a. Danach entstand dann 
utoö, uIlü usw. Der Dat. Plur. lautet bei Homer und im Gort, 
uidoi. Das ist eine Analogiebildung nach iratpaai. Und danacli 
hat man weiter gebildet »»iiüv nach Traxpiüv, uicg, mi, uia, ui€<;, 
uia^, indem man überall den Stamm ul zugrunde legte. Diese 
Formen sind, wie schon der .Akzent zeigt, ilolisch. 

StaitniilMlduug. 
JI47. Seit idg. Zeil haben wir im wesentlichen zwei 

Arten })ro<luktivcr BildunL^''n unter den «-Stämmen. 



§347.] Diu 3. Deklination. 408 

1. Ein Suffix -/( bildet hauptsächlich Adjektiva, viel- 
fach von scliworen Basen. Vor dem u schwindet der 
jxe.cich wachte Voknl des Stamniauslant.^. Ursprünglicli hat 
wohl der Akzent «];ewechselt, doch lap: er schon seit idg. 
Zeit bei den Adjektiven fest auf dem Huffix. Der alte 
Ablaut ist aber noch erhalten, so in tvpvc; 'breit', ai. urüh, 
ursprünglich wohl Vur^s, N. Plur. *iir^wes. Ähnlich rfivq 
'süß', ai. srädüh zu 1. srade-rc, gr. döri-cru), got. aber suis 
aus *sütuSj ursprünglich idg. '-sicddus, N. PI. '^'südeives. 
Vollstufe hat noch lukik; 'schnell', ai. äsüJj 'schnell', da- 
gegen 1. acu-pedins mit Schwundstufe; ebenso dpacrtK^, 
mhd. türre 'kühn', urgerm. '^durzüs; — ßpaöu^ 'langsam', 
ai. mrdüh 'zart'; — TiXaiug 'breit', ai. prfüJj; — Kparix; 
'stark' : Y. got. Jiardns 'hart'. Vgl. S. 146, VII. 

Von schweren Basen: ttoXOc; 'viel' : TrXr)- 'füllen'; 
TTpäug 'sanft' ; — )}b\}q 'süß' ; — ßcxpuq 'schwer' : 1. gravis. 

Bei den Substantiven hat im Griechischen meist die 
Vollstufe und die Betonung der ersten gesiegt nach dem 
auch sonst vielfach zu beobachtenden Prinzip (§ 270 b). 
Daher tti^x^^ 'Unterarm', ahd. huog, aber ai. bähüh m. f. 
'Arm', T^vix;, ai. hänuh 'Kinnbacken', ireXeKug 'Beil', ai. 
parasuJj. 

Anra. 1. Der Analogie der Substantive folgen die Adjektive 
ri]uiau(; "^halb', öf|\uc, 'weiblich', tipeo^vq 'alt', die wohl eigentlich 
Substantive sind. 

Ebenso sind die alten Neutra betont: |uedu 'Met', ai. 

mädhu 'Süßigkeit, Honig'^ ttuju 'die Herde', aber ai. päjüh 

'der Hüter', öopu 'Speer', ai. ddrii^ yövu 'Knie', ai. jdnu, 

öcxKpu 'Träne', 1. dacru-ma (vgl. öpujuöc; zu öpöc;), ai. dsyu, 

aaiu 'Stadt', ai. mstu 'Haus, Wohnstätte'. 

Anm 2. -ju in uiu^, -mc in ai. sunüh '^Sobn', -In in OfjXu^, 
ai. dkärüs sind keine lebenskräftigen Suffixe. In df|Xu(; liegt 
wegen ^r\\r], feläre Suffix -ic vor. 

2. Suffix -tu- bildet seit idg. Zeit Verbalabstrakta, 
Nomina actionis. Die Betonung und Abstufung wechselten 
wahrscheinlich wie bei den 2(- Stämmen, vgl. Verf. Idg. 
Akzent 220 f. Im Griech. ist das Suffix besonders im 

26* 



404 Formenlehre. [§ 347. 348. 

Ion. produktiv geworden. Homerisch sind: ßpujTiK; 'Essen , 

ßoriTuq 'Schreien', YpaTTTvj^ 'Ritzen', döriTu^ 'Speise', 6pxr|<JT0<; 

'Tanz', iuviicttik; 'Freien' u. a. \<i\. 1. fnictus, ai. gäntnh 

Gang . 

Anm. 3. In den verwandten Si)rachen dient das Suflix 
vielfach zur Bildung von Infinitiven, Supina und Verbalia. Im 
Griech. stehen die Verbaladjektiva auf -t^g«; mit unsern Bildungen 
im engsten Zusammenhang. 

D. Die eit- und oic-Stämme. 

Literatur: Reichelt BB. 25, 238; van Wijk IF. 17, 296; 
Brugmann IF. 9, 365 ff., Ehrlich KZ. 38, 53 ff., Schwyzer 
BrhW. 1902, 433, Brugmann Grd.^ 2,1 206: Kretschraer 
ZfdöG. 53. 711. 

348. Viel besser als die ci- und oj-Stämme sind 
im Griech. die en- und OM-Stämnie erhalten. Nominative 
wie sie S. 400 zu oqppuoq erschlossen wurden, liegen in 
ZeOg, ai. dydn/j, idg. '-'(Jjeus und ßacriXeuq 'König', iTTTreuq 
'Rosselenker', irpeaßeuq 'Gesandter' neben Trpe(Tßu(;, ßpaßeuq 
'Zeuge' wirklich vor. 

Der Nom. ging auf -ens aus, der Akk. auf -e?n//. 
Es ist nun entweder dieser Ablaut beibehalten, so in 
'Aipeuq, 'ATptO(;, oder es ist, wie so oft, die Dehnstufe 
durchgeführt, ßaaiXevjg, Gen. ßaaiXfi/bq, woraus att. ßaö"i- 
Xeujq, ßacTiXei aus ßacTiXfj/i, Akk. ßacfiXfia, woraus att. 
ßacriXeä. Der Vok. hat kurzes -eö mit Zirkumflex, s. u. 
Der N. Plur. ßacriXri/eq wird att. zu ßa(TiXen(; (inschrift- 
lich) und ßaaiXfiq, später ßaaiXd<; (seit o78 v. Ghr.) aus 
ßacTiXeec;, das nach ßacriXtuuv (verkürzt aus ßaö"iXii/uJv) ge- 
bildet wurde. Der Dativ ßctCTiXeOai ist aus ■^•ßaaiXTiOai 
verkürzt. Der Akk. lautet ßa(JiXtä<; aus ßaaiXfi./ü<;. Seit 
307 V. Chr. dringt die kontrahierte Form des Xon}i- 
nativs cnn. 

An in. 1. Hei voraupgeheni.iein i tritt im Genitiv und Akk. 
Sg. und l'lur. Kontraktion ein. Ks heilit daher TTeipaieOi;, Gen. 
TTeipauü(; aus TTcipai^tuc;, Hat. TTeipmei, Akk. TTeipaiä. 

Anm. 2. Im Nom. Sg. wird nach dem (len. auf -t^oc; eine 
Form auf -i]c, gebildet, die dann in das Lat. entlehnt wird, VlLres. 



§348.] Die .1 Deklination. 405 

StammMldung. Den Hildungen auf -eu^, tfoq, 
Töbeuq, 'Aipeu^, Aujpit6<; eiit.^prechcn im Ind. «(-Stumme, 
die Vülkerstiimme btv.eiclinen, wie N. PI. Trtsarah, BUnjavak 
Vine Klasse von Halbgöttern', Jüksavahy Jddarah. Diese 
Worte haben im Sing. -?is, -imi^ und es ist sehr wohl 
möglich, daß die gleiche Flexion auch im Griech. bestand, 
da auf att. Vasen Formen wie N^pu^, Tuöuq, 0nau(; wirk- 
lich vorkommen. Daß hier im Nom. -euq eingedrungen 
ist, mag auf der Vokativbildung beruhen, denn 'Aipeu ist 
genau gleich ai. Jadö. Da nun bei diesen Eigennamen 
der Vokativ häufig gebraucht wurde, so ist die Aus- 
gleichung, die sonst zu Ungunsten des Vokativs eintrat, 
liier einmal ihm zu Gunsten vollzogen. Akkusati ve wie 
Aipta sind nicht weiter auffälhg, da ja auch Bildungen 
wie eupea von eupuq vorkommen. 

Wir hätten es also in dieser Klasse mit ganz regel- 
rechten ?^-Stämmen zu tun. Das Suffix ist wahrscheinlich 
sekundär und hängt mit dem sonst auftretenden -wo, 
z. B. im Germ. Batavi zusammen. 

Im Grunde werden die andern ez^-Stämmen gleicher 
Herkunft sein. Das homerische Material zeigt, daß wir 
es mit denominativen Bildungen zu tun haben, iTTTreuq 
'Rosselenker' : 'iTriT0(g 'Pferd' ; iepeix; 'Opferpriester' : iepö<; 
'heilig' ; Kepajueüq 'Töpfer' : Kepajuo«; 'Ton' ; TTOpdjueug 'Fähr- 
mann' : Tropd)Liö(; 'Meerenge'; Tpaire^^eug 'zum Tisch ge- 
hörig' : TpoiTTe^a 'Tisch' ; x^AKeiK; 'Erzarbeiter' : xö^ko^ 'Erz' ; 
dpicTTeuq 'Vornehmer' : dpicrT0(; 'Bester' ; ßoeu^ 'rindslederner 
Riemen' : ßou(;; öovaKeuq 'Rohrgebüsch' : öövaE 'Rohr'; 
TOK€ug 'Vater' : lOKoq 'Geburt'; qpoveu(; 'Mörder' : qpovoq 
'Mord'; Tro|UTreu<; 'Begleiter' : TT0)UTTr| 'Geleit'; fivioxeuq 
'Wagenlenker' : öxog 'Halter'; voiaeuq 'Hirt' : vojaoq; qpopeug 
'Träger' : qpöpog 'Tribut'; unklar sind direpLueug 'Verhin- 
derer'; riTTepOTTeu(; 'Betrüger'; ßacTiXeu^ 'König'. 

Anm. 3. Was die Herkunft betrifft, so fehlt etwas genau 
Entsprechendes in den verwandten Sprachen. Nur das Awestische 
kennt Bildungen auf -aus, die aber andersartig sind. Während 
es nun keine Nomina auf -eu gibt, finden wir im Lit. und Slaw. 
abgeleitete Verben, lit. auf -anti, abg. -uja, die den Griech. auf 



406 Formenlehre. f§ 348. 34f>. 

-eOiu entsprechen. Die Verben sind aber denominativ und setzen 
demnacli -<v<-Stiimme voraiiB. Solmsen IF. Anz. 15, 2'lö sucht 
unsere Bildungen weiter in den lit. Suj^erlativen auf -inusias und 
den slav. Substantivadjektiven auf -nrhu. Diese Vergleichung 
namentlich mit den ersteren scheint mir ansprechend, und es 
würde dadurch da.s hohe Alter der griech. Formation erwiesen. 
Wir haben anzunehmen, daß dieses iro-Suffix an e-, o-Stämme 
trat. Wie ttoi|li/]v 'Hirt' auf ein idg. *poiweno- zurückgeht, so iepeuc; 
auf ein *isjrnco, vgl. ai. kescuäh 'langhaarig' : h-vsafi 'Haar". 
arnardh 'flutend' : drnah m. '\Voge\ vgl ferner gr. oup€U<; '"Wächter" : 
ai. r^ra- 'erhaben'; "Opqpeüc : VLi.rhhvdh 'geschickt"; tok€0(; 'Erzeuger", 
äuüerlich gleich ai. /«/>/•(/// 'rasch'; oIkeuc; 'Hausgenosse" : ai. r/.srrtA 
'jeder, all, ganz', eig. 'was zur Niederlassung gehört", vgl. ai. 
rt'spdtih 'Haupt einer Niederla8sung\ 

Der in den Anm. besprochenen Herkunft gemäß 
hatten die Wörter Abstufuno:, die aber, ähnlich wie bei 
den Bildungen auf -t"iv. frühzeitig ausgeglichen ist, indem 
die Debnstufe durcbgeführt wurde. Erbalten hat sieb di^' 
Vollstufe im Vok. ßacTiXeO. 

3-19. Alte o?(-Stämme liegen zunächst in den Dual- 
formen vor, 'iTTTTUj 'die beiden Pferde', ai. a^räu, idg. *ek'- 
icö{u) aus '^'ekwowe. Der CJenitiv ging ursprünglich auf 
-oüs aus, ai. -o//, abg. -u. 

Ferner haben wir sie in Fällen wie Trdtpujq *^Valers- 
bruder', 1. pafnius, lii'iTpoK; 'Mutterl)rudcr\ iiptuq 'Held\ 
bjuujg 'Sklave'. Diese verhalten sich zu ßaaiXeOg usw. wie 
öüuTUjp '(Jeher" : ÖOTi'ip und zu 1. pafndis aus ^p^h'firos, 
wie ai. sakhä : 1. sorius. Die Flexion zeigt durchgeführte 
Dehnstufe, TTdTpuj(;, Gen. TrdTpiuoq, Akk. TrdTpuua. 

Anm. Die Wörter nach dieser Klasse sind nicht zahlreich. 
Doch sind eine Anzahl noch zu erschließen, so *uia><; aus uloivö; 
'Sohnes Sohn', 1. *pa(i'ös aus putrüiins, *mäirös aus mätröna\ 
Kopujvöc; 'gekrümmt', setzt ein *kurös:\. curvus 'krumm"; Kopujvri 
Krähe" : I. rorrus 'Rahe" ein *KopLU;; vorau*^. 



>^ 350.] Adjektiva und Komparation. 407 

Achtuiulz wanzigstes Kapitel. 
Adjektiva und Komparation. 



I. Die Adjektivbildung. 

350. Die Adjektiva mit ihrer Motionsfähigkeit 
waren aus dem Idg. ererbt. Griechisch und Indisch 
stimmen in diesem Punkt sehr überein, während die 
übrigen Sprachen z. T. Einbuße erlitten halben. Die 
Flexion stimmt mit der der Substantiva überein. 

Die Bildung des Neutrums ist im allgemeinen im 
(rriech. regelrecht. Es ermangelt des mask. -<; und der 
Dehnstufe, in der 2. Dekl. zeigt es die Akkusativform. 

Dagegen finden wir beim Fem. verschiedene Bildungen. 

1. Die gebräuchlichste war die mit Suffix -jd (gr. -ja, 
ai. -i), die im Griech. fast noch bei allen Stämmen der 
3. Deklination auftritt. 

a) -W-Stämme: |ue\äq 'schwarz', St. |ueXav-, daher F. 
)LieXaiva aus •■^'jueXavja ; xepriv 'zart', Stamm lepev-, F. 
Tepeiva; TaK5.<; 'unglücklich^ F. idXaiva. 

b) -nf-Stämme: 'nä<; 'ganz, jeder \ Stamm iravT-, F. 
Tracra aus Tidvcra (thess. kret.) aus ^rravTJa; eKüüv 'frei- 
willig', St. eKOVT-, F. eKOucra; Part. Pr. XeiTTiuv, St. Xeiirovi-, 
F. XeiTTOUcra. Bei den Verba kontrakta ergibt sich ti,uOuv 
'ehrend', F. Ti|uujcra aus ^Tiinttovcra, qpiXüuv 'liebend', F. 
cpiXoöcra aus *qpiXeovcra, jluctO-ujv, F. juicrdoöcra aus '••'juicr- 
döovcra; Aor. öeiHa^, F. öeiHacra; löTaq 'stellend', F. icnäcra, 
Tidei(;, F. Ti^eTcra; öiöoug, F. öiöoöcra. 

Anm. 1. Eine Ausnahme von der lautgesetzlichen Be- 
handlung bilden die Adjektiven auf -eiq wie xcip^^i«^ ^lieblich". 
Der Stamm ist x^pievT- und daher müßte das F. xapieicrc lauten, 
es heißt aber \apieaoa. Die Erklärung s. S. 239. 

Dasselbe aa findet sich bei den movierten Fem. wie Opriaaa 
'Thrakerin', KiXiaaa 'Kilikierin'. 

c) -tc-Stämme zeigen e-Stufe des Suffixes, daher 
TXuKeia aus ^hjKiJ-ja. 



408 Formenlehre. (§ 350. 

Anm. 2. Die u-StUmmo sind oxytoniert mit Ausnahmen 
von fiuiau<; 'halb", OfjXuq 'weiblich', die Fem. haben regelrecht 
den Ton auf der vorletzten. Es ^ibt aber einige Ausnahme 
hom. Xifeia : Aiyüc, Aäx€ia : ^XaxOc;, OdXeia, und umgekehrt OaineiaC 
'häufig^ Tapqpeiai 'dicht', was eich nach § 277 erklilrt. 

Komposita sind paroxytoniert ^iri-fXuKuc. 

2. Die o-Stänime bilden in allen Sprachen das Femi- 
ninum auf -ä: vea 'neu, 1. nora, got. niuja. abg. nora. 
S(j auch im Aind. 7idrä. Daneben wird aber im Ind. das 
Fem. bei den o-Stiimmen auch auf -i gebildet, und zwar 
in der altern Sprache häuliger als in der jungem, sodaß 
es kaum zweifelhaft ist, daß wir darin eine sehr alte 
Formation zu sehen haben. 

Anni. 3. Mfiglicherweise standen bei den o- Adjektiven 
zwei r>il(lungsweiscn nebeneinander, von denen die auf -ä etwas 
Kollektives, die auf -7 die Zugehörigkeit bezeichnete. Im Griech. 
sind Reste der Bildung auf -I nur in Ableitungen erhalten, vgl. 
uul-Xoc; 'Haufe', worin Ö)liI des F. zu ö|aö<; 'zusammen' ist. Jeden- 
falls hat sich das F. auf -ä unter dem Einfluß des Pronomens 
ö : ä und des Verhilltnisses töihoc; : T0|iri usw. ausgebreitet. — Daß 
ursprünglich die Adjektiva nur eine Bildungsweise gehabt haben 
k(»nnen, folgt aus der ursprünglicheii Einheit des o- und der 
kons. Stämme. 

3. Eine große Anzahl von Adjektiven bildet kein 
Fem., sondern verwendet dafür das Mask. Hierhergehören: 

a) Die Adjektiva auf -i'iq, -eq, dXi"|Oiiq, N. dXT-iv>6<; 
wahr'. Hier fehlt das Fem. auch im Ind., und sie fallen 

außerdem unter das allgemeine Gesetz, daß Komposita 

kein Fem. bilden. 

Anm. 4. Diese Worte, wie auch die folgenden, waren ur- 
sprünglich keine Adjektiva. Eine ^-Fdldung ist bei ihnen in 
Hubstant. Form vorhanden, so äXriOeia f. 'Wahrheit'. Gelegent- 
lich bildet die Dichter.'^prache solche Formen auch als Fem., so 
bei Hom. t'ipiYfe'veia 'früh geboren' : fipixevt^^, xcXKoßdpeia 'ehern', 
eig. Fem. zu einem nicht vorkommenden *xaXKoßapÜ!;. ^l^l»tTr€la 
Hesiod 'süß redend' : T"1^U6TT^(;, h. äpTi^ireia 'gewandt mit Keden\ 
dpTieirric;, Oeairi^Treia (Soph.) 'weissagend'. KuirpoY^veia, TpiTOY^vcia. 
Sjnlter bildet die Dichtersjtrache Formen auf -ic, z. B. auTfcvic : 
öuTf€vr)c. Das Muster bildete das Verhilltni.M TToXiTrjq 'Bürger' : 
ttcXitk; 'Bürgerin'. 

b) J)ie zusammengesetzten Adj. wie pobobuKTuXog 



§350.] Adjektiva und Komparation. 409 

'roscnfingri^\ cig. ein Siibst. mit der Bedeutung 'Roscn- 

tinircr'. Ferner solche wie äXo^oq 'unvernünftig, euvou(; 

wohlgesinnt', liovobouq 'einzahnig', dTrdTuup 'vaterlos' usw. 

c) Eine Reihe von Simplizia, die erst aus Substan- 
tiven Adjektiva geworden sind. Das Material bei Kühner- 
Blaß 1, 535. 

4. Adjektiva einer Endung sind solche, die eigentlich 
ihrer Bedeutung nach nicht mit einem Ntr. verbunden 
werden können, so daß das Ntr. zunächst nicht vorkommt. 
Da aber die Dichter es auch mit Worten neutralen Ge- 
schlechts verbinden, so gebrauchen sie zu diesem Zweck 
die Maskulinform. Hierher gehören Tieviiq, Gen. Trevr|TO(; 
arm' und juctKap 'selig' und viele andere. Das Material 
bei Kühner-Blaß 1, 547. 

5) Außerdem gibt es eine Reihe unregelmäßiger 
Bildungen, bei denen sich Formen verschiedener Stämme 
supplieren. 

So bildet ttoXlk; 'viel' nur den N. Akk. M. Ntr. von 
diesem Stamm, sonst aber die Kasus von einem Stamm 
TToXXo-, also N. TroXixj, G. ttoXXou, D. ttoXXlu, A. ttoXuv. 
Den richtigen Weg zur Erklärung weisen die hom. Ver- 
hältnisse. Hier flektiert 7toXu<; noch ganz regelmäßig Gen. 
TToXeoi^, N. PI. 7ToXee(;, G. TroXecuv, D. iroXeecrcri, TtoXecTi, 
Akk. TToXea<;. Daneben kommt auch regelmäßig rroXXo«; 
durchflektiert vor. Das Fem. dagegen kennt nur die 
Form TToXXn, In ihm ist also der Grund für das XX zu 
suchen, und man erklärt dieses daher aus ^policjd mit 
Schwund des w zwischen Konsonanten und Assimilation 
von Ij zu II. Nach dem Fem. TToXXri bildete man dann ein 
Adjektivum ttoXXÖ(^, neben dem TToXuq weiter bestand. 
Im Attischen schied weiter die Form iroXXog, Akk. 
TToXXov aus. 

Ähnlich steht es mit )LieTa(;. Hier werden N. Akk. 
Sg. M. Ntr. von einem Stamm jaexa gebildet, also N. juexag, 
Akk. luefav, Ntr. lueY«, den man entweder mit aind. viahi 
vergleichen oder in dem man die Schwamdstufe zu 1. viag- 
aus sehen kann (a aus w)- I^er Stamm .ue^aXo, von dem 



410 Formenlehre. [§350—352. 

die übrigen Formen koninion, entspricht got. uiilcilSy wo- 
iH'ben iiisl. mjö/: 'selir' aus '^')nt'/xu stellt. 

Neben TTpuoc;, Trpaoq 'sanft liegt ein Stamm TTpxO. 
von dem das F. irpaeia stammt. Auch im PI. des M. 
Ntr. linden sich 7T()aeig, Tipaea, G. Trpaeuuv, 1). TipÄeai. 

II. Die Komparation. 

ti5l. Es gibt im Cuiechisclien, wie in den meisten 
verwandten Sprachen zwei Arten der Steigerung, eine 
primäre, die aus der Basis gebildet wird, und eine se- 
kundäre, die von Adjektiven direkt abgeleitet wird. 
Beide Arten bieten dem historischen Verständnis nicht 
geringe Schwierigkeiten. 

Anm. Kine fördernde Daratelhinv der <:;r. Komp. bietet 
(iüntert I K. '27, 1 If. 

A. Die primäre Komparation. 

•i5!^. 1. Der Superlativ wird seit idg. Zeit durch 
ein Suftix -istho- gebildet, ai. -isfhah, got. -isfs, gr. -i(JTOq. 
Dieses Suffix zerlegt sich in -is, die Schwundstufe eines 
Suffixes -./V'.s-, dem wir im Komj)arativ begegnen werden, 
und -tho, das mit dem -tho, -fo der Ordinalzalilen zu- 
sammenhängen mag. -isthns wird daher urs})rünglich nur 
da gebraucht, wo der Komparativ die primäre Bildung 
zeigt. Es tritt wie tler Kom])arativ an die Basis. Später 
finden sich auch gelegentlich Bildungen, die deutlich 
sekundär sind. 

Aiim. 1. Der Ansatz de.s SuHixes mit -fho beniiit nur anf 
dem Ariöchen. Dies ist aber eine unsichere Stütze, da d\f 
Aspirata vielleicht sekundär entstanden ist. 

Anm. 2. lU'lept sind folgende Suiterlativformen auf -löTOi; 
(die j^espert jxedruckten sind altisch): »i b i ö t o e; : »"ibüc; '«üir, ai. 
svädififhah; xdxi öto <; : xaxüc; 'HchnolT; h. ßdOiöxog : ßaöüt; 'tief, 
)i. ßdpbiaroc; : ßpabüc; 'lanj^'sanr; y^^"^öto<; : •f^»J»<'Js 'süß'; ^Xdxtö- 
TO(;:^Xaxü(; 'klein, gering"; KpÜTiöioq : Kpaxüc; 'stark'; h. iräxiöxo, 
: Traxu(; 'dick'; np^ößiaxoq hom. Hyrn. : trp^aßuq 'alt'; üjkiötoi; : djKÜi; 
'schnelP; öpiaxot; 'der beste' : ÖLfaOöq 'gut'; ßf'Xxiaxoc; 'der 
beste"; poet. Xtuaxo(; 'irelllichste': li. q)fcpiöxo(; 'bester' : qpepuj 
'trage'; kükiöxoc; : kqkö«; 'schlecht'; x^^P'crxoq 'schlechteste'; 



1 



§352.353.] Ailjoktiva uikI Komparation. 411 

ilKiaxoc; Mit jj:crinij:8te\ Adv. att. JiKiaxa; h. la/iKiaiot; : /aaKpö; 
'hin«'; öXiYicrxoc; : öMyoc; 'wenij;'; iu^tkJtoc; : in^TCt«; 'groß"; 
iT\€iöTO(; : TToXü^ 'viel'; li. (»iKJToq, att. ^(i-OTOc; : {)(f.h\o<; 'leicht'; 
nouion. öviViaTO(; : 6v\\\oq 'niU/lich'; aiox^OTOc, : aiaxpöq '8(;himpf- 
lioir; fcxöiaToc; : t'x^pt^^ 'verlialit'; }>()et. Kubiöroq : Kubpöq 'hcriilimt' , 
Mi^Kiaroq : |LiaKpü(; lang': h. oiKTiaxo^ : olKTpöq 'beklagenswert'- 
KdWiöxoc; : KaXöq 'scliöif; ak^iaroc, : ixXyoc, n. 'Sdimer//; spät- 
dicht. oXßiaxoq : üXßioc; 'glücklich'; h. K^pbiöxoc; : Ktpboi; 'Gewinn"; 
iXlfXiaroq : äXe^Xoq n. Schimpf; poet. iJiyiaxo(; : üv|)o<; n. 'Höhe'; 
Ki^biaxoc; 'liebster' : Kfiboc; n. 'Sorge'; ^lYiöxoq : ^rfoq 'Kälte'; poet. 
«XTTviaxoq : ^TtaXiTvöc; 'lieblich'; xepTiviaxoq : xepirvöc; 'erfreulich'. 

Der Ton lag ursprünglich auf dem Ende, und die 

Stammsilbe hatte daher reduzierte Gestalt, vgl. im Gr. 

KpdTi(TTO<; neben KpeiiTUJV ^stärker', oXrfiCTToq neben oXei- 

Iwv. Vgl. Güntert IF. 27, 38, Osthoff MU. 6, TOff. 

In den meisten Fällen ist allerdings ausgeglichen. 

Anm. 3. Für Endbetonuno: sprechen die isolierten ger- 
manischen Fälle herbst, ahd. herbist m. : 1. ccuyo 'pflücke', eig. 
also 'was gut zu pflücken ist' und hengst, agerm. hangisto : lit. 
sanl'))itf 'springen', eig. 'der beste Springer, Hirt in Weigand 
Deutsch.WB."' s. v. 

353. 2. Der Komparativ bereitet viel größere 
Schwierigkeiten. 

a) Im Griechischen wechseln -juuv und -luuv. ./ ver- 
bindet sich mit den voraufgehenden Konsonanten nach 
den § 240 ff. gegebenen Regeln, daher KpeiTioiv 'stärker 
aus *KpeTJujv, iittoiv aus *iiKJujv, |udcrö"ujv 'länger' aus 
*judKJajv, )aei2!ujv 'größer' aus *jueYJujv, ion. jueZ^uuv, luaWov 
'lieber' aus *|udXjov usw. 

-lujv muß auf -ijujv zurückgeführt werden. Das i 
wird von den dorischen Dichtern und den alten Epikern 
kurz, von den attischen Dichtern lang gebraucht. Doch 
kommt auch hier die Kürze vor. Die Länge ist nach 
Ausweis des Indischen jedenfalls alt, vgl. rjöfujv 'süßer', 
ai. svddijän usw. Das Indische kennt nur die Länge, doch 
sind die griech. Formen mit Kürzen ebenfalls altererbt. 
Dieses z ist nach § 123 Ablaut zu altem ei, wie sich aus 
dem Indischen mit Sicherheit ergibt und auch durch 
folgende Gleichungen: f]öf-iuv : 1. svadere, gr. döriauu; — 



412 Formenlehre. [§ 353. 

dXYf-ujv 'schmerzlicher' : 1. algere; — t^ukT-uuv süßer* zu 
1. dalce-do, vgl. Hirt TF. 12, 200. 

Anm. 1. Die Annahme G unter 16 IF. 27. 25, das / sei 
ein auch sonyt neben -ro auftretendes ytammhaftes Element und 
<las lange » beruhe auf der sog. Auelautsdehnun^, kann ich nicht 
hilligen. 

b) Die Flexion des Komparativs bot die größten 
Rätsel. Es kann nach den Untersuchungen von 
Brugmann KZ. 24, o4 If., Grdr. 2, 401 Anm. 1 trotz 
J. Schmidt KZ. 26, 337 01 nicht zweifelhaft sein, daß 
das Suffix zunächst -jes, -jus war, vgl. lat. major, Akk. 
majorem. Auf diese Flexion gehen zurück der Akk. Sg. 
^iiluj aus ■■••'lieTJocra aus "^megjosf^i, der Nom. Plur. M. jieiZiouq 
aus •■^fieTJocTe<; und Xtr. laei^uu aus "•'lieTJocTa. Im Akk. Plur. 
mußte ursprüngliches "^'ytfjoOOLq zu "'uei^Lug werden. Diese 
Form ist aber durch den Nom. verdrängt. 

Während wir in den genannten Formen -5-Bildungen 
finden, schcnnen sie in den andern Kasus zu fehlen, und 
es tritt dafür eine ^/-Bildung ein. Nun hat Thurneysen 
KZ. 33, 551 fibiovoq usw. außerordentlich überraschend 
aus '••r]biaovo<; hergeleitet und dieses mit got. sutizins ver- 
glichen, womit es fast Laut für Laut überoinstimrat. Daß 
die ^/-Flexion der germ. Komparation alt ist, ist anzuer- 
kennen. Wir haben demnach zwei Komparativsuffixe an- 
zusetzen, -jes, -jos^ -is und -is-oi-^ -is-on. Ob an diese 
beiden Suffixe auch eine Bedeutungsdifferenz geknüpft 
war, ist unsicher. Brugmann nimmt an, daß die «-Form 
das Belebte bezeichnet oder den Komparativ substanti- 
viert habe, was ansi)rechend, aber nicht sicher ist. 

Zur t'bersicht der Herkunft diene folgende Tabelle: 



§353.1 



Adjektiva iiii«! Komjuiratiou. 



413 





Griech. 


Got. 


Griech. 


Lat. 


Sg.N. 
G. 
D. 
A. 


»ibiiuv 
»ibiovoq 
f]biovi 
}]hiova 


sutiza 'süßer' 
sutizins 
stifizin 
siUizan 


fibiuj au8 *ribioöa 


majorem 


PI. N. 
G. 
I). 
A. 


/ibiovec; 
»■jbiövuuv 
ilbioai 
if^biovac; 


sutizans 
sutizanc 
sutizam 
sutizans 


ribiouq ans *fib{oa€(; 
fibioug 


majores 
majores 


Pl.Ntr. 




Y]biu) aus *ribioöa 


majora 



Anm. 2. Von den primären Komparativen sind attisch: 
^XöTTiuv ^«jeringer; f]biujv : fibix; 'süß"; ddaauuv : TaxO<; 'schnell'; 
aiaxiuüv : aiaxpö(; 'schimpflich"; ^x^^^v : ^x^pö? 'feindlich'; KaWiuuv 
: KttXöc; 'schön"; d\YiuJv 'schmerzlicher; d,ueivuuv, ßeXxiujv, KpeiTTUuv, 
Xluujv : ÄYaööc; 'gut' ; KaKiuuv : KaKÖq 'schlecht' ; x^^P^"^ 'schlechter ; 
f^TTiuv 'geringer ; öXeiZiujv : oXiYoq 'wenig" ; laeiZiujv : jueyac; 'groß' ; 
ttXgiujv : TToXOq 'viel' ; ^dujv : ^dbioq 'leicht'. Sonst sind noch be 
legt ßdaauuv : ßadu(; 'tief; ßpdbiov Hesiod : ßpabuc; 'langsam' ; hom. 
ßpdaaujv : ßpaxu«; 'kurz'; hom. yXukiuuv : yXuKuc; 'süß', att. YXuKÜxe- 
poq ; hom. irdaaiuv : TraxOq 'dick'; poet. Kubiiuv : Kubpöc; 'berühmt'; 
hom. dpeiuuv 'tüchtiger'; laeiiuv 'geringer. 

c) Die Stamraabstufung und Betonung. Der 
Komparativ war auf der Basis betont und hatte daher 
starke Stammform, vgl. fibiov, ai. svddfjah, KpeixTUJV zu 
Kpaiug und KpaiiCTTog, got. jühiza 'jünger'. Bei zvreisil- 
bigen Basen scheint aber Betonung der zweiten Silbe und 
V^^. geherrscht zu haben, vgl. f]biov zu idg. ^sewäd, 
KpeiTTiuv zu got. hardus^ Basis "^keret. 

d) Der ionische und attische Dialekt gehen in der 
Quantität des Komparativ vokals auseinander. Gegenüber 
att. iLieiZ^LUv heißt es ion. jueZiiuv, ebenso ion. Y^öcrcrujv, 
TTÖicrcJujv, ßäcrcTuJv, ßpacracuv, Kpecrcruuv gegenüber att. Kpeii- 
TUJV, hom. acTdov gegenüber att. *dTTOV. Möglicherweise 
sind auch als ion. dacTcrujv und eXacraujv anzusetzen, vgl. 
Kühner-Blaß^ 1, 555 Anm. 1, Lagercrantz 32. Die 



414 Formenlehre. (§ 353. 354. 

Erklärung ist unsicher. Nach 8 t räch an Tho Classical 
Review 14, 397 ist die Dehnung im Att. analogisch. 

e) Die primäre Natur des Komparativs zeigt sich 
darin, daß im Positiv vorhandene Suffixe nicht im 
Komparativ erscheinen, weil er eben von dem bloßen 
Stamm, der Basis, und nicht vom Adjektivum gebildet 
wird; daher y^^ki^ajv 'süßer' : -f^iJKuq; aiaxiujv schimpf- 
licher' : aiö"xpöq; Kubiuuv : Kuöpoc; ruhmvolT, ex^iuiv ver- 
haßter' : exv>pö^ Feind' u. a. Die alte Bedeutung aber, 
d. h. die Jkziehung zu verbalen Begriffen, ist im Griech. 
ziemlich verloren gegangen, läßt sich aber wenigstens noch 
spüren in qpepi(JTO(; 'bester', eig. der am besten trägt', 
aw. niibainsfo 'am meisten hinwegschaflend'; K]ibiö"TO<; 
teuerster' : Ki'ibuj 'mache besorgt', eig. 'der, um den man 
am meisten sorgt', KepbiCTToq 'der Verschlagenste' : Kepöoq 
'(rewinn'; piYicTToq schrecklichster' : pi^euu schaudere'; 
TrXeiCTToq der meiste', aw.fracstö^ eig. am meisten füllend : 
Wz. 7>fc füllen'. Vgl. auch d. Hengst, Herbst oben S. 441. 

B. Die sekundäre Komparation. 
1. Der Komparativ. 

•i54. Das Komparativsufüx -tero- ist mit dem sonst 
auftretenden Suffixe -tero- in TTÖ-iepoc; 'welcher von beiden', 
ai. ka-tartih^ got. ka-par, lit. ka-trus, abg. ko-torü-JT 'wer', 
dor. ä-iepog 'der eine von beiden', att. ^-T€po(;, ^Kd-xepoq 
'jeder von beiden', ]i|ie-TepO(; unser', ujLie-Tepoq, lat. noster, 
rester verwandt, und wird im .\rischen, Griechischen, 
seltener im Irischen als regelmäßiges Komparativsuffix 
verwendet. Über die Grundbedeutung des Suffixes vgl. 
Sommer IF. 11, 257 fT. und die dort zitierte Literatur. 

Ursprünglich drückte -tero- den relativen Gegensatz 
bei Orts- und Zeitbestimmungen aus: TTpoiepog 'vorn 
und nicht hinten', uTTtpiepoq 'darüber befindlich', ^viepov 
'Innere'. Ferner dvuuTtpiu 'oberhalb', KaiiuTepoq 'unten', 
TTpocToiTepuu 'weiter'. 

Daim bekam es die Funktion der (legenüberstellung 
OrjXÜTepoq heißt 'weiblich und nicht männlich'; Od. vi 11 



5^ 0.^4.] Adjektiva und Komparation. 115 

\V(>rden Oupai Türeir Oediiepai genannt 'für die Götter 
bestimmt und nicht für die Menschen'; ferner (XYpÖTepoq 
auf dem Lande (nicht in der Stadt) h'bcnd\ opfcaiepoq 
'auf dem Berj^e (niclit im Tal) beiindlich', öriMÖiepoc; 
'Bürger'. Weiter drückt es auch eine Gleicldieit oder 
Ähnlichkeit aus, lat. matertcra 'eine Art Mutter, Tante'. 
Im Gr. ist dies nach W. Schulze Qu. ep. 802 A 277 er- 
halten TUJ hk. 1 dveudev eovTi lueXaviepov iiuie TTicrcra qpaivei' 
iüv Kard ttotov (sc. yi(^oq) : 'schwarz wie Pech'. Aus der- 
artigen Bedeutungen entwickelte sich dann die Kompara- 
tivbedeutung: (JocpdjTepO(; hieß eigentlich 'er ist weiße in 
Bezug auf einen andern'. 

Dieses Suffix -tero- (und ebenso -tato) konnte natürlich 
dieser seiner Bedeutung gemäß an jeden Stamm treten, 
an Substantiva (ßadiXeuTepoq 'königlicher', eig. 'ein König 
im Vergleich zu einem andern'), Kuviepo«; 'hündischer', 
an Adjektiva und vor allem an Adverbia. Da man den 
Ursprung von Adverbialkomparativen später vergaß, so 
gibt es scheinbar unregelmäßige Komparative zu Adjek- 
tiven. So TTaXaixepo^ : iraXaio^ 'alt', eig. aber zu rraXai; 
YepaiTGpog : Yepoti6<; 'alt', ö'xoXaiiepog : axoXaTo<; 'müßig', 
eig. aber zum Dativ crxoXf); 7TepaiTepO(S 'weiter führend' : 
TTepaTo^ 'jenseits befindlich'; juecraiiepo^ : juecroc; 'mitten', 
eig. aber zum Dativ juecrr] 'in der Mitte'; h. juuxoiTaro^ 
'im innersten Winkel' zu |uux6<; 'innerster Winkel', nXr)- 
maiiepo*; : TiXtiaiog 'nahe'; öeHiTep6(; 'rechts' : öeHiög; uijji- 
lepoc; : uipi 'hoch', priiiepo«; 'leichter' : pd in px-^u)Liog 
'leichtsinnig' ; dvcuTepu) : dvuj 'oben', uirepTepoq : uirep 
'oben'. Entsprechend sind gebildet ai. uccaistardm 'oben', 
mnäistaräm 'langsamer', bei denen im ersten Glied alte 
Instrumentale stecken, die slaw. Komp. auf -e-jis- von 
Adverbien auf -e und die got. Komp. auf -öz aus -ö-jiz. 
Dieser Bildungsweise entsprechen ferner die griechischen 
Komparative auf -üuTepO(;, die von Adjektiven mit kurzer 
Wurzelsilbe gebildet werden. Wir haben es hier nicht, 
wie Wackernagel Dehnungsges. 5 ff., Brugmann G. Gr.^ 
§ 204, Grd.^ 2, 1, 328 meinten, mit der sogenannten 



416 Formenlehre. [§354. 

Auslautsdehnuncj zu tun, sondern mit einer Kasueform, 
die urßprün«jjlich wohl in allen Fällen verwendet wurde, 
sich aber nur hielt, wo durch F^inführung von o eine 
Folf^e von Kürzen entstanden wäre. Beweis dafür ist, 
daß die Stämme auf -u z. B. nicht dehnen, yXuKUTepoq. 

In (Toqpuj- wird derselbe Kasus wie in (Joqpüu-q stecken. 
Bei andern Stämmen ist das Adverbium dem Ntr. Sinir. 
gleich, und es wird dieser daher verwendet; Y^^K^-Tepo«; 
'süßer', dXri^ecr-Tepog 'wahrer', )LieXdvTepog 'schwärzer, 
TTevecTTepo^ 'ärmer' aus '^■TreveT-Tepoq. Ebenso heißt es 
XapiecrTepo<; zu x<^pitv aus "^'x^pi/evT-iepog, xijLiri^cJTepog usw. 
Nach diesen Fällen ist dann auch bei den Adjektiven 
auf -0 der Stamm eingesetzt, wenn die vorhergehende 
Silbe natura oder positione lang war: Kouqpö-iepoq, icrx'^PO" 
repoq, TTiKpo-iepoq, so daß nunmehr ein rhythmisches 
Gesetz entstand. 

Anm. 1. Die AuRnahmen von der Verteihing des -orepoc; 
und -uuT€poq. Kevötepot; 'leei'. öTevöxepo^ 'eng\ lidvöxepoq 'dünn" 
erklären sich aus dem einst nach v vorhandenen S\ es hieß 
regelrecht K6v/ÖTepoq, aiev^ÖTepoi;, und daher ist *)Liav/ÖTepot; 
zu erschließen. Die Falle mit -uJTepo(; nach langer Silbe können 
sehr wohl Antiquitäten sein, so h. dviripdurepov, öiZöpJjTepov, 
KaKoEeivdüTepos. Dagegen steht XöpiÜTaToi; für XaepiüTaxoc;, Anders 
Güntert IF. 27, 52, wo noch über andere Falle. 

Anm. 2. Durch falsche Abstraktion entstand das Suffix 
-eOTepoc;. s. § 286. das bei den Stämmen auf -ujv, -ov, bei einigen 
auf -oo(; und sonst bei einigen auf -oc, sich findet, -larepo«;. 
-laxaTO^ steht bei den Adjektiven auf -ri<;, -ou, KX^irtriq 'diebisch', 
KX€TrT-(aT6po<; und einigen auf -o<;. Eine alte Bildung ist hier 
jedenfalls 'TTOTiaTaTO<;, in tuvcükcc; lU TroTiaTaxai bei Aristoph., vi;l. 
1. putiä-suni. Trsprünglich hieß hier wohl Superl. -laioq, *7TÖTiaT0(;, 
und dieser wurde dann zu -iCTaToq erweitert und zog weiter den 
Komparativ -laTepo«; nach .sich. Da die Bildungen auf -t-i<; auf 
alte Wurzelnomina zurückgehen, so geh()rt KXeTrriaTaTot; eigent- 
lich zu kX^tttuj 'stehle- und steht mit den 8. 414 besprochenen 
Formen auf einer Linie. Bei den Bildungen auf -r](;, -ou ist 
dann da« Konglutinat durchgedrungen, und es hat sich ihnen 
H'€ubi*)(; 'falsch' angeschlu.'^sen. Bei den Bildungen von Ad- 
jektiven auf -o<; haben wir es offenbar mit höchet altertümlichen 
Fällen zu tun: XaXfaTaTOi; gehört nicht zu XdXo^. sondern zu 
XaX^u; 'sclnvatze\ -(pd^oq 'essend" : qpafeiv, KOKiVfopo«; 'schmähend" 



•§ 355. 85G.] Adjoktiva uml Kornpanition. 417 

: Ayop^uj 'rode'; TTTiuxInTctxo^ 'hottoliKT : iTT/iaam 'diicko niiclT. 
Aulierdem nur noch X(rfv((7TaT0{; 'wollüstig''. 

2. Der Superlativ. 

355. Das Superlativsnffix zu -lepo- ist im Grie- 
chischen -TttTO-. Es liat in den verwandten Sprachen 
keine direkte Entsprechung, viehiiehr treflen wir dafür 
'f(.>uos an, htt. ul-timus, got. af-tnmn Vier letzte, ai. utiamnh 
Mer höchste, oberste, beste'. Vcm diesem Suffix, das im 
Griechischen als -rajuo- auftreten müßte, finden wir hier 
hinwiederum keine Spur. Eine Gleichung wie hom. ücTTaioq 
'letzte', ai. ntfamäh legt die Annalune nahe, daß -Ta)Lio- zu 
-Taio^ wurde unter dem Einfluß von -toc, in -icrioq und 
dem Suffix der Zahlworte -tos wie eva-iog 'neunte', xpix- 
aiog 'dritte', neben denen ursprünglich auch Formen auf 
-ajuo^ standen, 1. septimus, gr. eßbo|uog 'siebente'. 

Neben -temo stand auch -emo in ai. adh-amäh 'unterste', 
par-amäh 'fernste^ letzte, beste', got. anh-iima 'höchste'. 
Auch für das zu erwartende -a.uo(g finden wir im Grie- 
chischen -aioc;, so in TrpujTog, aus •■•'TTp6-aT0(; 'erste', ecrx" 
axog 'letzte', Tpii-axoc; 'dritte', ßeXx-aTO«; 'bester' (vgl. ßeX- 
Tiiuv), jueaa-aioc; 'genau in der Mitte', v6-aT0<; 'letzter 
in der Reihe'. 

Anm. Brugmann Gr. Gr.' 202 Jäßt von ev-aroq, beK-aTo;; 
zunächst -aroq ausgehen, und aus cpepr-axog neben qpepiaToc; 
-Taxoc; abstrahiert werden. Man wird aber auch die einst vor- 
handenen Formen auf -a|Lio- und -Ta.uo- heranziehen dürfen. Vgl. 
auch O. Hoffmann Phil. 60, 17 ff. 

C. Unregelmäßige Komparation. 

356. Es ist eine Eigentümlichkeit aller idg. Sprachen, 
daß Positive der Bedeutung 'gut, schlecht, groß, klein, 
viel, wenig' u. a. keiner Steigerung fähig sind. Die Gram- 
matik gibt aber zu ihnen Steigerungsformen, die von an- 
dern Stämmen ausgehen und jene Positive scheinbar 
supplieren. In Wirklichkeit gehören aber die Steigerungs- 
formen nicht zu jenen Positiven, wie noch heute hesser 
nicht die Steigerung zu gut ist. Denn einem Kranken 
kann es hesser gehen, ohne daß es ihm darum gut geht. 

Hirt Griech. Laut- u. Formenlehre. 2. Aufl. 27 



418 Formenlehre. [§356. 

Andere Komparationsformen sind nur durch die 
Lautgesetze unrc'gelmäLiif,' geworden. 

1. Zu dTax>6(; 'gut' werden vier Steigerungsformen 
gegeben: djiieivuüv, dpiaTO(;; ßeXTiiuv, ßeXTicTTGc;; KpeiTTuuv, 
KpUTKTToq; Xluuuv, Xtuaioq, von denen jede natürlich ur- 
sprünglich eine besondere Bedeutung hatte. 

Klar ist davon KpeiiToiv, ion. KpecTCTujv, KpaiiCTTog. 
Sie gehören zu Kpaiu^ 'stark , Att. KpeiiTOJV hat sein nicht 
lautgesetzliches ei vielleicht von d|aeivujv erhalten, Brug- 
mann BSGW. 181)7, 185 fi'. 

d)aeivujv enthielt echtes ei, da altatt. d)LieivoKXe^ ge- 
schrieben wird. Man darf es daher nicht auf *d)LievjiJUV 
zurückführen. Nach Brugraann ist das Ntr. d)i€ivov das 
Ntr. eines o-Starames und djueivojv sei erst wegen der 
Komparativbedeutung gebildet. Ebenso läßt Güntert 
IF. 27, G7 h. dpeiuuv 'tüchtiger, stärker' von apeiog 'krie- 
gerisch' und Xujuuv, das bei Homer nur als Xlüiov vor- 
kommt, von Xuuioq ausgehen, das zu \\\v 'wollen' gehört, 
wie ld)ioq : lr\v 'leben'. — äpiaioq ist direkt von der 
Basis ar- gebildet, die noch in dpeni 'Tüchtigkeit', vorliegt. 
— ßeXT6pO(;. ßeXTiuuv-, ßeXTicTTOc; sind unklar, vgl. Boisacq 
und Walde - s. v. dehilis. 

2. KaKog schlecht' bildet regelrecht KttKiujv, KctKicTTog. 
Daneben i'ittujv, fiKicrioq zum Adverbium ep. i^Ka 'schwach' 
(ion. ecrauuv nach Kpecrcruuv) und xeipujv, xeipicrioq. Letztere 
gehen auf ■••'xepcrjiuv, *xipaiOToq zurück, die im Aind. al& 
hrdsjjän 'minder, kürzer, kleiner', hräsisfhah, 'der kürzeste, 
kleinste', genau wiederkehren. Ist auf das bei Hesych 
überlieferte x^ipi^v Verlaß, so würde es ai. hn'isijän noch 
genauer entsprechen. Das epische x^P^i^v ist von dem 
Stamme *x^pe^-, vgl. x^PH^^i gebildet. 

3. liiKpoq, iLUKpoiepoq, jaiKpoiaioq ist regelrecht, jueiujv 
gehört zur selben Basis wie ^i'-Kpog klein', ahd. smähi. 

4. Schwierig zu beurteilen sind TrXeiuuv, nXeiCTTog, die 
Steigerungsformen zu 7toXu<; viel'. Zugrunde liegt eine 
Basis ^^fc'. TtXeiaToq kann aus -TTXri-KTToq nach § 148 erklärt 
werden. Das ei von TrXeiujv kann aus dem Superlativ 



§1^56 — 358.] Staminbilihinj,' u. Klexion der Pronomina. 419 

übertraj^eii sein. Dane))L'n stehen Formen, die Jiuf einen 

Stnnnn iiXt- weisen, so TiXt-ov aus *TT\ejov, irXeeq aus 
^=TT\tjtq. \Vl. (Uinterl IF. 27, 4:i. 

Anni. 1. Zu att. uXeiv v<j;l. Wacker na)j;eJ N'ermlBchte liei- 
träge, S. 18. 

Anni. 2. Die unregelinäIJi<2:en c(){\T€po(; 'lieber^ ßfeXrepoc; 
'be8ser\ qp^pTepog 'besser' erklärt O, lloffniann Pbil. 60, IG tl'. 
ans 9i\TÖTepo(; durcb Haplologie von den Stämmen *(piXTÖq, *ßeX- 
TÖq, qpepTÖc; ans, während qpiXTaToq das Suflix -aroq entlud ten soll. 
Ebenso h. (pacivTaxo^ 'leuchtend', während löuvraxa von dem Akk. 
(duv- au8i:eü:an}2:en sein soll. 



-'e>'^o* 



D. Komparation der Adverbia. 

357. Bei der Komparation der Adverbia muß man 
zwischen von Adjektiven abgeleiteten Adverbien unter- 
scheiden, die im Komparativ den N. Akk. Sg. Ntr. und 
im Superlativ den N. Akk. Plur. des Neutrums verwenden, 
croqpuuTepov 'weiser, crocpujTaTa, ähnlich im Aind., und den 
von Adverbien abgeleiteten Bildungen, die auf -uu ausgehen, 
dvoJTepuu 'oben', dvoiTanju, TTpoiepuu 'fürder'. Vielleicht 
ist auch diese Art Bildung alt und mit aind. Formen 
wie pratardm (Trpoiepuu), uccäistaräm zu vergleichen. 



Neunundzwanzigstes Kapitel. 
Stammbildung und Flexion der Pronomina. 



h Die Personalpronomina. 

358. In allen idg. Sprachen weichen die Flexions- 
formen der Personalpronomina mehr oder minder von der 
Flexion der Substantiva und Adjektiva ab. In vielen 
Formen finden wdr regelrechte Kasusendungen gar nicht. 
Man vermutet hierin wohl mit Recht einen Zustand, der 
der Ausbildung der eigentlichen Flexion vorausging. Was 
in den Einzelsprachen als eine Art Endung erscheint^ 
enthüllt sich nicht selten durch die Sprachvergleichung als 
eine angetretene Partikel. Im Laufe der Zeiten nehmen 

27* 



420 Formenlehre. [§ 358—360. 

indessen die Pei*sonalprononiina vielfach dio Kasus- 
endungen der Subslantiva an, besonders auch im Grie- 
chiöclu'n, und unterliegen zaldreichen Analogiebildungen. 
Vor allem beeinflussen sie sich gegenseitig. So groß die 
Ähnlichkeit der Personal})ronoinina in den einzelnen idg. 
Sprachen geblieben ist, eine Ähnlichkeit, auf der man 
mit Recht den Nachweis der Sprachverwandtschaft auf- 
gebaut hat, so wenig läßt sich doch ihr idg. Paradigma 
wiecierherstellen. Das ist nicht wunderl:)ar, wenn man in 
den folgendi'U Tabellen sieht, wie selbst die Formen der 
griech. Dialekte stark auseinandergehen. Das Nähere 
über die ursprünglichen Verhältnisse s. bei Brugmann 
Grd.2 2, 2, 378 ff. 

Vorbemerkungen. 

•i5i>. 1. Die verschiedenen Numeri der Personal- 
pronomina wurden in idg. Zeit von verschiedenen Stämmen 
gebildet, mit Recht, da ja «wir» nicht der Plural von 
«ich» ist. 

2. Auch Nom. und Akk. weisen teilweise verschiedene 
Stämme auf. Vgl. über diese beiden Punkte Osthoff 
Vom Suppletivwesen der idg. Sprachen 3D. 

)). Die sog. Plurale und Duale flektierten ursprüng- 
lich singularisch. 

4. Neben den vollbetonten Formen stehen enklitische, 
die im Folgenden mit " bezeichnet sind. 

Vgl. die Tabelle auf S. 421. 

300. 1. Purste Person. 

Singular. 

1. Nominativ, ai. (iJkdii, abg. dzü, got. ik weisen 
auf ein idg. '''effCfOöm, dem im griech. (und lat.) ifyb und 
^YiJüV gegenüberstehen. Wie sich diese zueinander ver- 
halten ist unklar. .Job. Schmidt KZ. lUJ, 400 erklärt 
das lange -tu von ij\x) als nachgebildet nach cptpoi, eyujv 
nach urgriech. Formen wie 'Ibujv, so daß das Ursprüng- 
liche auf Seiten des Indischen wäre. Das ist durchaus 



I 



S 300. 



Staminhildnii'j: und l'Ioxion der Pronomina. 



421 



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125 

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G 


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422 Fornienkhre. [§ 360. 

möglich. Andrerseits könnte in eTuu und tfuiv alter 
Sandln vorliegen, wie in baiuuuv und honio. Die ursprüng- 
liche Herkunft von efiij ist unklar, vgl. die Vermutungen 
von Joh. Schmidt a. a. (). 410, Hirt Akzent 323, 
Brugmann Demonstrativpr. 71; IIG. Der Schwund des 
T in böot. iujv erklärt Kretschmer Glotta 1, .S4 durch 
dissimilatorischcn Schwund des y in Formen wie iüuvYOt. 
Die in eyuüYe auftretende Partikel -ye deckt sich mit 
dem -k von got. mi-k, d. mich. 

2. Akkusativ. Der Stamm für den Akkusativ 
und die übrigen Kasus war idg. mc. Das griechische 
i in ejie steht allein und ist höchstwahrscheinlich von 
ifd) übernommen. In ^fnoi hält es Wackerna gel KZ. 28, 
138, Akz. 20 für alt, was mir aber sehr zweifelhaft ist. 

Als Form findet |ie seine Entsprechung in got. vii-k, 
das wir griech. ejueft genau gleichsetzen köimen, also nie, 
der bloße Stamm, mit einer angefügten Partikel ge. Die 
übrigen Sprachen zeigen abweichende Bildungen. 

3. Genitiv. Bestimmte Genitivformen lassen sich 
im Idg. nicht nachweisen. Ks scheint, daß die Stamm- 
form ■■•me auch genetivisch verwendet werden konnte. Im 
Griechischen wird der Stamm |ae, ejie regelrecht flektiert, 
daher hom. eueTo aus ••eiLifcajo usw., im B()Otischen und 
Dorischen gelit die Form in die Flexion der konsonan- 
tischen Stämme über. fcutx>ev zeigt die auch beim Nomen 
auftretende Endung -v>£v, s. Adverbium. 

1. Dativ. )ioi entspricht dem altind. mc, das als 
Dativ, Lokativ und Genitiv verwendet wird, dem abg. 
mt, lat. nii. lYw F'orm ist überall enklitisch. Die ur- 
sprüngliche Bedeutung war dativisch, wie Havers Unter- 
suchungen zur Kasussyntax der idg. Sprachen 1911 
nachweist. Die vollbetonte Form ai. möhjum, womit lat. 
mihi zusammenhängt, ist im Griechischen verh)ren und 
durch fuoi ersetzt worden. 

Die dorische Form tuiv ist nach «jii'v gebildet. 



•§360.] Staminl)ihlun^ und Mcxioii der Pronoiniiia. 423 

Plural. 

5. Nominiitiv, Akkusativ. D(T Stamm des 
rronoincny lautet im CJ riech, asmc; dies entspriclit ai. 
asma-. a ist in beiden S])rachen auf n zurück/Ait'ühren; 
das abzutrennende us entspricht got. uns- und ist die 
Schwundstul'e zu ai. nas^ 1. nös. Weiter darf man idg. 
"^nsm^ aus '■'•'• us-smc herleiten, und in *S7/ie eine noch im 
Indischen vorliegende Partikel sma, smä, smacl sehen, die 
«eben, gerade» bedeutet, und vielleicht mit a|ua, d. zusammen, 
verbunden werden darf. Die Form der angetretenen 
Partikel war ursprünglich wahrscheinlich -smed, worauf 
die abgeleiteten Formen, ai. äsmad-ija- "^unser', asmdt-sakhi- 
\ins zu Gefährten habendi gr. fnueö-aTTOcg 'der unsere', 
uiaeb-aTTOc; Mer eurige'^ ai. jurad-deräfja- 'Euch beide zur 
Gottheit habend' weist. Dieser Partikel wird ursprünglich 
unflektiert gewesen sein, vgl. 1. mihimet, nohismet, und erst 
später die Flexion angenommen haben, wie dies bei der- 
artigen Zusammensetzungen häufig geschieht. Eine ur- 
sprüngliche derartige Form liegt wahrscheinlich noch vor 
in lesb. hom. djLijue, dor. d|ue, die dem ai. asmdd (Abi.) 
gleichgesetzt werden kann. Indem d|u,ue hinten flektiert 
wurde, entstand djuiueg wie irobeq, oder ion. att. r\^e\(; wie 
<TacpeTq, so wie der Akk. ri|uea^, fijudq. fi|ueT^ erscheint bei 
Homer nie unkontrahiert, und darum schließt Bechtel 
Vokalkontraktion 34, daß es nicht aus -ee<; entstanden 
sein könne. Doch ist das kein sicherer Schluß, vgl. 
Brugmann Grd.^ 2, 2, 411. 

6. Der Genitiv. Der Genitiv flektierte ursprünglich 
singularisch, indem man nach d,u)Lie : \ie ein *djU)ueio : ejueio 
schuf, vgl. Brugmann KZ. 27, 397 0". Dies wurde 
pluralisiert zu hom. iijueiiuv, das weiter zu fnueuuv, rnnujv 
wurde. 

7. Dat. Der Dativ hatte wahrscheinlich ursprünglich 
die Endung -s?m, -smin, vgl. ai. a-smin 'bei diesem', kä-smin^ 
av. a-limi, ka-kmi. Dies liegt vor in lesb. hom. d|U|uiv, 
«mLii, danach i\xiv. Indem *dö"|ui pluralisiert wurde, ent- 
stand *d)Li|ui(Ti und *d']U|uicriv, woraus lautgesetzlich fi|uiv. 



424 Formenlehre. [§360.361. 

Anders Sommer Glutta 1, 232; vgl. aber Witte 
C;i()ttii 2, 8 tr. 

Dual. 

Eine alte Dualform liegt im Akk. viü vor = ai. AGD. 
HdK^ abg. )ia. Die.s ist derselbe Stamm wie im Plural 
mit den Dualendungen -Oii -ö. vüuiv ist gebildet wie 
'iTTTTOi-iv, Toi-iv oder direkt gleich ■••vujaiv (alter Lok., s. c). 
In der Xominativform vüui ist das i unklar. 

2. Zweite Per.^on. 

301. Die Flexion entspricht im allgemeinen der 
der ersten Person. Vgl. Ta])elle auf S. 425. 

Singular. 

1. Nominativ. Der Stamm des Pronomen.^ ist 
ietrc-^ tewo-. Daiaus wurde in unbetonter Stellung tu, ai. 
Adv. tu, tu, gr. TU, (Tu, 1. ta, got. pu, abg. ty. Im Grie- 
chischen ist das lauL'e a in hom. lövr) erhalten, das eine 
Bildung wie eTiJbv-ii ist. Boot, touv nach €tujv. 

2. Akkusativ, ae aus *T/e, wohl in kretisch Tpe 
erhalten, = ahd. di-h. Dor. tu war akkusativisch ge- 
brauchte Nominativform. B<>ot. tiv ist Dativform. 

3. Genitiv. Hom. aeTo aus '^'tw-esjo^ wie e)ieTo s. o. 

4. Dativ. Das Jdg. liatte nur die Form '■'toi aus 
'■^'twoi mit Ausfall des u\ ai. tc, abg. //, das im Griechischen 
in dem zur Partikel gewordenen toi und auch wohl in 
dor. TOI fortlebt. Ob (Toi auf "^'tiroi zurückgeht, oder sein 
(T Von den übrigen Formen erhalten hat, läßt sich nicht 
entscheiden, l^öot. Tiv wie (imniv und euiv. 

Plural. 

5. Es scheint zwei Stiimmu gegeben zu haben, einen 
Nominativstamm ja-, ai. jiijäm. got. jus und einen Stamm 
für die Kasus obliqui res, cos (lat. ros, abg. vasü) mit der 
Schwundstufe ms, woraus mit Element smed, wie bei der 
1. P. PI. gr. usmcd, lesb. vyi\ie. Die weitere Entwicklung 
vollzog sich wie beim Pronomen der ersten Person. 



8 361. 



Stammbildun^' und Flexion der Pronomina. 



425 



ja 
ü 

OQ 

•c 

o 


ET 
-^ 

o 

H 

> 

O 

o 
e 

o" 
o 


2o-0 §- 

-vi; <3 O o 
H u; Ol — . 




-u; H 


-Vi* 

-3 


> 
«3 

o 

•s. 

> 

3 

-u; 

:t 

-3 


> 

3. 
o 

© 

> 

o 


-u; 

3. 









OD 

o 
o 


o 

o 

H 

O 




> 


O O 


> 

3 

o 

o 


> 

'5. 
o 
o 










Lesbiech 


-3 


> 

u; 


'o 


-u; 


IX) 


> 
3 

o 


5. 


vi; 

3. 
3. 
>3 








Homerisch 


O 

o 

sr 

> 


- > 

O vi; 

r— 'o <^ 

t> H Ö 

o o^o" 
Ji^ \o Ö 


'o 


-u; 

o 


ü; 

15. 

u; 

=L 

3. 


> 
3 

-VI) 

>" 

J 
vi; 

zL 
o 


> 

'5. > 
^=> 5. 

11 


v^ 

S 
-vi; 

3. 

vjT 

3. 
3. 
'3 


'3 
'3 

e- 


> 
<3- 

8- 

t 


•3 

S- 



1 

•§ 

OD 

'S 
O 
t— 1 




o 
o 


'o 


o 


vi; 

5- 


3 

3. 

o 




Ö 
-vi; 

3. 









O 

i 

1 




o 




o 


VI) 


> 
3 
3. 
o 

o 
>" 

<3 


> 




3. 

v^ 

<S 

3. 



-3 
s- 



> 
«3- 

8- 




' 


«ab 


6 


p 


<< 




d 


G 


-^' 




6 


<: 



426 Formenlehre. [§361.362. 

Anm. Die Aniuibme, daß att. OiiCic; nicht dem iund. jusoia-, 
sondern einem usnic- ent'^pricht, ist die Konsequenz der von 
Sommer Griech. Lautstud. 155 angestellten Untersuchungen. 

Dual. 

(). Dil' idg. Spraclien stimmen wenig überein, und 
das griechische CTqpüb steht bisher ganz isoliert da. p]r- 
kläriingen versuchen Wackernagel KZ. 28, 139 fi"., 
Brugmann Grd.^ 2. 385, Solmsen Untersuchungen 199-, 
Kluge Zschr. f. deutsche Wortforschung 10, 65. Wenn 
man crcptu in er -j- qpuu zerlegt, so kann man -cpuu mit 
dem zweiten Bestandteil von dfa-qpiu, der in got. hai 'beide' 
selbständig vorliegt, identifizieren. p]in .s-Element findet 
sich, allerding in plur. Verwendung, nocli in got. iz-7vis 
^ihr', ai. si. 

3. Reflexiv. 

•iO!^. I>eim Reflexiv lauten urs})rüng]icli die drei 
Numeri gleicli. Der Plural griechisch crqpeiq ist daher 
sicher eine Neubildung. Vgl. die Tabelle S. 427. 

Der Stamm des Singulars lautet seico-, daraus Akk. 
*(J/e > /e, Dat. cr/bi, Gen. eio aus *s?resJo, entsprechend 
den Formen der 1. und 2. Person. Daneben stehen 
Formen ohne .F wie hom. ki, 4oT, wie lat. sibi. 

Über die ganze Frage vgl. Dyroff KZ. 32, 87 ff. 

Der Stamm crqp- steht isoliert. Man vgl. die Literatur 

bei Brugmann Gr. Gr.^ 346 und G. Meyer Gr. Gr.^ 513, 

dazu Solmsen Untersuchungen 199. Auch mir leuchtet 

am meisten ein. daß man von (Tqpi auszugehen hat. Dies 

ist die schwundstulige Form zu lat. sihi. Indem dies mit 

(j[u)Li-i(v) assoziiert wurde, ergab sich für das Spracligefühl 

(Jqp- als Stamm, und man bildete (T(pei(S, aqpuüv, (Tqpdq nach 

meiq, u)ieiq usw. 

Anm. Das Pronomen ou. oI. ? ist nicht nur reflexiv, son- 
dern auch demonstrativ 'seiner, ihm, ihr\ Im Attischen wird es 
in diesem Sinn durch auTÖc;, in jenem durch ^auToO usw. ersetzt. 

Die eigentümlichen Formen jaiv undviv'ihn sind noch 

nicht erklärt. Thumbs llerleitung der Worte aus sma- im, 



8 362.] Stamml)il<hinu' "ii<l l'W'xion der Pronomina. 



427 





1j 

ED 

o 

Q 


«Ml o 


! * 


tu; 




1 

1 

> 
3 

•Vi» 

1 

u» 

8- 


8- 

© 


-uT 

8- 








o 

.2 
'-3 
o 

O 


O 
O 
«^i) 


4^ 

s 


















J3 
u 

CG 

IS 

OD 

H-5 


> 

Ol 


^ 




9- 


> 
J 

8- 


'8- 


-u» 

8- 








CO 

a 

o 


O 

o o 

O 5UI 

SU» o 

c 

O U» 


© 






> 
«3 

u» > 

^3 

8- 

© 


2t 

ii 

ö© 

© 


©^ Ö 

v_? ui 

-u; 9- 
8- 1> 


> 
'3 




•u» 

3 
8- 

© 




j3 

OQ 

1 


u; 

o 


© 




9- 


> 
3 

8- 


's- 

© 

5 

^8- 


§•» 

-u» 

«VI) © 

8- 

o 








J3 

00 

-«1 


O 
O 

o 


© 


SOI 

© 


s 

9- 

© 

VI» 

8- 


> 

<3 
8- 


8- 1 
ö 1 

O ' 


Ö 

-VI* 

8- 

Co 

8- 










6 


P 


< 




d 




< 




< 



428 



Formenlelire. 



[§ 362. 363. 



nu'im (Jhb. f. klass. Phil. 1887, G41 ff.) ist von Wacker- 
nagel IF. 1, 333 ff. mit Recht zurückgewiesen worden. 
Seine Plerleitung des }i und v aus dem Sandhi so, daß 
IV der Akk. Sg. zu lat. is wäre, ist ansprechc^id, aber auch 
nicht zu beweisen. 

Was für die Ursprache an gemeinsamen, dem Grie- 
chischen einigermaßen entsprechenden Formen zu erschlie- 
ßen ist, steht in der folgenden Tabelle. Es ist sehr wenig. 





(ir. 


Lat. 


(iot. 


Lil. 


Abg. 


Aiiiil. 


N. 
A. 


if^ 


ego 


ik 


aS 


cmi 


ahäm 


M6, itxi 


me(d) 


mi-k 




m( 


mäfm) 


D. 


uoi, ^uo{ 


ml 


[mis] 


mi 


mi 


inf 


N. 


ÖU, TUVn 


tu 


Pu 


tu 


jy 


tthdm 


A. 


ae 


t-t(d) 


ßu-k 




t? 


tväm 


D. 

Du.A. 


Tol, aol 

VIU 






ti 


te 




n(i 



11. Die geschlechtigen Pronomina. 

1. Der Demonstrativstamm so, sd, tnd. 

•iOti. l)ieser Stamm zeigt fast in allen Sprachen 
im Nom. M. F. ein s, sonst den Stamm to, ai. .sa, sah, 
sä, tad, got. Süf sä, ßaia = gr. 6, i], tö. Diese Verschieden- 
heit ließe sich auf eine Einheit zurückführen, wenn man 
annimmt, daß *so für H^o steht, vgl. Hirt IF. 2, 130 f. 
Die Flexion zeigt in ahen Sprachen einige Abweichungen 
von der nominalen. Im CJriech. ist dieser Unterschied 
dadurch völlig beseitigt worden, daß einerseits das Nomen 
})ronomiiiale Formen und das Pronomen nominale Formen 
angenommen hat. Eine allgemeine Übersicht gewidirt die 
folgende Tabelle. 



I 



§363. 



StamnibildunLr und Flexion der I'ronominn. 



429 





Wg. 


ü riech. 


Lat. 


Gut. 


Abg. 


Ai. 


Sg.M. 

N. 


so 

toin 
tod 


ö 




sa 




sa 




TÖV 


isfum 
istud 


pana 
pata 


in 
io 


tarn 
tad 


Gen. 


tosjo 


hom. Toio 
att. ToO 




ßis 


6eso 


tasja 


Dat. 




TtU 




pam- 
ma 


tomu 


tasmäi 


Abi. 


töd 


ÖTTUJ 








Adv. tat 
tasmäd 


Lok. 


tei 


dor, irei 'wo' 




pei 

(Adv.) 


ti (Ady.) 


täsmin 


Pl.N. 


toi 


Toi (att. Ol) 


is-tl 


pai 


ti 


te 




tons 
tä 


To6<; 


is-tös 
is-ta 

is-törum 


paus 
pa 


ty 


t^s 
tä(ni) 


Gen. 


toisöm 


TiDv 


pize 


techü 


tesäm 


Lok. 


toisi, -u 


Toia(i) 


is-tis 




iechü 


teßu 


Dual. 


tö(n) 


Till 






f:l 


td(u) 


F. N. 1 


sä 


n ' 


ista 


so 


ta 


sä 


Akk. 


täm 


Tf]V 


istam 


Pö 


tq 


täm 


Pl.N. 


t äs 


Tai 


istae, osk. 
pas 


Pös 


[ty] i 

1 


tah 


Gen. 


täsöni 


h. Tcluuv ^ 

TÜJV 


istärum 


pizö 


techü 


täsäm 


Dual. 


tai 


Tai? 


istae 


1 


te ' 


te 



Der Nominativ Mask. entbehrt des Endungs-5. 
Es ist eine mindestens mögliche Annahme, daß das -s 
des Nominativs selbst dieser Stamm so ist, in dem das o 
infolge Unbetontheit schwand. Die Endung des Neutrums 
Avar d, vgl. lat. istud, gr. Trob-aTiöq 'aus welchem Lande'. 

Der Genitiv lautet im Ind. tdsja = idg. *fos/o = 
hom. TOio, während Slawisch und Germanisch eine Form 



480 Formenlehre. [§ 363. 

ohne j aufweisen. Denkbar ist, daß att. tou darauf 
zurückgeht. Diese Form wurde als Genitiv der o-StUmme 
verwendet. 

.\nin. 1. Über die Frage, wie sich hom. toIo und att, toö 
zueinander verhalten, s.o. S. 234. Bechtel Vukalkuntraktion will 
Toio aus *Toiöo herleiten, einer Form, die nach dem Gen. PI. idp. 
*tois6m neu<rebildet wäre. An und für sich ist das sehr wohl 
möglich, \\z\. B.^jLs. J)ilre getrenübor got.ßizös. 

Der Dativ ist nominal. 

Ebenso der Akkusativ. 

Der Nora. Plur. hieß idg. toi. 

Die Entstehung ist unklar. Im Griech. ist toi im 
Dorischen erlialten gel)lieben; daneben steht im lon.-Att. 
und Achiiischen oi und ai, die nach dem Nom. Sing. 6» 
r\ eingetreten sind, xai selbst ist nach toi gebildet, denn 
in den übrigen Sprachen ist die Form nominal. Doch 
lautete der Nom. Dual. Fem. ai. tc. Dieser könnte in 
griech. Tai umgedeutet vorliegen. 

Der Gen. Flur, der F'em. zeigt eine besondere 
pronominale F^orm, idg. '■■'täsöm, ai. tdsüm^ gr. Tciiuv, 1. 
is-tärum, got. ßizö. 

Der liok. Flur. Mask. Tolai ist ai. tcsu und zeigt 
das aus dem Nom. Plur. übertragene oi. 

Anm. 2. Der Pronominalstamm ö wird im Griechiechen wie 
in andern S]>rachen gern durch angehängte Partikeln erweitert, 
80 durch -be in ö-be. Dieeee -be gehört mit dem -be in i-b4. 'und' 
zusammen. Geht es auf alten Dental zurück, so wäre etwa das 
-de in 1. quan-i/e zu vergleichen (Persson IF, 2, 218 f.). Fe kann 
aber auch einem ^'«^ entsprechen, und dann böte sich zur Ver- 
glcichung abg. -ze, in i-ze 'welcher^ eig. Mer aher\ Nach einem 
in allen Sj)rachen gewohnlichen Vorgang wird griechisch auch 
das zweite Glied flektiert, daher hom. Toiabeaai, Alk. TiiJvbeujv, 

Im Thessalischen erscheint für öbe ein ö-v€, xö-ve, Td-v€, das 
ebenfalls do])pelte Flexion zeigt: G, Sg. TOi-v€oq. G. PI, Touv-vtouv. 
Persson IF, 2, 216f, nimmt auch für diese Partikel -v€ idg. Ur- 
sprung an; er vergleicht awest. kas-nä 'wer denn' u. a. Ein -vi 
linden wir in ark. tujv( 'huius', töv-vi 'hanc', und schließlicli auch 
ein vu in ark. xd-vu 'haec\ kypr. ö-vu 'hic\ xöv-u 'hunc\ Bei 
allen diesen Fällen ist eine sichere Erklärung nicht mciglich, 
Vermutungen findet man in dem angeführten Aufsatz von Persson 
und hei l^rugmanu s. u. 



§ 363. 364.] 8tainmbiUlung und l-lexion der Pronomina. 431 

Ann». 3. nrufj;inann hat in Heiner Schrift Die Deinon- 
strativprononiina d. id^'. Sprachen, Al)h. d. k. HächH. (JeH. d. WisH. 
22, 6, 103 die Verschiedenheiten der Hedeutung bei den Demon- 
strativpronotnina eingehend untersucht. Da je(U^ Spraclie melirere 
Pronomina dieser Art liat, so müssen nacii dieser Richtung Unter- 
schiede vorhanden gewesen sein. 15. unterscheidet daher mit 
Recht verschiedene Demo nstrations- oder Zeigearten, und 
zwar a) die Der-Deixis, bei der es sich um allgemeine Hinweise 
handelt: gr. ouToq Mer, dieser' ; — b) die Ich-Deixis, wobei auf 
den Sprechenden und seine Sphäre hingewiesen wird : öbe, r\bey 
TÖbe 'der hier'; — c) die Du-Deixis, bei der eine besondere Be- 
ziehung zur zweiten Person vorliegt, lat. isie; — d) die Jener- 
Deixis, wobei auf etwas Entferntes hingewiesen wird: gr. ^kgi- 
voq 'jener'. 

2. Das Pronomen ouioq 'dieser'. 

Literatur: Brugmann Die Demonstrativpronomina der 
idg. Sprachen, Abb. d. kgl. sächs, Ges. d. Wiss. 22, 6, 103, wo auch 
die ältere Literatur, IF. Anz. 18, 9; Kretschmer KZ. 39, 552. 

364, Die Flexion von ouioq, nämlich 6-öto(;. d-uxr), 
TO-UTO weist von selbst auf Ableitung vom Stamme 6, x], 
t6 'der'; — -uro- aber zerlegt sich in 2c-\-to. Dieses it 
findet sich als hervorhebende deiktische Partikel hinter 
dem Demonstrativum im Ai., z. B. tdm u, festgewachsen 
in apers. liauv = idg. •"'•'so-w, awest. käu = *sä-u^ und -to 
tritt im SlaAV. an Pronomina, z. B. kü-io Sver', cl-to Vas'. 
Es hätte dann zuerst M. outo, F. "^auTO, N. touto gelautet. 
Für diese Ansicht spricht das von Kretschmer a. a. O. 
auf einer dorischen Vaseninschrift nachgewiesene outo. 
Aber man braucht nicht anzunehmen, daß die Ver- 
einigung dieser Elemente erst im Griech. zustande ge- 
kommen sei. Im Aind. finden wdr nämlich das dem gr. 
TOUTO zugrunde liegende 'Hod-u-tod in tad u tad. Del- 
brück Aind. Syntax 511 übersetzt es 'in diesem Falle 
nun'. In den von Delbrück angeführten Stellen kommt 
es gleich dreimal vor CB 1, 4, 1, 8; 1, 9, 3, 10, 12. Hier 
haben wdr also etwas unmittelbar Vergleichbares vor uns. 
Anderseits lassen die von Kretschmer a. a. 0. 553 an- 
geführten inschriftlichen Formen mit o, toto = touto, es als 
möglich erscheinen, daß es im Griech. auch Formen ge- 



482 Formenlehre. [§ 364—366. 

geben habe, die nur aus einer Verdoppelung des Pro- 
nomens bestanden, wie ai. täm-tam. Ganz klar werden 
wir freilich über die Entwicklung so lange nicht sehen, 
bis nicht neue Formen im Griech. auftauchen. 

Anm. Die N. PI. ouxoi, aOxai waren Neubiklungen. I>as 
Dorische hat das alte toütoi aus *toi-u-toi. Das Böotische führt 
den iStaram ou- weiter und bildet outov, outo, oütuuv. Ebenso 
att. ovjTujc. Diese Analogiebildung ist auch in den abgeleiteten 
Bildungen tgö-dütoc; 'so groß\ tgi-oütgi; 'so be:?chafien'', Tr|XiK-oö- 
T0(; 'so alt" durchgeführt. 

3. Das Relativpronomen. 

5i05. Das Relativpronomen öq 'welcher' entspricht 
dem aind. jäh 'welcher', phryg. xoc,. Dies Pronomen hat 
durchweg vokalischen Anlaut und Spiritus a.<=;per. 

Anm. 1. Infolge des Zusammenfalls von r\ = sd und f^ = ja, 
von Ol und ai im Nom. Plur. wurde teils der .Stamm to- relativisch. 
teils auch Jo- r.uaphorisch gebraucht. Doch können hierbei auch 
andere Momente mitgewirkt ha])en, vgl. Brugmann Gr. Gr. ^ 
241, 2. Anm. Das TatsJU-hliche bei Kühner- Blaß '' 1, 6U9. 

Anm. 2 Dieser Stamm *jos ist wahrscheinlich nur eine 
Ablautsform zu dem im Lat. vorliegenden /», ea, id. 

4. Das Fragepronomen. 

•i06. Das Fragepronoraen zeigt seit indogerm. Zeit 
drei Stämme Ä""'i-, k^'ejo-, A-"'w.-. Während der letzte selten 
ist, stehen k"'i- und k^o- fast überall nebeneinander. 

a) Der Stamm k^i- findet sich im X. Sg. Ntr. fast 
allgemein, (ir. ti entspricht lat. quiil^ ai. cid (Partikel), 
sonst kirn, abg. rjto. 

Der Xom. Sg. Mask. zeigt den t-Stamm im gr. li^, 
lat. (juis, sonst heiÜt es '''■k^''os, ai. kä/i, lit. käs, abg. kuto, 
got. Jras. 

Drr Akk. Sg. Mask. lautete "^'/."'jm = avest. cim. 
Dies wurde griechisch zu ^tiv und weiter mit Anfiigung 
der Endung -a riva. Nach dem Muster Akk. ^va 'eins', 
Gen. ^voq. €vi schuf man im (J. livoq, im D. rivi, wobei 
besonders nocli das Nel)eneinander von oubei<; und ouTiq 
'keiner' von Einlluß war (S kutsch Glotta 1, 69 — 71). 



^366.] StaminhihUinj^ und Floxion der PronDniiim. 433 

Anm. 1. In der Zeit, als es noch D. *i^i hieß, hat man 
auch ein *ti|lu j^esi'hairen, j!;ort. ötiui. Eine KomjJFomißform inr]- 
hnx\. steht Co. U. :)148, 4. 

Alle übrigen Formen der ?-Flexi()n, 1). Plur. h. xicTi, 
vgl. 1. qiiibus, gort. ö-Ti,ui beruhen auf Neueinführung 
von *Ä:"'/-. 

b) Der Stamm /•*"'<.'-, k^'o- ist in den übrigen Kasus 
alt ererbt. 

a) k^^e-. Gen. honi. leo, her. leö entspricht abg. teso, 
got. Jris, av. ca-hjä. Daraus att. tou. Indem man von 
T€0 einen Stamm le- abstrahierte, bildete man D. xetu, 
hom. G. PI. Teuuv, D. PL hom. toicTi, her. xeoicri und weiter 
auch TEOu. 

Anm. 2. Bei Homer kommt tivi nur zweimal vor, sonst 
•T€UJ, Tuj; Tivoq fehlt ganz, dafür tgg, teu usw. 

Anm. 3 Im Lesb. xitu, xioiai ist der Stamm ti- eingeführt. 

Anm. 4. Im Att. haben wir auch Pluralformen: N. xiveq, 
Ntr. Tiva, G. tivuuv, L. Tiaiv, Soph. Toiai, Akk. Tivaq, xwa mit durch- 
geführtem Stamm tiv-. 

Der Stamm k^'^e- liegt auch in dor. tteT 'wo' mit 
analogischem tt vor und in kret. leTov rroiov (Hes.), gort, 
o-ieia. 

ß) Der Stamm k'^^'o- findet sich in allen Ableitungen 
^nd isolierten Formen : iiÖTepoc;, ai. katardh 'welcher von 
beiden', abg. kotoryj 'welcher', got. k-aßar-, nÖGoq 'wie 
groß' aus '^k^otjos: ai. kdti 'wie viele'; ttoO 'ubi', irödi 
"^wo', prakr. kahim 'wo, wohin', Ttodev 'woher', TTriXiKO(; 
Vie groß', TroöaTrö(; 'aus welchem Lande'. 

c) Der Stamm hi-, ai. kü-tra 'wo' steht in kret. 6-ttui, 
•syrak. Trug, rhod. ö-TTuq, vgl. J. Schmidt KZ. 32, 394 ff. 

Anm. 5. Zum Stamme k'^ejo gehört auch xe "^und', lat. qtce, 
ai. ca. Die attische Form äxxa N. Ntr. PI. im indefiniten Sinne 
entstand durch falsche Trennung in formen wie öiTTroia-xxa, vgl. 
die ausführliche Begründung von Wackernagel KZ. 28, 121 ff. 
Die alte Form ad findet sich noch in Arist. Ach. 757, 784 als 
megarisch, ebenso hom. x 218 eme |uoi, ÖTriroTd oaa. Trepi xpoi fei- 
laaxa JFiaxo. Att. xxa ist aus *(/a, *h^'ja entstanden und ent- 
spricht fast lat. quia. 

Anm. 6. Statt xk; usw. heißt es thess. kic;; ebenso finden 
■wir bei Herodot ÖKUjq, KÖx€po(; usw. Entstanden ist dieses k\c, 
Hirt Griech. Laut- u. Formenlehre. 2. Aufl. 28 



434 



Formenlelire. 



[§ 366. 367. 



dadurch, daß nach u der Labial schwand, also in oukic;. uoXXdKK; 
entspricht ai. pnrucid, es setzt eine ältere Form *ttoXüki<; voraus, 
v^'l. W. Schulze GGA. 1897, 907 tf.. Solmsen KZ. 33, 298. 

Das Fragepronomen hatte neben dem fragenden seit 
idg. Zeit auch indetinitiven Sinn, wenn es un])etont war. 

Zur Übersicht der urspnichlichen Verhältnisse diene 
folgende Tabelle. 





Idg. 


Griech. 


Lat. 


Got. 


Abg. 


Aind. 


Sp. N. M. 


*Ä'«A<f 


TK 


quis 


kas 


kiito 


kaJt 


Ktr. 


*ku'id 


Tl 


quid 


ha 


öito 


kirn 


Akk. 


*k^im 


TIVCX 


quem 


kan 




kam 


Gen. 


*k^e8Jo 


hom. reo 




kis 


S.deso 




Dat. 




hom. T^iu 









5. Die übrigen Pronomina. 

J{ß7. a) Die Possessivpronomina, ijiöq 'mein' ist 
gleich awest. ma- 'mens'; (JÖq aus *T/b^ ist ai. träh. Dem- 
gegenüber vertritt das lesb. hom. dor. xeog ein idg. *tewos, 
1. tuKs; — oq aus ■■••■(T/bq ist ai. svd/i 'eigen', hom. ^oq aus 
*cre/üg, 1. suus verhält sich zu öq, wie aöq zu leog. 

Im Plural finden wir das sonst beim Komparativ er- 
scheinende Suffix -lepo-, iijue-iepog 'unsrige , uine-tepog 
'eurige', (Tqpe-Tepog 'ihrige' und ähnlieh im Lat. nos-tcr 
und res-ter. 

])) öcTTi^ 'wer immer, indirektes und verallgemeinern- 
des Fragewort, ist aus 'öq welcher' und dem indefinitiven 
Ti^ zusammengesetzt. In der Flexion werden beide Glieder 
gebeugt, also öaiiq, iiiiq, öti, övtivu, ijvTiva, öti usw., 
N. PI. oiTiveq, uiTiveq, uTia, doch heißt es Gen. M. ötou, 
Dat. ÖTUJ, Gen. IM. iuvtivujv und ötujv, Dat. olaTicri(v) 
und ÖTOicr(i). 

Anm. L Bei Homer linden wir N. M. auch öxi^. Ntr. ötti,. 
wobei das erste t auf dem pronominalen Ausgang -d beruht, neben 
ÖTI, Gen. ouTivoq und ÖTreo, örreu, Dat. öxeuj, ötuj Akk. auch ÖTiva. 

Dem gr. öaiiq entsprechend finden wir im Ind. jäh 
kdsra und jnh kdscid, bei dem die Formen noch um rcö 
'und' vermehrt sind. 



§ 367.J StammhiKlun«^ uiul l'lcxion der rronomina. 43r»- 

c) ttjuoq, d)Liög 'irgendeiner' ist gleicli got. sums 'ir- 
gondeinor' und goliört zum Zaldwort 'eins', 1. sem-, gr. 
elq. Es steckt in h. ä|i69ev, att. a|u6dev 'irgendwolier', 
ou5-a|HOu 'nirgend', bor. oub-a)uoi keine', ou6-a)Liüuq 'auf 
keine Weise'. 

d) Merkwürdig ist das Pronomen 6 i'i tü öeTvfx 'irgend- 
einer', bei dem entweder öeiva ganz unflektiert l)leibt, 
oder ein kons. Stamm öeiv (syrak. N. 6 öeiv) nach der 
3. Dekl. gebeugt wird. Die Erklärung ist unsicher, vgl. 
Baunack Stud. 1, 46 fF., Solmsen KZ. 31, 475 ff., 
Persson IF. 2, 227 ff., Brugmann Demonstrativpron. 
90, 133. Brugmann geht von einem Ntr. PL ••Tdbe eva 
Mies und jenes' aus; *ewo- ist ein alter Pronominalstamm, 
der in gr. evii 'der übermorgende Tag' vorliegt. 

e) amöc,, auTi'i, auTO bedeutet 'selbst'; später wird es 
zum anaphorischen Pronomen 'er'. Die Herkunft ist 
dunkel. Die Verbindung mit ai. asu- 'Leben, Leben der 
Seele', aw. a7}JiU' 'Leben, selbst, die Wackernagel KZ. 
33, 17 f. und Flensburg Über Ursprung und Bildung 
des Pronomens auT6<;, Lund 1893 vorgeschlagen haben, 
scheitert an dem mangelnden Spiritus asper, den wir 
nach § 230 finden müßten. Vgl. Sommer Gr. Lautst. 14f. 
Brugmann BSGW. 1908, S. 33 hält auTÖg für ein ur- 
sprüngliches Adverbium, das 'von dort aus', dann 'von 
ihm aus' bedeutet habe und später flektiert sei. Ander- 
seits kann in amoq die Partikel au 'wiederum, wieder' 
stecken, die mit dem Pronomen 6, r\, t6 verbunden wurde, 
und dann 'wiederum der, eben der, derselbe' bedeutete, 
vgl. Windisch Gurt. Stud. 2, 362 ff. In diesem Falle 
würden nur auToq, auir) auf Neubildung beruhen. Die in- 
schriftlich und bei Hesych belegte Form a\jq erklärt 
Sommer a. a. 0. glücklich aus Haplologie in der Ver- 
bindung auToq auTov. 

f) Das Reflexivpronomen ejuauioO 'meiner' usw. ist 
von Dyroff KZ. 32, 101 ff. und Wackernagel KZ. 
33, 2 ff. ausführlich besprochen und aufgeklärt worden. Bei 
Homer stehen die beiden Worte noch unverbunden neben- 

28* 



436 Formenlehre. [§ 367. 

einandtT, ^^0l auTÜJ, oo\ auTÜj, eo auTOu, ebenso in Gortyn 
J"iv auTUj. Das attische ^)aauTOu hatte langes r/, wegen ion. 
emuuToO und wegen der späteren Formen 4äT0u, vgl. 
Wackernagel a. a. O. Man nouß ausgehen von 4oi auTuJ, 
das zu ion. euuuTLÜ, att. eäuTÜj wurde. Daneben wurde 
Ol auTUJ zu äuTÜj. Außerdem wurde der Akk. €(/')' auTOV 
regelrecht zu eauTOV. Die.se Formen wurden dann gegen- 
seitig ausgeglichen. 

g) Von den Stämmen to-, jo-, k^^'o- werden eine ganze 
Reihe von Pronomina und Adverbia abgeleitet. 

a) TÖcroq 'so groß', öcroq, iröcroq 'wie groß' aus '-'totjos, 
1. tot aus ''toti in totidem^ ai. jäti Svie viele , kati 'wie viele', 
1. quot. Es liegen also flektierte Adverl.)ieu vor. 

ß) TTOiepog 'welcher von beiden' mit dem 'Kompara- 
tivsuffix', ai. kataräh 'wer von beiden', abg. kotoryj 'welcher, 
got. kapar 'wer von ])eiden'; — gort, öiepoq, ai. jataräh 
'welcher von zweien'. 

t) TiiXiKOc; so alt', T^XiKocröe, iiXi'ko«;, TTnXiKoq. TiiXiKoq 
entspricht vielleicht prakrit. /(/>2Srt 'ein solcher', oder tttiXIko^ 
hängt mit abg. koUk^ wie viel' zusammen. 

b) Die Pronomina Toioq so beschaffen, ein solcher', 
TToTog 'wie beschaffen', oiog hat W. Schulze Lat. Eigen- 
namen 435 als eine Zusammensetzung der Stämme to-, 
k^o-, jo- mit idg. '^'oiwo '(lang' erklärt und ttoio«; mit got. 
Ivaiwa 'wie' verglichen, was sehr ansprechend ist. Ebenso 
dann dXXoioc; anders ])eschaffen', 6)ioloq, später auch 
ö^ioioq ähnlich', TravToIoq allerlei, mannigfach'. 

h) ^Keivoq 'jener' hat keine Verwandten in den son- 
stigen Sprachen. Da danol)en Kcivoq steht, so sieht man 
in dem i eine vorgetretene Partikel, wie in ai. a-saü 
'jener', osk. e-tauto, russ. etot der hier' (Brugmann 
Grd.- 2, 2, 333). Es gehört im (kriech, zusammen mit 
^Kei dort', doch ist diese Verbindung vielleicht erst sekun- 
där. Über die Art der Deixis handelt ausführlich Hawers 
IF\ 19, 1 ff., wo auch S. 94 eine Übersicht über die ety- 
mologische Herleitung. Vielleicht geht Keivo(; auf Ke-lvoq 
zurück, worin Ke mit lat. rc in redo, hie, cctcri aus *ce-ctcroi 



§!i67. 3G8.J StanmibiMun^ und l^lcxion der Pronoiuma. 437 

ZU verbinden ist, während in t^voq der Pronominalstamm 
aw-, ab«:;, ovü, alid. riicr 'jener' Ht<'ckt. 

6. Reste alter Pronomina. 

JIOH. Das Idg. liat noch ein(; Reihe weiterer Pro- 
nomina besessen, die im Griechischen teils in Verbin- 
dungen mit anderen Pronomina, teils erstarrt in Partikeln 
enthalten sind. 

a) Ein idg. Stamm k'e-, k'o-, k'i- liegt verschiedentlich 
vor. Die Bedeutung war 'hier'. Dazu gehört der alte 
Lokativ ^xeT. 

Der Stamm k'i- liegt vielleicht in den Zusammen- 
setzungen ion. (Tiijuepov 'heute', Orijec, 'heuer', att. x/iuepov, 
Tnxe^ aus '^''kjümeron vor, vgl. Brugmann BSGW. 1901, 99. 
Da aber das Lat. in diesem Falle h hat, vgl. Jio-die, das 
mit ahd. hiu-fa(/u auf ein idg. *khjo weist, so wird man 
dies auch in der griechischen Verbindung sehen dürfen. 

Anm. 1. Ich bleibe trotz Brugmann IF. 18, 9 dabei, daß 
]. hodie, ahd. hiutagic wahrscheinlich gleichzusetzen sind. 

b) Der im Lat. so stark verbreitete Stamm i {is, 
ea, id) ist im Griech. fast ganz ausgestorben. Man sucht 
ihn in Hesychs iv auirj' auxriv auTÖv* Kurrpioi, in |aiv, 
viv, s. § 362, in iöe *^und' = ai. i-dd 'jetzt, in diesem 
Augenblick', in 'i-va und in einigen andern Formen. 

c) Von einem Stamm e-, o- kommen wahrscheinlich 
die Partikeln für 'wenn' ei (Lok. Mask.), ai (Lok. Fem.), 
r| im Kypr., Dor. (Instrumental). 

d) Zahlreiche Pronominalstämme stecken in den Par- 
tikeln, auf deren Gebrauch hier nicht weiter eingegangen 
werden kann. Was die formale Seite betrifft, so sind 
im wesentlichen dieselben Kasus vertreten, wie beim Ad- 
verbium. 

a) Ablative waren: uj<; 'wde' vom Stamm jo-, a.!. jäd 
'insoweit als, soviel als'^ vgl. rOug 'so' und iLq, vj<; 'so' 
zum Stamm so-; 

ß) Lokative: ei, ai, s. o. Während bei den meisten 
Staramklassen endungslose Lokative neben solchen mit 



438 Formenlehre. [§ 368. 369. 

Suftix -/ stehen, fehlen erstere bei (U*n o-8tilmmen im 
le))endij:;en (lebrauch. In Adverbien scheinen sie aber 
erhalten zu sein. Freilieli läßt sich die Lokativnatur 
nicht erweisen, da auch der bloße Stamm vorliegen kann. 
Es sind dies die Bildungen auf-c: Tt, 1. que^ ai. ca luid , 
got. -h zum Stamme •"^'A^'c-; — yt, got. -k in mik; — be, 
vielleicht abg. ze 'aber'; — Sk, war im Kompositum r\ 
r]:Fi oder' erhalten, 1. si-rc, ai. rü oder ; — -de in eide 
Svenn doch'; 

Lok. des Femininums liegen vor in ai, Kai "^und, vai 
'fürwahr, wahrlich ; 

Y) Instrumentale mit der Endung -j] und mit Ablaut 
-tu kann man sehen in }ir\ 'nicht', ai. mCi^ arm. mi; — 
oÜTTUJ noch nicht, vgl. dor. irnTiOKa 'jemals'; — Tfj dal 
nimm zum Stamme to-, vgl. lit. fe da; — v] wenn', 
s. o. ; — i'i in ))--Fe, r\-br{; — ör|, bfi-xa, r\-b^ 'schon', 
eirei-bri nachdem '; — y\ 'fürwahr, wahrlich. 

p]in Instrumental nach der konsonantischen Dekli- 
nation ist vielleicht a|bia, falls es nicht Ntr. Plur. ist. 



Dreißigstes Jvapitel. 
Die Bildung der Zahlworte. 



A. Kardinalia. 

Ji(»9. Die Zahlworte gehören zu dem Bestandteil 
in den indogerm. Sprachen, dessen etymologischer Zu- 
sammcnliang sehr l»ald klar wurde. Wir liaben es bei 
ihnen aucli im (Iriech. mit altererbten Worten zu tun, 
deren letzten Ursprung wir freilich nicht erniittt-ln k« innen. 



M. 


F. 


N. 


. N. €l<; 


|Li{a 


^v 


G. 4vö<; 


mä(; 


i\6<i 


I). ^vi 


HKl 


ivi 


A. t'vci 


IlUCXV 


tv. 



§369.] Dio r.ihhinj,' (Irr Zalilworte. 489 

Der Nom. S«j:. tiq ist regelrecht aus '••tjuq, '^scvis- ent- 
standen, hat aber unrep;cliniU]igen (attischen) Akz(!nt, 
wälirend das zusaniinongesetzte ouö-eiq, )ar]b-efq 'nicht einer, 
keiner' das Rc^gelrechto erhalten hat. Das Ntr. ^v ist aus 
"•■^ju entstanden. Verwandt ist lat. sem-el^ sivguU, simplex^ 
d. zusammen^ sammeln. Da/Ai gehört die Schwundstufe s?^ 
in ai. sa-, vgl. sa-hdsrnm '1 Tausend', gr. d in ä-rraH V'in- 
mal', d-TiXouq 'einfach' und die Schwundstufe sm- in F. 
|uia aus *(T)u-ia. 

Anm. 1. Die ursprüngliche Bedeutung von sem, sm war 
"^zustimmen". Es gehört daher auch gr. 6(|ua 'zugleich' mit regel- 
rechter Reduktionsstufe der ersten Silhe hierher. Ebenso baöq 
'gemeinsam', 6|uoö 'an dem selben Ort'; oubaiuöc; 'auch nicht einer', 
ouba|uoO 'nirgends'. — Für die Einzahl gab es in der Ursprache 
mehrere Ausdrücke. Einer davon 1. ünus, got. ains, lit. vtenas, 
abg. mü hat sich im Griech. in ol'vri (oivri) 'die 1 auf dem Würfel' 
erhalten. Außerdem hat es 0. Hoflmann auf einer lesbischen 
Inschrift (Gr. D. 2, 119 A2) in oivo|aö\riaG 'er lief über' aus den 
Überresten auf dem Stein erschlossen. — Ein dritter Stamm 
6lo<; 'allein', kypr. oij^oc, kehrt im apers. aiva-, awest. aeva 'ein' 
wieder. Über die verschiedene Bedeutung dieser Wörter vgl. 
Hirt IF. 22, 89 ff. 

2. Att. öuo M. N. F., Gen. Dat. buoiv = lat. duOy 
got. M. hvai, F. twös, N. tiva^ d. zwei, lit. du, abg. düva 
M., ai. dva(u). Neben öuo steht hom. buo), eine Dual- 
form, die ai. duvä, abg. düva entspricht, während in der 
Zss. gr. öiJuöeKa '12' öuj aus *ö/ijü entstanden ist. 

Anm. 2. Die Erklärung von buo macht große Schwierig- 
keiten. Man leitet es teils aus buuj her, das nach § 252, 3 vor 
vokalischem Anlaut verkürzt sei, teils aus *duwoi der alten Neu- 
tralform, ai. diive^ abg. duve mit Schwund des i im Satzusammen- 
hang vor folgendem Vokal. Dies wird dadurch nahegelegt, daß 
Homer beim Ntr. buo vorzieht, vgl. Kühn er- Blaß ^ 1, 634 f. Doch 
ist auch diese Ansicht nicht gerade wahrscheinlich. Man wird 
vielmehr am besten in buo eine uralte idg. Form sehen, die erst 
später dualisch flektiert wurde. Daß bOo die ursprüngliche Form 
ist, wird durch die Tatsache nahe gelegt, daß außer bei Homer 
büuj auch inschriftlich so gut wie nicht vorkommt. 

Die Flexion ist attisch dualisch, also N. A. öuo, 
G. D. öuoTv. 



440 



ForiDcnk'hre. 



[§369. 



Anni. 3. Statt huoiv findet man inechr. 329—229 v.Chr. 
auch bueiv, was auf lautlicher Entwicklung beruht. Der Dat. 
hval ist seit dem 3. Jahrh. belegt, indekl. buo aln Gen. seit der 
röm. Zeit. 

Beachtenswerterweise wird öuo in den Dialekten 
manchmal gar niclit und manchmal pluralisch flektiert 
(bucri). Bei Homer kommen flektierte Formen von öulu, 
5Ü0 nicht vor. Es tritt dafür öoiuü, öoioi ein, Dat. boioTcTi, 
boioiq, Akk. boiouq. Dieses öoi-, wohl aus dwoi, scheint 
sehr alt zu sein, vgl. got. G. twaddje aus *twajjc, ahd. 
zweiero, Dat. tivaim^ lit. Gen. drlejü, Dat. drlem, ai. (len. 
Dual, draj-oh. 

Das in der Komposition auftretende bi- in öiirXöog, 
öittXouc; 'zweifach, d()pj)e]t\ bi-TiXaH 'doppelt zusammen- 
gelegt ißt als '•■'dwi- idg., vgl. ai. dvi-päd, gr. öiTTOug 'zwei- 
füßig', 1. hidens, got. tiri-, und ist wohl //•/- 'drei' nach- 
gehildet. Zum Teil geht gr. öi- auch auf idg. di- zurück 
mit schon idg. Verlust des ?r, vgl. JSolmsen Unters. 211 f. 

3. Das Zahlwort o wird vom Stamme frei- gehildet 
und flektiert wie ein regelrechter i-Stamm. 





Griech. 


Lau 


Got. 


Altbuig. 


Aiud. 


N. 


Tpeig 


(res 


preis 


trtje 


trajah 


G. 


TpiUJV 


tri um 


priji' 


trtjT 


[trajündm] 


D. 


Tpiöi 






trichn 


tri^u 


A. 


(att. Tpeiq). sonet 
noch Tpiq 


(trts) 


ßrins 


tri 


[trfn] 


N. 


Tpia 


tria 


ßrija 


tri 


[trfni] 



Anm. i. hie regelrechte Akkusativform ipxc, aus *Tpiv<; 
(kret. TpiivO liegt im Dor. und Boot, vor und bei Homer in xpiö- 
Ka(b€Ka, ». § 370, Anm. 2. Vielfach wird die AkkuBativforni fiir 
den Nominativ gebraucht und umgekehrt. 

4. Das Zahlwort 4 lautet attisch. 

M. N. T^TTape<; Ntr. x^rrapa 

G. TeTTciptuv 
D. TtTTapai(v) 
A. T^rrapa«; T^rrapa. 



§369.] Die Bildung' der Zahhvorte. 441 

Es ist also ein Staniiii itTiap- nach der kon.sonan- 
tischen Flexion gebeugt. Stammverwandt sind lat. f/uaUuor, 
goi. ßdwor, lit. kctnr), abg. refyrc, ai. cafnini/j. 

An 111. 5. In griech. Dialekten linden wir noch eine Reihe 
Nebenformen, lleroci. r^oa€pe<; kann sein e dach Assimilation 
erhalten haben. Dajj:egen weisen dor. x^Topec;, T€Topa (inschr. u. 
bei Theokrit), äol. u^öaupec; (Ilesyeh), hom. uiöupe^ mit att. t^t- 
Tapeg auf eine ursjjrünglich abstufende Flexion, die einzig noch 
im Indischen erhalten ist. Man kann folgende Formen vergleichen 
ai. N. M. catrdraJi dor. T^Top€<; 

N. Ntr. öatvdri dor. T^xopa, got. fiflirör. 

Das lange ä des Ind. war ursprünglich nur im Ntr. berechtigt, 
und es ist demnach gr. T^Topeq alt, x^Topa aber eine Neubildung. 
Akk. cafürah hom. TTiöupac. 

Der Gen. TeTTctpuuv geht auf idg. *k^'-'etn\rOm zurück. Nach 
dem Gen. ist der attische Dativ neu gebildet. Eigentlich lautet 
dieser r^Tpaai, wie er bei Pindar vorliegt aus idg. *k^'-efwrsl. 
Diese Stammform findet sich auch in der Komposition Texpoi- 
irouq ^Vierfuß' und im Ordinale xexpaxoc; (hom.). Das einfache x 
in dieser Form, wie in dor. xexopei; erklärt sich wohl durch dissimila- 
torischen Schwund des zweiten u. Aus *k^'^\tivr wurde im Idg. 
nach § 120 Anm. 2 *kii'efni-, woraus lat. quadrii- und gr. xpu- viel- 
leicht in xpuqpdXeia 'Helm', vgl. hom. xexpdqpaXoc 'mit vierfachem 
Wulst'. 

5. Tievie = lat. quinque, got. fimf, ai. pdnca. Dies 
irevie tritt auch in der Komposition auf: att. TrevTerrouc; 
'fünffüßig', Trevxeöpaxiuog F. '5 Drachmen wert' u. a. Erst 
allmählich dringt Trevia- ein, zunächst in TreviaKK^ 'fünf- 
mal' nach eTTTdKKj 'siebenmal', xeipaKK; 'viermal', Trevia- 
KÖcrioi '500', ebenso OKiaKK^, OKiaKOcrioi, aber oktOuttouc^. 
Erst in nachklassischer Zeit (um 100 v. Chr.) begegnet 
TT€VTd|uvouv '5 Minen an Gewicht', Analogie zu T6Tpd,uvouv, 
worauf dann Trevia- weiter geht. 

6. e'H ist aus *cr/eH entstanden, vgl. kret. herakl. delph. 
^eS = idg. "^sweks. Lat. sex, got. saihs usw. weisen auf 
eine ?(;-lose Form, vgl. darüber § 199. Die idg. Grund- 
form w'ar vielleicht noch komplizierter, vgl. Kretschmer 
KZ. 31, 417 f., Pedersen KZ. 38, 229. 

Anm. 6. Eine gr. Urform ^seks hat Solmsen Unt. 117, 
206 kaum mit Recht erschlossen. 



442 Formenlehre. [§ 369. 370. 

7. eTTTci, ai. sapta, 1. sepfem, got. sibun, idg. ''septni. 

H. ÖKTub, 1. okto, ai. asfii, got. ahfau. Über die Form 
in der Komposition s. 4. 

1). In den übrigen idg. Si)rachen liegt eine Form 
*7ietnj zugrunde, ai. ndra, lat. vorem, got. niiof. Dies ist 
aber nur die X^K zu einem idg. '^enewen. V^ finden wir 
in griecli. evaioq 'neunter', ion. eivaroq, eiva-KOcrioi '900\ 
eivd-eieq 'neunjährig', kret. rivaiog aus •••ev/a = idg. 
'■'enu'rV, entsi)rechend arm. itui 'neun' aus ^enwan. Auf 
€v/*- mit elidiertem a gehen hom. äol. 6vv-f]|iap 'neun 
Tage lang', evv-i'iKOVTa '90', phok. ev^KOvia zurück. €vvea 
ist nicht ganz klar. Wackernagel KZ. 2<S, 132 flf. er- 
klärt es aus •■•ecrveia, eine Verbindung wie ^aöeKa. Andere 
sehen darin eine Kontamination von *ev/a und vea. In 
evevrjKOVTtt '90' muß eine andere Ablautsform zu ev/a-, 
nämlich dv/evii vorliegen, falls es nicht für *ev/avr| = 
idg. '■'eHH'rVc (lat. in nOnäginta) steht. Vgl. noch W. Schulze 
Quaest. ep. 104 ff. 

10. 5eKa, 1. decem, got. iaihu», ai. dasa. 

An 111. 7. I>ie Einzelsprachen weisen teils auf idg. *fWw, 
teils auf idg. *<h'Kmt. Doch ist *<h'}hnt als ursprünj^liche Grundform 
trotz Hrugniann Grd. - 2, 1, 21 höchstwahrscheinlich. Vgl. 
auch Blankenetein IF. 21, llOf. 

;570. 11—19. Die Zahlen 11—19 werden durch 

Zusammenrückung gebildet, und zwar ging im Idg. der 

Einer voran, wie die (Übereinstimmung aller Sprachen 

lehrt, gr. evbeKa '11', buuöeKa 12', 1. undccim, 1. duodcmn, 

ai. (jkä-dasa^ dnidnsa, got. ainlif, ttralif, fidnOrtaihun '14 . 

Die umgekehrte Ausdrucksweise im Lat. und Gr. ist wohl 

den höhern Zahlen nachgebildet, wie wir auch sagen 

100 %md drei. 

Anni. 1. Gr. b^Ka huo findet sich in att. Inschr. erst seit 
100 V. Chr.. b^Ka Tp€i(; begegnet dagegen schon im 5. Jh. v. Chr. 

In den Zahlen 11 — 14 wurde ursprünglich das erste 
Glied flektiert, doch hatte sich dies im Idg. schon in 
einzelnen Fidlen verloren, gr. stets €v6€Ka, öujbeKa, ai. 
dniddsa. Auch bei 13 finden wir in lat. trcdccim (aus *tres' 



^370.J Diu llilduiig »1er Ziihhvortf. 443 

flerim), ai. trajodusd den Noiri. V\. in fester Verhindung. 

In Gr. TpeT^ Kai öck« ' \\\\ TtTT«()e(; Kai btKa ist unb('(lin<;t 

Flexion erfordcrlicli. Krsteres kommt att. insclirift. erst 

seit oOO V. Chr. un flektiert vor. 

Anin. '2. Das überlieferte hom. xpiaKafbeKa ist die regel- 
rechte AkkuHativfonn (E 387 jurivac;, uu 340 ö'yxvöO- Die Veriln- 
derung in xpeit; ist faJKcli. Ks kommt dann auch in der Über- 
lieferung attischer ScliriftistelJor, nicht aber in den Inschriften vor. 

Die weiteren Zahlen lauten 15 Trevie Kai öeKa, 16 '^H 
Kai öeKtt oder ^KKaiöeKa, mit regelrechtem Schwund des .s- 
zwischen Konsonanten, 17 eTTid Kai öeKa, 18 oktiü Kai 
öeKa, 19 evvea Kai öeKa. 

Anm. 3. Die Wortfolge bdxa Tr^vxe usw. tritt in attischen 
Inschriften nur ein, wenn das Subst. vorausgeht. 

Anm. 4. Die mit 8 und 9 zusammengesetzten Zahlen werden 
oft durch Subtraktion ausgedrückt mit Hilfe des Partizips von 
^eiv ^ermangeln' : exr) buoiv beovra e'iKoai "^20 Jahre, ermangelnd 
zweier'; in att. Inschr. findet sich die Ausdrucksweise nur bei 
der 9 ^vö^ b^ovTec; eiKoaiv '19', ivoc, beovTec; TpidKOVTa. 
Entsprechend lat. nn-j chwdevighiti. 

Die Zahlen 20-90. 

20. eiKoai, 1. nginti, ai. visatt 

30. TpiöKOvra, 1. triginta, ai. trjsat 

40. T€TTapdKOVTa, 1. quadräginta, ai. cafvärisaf 

50. TrevTrjKOVTa, 1. quinquäginta, ai. pawcäsat 

60. ^EriKOvra, 1. sexäghita 

70. ^ßbo.uriKOVTa, 1. septuäginta 

80. ÖYborjKOVTa, 1. octö-, octna-ginta 

90. evevriKOvxa, 1. nönäginta 

Der zweite Bestandteil dieser Bildungen gr. -Kovra, 
1. -ginta enthält ein Element, daß 10 bedeuten muß. Man 
nimmt mit Recht an, das es die V^^. zu idg. dek'emt 
*zehn' ist. Das e mußte ausfallen und d schwand. Die 
Endung ist die des Ntr. Plur. In ai. -sat liegt die Schwund- 
stufe zu '^k'omt, gr. -Kovxa vor, die wir auch in eiKOcri haben. 
Dies lautet nämlich dor. /"iKaii mit regelrechtem a aus m. 
Das att. stammt wohl aus der Ordinalzahl eiocrTÖ(j, wo 
es lautlich begründet ist, s. u. 

Der erste Bestandteil der Zehner besteht mit ge- 



444 Formenlehre. (§370. 

wissen Ausnahmen aus den Stämmen der Zahlworte von 
1 — 9. die aher z. T. in hesondrer Gestalt erscheinen. 

20. Wir finden hier einen sonst in der Zahlhildung 
niclit auftretenden Stamm J-x-, dor., böot., el., pamj)h., ark. 
^iKttTi. Daneben att. eiKOCTi. Er ist verwandt mit lat. 
riffiuti, ai. vjsati, aiv. fiche. Das 6i von hom. ion. att. eiKOcri 
liat man meistens als Ablaut zu dem fi aufgefaßt, da 
wir bei Ifomer /eiKOcri finden. Solmsen Unters. 252 
will eiKOCTi indessen aus e^iKoai, d. i. ■'./ikocti mit j^rothe- 
tischem Vokal, herleiten. Für hom. eeiKOCTi wäre ^iKOcri 
zu schreiben. Eine Form mit Diphthong ist nun aller- 
dings außerhalb des Griech. nicht belegt, aber Solmsens 
Lehre von der Prothese scheint mir durchaus nicht ein- 
wandsfrei zu sein. 

An in, 5. Wenn Soimflen a. a. O. das /eiKaxi der Tafeln 
von lleraklea anf attischem Kintluß beruhen hißt, so kann man 
doch ebensogut annehmen, daß das eiKoai der Tempelordnung 
von Tegea, einer Inpchrift. die sonst das S bewahrt, auf attischem 
Einfluß beruht. 

Anni. 6. In fi- tritt ein Zahlwort auf, das mit bOo nichtH 
/u schaflen hat. Es bedeutet '[)eide' und gehört wohl mit dem 
u- von 1. Ufer 'wer von beiden', dem Dualelement u (gr. ittttiu 
'die beiden Pferde' aus uridg. *eKwo-ice), und unserm Pronomen »r/r, 
got. weis zusammen. 

'^0. Das lange ä von TpiaKovia ist wohl nach der 
Länge in den Zahlen von od an eingedrungen. Ursprüng- 
liches '^TpiuKOvia verhält sich zu lat. trJ-f/mta wie gr. irÖTVia 
'Herrin' : lat. helli, vgl. § 307. 

40. TeiTapuKovia enthiUt den N. PI. Ntr. 

Anm. 7. Dor., delph., ion. xeTpuÜKOvTu setzte Brugmann 
^L U. T), 30 unter Ansetzung von langem r gleich lat. quathCi- 
f/inta. Ich halte ilas für lautgcHot/lich nicht m«'tglich, h. oben 
i? 113. Ebenso ist J. Schmidts Herleitung aus *T€TibpKovTa (Ntr. 
PJ2, T^TUjp r^ got. fi(licör), so an8|)rechen»i sie sonst ist, lautlich 
kaum zulässig. Es wird daher, trotz der Boilenken J. Schmidts 
a. a. ()., kaum etwas anders übrig bb'iben als liaunacks An- 
nalime (KZ. 20, 235), daß TCTpiÜKovra nach ÖY^lbKOVTa gebildet ist. 
haß es in den betreffenden Dialekten 6YboT]KovTu heißt, ist kein 
ausreiclu-nder Gegengrund, da es zu den sehr gewöhnlichen Er- 
Hcheinungen geh<'>rt, daß eine Fdrm, nach der eine andere analo- 
gisch gebildet ist^ selbst wieder dunli eine neue ersetzt wird. 



§370.J Dio Bildung der Zahlworte. 445 

Von 50 Uli findet sich im Auslaut des ersten (lliedcH 

ein lanjjjer Vokal, gr. TrevTiiKCVTa, 1. (/uivfptäf/intn, ai. pft/j- 

casdf. WaR zur Krklilrung der Liin<^e vorge])raclit ist, 

bleibt alles unsicher. 

Anni. 8. Die Länge könnte von idg. wUmti, trl-komt- aua- 
gegangcn sein, vgl. Ost hoff Parerga 1, 27. Anderseits könnte 
in irevT/iKovxa eine Dehnstufe vorliegen aus *penh'^e(t(t)k\ vgl. 
Kretschnior Berl. phil. Wochenschrift 1898, 210 f. 

Von TrevTiiKCVTa stammt das )] der übrigen Zahl- 
wörter. Die Durchführung des langen Vokals ist trotz 
der verschiedenen Qualität eine bemerkenswerte Überein- 
stimmung zwischen Griechisch und Lateinisch. 

Eine weitere findet sich in der Bildung der Zahlen 
von 70 — 90. Während bis 60 das Kardinale zugrunde 
liegt, findet sich von 70 an das Ordinale. €ßöo|Lir|- : eßöojiio^ 
= 1. septua für ""'septuma nach octua-; OYÖori- : öyöoo(; = 

1. oduä-y evevrj-, vgl. 1. mnäginta. 

Anm. 9. Den Grund für diese Verschiedenheit erkannte J. 
Schmidt Urheimat der Idg. 40 f. in einer Einwirkung der haby- 
ionischen 60er Rechnung. Während das Idg. ursprünglich die 
Zehnerrechnung besaß, hatte sich in Babylon unter Einwirkung 
der Himmelsbeobachtung ein 60er System ausgebildet, das Mir 
noch jetzt in mannigfachen Spuren haben und das frühzeitig auf 
das Idg. eingewirkt haben muß. Näheres bei Hirt Indogermanen 

2, 531. 747. Der Grund für die Ordinalzahl in der Zusammensetzung 
wird darin liegen, daß man sagte 'die siebente Zehn' usw. 

100. Gr. eKttTOV entspricht lat. ceyitum^ got. hund, ai. 

satdrn^ lit. siififaSj idg. "^k'mtöm. Dies ist wahrscheinlich 

entstanden aus '^dekmtöm und heißt eigentlich 'eine Zehn- 

heit von Zehnern', ist also ebenso gebildet wie eßÖ0)Lir|- 

KOVTa, OT^ori-KOvia, unter Auslassung des Zahlwortes 'zehn'. 

Das k- gehört zum Stamm sem 'eins'. Wahrscheinlich ist 

die reduzierte Form d durch e unter Einwirkung von ev- 

ersetzt worden. Vgl. ßrugmann IF. 21, 7 fi". 

Anm. 10. Für 20 und 30 gibt es im Griech. auch noch 
die Ausdrucksweise J^iKdq und TpiäKctc; f., Gen -aboc; Mie Zahl 
30, der 30te Tag des Monats'. Sie enthält die Schwundstufe des 
Elementes komt mit dem auch sonst in den Zahlabstrakten auf- 
tretenden Übergang der Tennis in die Media, vgl. f] beKd^, G. be- 



446 Formonleliie. [§ 370. 

Kdboc. Von diesen Abstrakten ist natürlich der Gen. abhllngi«:, 
vgl. Aesch. Pers. 331 ^.c, TpiaKctbaq b^Ka vaüJv '10 Dreißipschaften 
von Sihill'en'. Die andern Zehner sind indekhnable Adjektive. 
Anm. 11. Die Verbinduujr der Einer mit den Zehnern ge- 
Bclueht entweder unter Voranstelhing der Einer mit stets folgen- 
dem Kai (TT^vTe Kai eiKoai 'fünfundzwanzig'), oder umgekehrt, wobei 
Kai stehen oder fehlen kann. 

2i}() — l)fM). Für die Hunderte hat sich im Griechischen 
nur eine adjoktivisclie Ausdrucksweise erhalten. 

200 biüKÖaioi, -ai, -a 600 ^HaKÖöioi 

300 TpiüKÖaioi 700 ^TiTaKÖaioi 

400 T6TpaKüaioi 800 ÖKxaKÖaioi 

500 TrevTaKÖaioi 900 ^voKÖaioi 

Das zweite Glied lautet dor. böot. -Kaiioi, ark. -Kaaioi 
und zei<^t also denselben Stamm wie ^xaiöv. Das o des 
Attisch-Ion. stammt von dem Ordinale s. u., vielleicht 
auch von -Kovra. Im ersten Glied ersclieint die Kardinal- 
zahl, daher regelmäßig ^ttto-, dva- und vielleicht auch 
TeipaKÖcrioi. Nach diesen haben sich die übrigen gerichtet. 
TpiäKOCTioi ist deutlich nach TpiuKOVxa gebildet und öiä- 
Koaioi ist wieder eine Neubildung nach ipiäKÖaioi. 

Anm. 12. Ausgegangen sind diese Bildungen wohl von 
Bubstant. Komi)08ita, wie sie im altlat. (hiccntum, sescetifum und im 
Ind. irisatdni vorliegen. Sio werden durch .Suflix -io- zu Adjek- 
tiven, walirscheinlicli unter Einwirkung von X'^^oi '1000' bei dem 
<hirch die indische Entsprechung sahasrijah 'aus 1000 bestehend' 
das Suffix -jo- als idg. erwiesen wird. Eine ähnliche Umbildung 
ist im Lat. eingetreten, duccnti, treceutl. 

UHM). Ion. x^i^ioii ^'*^^' Xn^ioi' böot. x^^^ioi. lesb. 
XtXXioi, att. x'^^ioi 'ii-is ""''X^crXioi entspricht ai. sa-hasrlja-. 
Vgl. dazu Brugmann IF. 21, 10 ff., auch über den Zu- 
Bammenhang des griech. Wortes mit 1. inille. 

Die weiteren Tausende werden im Griech. mit dem 
Zahladverb gebildet bicr-, Tpicr-, TeipaKicr-xiXioi. 

Honi. fcvvedxeiXoi, öeKdxtiXoi enthalten mr)glicher weise 
die unerweiterte Form, ai. sa-hdsnnti. 

l(HHH) heißt fiupioi, eigentlich 'unzählige', in welcher 
Bedeutung, die Homer allein kennt, das Wort ^lupioi be- 
tont wird. 



§370. 371.J I)u' r.ilduii« der Zahlworte. 447 

Anni. 13. In der \'erl»indun;^ mit Kollektiven, l)eHond<'r8 
mit 1^ VTTTToq 'Reiterei', werden die udj. Houßt nur pluraÜHchcn 
Zahlwörter auch ßin^ulariscii verwendet, z. ]^. Tr\v biaKoaiav ittttov 
Thuk. 1, 62, ITTTTOV ^x^ biöxiXfav Xon. Kyr. 4, 6. 2, fiupiaq ittttou 
Aesch. P. 302. 

B. Die Ordinalzahlen. 

J17I. 1. Das Ordinale der Einzahl wird nicht vom 
Stamm 'eins' gebildet, sondern von dem Stamm, der auch 
in gr. TTpo ^'or' vorhanden ist, vgl. Int. prunus, got. fntma^ 
att. TTpa)TO(;, dor. TTpaiot;, die sich schwer auf eine ge- 
meinsame Grundform zurückführen lassen. 

Anm. 1. TTpüJTOc; dürfte auf TTpö-aroc; zurückgehen, TrpäToq 
vielleicht auf */),>v/ds mit der Ablautsstufe von ai. pärvja-. Li- 
teratur bei Brugraann Grd. ^ 2, 1, 52. 

"2. öeurepoq gehört vielleicht zu ai. ddvijän 'ferner', 
gr. öeuo|uai 'stehe nach'. 

8. Für TpiT0(; zeigen die verwandten Sprachen eine 
abweichende jo-Bildung, lat. tertiiis, got. ßridja, d. dritte, 
lit. trec'as, abg. tretXjX, ai. trtijah, aw. ßritja-, so daß man 
im Griech. mit einer Umbildung nach dem Suffix der 
folgenden Ordinalia wurd rechnen müssen. Diese Möglich- 
keit liegt um so näher, als wir bei Homer Tpiiaioq finden, 
das zweifellos nach TeTpaTO<^, eivaio«;, öeKaiog gebildet ist. 

Anm. 2. Lesb. TepT0(;; das man mit lat. tertius verglichen 
hat, ist aus Tpixoc; entstanden, wie TTeppa.uoc; aus TTpiauoc, Aäuö- 
K€pTO(; aus AäiaÖKpiToc, Kretschmer Jahrb. d. öst. arch. Inst. 
5, 146 f. 

4. Neben hom. att. Teiapiot; steht hom. Teipatog, 

böot. TTeTpaTO<;, entsprechend 1. quartus, ahd. fiordo, lit. 

ketvirtas, abg. cetiritü, ai. cafurthäh. 

Anm. 8. Welche der beiden Formen älter ist, läßt sich 
nicht sicher sagen. 

5. Gr. TTe)H7TT0<;, 1. quintus, got. fimfta^ lit. penktas, 
abg. p^tü sind alle gleicherweise von einem verkürzten 
*penk'^" mit Suffix -to- gebildet. 

6. eKTO(;, ahd. sehto, lit. sestas, abg. sestiij ai. sastähy 
idg. "^sCnOektos mit idg. Schw^und des 5, das in lat. sextuSy^ 
got. salhsta wieder eingeführt ist. 



448 Formenlebre. [§371. 

In den Bildungen von 3 — 6 scheint ein Suffix -fo- 
verwendet zu sein. Von 7 — 10 tritt aber nur o auf, das 
man als integrierenden Bestandteil der Basis auffassen 
kann, oder das auf Übergang der unflektierten Zahlwörter 
in die Flexion beruht, oder das schließlich das Pronomen 
€-, 0- sein kann. 

7. eßöoiLioq = 1. sejjfimus^ lit. sekmas, preuß. sepCOmas, 

abg. sedmü, ai. saptamnh. 

An in. 4. Das o von gr. ^ßbonoq beruht wohl auf Aesiuii- 
lation aus *6ßba,Lio(;, idf;. *^r/j/,mOcV. Umgekehrt assimiliert ist epici. 
^ßbeiuaiov. Die Media statt der zu erwartenden Tenuis muß in 
einer Form entstanden sein, in der das m unmittelbar auf den 
Konsonanten folute, v«;I. abg. scthnu aus *si'Minü. 

8. ÖYÖooq aus o^bofoq, lat. octüvtis mit dem ursprüng- 
lichen w. Die übrigen Sj) rächen haben neue Suffixe an- 
gefügt, wie ja auch Homer ^ßö6)iaToq und OYÖoaioq hat. 
Die Media statt der Tenuis ist wohl sicher nach eßbofiog 
geschaften. 

9. evaT0<;, hom. eivaioq aus ev/aioq entspricht in der 
♦^uflixbildung got. niunda^ lit. derihtas, abg. derctü, die aber 
alle eine vielleicht schon idg. Analogiebildung nach idg. 
'■'deki^itos sind. Das alte hat das Lat. mit seinem nönus 
aus '•■'novenos. Im Griech. dürfte die Form einmal "'•dvevoq 
gelautet haben, wie wir aus dvevi'iKOVTa erschließen konnten, 
s. oben S. 442. 

10. Gr. öeKaioq = got. talhunda^ lit. desitliias, abg. 
des^tü von idg. '■'dek' qit. 

11 — 19. Es heißt 4vötKaToq, öujbeKaioq, aber ipiioq 
Kai ötKaio^ usw. 

Anni. 5. So in den attischen Inechrifton immer. Erst kurz 
vor der Schlacht bei Aktion erscheint die zueammengeset/te Form 
^TTTaKaihcKcirri. 

tiO — *.M). lU'i den Zehnern von 20 an trat -to- an 
den endungslosen Stamm. Zu /"iKaTi '20' hieß es also 
'■'■f\Ka(5JÖq{ft~^si), aus *TpiaK0VTTÖq wurde •'•TpiaKovcTTOg und 
weiter nach § 244, 2 a TpiaKoaT6(;. Der Ausgang -oaTÖ<g 
wurde dann auf die Hunderte übertragen ^Kaioaiöq, öia- 

KOCTlOCTTÖ^ usw. 



I 



§ 372.J Die Bildung dt'»- Zahlworte. 449 

C. Sonstige Zahlworte. 

?t7!2. 1. Die Zahladverbii'ii werden von 4 an mit 
<leni Surtix -aKi, -axi^ gebildet. Dies ist ausgegangen von 
Teipd-KK; 'viermar, ^ind-Kig 'siebenmar, öeKCt-Kiq 'zehnmal'. 
-Kiq identifiziert mau jetzt mit d<^m ai. Adv. rid, dem 
Neutrum des Fragepronomens, ttoXXuki^ 'oft' = ai. purä 
i'id 'viele'. 

Mq, Tpiq entsprechen 1. his aus '^dris, ai. dvih^ 1. ier 
aus ""iris, ai. frih, ctTraH ist ä = *sm 'ein' + *TTaH, das zu 
TTi'iTVUjLii gehört, vgl. auch d. einfach. Nach der formalen 
Seite ist -TiaH wohl ein Nominativ. 

Anm. 1. Über das Verhältnis von -kk; zu -ki, wie es dialek- 
tisch häufig heißt, s. S. 256. Daß das k von -kk; auf alten Labio- 
velar zurückgeht, zeigt tarent. diact-Tit; gegenüber kret. ä\xd-K\(;. 

Anm. 2. ^KaTOVToiKK; ist nach tpikcvtcikk; usw. gebildet. 

2. Die Vervielfachungszahlwörter sind mit -irXooq, 
-7tXou(; gebildet. Vor diesen wie andern Elementen er- 
scheint die schwache Stammform, d-, öi-, das wohl nach 
Tpi- gebildet ist, Tpi-, xeipa-. Im weitern ist das -a mit 
zur Endung gezogen. Das Element -TtXoog ist verwandt 
mit dem in lat. sim-phis, du-jjlus vorliegenden -jjIo und 
mit dem -irXdaiog aus "^'-irXdTioc^, das, da es mit got. 
'falßs in aiufalpSj fidurfalps zusammengehört, voreinzel- 
sprachlich ist. 

3. öicrcröq 'doppelt', att. biiioq, xpicrcröq sind von den 
Stämmen bix-, Tpix- in öixa, Tpix« abgeleitet. Die Grund- 
formen sind •"=-öixjö<;, *Tpixj6q. Die Bildungen hi^oq, 
TpiHö^, TeipaHoq, TTevTa£6(; sind von öixM, xpix^-d, xeipaxM 
ausgegangen, indem dj in *öix^jö(; nach § 242 a a) zu -er 
wurde. 

4. Die Zahladverbien auf -xa wie öi'xa 'zwiefach', 
Tpixa, TtTpaxa, irevTaxa zeigen ein Element gJi, das auch 
in andern Sprachen wiederkehrt, so in lit. dceigis 'zwei- 
jährig', treigis 'dreijährig', alb. deg9 'Zweig', ahd. zivig 
'Zweig'. Im Aind. finden wir Adverbien auf -ha, -hä, 
z. B. lisvä-Jm. Aus derartigen Adverbien scheinen durch 
Hypostase Adjektive entstanden zu sein, und indem man 

Hirt Griech. Laut- n. Formenlehre. 2. Aufl. 29 



450 Formenlehre. [§ 372. 373. 

gr. "X^ wohl als Ntr. Plur. auffaßte, bildete man auch 
biX'J, öixüu«;, Gen. auch -ou, wie TraviaxoG 'überair, und 
Formationen auf -\>ev, Traviaxodev 'von allen Orten her'. 



Einunddreißigstes Kapitel. 
Die Bildung der Adverbia. 

•^73. Die Adverbia sind teils erstarrte Kasusformen, 
teils werden besondere »Suffixe verwendet, deren Ursprung 
oft genug dunkel ist. 

I. Kasusformen als Adverbia. 

Als adverl)ielle Kasus werden nicht alle Kasus gleich- 
mäßig gebraucht. Am häufigsten sind Ablativ, Lokativ,. 
Instrumental, Akkusativ. Aber auch die übrigen und 
selbst der Nominativ kommen vor. 

Anm. 1. Nachdem die Tatsache, daß auch der Nominativ 
adverbiell erstarren kann, zuerst auf lateinischem Boden zur Er- 
klärung zahlreicher Bildungen herangezogen worden war, hat 
Brugmann Adverbia aus dem maskulin Ischen Nominativus 
Sinpularis prädikativer Adjektive IF. 27, 233 nach diesem Prinzip 
die Adverhialbildung aller idg. Sprachen durchmustert und zahl- 
reiche Fälle richtig erklärt. Zu gleicher Zeit hat Solmsen 
Beitr. z. gr. Wortforsch. 155 griech. Adverbien auf i^ als erstarrte 
Nominative gedeutet. Ks gehören hierher zahlreiche Adverbien 
auf -E. wie dva-uiE 'vermischt, durcheinander\ djiqpi-irXiS 'ausein- 
anderschreitend', ^TTißXuE 'zustnimend^ iruE 'eine F'aust machend\ 
Dann Oirö-bpa 'von unten blickend' : ai. upa-dr^; ÜTraE 'einmar, 
eOOüc;. iOüc;, hom. noch als Adj. F'em. (öeia 'gerade, geradeaus", 
daneben auch das Ntr. (00, eiidü als Adverbium; liÖTK 'mit Mühe, 
kaum', fem. /-Stamm: pö^oc; 'Anstrengung, Mühe', pöXiq 'kaum'. 
((Xk; 'gedrängt, haufenweis, hinlänglich, genug', X'J^PK 'gesondert" 
mit Akzent nach glbd. d|Liq){(;, X^XPK 'schräg'. 

Zum Teil ßtecken in den griech. Adverbien Kasus 
und Kasusformen, die im lebendigen Gebrauch nicht 
iiH'hr vorhanden sind. 

Es kcinnen ferner ganze syntaktische Verbindungen, 
namentlich die Präp. mit ihrem Kasus zu Adverbien er- 



§37:^—375.] Die BiMunp der A.lvorhia. 451 

starren. Hierlier ^^eliörcn ^kttoöujv vor den Füßen weg' 
mit enklitiscliem Akz(uit, und danach gebildet ^ilittoöujv 
'vor den Füßen' (ursprünglich ■'•^iuttoM oder ■^'einxoai, vgl. 
^jUTTÖbioc; 'im Wege stehend'), tv-ÜJTra 'ins Angesicht' mit 
der alten Konstruktion ev mit dem Akk., e])enso ev-öov 
'im Hause', ^|U-ßpaxu 'in kurzem', ^)li TiaXiv 'rückwärts', 
KttT aKpaq 'von der Höhe herab', KaT-apxtt<; anfilnglich'. 

•-S74. Der Ablativ. Als Ablativadverbien muß 
man zunächst eine Reihe von pronominalen Formen an- 
sehen, die noch deutlich ablativische Bedeutung haben, 
so dor. Tojbe und toutüj 'hinc', ttuj 'unde', iL und iLttep 
'unde', TiivÜL) 'istinc'. Im Aind. entsprechen dt 'darauf, 
tat 'auf diese Weise', jdt 'insoweit als' usw. Das Got. 
hat ebenfalls deutliche Ablativformen, wie ufarö 'von 
oben', 1. snprä(d), tindarö 'von unten', 1. infra. Wie man 
sieht, ist im Ind. die Ablativbedeutung schon sehr ver- 
blaßt, und dieser Vorgang hat sich auch in den andern 
Sprachen Aviederholt, da die Adverbia auf -uu und -uug, 
ouTU), ouTUjq 'so', KaXuj(; zw^eifellos ebenfalls Ablative sind. 
Die Adverbia auf -üü^ stellen die gebräuchlichste griech. 
Bildung dar. Ihnen entsprechen im Lat. die Adverbia 
auf -öCd), meritöCd) und mit Ablaut auf -ed, fadhimeCd), im 
Got. solche auf -ö, galeikö 'ähnlich'. 

Anm. 1. Brugmann Gr. Gr.^ 225, Grd.^ 2, 2, 700 meint, 
daß in dem -uu auch die Instrumentalendung vorliegen könne. 
Das ist aber wegen des -c, (vgl. § 253, 8) unwahrscheinlich. Bei 
den sichern Instrumentalen fehlt es. Auch spricht der Akzent 
dagegen. 

Anm. 2. Diese Adverbialverbindung -üjq war ursprünglich 
nur bei o-Stämmen berechtigt, sie hat sich aber außerordentlich 
ausgebreitet, wobei die Übereinstimmung des Gen. Plur. bei allen 
Stämmen maßgebend w^ar. Die praktische Regel, daß die plura- 
lische Genitivendung des Adjektivs in -wq verwandelt wird, hat 
auch ihre psychologische Berechtigung. 

375. Der Lokativ war seiner Bedeutung nach 
ebenfalls sehr geeignet, als Adverbialendung verwendet 
zu werden. 

29* 



452 Formenlehre. [§ 375. 

a) Bei dvn o-Stilmmen finden wir sichere lokativische 

Adverbien auf -ti im Dorischen: ttu wo?', öirei 'wo', 

Trjvei 'dort', Touiei hier ; autei, reibe 'hier\ att. tei 'dort'. 

Aind. entsprechen Formen wie äre, dür6 ^fern'. Da im 

Griech. sonst der Dativ den Lokativ vertritt und aus der 

Endung -öi -lu und -oi entstanden waren (§')11 Anm.), 

so finden wir auch Formen auf -oi und -uj als lokativische 

Adverbien, -oi finden wir in oi'koi 'zu Hause, woraus 

später lautlich okei, 'Icrdinoi, 'EiTibaupoi. kypr. |ioxoT" dvTÖq, 

wozu hom. juuxoi-TaToq im innersten Winkef. Dieses oi 

wurde in Ortsnamen auf nicht o-Stämme übertragen, z. B. 

MeT^poT : xd Mefotpa. -uj steht in kukXlij 'im Kreise. 

TTavdKTLU neben TTavdKTOi. 

Anm. Zu dieser Kategorie wird man auch die Adverbien 
auf -ei rechnen dürfen, die von Zusammensetzungen mit a privat., 
itä(; 'air und auTÖg ''selbet' abgeleitet sind. att. inschr. (iauXei 
(5. Jh.), (iöTTOvbei. Bei Homer bietet die Überlieferung daneben i' . 
Schwierigkeiten bereitet der Akzent. Man wird ihn wie in ^ktto- 
biuv als P>patz der Knklise auffassen dürfen. Daneben standen 
Formen auf If, zunächst wohl von konsonantischen Staramen, z. B. 
övo|iiaöT( 'namentlich'. 

Im Attischen haben die Adverhia auf -oi von Pro- 
nominalstämmen z. T. die Bedeutung hin — zu', z. B. ttoT 
'wohin?, Ol wohin, iravTaxoT 'überall hin', ^viau^oT 'hier, 
hierher, ireboi 'auf die Erde, zur Erde\ S. § 376. 

b) Bei den ä-Stiimmen mußten -äi und -ai wechseln, 
verallgemeinert ist -oti, so att. inschriftlich 0pia, OuXf], 
bei Pindar Gi'ißa. -ai liegt vor in der Zusammensetzung 
wie Giißai-Yevnq in Theben geboren', el. '0\u|aTriai. Plu- 
ralische Formen sind die auf -acTi, -r|cri, TTXaTaiucri, 

Av>)'iv)]cn in Athen', ujpäcTi 'zur rechten Zeit , in denen 
sich die alte Form des Lokativs erhalten hat. (her die 
sonstigen Adverbien auf -)_!, z. B. aTTOUöfj 'in Eile, mit 
Eile', 8. § 877. 

c) Bei kons. Stämmen finden wir die regelrechten 
Lokative: MapaOujvi, rrepucri 'im vergangenen Jahr' aus 
TTep-UTi, wo UTi Lok. zu '-'irct ist, ai. par-uf; }\p\ 'in der 
Frühe' aus ""'ajepi, aiei immer' aus "••ai/eö'i. Daneben 



4J 375— 377.] Die llildiiiii; iler Adverbia. 453 

liegen unilto Lokativo oliiio Suflix wie aitv, Oiiic; immer', 
X^fc<;, 1. heri, ai. hjäJj, vuKTuup 'bei Naebt' mit einem r, 
das aui'b sonst ri(>kativadverl)i(Mi bildet. 

Ci70. Der Dativ wird im Ind. nur selten als Ad- 
verbialkasus verwendet. Im Griecb. sind wir nur in 
einigen Fällen imstande, ecbte Dativformen zu erkennen. 
Ein solcber liegt vor in xa}iai 'auf der Erde', 1. huinl, 
abg. zemi, Dat. von x^^v 'Erde' und in Trapai Manchen, 
neben'. 

Anm. Brugmann Grd.^ 2, 2, 703 nimmt als ursprüngliche 
Bedeutung 'zu — hin' an. Dafür könnten die oben (§ 375 b) an- 
geführten iroi "wohin ?' sprechen, da dies wohl echte Dative sind 
wegen des oi. Aber xciMai hat bei Homer nur die Bedeutung 'auf 
der Erde', was sich aus den Kompositen xci|LiaiT€"vn<; *^auf der Erde 
geboren', xc.uaieuvric; 'am Boden schlafend' ergibt. XOi)jiai ßd\\€iv 
aber ist indifferent, denn man kann sagen ^v ^u|aüj ßd\\€iv und 
ic, du|uöv ßdWeiv. Ursprünglich sind aber sicher die Konstruk- 
tionen nicht gleichwertig, sondern es handelt sich um Verschieden- 
heiten, die durch die Aktionsart bedingt sind. Bei dem durativen 
Verbum steht der Akk. viqpdbec; ujg tti-tttov epaZie, bei dem perfek- 
tiven der Lokativ Trebiuj ireae "^er schlug auf auf der Erde'. 
Dieser Unterschied ist zwar im Griech. nicht mehr treu bewahrt, 
aber doch noch zu spüren. 

377. Der Instrumental ^vird im Ind. ziemlich 
häufig zur Adverbialbildung verwendet. Leider ist aber 
die Form der Endung nicht ganz sicher zu ermitteln, so 
daß war im Griech. oft nicht wissen, ob eine Form In- 
strumental ist. Sicher gehören hierher Fälle wie ou-ttuu 
^noch nicht', in dem ttlu der Ablaut ist zu dem in lak. 
7Tr|-TT0Ka 'jemals' vorliegenden ttt)-, got. Instr. he; r\ 'wenn' 
gegenüber dem Lok. ei. 

Von Femininstämmen finden wir eine Reihe von 
Adverbien auf -ä, -r), die auf attischen Inschriften stets 
mit i geschrieben w^erden. Im Dor. liegen aber sicher 
i-lose Formen vor, von denen wir aber nicht wissen können, 
ob sie nicht im Satzzusammenhang aus -äi entstanden 
sind. Der Instrumental lautet nun im Lit.-Slaw. gar nicht 
auf -ä, sondern geht auf -am aus, lit. mergä aus '^niergdm, 
abg. rqkq, d. h. er war, abgesehen vom Akzent, mit dem 



454 Formenlehre. [§ 377—370. 

Akk. des Femininums identisch. Man könnte daher viel 
eher den Instrumental in einer Reihe von Adverbien auf 
-nv, -äv sehen, wie br|V 'lauste', d'Täv, Xiäv 'sehr', irepäv, 
TTepnv trans', dK^l'"|V 'im Augenblick, Ix'i denen wenigstens 
die Bedeutung eine solche Erklärung als möglich er- 
scheinen läßt. 

Die konsonantischen Stämme haben vielleicht m als 
Endung gehabt, d. h. auch hier waren Akk. und Instrumen- 
tal, abgesehen vom Akzent, glei(>h. Da m im Grieeh zu -a 
wird, 80 hat man in xdxa 'schnelT von laxu^, uuKa von 
ujKuq 'schnell', Xifa, KdpTct 'sehr', ^a|Lid 'häufig', adqpa 
häufig', )Lid\a 'sehr' alte Instrumentale gesucht. Doch 
wird man l^esser darin den N. Akk. PI. Ntr. sehen. 

Anm. AIh Instrumentale kann man auch die Hildunpen auf 
-uu, wie aviu 'oben', Kdroj 'unten\ Ttpöauj 'vorwilrt«', ^Eiu 'außer- 
halb' ansehen. 

37H. Der Akkusativ tritt naturgemäß häufig als 
Adverbialkasus auf. Wir finden ihn in öripov lang- 
dauernd, TrXriaiov 'nahe\ crt'iiLiepov 'heute', aupiov 'morgen', 
(Txeöiiiv darauf los', oubev in keiner Weise', t6 TipüuTov, 
T^v TTpujTr|v 'anfangs, laaKpdv 'weit, biKiiv (iivoq) nach 
Art von\ irpocpaaiv vergeblich', TToXXd 'oft', leXoq end- 
lich', Tiiv TaxicTTTiv (oöov) 'schleunigst', x^P^^ (xivoq) zu 
Gefallen jdm.' u. v. a. Besonders häufig ist er in den 
adverbii^llen Bildungen auf -öov, -b)-]V : ducpaböv (tfrentlich', 
(TXtöov nahe', pubiiv, pubov 'überfließend', (TTd6»iv stehend', 
(TTTOpdör|v verstreut', die mit den Bildungen auf b, s. 
§ 334,3 im Zusammenhang stehen. Daneben gibt es auch 
Bildungen auf -ba, h. dvaqpavöd sichtbar', xavaxn^d 'mit 
(leräusch, die wohl Xtr. Plur. sind. Hierher geboren 
wohl auch die Adverbien auf -a wie xdxa von Taxug 
'schncir, fl. § 377. 

ri7!>. Der (Jenitiv liegt in einigen Zeitadverbien 
vor: fevr|<; sc. T"i)itpa(; 'am alten Tage', 4(T7Tepcx(; 'des Abends', 
und weiter in Ortsadverl^ien wie ttou 'wo', ttou, öttou, Tr|Xou 
fein', auTou 'dort', iravtaxoG allenthalben'. Doch kommen 
Im'i Homer hier niemals Formen auf -oio vor, was zur 
Vorsicht mahnt. 



I 



^380.] l)i(^ Uildunp; der Adverbia. 455 

II. Bildung der Adverbia durch Suffixe. 

HHO. l. -be bezeichnet die Riclitung 'woliin'. Es 
tritt an die Akkupativform, KXicrfr|vbe 'nach der Hütte', 
öXa-öe 'nach dem j\leer\ ep. oiKov-öe, sonst oiKaöe (N. 
PI. Ntr.) 'nach Hause'. Im Akk. PI. wird er vor ö stimm- 
haft und V scliwindet nach § 244, 2 a, 'Adriva2^€ aus 
^'AOi'ivav^ 5e. Wahrscheinlicli liegt hier der Akk. der 
Richtung vor, an den eine bedeutungslose Partikel trat. 

Anm. 1. Bei den Pronomina und Adverbien tritt -ae an 
Stelle von -be, äWo-ae 'anderswohin', irö-ae 'wohin', auTÖ-öe 'dort- 
hin'. Nach Brugmann Grd. '^ 2, 2, 730 soll dieses -ae aus -t6 
entstanden sein, wie -ai aus -ti, vgl. § 205, 2 und die Endung 
dann dem got. -p in kap "^wohinV' entsprechen. Doch ist dieser 
Lautwandel sehr unsicher. Eine andere Erklärung fehlt. 

2. -O- erscheint in verschiedenen Elementen. 

a) -Ol bezeichnet den Ort 'wo' : h. oupavoO^i 'im 
Himmel', h. ttöOi 'wo?', ödi 'wo', Todi 'da', auToOi 'da- 
selbst', auOi 'daselbst'. Es ist wohl -hi in lat. nhi, ibi zu 
vergleichen. 

b) -Oev bezeichnet die Richtung 'woher'. Es tritt an 

den Stammauslaut: irodev 'woher', dWodev 'anders woher', 

oupavoOev 'vom Himmel her', KXicririOev 'von der Hütte 

her', aber auch Trarpödev 'vom Vater her', und ejuedev, 

<Te0^ev 'von mir, von dir', die sogar als Genitive verwendet 

wurden. Es ist vielleicht verwandt mit got. -tana, -daiia, 

aftana, hindana 'von hinten', ags. eastan 'von Osten her', 

gr. riiudev 'vom Morgen an'. 

Anm. 2. Hatzidakis Glotta 2, n3 ff. sucht nachzuweisen, 
daß -Oev ursprünglich keine bestimmte Bedeutung gehabt habe. 
Doch folgt dies aus den homerischen Beispielen, wo die Bedeutung 
lokativisch zu sein scheint, nicht mit Sicherheit. Hatzidakis' An- 
sicht ist nur möglich^ wenn die oben gegebene Vergleichung nicht 
richtig ist. 

c) -da und -de stehen in den Dialekten nebeneinan- 
der und hängen jedenfalls mit -dev zusammen. Die Be- 
deutung ist meist lokativisch, zuweilen auch ablativisch, 
doch dürfte letzteres auf sekundärer Entwicklung beruhen. 
Das Verhältnis, in dem -da, -de, -dev zueinander stehen, 



456 Formenlehre. [§380.381. 

ist unklar. Man vergleicht ai. -ha in ihd 'hier', kuha 
'wo', abp. küde vio . Att. ist tvda da', hom. auch 'wi)\ 
80 daß es aus "^jendha hergeleitet werden kann. 

3. -Ktt in auTiKtt 'sogleich', 7Tr|viKa 'wie an der Zeit?\ 
TJiviKa 'zu dieser Zeit' ist nicht sicher erklärt, vgl. Wacker- 
nagel KZ. 33, 17, Solmsen KZ. 35, 469ff., Bück Class. 
Phil. 2, 255. 

4. -Ktt^ in ^-Kctq, 6-Ka<; 'entfernt' (zu l 'sich, also 
'für sich ), dvöpa-Kuq 'Mann für Mann' verbindet man mit 
ai. sah in sarvamh all, ganz, tkasäh 'einer nach dem an- 
dern'. Eine unsichere Vermutung über die Herkunft bei 
Brugmann Grd.^ 2, 2, 75. 

5. -q erscheint vereinzelt in Adverbien, ay; 'weg, zu- 
rück, 1. ahn: diro; djuqpiq zu beiden Seiten', vgl. Brug- 
mann Grd. 2 2, 2, 737. 

G. -TE bezeichnet, an Pronomina angehängt, das zeil- 
liche 'wann': ttote 'wann?', öxe 'wann', töt6 'dann\ 
dXXoie 'ein andermal, sonst'. Da man dor. -xa in uÖKa 
'wann?', TOKa, ÖKa kaum von diesem -le wird trennen 
kcinnen, so dürfte für -le eine Grundform •■•'Ä"'c 'und' zu 
erschließen sein. 

7. -Toq in evTog innerhalb', €KTÖq außerhalb' ent- 
spricht lat. -tus in intus ^ coelitus 'vom Himmel her', ai. 
-tas, iätah 'von da'. Man kann -tos als einen Gen. Abi. 
auffassen, wodurch sich die ursprüngliche Bedeutung von 
her' erklärte. 



Zweiiinddreißiij^stes Kapitel. 
Die Komposition. 

3H1. Zu den aus der idu:. Ursprache ererbten Eigen- 
tümlichkeiten dor Wortbildung gehört die Komposition. 
Unter einem Kompositum verstehen wir mehrerlei. Es 
k(>nnen sich nämlicli einerseits zwei oder mehrere Worte 
zu einem vereinigen, weil sie regelmäßig in derselben 



I 



§381.] Die Komposition. 457 

Stellnn«:: aufriniiiuler fol^on, z. B. gr. biubeKa '12' aus biu- 
'zwei' und btKa zolin', wobei dann nicht selten lautliche 
VeriinderungcMi im Innern und akzentuelle Einheit ein- 
treten. P]benso 1. tredechn. Aber auch gr. TpeidKUiöeKa 
'13' ist eine Zusammensetzung. Anderseits ist ein noch 
wichtigerer Vorgang die Vereinigung zweier Worte unter 
Bildung eines neuen Begriffs. Gr. f] ved TToXiq 'die neue 
Stadt' ist kein Kompositum, wohl aber NedTToXiq 'Neapel', 
weil liier eben die Verbindung zur Bezeichnung eines be- 
sondern neuen Begriffes dient. Bedeutet Aiöc; Koöpoi be- 
liebige Söhne des Zeus, so sind es zwei Worte, bedeutet 
es bestimmte Söhne, die Dioskuren, so ist es ein Kom- 
positum. Ob wir es zusammenschreiben mit einem 
Akzent oder getrennt mit zwei Akzenten, ist dabei ganz 
gleich. 

Zur Bildung eines neuen Begriffs, w^as für die Kom- 
position die Hauptsache ist, ist es nicht einmal notwendig, 
daß die beiden Worte nebeneinander stehen. Gr. eKTrXriTTuu 
in der Bedeutung 'erschrecken', ist ein Kompositum, ob- 
gleich es bei Homer noch heißt ex be oi rivioxoq irXriT^ 
qppevac; 'der AVagenlenker wairde in seinem Sinne er- 
schreckt', vgl. d. das Heer setzte über. Man nennt diese 
Art jetzt Distanzkomposita gegenüber den Kontakt- 
komposita. Anderseits kann bei den letztern noch 
zweierlei eintreten; entweder ein bloßes Nebeneinander- 
treten ohne lautliche Veränderungen, z. T. sogar mit Bei- 
behaltung der Flexion des ersten Gliedes, z. B. d. Ge- 
heimer Rat, oder vollständiges Zusammenwachsen. Man 
unterscheidet das als Worteinung und Univerbier ung. 

Von den Worten, die ein festes, zusammengewachsenes 
Kompositum bilden, kann das eine oder das andre im 
Laufe der Zeit ganz aussterben. Tritt ein solches Wort 
in vielen Verbindungen auf, so kann es seinen bestimmten 
Sinn bewahren, und es wird sich das Gefühl der Zu- 
sammensetzung erhalten. Kommt es aber nur in dem 
einen oder andern Fall vor, so kann der Sinn ganz ver- 
loren gehen, und es kann auch das Bew^ußtsein vollständig 



458 Formenlehre. [§381.382. 

dafür Fchwindon, daß ein Kompositum vorliegt. Da das 
Idg. im Vokalismus wie auch im Konsonantismus ganz 
bedeutende Veränderungen erfahren hat, so kann man als 
sicher voraussetzen, daß schon in der Ursprache zahlreiche 
verdunkelte Komposita vorhanden waren, und diese haben 
sich im Laufe der Sprachgeschichte nur noch vermehrt. 
Diese Fälle sind namentlich für die etymologische For- 
schung beachtenswert. 

Umgekehrt ist auch der Fall möglich, daß gewisse 
Formationen nur in der Komposition auftreten, später 
aber wieder zu selbständigen Worten werden. Ein hoher, 
wie wir es in d. Machthaber finden, hat es nie gegeben. 
H(3chstwahrscheinlich steht es im Gr. so mit vielen 
Worten des Typus -qpopog. Zahlreiche Fälle dieser Art 
sind zunächst nur in der Komposition verw(*ndet worden, 
während sie später auch als Simplizia erscheinen. 

I. Verdunkelte Komposita. 

tlH*Z, Wir geben hier nur einige Beispiele, ohne 
das Material erschöpfen zu wollen. 

a) Komposita, deren erstes (ilied nicht mehr als selb- 
ständiges Glied in der Sprache vorkommt. 

Hierher gehören zunächst alle Komposita mit der 
Negativpartikel d-, dv-, lat. in-, d. u)i-, ai. a-. Dies ist 
die Schwundstufe zu idg. ■'■//e 'nicht'. Die Vollstufe ne 
liegt noch vor in vnXeiiq 'mitleidslos' : eXeoq 'Mitleid; 
vJiXem'iq 'schuldlos' : dXiieiv 'durch Frevel beleidigen'; 
vii)ae()Tn(; 'ohne Fehl' : d)aapTdvuj fehle'; vrive|ao<; 'wind- 
stiir : uveiLioq 'Wind': viiTTioq 'Kind, unmündig' : tiroq 
"Wort, vgl. 1. infans] vriYptioq 'nicht zu erwecken' : ^Y^ipiu 
'wecke'; vhcttk; 'nüchtern' : eöuu 'esse'. Durch falsche 
Trennung wurde dann eine Form vi]- abstrahiert, in viv 
Kcpöi'iq 'ohne (Jewinn' : Ktpb0(; 'Gewinn', vnTTevi>n(; ohne 
Leid' usw., Hirt Akzent 'M2, Hrugmann BSGW. 1901, Di). 

Viel undeutlicher sind im Gr. die Komposita mit 
einem andern d-. das eigentlich d- lautet. Es ist aus 5);/- 
entstanden uinl geht'irt zu djna 'zusammen'. Hierher 



^382.J l)it^ K()in[)OHition. 459 

gehören uttcxH eininiir; uttXoo^ 'cinfjuiir; (JtTrXriYi«; (*in- 
faclies (Jt'WjiiKr; (iKoiDiq '(«ntto\ ukoitk; Ciiitliir : koith 
^La«2:er^ dXoxoq '(lattiir : Xoxoq, cig. 'Lager'; dbeXcptoc; 
\leiTisolben Mutterleib entsprossen' : beX(pü(; 'MuttcTleib', 
vgl. glbd. ai. s(i(jarJ)hJa- 'coiiterinus' ; cxTcicTTUJp 'Blutsver- 
wandtor' : YacTinp 'Leib'; ÜKoXou^loq Begleiter' : KeXeuOoq 
'Weg '; d'HuXoq 'holzreich' : HuXov 'Holz' usw. Weitere 
Beispiele bei L. Meyer Gr. Etym. 1, 2. 

Ein ganz verdunkeltes Präfix litigt im Gr. in der 
Gestalt r)-, o-, tu vor, dessen Bedeutung nicht ganz klar 
ist. Vgl. hom. iVß<^io<S 'gering' neben att. ßaiöc;; iVp^M^i 
'ruhig' : got. rimis 'Ruhe'; ib-Keavoq, vielleicht anliegend': 
Keif-iai 'liege', ai. ä si; di-pDcjuai 'brülle' : ai. d ru- 'an- 
brüllen ; o-KeXXuu 'treibe heran' neben KeXcrai; o-TpDvuu 
'treibe an' : ai. tvar- 'eilen'; ö-ßpifacg 'gewaltig' : ßpf|ur| 
^Wucht, Grimm'. Vielleicht erscheint das Präfix auch in 
der Form e-, so in e-O-eXuu 'will' neben OeXuj. 

Sonstige Beispiele sind: öd-rrebov 'Fußboden'^ wo ha- 
aus dm wohl zu ö6|uo<; 'Haus' gehört'; öecr-iTOTri^ ^Herr' 
(öea- aus *be|aa : öö)aoq) ; xpd-Tre^a 'Tisch' (ipa : lexpa 'vier') ; 
dpicTiov 'Frühstück' : i^pi 'früh' (s. u.), 0-pTvaH 'Dreizack' : 
Tpi- 'drei', s. § 235, 3. 

b) Komposita, deren zweites Glied nicht mehr als 
selbständiges Wort in der Sprache vorkommt. 

Dahin gehören etwa: evbov 'drinnen', worin -bov aus 
-ÖOLi : ööjuog 'Haus' gehört. In veo-xiuoc; 'neu, unerwartet' 
stellt Wackernagel KZ. 33, 1 xf^o^S zu x^^"^ 'Erde', 
Xttjuai 'am Boden', -ßi") in 6KaT6|ußr| gehört zu ßoö^. Das 
in dXoxog (s. o.) vorliegende Xoxoc; 'Lager' ist in dieser 
Bedeutung nicht mehr vorhanden. Ebensowenig existiert 
das in dK6Xou9'0<; (s. o.) auftretende -^koXouO-o^ allein, aber 
man wird die Beziehung zu xeXeu&o^ 'Weg' noch gefühlt 
haben. 

c) Vollständig verdunkelte Komposita hat die etymo- 
logische Forschung in steigendem Maße aufgedeckt. So 
entspricht irepucri 'im vorigen Jahre' dem ai. parut. Darin 
hängt rrep- mit TTpo zusammen, während -um, aus -UTi, die 



460 Formenlehre. [§ 382. 383. 

Schwundstufe zu idg. '^'wet 'Jahr, gr. /eroq, 1. retus ist. 
In OecTTTiq V^'ttlich^ steckt ein de^-, das zu beoc; gehört, 
während -cttti^ mit dvi-CTTreiv, d. sagm verhunden werden 
kann. In üpicTTOV ist jedenfalls das Gefühl der Kom- 
position ganz verloren gegangen; man kann es zerlegen in 
*djepi Vm Morgen' und -cttov aus -ötov, dem Partizipium 
zu Ib^x) 'essen'. 

II. Die Form der Komposita. 

liH»^. Nach dem ohen Ausgeführten kann jede Art 
von Worten miteinander zu Kompositen vereinigt werden, 
also Adverhien mit Nomina und mit Verben, Substantiva 
mit Adjektiven und Substantiven und umgekehrt, Verlien 
mit Substantiven und Substantive mit Verl^en. Am 
häufigsten sind allerdings seit idg. Zeit unflektierbare 
Elemente oder Nomina n:iit Nomina und erstere mit Verben 
zusammengesetzt worden. 



't^' 



1. Nominalkomposita (Nomen + Nomen). 

Wir können beobachten, wie im Laufe der Geschichte 
syntaktische Verbindungen von Nomina, in denen das erste 
Glied einen bestimmten Kasus enthält, zu Komposita 
werden, z. B. TTeXorroq vnaoq zu TTe\oTrövvricro<;, Aiö(; 
Koupoi zu AiöcTKOUpoi, Ali qpiXog zu öu'qpiXo«; 'Gottlieb. 
Man nennt diese unechte Komposita. In den meisten 
idg. Komposita erscheint aber im ersten Glied nicht ein 
bestimmter Kasus, sondern die Stammform ohne jede 
Endung, was ich jetzt Casus indefmitus nenne. Wie 
schon Jacobi K(^mpositum und Nebensatz angenommen 
hat, handelt es sich bei dieser Art um Bildungen, deren 
Muster aus einer Zeit stammt, in der es noch keine aus- 
gel)ildete Flexion gab. 

Sprachgeschiehtlieh ist es von besonderer Wichtigkeit, 
ob die Komi)osita der Wirkung des Akzentes ausgesetzt 
gewesen sind oder nicht. ICrsteres können wir nur in 
wenigen Fällen feststellen. So erscheint die Negation '-'ne, 
vgl. vcque, d. ni- im Gr.. Lat., Germ, und Ind. Vorzugs- 



§ 383.J Die Komposition. 461 

weij^o in den ForiiuMi a-, av , 1. in-, <^ot. ?<w-, ai. a-, die 
oiiuMii id«;-. ;/, fU- ('ntsprech«n, das nur in unbetonter 
Stellung entötanden .sein kann. DasHelbe gilt von dem 
üben S. 458 erwähnten d-. 

Ferner finden wir die Zahlworte z. T. in Formen, die 
deutlich die Wirkung des Akzentes erkennen lassen, z. B. 
Tpi-TTOU(; 'Dreifuß', ai. fripdd, TeTpd-7T0U(;, l. (luadru-peda, 
ai. ('('ifus-päd 'viert'üßig'. 

Die Nomina erscheinen ursprünglich in der schwächsten 
Stammform, doch hat schon frühzeitig die Ausbreitung 
eines sog. Kompositionsvokals begonnen. 

a) Die konsonantischen Stämme haben die 
regelrechte schwache Stammform nur selten erhalten, so 
bei den neutralen ?«e?z-Stämmen, ovojud-KXuToq 'namen- 
berühmt', weil sie vokalisch ausgingen ; bei den -s- Stämmen 
in der Dichtersprache: e-rrea-ßoXoq 'Worte werfend', craKea- 
(popoq 'Schildträger'; bei xep-viij/ 'Handwasch wasser', ainoXoc, 
'Ziegenhirt' aus '^'ai'jTiöXoc; und sonst einigen Fällen. 
Häufiger steht die alte Form, wenn das zweite Glied 
vokalisch anlautete: kuv-ujttk; 'hundsäugig', TraTp-döeX(po<; 
'Oheim'. Gewöhnlich tritt der Kompositionsvokal ein -o; 
Kuv-o-Keqpa\o(; 'hundsköpfig', s. u. 

b) Ebenso findet sich bei den /-Stämmen nur noch 
selten die schwache Stammform, so in juavTi-TToXog 'mit 
Weissagen beschäftigt', rroXiapxo^ 'Stadtbeherrscher'. Meist 
ist auch hier der Kompositionsvokal (s. u.) eingedrungen. 
Dagegen hat sich bei den Adjektiven auf -u die regelrechte 
Form erhalten, so fiöu-rrvouq 'angenehm wehend' ; ßapu- 
Tovoc; 'baryton'; Taxu-Tpd90(; 'Geschwindschreiber'; ttoXu- 
TTOuq 'vielfüßig'. 

c) Die ä-Stämme hatten, wie wir § 307 gesehen 
haben, neben dem langen ä auch Stammformen auf -a, 
die in Bildungen wde 'AXKd-^oo(;, TruXa-uupö<^, dupa-ujpöq 
'Türhüter'^ 'Hpd-KXfi<; noch vorliegen könnten. Sonst tritt 
-ä, -r| auf, z. B. ßouXri-qpöpo<; 'ratgebend', neben das sich 
schon frühzeitig -o stellt, z. B. Ti,uoKpdTr|(; neben Tijuri- 
Kpdiriq. Es scheint, daß die Adjektiva seit idg. Zeit stets -o 



462 Formenlehre. [§ 383. 

und niclit ä hatten, auch wenn sie mit einem Fem. ver- 
bunden waren. Denn der Typus dKp6-7ToXi(^, veo-)ii-ivia 
Neumond' tritt auch in den verwandten Sprachen auf. 

d) Die o-Stiimn^e hatten -o, veo-TVoq neugeboren . 

In sehr vielen Sprachen zeigt sich die Neigung, ein 
in der Komposition auftretendes Element analogisch aus- 
zubreiten, um die Kompositionsfuge deutlich zu machen. 
So hat ))ei uns -s {Liebesdieusf) und -en {Frauenzimmer) 
gewuchert, wälirend im Lat. -/ zum Kompositionsvokal 
wurde. Im Griech. haben wir verschiedene derartige 
K o m p o s i t i o n s e 1 e m e n te . 

a) Schon im idg. wurden der Stammauslaut -o mit 
folgendem vokalischen Anlaut kontrahiert. So haben wir 
im Gr. OTpaT^^oq Feldherr' aus "••crTpaTO-aYÖg, diiaiiCTTiig 
'Rohes essend aus dj)uo-e(TTii(;, XeuKuuXevog wcißarmig' aus 
XeuKO- und '^ oXevo<; : 1. idua. Danach bildet sich im Griech. 
das Gefühl aus, daß ein vokalisch anlautendes zweites 
Glied eines Kompositums gedehnten Vokal haben müssen, 
daher TTOÖ-)ive)ao(g 'sturmfüßig; rrob-iiveKnc; 'bis auf die 
Füße reichend ; kuv lyfö^ Hunde führend. \^gl. Wacker- 
nagel Das Dehnungsgesetz der gr. Komposita. Von Ein- 
fluß bei der Ausbildung dieser Eigentümlichkeit ist jeden- 
falls gewesen, daß man die Aufeinanderfolge mehrerer 
Kürzen unangenehm empfand. 

ß) In ausgedehntem Maße ist im Griech. der Vokal 
-0 von den o-Stämmen auf die andern Stammklassen 
ül)ertragen worden, so daß wir in diesem Fall von einem 
Kompositionsvokal sprechen können. 

So finden wir h. aiTToXog, sonst ai"fÖKepujq 'Steinl)ock 
usw.; h. auqpopßoq 'Sauljirt\ sonst CTuo-Tpöqpog 'Schweine 
fütternd usw., neigen ixOu-ßoXoq 'Fische stechend' steht 
ix^uo-TTLuXriq 'Fischhändler' usw. Vgl. ferner qpuaio-Xö'fO«; 
'Naturphiloso])h', Trarpo -qpovoq 'V^atermörder' usw. 

Y) In nicht wenigen Fällen ist auch -ii, der Ausgang 
der äStämme, über sein (ieltungsbereieh hinausgegangen, 
z. B. ßaXav?i-qpöpo(; 'Datteln tragend' : ßdXavog; criecpav)]- 
q)öpO(; Kranz tragend' : aitcpavog Kranz'. Es handelt 



§383.] Dio Komposition. 463 

sich hier im wesentHchen um din Vermeidung vieler 
Kürzen. Vgl. Solmsen Unters. 22. 

2. Komposita mit verbalem ersten Glied. 

Tm Griech. <]:ibt es, zahlreicher als in den verwandten 
Spraclien, Komposita, deren erstes Glied verbal empfunden 
wurde. Es treten vor allem zwei Typen auf, der dpxe- 
KttKoq- und der ^XKeaiTreTrXog-Typus. 

a) In dem Typus dpxe-KaKO(; 'Unheil stiftend', eig. 

'fangt an das Übel' erscheint eine Form, die mit dem 

Imperativ identisch zu sein scheint, in Wirklichkeit aber 

dem bloßen Verbalstamra entspricht. Wir haben IF. 17, 

36 ausgeführt, daß der nominalen wie der verbalen 

Flexion eine reine Stammform zugrunde liegt, und daß 

zwischen Nomen und Verbum eigentlich kein Unterschied 

vorhanden war. Es liegt also nur in der Bedeutung, wie 

wir ein Wort aufzufassen haben. Jedenfalls herrschte aber 

schon im Idg. auch eine formelle Unterscheidung, indem 

bei unsern Komposita der Vokal -e vorlag. Weitere 

Beispiele sind: dpxt-Tuirog 'zuerst geprägt'; öaKe-^u)Li0(; 

'herzbeißend, kränkend'; qpepe-oiKoq 'das Haus mit sich 

tragend'; TaXa-irevOilt; 'Leiden duldend'. 

Anm. 1. Dieser Typus wird schon bei Homer dadurch um- 
gebildet, daß zunächst bei den Aoriststämmen o statt € eindringt, 
z. B. cpuYO-TTTÖXe.uog "^den Krieg scheuend', worauf dann eine Ver- 
mischung mit den Nominal komposita eintrat. 

b) In dem Typus eXKecriTreTrXoq 'Gewand nach- 
schleppend' liegt eine Form vor, in der man eine dritte 
Sg. wie TiO-r|ai 'er setzt' sehen darf, aber freilich auch 
den Kasus indefinitus eines /«-Abstraktums (Infinitivs). 
Im letzten Grunde sind die beiden Bildungen freilich 
wahrscheinlich identisch. Im Ind. liegen die gleichen 
Komposita vor, Hom. sind lepijJi-.ußpOToq 'Menschen er- 
freuend', dXeHi-KaKoq 'Unglück abwehrend', epuCTi-TrioXK; 
'Städteschirmerin', epucr-dp)uaTO(; 'wagenziehend', depcri-TTOuc; 
'die Füße hebend', deai-cppuuv 'unverständig', dX9e(ji-ßoioq, 
eig. 'rindererwerbend', evocJi-x^iJuv, evvoai-YC'io<5 'Erder- 



464 Formenlehre. [§ 383. 384. 

schütterer, tiXtiE itttto^ 'Rosse stachelnd', qpucTi-^oo^ 'Leben 
erzeugend' ii. a. 

Anm. 2. Wackernagel Verra. Reitr. 811. hat bemerkt, 
daß statt der Adjektiva auf -ro in der Komposition ein »'-Stamm 
verwendet wird. So heißt es Kubi-dv€ipa 'den Mann verherrlichend' 
neben dem Adj. Kubpöq 'ruhmvoll', XaOi-Kribr'ig 'Sorgen vergessen 
machend" neben Xdöpr] 'heimlich', xöXi-qppuuv 'leichtsinnig' neben 
XaXapöc; 'schlatt'. — dpYi K^pauvoi; 'mit helleuchtendem Blitz" ent- 
spricht ai. rji-svan Nom. pr. ; das zu dpYi- gehörige Adjektivum 
dpYÖq 'hellschimmernd' ist erst aus *dpYpö(; entstanden, da es ai. 
rjn'fh 'glänzendfarbig, rötlich" entspricht. Diese Regel kann nur 
so verstanden werden, daß in den «-Formen eine andere Bildunge- 
weise zutage tritt. Wir haben es auch hier mit einer Art Ver- 
balnomen zu tun, und man muß dann annehmen, daß auch -fo 
Ableitungen von Verbalstäramen bildet, also zunächst primär ist 
(8. § 321). 

Verbale Komposita. 

384. Das Verbiim wurde seit idg. Zeit hauptsiich- 
licli mit Adverbien zusammengesetzt, an die sich das 
Verbum meist enklitisch anlehnte. Wenn auch diese 
Komposita noch nicht immer zu untrennl)aren Verbin- 
duHL^en verschmolzen waren, so gibt es doch eine ganze 
Anzahl von Präverbien, die in mehreren Sprachen gleich- 
mäßig auftreten, und die daher aus der idg. Ursprache 
stammen. Griechisch und Lateinisch stimmen in diesem 
Punkt oft auffallend überein. 

Als Präverbien erscheinen im allgemeinen die Ele- 
mente, die wir als Präpositionen (S. 31411.) kennen gelernt 
liaben. 

djaqpi 'herum ., 1. nnih-, ahd. umbi. 

d|nq){aTa|iai, ahd. umbi-stän 'umstehen'; — d|iqpißa{vuj 'um- 
Hchreite" (lat. (itubire), ahd. iitnhitjutvinn; — d)iq)eOuj 'versenge 
rings, 1. aniburo; — d!iiq)iTTX^Kuu 'umsciilinge rings", 1. ampledor. 

dvd ^luf, in die Höhe', 1. an-, ahd. nna. 
dvaßa(vui 'gehe hinauf", got. auaqiman ; — dvairv^ui 'atme 
auf, iat. anhehy. 

diTO ^veg', lat. ab, got. af, ai. npa. 

dcplaxauai 'stelle micli ab.seits'. 1. ahsisto. ai. iij)a-sthä- 'sich 
fernhalten'; — dTT-dYtu 'treibe weg", 1. ahii/o; — äTTtijii 'gehe weg', 



I 



§884.] Die KoinpoBition. 465 

]. (thiv; — Äireiiiu 'l>iii cnlftTut', 1. (thsuni; — dTToXuu» 'löse loß', 
J. ahsolvo; — dq)lniLU 'werfe weg\ 1. dbirio', — ätpapitdlu) 'reiße 
henib", 1. ahripio; — dnoTiOnm 'le^e al)\ 1. ahdo-, — drroXouuj 
"waeche ab', 1. ahlno; — ä-aocxit^xi 'is])ftltü ab', 1. abscindo, got. 
ofsK-aiilan. 

bid 'entzwei', 1. dis-, got. twis-, d. zer. 

hiiarauai 'trenne niielf, I. (h'sfo, got. tirissfnudan: — biaqp^peiv 
'/.ertragen', 1. diff'crjy; — biaaxico» 'zernpalte', 1. discindo; — bia- 
xiöriiLii 'stelle auseinander', 1. dido\ — biaKpivu» 'unterscheide', 1. 
discenio; — biax^uj 'gieße aus', 1. diffimdo; — biaX^Y'JU 'lese aus', 
1. dlligo 'liebe'; — biaXuuu 'löse auf, 1. diluo; — biapTidZ^uj 'zer- 
reiße', 1. dlripio; — biaZieÜYVuiui 'trenne', 1. disjungo; — biaireTciv- 
vu|ui 'breite auseinander', 1. dispando ; — biareiviu 'spanne aus"", 
I. d ist endo. 

iv 'in, hinein, 1. in, got. in. 

?v-ei|Lii 'bin darin', 1. insuni; — ^vTidriim 'lege hinein', 1. indo 
— ^lußaivuu 'schreite hinein', \.invenio\ — ^vbibujiui 'händige ein', 
1. indo; — ^iLnriirXriiui 'fülle an', 1. impleo; — ^veZiofiai 'sitze darin', 
1. insideo: — ^viaxriiui 'stelle hinein', 1. fnsisto; — ^veipuu 'knüpfe 
an', 1. insero; — ^vt€ivuu 'spanne ein', 1. intendo; — ^vir|,ui 'werfe 
hinein', 1. Inicio; — ^TX^^JU 'gieße hinein', I. infutido; — eiaqpdpa» 
'trage hinein', 1. infero; — eiaeijui 'gehe hinein', 1. ineo; — ^vveire 
'sage an', 1. inseque. 

eH 'aus', L ex. 

eSeijLU 'gehe heraus', 1. exeo\ — ^EapKdiu 'reiche aus', 1. exer- 
■ceo\ — ^Kßaivuj 'schreite heraus', 1. evenio', — eEdXXojuai 'springe 
heraus', 1. exilio: — • dKqpeÜY'JLi 'entfliehe', 1. effugio; — ^^(VfVJ 'führe 
heraus', 1. exigo; — ^Kbibuj)ai 'gebe heraus', 1. edo; — ^kx€uü 'gieße 
aus', 1. efftindo; — ^KTeivoi 'strecke aus', 1. extendo; — ^KTri|LnrXr||ui 
'fülle aus', 1. expleo; — ^Kireipduj 'versuche', 1. expet-io?-; — eKqpe- 
puj 'trage heraus', 1. effero. 

ini 'darauf, hinzu', 1. oh, ai. dpi. 

^iraKOuuj 'gehorche', 1. oboedio; — ^TTiTidruai 'lege darauf, 1. 
obdo; — ^TTiqpepuj 'bringe herzu', 1. offefo; — ^(pir||Lii 'schleudere 
gegen', I. obicio; — ^TTixeivuj 'spanne darüber', 1. obtendo; — eireiiui 
'gehe darauf zu', 1. obeo; — lireiiui 'bin darauf, 1. obsum; — ^qp- 
€Tro|Liai 'verfolge', 1. obseqiwr ; — ecpiarriiui 'stelle darauf, 1. obsisto. 

Tiepi 'hindurch und über etwas hinaus, herum', 
dann auch 'vollständig', ai. pari, 1. per, got. fair. Die Be- 
deutungsentv^icklung verläuft in den einzelnen Sprachen 
verschieden. 

Trepidxuu 'führe herum', 1. perago ; — irepiaK^TTTOiuai 'sich be- 
Hirt Griech. Laut- u. Formenlehre. 2. Aufl. 30 



466 Formenlehre. (§384.385. 

denkeir, 1. perspicio; — uepix^uj 'darüber gießen', 1. perfundo; — 
^T€piol^a 'verstehe mich gründlich auf etwas', 1. pen^dlre. In an- 
dern Fällen liegt zwar die gleiche Bildung vor, doch weichen die 
Bedeutungen zu sehr ab. 

Tipö 'vorwärts', 1. pro, ai. prä, got. fra. 

TTpoßaivuj 'schreite vor', 1. provenio, got. fraqiman; — Tipo- 
cp^puj 'lühre fort', profero; — irpoiriiii 'werfe vorwUrts', 1. projicio; 
— irpobihujui 'verrate', 1. prodo; — irpoxeuj 'ergieße'. 1. profiindo. 

uTiep 'über — hin, über — hinaus', 1. super, got. ufar, 
d. über. 

ÜTTepßaCvuj 'übersteige', 1. supervenw\ — üirepdXXoiaai 'über- 
Hpringe\ 1. snpersHio\ — uuepx^uj 'übergieße', 1. superfundo. 

U7TÖ 'unter', 1. suh, got. uf. 

üneiiai 'gehe unter etwas', 1. suheo\ — utpiaxaiaai 'stelle mich 
unter", 1. snbsisto; — ÜTXOTiörmi 'lege unter, 1. siibdo; — OiroaTÖp- 
vu|ii 'lege unter', 1. suhsfa-no; — üiieiui 'bin unter etwas', \. sid*- 
snm\ — ÜTTOx^uu 'gieße darunter', 1. sufjundo. 

Anm. Es ist natürlich nicht gesagt, daß jedes dieser Kom- 
posita aus der Ursprache stammt. 

III. Die Bedeutung der Komposita. 

5iH5. Jn der Komposition treten Worte zusammen, 
ohne (laß Mittel angewendet werden, das psychologische 
Verhältnis zu bestimmen, in dem die Worte zueinander 
stehen. Wir können daher in einem Kompositum alle 
möglichen Bedeutungen finden. Das einzige Mittel des 
Idg., eine gewisse Bedeutungsnuance anzudeuten, war der 
Akzent, der dann auch dazu dient, \Yiclitige Bedeutunga- 
verschiedenheiten zu bezeichnen. — Die indischen Gram- 
matiker haben die verschiedenen Bedeutungskategorien der 
Komposita sehr genau untersucht, und eine Reihe der bei 
ihnen üblichen Kunstausdrücke war früher in der ver- 
gleichendi'n Grammatik sehr üblich, während siejetzt weniger 
verwendet werden. Man kann sie recht wohl entbehren, 
einige mögen aber hier wenigstens genannt werden. 

Man kann bei den Komposita folgende Arten unter- 
scheiden : 

1. Die beich'U Begriffe stehen nei)eneinander, ohne 
daß ein Wert vom andern abhängig wäre. Man nennt 



§385.] Die KompoHition. 407 

ttio HciürdiuMido oder Kopula! ivk()m])0.sila (aiiid. 
I) V a n d V a). 

Hierher gehören Fälle wie: ödubcKa zwölf, 1. dnodeciniy 
eig. 'zwei und zehn'. vuxv>i'l|Li€pov 'Nacht und Tag', yXuku- 
TTiKpoq 'hittersiUr. (Jewöhidich werden aber im Gr. der- 
artige Wörter dureh eine I*artikel verbunden: Tpei(T-Kai-öeKa 
'dreizehn, KaXog KütYa^oq schön und gut', 'anstiindig'. 

2. Von den beiden Begriffen ergänzt der eine den 
andern, oder der eine ist von dem andern abhängig. Man 
kann sie Unterordnende Komposita nennen. In diesem 
Fall kommt alles vor, was an syntaktischen Verbindungen 
erscheint, also Substantiv -j- Substantiv, iaipoinavTig 'ein 
Wahrsager, der ein Arzt ist', Adjektivum und Substan- 
tivum, dKpÖTToXi^ 'die obere Stadt', Adverbium und Sub- 
stantiv usw., öucTjueviiq 'übel gesinnt', "A-ipoq nicht Iros', 
Substantiv und Verb, loj^pi[jj 'nehme lebendig gefangen' 
aus Ivjöv otYpeuj, Verb und Substantiv, eXKexiTuuv, eXKecri- 
TTETiXo«;, vgl. oben S. 463. 

Eine besonders bemerkenswerte Kategorie ist die, 
in denen im Schlußglied eine Art Verbalnomen steht, 
d. h. Adjektiva auf -oq usw., z. B. dTpo-v6)LiO(S 'das Land 
bewohnend', iLjuiiairic; 'Rohes essend', 1. agricola, carnivorus. 
Diese Kategorie war ursprünglich auf dem zweiten Glied 
und meist sogar auf der letzten Silbe betont, w^as im 
Griech. z. T. durch das Wheelersche Gesetz (s. § 271) 
verwdscht ist. 

Neben diesen steht eine andere Kategorie mit Betonung 
des ersten Gliedes. Während 'n:aTpo-KTÖvo<; 'den Vater tötend' 
heißt, w^ürde rraTpö-KTOVOc; bedeuten 'vom Vater getötet'. 
Im Aind. finden wir röyrt-/>«/mÄ 'Königssohn', aherräja-putrah 
'einen König zum Sohn habend', eig. 'der Sohn-König'. Aus 
dem Griech. kann man anführen XidoßöXog 'Steine werfend' 
gegenüber Xi^oßoXoq 'mit Steinen geworfen', TrriXoööjno^ 
'aus Lehm bauend' und TrriXöbo)Lioq 'aus Lehm gebaut' 
u. a. Da in dem letzten Fall das Wort noch ein Subjekt 
verlangt, so nennt Brugmann diese Komposita exozen- 
trisch, während die andern esozentrisch heißen. Diese 

30* 



468 Formenlehre. [§ 385—387. 

Bezeichnung bietet eine gute äußt'rliclie Orientierung. 
Wir sind nur in seltenen Fällen imstande, derartige 
exozentrische Komposita adä(iuat zu übersetzen, wir müssen 
sie vielmelir adjektivisch auffassen, z. B. gr. poöo-bdKTuXoq 
'rosenfintjjrig', Beiwort der Eos, eig. 'Eos Rdsenfin^er , 
wie Richard Löirenherz^ und man nennt sie daher auch 
Mutata oder mit indischem Ausdruck Bahuvrlhi 'viel Reis 
(habend)'. 



Zweiter Abschnitt: A^erbuiii. 

Dreiunddreißigstes Kapitel. 
Vorbemerkungen. 



380. Das griechische Verbum mit seinem mannig- 
fach gegliederten Bau setzt in der Hauptsache idg. Ver- 
hältnisse fort. Aber während die Flexion des Nomens 
starke Einbuße erlitten hat, sind die verbalen Bildungen 
durch Neuschöpfungen und Umwandlungen so vermehrt 
worden, daß keine andere Sprache dem Griechischen im 
Verball)au gleichkommt. 

Wir haben drei Numeri, drei Genera \'erbi (Aktivum, 

Medium, Paseivum), ein Präsens, Imperfektum, Aorist, 

Futurum, Futurum Aoristi Passivi und Perfekti, Perfektum 

und Plusquamperfektum, einen Indikativ, Konjunktiv, 

Optativ und Imperativ, Partizipium und Infinitiv. Dazu 

kommt, daß die Bildungen der einzelnen Formen z. T. 

sehr verschieden sind. 

Anm. Kh sei hier ^'leich darauf hingewiesen, dali diese 
Fülle von Forujen nicht von jedem Verbalstanim vorkommt. 

I. Die Numeri. 

.'iH7. Die drei Numeri: Singular, Dual und Plural 
sind ererbt. Der Dual liegt auch im iVriechen, Got. und 



§387.388.] Vorbeim'rlvunKen. 469 

Litu Slawischen vor, während ihn dir ii])rigen »Spraclien 

frühzeitig jxnl'jj;e}j;('ben liaben. Auch im (Jriech. ist der 

Dual mit der Zeit ausgt'storben, er hielt sich aber gerade 

im att. Dialekt verhilltnismäßig lange. Aber seit dem 

Anfang des 4. Jahrhunderts v. C'hr. (3G0 v. Chr.) ist der 

Dual im lebendigen (lebrauch auch hier erloschen, er wird 

aber später künstlich wiederbelebt. 

Anm. Über den Gebrauch des Duals beim Verbum gilt 
Ahnliches wie beim Nomen. Es braucht schon von den ältesten 
Zeiten an nicht notwendig zu stehen. Bereits bei Homer finden 
wir nicht selten bei einem Subjekt im Dual das Verbum im Plural, 
z. B. A 200, E 275, M 277, TT 218, H 837. Dies nimmt später 
zu und führt dahin, daß der Dual beim Verbum früher erlischt, 
als beim Nomen. 

II. Die Genera Verbi. 

388. Von den drei Genera Verbi sind Aktivum 
und Medium in den verwandten Sprachen in gleicher 
Weise ausgebildet. Ein besonderes Passivum gab es 
nicht, doch werden im Ind., Germ., Lat. wie im Griech. 
Medialformen passivisch verwendet, so daß die Anfänge 
dieser Verwendungsweise bis in die Urzeit hinaufreichen. 
Aber nur im Griech. und Lat. werden diese Anfänge 
weiter dahin ausgebildet, daß das Medium auch die passive 
Bedeutung übernimmt. 

Aktivum und Medium waren in der Ursprache in den 
drei Pers. des Sing, und der 3. Plur. nur durch den 
Akzent und die durch ihn bedingten Veränderungen im 
Vokalismus unterschieden, und demgemäß wird auch die 
Bedeutung nicht allzustark abgewichen sein. 

In der Hauptsache bezeichnet dabei das Medium, 
daß das Subjekt an dem Vorgang, der durch das Verbum 
ausgedrückt ward, stärker beteiligt ist: Xououai 'ich wasche 
mich', vgl. Delbrück Grd. 4, 416 ff. 

Eine Anzahl von Verben hat in der Urzeit nur ein 
Genus gehabt. 

Das Griechische stimmt in einer Reihe von Fällen 
im Gebrauch der Media tantum mit den verwandten 



470 Formenlehre. [§ 388. 389. 

Sprachen üborein : ficriai, ai. dste 'er sitzt', dagegen ist 
idg. *S€d- ursprünglich wohl nur aktivisch; — Keitai.. ai. 
scfe er liegt'; — 7Ttpbo)aai 'farze\ ai. pnrdate\ — veojuai 
'komme, kelire heim, ai. näsnte liebevoll herangehen, 
sich gesellen zu'; — eTT0)uai 'folge', ai. säcate, 1. scqtwr-, 
|aaivo)aai rase, wüte, ai. mänjatc denkt', air. ■■m6'nhir\ 

— )LiiiTio)aai erdenke, ersinne', 1. metior; — aeuoiiiai jage', 
ai. cjäcate] — Yi^voiiAai werde', 1. nascor. Auch bei Ver))en, 
die nur in der Bedeutung, nicht im Stamm überein- 
stimmen, zeigt sich ein merkwürdiges Zusammentreffen: 
dKeofaai heile , 1. mcdcri; — aiötojiai scheue', 1. vereor; 

— XP^o^oii gebrauche', 1. utor. Besonders gern sind 

medial die Verba, die Vorgänge im Gemüt ausdrücken, 

XUJO)nai zürne', aZiofiai habe Ehrfurcht', creßo)Liai 'scheue 

mich , d'xvuinai trauere', eXöo|Liai wünsche', epafaai liebe' usw. 

Anm 1. Eine Reihe von Verben kommt bei Homer nur 
medial vor, während sie später auch iiktivisch erscheinen, so 
dYoi^^oiLiai 'brüste mich' ; dXeuonai 'vermeide' ; ^puOaivo|aai 'röte 
mich': O^pouai 'werde warm'; Kibvauai 'breite mich aus"; Xidloiaai 
'weiche aus'; paivo|Liai 'rase'; |Liapaivo|.iai 'verlösche': voöqpiLOiuai 
4ialte midi fern"; öpiadoiaai 'eile'; öpx^o.uai "^tanze' ; iriXvauai 'nähere 
mich'; TrXavdouai 'schweife umlier'; uXiiKTicouai 'fechte, ntreite'; 
ariTtopai 'faule'; öKt'iTTTO,uai 'stütze mich'; öjiiüxouai 'verbrenne, 
verschwele'; vjieubouai 'lüge'. 

3H1K Sehr gewöhnlich sind Medialformen mit aktiver 
Bedeutung beim .s-Futurum. Sie werden mit N'orliebe 
ge])ildet, wenn der Aoristus secundus oder der sogenannte 
starke Aorist daneben im (robrauch ist: qpeuiO)aai : tqpUYOV; 

— KaiaoOjLiai : eKu^iov; — djuapTncrojaai : ijiiapTOV. Die Er- 
klärung dieser Eigentümlichkeit, die aus der Ursprache 
stanmit, siehe beim Futurum s^ }()!. 

Anm. 1. In eini^'en Fallen wird das Fut. Medii auch j)as- 
Hivisch